X

 
Der Winter im ersten Jahr nach der Rückkehr der Bodicea zu den Eceni war nicht übermäßig streng, und doch versperrte der Schnee über vier ganze Monate die größeren Handelsstraßen, zum Schluss sogar die schmalen Pfade, bis letztlich sämtliche Siedlungen voneinander isoliert waren; und mit einem Mal - wie Tagos es ihr bereits vorausgesagt hatte - verstand Breaca, warum ihr Volk den Mut zum Kämpfen verloren hatte.
Die Alten waren als Erste gestorben, waren bereits in den Anfangsmonaten des Winters dahingerafft worden von der Kälte, einer Krankheit, dem Hunger oder auch einer Verbindung aus allen dreien. Unter den Toten waren auch acht von jenen, die einst die geheime Versammlung auf der Lichtung besucht hatten; acht Menschen weniger, die die Rückkehr der Bodicea für gut geheißen hatten; acht, die fortan nicht mehr zu den Versammlungen der Krieger erscheinen würden, die den Kämpfern keinen Mut mehr einflößen konnten.
Und für eine Weile besaß ihr Tod in der Tat eine gewisse Bedeutung; so als ob der Verlust dieser Menschen bei einem bis dahin noch überhaupt nicht aufgestellten Schlachtplan den Ausschlag geben könnte. Doch dann begannen auch die Kinder zu Grunde zu gehen, etwas, was in all den Jahren vor der Invasion noch nie vorgekommen war, bis zuletzt sogar die Menschen mittleren Alters folgten, jene, die doch eigentlich stark genug hätten sein müssen, um jegliche Winterkälte zu überleben, egal, wie streng diese auch sein mochte.
All das ähnelte viel zu sehr der Vision der Ahnin. Denn alles, was die Stämme vielleicht noch über den Winter hätte retten können, nahm Rom an sich, zur Begleichung der Steuern, bis die Legionen schließlich ein Land zurückließen, das völlig ausgemergelt war, zu stark abgeweidet und zu häufig bejagt. Die Menschen waren dünn wie Gerippe, und wenn ihre Kinder wie in der Vision tatsächlich Getreide geweint hätten, so hätten ihre Eltern es mit Dankbarkeit gegessen. Mit jedem neuen Todesfall nahm die Dringlichkeit zu, endlich eine Armee aufzustellen und die römischen Parasiten aus dem Land zu vertreiben. Doch mit jedem Todesfall schwand auch der Mut der Menschen und wurde ihr Wille zu kämpfen noch weiter untergraben.
Im Frühling, als der Schnee langsam wieder zu tauen begann und sowohl die Dringlichkeit als auch das Unvermögen zu kämpfen gleichermaßen groß waren, bereitete Breaca dem unaufhörlichen Kreisen ihrer Gedanken ein Ende, indem sie kurzerhand ihren Sohn, ihren Hund und ihren Speer nahm und auf die Jagd ging; denn das war das Beste und Sinnvollste, was sie im Augenblick tun konnte.
 
»Hier!«
Wie unter den Fellen eines Nachtlagers lag die Leiche unter einer Handbreit tauenden Schnees verborgen. Lediglich die Spitze des einen schräg aufgestellten Ellenbogens ragte daraus hervor und warf längliche Schatten über die weiße Decke. Stone war es, der die Leiche fand und sogleich dumpf bellend in die Schneewehe eintauchte.
»Cunomar! Hier drüben!«
Breaca ließ ihre Jagdtasche fallen, wandte sich von dem Pfad ab und stieg seitlich in das noch unberührte Gelände hinunter. Sie sank bis zu den Knien in den Schnee ein, und das stumpfe Ende ihres Jagdspeers diente ihr als Stütze, während sie sich Schritt für Schritt einen Weg durch die weiße Masse bahnte. Ermutigt verfiel der große, schieferblaue Hund in Schweigen und begann in einem Taumel endlich überwundener Frustration, in den Schnee zu beißen und sich der Länge nach hineinzuwerfen. Für ihn war der Winter nicht weniger hart gewesen als für Breaca, und ebenso überbordend war seine Freude, nun endlich wieder draußen im Freien herumtollen zu können.
Der Kern der Schneewehe war schon weggeschmolzen; denn trotz der Eiskruste, durch die Stone gerade hindurchbrach, nagte die Wärme des Frühlings bereits an dem Schneesockel. Der Hund buddelte mit Matsch durchsetzte Schneeklumpen aus, schleuderte sie hinter sich und ließ damit in dem strahlenden Sonnenlicht einen kleinen Regenschauer niederrieseln.
Breaca stützte sich auf ihren Speer und ließ Stone weiter seinem Vergnügen nachgehen, während sie beobachtete, wie langsam ein Mann freigelegt wurde, der aussah, als ob er lediglich schliefe, wären da nicht bereits die Ratten und Krähen gewesen, die ihn noch vor dem letzten Schneesturm entdeckt haben mussten, so dass ihm die Augen fehlten und Teile seiner Wange der Kälte geöffnet waren. Er war gut gekleidet; weder sein Umhang noch seine Tunika waren ihm genommen worden. Und das in einer Zeit, da die Kälte die meisten Todesopfer forderte und man die Verstorbenen üblicherweise erst einmal entkleidete, ehe ihre Körper den Göttern übergeben wurden. Auch hatte man ihn nicht wegen seines Reichtums getötet; knapp über seinem Ellenbogen war in einem etwas schrägen Winkel ein Armreif festgefroren, gefertigt aus dem gelblichen Gold der Silurer.
Stone winselte und stupste das Gesicht des Toten an. Breaca legte eine Hand auf die Schulterblätter des Hundes und schob ihn sanft fort. »Lass ihn in Ruhe. Unsere Hilfe kann ihn nicht mehr erreichen. Diesem hier konnte ohnehin niemand mehr helfen, noch ehe er starb.«
»Wem konnte niemand mehr - oh...«
Inzwischen hatte auch Cunomar sich seinen Weg durch die Schneeverwehungen gebahnt. Schwer atmend blieb er an Breacas Schulter stehen. Der dampfende Atem, den er ausstieß, stieg in kleinen Kräuseln um sie herum auf, und die harsche Kälte des Tages verschwamm für einen Augenblick. Cunomar war den Winter über noch etwas gewachsen, so dass sein Scheitel mittlerweile höher lag als Breacas Schulter und es noch schwieriger geworden war, ihm in die Augen zu schauen.
