XVII

 
Breaca erhob sich von ihrem Platz, doch sogleich schlangen Cygfas kühle Finger sich um ihr Handgelenk und hielten sie zurück. Hinter ihr ertönte Corvus’ leise, eindringliche Stimme und ermahnte sie auf Eceni: »Nein. Denk nach. Es gibt nichts, was du jetzt noch tun könntest.« Sogar der Gouverneur, der rechts von Breaca saß, wandte sich zu ihr um und fragte: »Kennt Ihr ihn?«
»Euer Ehren, das ist Eneit nic Lanis. Er ist ein Eceni, der Sohn einer Freundin.«
Zwischen dem Gouverneur und Breaca waren die ersten Anfänge einer Freundschaft aufgekeimt, das hatte sie gespürt. Und der Ausdruck, der nun in seinen Augen lag, bestätigte dies noch einmal. Es folgte ein Moment der Unschlüssigkeit, dann erwiderte er: »Das tut mir Leid. Doch der Gerechtigkeit sind die Bande der Freundschaft unbekannt. Auch Marcellus hatte Menschen, die ihn liebten. Der Junge muss sterben, das steht außer Frage.«
Ursprünglich war der Gouverneur Diplomat gewesen, erst danach General. Und in diesem letzten Satz verbarg sich immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn er hatte nicht gesagt: »Und er muss gekreuzigt werden«, obwohl dies doch eindeutig so geplant gewesen war.
Unterdessen erklärte Graine, die auf Cunomars Schoß saß, in der Sprache Monas: »Das ist mein Traum. Aus seinem Tod kann ebenso auch der deine oder der ihre erwachsen. Die Entscheidung liegt bei dir.« Sie sagte dies nur ganz leichthin und in genau dem gleichen Tonfall, in dem sie ihrem Bruder zuvor noch von ihrem Pferd berichtet hatte, das sie einem netten Mann zum Geschenk gemacht habe. Die zarten Andeutungen eines Träumers darüber, was kommen könnte, teilten sich Cunomar somit auf einem ganz anderen Weg mit, lagen hinter den Worten.
Links von Breaca ertönte Cygfas Stimme: »Der Gouverneur hat doch gerade so getan, als respektiere er unsere Gesetze. Biete ihm die Speerprüfung der Bärinnenkrieger an. Die Speere liegen doch schon dazu bereit und warten nur darauf. Die Großmutter hat dich doch nicht ohne guten Grund gebeten, sie anzufertigen. Genau das hier könnte jetzt jener Grund sein.«
Vertrauen, hatte Airmid erwidert, als Breaca ihr von den Anweisungen der älteren Großmutter berichtet hatte, vertrau den Göttern und dir selbst. Du wirst wissen, was das Richtige ist, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Mehr kann ich dir im Augenblick auch nicht sagen.
Ein kalter Schauder überlief Breaca, und der Atem der Götter verlieh ihren Sinnen eine zusätzliche Dimension. Aus der längst vergessenen, weit zurückliegenden Vergangenheit ihrer gemeinsamen Jugend klang wie ein Echo Airmids Stimme herauf: Wir träumten von ihrem Sohn. Er wurde getötet von einem Mitglied der Stämme und einem Mitglied der Legionen, und die, die es hätten verhindern können, schauten einfach nur zu und taten nichts. Breaca erhob sich und trat hinaus auf die freie Fläche zwischen den Sitzreihen und der Bühne.
Tagos war nie auf Mona gewesen und besaß von den dort gesprochenen Dialekten lediglich ein sehr rudimentäres Verständnis, und als der Gouverneur sich zu ihm hinüberbeugte und ihm eine Frage stellte, konnte er diese nicht beantworten. Inmitten des glatt geharkten Sandes vor den Sitzreihen und im Blickfeld des gesamten im Theater versammelten Publikums erhob an seiner statt nun Breaca die Stimme.
»Meine Töchter haben mir gerade etwas vorgeschlagen. Da wir heute Zeugen des gerechten Richterspruchs Roms werden durften, sollte, um das Gleichgewicht herzustellen, dieser junge Mann sich dem gleichsam gerechten Richterspruch der Stämme beugen müssen. Denn unsere Gesetze ähneln denen Roms, wenngleich ihre Verbindung mit dem römischen Recht sicherlich beispiellos ist. Die alte Speerprüfung der Bärinnenkrieger entspricht der Prüfung, welcher sich unsere Jugendlichen unterziehen müssen, wenn sie zum Krieger reifen möchten, obwohl zwischen den beiden Arten von Prüfungen natürlich einige wichtige Unterschiede bestehen. In der Kriegerprüfung muss der Jugendliche ein Ziel aus Stroh treffen. In der Prüfung der Bärinnenkrieger hingegen ist das Ziel ein lebender Krieger. Es ist also eine Mutprobe sowohl für jene, die den Speer werfen, als auch für den, der ausgewählt wurde, um zu sterben. Ich denke, eine solche Prüfung wäre hier das Mittel der Wahl.«
Ebenso wie der Gouverneur war auch Breaca es gewohnt, zu tausenden von Zuhörern und unter weitaus weniger gnädigen Umständen zu sprechen. Und ebenso wie zuvor die Stimme des Gouverneurs drangen auch ihre Worte bis zu den obersten Sitzreihen hinauf, allein dass diesmal der Eindruck entstand, dass Breaca allein zum Gouverneur spräche. Alle anderen schienen diese private Unterhaltung lediglich zu belauschen. Im gesamten Theater begannen die Erwachsenen, mit den Füßen zu scharren und zu hüsteln. Und laut erklang ein Raunen, als die jüngeren Kinder ihren Eltern stets die gleiche Frage zuflüsterten.
