XXIV

 
Die Luft roch nach weißem Kalk, nach Bärenfett, abgebrochenen Kiefernzweigen und nach Angst. Sie war von dichten Rauchschwaden erfüllt, von Schweiß und einer geradezu körperlich schmerzenden Verzweiflung.
Cunomar mac Caradoc, Sohn der Bodicea und der Erste unter den Eceni, der sich jemals den Bärinnenkriegern angeschlossen hatte, stand im Türrahmen des Großen Versammlungshauses. Er hatte dieses Haus selbst erbaut auf dem Gelände, wo üblicherweise der Frühjahrs- und der Herbstpferdemarkt stattfanden, und verteidigte es nun gegen die Angriffe.
Dreiundfünfzigmal ging ein Jugendlicher aus dem Stamme der Eceni auf ihn los. Dreiundfünfzigmal hob Cunomar das Schwert, das seine Mutter eigens - und in direktem Verstoß gegen die Gesetze Roms - für ihn geschmiedet hatte, und stürzte sich stets aufs Neue in den Kampf, mit der festen Absicht, dem jeweiligen Jungen oder Mädchen über die Schwelle des Erwachsenendaseins zu verhelfen.
Sie kämpften nicht, um den anderen zu töten, aber bis aufs Blut. Und stets war Cunomar es, der diesen blutigen Streich ausführte, so dass die Jugendlichen, die mit wirbelnden Schwertklingen auf ihn losgingen, als Krieger weiterschreiten durften - mit ihrer ersten Kampfeswunde an der Schulter oder auf der Brust. Vier von ihnen, die ihre Deckung zu früh vernachlässigten, um das Prozedere möglichst rasch hinter sich zu bringen, schlug er mit der flachen Seite seiner Klinge auf den Oberarm und schickte sie wieder in die Nacht hinaus. Später - viel später - kehrten diese dann noch einmal zu ihm zurück, nachdem sie zum wiederholten Male die Hürden in Gestalt von Breaca und Ardacos überwunden hatten.
Hätten wir doch bloß fünfhundert von deiner Sorte... oder auch nur fünfzig... Es war Breaca gewesen, die das gesagt hatte, damals im Frühling, als sie neben den Leichen der niedergemetzelten Sklavenhändler der Coritani gestanden und einem ihrer innigsten Wünsche Ausdruck verliehen hatte. Den Rest des Sommers hatte sie dann damit verbracht, den etwas bescheideneren von beiden Wünschen Wirklichkeit werden zu lassen.
Sie waren nicht wie er, Cunomar, diese verzweifelten, verängstigten, doch von Hoffnung erfüllten Kinder, die ihr Haar stramm und nach der Art der Krieger zu Zöpfen geflochten hatten und über deren wunderschöne, noch unversehrte Körper die mit Bärenfett und weißem Kalk aufgemalten Symbole der Bärinnenkrieger wirbelten. Sie hatten noch keine neun Tage lang in einer Höhle mitten im Winter neben einer schlafenden Bärin ausgeharrt und dabei das Gewebe ihres eigenen Schweigens kennen gelernt - so wie Cunomar es getan hatte. Auch hatten sie nicht, lediglich mit einem Messer bewaffnet, einen Bären getötet, der dafür bekannt gewesen war, dass er Menschen nur zum Vergnügen riss. Und sie hatten auch nicht im Anschluss daran wiederum weitere drei Tage unter den scharfen, sengend heißen Messern der Stammesältesten gesessen und gelernt, wie der nicht aufhörende, nicht mehr zu ertragende Schmerz die Seele zu öffnen vermochte.
Vor allem aber hatten sie keine neun Monate Einzelunterricht hinter sich, in denen sie von den zwölf weisesten Köpfen der Kaledonier unterrichtet worden waren; ein solcher Luxus war ihnen im Land der Eceni nicht mehr vergönnt. Aber immerhin hatten sie zwei Monate damit verbracht, tagsüber ein großes Rundhaus nach der Art der Ahnen zu errichten und nachts den Umgang mit den verschiedenen Sorten von Speeren und Schwertern zu erlernen; so wie es auch ihre Eltern einst gelernt hatten und wie es ihnen, als deren Kinder, offiziell und nach römischem Gesetz schon nicht mehr erlaubt gewesen war. Darin lagen nun also ihre Anfänge auf dem Weg des Kriegers.
Ein dunkelhaariges Mädchen kam auf Cunomar zugestürmt; ihr Zopf löste sich bereits, ihre Bemalung war von Schweiß und Erschöpfung schon ganz verschmiert. Ihre Augen waren weiß umrandet, und ihre Nasenflügel bebten. An ihrem rechten Arm trug sie eine Wunde, oben, nahe der Schulter. Wenn er sich anstrengte, so könnte Cunomar sich vielleicht an den Augenblick erinnern, als er ihr diese Wunde zugefügt hatte, irgendwann, vor langer Zeit, als die Nacht gerade begonnen hatte.