Er wollte sich gerade an seiner Mutter vorbeidrängen, erinnerte sich dann jedoch eines Besseren und fragte stattdessen: »Darf ich mal sehen?«
»Natürlich.«
Er kniete sich hin und betastete die Armspange und das zerfetzte Gesicht. Breaca beobachtete ihren Sohn, wie dieser die verschiedenen Anhaltspunkte registrierte und über sie nachdachte, und das alles auf eine Art und Weise, wie er es zuvor noch nicht getan hätte. Von all ihren Familienmitgliedern hatten die sechs Monate im Land der Eceni Cunomar am stärksten verändert. Seit er in den Osten gekommen war, hatte er in mehr als bloß in körperlicher Hinsicht an Größe gewonnen; tief drinnen in seiner Seele war er nun ruhiger, als der reizbare, nervöse Jugendliche es gewesen war, der seiner Mutter von der einen Küste bis hinüber an die andere gefolgt war und der sich den ganzen Weg über immer nur beklagt hatte.
Die Verheerungen des Winters hatten ganz sicherlich zu seiner Entwicklung mit beigetragen; niemand konnte die halb verhungerten Menschen ansehen, die Krankheit und Kälte schließlich gänzlich dahinrafften, ohne davon im Innersten berührt zu werden. Am meisten aber war Cunomars Wesen durch das Gefühl der Freundschaft geformt worden; und das Schlimme daran war, dass niemand schon früher erkannt hatte, dass Cunomar einfach nur Freunde brauchte. Auf Mona war er stets der Sohn der Bodicea gewesen, der als Gefangener nach Rom verschleppt worden war und sogar schon im Schatten seines eigenen Kreuzes gestanden hatte, aber dennoch lebend wieder zurückgekehrt war. Cunomar hatte also erfahren müssen, wie man ihn bereits als Halbwüchsigen zum Gegenstand von Heldenliedern erhob und ihn mit großen Augen musterte, während die anderen Jungen in seinem Alter ganz einfach nur ihre langen Nächte in der Einsamkeit erleben durften und schließlich als Männer zurückkehrten. Und keiner von ihnen, weder vor dem Ritual noch hinterher, mochte ihn seinen Freund nennen.
Die Eceni dagegen wussten nichts von dem Sohn der Bodicea, außer dass er ein Außenseiter war, und so war es nicht verwunderlich, als Cunomar sich mit einem anderen Außenseiter anfreundete. Eneit war ein drahtiger Junge mit dunklem Haar, und er war der Sohn von Lanis, der Rabenträumerin, die so geschickt die Versammlung der Ältesten aufgestachelt hatte, um Breaca wieder zurück zu ihrem Volk zu führen. Für seine jungen Jahre war Eneit bereits recht erwachsen - Lanis duldete keinerlei Kindereien bei den Menschen in ihrer Umgebung. Doch er war auch von einer unerschütterlichen Fröhlichkeit und hegte gegenüber niemandem einen Groll, und sogar Cunomars schlechte Laune war immer wieder und wieder an Eneit abgeprallt, bis sie sich schließlich von ganz allein verzog.
In der unerträglichen Langeweile des Winters war Cunomars langsames Auftauen also ein Funke der Hoffnung gewesen, für den Breaca täglich aufs Neue dankte. Cunomar war zwar noch nicht ganz so wie sein Vater und auch nicht wie Ardacos, den er sehr verehrte, doch er hatte dennoch genug von beiden in sich sowie einige Charakterzüge, die nur ihm zu Eigen waren, so dass Breaca ziemlich deutlich sehen konnte, was einmal aus Cunomar werden könnte, wenn die Götter ihm auch weiterhin die Zeit zum Wachsen und Gedeihen gewährten.
Den Kern seines möglichen späteren Wesens zeigte er bereits jetzt, während er sich vorbeugte, um die zerdrückte Masse aus zusammengefallenem Schnee und der darunter liegenden Leiche zu mustern. Nach einer Weile legte er die Hand über das tote Gesicht. Bleich wie Wachs rutschte die Haut unter seinen Fingern hin und her, und der Kopf fiel schlaff zur Seite. Dann ließ er sich auf seine Fersen zurücksinken und sagte: »Kein Opfer des Winters.«
Und das war noch eine maßlose Untertreibung. Selbst Ardacos hätte es nicht knapper formulieren können. Breaca lächelte und spürte, wie die von der beißenden Kälte ausgetrocknete Haut ihres Gesichts zwickte. »Nein«, stimmte sie ihm zu, »kein Opfer des Winters. Und er wurde auch nicht wegen seines Reichtums oder seiner Waffen ermordet.«
Denn der Fremde war nicht unbewaffnet gewesen, als er starb. Direkt neben ihm lag sein Messer und ein kleines Stückchen weiter entfernt auch sein Speer. Vielleicht hatte er sie sogar beide zu seiner Verteidigung eingesetzt, aber offensichtlich ohne Erfolg, denn zum Zeitpunkt seines Todes waren die Klingen der Waffen sauber entzweigebrochen, und die beiden Hälften jeder Waffe lagen nun jeweils ein Stückchen voneinander entfernt, wobei die Spitzen umgedreht waren, so dass sie in Richtung des Hefts zeigten. Jemand musste sie also - immer vorausgesetzt, man ging nicht einfach von einem sehr unglücklichen Zufall aus - genau so arrangiert haben.
Breaca nahm die beiden Einzelteile des Messers auf und legte sie an ihr jeweiliges Gegenstück, so dass die Waffe schließlich wieder ganz war. Es war bereits zehn Jahre her, seit die Römer ihre Rache über die Dörfer der Eceni hatten hereinbrechen lassen und, um ihren Sieg über den Stamm zu vervollkommnen, die Klingen der Krieger zerstört hatten. Unter den Träumern aber existierte der Brauch, die Waffen von überführten Verrätern entzweizubrechen, und diesen Brauch hatte es schon seit vielen, vielen Generationen gegeben, bevor die Legionen anlandeten; das Eisen war bloß das Erste, was in solchen Fällen zerbrochen wurde. Denn das Sterben dieser Menschen war stets ein langsames, und lange Zeit und ungeschützt lag die Seele eines Verräters offen, ehe der Tod sie endlich erlöste. Kein Stamm nahm einen Verrat jemals leichtfertig hin.