Nach einem Augenblick des Schweigens, in dem der Gouverneur eine ganze Reihe von Möglichkeiten erwog und gleich darauf wieder verwarf, stellte schließlich auch er diese Frage: »Erklärt Ihr mir, wie eine solche Speerprüfung aussieht?«
»Die Speerprüfung ist eine Mutprobe, die für gewöhnlich am Vorabend einer Schlacht stattfindet. Zunächst werden der Göttin Briga, die über den Ausgang des Krieges entscheidet, drei Speere geweiht. Je ein Krieger der beiden miteinander im Konflikt liegenden Seiten wirft einen Speer. Derjenige, dessen Speer dichter am Herzen des zum Sterben Bestimmten eindringt, gilt als der, der ihn getötet hat, und folglich darf er auch den letzten Speer werfen.«
Fast unmerklich hob sich eine ergraute Augenbraue. »Auf einen toten Krieger? Ich hätte nicht gedacht, dass die Stämme sich leeren Symbolen hingeben, wenn euer aller Leben ansonsten doch allein nach Sinn und Zweck ausgerichtet ist.«
»Natürlich nicht. Nach der ursprünglichen Tradition dieser Prüfung wird der dritte Speer gegen jenen Krieger gerichtet, dessen Wurf der schlechtere von beiden war und der somit nicht den Sieg errungen hat. Die Krieger wissen von Anfang an, dass ihrer beider Leben auf dem Spiel stehen, dass sie so gut werfen müssen, wie sie nur können, denn die Zielsicherheit des jeweils anderen ist ihnen nicht bekannt. Und allein in den Händen der Götter liegt es, die Flugbahn eines Speeres zu beeinflussen oder den bereits verurteilten Krieger stolpern oder fallen zu lassen, so dass letztlich selbst ein hervorragend geschleuderter Speer noch das Ziel verfehlen kann.«
»Ist der Verurteilte denn nicht gefesselt?«
»Nein. Er, oder sie, muss den Speeren in aufrechter Haltung entgegenschreiten. Damit wird zum einen der Mut eines Kriegers erprobt; zum anderen bekommt er dadurch die Möglichkeit, den Göttern Ehre zu erweisen.«
Der Gouverneur starrte sie so aufmerksam an, wie er sich an diesem Tage noch keiner anderen Sache gewidmet hatte. Breaca fuhr fort: »Das ist ein Weg, um unter der Aufopferung eines Minimums an Menschenleben den Ausgang einer Schlacht zu bestimmen. Der Stamm des Kriegers, der noch lebt, wird dann als der Stamm betrachtet, der die ganze Schlacht gewonnen hat.«
Mit weicher Stimme widersprach der Gouverneur: »Meine Verehrteste, Euer Volk und das meine führen keinen Krieg mehr miteinander.«
»Das tun wir in der Tat nicht. Die Schlachten wurden schon vor langer Zeit geschlagen, und ihr Ausgang steht außer Frage. Und wie gesagt, nach unseren Riten findet eine solche Speerprüfung nur im Vorfeld eines Krieges statt. Darum denke ich, in diesem besonderen Fall könnten wir um die Ehre streiten und um unsere Götter zu feiern - sowohl die Euren als auch die meinen. Der dritte Speer könnte dann, wie Ihr eben bereits vorgeschlagen habt, symbolisch ebenfalls in den Körper des Gefangenen versenkt werden. Auf irgendeine Art muss nämlich auch dieser Speer an der Tötung teilhaben, ansonsten wird Briga entehrt.«
»Ich verstehe. Und eine solch erhabene Göttin sollten wir zweifellos nicht entehren.« Er nickte, sein Blick allein auf Breaca gerichtet. »Dann darf man es wohl einen glücklichen Zufall nennen, dass wir gerade drei Speere zur Hand haben. Würden diese Speere denn denen ähneln, die bei dieser Art von Speerprüfung üblicherweise verwendet werden?«
»Sie wären mit ihnen identisch. Denn dies ist die zweite Verwendungsmöglichkeit für die Reiherspeere der Kaledonier.«
»Und ist das alles lediglich Zufall?«
Sie führten ihre Unterhaltung nicht mehr länger für die Menge. »Euer Gnaden«, erwiderte Breaca, »unter den Augen der Götter gibt es keine Zufälle, aber ich schwöre im Namen von allem, das uns beiden heilig ist, dass ich keine Ahnung hatte, dass diese Speere, die ich als Geschenk für Euch geschmiedet hatte, heute gegen ein Mitglied meines eigenen Stammes verwendet würden. Hätte meine Tochter es nicht soeben erwähnt, hätte ich mich ohnehin nicht mehr daran erinnert, dass diese Speerprüfung einst existierte. Das ist eine Sache, von der wir zwar in unseren Sagen berichten, die wir jedoch nicht mehr praktizieren. Die Speerprüfung fand nur noch in den Zeiten unserer Ahnen statt, und auch dann nur selten; von den jetzt noch Lebenden, und auch den vorausgegangenen drei Generationen, hat sich niemand mehr dieser Prüfung unterzogen, zumindest meines Wissens nach. Wenn der Gouverneur uns also die Ehre erweisen würde, die Speerprüfung heute stattfinden zu lassen, würde er damit eine unserer ältesten Zeremonien wieder zum Leben erwecken.«
Sie hob ihre Stimme während dieses letzten Satzes zwar nur ein wenig an, doch der Effekt war enorm. Breacas Worte schallten nach hinten bis zu den rückwärtigen Wänden des Theaters und wogten von dort durch das gesamte Halbrund der Sitzreihen. Schemenhaft stiegen in den Erinnerungen jener Männer und Frauen der Stämme, die noch in Freiheit geboren worden waren, wieder die Sagen ihrer Großmütter auf. Nur wenige, wenn überhaupt, wussten von den genaueren Vorgaben dieser Zeremonie, die einst von einem der im weit entfernten Norden lebenden Stämme praktiziert worden war; obgleich die etwas Scharfsinnigeren, die zudem mit dem Kodex der Bärinnenkrieger vertraut waren, sich dies durchaus denken konnten.