Doch wenn er darüber nachdächte, könnte sie unter seiner Deckung hindurchtauchen und würde ihn verletzen, was unter gar keinen Umständen passieren durfte. Er verlagerte den Griff um sein Schwert ein wenig und riss es hoch, um den Schlag des Mädchens abzuwehren, dann hieb er nach ihr und wehrte wiederum ihren Angriff ab, holte abermals nach ihr aus und bewegte sich in genau jenem Rhythmus von Hieben und Stößen, den er ihr beigebracht hatte, während er auf jenen Moment wartete, in dem sich die Ruhe über ihren Verstand legen und sie schließlich die Schnelligkeit und Sicherheit gewinnen würde, um aus diesem Rhythmus wieder ausbrechen zu können und endlich einen echten Angriff auf ihn auszuführen.
Das Mädchen holte erst nach seinem einen Bein aus, dann nach dem anderen, und schließlich, als Cunomar seine Klinge hob, um ihren Stoß zu parieren, packte sie ihre Waffe plötzlich verkehrt herum und schlug mit dem Heft ihres Schwertes auf Cunomars Unterarm. Der Schmerz ließ ihn aufstöhnen, und er sah, wie ein kurzes, befriedigtes Lachen über ihr Gesicht huschte, doch er war bereits zur Seite ausgewichen, benutzte seinen Ellenbogen, um damit ihr Stichblatt niederzudrücken, hieb an ihr vorbei und winkelte dann mit einem Mal blitzschnell das Handgelenk an, so dass die Spitze seiner Klinge in einer langen, feinen Wunde dicht unter ihrem Schlüsselbein entlang und quer über ihren Brustkorb schnitt. Das Mädchen schnappte keuchend nach Luft und sprang einen Schritt rückwärts. Auf ihrem Gesicht erkannte Cunomar die gleiche Mischung aus Schmerz und Jubel, die er auch schon auf einem halben Dutzend anderer Gesichter gesehen hatte. Diese wenigen waren außergewöhnlich; bei dem Rest waren nur Schmerz und Entsetzen und eine etwas leisere Befriedigung zu erkennen gewesen. Sollte sich aus dieser Ehrengarde also jemals eine Elite herausbilden, so bestände sie aus jenem Mädchen hier und der Hand voll von anderen, die ebenfalls wie sie waren.
Unagh. Ihr Name war Unagh, und sie stammte aus der Gegend um den Wash, jenem nördlichen Küstenstrich, wo einst auch Efnís zu Hause gewesen war. In jenem Augenblick, als Cunomar sein Schwert sinken ließ und sich den Schweiß von den Handflächen abwischte, fiel ihm dies plötzlich wieder ein. Er trat zur Seite und sprach: »Kriegerin der Eceni, du darfst durchtreten.«
Er dachte, sie wäre die Letzte, war sich allerdings nicht ganz sicher. Müde lehnte er sich gegen den Türpfosten des großen Rundhauses und spürte an seiner Schulter das glatte, frisch abgehobelte Holz. Einst wäre die Errichtung eines solchen Versammlungshauses zehn Jahre im Voraus geplant worden; wären die Eichen, aus denen später das Haus entstehen sollte, markiert und zu einem geraden Wuchs aufgezogen worden; wären die Weidensetzlinge, die später die Wände des Hauses stützen sollten, an die richtige Stelle gepflanzt worden, damit ihre Wurzeln ihnen einen festen Halt verliehen; und wären auch das Schilfrohr und das Stroh, die später das Dach bildeten, bereits eingesammelt und zur heißesten Zeit des Sommers getrocknet worden.
Cunomar und seine Gefährten dagegen hatten mit jenen Eichen auskommen müssen, die sie aus dem tieferen Teil des Waldes geschlagen hatten, und es mussten Weiden reichen, die erst später und aus eigenem Antrieb heraus Wurzeln schlagen würden; und für das Dach musste mehr Stroh als Schilfgras genügen, von dem das meiste zudem feucht gewesen war. Doch das Haus hatte bereits die Herbststürme überstanden, und Cunomar bemühte sich zu glauben, dass es auch den Schneestürmen des Winters trotzen würde. Sicher war er sich allerdings nicht.
Es lag bereits Schnee in der Luft; nun, da keine Krieger mehr auf ihn einstürmten, konnte Cunomar es riechen. Er streckte einen Arm unter dem Dachüberhang der Tür hervor und spürte die erste, federleichte Berührung der Feuchtigkeit, die innerhalb eines Herzschlags durch die Hitze seiner Hand bereits wieder verdampfte.
