VI
Graine lag hellwach da, ihren Kopf auf die Flanke
des Hundes gebettet, während sie den schmierigen Rauch beobachtete,
der von den brennenden Leichen aufstieg und sich scheinbar
unschlüssig auf den von Westen heraufziehenden Wind legte.
Es waren die Leichen der Römer, nicht die von
Graines Freunden, und die Seelen der toten Soldaten wanden sich in
dem Rauch hin und her und wussten nicht, wie sie nun den Weg zurück
zu ihren Göttern finden sollten. Es war schwer, sie nicht zu
bedauern, egal, wie gefährlich diese Männer zu Lebzeiten auch
gewesen sein mochten. Graine wünschte sich, dass sich doch wieder
die Dunkelheit um sie legen möge, dass sie wieder das leise
Flüstern der Großmütter hörte. Denn dann würde sie darum bitten,
dass die toten Feinde sicher zurück in ihre Heimat geleitet würden.
Das war eine gute Sache, um die man daher auch durchaus einmal
bitten sollte. Außerdem lenkte es sie von den Ungewissheiten der
kommenden Tage ab, von der Panik, die sie davor hatte, wenn sie
bald die Lichtung würden verlassen müssen.
Es war wichtig, jetzt nicht an ihre bevorstehende
Flucht vor den Feinden zu denken. Ansonsten fände sie womöglich
noch nicht einmal den Mut, überhaupt auf ihr Pferd zu klettern.
Graine war keine Kriegerin, und sie wollte auch gar keine sein. Sie
war die Einzige von ihren Geschwistern, die noch nie den drängenden
Wunsch verspürt hatte, auf den Schlachtrössern der Erwachsenen
reiten zu dürfen. Und auch ihre Sommer auf Mona hatte sie nie damit
verbracht, all die Reiterkunststücke der Krieger zu üben, bis sie
wirklich jedes noch so schwierige Manöver mit Leichtigkeit reiten
konnte. Vier Jahre lang hatte sie stets dasselbe Pony geritten. Das
Tier liebte Graine, und sie beide waren so gut miteinander
zurechtgekommen, dass man sich um Graine nie irgendwelche Sorgen
hatte machen müssen.
Mit Ardacos’ Schlachtross jedoch war sie
hoffnungslos überfordert gewesen. Ausschließlich für den Krieg
gezüchtet und ausgebildet und Erzeuger von zwei Dutzend
hervorragenden Fohlen, war das mächtige Tier auf dem Höhepunkt
seines Lebens. Es hatte kaum jemals einen anderen als Ardacos auf
seinem Rücken getragen, und noch nie hatte es ein Schlachtfeld
verlassen, solange man ihm dies nicht ausdrücklich befohlen hatte.
Als man Graine in seinen Sattel gehoben hatte, schien das Pferd gar
nicht wahrgenommen zu haben, dass das kleine Mädchen überhaupt auf
ihm saß. Sämtliche Bemühungen Graines, ihm eine Marschrichtung
aufzuzwingen, hatte das Tier einfach ignoriert. Vielmehr hatte es
in dem Augenblick ganz danach ausgesehen, als ob es die Absicht
habe, geradewegs durch den Wald zu stürmen und die römischen Reihen
einfach schon einmal auf eigene Faust anzufallen - bis die Bodicea
es zurückrufen würde. Als man ihm dann aber schließlich doch
befohlen hatte, loszutraben und ein flottes Tempo vorzulegen, da
war es in einer solch halsbrecherischen Geschwindigkeit durch den
Wald geprescht, als ob es über offenes Gelände galoppiere und ohne
jede Rücksicht auf die Sicherheit seiner Reiterin.
Graine hatte noch nie zuvor das Grauen eines Rittes
auf einem völlig unkontrolliert dahinjagenden Pferd erleben müssen.
Sie, die unter Menschen aufwuchs, die, kaum dass sie zu laufen
begannen, auch schon zu reiten lernten - und sich dabei nicht
weniger geschickt anstellten -, hatte noch nie gehört, wie auch nur
irgendjemand erwähnt hätte, dass so etwas passieren könnte. Graines
Angst davor, jemals wieder auf diesem Pferd zu reiten, war
wesentlich größer, als ihre Angst vor den Römern es je gewesen
war.