Der Gouverneur von Britannien jedenfalls war einer der scharfsinnigsten Männer seiner gesamten Generation und fragte folglich: »Aber haben denn tatsächlich jemals die Zeremonienrichter selbst an der Prüfung teilgenommen? Oder übernahmen diese Aufgabe nicht vielmehr die von ihnen zuvor erwählten Stammesbesten?«
»Beides ist möglich. Die Entscheidung darüber fällten die Träumer und die Götter. Und alle drei Teilnehmer wurden durch das Los bestimmt.«
»Also war derjenige, der zum Sterben bestimmt wurde, nicht zwangsläufig ein Gefangener oder ein Gesetzesbrecher?«
»Nicht immer. Denn sowohl dem zum Tode Verurteilten als auch den beiden Speerwerfern wurde mit ihrer Aufgabe große Ehre zuteil. Derjenige, der zuerst starb, trug bei seinem Tode die Botschaften beider Stämme mit zu den Göttern hinauf. Und die Art und Weise, wie er seinem eigenen Tod entgegenschritt, bildete das Maß, anhand dessen auch die Würde der beiden anderen Teilnehmer bestimmt wurde.«
Breaca sprach wie automatisch, dachte über ihre Worte schon gar nicht mehr nach. Ihre Aufmerksamkeit war fast ausschließlich auf Cunomar gerichtet, der seinen Kampf gegen Graine mittlerweile aufgegeben hatte und nun kerzengerade auf seinem Platz saß. In den nachmittäglichen Schatten schien seine ohnehin schon helle Haut geradezu kalkweiß, und seine Augen wirkten riesengroß und schwarz.
Mit einer verkrampften, gepresst klingenden Stimme, die Breaca noch niemals zuvor von ihrem Sohn gehört hatte und doch sofort erkannte, sagte er: »Wenn es also so sein soll, dann lasst mich derjenige sein, der für die Eceni wirft.«
Doch er hatte nicht das Seelenlied seines Speeres gehört, als er diesen das erste Mal geworfen hatte; wusste nicht, was dieser Mangel eigentlich bedeutete. Eneit aber wusste es nur zu gut. Die Warnung auf seinem Gesicht war trotz seines übel lädierten Auges und der Schnittwunden nicht zu übersehen. Cunomar zog es jedoch vor, sie zu ignorieren, und Breaca konnte ihm dies nun auch nicht in aller Öffentlichkeit erklären. Die Augen ihres Sohnes schienen sie regelrecht auszusaugen, ebenso wie das Strahlen seiner Seele und der verzweifelte Mut, den er aufgebracht hatte, um seine Bitte an diesem Ort und im Beisein all dieser Menschen vorzubringen. Sie wurde aufgesogen von seiner Überzeugung, zu siegen. Und an dieser Zuversicht zerschellte ihr Herz, an seinem Stolz und seiner Unwissenheit und dem Preis, den sie alle für seine sichere Niederlage noch würden zahlen müssen. Denn gefangen in einer wahren Flutwelle des Schmerzes hatte er den Weg, den das Schicksal eines Kriegers nehmen würde, der bei dieser Prüfung versagte, nicht ganz zu Ende gedacht.
Der Gouverneur wartete, sein Gesichtsausdruck ein Muster an beherrschter Neugier. Cunomar hatte auf Eceni gesprochen, was Quintus Veranius wiederum mit großer Wahrscheinlichkeit verstanden hatte, zumindest in Teilen. Breaca konnte nun also nicht mehr in eine andere Sprache überwechseln, ohne unnötiges Misstrauen zu erregen.
Cunomar spürte ihre Entscheidung, noch ehe sie Breaca selbst bewusst war. Aus größter Verzweiflung heraus ließ er schließlich auch noch den letzten Rest seines Stolzes fahren und flehte: »Mutter, bitte! Es ist sowohl sein Leben als auch das meine.«
Keine Schlacht war sie jemals härter angekommen. Breaca hielt dem Blick ihres Sohnes Stand und entgegnete in dem vollen Bewusstsein, was ihn diese Antwort kosten würde: »Nein.«
»Mutter! Es ist doch Eneit! Du kannst doch nicht zulassen, dass diese gottlosen, Bullen verehrenden Söhne von...«
Tagos unterbrach Cunomars Rede - mit physischer Gewalt. Wenn auch in niemandes anderen Augen, so war der König der Eceni doch zumindest nach römischem Recht Cunomars Vater und somit auch verantwortlich für dessen Betragen. Er presste Cunomar eine Hand auf den Mund, noch härter und grimmiger als vor ihm Graine, und mit weniger Liebe.
»Euer Ehren? Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten dürfte?« Die Stimme, die nun von den Bankreihen erschallte, errang sofort die Aufmerksamkeit aller, bis auf Cunomars unmittelbare Familie. Valerius Corvus, Präfekt der Hilfstruppen, drängte sich an seinen Gefolgsleuten vorbei und trat auf den geharkten Sand hinunter, von wo aus er dem Gouverneur mit schneidiger Geste salutierte. Cremeweiß strahlte sein Kopfverband im Sonnenlicht, die Bandage an seinem Bein dagegen lag im Schatten und wirkte gräulich.
