VIII

 
»Hattest du denn gedacht, Lanis würde so lange Druck auf sie ausüben, bis die Versammlung euch wieder nach Hause schickt?«
Tagos, Sohn von Sinochos’ Schwester, schloss die Tür zu seinem Schlafzimmer, verriegelte sie jedoch nicht. Es war kein sonderlich großer Raum, und die rußenden Steingutlämpchen ließen ihn nur wenig heller erscheinen, während die dunklen Ecken sogar noch düsterer wirkten. Die Lampen waren schon angezündet gewesen, noch ehe Tagos - Prasutagos, das musste sie sich jetzt wirklich einmal einprägen - die Tür geöffnet und Breaca hineingeführt hatte. Allein diese Tatsache bewies doch schon, dass es hier Diener geben musste, die gewusst hatten, dass Prasutagos zu dieser Versammlung gehen wollte, dass er noch vor dem Morgengrauen wieder zurückkehren würde - und dass er seine kalte, feuchte Hütte innerhalb einer römischen Behausung dann zu Ehren seines Gastes gerne ein wenig von Kerzenschein erhellt sehen wollte.
Er nannte seine Hütte allerdings einen Palast, ganz nach der Art der Römer, und nicht, dass er sich dessen schämte, sondern er war auch noch stolz darauf. Genauso wie in der Vision, die die Ahnin Breaca geschickt hatte, gab es auf Prasutagos’ Lehnsgut kein großes Rundhaus mehr. Obgleich dieses allerdings nicht abgerissen worden war, um Feuerholz daraus zu schlagen, sondern aus politischen Erwägungen. Und genauso wie es bei den Römern üblich war, wohnte nun auch jede Familie in einem von den anderen abgetrennten Bereich auf jenem Anwesen, das das Zentrum des Reiches des »Königs« markieren sollte. Man konnte bereits hören, wie andere sich in den Zimmern rechts und links von Prasutagos’ Schlafgemach einrichteten. Breaca erkannte die Stimmen von »Gaius« und »Titus«, den beiden Leibwachen von Prasutagos, die nun ebenfalls römische Namen trugen und sich Breaca kurz zuvor mit einem Grinsen vorgestellt hatten. Ihre Kinder hörte sie allerdings nicht und auch Airmid nicht.
»Lanis«, fragte Tagos ein zweites Mal. Seine Stimme war in eine etwas schrille Lage gewechselt. Er war es nicht gewohnt, dass man ihn einfach überging. »Hattest du denn wirklich gedacht, sie würde dich so mir nichts dir nichts wieder zurück nach Mona schicken, ohne dass du irgendeinen Schaden an deiner Ehre davongetragen hättest und dein Stolz ungebrochen wäre?«
Er hatte sich so sehr verändert. Breaca hatte ihn als einen ruhelosen, eifrigen Jugendlichen in Erinnerung gehabt, der ihr wie ein junger Hund förmlich an den Fersen gehangen hatte, der vor lauter Enthusiasmus geradezu überschäumte und dem doch der Mut zum Handeln gefehlt hatte. Später hatte sie ihn dann noch einmal nach der Schlacht gegen Amminios gesehen, als er gerade notdürftig seinen Arm versorgte, der so stark zertrümmert worden war, dass eine Heilung ausgeschlossen war. Doch in derselben Schlacht war auch ihr Vater gestorben, so dass Breaca von Tagos nur wenig Notiz genommen hatte. Sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass sie ihn festgehalten hatte, während Airmid ihm den toten Teil seines Armes abtrennte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er im Delirium gelegen, und Breaca glaubte, dass er sich nicht mehr daran erinnern würde. Einige Zeit später hatte er dann noch einmal in einer Schlacht gekämpft, für die er allerdings körperlich nicht mehr tauglich gewesen war, so dass wichtige Krieger dabei umgekommen waren, als sie versucht hatten, ihn zu verteidigen, woraufhin Tagos seine Ehre verloren hatte. Breaca hatte noch immer ihre Namen im Gedächtnis, wusste, wer ihre Familien gewesen waren. Und als sie jetzt inmitten des schwachen Lichtkegels seiner Lämpchen stand, sah sie in Prasutagos’ Augen nun wie in einem Spiegel, wie genau diese Erinnerung sich langsam auf ihrem Gesicht abzeichnete.
Er wollte sie gerade ein drittes Mal fragen und war keineswegs erfreut darüber, dass er seine Frage so oft wiederholen musste. Er hatte sein Temperament noch nie sonderlich gut zügeln können, noch nicht einmal ganz früher, bevor er seinen Arm verloren hatte. Nach seiner schweren Verwundung hatte er eine Neigung zu plötzlichen Gewaltausbrüchen entwickelt. Und auch das hatte Breaca noch nicht vergessen. Doch es würde niemandem nützen, wenn sie nun hier und jetzt in einem Kampf aneinander gerieten.