Das aus dem Inneren des Hauses dringende Licht der Feuer ließ in der Dunkelheit vor Cunomar eine Klinge aufblitzen. Er richtete sich auf und riss sein eigenes Schwert hoch, um sich zu schützen. Aus der Nacht heraus ertönte Breacas amüsierte Stimme: »Wenn wir beide gegeneinander kämpfen, sollte das doch wohl besser im Beisein der Stammesältesten geschehen. Das würden sie nicht verpassen wollen; der Bär gegen die Bodicea, davon würden sie noch Jahre später erzählen, besonders, wenn einer von uns beiden dabei verletzt würde.« Schließlich, als sie nahe genug an ihn herangetreten war, dass er sie sehen konnte, fragte sie: »Haben sie alle bestanden?«
»Alle.«
»Gut. Dann können wir sie ja der Speerprüfung unterziehen und hoffen, dass sie sich nicht durch die Anwesenheit ihrer Stammesältesten verunsichern lassen. Du gehst voraus. Dies hier ist allein deine Nacht. Die unsrige kommt erst später.«
Die Speerprüfung jener, die später einmal Cunomars Ehrengarde bilden würden, wurde nach dem Ritus der Ahnen abgehalten: drinnen im Haus, wobei die Speere über eine Entfernung von dreißig Schritten auf Ziele aus Stroh geworfen würden, beschienen lediglich von einigen Fackeln. Man hatte sowohl jene Stammesältesten hergeholt, die ganz in der Nähe lebten, als auch jene, die extra aus den Siedlungen anreisen mussten. Mehr als einhundert von ihnen waren erschienen; mehr, als sich zwei Jahre zuvor im Herzen des Waldes eingefunden hatten, um über die Zukunft der Bodicea im Stamme der Eceni zu entscheiden.
Und diese Gäste waren auch keine Jugendlichen, die unter dem Joch Roms aufgewachsen waren, sondern Erwachsene, die sowohl die Invasion überlebt hatten als auch die Okkupation ihres Landes, die anschließenden Aufstände sowie die grausamen Vergeltungsmaßnahmen, die auf diese Revolten gefolgt waren. Dies waren jene Männer und Frauen, denen das Leben wichtiger war als die Ehre; oder die vielmehr spürten, dass sie ihrem Volk lebend einfach besser dienen konnten. Dies waren nicht diejenigen, die aufgestanden waren und gegen die Legionen gekämpft hatten, oder jene, die die Soldaten der Hilfstruppen anspuckten oder öffentlich und trotz Roms Verbot damit fortgefahren waren, als Träumer ihrer Gemeinschaft zu dienen.
Auch waren nur sehr wenige von ihnen auf Mona ausgebildet worden. Diese Menschen hier lebten nicht mehr länger im Angesicht ihrer Visionen - also in der realen Welt, aber zugleich auch in der Geisterwelt -, so wie Airmid es noch tat. Und sie kannten nicht mehr jene Geschichten, welche man sich im Winter am Feuer erzählte, sowie deren versteckte Botschaften, so wie Dubornos sie noch erlernt hatte. Und dennoch hatten diese Menschen den Mut gefunden, sich auf die Reise zu machen - ausgerechnet jetzt, zum Ende des Jahres, da die Pfade knöcheltief mit glitschigem Schlamm überzogen waren und trotzdem noch immer die Gefahr bestand, einer römischen Patrouille in die Arme zu laufen. Denn in diesen Menschen lebte noch eine letzte Erinnerung an die Speerprüfungen, wie sie früher einmal gewesen waren. Sie wollten es also wagen, wollten auch die heutige Speerprüfung bezeugen - so wie es Tradition war.
Die jungen Kriegerinnen und Krieger sollten in Gruppen von je vier oder fünf werfen. Sie reihten sich ordentlich entlang der Linie auf und bereiteten sich dann so gewissenhaft auf ihren Wurf vor, als besäßen sie darin eine bereits ihr ganzes Leben währende Erfahrung und hätten nicht bloß zwei Monate lang Nacht für Nacht im Wald geübt. Ihre Speerspitzen fingen das dunkelrot schimmernde Licht der Feuerstellen ein, ließen kleine Sonnen in dem Zwielicht aufblitzen. Das Lied der Speere erfüllte das gesamte Rundhaus. Dann wurde es wieder leiser, als jeder einzelne der Speere versuchte, sich mit der Seele des Kriegers, der ihn hielt, zu vereinen.