Dieser Mann hier war zwar rasch gestorben, was in den Zeiten vor dem Einmarsch Roms anders verlaufen wäre, doch der Grund für seinen Tod hätte nicht offensichtlicher sein können.
»Ein Verräter.« Cunomar legte die beiden Hälften der Speerklinge auf die gleiche Art wieder zusammen, wie Breaca mit dem Messer verfahren war. »Wer war er?«
»Einer, den wir besser von Anfang an im Auge hätten behalten sollen, vermute ich.«
Breaca schob die Hand unter den zerfressenen Schädel und hob ihn an. Die linke Hälfte des Gesichts war verschwunden, in den Kieferknochen waren aber noch die Einprägungen der Zahnwurzeln zu erkennen. Beide Augenhöhlen waren sauber ausgefressen, und am Hinterkopf, dort, wo der Haarschopf endete und in die nackte Haut überging, waren kleine Büschel von rötlichem Haar ausgerissen worden. Was von seinem Fleisch noch übrig war, hing locker am Knochen und verwischte die Gesichtszüge zu einer Karikatur jenes übererregten Kriegers, der damals bei der Versammlung der Ältesten auf einen Baumstumpf gesprungen war, seine Stimme über den Lärm erhoben hatte und die Bodicea wieder dorthin hatte zurückschicken wollen, wo sie hergekommen war.
Breaca kannte zwar nicht seinen Namen, doch sein Gesicht zu vergessen war unmöglich - denn ein Krieger, der seine Meinung so glühend verteidigt hatte wie dieser hier, hätte Breaca und ihre Familie trotz des Misserfolgs seiner ersten Rede sicherlich noch nicht so schnell in Ruhe gelassen.
Noch im Wald, bei der Versammlung der Ältesten, hatte sie bereits gefragt: »Und wie lange wird es dauern, bis irgendeiner aus deinem Haushalt uns verrät?« Und Tagos, ganz entspannt, hatte lediglich entgegnet: »Ich glaube nicht, dass uns irgendeiner verraten würde. Aber wenn ich mich irren sollte, müsste ich auf alle Fälle mit dir sterben.« Breaca hatte ihn damals beim Wort genommen, was sehr leichtsinnig gewesen war.
»Ich habe den ganzen Winter damit verbracht, mir Sorgen darüber zu machen, wie wir eine Armee auf die Beine stellen sollen, während der hier«, sie öffnete ihre Hand, und der Kopf, nur noch locker mit dem Rumpf verbunden, fiel zurück, »die Zeit dafür verwendete zu planen, wie er uns an Rom verraten könnte. Sie haben ihm das Genick gebrochen, was noch gnädig war. Ich frage mich, warum.«
»Und vor allem wer?« Cunomar versetzte dem Kopf einen Stoß mit dem Zeh. »Tagos kann ihn nicht getötet haben. Um einem Mann das Genick zu brechen, braucht man zwei Hände, und Tagos hat bloß eine.«
»Nein.« Selbst in diesem Durcheinander von unbeantworteten Fragen waren einige Dinge von vornherein klar gewesen. »Als der Schnee gerade zu tauen anfing«, antwortete Breaca, »hatte er Gaius und Titus auf die Jagd geschickt. Doch sie kehrten ohne jegliche Jagdausbeute wieder zurück. Da habe ich mich noch verwundert gefragt, weshalb sie trotzdem so zufrieden aussahen.«
»Das war vor vier Tagen.«
»Ich weiß. Wenn unser temperamentvoller Verräter es also geschafft haben sollte, Camulodunum mit seinen Neuigkeiten zu erreichen, und bereits wieder auf dem Rückweg war, dann sind wir schon so gut wie tot.«
Breaca wusch sich die Hände im Schnee. Wie wütende Ratten bissen kleine Eissplitter in ihre Finger. Stone, der merkte, dass Breaca aus irgendeinem Grund beunruhigt war, kam zu ihr herüber, drückte sich an ihren Oberschenkel und wurde herzlich empfangen. Breaca starrte in Richtung Süden, dorthin, wo Weiß auf fleckenloses Blau traf, und sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse klopfte. In einer Schlacht zu kämpfen war leicht, und ein Teil von ihr sehnte sich bereits danach. Der beherrschendere Teil von ihr aber verlangte, Vorsicht walten zu lassen und sich zu gedulden, die Versammlung der Krieger abzuwarten - und bat um Zeit, Zeit, die ihr womöglich nicht mehr gewährt werden würde.
»Was meinst du, ob die Legionen wohl auch über so hohen Schnee marschieren können?«
»Wenn man Tagos so reden hört, können sie ja praktisch alles.« Cunomar hatte sich vorgebeugt und schnitt gerade eine Haarsträhne vom Kopf des Mannes. Verbrannte man diese über den nächtlichen Feuern, und sänge Airmid die richtigen Worte dazu, so würde ihn dies auch in den Ländern jenseits des Lebens für immer als Verräter brandmarken. »Das kann zwar unmöglich wahr sein, aber ich glaube, um die Bodicea in ihre Gewalt zu bekommen, würden sie sich einen Weg durch den Schnee graben, zur Not sogar von der Ozeanküste bis in die entlegensten Winkel der Welt. Und selbst bei diesem Wetter kann es nicht mehr als ein viertägiger Marsch sein von Camulodunum bis zu uns. Wenn sie also tatsächlich auf dem Weg hierher wären, dann hätten wir sie mittlerweile gesehen.«
»Vielleicht.«
Wie weißer Nebel schien sich das Schweigen über sie zu legen. Stone winselte und grub ziellos in der Schneewehe. Er spürte den Schmerz der Gefahr und wusste doch nicht, was der Anlass dazu war. Der Wind wehte aus Westen und stäubte eine zarte Schicht Schnee über den toten Verräter.