Sie hätte am liebsten laut geschrien bei ihrem
Höllenritt, doch fehlte ihr selbst dazu die Luft. Sie hätte sich
vor lauter Angst am liebsten übergeben, aber das hätte bedeutet,
dass sie zugleich die Mähne des Tieres hätte loslassen müssen, und
das in einem Augenblick, in dem ihr Leben davon abhing, sie eben
nicht loszulassen. Womöglich wäre Graine einfach in Ohnmacht
gefallen und in die Sicherheit des Traumlandes hinübergeglitten,
doch endlich schien zumindest ihre Mutter erkannt zu haben, was
sich da gerade anbahnte, und hatte ihre Stute an die Seite des
unkontrolliert dahinrasenden Pferdes gedrängt.
In vollem Galopp, während sie ungebremst über
Baumstämme, Äste und Gräben hinwegflogen, hatte die Bodicea die
Zügel ihres eigenen Tieres losgelassen und nach Graine gegriffen.
Sie hatte deren kleine Finger gelöst, die sich mit angstvollem
Klammergriff in die Mähne von Ardacos’ Pferd gekrallt hatten, und
ihre Tochter dann mit Schwung aus dem Sattel gehoben, um Graine
schließlich auf den noch vergleichsweise sicheren Platz auf dem
Rücken ihres eigenen kampfeshungrigen Pferdes gleiten zu lassen.
Das war genau der Stoff, aus dem Albträume waren - und aus dem die
Mythen bestanden, so dass Graine normalerweise sogleich darüber
gegrübelt hätte, wie sie all dies am besten in die Form eines
Liedes fügen könnte. Doch sie hatte den Rest dieses Ritts nur noch
damit verbracht, sich zu fürchten, zu wundern und sich einfach nur
zu schämen.
Die Flucht hatte die ganze Nacht bis in den
nächsten Morgen hinein angedauert und die wiederum darauf folgende
Nacht hindurch. Bei Tage waren sie etwas langsamer geritten, um zu
verhindern, dass man sie entdeckte, nachts dafür umso schneller. Am
zweiten Tag, kurz vor Sonnenaufgang, hatten sie schließlich jene
Stelle erreicht, an der die vier Flüsse aufeinander trafen, und
hatten dann in einiger Entfernung davon Posten bezogen, um auf
Ardacos zu warten, jedoch nicht, ohne zuvor einige kleine Hinweise
zu hinterlassen, um anzuzeigen, wo sie sich versteckt
hielten.
Breaca hatte sie in ein waldreiches Tal geführt,
dorthin, wo einer der Flüsse tief in die Erde schnitt und Eichen
und Ulmen sich dicht aneinander drängten. Hier hatte der Winter
noch nicht Einzug gehalten, so wie auf Mona. An den Zweigen hingen
noch zerrissene Blätter; und in dem Licht des frühen Morgens
überlagerte ein schimmerndes, kaltes Kupfer sich mit dem Rostbraun
der Eichen.
Der Wald kannte die Störungen durch den Menschen
noch nicht, und als die Reiter durch das Dickicht drangen und ihr
Lager aufschlugen, fingen in dem Blätterbaldachin neugierig ein
paar Krähen an zu keckern. Kurz nachdem die Pferde festgebunden
worden waren und ein kleines Feuer entzündet, kreischten die Vögel
plötzlich abermals auf. Sofort sprangen Breaca, Dubornos und
Cunomar auf, ließen sich dann aber sogleich wieder auf den Boden
sinken, als das Pfeifen eines Wiesels ertönte - Ardacos’ Zeichen.
Einige Augenblicke später tauchten er und Cygfa auf. Geschickt
sprangen sie über Felsbrocken und umgestürzte Bäume, noch ganz
aufgekratzt von der Erregung des Kampfes, mit Schmutz und Sand
beschmiert und über und über mit dem Blut der Feinde bespritzt.