»Bring einfach nur die Stimme deiner Gedanken zum Schweigen«, hatte Breaca gesagt, damals, vor langer Zeit; und Eneit, der auch die tiefere Bedeutung ihrer Anweisung verstanden hatte, hatte erwidert: »Nur?« Doch noch während er über die Unmöglichkeit dieses Unterfangens gelacht hatte, hatte er es bereits vollbracht.
Die neu ernannten Krieger waren zwar nicht wie Eneit, doch auch sie waren mit ganzem Herzen bei der Sache. Neben ihnen stand Cunomar und wartete darauf, den Befehl zum Werfen zu geben. So wie seine Mutter es einst getan hatte - damals, im Wald, es schien bereits Generationen her zu sein -, als er noch nicht das Lied des Speeres zu erkennen vermocht hatte.
Jedes Mal, bei jeder weiteren Gruppe, spürte Cunomar erneut die Anspannung und die Nervosität sowie die langsam daraus erwachsende Ruhe, während die jungen Krieger sich darum bemühten, nur auf die Stimme ihres Speeres zu lauschen, und nicht auf die Stimme ihrer Angst oder ihrer Zweifel. Und jedes Mal, wenn Cunomar dachte, dass bereits zu viel Zeit verstrichen sei und sie die nötige Ruhe nicht mehr finden würden, spürte er schließlich doch, wie sie sich auf ihn herabsenkte, und befahl dann leise: »Werft!« Und sie warfen, und ihre Speere durchbohrten die Ziele, genauso, wie er es auch erwartet hatte; mit Ausnahme von vieren, die es jedoch im Frühling noch einmal würden versuchen dürfen. Sie sollten nicht so viel aufs Spiel gesetzt haben, nur um so kurz vor dem Ziel dann doch noch zu scheitern.
Zum Schluss standen neunundvierzig Kriegerinnen und Krieger der Eceni vor Cunomar, in der Anwesenheit ihrer Stammesältesten, und schworen, so wie auch ihre Vorfahren es schon getan hatten, auf ihre Speere. Sie schworen, ihr Leben für das seine, Cunomars, zu geben; schworen, ihr Leben für das ihres Nächsten zu geben; schworen im Angesicht und unter dem Schutz der Götter, und ihr Schwur sollte Bestand haben bis in alle Ewigkeit.
 
»Dein Sohn ist er selbst geworden. Die Last der Verantwortung hat vollendet, was die Bärenträumer begonnen haben.«
»So scheint es zumindest. Noch im Verlaufe des Winters werden wir darüber letzte Gewissheit erlangen.« Breaca lehnte gegen jenen der beiden eichenen Türpfosten, wo das Licht des Feuers sie weniger hell anstrahlte. Im Augenblick war es erst einmal wichtig, dass Cunomar gerade die Aufmerksamkeit der neuen Krieger und ihrer Stammesältesten auf sich vereint hatte und dass seine Mutter sich derweil in die Schatten zurückzog.
Ardacos hatte sich neben ihr auf den Boden gehockt und war damit beschäftigt, den Beschlag seines Speers zu reparieren. Ihrer beider Stimmen verloren sich in dem langsam lauter werdenden Gemurmel aus den Reihen der Stammesältesten, die sich in dem nach Norden zu liegenden Bereich des Großen Versammlungshauses entlang der Feuerstellen niedergelassen hatten. In der anderen Hälfte des Hauses erhob sich unterdessen auch die Letzte unter den neu ernannten Kriegern. Doch plötzlich riss sie ihren Speer hoch - ganz entgegen der feierlichen Ruhe ihrer Kampfgefährten -, ließ ihn wild über ihrem Kopf kreisen und stieß dabei den alten Schlachtruf der Eceni aus. Nach einem Augenblick des entsetzten Schweigens taten ihre Gefährten es ihr gleich, und von dem Strohund Reetdach hallte das schrille, ohrenbetäubende Kampfgeheul zurück.
Ardacos wandte sich zu Breaca um. »Sie ist wie Braint. Sie kämpft wie eine Wildkatze. Sollte sie ihre erste Schlacht überleben, wird sie eine recht brauchbare Kriegerin werden.«
»Genau darum sollten wir sie allesamt und möglichst bald in ihre erste Schlacht schicken. Und trotzdem dürfen wir es noch nicht wagen.« Breaca stieß sich von dem Türpfosten ab. Jedermanns Aufmerksamkeit konzentrierte sich nun allein auf die johlenden Jugendlichen und auf Cunomar, der mit ernster Miene vorgetreten war, um sie wieder etwas zu beruhigen. In der Zeit, die verstrich, bis sich erneut Stille über die Versammlung gesenkt hatte, schritt Breaca um die Gruppe der Stammesältesten herum und nahm ihren Platz am anderen Ende des Rundhauses ein. An der der Tür gegenüberliegenden Wand bildete ein Haufen zusammengefalteter Pferdehäute eine Art kleiner Bank. Unmittelbar darüber hing ein bronzener Schild, auf dessen Oberfläche deutlich zu erkennen der Schlangenspeer prangte, so dass die beiden Köpfe des Speers, wenn Breaca stand, direkt aus ihrem Herzen zu erwachsen schienen; und wenn sie saß, bildeten sie eine Art Krone.