»Wenn sie tatsächlich kommen«, meinte Breaca, »gibt es nichts mehr, was wir noch dagegen ausrichten könnten. Dann können wir sie einfach nur empfangen und hoffen, dass wir eines schnellen Todes sterben dürfen. Wenn sie aber nicht kommen, haben wir jetzt die Zeit, um herauszufinden, ob dieser Mann womöglich Anhänger hatte, die sich ebenfalls seiner Sache verschworen hatten - und ob wir die vielleicht noch an ihrem Vorhaben hindern können.«
Der feine Schnee hatte die Leiche fast schon wieder bedeckt. Mit tauben Fingern ließ Breaca die Armspange vom Ellenbogen des Toten schnappen, dann hakte sie ihm auch noch das zerbrochene Messer von seinem Gürtel ab. »Ich werde das Messer wieder zusammenschmieden. Es ist an der Zeit, dass ich wieder meine Schmiede öffne. Seine Familie kann die Armspange haben. Und falls sie bereits erwogen haben sollten, seinem Vorbild zu folgen, wird sie das ja vielleicht veranlassen, sich ihr Vorhaben noch einmal gründlich zu überlegen.«
»Und Tagos?« Cunomar musterte sie mit einem zaghaften Lächeln. Die beißende Kälte schnitt ihm zehn zusätzliche Jahre in die Gesichtszüge. »Er hatte befohlen, den Mann töten zu lassen, ohne uns etwas davon zu sagen.«
»Ich weiß.« Dieser Gedanke gärte bereits seit dem Augenblick in Breaca, als sie begriffen hatte, was Stone da eigentlich entdeckt hatte. Sie erhob sich und erwiderte: »Auch Tagos werde ich Anlass dazu geben, über sein Verhalten gründlich nachzudenken.«
 
»Ich weiß nicht, ob er bis nach Camulodunum durchgekommen ist. Gaius und Titus meinen, dass er es nicht geschafft hätte, aber es war dunkel und es schneite, und sie hatten sich nicht die Zeit genommen, ihn ausführlich zu befragen.«
»Und du hattest beschlossen, mir nichts davon zu erzählen.« Kalter Zorn hatte von Breaca Besitz ergriffen, und jedes einzelne Wort war eine weithin hallende Anschuldigung. Sie stand in der Tür zu Tagos’ innerer Kammer und strengte sich an, in dem schwachen Licht so viel wie möglich zu erkennen. Nach dem beißenden Schneetreiben schien ihr die von den Lampen nur unzureichend durchbrochene Dunkelheit noch düsterer, als sie zu ertragen vermochte.
Tagos war vor ihr zurückgewichen und hatte sich in die dunkelste Ecke des Raumes verkrochen. Während des gesamten Winters hatte er noch kein einziges Mal das wahre Ausmaß ihres Zorns erfahren, geschweige denn gelernt, ihn zu fürchten.
»Was hättest du denn getan? Wärst du zurückgegangen, um eure Schwerter zu holen, und hättest dann zu einem Sturmangriff auf Camulodunum angesetzt mit nichts weiter als drei Kriegern, einem Sänger und einem Jungen, der noch immer nicht begriffen hat, dass Mut nichts mit lauten Worten und unkontrollierten Handlungen zu tun hat? Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich dir nichts davon erzähle. Es war doch nicht nötig, dass wir beide fortan in Angst lebten.« Tagos versuchte, sich in gerechte Empörung zu flüchten, was nicht neu war. Deutlich zeichneten sich dunkle Ränder unter seinen Augen ab, Schatten einer noch viel tiefer sitzenden Angst.
Breaca drückte ihre Handfläche gegen den Türpfosten, drückte so hart, bis ihr Fleisch weiß wurde. Doch der Pfosten war fest verankert und würde nicht nachgeben, und gerade dieser Widerstand verschaffte Breaca eine gewisse Erleichterung, so dass sie ihre Gedanken auf jene Dinge richten konnte, die wirklich von Bedeutung waren.
»Du hattest darauf geschworen«, erwiderte Breaca, »vor Lanis’ versammeltem Rat, dass es nicht einen einzigen Eceni gäbe, der sein Volk so sehr hasste, dass er uns hintergehen würde. Dieser Mann aber stand weniger als eine Speerlänge von dir entfernt, als du deinen Schwur ablegtest. Und er hatte unmittelbar vor dir gesprochen. Er hatte dich gesehen, er hatte dich gehört, und er kannte dich. Und ich kann nicht glauben, dass du ihn nicht ebenso gut gekannt haben solltest.«
»Dann hältst du mich also für einen Lügner.«
»Ich warte auf eine Erklärung, die mir beweist, dass du es nicht bist.«
»Himmel, Breaca...« Tagos’ Stimme brach, und er wirbelte herum zu den an der gegenüberliegenden Wand aufgereihten Kisten. Breaca trat einen Schritt vor und versperrte ihm den Weg. Der Wein, der sein Ziel gewesen war, lag nun hinter ihr, war für ihn unerreichbar geworden. Er zischte durch die Zähne und wandte sich wieder um. Seine linke Hand krampfte sich hart um den Stumpf seines halben Armes.
Nun strömten die Antworten geradezu aus ihm hinaus, knapp und abgehackt durch seine Angst und das Verlangen, seine Ehre zu retten.
»Der Name des toten Mannes war Setanos. Er war ein Krieger der nördlichen Eceni, und er war verwundet worden bei der Schlacht an der Salmfalle, die damals von Dubornos angeführt wurde. In jener Schlacht verlor er sowohl Freunde als auch Familienangehörige - aber so ist es schließlich jedem von uns ergangen, und wir sind deswegen noch lange keine Verräter geworden. Später aber, als er noch immer von zu Hause fort war, weil er in dem Rückzug aus der Schlacht feststeckte, und die Legionen bereits ihre Vergeltungsschläge gegen die Dörfer führten, verlor er auch noch die Mutter seiner Kinder. Sie war zu jenem Zeitpunkt schwanger und konnte nicht kämpfen. Und er war nicht da, um entweder mit ihr zu sterben oder zu kämpfen, wie es die Ehre verlangt. Dafür hasste er sich selbst, und er hasste Rom, noch mehr aber hasste er Dubornos und durch ihn auch dich. Zehn Jahre lang hatte er auf die Gelegenheit gewartet, an euch beiden Rache zu üben. Doch als ich auf der Versammlung sprach, wusste ich noch nichts von alledem, das schwöre ich.«
»Später aber hast du es herausgefunden und beschlossen, mir trotzdem nichts zu sagen.«
Tagos drehte sich ruckartig um, und im Schein der Lampen leuchteten seine Augen plötzlich unnatürlich hell. »Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe Maßnahmen ergriffen, um diesen Fehler wieder zu berichtigen, und, nein, ich hatte es nicht für nötig gehalten, dir davon zu erzählen. Hättest du denn anders gehandelt?« Sein Blick schweifte zu Breaca hinüber und dann gleich wieder fort, unfähig, einer Begegnung mit ihrem Blick standzuhalten.
