X
Der Winter im ersten Jahr nach der Rückkehr der
Bodicea zu den Eceni war nicht übermäßig streng, und doch
versperrte der Schnee über vier ganze Monate die größeren
Handelsstraßen, zum Schluss sogar die schmalen Pfade, bis letztlich
sämtliche Siedlungen voneinander isoliert waren; und mit einem Mal
- wie Tagos es ihr bereits vorausgesagt hatte - verstand Breaca,
warum ihr Volk den Mut zum Kämpfen verloren hatte.
Die Alten waren als Erste gestorben, waren bereits
in den Anfangsmonaten des Winters dahingerafft worden von der
Kälte, einer Krankheit, dem Hunger oder auch einer Verbindung aus
allen dreien. Unter den Toten waren auch acht von jenen, die einst
die geheime Versammlung auf der Lichtung besucht hatten; acht
Menschen weniger, die die Rückkehr der Bodicea für gut geheißen
hatten; acht, die fortan nicht mehr zu den Versammlungen der
Krieger erscheinen würden, die den Kämpfern keinen Mut mehr
einflößen konnten.
Und für eine Weile besaß ihr Tod in der Tat eine
gewisse Bedeutung; so als ob der Verlust dieser Menschen bei einem
bis dahin noch überhaupt nicht aufgestellten Schlachtplan den
Ausschlag geben könnte. Doch dann begannen auch die Kinder zu
Grunde zu gehen, etwas, was in all den Jahren vor der Invasion noch
nie vorgekommen war, bis zuletzt sogar die Menschen mittleren
Alters folgten, jene, die doch eigentlich stark genug hätten sein
müssen, um jegliche Winterkälte zu überleben, egal, wie streng
diese auch sein mochte.
All das ähnelte viel zu sehr der Vision der Ahnin.
Denn alles, was die Stämme vielleicht noch über den Winter hätte
retten können, nahm Rom an sich, zur Begleichung der Steuern, bis
die Legionen schließlich ein Land zurückließen, das völlig
ausgemergelt war, zu stark abgeweidet und zu häufig bejagt. Die
Menschen waren dünn wie Gerippe, und wenn ihre Kinder wie in der
Vision tatsächlich Getreide geweint hätten, so hätten ihre Eltern
es mit Dankbarkeit gegessen. Mit jedem neuen Todesfall nahm die
Dringlichkeit zu, endlich eine Armee aufzustellen und die römischen
Parasiten aus dem Land zu vertreiben. Doch mit jedem Todesfall
schwand auch der Mut der Menschen und wurde ihr Wille zu kämpfen
noch weiter untergraben.
Im Frühling, als der Schnee langsam wieder zu tauen
begann und sowohl die Dringlichkeit als auch das Unvermögen zu
kämpfen gleichermaßen groß waren, bereitete Breaca dem
unaufhörlichen Kreisen ihrer Gedanken ein Ende, indem sie
kurzerhand ihren Sohn, ihren Hund und ihren Speer nahm und auf die
Jagd ging; denn das war das Beste und Sinnvollste, was sie im
Augenblick tun konnte.
»Hier!«
Wie unter den Fellen eines Nachtlagers lag die
Leiche unter einer Handbreit tauenden Schnees verborgen. Lediglich
die Spitze des einen schräg aufgestellten Ellenbogens ragte daraus
hervor und warf längliche Schatten über die weiße Decke. Stone war
es, der die Leiche fand und sogleich dumpf bellend in die
Schneewehe eintauchte.
»Cunomar! Hier drüben!«
Breaca ließ ihre Jagdtasche fallen, wandte sich von
dem Pfad ab und stieg seitlich in das noch unberührte Gelände
hinunter. Sie sank bis zu den Knien in den Schnee ein, und das
stumpfe Ende ihres Jagdspeers diente ihr als Stütze, während sie
sich Schritt für Schritt einen Weg durch die weiße Masse bahnte.
Ermutigt verfiel der große, schieferblaue Hund in Schweigen und
begann in einem Taumel endlich überwundener Frustration, in den
Schnee zu beißen und sich der Länge nach hineinzuwerfen. Für ihn
war der Winter nicht weniger hart gewesen als für Breaca, und
ebenso überbordend war seine Freude, nun endlich wieder draußen im
Freien herumtollen zu können.
Der Kern der Schneewehe war schon weggeschmolzen;
denn trotz der Eiskruste, durch die Stone gerade hindurchbrach,
nagte die Wärme des Frühlings bereits an dem Schneesockel. Der Hund
buddelte mit Matsch durchsetzte Schneeklumpen aus, schleuderte sie
hinter sich und ließ damit in dem strahlenden Sonnenlicht einen
kleinen Regenschauer niederrieseln.
Breaca stützte sich auf ihren Speer und ließ Stone
weiter seinem Vergnügen nachgehen, während sie beobachtete, wie
langsam ein Mann freigelegt wurde, der aussah, als ob er lediglich
schliefe, wären da nicht bereits die Ratten und Krähen gewesen, die
ihn noch vor dem letzten Schneesturm entdeckt haben mussten, so
dass ihm die Augen fehlten und Teile seiner Wange der Kälte
geöffnet waren. Er war gut gekleidet; weder sein Umhang noch seine
Tunika waren ihm genommen worden. Und das in einer Zeit, da die
Kälte die meisten Todesopfer forderte und man die Verstorbenen
üblicherweise erst einmal entkleidete, ehe ihre Körper den Göttern
übergeben wurden. Auch hatte man ihn nicht wegen seines Reichtums
getötet; knapp über seinem Ellenbogen war in einem etwas schrägen
Winkel ein Armreif festgefroren, gefertigt aus dem gelblichen Gold
der Silurer.
Stone winselte und stupste das Gesicht des Toten
an. Breaca legte eine Hand auf die Schulterblätter des Hundes und
schob ihn sanft fort. »Lass ihn in Ruhe. Unsere Hilfe kann ihn
nicht mehr erreichen. Diesem hier konnte ohnehin niemand mehr
helfen, noch ehe er starb.«
»Wem konnte niemand mehr - oh...«
Inzwischen hatte auch Cunomar sich seinen Weg durch
die Schneeverwehungen gebahnt. Schwer atmend blieb er an Breacas
Schulter stehen. Der dampfende Atem, den er ausstieß, stieg in
kleinen Kräuseln um sie herum auf, und die harsche Kälte des Tages
verschwamm für einen Augenblick. Cunomar war den Winter über noch
etwas gewachsen, so dass sein Scheitel mittlerweile höher lag als
Breacas Schulter und es noch schwieriger geworden war, ihm in die
Augen zu schauen.