Nun aber stand sie. Ardacos war ihr gefolgt und legte ein wenig Holz nach in die am dichtesten bei ihr liegende Feuergrube. Die Scheite fingen Feuer, Flammen züngelten empor, wurden von dem bronzenen Schild eingefangen und durch die Wölbung des Metalls wieder zurückgeworfen, so dass in dem Schild langsam ein zweites Feuer zu entstehen schien und mittendrin das Eisen von Breacas gezogenem Schwert wie ein Stern aufleuchtete.
Die Aufmerksamkeit der Stammesältesten wandte sich nun ihr zu, angezogen von dem Strahlen von Licht und Metall, von der weißen Kalkfarbe auf ihrem Gesicht und auf ihren Armen, von dem Kriegerzopf, den sie hier im Osten erstmals wieder offen trug und in dem die silberne Feder mit dem schwarzen Kiel steckte, Symbol für die unzähligen Feinde, die Breaca bereits im Kampf niedergemetzelt hatte.
Schließlich, als das Meer der von ihr abgewandten Hinterköpfe sich zu einem Meer aus Gesichtern gewandelt hatte, einem Meer von Augen, in denen sich das Feuer widerspiegelte, sprach Breaca nic Graine, die Erstgeborene der königlichen Linie: »Willkommen, Stammesälteste der Eceni. Entgegen Roms Verfügung habt ihr euch hier eingefunden. Es gibt nicht einen unter euch, der nicht sein Leben riskiert hätte, um nun hier zu sein. Und in dem Bewusstsein dieses Risikos seid ihr Zeugen der ersten Speerprüfung geworden, die nach siebzehn Jahren der Unterbrechung wieder im Land der Eceni stattgefunden hat. Siebzehn Jahre. Diejenigen, die heute zu Kriegern ernannt wurden, waren noch nicht einmal geboren, als Roms Legionen ihre Väter und Großmütter abschlachteten, ihre Tanten, Cousins und Cousinen. Wenn wir es zulassen, dass noch weitere zwanzig Jahre verstreichen, werden die Kinder der neu ernannten Krieger in einem Land aufwachsen, in dem die Speerprüfungen bestenfalls noch in der Erinnerung existieren, schlimmstenfalls aber bereits völlig in Vergessenheit geraten sind.«
Sie waren die ihren, hatten ihre Aufmerksamkeit ganz allein auf sie konzentriert. Breaca ließ sie einen Augenblick bei diesem letzten Gedanken verweilen, anschließend gab sie Cunomar ein Zeichen. Dieser ließ daraufhin die neunundvierzig Jugendlichen seiner Ehrengarde sich in einem Halbrund hinter Breaca aufstellen.
Breaca setzte sich wieder. Der bronzene Schild schien rotes Feuer über ihr Haar zu ergießen und ließ die Haut der in ihrer unmittelbaren Nähe stehenden Krieger rötlich aufleuchten. »Heute Nacht wurde aus jenen, die ihr im Sommer zu uns geschickt habt, eine Ehrengarde geboren. Sie sind noch nicht allzu viele. Sobald wir aber zehnmal ihre Anzahl an Kriegern aufgestellt haben, könnten wir die Legionen im Osten wieder in einen Krieg verwickeln...«
Ein gutes Dutzend der Stammesältesten zuckte bei dem Wort »Krieg« zusammen. Und jene, die zwar noch keine Jugendlichen entsandt hatten, wohl aber bereits darüber nachgedacht hatten, saßen mit geradezu versteinerten Gesichtern da. Und doch drängten sie Breaca, fortzufahren.