»Euer Ehren«, hob Corvus an, »wenn ich das richtig verstanden habe, wären in den Tagen der Ahnen die Träumer der Bärinnenkrieger diejenigen gewesen, welche die Männer und Frauen bestimmten, die an einer solchen Kriegerprüfung teilnehmen sollten. Heutzutage ist den Träumern die Ausübung ihres Handwerks ja untersagt. Dennoch müssen wir in jedem Fall die Ehre Roms und des Kaisers aufrechterhalten. Die Schicklichkeit gebietet es, dass wir auch in dieser Speerzeremonie unser Bestes geben. Allerdings sind die Reiherspeere der Kaledonier auf einen anderen Schwerpunkt austariert als die Speere der Legionen. Der Verlauf und die Länge ihrer Flugbahn weichen von denen der römischen Speere ab, und die Federn, die von den Speerhälsen herabhängen, lassen sie selbst dem kleinsten Windhauch gegenüber äußerst empfindlich reagieren. Doch wie Ihr wisst, habe ich vor der Invasion einen gesamten Winter und einen gesamten Frühling in diesem Land verbracht und besitze somit eine gewisse Übung in der Handhabung der Kampfspeere der Eceni, die diesen hier ähnlich sind. Ich möchte also, als einer, der befähigt ist, die Ehre Roms aufrechtzuerhalten, meine Dienste in dieser Speerprüfung anbieten.«
Während seiner Ansprache hatte Breaca Corvus warnende Blicke zugeworfen. Und er hatte sie auch zur Kenntnis genommen, jedoch beschlossen, ihre Warnung zu ignorieren.
Der Gouverneur legte die Handflächen aneinander und tippte mit den Fingerspitzen gegen seine Lippen. Wäre er ein Krieger gewesen, hätte man vermuten können, dass er gerade Rat von Briga erbat und dieser gewährt wurde.
Er entgegnete also: »Vielen Dank für Euer Angebot und die Argumente, die dieses Angebot begleiteten. Den ersten Teil Eurer Erläuterungen, der die Tatsache betrifft, dass diese Speerprüfung eine Prüfung der Ehre ist und zweifellos stattfinden sollte, kann ich vorbehaltlos akzeptieren. Ebenso stimme ich damit überein, dass sich in dieser Prüfung einige Gefahren verbergen, sowohl jene, von denen wir bereits gehört haben, als auch Gefahren, von denen noch nicht gesprochen wurde. Was ich allerdings nicht annehmen werde, das ist Eure zweite Vorgabe. Ihr seid verletzt, und als solcher seid Ihr eben gerade nicht dafür geeignet, Rom zu repräsentieren.«
Hätte man Corvus ins Gesicht geschlagen, so hätte er nicht entsetzter dreinblicken können. »Euer Ehren...«
»Nein. Bei aller gebührenden Achtung, Präfekt, aber Ihr seid wie der Junge; begeistert und willens, aber blind gegenüber Euren eigenen Unzulänglichkeiten. Der Junge ist zu jung und noch unerprobt, er hat noch nie in einer Schlacht getötet, und seine Zuneigung zu dem Gefangenen ist nur allzu offensichtlich. Ihr dagegen besitzt Erfahrung, Können und Lebensjahre genug für jegliche Art von Herausforderung, etwas anderes würde ich nie behaupten. Und doch ist erst weniger als ein Monat vergangen, seit Eure Verletzungen Euch beinahe das Leben gekostet hätten. Noch immer zeigt sich dies in Euren Verbänden, und für jene, die Euch besser kennen, auch in Eurem Gang und der Art, wie Ihr den Kopf haltet, wenn Ihr Euch allein und unbeobachtet wähnt.« Ganz unerwartet drehte der Gouverneur sich nun um, um sich an jemanden auf der Bank hinter ihm zu wenden. »Theophilus? Ist der Präfekt Eurer Meinung nach in der Lage, eine Rolle zu übernehmen, deren Aufgaben denen eines Kampfes in einer Schlacht entsprechen?«
Theophilus war gerade in eine Betrachtung Eneits vertieft gewesen; ruckartig wandte er den Kopf ab. »Ganz und gar nicht.«
»Vielen Dank.« Der Gouverneur erhob sich und schien plötzlich wieder ein jüngerer Mann zu sein, der den heraufziehenden Kampf witterte und sich nur allzu gern mitten hineinstürzen wollte. An Breaca gewandt sagte er: »Eure Götter sind nicht meine Götter, aber sie lebten bereits in diesem Land, lange bevor wir kamen, und auch lange, nachdem wir alle wieder zu Staub und Asche zerfallen sind, werden sie noch hier leben. Wir wollen also unser Bestes geben, um ihnen Ehre zu erweisen. Ich halte mich für durchaus dazu fähig. Gehe ich somit recht in der Annahme, dass Ihr dann die Eceni vertreten möchtet, jenen Stamm, aus dem der Gefangene stammt? Ihr dürft versichert sein, dass Ihr an diesem Ort und in diesem Augenblick meine uneingeschränkte Erlaubnis besitzt, eine Waffe aufzunehmen und zu werfen, die den Stämmen aufgrund ihrer Länge ansonsten verboten ist.«
»Vielen Dank. Und, ja, ich werde mein Volk vertreten.«
Breacas Worte hallten durch das gesamte Theater. Zum Ende des Tages würden sie sich auch bis zu jenen Trinovantern herumgesprochen haben, die gerade nicht anwesend waren, und bis Monatsende sogar die jenseits des Territoriums der Trinovanter lebenden Stämme erreichen. Wollte Breaca also jemals ihren Rang als Kriegerin beweisen, ohne den Namen der Bodicea für sich zu beanspruchen, so hatte sie dies soeben getan.
Verleih ihnen nur Mut, dann wirst du siegen. Sie sprach ein Stoßgebet an die Göttin, dass dies auch tatsächlich so sein möge und dass alles glimpflich verlaufen würde.
Durch die Bankreihen neben dem Gouverneur schien ein leichtes Beben zu verlaufen. Cygfa hatte stellvertretend für die Eceni werfen wollen, hatte diese Bitte allerdings nicht vorbringen können. Breacas Sohn wehrte sich erbittert gegen Tagos, doch dieser presste seine eine Hand fest auf den Mund des Jungen - allein Cunomars Blick schrie Breaca noch in nicht enden wollenden Qualen entgegen. Von ihren drei Kindern bestärkte somit bloß Graine ihre Mutter mit schüchternem Lächeln in deren Entscheidung.