Er wollte sich gerade an seiner Mutter
vorbeidrängen, erinnerte sich dann jedoch eines Besseren und fragte
stattdessen: »Darf ich mal sehen?«
»Natürlich.«
Er kniete sich hin und betastete die Armspange und
das zerfetzte Gesicht. Breaca beobachtete ihren Sohn, wie dieser
die verschiedenen Anhaltspunkte registrierte und über sie
nachdachte, und das alles auf eine Art und Weise, wie er es zuvor
noch nicht getan hätte. Von all ihren Familienmitgliedern hatten
die sechs Monate im Land der Eceni Cunomar am stärksten verändert.
Seit er in den Osten gekommen war, hatte er in mehr als bloß in
körperlicher Hinsicht an Größe gewonnen; tief drinnen in seiner
Seele war er nun ruhiger, als der reizbare, nervöse Jugendliche es
gewesen war, der seiner Mutter von der einen Küste bis hinüber an
die andere gefolgt war und der sich den ganzen Weg über immer nur
beklagt hatte.
Die Verheerungen des Winters hatten ganz sicherlich
zu seiner Entwicklung mit beigetragen; niemand konnte die halb
verhungerten Menschen ansehen, die Krankheit und Kälte schließlich
gänzlich dahinrafften, ohne davon im Innersten berührt zu werden.
Am meisten aber war Cunomars Wesen durch das Gefühl der
Freundschaft geformt worden; und das Schlimme daran war, dass
niemand schon früher erkannt hatte, dass Cunomar einfach nur
Freunde brauchte. Auf Mona war er stets der Sohn der Bodicea
gewesen, der als Gefangener nach Rom verschleppt worden war und
sogar schon im Schatten seines eigenen Kreuzes gestanden hatte,
aber dennoch lebend wieder zurückgekehrt war. Cunomar hatte also
erfahren müssen, wie man ihn bereits als Halbwüchsigen zum
Gegenstand von Heldenliedern erhob und ihn mit großen Augen
musterte, während die anderen Jungen in seinem Alter ganz einfach
nur ihre langen Nächte in der Einsamkeit erleben durften und
schließlich als Männer zurückkehrten. Und keiner von ihnen, weder
vor dem Ritual noch hinterher, mochte ihn seinen Freund
nennen.
Die Eceni dagegen wussten nichts von dem Sohn der
Bodicea, außer dass er ein Außenseiter war, und so war es nicht
verwunderlich, als Cunomar sich mit einem anderen Außenseiter
anfreundete. Eneit war ein drahtiger Junge mit dunklem Haar, und er
war der Sohn von Lanis, der Rabenträumerin, die so geschickt die
Versammlung der Ältesten aufgestachelt hatte, um Breaca wieder
zurück zu ihrem Volk zu führen. Für seine jungen Jahre war Eneit
bereits recht erwachsen - Lanis duldete keinerlei Kindereien bei
den Menschen in ihrer Umgebung. Doch er war auch von einer
unerschütterlichen Fröhlichkeit und hegte gegenüber niemandem einen
Groll, und sogar Cunomars schlechte Laune war immer wieder und
wieder an Eneit abgeprallt, bis sie sich schließlich von ganz
allein verzog.
In der unerträglichen Langeweile des Winters war
Cunomars langsames Auftauen also ein Funke der Hoffnung gewesen,
für den Breaca täglich aufs Neue dankte. Cunomar war zwar noch
nicht ganz so wie sein Vater und auch nicht wie Ardacos, den er
sehr verehrte, doch er hatte dennoch genug von beiden in sich sowie
einige Charakterzüge, die nur ihm zu Eigen waren, so dass Breaca
ziemlich deutlich sehen konnte, was einmal aus Cunomar werden
könnte, wenn die Götter ihm auch weiterhin die Zeit zum Wachsen und
Gedeihen gewährten.
Den Kern seines möglichen späteren Wesens zeigte er
bereits jetzt, während er sich vorbeugte, um die zerdrückte Masse
aus zusammengefallenem Schnee und der darunter liegenden Leiche zu
mustern. Nach einer Weile legte er die Hand über das tote Gesicht.
Bleich wie Wachs rutschte die Haut unter seinen Fingern hin und
her, und der Kopf fiel schlaff zur Seite. Dann ließ er sich auf
seine Fersen zurücksinken und sagte: »Kein Opfer des
Winters.«
Und das war noch eine maßlose Untertreibung. Selbst
Ardacos hätte es nicht knapper formulieren können. Breaca lächelte
und spürte, wie die von der beißenden Kälte ausgetrocknete Haut
ihres Gesichts zwickte. »Nein«, stimmte sie ihm zu, »kein Opfer des
Winters. Und er wurde auch nicht wegen seines Reichtums oder seiner
Waffen ermordet.«
Denn der Fremde war nicht unbewaffnet gewesen, als
er starb. Direkt neben ihm lag sein Messer und ein kleines
Stückchen weiter entfernt auch sein Speer. Vielleicht hatte er sie
sogar beide zu seiner Verteidigung eingesetzt, aber offensichtlich
ohne Erfolg, denn zum Zeitpunkt seines Todes waren die Klingen der
Waffen sauber entzweigebrochen, und die beiden Hälften jeder Waffe
lagen nun jeweils ein Stückchen voneinander entfernt, wobei die
Spitzen umgedreht waren, so dass sie in Richtung des Hefts zeigten.
Jemand musste sie also - immer vorausgesetzt, man ging nicht
einfach von einem sehr unglücklichen Zufall aus - genau so
arrangiert haben.
Breaca nahm die beiden Einzelteile des Messers auf
und legte sie an ihr jeweiliges Gegenstück, so dass die Waffe
schließlich wieder ganz war. Es war bereits zehn Jahre her, seit
die Römer ihre Rache über die Dörfer der Eceni hatten hereinbrechen
lassen und, um ihren Sieg über den Stamm zu vervollkommnen, die
Klingen der Krieger zerstört hatten. Unter den Träumern aber
existierte der Brauch, die Waffen von überführten Verrätern
entzweizubrechen, und diesen Brauch hatte es schon seit vielen,
vielen Generationen gegeben, bevor die Legionen anlandeten; das
Eisen war bloß das Erste, was in solchen Fällen zerbrochen wurde.