»... aber dieser Krieg kann nicht beginnen ohne die ausdrückliche Zustimmung des Ältestenrats. So war es schon immer gewesen. Und wenn wir uns einst wieder zum Kampf erheben, um unser Erbe zu bewahren, so müssen auch dabei natürlich die Traditionen berücksichtigt werden. Noch ist der Zeitpunkt ohnehin nicht gekommen. Denn zu viele halten noch immer an Tagos fest, der wiederum angehalten worden ist, uns allein nach den Vorgaben Roms zu regieren. Das Gleichgewicht ist sehr zerbrechlich. Solange er lebt, können wir also nicht öffentlich die Krieger zum Kampf gegen den Erlass Roms aufrufen, und darum...«
»Willst du ihn umbringen?«
Die Frage stammte von einem ihrer energischsten Widersacher: einem Mann mit bereits ergrauendem Haar und kantigen, ausgeprägten Kinnladen, der vom ersten Augenblick an, als die Bodicea von einem möglichen Krieg zu sprechen begonnen hatte, nur noch den Kopf geschüttelt und in stetem Fluss seinem Nachbarn etwas zugeraunt hatte. Er stammte aus der Siedlung, aus der auch Unagh kam, jenes Wildkatzenmädchen mit der Unerschrockenheit Braints. Unagh schien in diesem Augenblick - sie stand neben Cunomar - der Inbegriff der gedemütigten Jugendlichen zu sein.
Breaca ließ ein wenig Zeit verstreichen, damit ein jeder die Frage noch einmal für sich im Stillen überdenken konnte. Schließlich fragte sie: »Angenommen, Tagos wäre tot, würdest du dann für einen Krieg stimmen?«
»Nicht, wenn du ihn getötet hättest.«
»Ich werde ihn nicht töten. Obgleich dein Einwand eines der weniger wichtigen Argumente dafür ist. Noch schwerer nämlich wiegt die Tatsache, dass ich noch nie einen Mann oder eine Frau aus dem Stamme der Eceni getötet habe - und auch niemals töten werde -, nur weil ihre Ansicht nicht mit der meinen übereinstimmt. Tagos meint, den Menschen sei am besten gedient, wenn sie sich eng an Rom halten. Ich aber denke, dass die Eceni unter dem Joch der Legionen eines Tages gar nicht mehr existieren werden. In dieser Sache sind wir also in der Tat unterschiedlicher Meinung. Zudem liegt nur einen Tagesritt von hier entfernt im Norden die Festung der Neunten Legion; und auch die Zwanzigste Legion hat noch immer dreitausend ihrer Soldaten in Camulodunum - und dass wir beide auf einmal schlagen können, davon dürfen wir wohl nicht ausgehen. All dies ist mir also wohl bekannt; ich habe schließlich nicht vor, unsere Leute an den Rand des Ruins zu führen. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass die Götter uns einen Zeitpunkt schenken, an dem die Aussichten für unser Vorhaben durchaus Erfolg versprechend sind. Und auf diesen einen Augenblick müssen wir uns vorbereiten - oder sein Verstreichen auf immer bedauern.«
Der Feuerschild wog so gut wie nichts; er war nicht für die Schlacht gefertigt worden, sondern allein, um die Götter und die Stammesältesten zu ehren. Breaca hob ihn von seinem Haken in der Wand, schlang sich den Riemen über die Schulter und richtete den Schild dann so aus, wie sie ihn im Kampf tragen würde. Die Flammen zu ihren Füßen waren bereits wieder heruntergebrannt; rot glühend spiegelte sich in dem schimmernden Metall die Glut wider. Breaca neigte den Schild etwas hinab, so dass das Licht nach unten geworfen wurde und sie selbst in Schatten gehüllt war. Aus der Dunkelheit heraus und mit der versammelten Macht Monas hinter sich erschallte ihre Stimme.
»Ein jeder von euch hat sein Leben riskiert, um hierher zu kommen. Und nun, da die Speerprüfungen vorüber sind, steht es euch allen frei, wieder die Heimreise anzutreten. Aber ich möchte euch einladen, noch zu bleiben, damit wir uns miteinander beraten können - und zwar ganz gleich, wie lange das auch dauern mag -, so wie wir es bei den Ratsversammlungen in den Tagen vor Rom getan haben. Wir wollen uns über einen möglichen Krieg beraten. Und wenn ihr dabei zu der Entscheidung kommen solltet, dass wir kämpfen müssen, wird das zwar gewiss keine leichte Aufgabe werden. Aber dann können wir zumindest endlich damit anfangen, uns darüber zu verständigen, wie wir uns darauf am besten vorbereiten könnten.«
»Und wenn wir uns dagegen entscheiden? Kehrst du dann wieder nach Mona zurück, so wie einige unter uns es schon vor zwei Jahren von dir gefordert hatten?« Wieder war es der Stammesälteste aus dem Volke Unaghs, der dies fragte. Sein Gesicht schien dabei wie von einer Maske überzogen, so dass sein Ausdruck nicht zu deuten war.