Vom hinteren Bereich der Bühne ertönte heiser die Stimme des zwischenzeitlich vollkommen in Vergessenheit geratenen Eneit: »Danke.«
 
Der Halbkreis zwischen den Sitzreihen und der Bühne bot dem Gouverneur ausreichend Platz, um vom einen Ende des Halbrunds aus dreißig Schritte zurück in Richtung der Vorplatzmitte schreiten zu können, wo er mit dem Absatz seines Stiefels eine Linie in den Sand zog. Einige neue, mit einem knappen Nicken herbeigerufene Wachen wiesen das Publikum im östlichen Teil des Theaters an, seine Plätze zu verlassen, damit nicht einer der drei Speere, für den Fall, dass er vielleicht zu hoch fliegen sollte oder seine Flugbahn ein wenig zur Seite abwich, das Blut eines Zuschauers kostete.
Währenddessen nahm man Eneit die Fesseln ab, und die Offiziere der Leibgarde führten ihn zu dem ihm zugedachten Platz. Breaca folgte ihnen, hielt sich aber im Hintergrund, bis die Männer sich wieder von Eneit entfernten. Sie war jedoch keine Träumerin und besaß nur noch lückenhafte Erinnerungen an die Riten. Wie gerne hätte sie jetzt Airmid nach den genaueren Einzelheiten gefragt - doch diese war, selbst wenn man schnell ritt, noch immer eine halbe Tagesreise von hier entfernt - oder auch Graine, die aber bei Cunomar zu bleiben hatte und damit ebenso unerreichbar war.
Vertrau den Göttern und dir selbst. Du wirst wissen, was richtig ist. Zu beten wiederum vermochte Breaca immerhin. Also betete sie und spürte sogleich den Atem Brigas gleich einem Hauch auf ihrem Hals. Während sie in Gedanken noch immer dem Klang der drei Namen ihrer Göttin nachhing, beobachtete sie die Wachen, bis diese sich außer Hörweite entfernt hatten - und sah, wie jeder Einzelne von ihnen, als er sich von ihr zurückzog, das römische Zeichen zur Abwehr alles Bösen machte. Breaca freute sich.
Und Eneit konnte ohne fremde Hilfe stehen, was schon einmal ihre erste Frage an ihn gewesen wäre. Sein eines, gesundes Auge strahlte sogar förmlich, und aufmerksam blickte er sich damit um. Er versuchte ein Lächeln, und trotz seiner offensichtlichen Schmerzen dabei ließ er es nicht wieder verblassen. Breaca benutzte ihren Körper wie einen Schild, so dass keiner der Zuschauer, egal, ob Römer oder Mitglied der Stämme, sehen konnte, wie sie auf Eneits Stirn, sein Brustbein und auf die Stelle unter seinem Bauchnabel ihre persönliche Version des Schlangenspeers zeichnete. Sie malte die Zeichen langsam, mit ganz bewusstem Zeremoniell, und gab Eneit damit Zeit, seinen Kopf zu leeren.
Während sie das erste der drei Zeichen malte, erklärte er: »Ich bin noch einmal zum Grabhügel der Ahnen zurückgegangen. Das war ein Fehler. Ich wurde von einem Fährtenleser der Coritani beobachtet, der die Sache sofort meldete. Die Legionäre haben Sinochos’ Klinge an sich genommen und sie zerbrochen. Es tut mir Leid.«
»Das darf dir nicht Leid tun. Klingen kann man wieder reparieren. Du bist es, den wir nicht wieder zusammenschmieden können, und das tut uns allen mehr als Leid. Wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, dich zu befreien, würden wir diese Möglichkeit sofort ergreifen, das schwöre ich.« Breaca malte das zweite Zeichen.
»Ich weiß. Und auch meine Mutter weiß das. Sie hatte mir stets gesagt, dass der Tag, an dem ich eine Waffe mit einer Schneide in die Hand nehmen würde, jener Tag wäre, an dem ich stürbe. Ich hatte also immer gedacht, ich würde in einer Schlacht sterben.«
»Aber das stimmt doch auch. Außerdem hast du nicht nur einen, sondern sogar zwei von ihnen getötet. Dein Leben wird also doppelt aufgewogen, wenn du zu den Göttern eingehst. Viele, die ebenfalls in einer Schlacht sterben, können das nicht von sich behaupten. Und nur Krieger, die sich bereits im Kampf als solche bewiesen haben, dürfen an der Speerprüfung der Bärinnenkrieger teilnehmen, wusstest du das überhaupt?«
Freudig blitzte Eneits unverletztes Auge auf. »Das hatte ich gehofft. Nehme ich eine Nachricht mit zu den Göttern hinauf?«
»Bitte sie, über uns zu wachen, wenn die letzte Schlacht beginnt. Dann brauchen wir ihre Hilfe dringender denn jemals zuvor.«
Schließlich war auch das dritte Zeichen vollendet. Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan. Einer plötzlichen Eingebung folgend - ihre Geste stand in keinerlei Zusammenhang mit den Riten, die sie jemals miterlebt hatte -, nahm Breaca den Jungen bei den Schultern und hauchte ihm vorsichtig und mit Rücksicht auf seine Verletzungen einen Kuss auf die Stirn. Unter ihrer Berührung ging ein Schaudern durch seinen Körper, doch es war kein Schaudern des Schmerzes.
Mit belegter Stimme sprach Eneit: »Bitte sag meiner Mutter, dass es mir zwar Leid tut, dass ich sie verletzt habe, dass ich es aber keinesfalls bereue, den Feind in einer Schlacht getötet zu haben. Und sag Cunomar...« Er stockte, konnte nicht mehr weitersprechen.