Denn das Sterben dieser Menschen war stets ein langsames, und lange
Zeit und ungeschützt lag die Seele eines Verräters offen, ehe der
Tod sie endlich erlöste. Kein Stamm nahm einen Verrat jemals
leichtfertig hin.
Dieser Mann hier war zwar rasch gestorben, was in
den Zeiten vor dem Einmarsch Roms anders verlaufen wäre, doch der
Grund für seinen Tod hätte nicht offensichtlicher sein
können.
»Ein Verräter.« Cunomar legte die beiden Hälften
der Speerklinge auf die gleiche Art wieder zusammen, wie Breaca mit
dem Messer verfahren war. »Wer war er?«
»Einer, den wir besser von Anfang an im Auge hätten
behalten sollen, vermute ich.«
Breaca schob die Hand unter den zerfressenen
Schädel und hob ihn an. Die linke Hälfte des Gesichts war
verschwunden, in den Kieferknochen waren aber noch die Einprägungen
der Zahnwurzeln zu erkennen. Beide Augenhöhlen waren sauber
ausgefressen, und am Hinterkopf, dort, wo der Haarschopf endete und
in die nackte Haut überging, waren kleine Büschel von rötlichem
Haar ausgerissen worden. Was von seinem Fleisch noch übrig war,
hing locker am Knochen und verwischte die Gesichtszüge zu einer
Karikatur jenes übererregten Kriegers, der damals bei der
Versammlung der Ältesten auf einen Baumstumpf gesprungen war, seine
Stimme über den Lärm erhoben hatte und die Bodicea wieder dorthin
hatte zurückschicken wollen, wo sie hergekommen war.
Breaca kannte zwar nicht seinen Namen, doch sein
Gesicht zu vergessen war unmöglich - denn ein Krieger, der seine
Meinung so glühend verteidigt hatte wie dieser hier, hätte Breaca
und ihre Familie trotz des Misserfolgs seiner ersten Rede
sicherlich noch nicht so schnell in Ruhe gelassen.
Noch im Wald, bei der Versammlung der Ältesten,
hatte sie bereits gefragt: »Und wie lange wird es dauern, bis
irgendeiner aus deinem Haushalt uns verrät?« Und Tagos, ganz
entspannt, hatte lediglich entgegnet: »Ich glaube nicht, dass uns
irgendeiner verraten würde. Aber wenn ich mich irren sollte, müsste
ich auf alle Fälle mit dir sterben.« Breaca hatte ihn damals beim
Wort genommen, was sehr leichtsinnig gewesen war.
»Ich habe den ganzen Winter damit verbracht, mir
Sorgen darüber zu machen, wie wir eine Armee auf die Beine stellen
sollen, während der hier«, sie öffnete ihre Hand, und der Kopf, nur
noch locker mit dem Rumpf verbunden, fiel zurück, »die Zeit dafür
verwendete zu planen, wie er uns an Rom verraten könnte. Sie haben
ihm das Genick gebrochen, was noch gnädig war. Ich frage mich,
warum.«
»Und vor allem wer?« Cunomar versetzte dem Kopf
einen Stoß mit dem Zeh. »Tagos kann ihn nicht getötet haben. Um
einem Mann das Genick zu brechen, braucht man zwei Hände, und Tagos
hat bloß eine.«
»Nein.« Selbst in diesem Durcheinander von
unbeantworteten Fragen waren einige Dinge von vornherein klar
gewesen. »Als der Schnee gerade zu tauen anfing«, antwortete
Breaca, »hatte er Gaius und Titus auf die Jagd geschickt. Doch sie
kehrten ohne jegliche Jagdausbeute wieder zurück. Da habe ich mich
noch verwundert gefragt, weshalb sie trotzdem so zufrieden
aussahen.«
»Das war vor vier Tagen.«
»Ich weiß. Wenn unser temperamentvoller Verräter es
also geschafft haben sollte, Camulodunum mit seinen Neuigkeiten zu
erreichen, und bereits wieder auf dem Rückweg war, dann sind wir
schon so gut wie tot.«
Breaca wusch sich die Hände im Schnee. Wie wütende
Ratten bissen kleine Eissplitter in ihre Finger. Stone, der merkte,
dass Breaca aus irgendeinem Grund beunruhigt war, kam zu ihr
herüber, drückte sich an ihren Oberschenkel und wurde herzlich
empfangen. Breaca starrte in Richtung Süden, dorthin, wo Weiß auf
fleckenloses Blau traf, und sie spürte, wie ihr das Herz bis zum
Halse klopfte. In einer Schlacht zu kämpfen war leicht, und ein
Teil von ihr sehnte sich bereits danach. Der beherrschendere Teil
von ihr aber verlangte, Vorsicht walten zu lassen und sich zu
gedulden, die Versammlung der Krieger abzuwarten - und bat um Zeit,
Zeit, die ihr womöglich nicht mehr gewährt werden würde.
»Was meinst du, ob die Legionen wohl auch über so
hohen Schnee marschieren können?«
»Wenn man Tagos so reden hört, können sie ja
praktisch alles.« Cunomar hatte sich vorgebeugt und schnitt gerade
eine Haarsträhne vom Kopf des Mannes. Verbrannte man diese über den
nächtlichen Feuern, und sänge Airmid die richtigen Worte dazu, so
würde ihn dies auch in den Ländern jenseits des Lebens für immer
als Verräter brandmarken. »Das kann zwar unmöglich wahr sein, aber
ich glaube, um die Bodicea in ihre Gewalt zu bekommen, würden sie
sich einen Weg durch den Schnee graben, zur Not sogar von der
Ozeanküste bis in die entlegensten Winkel der Welt. Und selbst bei
diesem Wetter kann es nicht mehr als ein viertägiger Marsch sein
von Camulodunum bis zu uns. Wenn sie also tatsächlich auf dem Weg
hierher wären, dann hätten wir sie mittlerweile gesehen.«
»Vielleicht.«
Wie weißer Nebel schien sich das Schweigen über sie
zu legen. Stone winselte und grub ziellos in der Schneewehe. Er
spürte den Schmerz der Gefahr und wusste doch nicht, was der Anlass
dazu war. Der Wind wehte aus Westen und stäubte eine zarte Schicht
Schnee über den toten Verräter.