Er wollte auf keinen Fall von ihr bemitleidet werden; so viel hatte sie der Winter bereits gelehrt, und dennoch, selbst durch die langsam verebbende Flut ihres Zorns bemitleidete Breaca ihn und konnte daran nichts ändern. Er war wie ein junger Hund, der sich ihr an die Fersen heftete, und er wusste auch gar nicht, wie er sich in ihrer Gegenwart denn anders verhalten sollte. Sie ließ sich gegen die Wand zurücksinken, wo ihre Gesichtszüge weniger klar zu erkennen waren, versuchte, sich wieder zu beruhigen, und fand diese Ruhe schließlich in der Erinnerung an das Gesicht des toten Mannes.
»War Setanos in seinem Hass allein?«, fragte sie.
»Nein. Sie waren stets zu viert: eine Cousine, die die Halbschwester jener Frau war, die starb, und zwei Brüder von ihm, die ihr Dorf verloren, als die Römer ihre Vergeltungsmaßnahmen ausübten.«
»Und wo sind die anderen jetzt?«
Tagos schnaubte spöttisch. »Tot, natürlich. Ich mag ja vielleicht dumm sein, aber ich bin nicht lebensmüde. Und auch, wenn du der Ansicht bist, dass ein langsamer Tod durch römische Hand dir deinen Platz in den Heldenliedern des Winters sichern würde - dein Sohn jedenfalls ist davon überzeugt, dass es so kommen wird -, so würde ich es doch immer noch vorziehen, die Lieder über mich mit meinen eigenen Ohren zu hören, als Lebender. Gaius und Titus haben die anderen drei getötet, genauso, wie sie diesen hier getötet haben. Er war der Letzte. Und sobald der Schnee schmilzt, wird man ihre Leichen finden. Aber wenn wir Glück haben, dann haben die Wölfe und die Aasvögel ihre Leichen bis dahin bereits bis auf die Knochen abgenagt, so dass wenigstens keiner erfährt, wie sie gestorben sind.«
»Die Familien werden es wissen«, widersprach Breaca. »Vier Krieger sind alle mit dem gleichen Ziel ausgezogen, und keiner von ihnen kam zurück. Die Hinterbliebenen werden auf etwas in dieser Art bereits gewartet haben.«
»Und genau das ist es auch, was sie davon abhalten wird, noch einmal irgendjemand anderen loszuschicken.« Tagos grinste zurückhaltend. »Denn das ist eine Lektion, die wir von den Römern bereits gelernt haben: Mit Gold und Geschenken kannst du dir vielleicht Versprechen erkaufen, aber mit dem Gestank des Todes erkaufst du dir Angst, und die hält wesentlich länger an. Wir müssen jetzt nur darum beten, dass diese Angst schwerer wiegt als der Zorn, der nach Rache verlangt.«
Er war überzeugt von dem, was er sagte, oder zumindest wollte er, dass sie ihm das glaubte. Breaca stellte fest, dass sie plötzlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft hatte. Draußen hatte Graine Stone gefunden und spielte mit ihm. Ganz in der Nähe waren auch Cunomar und Eneit, die ihre Scheinkämpfe mit einer solchen Begeisterung austrugen, dass ihre lauten Stimmen sogar noch die wilde, lärmende Wiedervereinigung von Kind und Hund übertönten. Wenn Breaca also tatsächlich eine Armee aufstellen wollte, dann hatte sie in diesen beiden Jungen zumindest schon einmal zwei gefunden, die mit ganzem Herzen bei der Sache wären; man müsste sie nur noch mit Waffen ausstatten und ihnen zeigen, wie man kämpfte, ohne gleich dabei umzukommen.
»Wenn du meinst, dass es nützt«, erwiderte sie an Tagos gewandt, »kannst du ja gerne darum beten, dass die Angst in den Herzen unseres Volkes das Verlangen nach Rache überwiegt. Ich für meinen Teil werde eine Schmiede erbauen, um die Speere herzustellen, mit denen ich dann all jene Krieger ausrüsten werde, die ich noch irgend zusammenrufen kann, und all das in der inbrünstigen Hoffnung, dass die Angst eben nicht die Rache tötet.«
»Und wenn die Legionen kommen?«
»Und wenn die Legionen kommen, werden jene von uns, die gegen sie kämpfen können, das auch tun und schließlich dabei umkommen - so, wie wir es schon immer gehalten haben.«
 
Doch die Legionen kamen nicht, so dass Breaca während der Tage des Wartens nach der Art ihres Vaters aus Felsgestein ihre neue Schmiede erbaute. Zum Decken des Daches verwendete sie Grassoden, denn die konnte man auch in der Trockenheit des Sommers noch feucht halten. Die Pläne für den Bau der Schmiede hatte sie bereits im Winter angefertigt; das Sammeln der Steine und die eigentlichen Bauarbeiten nahmen weniger als fünf Tage in Anspruch. Allerdings musste Breaca während dieser Zeit stets sowohl den Bau im Auge behalten, als auch immer wieder in Richtung Süden spähen, wo Cygfa und Ardacos, Cunomar und Dubornos Wache hielten und ein Signalfeuer entzünden wollten, von dem weißer Rauch aufsteigen sollte, sobald sie die Legionen den Karrenweg hinaufmarschieren sahen.
Aber es war kein weißer Rauch zu erkennen. Der Schnee auf dem Karrenpfad schmolz dahin, und die einzigen Ankömmlinge waren zwei Salz- und Eisenhändler aus dem Südwesten, die jetzt als Bezahlung Gold verlangten, während sie früher stets Getreide gewollt hatten oder Hunde und Erzeugnisse aus Metall. Aber Gold konnte man trotz allem nicht essen; und die Truhen des Königs der Eceni waren noch immer voll davon, obgleich seine Kornspeicher bereits leer waren.