»Ich werde ihm sagen, dass du ihn liebst. Aber das weiß er ohnehin schon. Und auch du wirst wissen, was er für dich empfindet.« Bis zu diesem Augenblick hatte Breaca noch nichts von der wahren Tiefe der Gefühle der beiden Jungen füreinander gewusst; und hätte es doch wissen müssen. Dies Versäumnis schmerzte sie.
Eneit lächelte. »Ja, das weiß ich. Danke. Bitte richte ihm von mir aus, dass er den Mut finden muss, auch über den heutigen Tag hinaus weiterzuleben, dass ich ihn von dem Land jenseits des Lebens aus beobachten werde und so lange warte, bis ich ihn an jenem Ort wieder begrüßen darf, an dem ein Jahr so rasch vergeht wie ein Herzschlag.«
»An dem Ort ohne Zeit dauert ein Herzschlag aber zugleich auch eine Ewigkeit.«
»Auch das weiß ich. Aber bitte sag das nicht Cunomar. Er ist so ungeduldig. Erinnere ihn lieber an die Bedeutung meines Namens und sag ihm, er soll ihn an seinen Sohn weitergeben, so er denn einen bekommen sollte.«
Eneits Name bedeutete so viel wie »Mut«, und der Junge bewies tatsächlich ungeheuer viel Courage und eine bewundernswerte Tapferkeit. Er weinte nicht und versank auch nicht in Selbstmitleid. Breaca hatte schon gesehen, wie gestandene Krieger von wesentlich weniger Mut beseelt in eine Schlacht geritten waren. Noch im Weggehen sagte sie Eneit dies, und das Strahlen seines breiten, trägen Lächelns schien selbst die letzten Sitzreihen noch hell aufleuchten zu lassen.
Langsam ging Breaca die vorgeschriebenen dreißig Schritte wieder zurück, gab dem Jungen damit Zeit, noch einmal jenseits von Trauer und Verlust die Sonne und den letzten, verstreichenden Augenblick seines Lebens zu genießen. Er schien keine Schmerzen mehr zu spüren, als sie ihn verließ, und auch das Zittern hatte aufgehört. Er sah, so dachte Breaca in diesem Moment, bereits Briga, die begleitet von ihren Raben in Bahnen um ihn herumschwebte. Es gab keinen schöneren Anblick für jemanden, der in eine Schlacht eintrat.
Zwischenzeitlich hatte man Breacas Geschenk an den Gouverneur vom Tisch neben der Bühne geholt und die Speere so ausgebreitet, dass ihre Spitzen auf dem Rand der Kiste ruhten und die stumpfen Enden der Speerhefte sich in den Sand schmiegten. Die unbehandelten Reiherfedern hingen locker herab und drehten sich leicht in der Brise. Allein die unterschiedlichen Farben ihrer Heftenden unterschieden die Speere voneinander.
Der Gouverneur hatte sich bereits jenen Speer genommen, dessen Ende aus dem hellsten Holz gefertigt war und von allen dreien am ehesten an die Farbe des Goldes erinnerte. Er stand neben dem Speer und legte sowohl seinen Umhang ab als auch den vergoldeten Kürass. Ein anderer Mann hätte nun womöglich nackt ausgesehen; nicht jedoch der Gouverneur. »Habt Ihr schon jemals einen Speer dieser Machart geschleudert?«, fragte er.
»Nein. Es ist uns nicht erlaubt, einen solchen Speer aufzunehmen, ausgenommen unter der Anleitung eines Träumers. Und man kann auch nur ein einziges Mal mit ihnen werfen, dann zerbrechen sie. Ich habe sie also nur geschmiedet, nicht ausprobiert. Eine solche Unvollkommenheit hätte ich Euch nicht zu unterbreiten gewagt.«
»Ich entschuldige mich. Ich wollte Euch nicht beleidigen.«
»Ich habe Eure Äußerung auch nicht als Beleidigung empfunden. Der Wind kommt aus Südwesten, wird aber vom Bogen des Theaters eingefangen, so dass es im mittleren Bereich zu Turbulenzen kommt. Wie Corvus schon sagte, die großen Speerklingen und die von ihnen herabhängenden Federn lassen diese Speere jeglichem Luftzug gegenüber sehr empfindlich werden. Von allen Waffen sind sie diejenigen, die am schwierigsten zu werfen sind. Um einen guten Wurf zu erzielen, muss man zuvor das Lied der Speerseele vernommen haben.«
»Ich stehe in Eurer Schuld.« Er wies mit einer knappen Kopfbewegung zu den Speeren hinüber. »Wollen wir?«
Mit der tief stehenden Sonne im Rücken nahmen Breaca und der Gouverneur ihre Speere auf, und lang streckten sich ihre Schatten über den Sand. Die Wachen waren entlassen worden und warteten nun mit einem Schild - auf dem sie später die Leiche forttragen sollten - im hinteren Bereich der Bühne. Breaca und der Gouverneur waren somit allein, bis auf Eneit, der jedoch dreißig Schritte von ihnen entfernt stand. »Irgendjemand Neutrales, der kein Angehöriger unserer Stämme ist, sollte das Zeichen zum Werfen geben«, sagte Breaca. »Dürfte ich Theophilus von Athen vorschlagen?«
»Einen Mann, der dafür bekannt ist, dass seine Zuneigung beiden Seiten gilt? Ja, das ist eine gute Wahl.«
Quintus Veranius gab ein Zeichen. Nach einem Augenblick der Verwirrung gesellte der Arzt sich zu ihnen. Es gefiel ihm offenbar nicht schlecht, eine kleine Rolle in dem gerade stattfindenden Stück spielen zu dürfen. Eine zarte Röte wärmte seine Wangen und die Flügel seiner Nase. Sorgsam darum bemüht, dass man ihn nicht lächeln sah, fragte er: »Gibt es ein Zeichen, nach dem ich Ausschau halten sollte?«
»Ja«, erwiderte Breaca. »Aber das kennt nur Ihr. Ich dagegen weiß nicht, wie es aussieht.«
»Natürlich. Ihr dürft ja nicht im Vorteil sein.« Er war ein Mann, der es gewohnt war, der Stimme der Erde zu lauschen, wenn nicht sogar der Stimme der Götter, und es beunruhigte ihn keineswegs zu wissen, dass das Leben anderer von seiner Beobachtung abhing. »Dann also hebt Eure Speere und macht Euch bereit. Ich werde Euch sagen, wann Ihr werfen sollt.«
Breaca hatte sich für den dunkelsten der drei Speere entschieden. Er war gesegnet von Nemain, der Göttin der Nacht, die sowohl Graine als auch Airmid führte. Breaca hob ihren Speer bis auf Schulterhöhe und wandte sich dann um, um Eneit anzublicken. Der Gouverneur tat es ihr nach. Stille umfing sie. In einer Welt, in der die Zeit in einem Herzschlag verstrich und zugleich eine ganze Ewigkeit umfasste, warteten sie.