»Wenn sie tatsächlich kommen«, meinte Breaca, »gibt
es nichts mehr, was wir noch dagegen ausrichten könnten. Dann
können wir sie einfach nur empfangen und hoffen, dass wir eines
schnellen Todes sterben dürfen. Wenn sie aber nicht kommen, haben
wir jetzt die Zeit, um herauszufinden, ob dieser Mann womöglich
Anhänger hatte, die sich ebenfalls seiner Sache verschworen hatten
- und ob wir die vielleicht noch an ihrem Vorhaben hindern
können.«
Der feine Schnee hatte die Leiche fast schon wieder
bedeckt. Mit tauben Fingern ließ Breaca die Armspange vom
Ellenbogen des Toten schnappen, dann hakte sie ihm auch noch das
zerbrochene Messer von seinem Gürtel ab. »Ich werde das Messer
wieder zusammenschmieden. Es ist an der Zeit, dass ich wieder meine
Schmiede öffne. Seine Familie kann die Armspange haben. Und falls
sie bereits erwogen haben sollten, seinem Vorbild zu folgen, wird
sie das ja vielleicht veranlassen, sich ihr Vorhaben noch einmal
gründlich zu überlegen.«
»Und Tagos?« Cunomar musterte sie mit einem
zaghaften Lächeln. Die beißende Kälte schnitt ihm zehn zusätzliche
Jahre in die Gesichtszüge. »Er hatte befohlen, den Mann töten zu
lassen, ohne uns etwas davon zu sagen.«
»Ich weiß.« Dieser Gedanke gärte bereits seit dem
Augenblick in Breaca, als sie begriffen hatte, was Stone da
eigentlich entdeckt hatte. Sie erhob sich und erwiderte: »Auch
Tagos werde ich Anlass dazu geben, über sein Verhalten gründlich
nachzudenken.«
»Ich weiß nicht, ob er bis nach Camulodunum
durchgekommen ist. Gaius und Titus meinen, dass er es nicht
geschafft hätte, aber es war dunkel und es schneite, und sie hatten
sich nicht die Zeit genommen, ihn ausführlich zu befragen.«
»Und du hattest beschlossen, mir nichts davon zu
erzählen.« Kalter Zorn hatte von Breaca Besitz ergriffen, und jedes
einzelne Wort war eine weithin hallende Anschuldigung. Sie stand in
der Tür zu Tagos’ innerer Kammer und strengte sich an, in dem
schwachen Licht so viel wie möglich zu erkennen. Nach dem beißenden
Schneetreiben schien ihr die von den Lampen nur unzureichend
durchbrochene Dunkelheit noch düsterer, als sie zu ertragen
vermochte.
Tagos war vor ihr zurückgewichen und hatte sich in
die dunkelste Ecke des Raumes verkrochen. Während des gesamten
Winters hatte er noch kein einziges Mal das wahre Ausmaß ihres
Zorns erfahren, geschweige denn gelernt, ihn zu fürchten.
»Was hättest du denn getan? Wärst du
zurückgegangen, um eure Schwerter zu holen, und hättest dann zu
einem Sturmangriff auf Camulodunum angesetzt mit nichts weiter als
drei Kriegern, einem Sänger und einem Jungen, der noch immer nicht
begriffen hat, dass Mut nichts mit lauten Worten und
unkontrollierten Handlungen zu tun hat? Ich dachte, es wäre das
Beste, wenn ich dir nichts davon erzähle. Es war doch nicht nötig,
dass wir beide fortan in Angst lebten.« Tagos versuchte, sich in
gerechte Empörung zu flüchten, was nicht neu war. Deutlich
zeichneten sich dunkle Ränder unter seinen Augen ab, Schatten einer
noch viel tiefer sitzenden Angst.
Breaca drückte ihre Handfläche gegen den
Türpfosten, drückte so hart, bis ihr Fleisch weiß wurde. Doch der
Pfosten war fest verankert und würde nicht nachgeben, und gerade
dieser Widerstand verschaffte Breaca eine gewisse Erleichterung, so
dass sie ihre Gedanken auf jene Dinge richten konnte, die wirklich
von Bedeutung waren.
»Du hattest darauf geschworen«, erwiderte Breaca,
»vor Lanis’ versammeltem Rat, dass es nicht einen einzigen Eceni
gäbe, der sein Volk so sehr hasste, dass er uns hintergehen würde.
Dieser Mann aber stand weniger als eine Speerlänge von dir
entfernt, als du deinen Schwur ablegtest. Und er hatte unmittelbar
vor dir gesprochen. Er hatte dich gesehen, er hatte dich gehört,
und er kannte dich. Und ich kann nicht glauben, dass du ihn nicht
ebenso gut gekannt haben solltest.«
»Dann hältst du mich also für einen Lügner.«
»Ich warte auf eine Erklärung, die mir beweist,
dass du es nicht bist.«
»Himmel, Breaca...« Tagos’ Stimme brach, und er
wirbelte herum zu den an der gegenüberliegenden Wand aufgereihten
Kisten. Breaca trat einen Schritt vor und versperrte ihm den Weg.
Der Wein, der sein Ziel gewesen war, lag nun hinter ihr, war für
ihn unerreichbar geworden. Er zischte durch die Zähne und wandte
sich wieder um. Seine linke Hand krampfte sich hart um den Stumpf
seines halben Armes.
Nun strömten die Antworten geradezu aus ihm hinaus,
knapp und abgehackt durch seine Angst und das Verlangen, seine Ehre
zu retten.
»Der Name des toten Mannes war Setanos. Er war ein
Krieger der nördlichen Eceni, und er war verwundet worden bei der
Schlacht an der Salmfalle, die damals von Dubornos angeführt wurde.
In jener Schlacht verlor er sowohl Freunde als auch
Familienangehörige - aber so ist es schließlich jedem von uns
ergangen, und wir sind deswegen noch lange keine Verräter geworden.