Graines Pony hatten sie allerdings nicht mit zurückgebracht und
auch nicht Cygfas kampferprobten Wallach. Die Hoffnung, dass sie
die beiden Tiere wieder zurückbringen würden, war auch von
vornherein vergeblich gewesen; denn die Bärinnenkrieger zogen immer
zu Fuß in den Kampf, und sie waren schneller als jedes Pferd,
selbst wenn die Entfernung einen ganzen Tagesritt umfasste. Graines
Pony hatte also als Köder für die Römer herhalten müssen. Sein
eigenes Pferd jedoch hatte Ardacos auf recht geschickte Art zu
retten gewusst: indem er es Graine überlassen hatte, denn in der
Tat hatte nur sein schnelles Tier dem Mädchen letztendlich zur
Flucht verhelfen können. Graine versuchte, ihn nicht dafür zu
hassen, dass er ihr Pony geopfert hatte.
Mit knappen Worten hatten die zurückgekehrten
Krieger ihre Erlebnisse geschildert, und schon bald darauf hatten
sich alle unter dem Schutz des am Fuße der Buchen wuchernden
Stechginsters zum Schlafen niedergelegt. Graine aber war es nicht
gewohnt, am Tage zu schlafen. Dennoch hatte sie sich hingelegt, den
Kopf auf Stones Flanke gebettet und eingewickelt in ihren Umhang
sowie in Breacas Reservedecke. Westlich von ihrer Schlafstelle
ragte eine tote Ulme empor, die schon vor langer Zeit von einem
Blitz getroffen worden war, und schwarz zeichneten sich ihre
unbelaubten Zweige gegen den blassen Himmel ab. Neben der Ulme war
eine kleine Lücke im Dickicht. Durch sie drang etwas Licht herein,
und man konnte einen Blick auf den westlichen Horizont erhaschen.
Genau dorthin hatte Graine forschend den Blick gerichtet, und
endlich sah sie die erste dünne Fahne von schwarzem Rauch
aufsteigen und kurz darauf sogar die größeren, öligen Wolken, die
entstanden, als der Feind die Leichen der Römer und der drei
Verräter aus dem Stamme der Coritani verbrannte, die von Ardacos
und Cygfa niedergemetzelt worden waren.
»Graine?«
Sie hatte gedacht, sie wäre die Einzige, die noch
nicht eingeschlafen war. Überrascht hob sie den Kopf. Umfangen von
den letzten Strahlen des verlöschenden Feuers saß ihre Mutter gegen
einen uralten, von Pilzen überwucherten Eichenstumpf gelehnt, ihren
Umhang fest um sich gezogen. Offensichtlich hatte sie wohl einige
Zeit geschlafen und war dann doch wieder aufgewacht. Das Haar hing
ihr offen über die Schultern herab, durchzogen von ein paar
vereinzelten Zöpfen. Zum ersten Mal seit dem Sommer - und zum
ersten Mal in überhaupt irgendeinem Winter, den Graine jemals
erlebt hatte - hatte die Bodicea die einzelne, schwarz eingefärbte
Krähenfeder der Rachejäger aus ihrem Haar gezogen und flocht sich
nun wieder die vielen kleinen Zöpfe, welche die Krieger
trugen.
Ertappt von dem prüfenden Blick ihrer Tochter
lächelte Breaca plötzlich. Zwar nicht so ein Lächeln, wie Airmid es
Graine geschenkt hätte, aber immer noch herzlich genug. »Ist dir
kalt?«
»Nein.« Um nicht die anderen zu wecken, sprachen
sie nur sehr leise, wie mit einem Murmeln, das vom Wind getragen
wurde. »Stone hält mich warm.« Und das stimmte sogar fast.
»Aber du kannst nicht schlafen?«
»Es ist doch eigentlich Zeit zum Aufstehen. Da kann
ich nun mal nicht schlafen.«
Es entstand eine kurze Pause, die von
Unschlüssigkeit erfüllt schien. Wenn Airmid es gewesen wäre, die da
gerade aufgewacht war, dann wäre Graine jetzt zu ihr gegangen,
hätte sich neben ihr zusammengerollt und ihr von der dünnen
Rauchsäule und den brennenden Leichen erzählt und von ihrer Sorge
um die umherirrenden Seelen der Toten. Airmid hätte dann das Lied
angestimmt, mit dem sie den Seelen der Feinde ihre letzte Ruhe
schenkte, wenngleich es lediglich Graines Wunsch gewesen wäre, der
sie dazu bewogen hätte. Und dann hätte sie noch ein anderes Lied
gesungen, damit auch das kleine Mädchen den Tag zum Schlafen nutzen
konnte und damit ihm angenehme Träume beschert sein würden.