Die gesamte Menge der Zuschauer hätte an Breaca vorbeidefilieren und durch Vieh oder Krähen ersetzt werden können, und Breaca hätte doch nicht das Geringste davon bemerkt. Ihre Welt bestand nur noch aus Eneit, dem Wind und dem gestochen scharfen, immer wieder seine Länge verändernden Schatten des Reiherspeers und der von ihm herabbaumelnden Feder. Die Muskeln ihres Wurfarms brannten. Doch der Schmerz lebte außerhalb ihres Bewusstseins und war nicht wichtig. Eneit schrumpfte zusammen, bis er nur noch aus einem in seinem Brustkorb gefangenen, klopfenden Herzen zu bestehen schien. Er schwankte, Breaca schwankte mit ihm. Auf jeder seiner Schultern ließ sich ein Rabe nieder, und Breaca wusste, er sah die Welt nicht mehr, wie andere sie sahen. Sie atmete langsamer, wurde ganz ruhig, und allein der Schlag ihres Herzens ließ die Speerspitze noch leicht erbeben. Das Lied des Speers hüllte sie ein, volltönend und erfüllt von Mondlicht und den Freuden und Schmerzen der Mutterschaft, erfüllt von dem lockenden Flüstern der Ahnenträumerin und der Götter, als sie …
»Werft!«
Das Wort traf Breacas Seele, so wie ein Hammer auf einen Amboss prallt, und ließ den Schmerz des Liedes frei. Ihr Arm bewegte sich wie aus eigenem Antrieb. Der Speer summte und flog, als ob er von einem außerhalb Breacas existierenden Willen gelenkt würde. Sie beobachtete seine Flugbahn. Die Zeit schien sich plötzlich endlos auszudehnen, die Luft schien dick wie Blut geworden zu sein und verlangsamte den Flug des Speeres. Der im Kreis wirbelnde Wind in der Mitte des Halbrunds erfasste die Klinge und zog sie schließlich hinunter; Breaca hatte dies erwartet und folglich bewusst hoch gezielt.
Die Speerspitze legte sich auf eine Linie, die genau auf Eneits Herz zuführte - Erleichterung durchströmte Breaca, doch zu früh. Schweiß schien ihre vormals noch trockenen Handflächen wie mit Öl zu überziehen. Ganz am Rande ihres Bewusstseins bemerkte sie, dass ein Seufzer durch die Menge ging. Der zweite Speer holte Breacas Speer ein. Plötzlich flogen sie parallel zueinander, drängten sich in die gleiche Flugbahn. Breaca blinzelte einmal, und die beiden Speere verschmolzen zu einem, wurden wieder zwei, schienen erneut wie ein Speer, wie sein Speer, wie ihr Speer, wie Breacas Speer, und wurden wieder zum Speer des Gouverneurs. Endlich grub er sich in Haut. Ob es nun aber letztlich der eine oder der andere war - Breaca wusste es nicht. Die spitz zulaufende Klinge drang sauber zwischen Eneits Rippen hindurch, veränderte auch im Aufprall kaum ihren Winkel, und in einem letzten, von außergewöhnlichem Mut zeugenden Akt tat Eneit noch einen Atemzug, hielt seine Lungen somit selbst im Tode offen. Mit überschwänglichem Jubel verstummte das Lied des Speers, und aller Schmerz und alle Freude vereinten sich in Breaca.
Sie spürte den Speerstoß in Eneits Herz, als ob ihr eigenes getroffen worden wäre, und sah, wie der dritte von Brigas Raben sich auf dem Jungen niederließ. Plötzlich wich Eneit ruckartig zurück und ein wenig nach rechts hinüber. Der zweite Speer, der genau auf die Mitte seiner Brust gerichtet worden war, traf auf eine Rippe und rutschte leicht nach außen hin ab, bis auch er schließlich das Fleisch durchbohrte. Allein seine Willensstärke hielt den Jungen noch einen letzten Augenblick lang aufrecht, ehe er taumelte und dann rückwärts in den Sand stürzte. Nur ein Einziger aus dem Publikum schrie voller Bewunderung auf und wurde sofort wieder zum Schweigen gebracht.