Mit Tagos’ Gold kaufte Breaca Eisen und versprach ihm, die Summe mit Zinsen wieder zurückzuzahlen. In der Nähe der Schmiede sammelten Cunomar und Eneit Holz für die Feuer. Den Jungen versprach Breaca Speere als Lohn für ihre Mühe. Und Lanis führte Breaca schließlich an einen Platz, einen Tagesritt von ihrer Behausung entfernt, wo Eschen und Eiben gepflanzt worden waren, jeweils zwischen zwei stützenden Stangen eingespannt, damit sie gerade wuchsen und sich aus ihren Ästen später Speerhefte anfertigen ließen. Lanis verlangte jedoch keinerlei Bezahlung, sie wollte nur, dass die Legionen möglichst rasch aus dem Land vertrieben würden.
Einen halben Monat, nachdem Stone aus dem Schnee die Leiche des Verräters ausgegraben hatte, zog Breaca sich erstmals wieder eine Lederschürze über den Kopf und band sie mit den vorgeschriebenen Gesten jenes kleinen Rituals zusammen, das ihr einst ihr Vater beigebracht hatte und das darin mündete, dass sie den Schmelzofen ihrer Schmiede entzündete. Schließlich loderte ein Feuer auf, gespeist von Spalten von Apfelbaumholz, von Kiefernzapfen, trockenem Stroh und einigen Haaren aus dem Schweif einer hochträchtigen Zuchtstute.
Angefacht von neuen, in den Scharnieren noch etwas steifen Blasebalgen, wuchs das Feuer, bis es kleine Zweige verbrannte und schließlich ganze Holzscheite. Nach einer Weile fütterte sie es mit Holzkohle, bis die Flammen in seinem Herzen in der Farbe der Mittagssonne loderten. Das Eisen, das Breaca in den Glutherd des Feuers gelegt hatte, wurde langsam weich und weißlich und nahm, nach einiger sorgfältiger Bearbeitung, die Form einer Speerspitze an.
Für den Rest des Monats verdrängten die Gerüche von glühendem Metall und brennendem Leder, von Holzkohle und Rauch, von Schweiß und Blut und Speichel die feuchten, irdenen Gerüche von Stein und Grassoden. Der Stapel von Roheisen hinter der Schmiede der Bodicea verwandelte sich mit immer größerer Geschwindigkeit in einen Haufen aus Speerspitzen, die nur noch auf ihre Hefte und ihre Krieger warteten.
»Kannst du sie singen hören?«
»Was?«
»Die Speere. Kannst du sie singen hören?«, fragte Breaca Graine eines Nachmittags, als der Frühling in voller Blüte stand und die beiden allein in der Schmiede saßen.
Dieses eine Mal waren die Feuer nicht entzündet worden; für ihre derzeitigen beiden Vorhaben brauchte Breaca kein Schmiedefeuer, und Graine war darauf ohnehin noch nie angewiesen gewesen, um ihre Schnitzereien anzufertigen. Schon früh hatten sie erkannt, dass die Tochter der Bodicea, obgleich sie wohl niemals eine Kriegerin werden würde, das Talent besaß, Muster und Formen in die Speerhefte zu schnitzen, die unmittelbar aus dem Holz selbst und aus Graines Visionen zu erwachsen schienen. Die Tochter der Bodicea war zusammen mit Lanis in den Wald gegangen, um die gerade gewachsenen Zweige und Äste zu schneiden. Später aber, als man ihr ein Messer gab, um einen von ihnen so weit zurechtzuschnitzen, dass er an den Hals einer der Speerspitzen passte, hatte Graine stattdessen die Silhouette eines Hasen ausgeschnitzt, der das Speerheft entlangrannte, umgeben von Spiralen und kleinen Kreisen, die mit den Knoten und Ausformungen des Holzes zu verschmelzen schienen, so dass, als Speerspitze und Heft schließlich zusammengefügt wurden, die Muster auf dem Heft und die Traumlinien in dem Metall sich aufs Vollkommenste miteinander verbanden.
Seitdem arbeiteten Mutter und Tochter jeden Tag zusammen. Nach den Speeren hatten sie sich der Arbeit an den kurzen Häutemessern mit nur einer Schneide zugewandt, welche die einzigen anderen Waffen neben den Speeren waren, die das römische Gesetz noch erlaubte. Breaca hatte die Klingen hergestellt, und Graine hatte in Wachs oder Holz die Formen der Traumsymbole geschnitzt, die dann in Kupfer oder Bronze gegossen werden sollten, um das Heft des jeweiligen Messers zu bilden. In den vergangenen beiden Tagen hatten sie mit der Arbeit an einem noch größeren Projekt begonnen: der Herstellung eines goldenen Armreifs für Tagos, damit dieser deutlicher als König zu erkennen war, wenn die jährlich im Frühjahr stattfindende Versammlung der Delegierten der Stämme in Camulodunum auf den Gouverneur traf.
Graine saß auf der festgestampften Erde, die den Boden der Schmiede bildete, und schnitzte einen Schlangenspeer, während Breaca vor ihrer Werkbank an der Rückwand des Raums stand und Draht, der bereits sehr fein war, noch weiter auszog, so dass man ihn später nach Art der Vorfahren zu einer Kordel drehen konnte.
Breaca hatte ihre Frage mit sehr leiser Stimme und nach einer langen Periode des Schweigens gestellt, und Graine hielt inne, um über die Antwort nachzudenken. Halb fertig lag in ihren Händen der Schlangenspeer. Es war bereits der dritte, den sie anfertigte, und ein jeder unterschied sich ein wenig von seinen Vorgängern, ganz so, als ob Graine jedes Mal etwas mehr darüber lernte, wie er auszusehen hatte, aber noch nicht die vollkommene Form gefunden hätte. Neben ihr lag Stone, der gerade von einer wilden Jagd träumte, so dass seine Pfoten zuckten und seine Augen unter den geschlossenen Lidern wild rollten. Draußen flog ein Rotkehlchen heran und setzte sich auf den Rand eines Lederbottichs, beugte sich hinab, um etwas Wasser zu trinken, und flatterte dann wieder davon. Graine hörte den hohen Doppelton seines Rufes, sie hörte die Krähen, und aus der noch nicht ganz außer Hörweite liegenden Siedlung vernahm sie das Bellen eines Hundes.