Später aber, als er noch immer von zu Hause fort war, weil er in
dem Rückzug aus der Schlacht feststeckte, und die Legionen bereits
ihre Vergeltungsschläge gegen die Dörfer führten, verlor er auch
noch die Mutter seiner Kinder. Sie war zu jenem Zeitpunkt schwanger
und konnte nicht kämpfen. Und er war nicht da, um entweder mit ihr
zu sterben oder zu kämpfen, wie es die Ehre verlangt. Dafür hasste
er sich selbst, und er hasste Rom, noch mehr aber hasste er
Dubornos und durch ihn auch dich. Zehn Jahre lang hatte er auf die
Gelegenheit gewartet, an euch beiden Rache zu üben. Doch als ich
auf der Versammlung sprach, wusste ich noch nichts von alledem, das
schwöre ich.«
»Später aber hast du es herausgefunden und
beschlossen, mir trotzdem nichts zu sagen.«
Tagos drehte sich ruckartig um, und im Schein der
Lampen leuchteten seine Augen plötzlich unnatürlich hell. »Ich habe
einen Fehler gemacht. Ich habe Maßnahmen ergriffen, um diesen
Fehler wieder zu berichtigen, und, nein, ich hatte es nicht für
nötig gehalten, dir davon zu erzählen. Hättest du denn anders
gehandelt?« Sein Blick schweifte zu Breaca hinüber und dann gleich
wieder fort, unfähig, einer Begegnung mit ihrem Blick
standzuhalten.
Er wollte auf keinen Fall von ihr bemitleidet
werden; so viel hatte sie der Winter bereits gelehrt, und dennoch,
selbst durch die langsam verebbende Flut ihres Zorns bemitleidete
Breaca ihn und konnte daran nichts ändern. Er war wie ein junger
Hund, der sich ihr an die Fersen heftete, und er wusste auch gar
nicht, wie er sich in ihrer Gegenwart denn anders verhalten sollte.
Sie ließ sich gegen die Wand zurücksinken, wo ihre Gesichtszüge
weniger klar zu erkennen waren, versuchte, sich wieder zu
beruhigen, und fand diese Ruhe schließlich in der Erinnerung an das
Gesicht des toten Mannes.
»War Setanos in seinem Hass allein?«, fragte
sie.
»Nein. Sie waren stets zu viert: eine Cousine, die
die Halbschwester jener Frau war, die starb, und zwei Brüder von
ihm, die ihr Dorf verloren, als die Römer ihre Vergeltungsmaßnahmen
ausübten.«
»Und wo sind die anderen jetzt?«
Tagos schnaubte spöttisch. »Tot, natürlich. Ich mag
ja vielleicht dumm sein, aber ich bin nicht lebensmüde. Und auch,
wenn du der Ansicht bist, dass ein langsamer Tod durch römische
Hand dir deinen Platz in den Heldenliedern des Winters sichern
würde - dein Sohn jedenfalls ist davon überzeugt, dass es so kommen
wird -, so würde ich es doch immer noch vorziehen, die Lieder über
mich mit meinen eigenen Ohren zu hören, als Lebender. Gaius und
Titus haben die anderen drei getötet, genauso, wie sie diesen hier
getötet haben. Er war der Letzte. Und sobald der Schnee schmilzt,
wird man ihre Leichen finden. Aber wenn wir Glück haben, dann haben
die Wölfe und die Aasvögel ihre Leichen bis dahin bereits bis auf
die Knochen abgenagt, so dass wenigstens keiner erfährt, wie sie
gestorben sind.«
»Die Familien werden es wissen«, widersprach
Breaca. »Vier Krieger sind alle mit dem gleichen Ziel ausgezogen,
und keiner von ihnen kam zurück. Die Hinterbliebenen werden auf
etwas in dieser Art bereits gewartet haben.«
»Und genau das ist es auch, was sie davon abhalten
wird, noch einmal irgendjemand anderen loszuschicken.« Tagos
grinste zurückhaltend. »Denn das ist eine Lektion, die wir von den
Römern bereits gelernt haben: Mit Gold und Geschenken kannst du dir
vielleicht Versprechen erkaufen, aber mit dem Gestank des Todes
erkaufst du dir Angst, und die hält wesentlich länger an. Wir
müssen jetzt nur darum beten, dass diese Angst schwerer wiegt als
der Zorn, der nach Rache verlangt.«
Er war überzeugt von dem, was er sagte, oder
zumindest wollte er, dass sie ihm das glaubte. Breaca stellte fest,
dass sie plötzlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft
hatte. Draußen hatte Graine Stone gefunden und spielte mit ihm.
Ganz in der Nähe waren auch Cunomar und Eneit, die ihre
Scheinkämpfe mit einer solchen Begeisterung austrugen, dass ihre
lauten Stimmen sogar noch die wilde, lärmende Wiedervereinigung von
Kind und Hund übertönten. Wenn Breaca also tatsächlich eine Armee
aufstellen wollte, dann hatte sie in diesen beiden Jungen zumindest
schon einmal zwei gefunden, die mit ganzem Herzen bei der Sache
wären; man müsste sie nur noch mit Waffen ausstatten und ihnen
zeigen, wie man kämpfte, ohne gleich dabei umzukommen.
»Wenn du meinst, dass es nützt«, erwiderte sie an
Tagos gewandt, »kannst du ja gerne darum beten, dass die Angst in
den Herzen unseres Volkes das Verlangen nach Rache überwiegt. Ich
für meinen Teil werde eine Schmiede erbauen, um die Speere
herzustellen, mit denen ich dann all jene Krieger ausrüsten werde,
die ich noch irgend zusammenrufen kann, und all das in der
inbrünstigen Hoffnung, dass die Angst eben nicht die Rache
tötet.«
»Und wenn die Legionen kommen?«
»Und wenn die Legionen kommen, werden jene von uns,
die gegen sie kämpfen können, das auch tun und schließlich dabei
umkommen - so, wie wir es schon immer gehalten haben.«
Doch die Legionen kamen nicht, so dass Breaca
während der Tage des Wartens nach der Art ihres Vaters aus
Felsgestein ihre neue Schmiede erbaute. Zum Decken des Daches
verwendete sie Grassoden, denn die konnte man auch in der
Trockenheit des Sommers noch feucht halten. Die Pläne für den Bau
der Schmiede hatte sie bereits im Winter angefertigt; das Sammeln
der Steine und die eigentlichen Bauarbeiten nahmen weniger als fünf
Tage in Anspruch. Allerdings musste Breaca während dieser Zeit
stets sowohl den Bau im Auge behalten, als auch immer wieder in
Richtung Süden spähen, wo Cygfa und Ardacos, Cunomar und Dubornos
Wache hielten und ein Signalfeuer entzünden wollten, von dem weißer
Rauch aufsteigen sollte, sobald sie die Legionen den Karrenweg
hinaufmarschieren sahen.