Die Hitze des Wartens sog die Luft aus Breacas Lungen heraus. Mit gerötetem Gesicht und atemlos sagte der Gouverneur: »Er ist tot. Noch nie in meinem Leben habe ich einen Speer mit mehr Inbrunst geworfen, aber ich könnte nicht sagen, welcher Speer mehr in der Mitte sitzt. Theophilus, als unser Schiedsrichter und als unser Arzt, verratet Ihr uns, welcher der beiden Speere den Tod hervorrief?«
»Ich werde es versuchen. Ihr solltet mit mir kommen. Wenn Ihr hier wartet, fällt die Antwort auch nicht anders aus.«
Eneit lag auf dem Rücken, die offenen, blicklosen Augen der Sonne zugewandt. Die Speere ragten senkrecht aus seinem Körper heraus, und ihre Hefte erbebten leicht unter den allerletzten Schlägen eines zweifach durchbohrten Herzens. Die Klingen steckten auf leicht unterschiedlicher Höhe und eine Handbreit voneinander entfernt in der Brust des Jungen; der hellere von beiden Speeren saß etwas höher im Brustkasten als der dunklere.
Theophilus, der sich nicht niederknien und damit die Würde seines Amtes schmälern wollte, beugte sich über die Speere und musterte sie eine Weile. Schließlich verkündete er: »Ich komme mir vor wie ein Wahrsager, der auf die aufgeschnittene Oberfläche einer Leber starrt, auf der doch nichts geschrieben steht. In der Breite entspricht das Herz des Jungen einer Männerfaust, von der Spitze bis zum Herzboden gemessen ist es sogar noch etwas größer. Es liegt leicht linkslastig in der Brust, und der obere Rand beginnt hinter der Brustwarze. Um Gewissheit zu haben, müsste ich den Brustkorb öffnen und die Leiche genauer untersuchen, aber ich gehe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass jeder dieser Speere das Herz getroffen hat und dass auch ein jeder von ihnen für sich allein genommen den Jungen bereits getötet hätte. Wenn dies ein griechischer Wettstreit wäre, würde der Preis zwischen beiden Kontrahenten zu gleichen Teilen aufgeteilt. Nach den Riten der Träumer mag das natürlich anders sein.«
Das war es sogar ganz eindeutig. Noch immer im Innersten erschüttert, spürte Breaca, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich und nur zäh wieder zurückströmte.
Der Gouverneur, der noch immer die Speere musterte, erwiderte: »Nicht schlecht, denke ich, für zwei Krieger, die schon lange aus der Übung sind.« Dann richtete er sich auf und streckte Breaca die Hand entgegen. »Verehrteste, welcher unserer beiden Stämme hätte denn nach den Riten Eurer Ahnen gewonnen?« Er fragte nicht: Und welcher von uns beiden hätte als der Verlierer sterben müssen?
Breaca hatte keine Ahnung und wusste auch nicht, wie sie sich retten sollte. Einer der Speere musste töten, und der andere musste sich in nunmehr totes Fleisch graben; ein Krieger musste gewinnen, der andere verlor nicht nur den Wettstreit, sondern auch sein Leben; etwas anderes duldeten die Götter nicht.
Ein ganzes Jahrzehnt sorgfältigster Schulung gaben Breaca schließlich doch noch die Worte ein, die der Gouverneur hören wollte. In dem Bewusstsein zu lügen, entgegnete sie: »Ich denke, es wäre möglich, dass der Wettstreit als von beiden gewonnen angesehen würde. Das wäre ein Zeichen der Götter gewesen, dass die beiden Stämme fortan Verbündete sein sollten.«
Quintus Veranius lächelte, wie vielleicht ein junger Mann gelächelt hätte, der einen Wunsch erfüllt bekam. »Dann sollte der dritte Speer von uns beiden gemeinsam gestoßen werden. Vielleicht schaffen wir es, wenn wir vorsichtig sind, nicht die Klinge zu beschädigen, damit ich wenigstens ein unversehrtes Beispiel Eurer Handwerkskunst besitze, um es als Erinnerung an diesen Tag bei mir an die Wand zu hängen?«
Theophilus trug den dritten Speer heran. Unter seiner Anweisung ergriffen Breaca und der Gouverneur gemeinsam das Speerheft. Mit außergewöhnlicher Behutsamkeit stießen sie dem toten Jungen die Waffe in die linke Seite seines Brustkorbs, zogen sie dann wieder heraus, und nur eine zarte Spur frischen Blutes blieb als Zeugnis dieses Akts auf der Haut des Toten zurück. Dann nahm Quintus Veranius seinen neuen Preis an sich und ließ sich seinen Umhang bringen, um die Klinge abzuwischen, ehe er sie wieder auf die Rohwolle im Inneren der Geschenkkiste bettete.
Breaca spürte, wie ein Schatten über sie fiel, und wandte sich um. Corvus kam über den Sand auf sie zu. Schneidig salutierte er und hob in lateinischer Sprache an: »Meinen Glückwunsch, Verehrteste. Ich habe selten einen so tadellosen Wurf gesehen. Wenn Ihr erlaubt, so wäre es mir eine Freude, Euch zurück zu den Sitzplätzen zu geleiten.«
Leiser und in der Sprache Monas, die er überdies gar nicht hätte kennen dürfen, fügte er hinzu: »Dein Sohn Cunomar ist verschwunden. Cygfa bat um die Erlaubnis, ihm folgen zu dürfen. Ich hätte ihr diese Erlaubnis erteilt, aber Graine verbot es deiner Tochter. Ich offenbare mich also als ein Mann, der Befehle von einem siebenjährigen Mädchen entgegennimmt. Mein einziger Trost ist, dass auch Cygfa sich an Graines Anweisung hält. Ich denke, du solltest mit ihnen beiden sprechen. Wenn der Sohn - wie Graine glaubt - die Absicht hat, seine langen Nächte der Einsamkeit zu absolvieren, und dabei erwischt wird, dann wird er das gleiche Schicksal erleiden müssen, wie es eigentlich auch diesem Jungen hier beschieden gewesen wäre. Die Kreuze sind noch immer leer. Sie dürsten ebenso inbrünstig nach Blut wie der dritte deiner Speere.«
Die Seherin der Kelten
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