Breaca war aber nicht Airmid, und sie war auch
nicht mehr die Bodicea, die ihren Kriegern den Sieg schenkte. Und
dennoch blieb sie für ihre Tochter eine Fremde. Während der zwei
Tage dauernden Flucht hatte Graine von ihrer Mutter mehr gesehen
und hatte sie aus größerer Nähe erlebt als zu irgendeinem anderen
Zeitpunkt in ihrem Leben. Bis zu diesem Augenblick, da sie nun
gemeinsam am Feuer lagen, war sie sich überhaupt nicht bewusst
gewesen, wie sehr sie sich nach dieser Nähe gesehnt hatte, noch,
wie aufmerksam sie im Geheimen die vielen kleinen Veränderungen
beobachtet hatte, die sich in dieser Zeit ereigneten.
Während dieses stillen, rauchverhangenen Morgens
sah Graine ihre Mutter zum ersten Mal so, wie sie wirklich war; als
eine Frau, die sich so sehr um ihre Angehörigen und Freunde sorgte,
dass sie nicht mehr richtig schlafen konnte und nun beim Feuer saß,
halb in einen Umhang eingewickelt und mit nur flüchtig gekämmtem
Haar, das sich in Strähnen über ihre Schultern legte, und die
nackten Arme der kalten Luft ausgesetzt, so dass die alten Narben
gemeinsam mit der neu hinzugekommenen sich wie ihre persönliche
Handschrift über die Haut zogen. Ihre Augen waren von graugrüner
Farbe, durchsetzt mit kleinen, kupferfarbenen Sprenkeln, und sie
waren erfüllt von einer inneren Unruhe und Aufgewühltheit, die
Graine in Airmids Augen nie gesehen hatte.
Da Graine nicht wusste, was sie sagen sollte,
schwieg sie. Breaca runzelte die Stirn, beugte sich vor und zog
irgendetwas Verkohltes aus der Glut. Dann hielt sie es Graine hin
und sagte: »Es ist noch etwas Hasenfleisch übrig. Vielleicht hilft
es dir ja zu schlafen, wenn du das gegessen hast?«
Mehr noch als das Lächeln machten die Worte den
Unterschied. Graine hatte noch nie zuvor gesehen, wie ihre Mutter
plötzlich schüchtern wurde, und hätte auch nie gedacht, dass sie
der Grund für eine solche Zurückhaltung sein könnte. Mit einem
merkwürdigen, leicht ziehenden Gefühl im Magen löste sie sich von
Stone und rutschte in die ausgestreckten Arme ihrer Mutter. In
ihrer schützenden Umarmung, in der Geborgenheit dieses festen
Griffs, der sie bereits während der scharfen Ritte der vergangenen
zwei Tage gehalten hatte, dort war sie in Sicherheit, sie, die sich
zuvor gar nicht bewusst gewesen war, wie sehr sie sich gefürchtet
hatte. Sie vergrub das Gesicht an der Tunika ihrer Mutter und
atmete den Geruch nach Pferd und nach Schafsfett und Leder ein, der
sich so fest an Breaca klammerte, wie Graine es bereits damals
schon getan hatte, als sie gegen ihren Willen aus dem schützenden
Mutterleib herausgezerrt worden war.
Nach einer Weile, als aus dem Feuer der Geruch von
verkohltem Fleisch aufstieg, lösten sich Mutter und Tochter wieder
ein wenig voneinander, zogen den Hasenschenkel aus der Glut und
teilten ihn sich gemeinsam mit Stone, der sich zwischen sie
gedrängt hatte und nun zu ihren Füßen lag.
Nachdenklich sagte Breaca: »Besser, ich rasiere ihm
heute Morgen noch die Haare ab, ehe wir wieder weiterziehen.«
»Wessen Haare?« Graine hatte sich gegen ihre Mutter
gelehnt und die Augen geschlossen, und sie wollte sie auch nicht
mehr öffnen.