Aber es war kein weißer Rauch zu erkennen. Der
Schnee auf dem Karrenpfad schmolz dahin, und die einzigen
Ankömmlinge waren zwei Salz- und Eisenhändler aus dem Südwesten,
die jetzt als Bezahlung Gold verlangten, während sie früher stets
Getreide gewollt hatten oder Hunde und Erzeugnisse aus Metall. Aber
Gold konnte man trotz allem nicht essen; und die Truhen des Königs
der Eceni waren noch immer voll davon, obgleich seine Kornspeicher
bereits leer waren.
Mit Tagos’ Gold kaufte Breaca Eisen und versprach
ihm, die Summe mit Zinsen wieder zurückzuzahlen. In der Nähe der
Schmiede sammelten Cunomar und Eneit Holz für die Feuer. Den Jungen
versprach Breaca Speere als Lohn für ihre Mühe. Und Lanis führte
Breaca schließlich an einen Platz, einen Tagesritt von ihrer
Behausung entfernt, wo Eschen und Eiben gepflanzt worden waren,
jeweils zwischen zwei stützenden Stangen eingespannt, damit sie
gerade wuchsen und sich aus ihren Ästen später Speerhefte
anfertigen ließen. Lanis verlangte jedoch keinerlei Bezahlung, sie
wollte nur, dass die Legionen möglichst rasch aus dem Land
vertrieben würden.
Einen halben Monat, nachdem Stone aus dem Schnee
die Leiche des Verräters ausgegraben hatte, zog Breaca sich
erstmals wieder eine Lederschürze über den Kopf und band sie mit
den vorgeschriebenen Gesten jenes kleinen Rituals zusammen, das ihr
einst ihr Vater beigebracht hatte und das darin mündete, dass sie
den Schmelzofen ihrer Schmiede entzündete. Schließlich loderte ein
Feuer auf, gespeist von Spalten von Apfelbaumholz, von
Kiefernzapfen, trockenem Stroh und einigen Haaren aus dem Schweif
einer hochträchtigen Zuchtstute.
Angefacht von neuen, in den Scharnieren noch etwas
steifen Blasebalgen, wuchs das Feuer, bis es kleine Zweige
verbrannte und schließlich ganze Holzscheite. Nach einer Weile
fütterte sie es mit Holzkohle, bis die Flammen in seinem Herzen in
der Farbe der Mittagssonne loderten. Das Eisen, das Breaca in den
Glutherd des Feuers gelegt hatte, wurde langsam weich und weißlich
und nahm, nach einiger sorgfältiger Bearbeitung, die Form einer
Speerspitze an.
Für den Rest des Monats verdrängten die Gerüche von
glühendem Metall und brennendem Leder, von Holzkohle und Rauch, von
Schweiß und Blut und Speichel die feuchten, irdenen Gerüche von
Stein und Grassoden. Der Stapel von Roheisen hinter der Schmiede
der Bodicea verwandelte sich mit immer größerer Geschwindigkeit in
einen Haufen aus Speerspitzen, die nur noch auf ihre Hefte und ihre
Krieger warteten.
»Kannst du sie singen hören?«
»Was?«
»Die Speere. Kannst du sie singen hören?«, fragte
Breaca Graine eines Nachmittags, als der Frühling in voller Blüte
stand und die beiden allein in der Schmiede saßen.
Dieses eine Mal waren die Feuer nicht entzündet
worden; für ihre derzeitigen beiden Vorhaben brauchte Breaca kein
Schmiedefeuer, und Graine war darauf ohnehin noch nie angewiesen
gewesen, um ihre Schnitzereien anzufertigen. Schon früh hatten sie
erkannt, dass die Tochter der Bodicea, obgleich sie wohl niemals
eine Kriegerin werden würde, das Talent besaß, Muster und Formen in
die Speerhefte zu schnitzen, die unmittelbar aus dem Holz selbst
und aus Graines Visionen zu erwachsen schienen. Die Tochter der
Bodicea war zusammen mit Lanis in den Wald gegangen, um die gerade
gewachsenen Zweige und Äste zu schneiden. Später aber, als man ihr
ein Messer gab, um einen von ihnen so weit zurechtzuschnitzen, dass
er an den Hals einer der Speerspitzen passte, hatte Graine
stattdessen die Silhouette eines Hasen ausgeschnitzt, der das
Speerheft entlangrannte, umgeben von Spiralen und kleinen Kreisen,
die mit den Knoten und Ausformungen des Holzes zu verschmelzen
schienen, so dass, als Speerspitze und Heft schließlich
zusammengefügt wurden, die Muster auf dem Heft und die Traumlinien
in dem Metall sich aufs Vollkommenste miteinander verbanden.
Seitdem arbeiteten Mutter und Tochter jeden Tag
zusammen. Nach den Speeren hatten sie sich der Arbeit an den kurzen
Häutemessern mit nur einer Schneide zugewandt, welche die einzigen
anderen Waffen neben den Speeren waren, die das römische Gesetz
noch erlaubte. Breaca hatte die Klingen hergestellt, und Graine
hatte in Wachs oder Holz die Formen der Traumsymbole geschnitzt,
die dann in Kupfer oder Bronze gegossen werden sollten, um das Heft
des jeweiligen Messers zu bilden. In den vergangenen beiden Tagen
hatten sie mit der Arbeit an einem noch größeren Projekt begonnen:
der Herstellung eines goldenen Armreifs für Tagos, damit dieser
deutlicher als König zu erkennen war, wenn die jährlich im Frühjahr
stattfindende Versammlung der Delegierten der Stämme in Camulodunum
auf den Gouverneur traf.
Graine saß auf der festgestampften Erde, die den
Boden der Schmiede bildete, und schnitzte einen Schlangenspeer,
während Breaca vor ihrer Werkbank an der Rückwand des Raums stand
und Draht, der bereits sehr fein war, noch weiter auszog, so dass
man ihn später nach Art der Vorfahren zu einer Kordel drehen
konnte.
Breaca hatte ihre Frage mit sehr leiser Stimme und
nach einer langen Periode des Schweigens gestellt, und Graine hielt
inne, um über die Antwort nachzudenken. Halb fertig lag in ihren
Händen der Schlangenspeer. Es war bereits der dritte, den sie
anfertigte, und ein jeder unterschied sich ein wenig von seinen
Vorgängern, ganz so, als ob Graine jedes Mal etwas mehr darüber
lernte, wie er auszusehen hatte, aber noch nicht die vollkommene
Form gefunden hätte. Neben ihr lag Stone, der gerade von einer
wilden Jagd träumte, so dass seine Pfoten zuckten und seine Augen
unter den geschlossenen Lidern wild rollten. Draußen flog ein
Rotkehlchen heran und setzte sich auf den Rand eines Lederbottichs,
beugte sich hinab, um etwas Wasser zu trinken, und flatterte dann
wieder davon. Graine hörte den hohen Doppelton seines Rufes, sie
hörte die Krähen, und aus der noch nicht ganz außer Hörweite
liegenden Siedlung vernahm sie das Bellen eines Hundes.