Und hinter alledem lag nicht etwa Schweigen - obwohl Graine das nicht aufgefallen wäre, hätte ihre Mutter nicht ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Ganz still saß sie da, lauschte konzentriert, und plötzlich sah sie, vielleicht, weil sie sich so stark konzentrierte, die hauchfeine Wolke, die nicht mehr war als eine leichte Verdichtung der Luft und die sie mittlerweile zu erkennen gelernt hatte. Es erstaunte sie also nicht, als sie im hinteren Teil der Schmiede schließlich die alte Frau sitzen sah, welche nicht durch die Tür eingetreten war.
Doch das Erscheinen der Frau war kein gutes Zeichen. In der Hoffnung, dass sie vielleicht wieder verschwände, sagte Graine: »Ich glaube nicht, dass ich die Speere so hören kann wie du. Ich habe gesehen, wie du die Klingen ausgehämmert hast, und jede von ihnen hat ihren ganz eigenen Rhythmus, und du bist ein Teil davon. Und ein Krieger, der die zu ihm passende Klinge gefunden hat, wird sie bestimmt hören können. Ich aber kann nur das Holz hören, nicht die Klingen, und was ich in dem Holz höre, ist etwas anderes.« Ihre Mutter schaute auf und lächelte, sagte aber kein Wort über die alte Frau, die auf dem Stapel von Häuten neben der Werkbank saß, so dass Graine schließlich bemerkte: »Die Ältere Großmutter ist hier.«
»Ist sie das?« Breaca lehnte sich zurück und zog so mit ihrem eigenen Gewicht den Golddraht des gerade in der Entstehung begriffenen königlichen Armreifs aus. Nun lächelte sie nicht mehr. »Gibt es einen Grund dafür?«
Wenn der Geist der Großmutter erschien, so gab es dafür immer einen Grund. Schon einmal war Graine die Übermittlerin einer Nachricht von den Großmüttern an Breaca gewesen, und diese Nachricht war nicht sonderlich freudig aufgenommen worden. Damals nämlich hatten die Ahnen nicht etwa ihren Vater wieder aus Gallien nach Hause geschickt, so wie man sie gebeten hatte, sondern den Verräter-Bruder, der sich Valerius nannte.
Graine wollte nicht an einem weiteren Treuebruch teilhaben. Sie blickte kurz zu der Großmutter hinüber und ebenso rasch wieder zurück, genauso, wie Airmid es sie gelehrt hatte. Auf diese Art wahrgenommen, war die alte Frau nämlich genauso real wie Breaca, ein uraltes, verschrumpeltes Überbleibsel aus der Vergangenheit, das sich in die Ecke der Schmiede drückte, gekleidet in ihr bestes Zeug, als ob sie sich für eine Ratsversammlung zurechtgemacht hätte, mit einem Fuchspelz, der ihr wie ein Umhang den Rücken hinabhing und an seinen Enden mit kleinen Goldstückchen und Adlerfedern beschwert war, sowie zwei Krähenschwingen, die nach vorn über ihre schlaffen Brüste ragten und sich über der Vertiefung ihres Brustbeins berührten.
Zu ihren Lebzeiten war die Großmutter sowohl der sprichwörtliche Nagel zu Breacas Sarg gewesen als auch der größte Segen in ihrem Leben, und davor wiederum Last und Geschenk in einem für Airmid, damals, in jenen Jahren, in denen sie beide der vom Alter blind und gebrechlich gewordenen Großmutter als Augen und als Glieder gedient hatten. In ihrem Tod hatte die Großmutter die spätere Bodicea durch deren drei lange Nächte der Einsamkeit geführt und war seitdem regelmäßig in den Augenblicken der Not wiedergekehrt, um Breaca den Weg zu weisen. Und sie war es auch gewesen, die Breaca vor nicht allzu langer Zeit zu der Träumerin der Ahnen geführt und ihr aufgezeigt hatte, wie sie den römischen Gouverneur vernichten könnten; jene Hinrichtung, die so schreckliche Folgen für sie alle gehabt hatte. Seitdem war die Großmutter eher Graine erschienen als Breaca. Dies war das erste Mal, dass sie sich zeigte, während Breaca und Graine beide zugegen waren.
Misstrauisch blickte Graine sie an. Die Großmutter grinste. Deutlich ließ sie ihre Stimme erschallen. Sag deiner Mutter, dass sie aufhören soll, ihre Zeit damit zu verschwenden, Klingen zu schmieden für ein Kriegsheer, das noch gar nicht existiert.
Graine starrte auf den Boden. »Warum kannst du ihr das nicht selbst sagen?« Sie stellte ihre Frage aber nicht laut. Breaca beobachtete Graine, vermied es dabei jedoch angestrengt, in die gegenüberliegende Ecke zu blicken.
In Graines Kopf ertönte das Lachen der Großmutter. Deine Mutter hat entschieden, mich nicht hören zu wollen. Sie hat sich vor uns verschlossen und meint, dadurch wäre sie jetzt stärker geworden. Sag ihr, sie soll einen Satz Speere nach Art der Kaledonier anfertigen und sie als Geschenk für den Gouverneur nach Camulodunum mitnehmen. Das wird ihn stärker beeindrucken als ein Armreif, der demjenigen, der ihn trägt, ja doch keine Macht verleiht.
Breaca ließ den Golddraht los. Sprungartig rollte er sich zu einer Spirale zusammen und fiel zu Boden. Mit übertriebener Vorsicht legte sie ihre Kneifzange auf der Werkbank ab.