»Stones. Er ist ein viel zu guter und wertvoller
Hund, als dass man ihn so, wie er jetzt ist, im Osten zu Gesicht
bekommen sollte. Die Römer versklaven nämlich nicht nur die
Menschen, sondern auch die Hunde. Aber sie haben keinen Blick für
das, was unter der Oberfläche liegt. Wenn ich ihm jetzt also das
Fell so schere, dass es aussieht, als hätte er die Räude, dann
werden sie ihn nicht wahrnehmen, und dann wird er in Sicherheit
leben können.«
Der kühle Morgen wurde plötzlich regelrecht
unangenehm kalt. Graine zog die Knie unter das Kinn. Sie starrte in
das Feuer und wünschte, die Großmütter hätten in der Dunkelheit zu
ihr gesprochen. Auf Mona hätten sie das getan, und dann würde
Graine von alledem, was jetzt gerade passierte, wenigstens ein
bisschen verstehen. »Und du willst immer noch in den Osten reisen,
um den Torques deines Volkes wieder an dich zu nehmen?«, fragte
sie.
»Unseres Volkes. Sie sind genauso dein Volk,
wie sie auch meines sind. Ja. Und ich will die Krieger wieder zum
Kampf aufstacheln. Die Ahnin hatte sich da sehr klar ausgedrückt.
Nach Mona kann ich jetzt nicht mehr zurück, nicht, solange ich auch
noch einen Funken Ehrgefühl im Leib habe.«
Zu vieles hing in einem viel zu fragilen
Gleichgewicht, und Graine sah keine Möglichkeit, das Zünglein an
der Waage nun in die Richtung zu bewegen, in der sie es gern sehen
wollte. Sie hatte die drückende Stimmung gespürt, als Airmid ihrer
Mutter auf der Lichtung gegenübergetreten war und beide möglichen
Welten offen nebeneinander gelegen hatten - als einen Augenblick
lang alles möglich gewesen war. Doch es gab da eine Sache, die noch
nicht ausgesprochen worden war und die doch dringend gesagt werden
musste. Und es lag an ihr, Graine, genau dies nun zu tun.
Sie probierte den Satz ein- oder zweimal im Geiste,
und dann, als immer noch keinerlei Schelte von den Großmüttern zu
hören war, sagte sie: »Wusstest du, dass Gwyddhien tot ist?«
Gwyddhien war, ehe Graine geboren wurde, Airmids
Liebhaberin gewesen. Sie war die Anführerin der silurischen Krieger
gewesen und in den Zeiten, wenn die Bodicea nicht da war, auch die
Anführerin der Krieger von Mona. Sie war getötet worden, als sie
ihre Krieger im Spätsommer in die Schlacht gegen die Briganter von
Cartimandua geführt hatte, die auf der Seite Roms kämpften. Die
Trauer, die Airmid seitdem empfand, war eine sehr private
Angelegenheit, und niemand sprach davon. Die Eile, mit der sie kurz
darauf Mona hatten verlassen müssen, um die Bodicea zu finden, war
also eine gute Gelegenheit für sie gewesen, um sich abzulenken und
ganz in den Erfordernissen der Reise aufzugehen.
Es war unmöglich zu sagen, was die Bodicea dabei
dachte oder fühlte. Leise, ohne sich zu rühren, erwiderte sie: »Ja.
Cygfa hat es mir erzählt.«
Cygfa. Nicht Airmid. Was folglich bedeutete, dass
Airmids Kummer entweder noch zu frisch oder zu schmerzhaft war, als
dass sie darüber hatte sprechen wollen, oder, und das war die
wahrscheinlichere von beiden Möglichkeiten, es bedeutete, dass sie
jetzt nicht ein so offensichtliches Druckmittel einsetzen wollte,
um Breacas unnachgiebige Haltung zu erweichen.
Graine hatte keinerlei derartige Bedenken. Sie
erklärte: »Airmid geht jetzt nicht mehr nach Mona zurück. Ohne
Gwyddhien, die sie zurückhält, steht es ihr frei, dir zu folgen.«
Sie sagte bewusst nicht: »Und sie wäre dir ohnehin gefolgt«, denn
dessen war sie sich nicht so ganz sicher, obwohl sie hoffte, dass
es stimmte.