Und hinter alledem lag nicht etwa Schweigen -
obwohl Graine das nicht aufgefallen wäre, hätte ihre Mutter nicht
ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Ganz still saß sie da, lauschte
konzentriert, und plötzlich sah sie, vielleicht, weil sie sich so
stark konzentrierte, die hauchfeine Wolke, die nicht mehr war als
eine leichte Verdichtung der Luft und die sie mittlerweile zu
erkennen gelernt hatte. Es erstaunte sie also nicht, als sie im
hinteren Teil der Schmiede schließlich die alte Frau sitzen sah,
welche nicht durch die Tür eingetreten war.
Doch das Erscheinen der Frau war kein gutes
Zeichen. In der Hoffnung, dass sie vielleicht wieder verschwände,
sagte Graine: »Ich glaube nicht, dass ich die Speere so hören kann
wie du. Ich habe gesehen, wie du die Klingen ausgehämmert hast, und
jede von ihnen hat ihren ganz eigenen Rhythmus, und du bist ein
Teil davon. Und ein Krieger, der die zu ihm passende Klinge
gefunden hat, wird sie bestimmt hören können. Ich aber kann nur das
Holz hören, nicht die Klingen, und was ich in dem Holz höre, ist
etwas anderes.« Ihre Mutter schaute auf und lächelte, sagte aber
kein Wort über die alte Frau, die auf dem Stapel von Häuten neben
der Werkbank saß, so dass Graine schließlich bemerkte: »Die Ältere
Großmutter ist hier.«
»Ist sie das?« Breaca lehnte sich zurück und zog so
mit ihrem eigenen Gewicht den Golddraht des gerade in der
Entstehung begriffenen königlichen Armreifs aus. Nun lächelte sie
nicht mehr. »Gibt es einen Grund dafür?«
Wenn der Geist der Großmutter erschien, so gab es
dafür immer einen Grund. Schon einmal war Graine die Übermittlerin
einer Nachricht von den Großmüttern an Breaca gewesen, und diese
Nachricht war nicht sonderlich freudig aufgenommen worden. Damals
nämlich hatten die Ahnen nicht etwa ihren Vater wieder aus Gallien
nach Hause geschickt, so wie man sie gebeten hatte, sondern den
Verräter-Bruder, der sich Valerius nannte.
Graine wollte nicht an einem weiteren Treuebruch
teilhaben. Sie blickte kurz zu der Großmutter hinüber und ebenso
rasch wieder zurück, genauso, wie Airmid es sie gelehrt hatte. Auf
diese Art wahrgenommen, war die alte Frau nämlich genauso real wie
Breaca, ein uraltes, verschrumpeltes Überbleibsel aus der
Vergangenheit, das sich in die Ecke der Schmiede drückte, gekleidet
in ihr bestes Zeug, als ob sie sich für eine Ratsversammlung
zurechtgemacht hätte, mit einem Fuchspelz, der ihr wie ein Umhang
den Rücken hinabhing und an seinen Enden mit kleinen Goldstückchen
und Adlerfedern beschwert war, sowie zwei Krähenschwingen, die nach
vorn über ihre schlaffen Brüste ragten und sich über der Vertiefung
ihres Brustbeins berührten.
Zu ihren Lebzeiten war die Großmutter sowohl der
sprichwörtliche Nagel zu Breacas Sarg gewesen als auch der größte
Segen in ihrem Leben, und davor wiederum Last und Geschenk in einem
für Airmid, damals, in jenen Jahren, in denen sie beide der vom
Alter blind und gebrechlich gewordenen Großmutter als Augen und als
Glieder gedient hatten. In ihrem Tod hatte die Großmutter die
spätere Bodicea durch deren drei lange Nächte der Einsamkeit
geführt und war seitdem regelmäßig in den Augenblicken der Not
wiedergekehrt, um Breaca den Weg zu weisen. Und sie war es auch
gewesen, die Breaca vor nicht allzu langer Zeit zu der Träumerin
der Ahnen geführt und ihr aufgezeigt hatte, wie sie den römischen
Gouverneur vernichten könnten; jene Hinrichtung, die so
schreckliche Folgen für sie alle gehabt hatte. Seitdem war die
Großmutter eher Graine erschienen als Breaca. Dies war das erste
Mal, dass sie sich zeigte, während Breaca und Graine beide zugegen
waren.
Misstrauisch blickte Graine sie an. Die Großmutter
grinste. Deutlich ließ sie ihre Stimme erschallen. Sag deiner
Mutter, dass sie aufhören soll, ihre Zeit damit zu verschwenden,
Klingen zu schmieden für ein Kriegsheer, das noch gar nicht
existiert.
Graine starrte auf den Boden. »Warum kannst du ihr
das nicht selbst sagen?« Sie stellte ihre Frage aber nicht laut.
Breaca beobachtete Graine, vermied es dabei jedoch angestrengt, in
die gegenüberliegende Ecke zu blicken.
In Graines Kopf ertönte das Lachen der Großmutter.
Deine Mutter hat entschieden, mich nicht hören zu wollen. Sie
hat sich vor uns verschlossen und meint, dadurch wäre sie jetzt
stärker geworden. Sag ihr, sie soll einen Satz Speere nach Art der
Kaledonier anfertigen und sie als Geschenk für den Gouverneur nach
Camulodunum mitnehmen. Das wird ihn stärker beeindrucken als ein
Armreif, der demjenigen, der ihn trägt, ja doch keine Macht
verleiht.
Breaca ließ den Golddraht los. Sprungartig rollte
er sich zu einer Spirale zusammen und fiel zu Boden. Mit
übertriebener Vorsicht legte sie ihre Kneifzange auf der Werkbank
ab.