»Nein. Ich bin eine Eceni und meine Kinder mit mir. Wir werden also auch in dem Fall bleiben und uns genau so verhalten, wie der Ältestenrat es von uns verlangt. Die Ehrengarde meines Sohnes würde sich wieder auflösen, und den Kriegern würde die Möglichkeit geboten werden, ihren Seelen in das Land der Kaledonier zu folgen oder gemeinsam mit euch wieder in die Siedlungen zurückzukehren.«
 
»Ist das die Ansicht aller?«
Wieder stand die Bodicea vor der Versammlung, Ardacos und Cunomar neben sich und den Bronzeschild in ihrem Rücken.
Ihre Augen waren gereizt vom Rauch der Feuer sowie von den feinen Absonderungen, die von mangelndem Schlaf herrührten. Geradezu schmerzlich sehnte sie sich danach, sich wieder setzen zu dürfen, sich endlich hinlegen zu können und zu schlafen und niemals wieder von Rom reden zu müssen und all dem, was dies mit sich brachte; oder von den Eceni und davon, welchen Aufschwung es mit dem Stamm nehmen könnte, wäre das Land erst einmal von jeglicher Besatzungsmacht befreit. Anderthalb Tage lang hatten die Stammesältesten sich miteinander beratschlagt, gestritten und geredet, gegessen und geschlafen und waren wieder aufgewacht und zu zweit oder zu dritt nach draußen gegangen, um die Abortgruben aufzusuchen. Dann waren sie wieder hereingekommen, um weiterzureden und sich weiter miteinander zu beraten.
Andere hatten sich zwischen den Feuerstellen ein Plätzchen gesucht, wo sie sich in ihre Umhänge einrollten und für ein Weilchen leise schnarchten, ehe ihre Träume und die Gespräche rund um sie herum sie wieder aufweckten. Cunomar und seine neu ernannten Krieger hatten während der ersten Nacht ganz am Rande des Großen Versammlungshauses geschlafen und waren dann im Morgengrauen wieder aufgewacht, um Holz für die Feuerstellen zu holen und zu kochen. Auch Ardacos hatte das Haus bereits früh verlassen und war hinaus in den Wald gegangen, um den letzten Teil der Riten der neu ernannten Krieger vorzubereiten, der jedoch erst später stattfinden sollte.
Allein die Bodicea durfte sich vor den anderen nicht dem Schlaf hingeben, sondern pflügte wie ein Einerboot durch die unter den hitzigen Diskussionen immer höher anschwellenden Wogen der Erregung; trieb sie mit ihren Worten unablässig voran.
Draußen hatte es bereits zu schneien begonnen, als sie schließlich erneut den Platz unter ihrem Schild einnahm und den Blick über die erschöpfte, heisere Versammlung der Vertreter ihres Volkes schweifen ließ.
»Ist das die Ansicht aller?«, fragte sie ein zweites Mal. »Gibt es auch nur einen unter euch, der noch dagegen ist, so soll derjenige jetzt sprechen. Denn entweder wir haben alle Stimmen, oder wir haben keine.«
Cunomar, der neben ihr stand, hielt den Atem an. Ein Stück weit von sich entfernt sah Breaca Unagh sitzen, die sich in diesem Augenblick ebenfalls kurz verkrampfte, gleich darauf aber wieder entspannte, als der grauhaarige Stammesälteste aus ihrer Siedlung den Kopf schüttelte. Die anderen, die sich um Breaca versammelt hatten, saßen einfach nur schweigend da. Sämtliche Meinungsverschiedenheiten waren ausdiskutiert und aus der Welt geschafft worden; oder aber sie verbargen sich, um an einem anderen Tage erneut den Kopf zu erheben.
Breaca erlaubte sich ein Lächeln, sorgsam darauf bedacht, nicht die Maske, die den Mangel an Schlaf versteckte, zu zerstören. »Dann ist es also abgemacht: Ihr werdet den Winter darauf verwenden, jene Männer und Frauen in euren Siedlungen und auch außerhalb der Siedlungen ausfindig zu machen, die womöglich noch genügend Kampfesmut besitzen und sich auf unseren Aufruf hin melden würden - ohne uns, noch ehe wir überhaupt angefangen haben, gleich schon wieder zu verraten. Doch das ist nur der erste Schritt. Denn solange Tagos lebt und auch weiterhin gegen uns ist, können wir die Krieger noch nicht zusammenrufen. So viel ist schon einmal klar. Doch ich schwöre hiermit und vor euch allen, dass sein Tod niemals mein Werk sein wird. Aber selbst wenn Tagos lebt, können wir, sobald die Götter uns den richtigen Zeitpunkt nennen, zur Tat schreiten - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass wir endlich damit beginnen, die noch Kampfeswilligen ausfindig zu machen, sie mit Waffen auszustatten und sie auszubilden. Ich danke euch allen.«
Damit trat Breaca unter dem Schild fort, und die Ratsversammlung war beendet. Die Stammesältesten begannen sich zu erheben, reckten und streckten sich und blickten sich nach der Tür um, um sich einen Weg an die frische Luft und in den Schnee hinaus zu bahnen und um ihre Heimreise zu besprechen.