»Ich weiß.« Breaca stieß vorsichtig mit dem Zeh in
die Asche und verschob die Äste ein wenig, um die Glut dazu zu
bewegen, noch etwas Hitze abzugeben, ohne allerdings neuen Rauch
aufsteigen zu lassen. »Wir haben letzte Nacht schon darüber
gesprochen. Airmid wird nicht wieder nach Mona zurückkehren, und es
liegt auch nicht in meiner Macht, sie dazu zu zwingen. Cygfa will
ebenfalls nur ihrem eigenen Willen gehorchen und wird mir in den
Osten folgen, ob ich nun damit einverstanden bin oder nicht, und
Dubornos hält es ebenso; sie beide haben mir das schon gesagt.
Cunomar könnte ich vielleicht noch befehlen, zurückzukehren, aber
ich fürchte, er wird es sich in den Kopf setzen, bei der
Gelegenheit die Legionen ganz allein anzugreifen, um seinen Wert zu
beweisen. Du bist jetzt also die Einzige, die ich noch
zurückschicken kann. Ich könnte Ardacos befehlen, dich wieder
sicher nach Mona zu geleiten, und er würde es auch tun, würde bei
dir bleiben, als dein Beschützer - egal, wie sehr er mich dafür
auch hassen würde.«
In der Stimme ihrer Mutter lag ein merkwürdiger
Unterton. Gefangen zwischen der Angst, wieder zurückkehren zu
müssen, und der Panik davor, weiterzureisen, hob Graine den Kopf
und sah ihre Mutter an. Die plötzliche Erkenntnis verschlug ihr für
einen Moment die Sprache. Schließlich sagte sie: »Du willst mich
gar nicht zurückschicken.«
Breaca schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Ich
würde dich sogar sehr gerne wieder zurückschicken, aber ich habe
nicht das Recht dazu. Du und Airmid, ihr beide seid miteinander
verbunden wie Mutter und Tochter. Wo sie hingeht, dorthin gehst
auch du. Es ist nicht an mir, euch beide nun mit Gewalt voneinander
zu trennen.«
Die dumpfe Leere in Graines Bauch dehnte sich zu
einer Wüste aus. Sie schluckte trocken und fragte dann: »Hat Airmid
dir das gesagt?«
»Nein. Die Ahnin hatte es versucht, aber ich habe
ihr nicht geglaubt. Aber in der Nacht, als wir auf der Flucht vor
den Legionen waren, da habe ich verstanden, dass es doch wahr ist.
Als du kurz davor warst, von Ardacos’ Pferd zu stürzen und dir das
Genick zu brechen, da war Airmid diejenige, die sah, was passierte.
Aber ihr Pferd war nicht schnell genug, um dich noch einholen zu
können, ansonsten wärst du die vergangenen beiden Tage mit ihr
geritten, und nicht mit mir.«
Das lange Schweigen, das sich daraufhin ausdehnte,
und die Unsicherheit, die sich in den Augen ihrer Mutter
widerspiegelte, ließen Graine schließlich die Wahrheit begreifen.
Plötzlich bemerkte sie, dass sie die Hände genauso fest in Stones
Fell gekrallt hatte wie zuvor in die Mähne von Ardacos’ Pferd. Doch
ihre Angst war nun von einer ganz anderen Sorte, und der Großteil
dieser Angst galt noch nicht einmal ihr selbst. Sie löste eine Hand
von dem Hund, tastete nach der ihrer Mutter, die ganz kalt war, und
drückte sie.
Graine wusste nicht, was sie jetzt sagen sollte,
ihr fehlten die Worte, um die Welt wieder zurechtzurücken. Doch
solche Worte existierten auch gar nicht. Sie spürte, wie ihre
Mutter sie nun noch fester in die Arme schloss, fühlte, wie sie
ihre Lippen auf ihren Kopf presste, und hörte immer wieder ihren
eigenen Namen; wie eine Litanei, doch zu leise, um sie wirklich zu
hören. Warm strich Breacas Atem durch Graines Haar, und die Worte
drangen durch ihren Schädel, um von innen an ihr Ohr zu
gelangen.
Schließlich, als ihr Haar am Scheitel schon ganz
feucht und warm war, vernahm sie einen einzigen Satz, und sofort
begriff sie seine tiefere Bedeutung.
»Du kleines Kind meines Herzens, ich liebe dich;
und solange ich lebe, werde ich nicht zulassen, dass Rom dich
tötet, das schwöre ich.«