Direkt an Graine gewandt sagte sie: »Rom weiß doch ohnehin nichts von der Macht eines Königsreifs. Sie sehen bloß das Gold und erkennen eine gute handwerkliche Arbeit. Aber weder Tonomaris von den Coritani noch Berikos von den Atrebantern werden irgendetwas Vergleichbares besitzen, und dadurch wird sich Tagos von den anderen abheben, wenn wir nächsten Monat aufbrechen, um in Camulodunum den Gouverneur zu treffen - und vielleicht bekommen wir dann ja zusätzliche Handelsrechte. Wenn uns das also helfen sollte, um im nächsten Winter die Verhungernden durchbringen zu können, werde ich diesen Armreif in jedem Fall anfertigen. Und schon bald werden wir auch ein Kriegsheer haben. Ich habe den vergangenen Sommer damit verbracht, jene aufzuspüren, bei denen man darauf vertrauen kann, dass sie sich mir auch tatsächlich anschließen werden. Diesen Sommer werden wir sie für den Kampf ausbilden. Und das ist nichts, das man mal eben so bewerkstelligen kann. Sag das der Großmutter.«
»Sie kann dich hören«, entgegnete Graine und fügte dann mit leicht verzweifeltem Unterton hinzu: »Und wenn du hinschauen würdest, könntest auch du sie sehen.«
»Nein.« Breaca wollte nicht hinsehen. Mit steifen Bewegungen nahm sie einen kleinen Rechen und harkte die Asche vom Brennofen. Und ganz so, als ob der Vorschlag Graines Idee gewesen wäre, fuhr Breaca fort: »Und warum soll ich ausgerechnet die Reiherspeere anfertigen? Die sind doch schon seit der Zeit der Ahnen nicht mehr benutzt worden. Ich weiß schließlich auch bloß durch Ardacos von ihnen. Und selbst wenn das tatsächlich eine so gute Idee wäre, müssten die Klingen doch aus unlegiertem Silber angefertigt werden. Und womöglich reicht mein Silber dazu gar nicht aus.«
Du hast genug Silber dafür. Es liegt in deiner Arbeitskiste. Fertige drei Stück an, sprach die Großmutter und nickte dazu. Bette sie in Eibenholz und blaue Wolle, und nimm sie als dein Geschenk mit.
»Warum?«
Weil ich dich darum bitte, und ich habe dich noch nie im Stich gelassen, egal, wie sehr du auch dieser Ansicht sein magst. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wirst du schon wissen, was du zu tun hast.
Das Lachen der alten Frau klang wie der Schrei einer Krähe, und plötzlich war sie tatsächlich eine Krähe, und schließlich nichts weiter als eine Art Verdichtung in der zitternden Luft über dem Brennofen und der leise Ruf eines Rotkehlchens, das in einer der Buchen draußen vor der Schmiede saß.
Graine atmete mit einem tiefen Seufzer aus und sah, dass der geschnitzte Schlangenspeer, der in ihrem Schoß lag, zerbrochen war und dass sie noch einmal von neuem würde beginnen müssen. Breaca stand am Schmiedefeuer mit dem Rechen in der einen Hand und den Anfängen einer Speerspitze in der anderen. Genauso, wie es bei ihrer Stimme der Fall gewesen war, so zeigte sich nun auch ihr Gesicht bar jeden Humors und jeder Wärme. Graine starrte auf den Boden und stellte fest, dass ihr Mund so trocken war, dass sie noch nicht einmal mehr schlucken konnte. Ihre Mutter hatte Seiten an sich, die Graine noch nie gesehen hatte und die sie auch jetzt lieber nicht kennen lernen wollte.
»Du musst die Speere nicht anfertigen«, sagte sie. »Aber wenn du es doch tust, dann weiß ich, wie ich die Hefte zu schnitzen habe.«
Wie aus weiter Ferne kehrte Breacas Aufmerksamkeit zurück, und es gab einen Augenblick, als Graine bereits glaubte, dass sie sich getäuscht habe und dass sie sich gerade auf immer zu einem Sprachrohr der Ahnen verdammt hatte.
Das Entsetzen darüber stand ihr offenbar geradezu ins Gesicht geschrieben; Breaca sah Graine mit einem Stirnrunzeln an, dann wandte sie den Blick ab, immer noch mit zerfurchter Stirn, und schließlich schaute sie durch die Tür nach draußen und stieß durch geblähte Wangen einmal kräftig die Luft aus. Als sie ihre Tochter erneut anschaute, geschah es mit einem Aufblitzen jenes scharfen, trockenen Humors, der ihre gesamte Familie auszeichnete. »Hat dir die Großmutter denn auch gesagt, wie die Hefte angefertigt werden sollen?«, fragte sie.
Ganz schwindelig vor Erleichterung erwiderte Graine: »Vielleicht. Ich habe es zwar nicht geträumt, aber ich weiß es trotzdem. Willst du sie denn gleich jetzt machen?«
»Nein. Ich will einen Speer für Cunomar anfertigen und dann noch einen für Eneit, und dann will ich die beiden mit hinausnehmen in den Wald und sie lehren, wie man auf die Gesänge der Speere lauscht, so dass sie ihre Speerprüfungen nicht völlig ohne Aussicht auf Erfolg antreten müssen. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht beides schaffen können. Wir dürfen den nächsten halben Monat lediglich nicht mehr schlafen oder essen oder auch nur irgendetwas anderes machen, als das Metall in Form zu schmieden. Und wir brauchen Airmids Hilfe; für dich allein ist das zu gefährlich. Denn die Reiherspeere der Kaledonier sind sowohl ein Traumwerk als auch ein Produkt der Schmiede.«
Das waren sie in der Tat, und es war ein sehr alter Traum, noch älter sogar als die Ältere Großmutter und die Träumerin der Ahnen, die beide erschienen, um bei der Herstellung behilflich zu sein. Den folgenden halben Monat hindurch arbeiteten sie also alle zusammen, und am Monatsende lagen auf der Werkbank ein Königsreif, mit dem Tagos vielleicht den Gouverneur in Camulodunum würde beeindrucken können, drei Reiherspeere mit silbernen Spitzen, eingewickelt in Wolle und in eine Kiste aus Eibenholz verpackt, die als Geschenk für ebenjenen Gouverneur dienen sollten, sowie zwei weitere Speere für Cunomar und Eneit, die ebenso ein Produkt des Träumens waren wie die kaledonischen Speerspitzen, den Traum aber auf eine andere Art bewahrten und ohne die geradezu fühlbare Verheißung des Todes.
Die Seherin der Kelten
cover.xhtml
scot_9783641010928_oeb_cover_r1.html
scot_9783641010928_oeb_toc_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ata_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ded_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm4_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c05_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c06_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c07_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c08_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c09_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c10_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c11_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c12_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c13_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c14_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c15_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c16_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c17_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c18_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c19_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c20_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c21_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c22_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c23_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c24_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c25_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c26_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c27_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c28_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c29_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c30_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c31_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c32_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c33_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c34_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c35_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c36_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c37_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ack_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_cop_r1.html