 
Bis zum frühen Nachmittag hatte das Große Versammlungshaus sich wieder weitgehend geleert, so dass nur noch die neu ernannten Krieger von Cunomars Ehrengarde übrig waren. Für eine Weile waren sie ganz ausgelassen gewesen vor lauter Erleichterung und waren gemeinsam mit den aufbrechenden Stammesältesten nach draußen gegangen. Doch als diese immer weniger wurden und schließlich ganz verschwanden, wurden auch die Jugendlichen wieder stiller und warteten auf ihre letzte Kriegerprüfung. Denn wenn sie auch unter den Bärinnenkriegern Geltung erlangen wollten und nicht bloß als Cunomars Ehrengarde, dann mussten sie Ardacos zum Abschluss noch in einen Bärentanz hineinfolgen, und dabei durfte selbst Breaca nicht anwesend sein. Im Großen Versammlungshaus rasselten bereits die Schädeltrommeln. Und diesen Rhythmus konnte man sich nicht allzu lange anhören, wollte man bei Verstand bleiben.
Ihr Pferd stand ganz in der Nähe, denn Unagh hatte bereits erkannt, dass Breaca danach verlangen würde, und es vorsorglich von der Koppel hergeholt. Breaca mühte sich damit ab, den großen bronzenen Schild auf ihrem Rücken zurechtzuschieben, und dachte unterdessen darüber nach, ob sie tatsächlich noch auf ihr Pferd steigen und die Anstrengung unternehmen sollte, zu Tagos’ Siedlung zurückzureiten. Andererseits aber waren dort Graine und Airmid und all die Annehmlichkeiten. Wenn sie also mit Bedacht ritt, sollte sie etwa kurz vor Einbruch der Dunkelheit dort ankommen; wenn sie unvernünftig schnell ritt, käme sie sogar noch eher an; schlief sie dagegen und ließ die Stute sich allein den Weg durch die Dämmerung suchen, so würde sie die Siedlung erst spät erreichen.
»Danke. Ich bin froh, dass ich...« Breaca wandte sich um, blickte überrascht in Richtung des Pfades. »Das ist doch Dubornos...«
Sie kannte sein Pferd; es lahmte auf der linken Vorderhand, wenngleich nicht allzu stark. Und ohnehin hing Dubornos sehr an dem Tier, würde es also niemals ausrangieren. Der Hufschlag, als das Pferd nun in gestrecktem Galopp den Pfad hinaufgetrieben wurde, war also unverwechselbar, selbst mit dem Schnee, der das Geräusch der trommelnden Hufe etwas dämpfte.
Ardacos stellte sich neben sie, und auch Cunomar ließ seine Schädeltrommeln im Stich und gesellte sich zu Breaca, so dass sie alle drei beieinander standen, als Dubornos sein Pferd zügelte und vor ihnen anhielt. Doch er schwang sich nicht vom Rücken seines Tieres hinab, sondern zog es sogleich wieder herum und erklärte: »Die latinischen Sklavenhändler sind in der Siedlung. Tagos hat ihnen Wein sowie Gastrechte angeboten. Aber sie haben schon zweimal mit Graine gesprochen. Airmid hat Graine nun bei sich und bewacht sie, aber wenn die Sklavenhändler nach ihr verlangen sollten, könnte selbst Tagos sie nicht aufhalten.«
Breaca starrte ihn entgeistert an, hörte kaum, was er sagte. »Um sie zu kaufen? Das kann nicht wahr sein. Selbst Tagos würde doch nicht...«
»Nicht, um sie zu kaufen, noch nicht. Aber vielleicht, um ein Angebot zu unterbreiten. Und wenn sie im Frühjahr zurückkehren, werden sie wissen, weswegen sie kommen.«
Breaca saß bereits im Sattel. Der Schlaf, so kurze Zeit zuvor noch ihr einziger Wunsch, war wieder vergessen. »Warte«, sagte Cunomar. »Mein Pferd steht nicht weit von hier. Ich komme mit.«
Breacas Stute hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. »Nein. Deine Krieger brauchen dich. Das ist der Preis, wenn man ein Anführer ist, und vor allem ist dies nicht der geeignete Zeitpunkt, um Rom zu verraten, was wir bereits aufgestellt haben. Wenn wir dich brauchen sollten, schicke ich Dubornos noch einmal zu dir zurück.«
Damit folgte sie Dubornos und ritt, wie sie noch niemals zuvor geritten war.
Die Seherin der Kelten
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