Direkt an Graine gewandt sagte sie: »Rom weiß doch
ohnehin nichts von der Macht eines Königsreifs. Sie sehen bloß das
Gold und erkennen eine gute handwerkliche Arbeit. Aber weder
Tonomaris von den Coritani noch Berikos von den Atrebantern werden
irgendetwas Vergleichbares besitzen, und dadurch wird sich Tagos
von den anderen abheben, wenn wir nächsten Monat aufbrechen, um in
Camulodunum den Gouverneur zu treffen - und vielleicht bekommen wir
dann ja zusätzliche Handelsrechte. Wenn uns das also helfen sollte,
um im nächsten Winter die Verhungernden durchbringen zu können,
werde ich diesen Armreif in jedem Fall anfertigen. Und schon bald
werden wir auch ein Kriegsheer haben. Ich habe den vergangenen
Sommer damit verbracht, jene aufzuspüren, bei denen man darauf
vertrauen kann, dass sie sich mir auch tatsächlich anschließen
werden. Diesen Sommer werden wir sie für den Kampf ausbilden. Und
das ist nichts, das man mal eben so bewerkstelligen kann. Sag das
der Großmutter.«
»Sie kann dich hören«, entgegnete Graine und fügte
dann mit leicht verzweifeltem Unterton hinzu: »Und wenn du
hinschauen würdest, könntest auch du sie sehen.«
»Nein.« Breaca wollte nicht hinsehen. Mit steifen
Bewegungen nahm sie einen kleinen Rechen und harkte die Asche vom
Brennofen. Und ganz so, als ob der Vorschlag Graines Idee gewesen
wäre, fuhr Breaca fort: »Und warum soll ich ausgerechnet die
Reiherspeere anfertigen? Die sind doch schon seit der Zeit der
Ahnen nicht mehr benutzt worden. Ich weiß schließlich auch bloß
durch Ardacos von ihnen. Und selbst wenn das tatsächlich eine so
gute Idee wäre, müssten die Klingen doch aus unlegiertem Silber
angefertigt werden. Und womöglich reicht mein Silber dazu gar nicht
aus.«
Du hast genug Silber dafür. Es liegt in deiner
Arbeitskiste. Fertige drei Stück an, sprach die Großmutter und
nickte dazu. Bette sie in Eibenholz und blaue Wolle, und nimm
sie als dein Geschenk mit.
»Warum?«
Weil ich dich darum bitte, und ich habe dich
noch nie im Stich gelassen, egal, wie sehr du auch dieser Ansicht
sein magst. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wirst du
schon wissen, was du zu tun hast.
Das Lachen der alten Frau klang wie der Schrei
einer Krähe, und plötzlich war sie tatsächlich eine Krähe, und
schließlich nichts weiter als eine Art Verdichtung in der
zitternden Luft über dem Brennofen und der leise Ruf eines
Rotkehlchens, das in einer der Buchen draußen vor der Schmiede
saß.
Graine atmete mit einem tiefen Seufzer aus und sah,
dass der geschnitzte Schlangenspeer, der in ihrem Schoß lag,
zerbrochen war und dass sie noch einmal von neuem würde beginnen
müssen. Breaca stand am Schmiedefeuer mit dem Rechen in der einen
Hand und den Anfängen einer Speerspitze in der anderen. Genauso,
wie es bei ihrer Stimme der Fall gewesen war, so zeigte sich nun
auch ihr Gesicht bar jeden Humors und jeder Wärme. Graine starrte
auf den Boden und stellte fest, dass ihr Mund so trocken war, dass
sie noch nicht einmal mehr schlucken konnte. Ihre Mutter hatte
Seiten an sich, die Graine noch nie gesehen hatte und die sie auch
jetzt lieber nicht kennen lernen wollte.
»Du musst die Speere nicht anfertigen«, sagte sie.
»Aber wenn du es doch tust, dann weiß ich, wie ich die Hefte zu
schnitzen habe.«
Wie aus weiter Ferne kehrte Breacas Aufmerksamkeit
zurück, und es gab einen Augenblick, als Graine bereits glaubte,
dass sie sich getäuscht habe und dass sie sich gerade auf immer zu
einem Sprachrohr der Ahnen verdammt hatte.
Das Entsetzen darüber stand ihr offenbar geradezu
ins Gesicht geschrieben; Breaca sah Graine mit einem Stirnrunzeln
an, dann wandte sie den Blick ab, immer noch mit zerfurchter Stirn,
und schließlich schaute sie durch die Tür nach draußen und stieß
durch geblähte Wangen einmal kräftig die Luft aus. Als sie ihre
Tochter erneut anschaute, geschah es mit einem Aufblitzen jenes
scharfen, trockenen Humors, der ihre gesamte Familie auszeichnete.
»Hat dir die Großmutter denn auch gesagt, wie die Hefte angefertigt
werden sollen?«, fragte sie.
Ganz schwindelig vor Erleichterung erwiderte
Graine: »Vielleicht. Ich habe es zwar nicht geträumt, aber ich weiß
es trotzdem. Willst du sie denn gleich jetzt machen?«
»Nein. Ich will einen Speer für Cunomar anfertigen
und dann noch einen für Eneit, und dann will ich die beiden mit
hinausnehmen in den Wald und sie lehren, wie man auf die Gesänge
der Speere lauscht, so dass sie ihre Speerprüfungen nicht völlig
ohne Aussicht auf Erfolg antreten müssen. Aber das heißt ja nicht,
dass wir nicht beides schaffen können. Wir dürfen den nächsten
halben Monat lediglich nicht mehr schlafen oder essen oder auch nur
irgendetwas anderes machen, als das Metall in Form zu schmieden.
Und wir brauchen Airmids Hilfe; für dich allein ist das zu
gefährlich. Denn die Reiherspeere der Kaledonier sind sowohl ein
Traumwerk als auch ein Produkt der Schmiede.«
Das waren sie in der Tat, und es war ein sehr alter
Traum, noch älter sogar als die Ältere Großmutter und die Träumerin
der Ahnen, die beide erschienen, um bei der Herstellung behilflich
zu sein. Den folgenden halben Monat hindurch arbeiteten sie also
alle zusammen, und am Monatsende lagen auf der Werkbank ein
Königsreif, mit dem Tagos vielleicht den Gouverneur in Camulodunum
würde beeindrucken können, drei Reiherspeere mit silbernen Spitzen,
eingewickelt in Wolle und in eine Kiste aus Eibenholz verpackt, die
als Geschenk für ebenjenen Gouverneur dienen sollten, sowie zwei
weitere Speere für Cunomar und Eneit, die ebenso ein Produkt des
Träumens waren wie die kaledonischen Speerspitzen, den Traum aber
auf eine andere Art bewahrten und ohne die geradezu fühlbare
Verheißung des Todes.