»Aber die Möglichkeit, dass Lanis uns wieder nach Hause geschickt hätte, war doch tatsächlich gegeben«, entgegnete sie. »Sie wurde schließlich von Airmid ausgebildet und ist seitdem auch immer wieder einmal nach Mona gereist. Sie lebt ihr Leben stets im Angesicht der Götter und mit ebenso viel Integrität wie auch jeder andere Träumer, den ich jemals kennen gelernt habe. All ihre Leidenschaft, ihre größte Sorge richten sich doch allein auf das Wohlergehen ihres Volkes. Wenn sie also der Ansicht gewesen wäre, dass die Gefahr, die meine Anwesenheit hier für euch alle bedeutet, den eventuellen Nutzen nicht wert gewesen wäre, hätte sie schon dafür gesorgt, dass die Versammlung uns wieder zurückschickt, egal, was du und ich entschieden hätten.«
So hatte es wohl auch Tagos gesehen, und Breaca hatte die panische Angst bemerkt, die sich während der Versammlung auf seinem Gesicht abgezeichnet hatte. Nun aber tat er, als würde ihn all das kaum berühren, und fragte: »Und, wärst du dann wieder gegangen?«
»Natürlich. Denn wenn ich hier bin, dann nur mit dem Rückhalt und der Unterstützung der Träumer; ansonsten möchte ich mich hier lieber nicht aufhalten.«
Zumindest das entsprach der Wahrheit. Ihre einzige Lüge bestand in der Behauptung, dass sie, als sie in den Versammlungskreis eingetreten war, noch Zweifel gehabt hätte, wie die Zusammenkunft der Träumer und Krieger sich entscheiden würde. In Wirklichkeit nämlich war sie keineswegs davon ausgegangen, dass man sie möglicherweise wieder zurückschicken würde; denn auch andere hatten bereits zu viel geopfert, damit sie, Breaca, es überhaupt bis hierher schaffen konnte. Und genau dieses Wissen hatte Breaca bereits in Lanis’ Augen erkannt, noch ehe die Träumerin aufgestanden war und ihre Stimme erhoben hatte. Und auch das anschließend in Lanis’ Augen aufflackernde Mitleid hatte sie gesehen. Denn keine von ihnen beiden glaubte daran, dass der Weg, der nun vor Breaca lag, leicht zu beschreiten sein würde. Sich nun abzuwenden oder gar einen Rückzieher zu machen, war jedoch genauso undenkbar. Die Herausforderung für Breaca bestand also darin, dass sie lernte, in dieser lachhaften Karikatur eines römischen Dorfes mit diesem Mann und zwischen den Überresten ihres Volkes zu leben. Doch schließlich war nichts unmöglich.
»Möchtest du einen Schluck Wein?«
Tagos stand abwartend neben ihr. Der Becher in seiner Hand schimmerte in einem dunklen Rot. Er stellte ihn behutsam auf den Deckel einer eichenen Truhe und goss mit einer Hand den Wein ein. Die gesamte Szene wirkte bereits ziemlich römisch, aber eben noch nicht ganz; genauso wie der Hintergrund, vor dem er stand.
Die Wand hinter seinem Rücken war ordentlich verputzt. Das Bild, welches in dem tiefen Blau der Eceni darauf gemalt worden war, war jedoch schon lange, bevor Rom sich auch nur eine Stadt nennen durfte, bereits ein traditionelles Motiv der Stämme gewesen. Es war das Bild einer galoppierenden Stute. Unter dem Bild, auf dem Deckel der Truhe, schimmerte ein kleiner Haufen Silbermünzen mit jenem frischen Glanz, wie sie ihn nur unmittelbar nach der Punzung aufwiesen.
Breaca nahm eine der Münzen auf und las die Prägung: Ecen. Und auf allen Münzen des kleinen Haufens prangte im Profil der Kopf des jugendlichen Kaisers Nero; einem korpulenten Jungen mit ausgeprägtem Doppelkinn.
»Zwar nicht der schönste aller Männer, aber mit Abstand der mächtigste. Es zahlt sich aus, mit ihm befreundet zu sein. Jenen, die in seiner Gunst stehen, schenkt er große Reichtümer, ebenso wie es vor ihm auch schon sein Onkel gehalten hatte.«
Tagos stand nun unmittelbar neben Breaca. Sein Atem roch nach Wein, und mit diesem Aroma vermischten sich auch seine anderen Gerüche: die leicht säuerlichen Ausdünstungen nach dem Genuss von Milch und Käse, die Breaca schon seit dem Moment, in dem die Tür geschlossen worden war, Übelkeit verursachten.
Sie ließ die Münzen durch ihre Finger gleiten und fragte: »Nützt es denn auch dem Volk, dass du in römischen Reichtümern schwelgst? Können die Kinder das Silber mahlen, um daraus Brot zu backen, wenn das für den Winter eingelagerte Getreide knapp wird? Ich habe gehört, dass die Legionen sämtliche Erträge von den Feldern für sich selbst beanspruchen, und dass die Menschen hungern, weil man ihnen nimmt, was sie doch mit ihren eigenen Händen angepflanzt haben.«
Tagos’ Gedanken waren aber schon wieder zu anderen Dingen weitergewandert. Breaca bemerkte, wie er sich nun zusammenriss und anstrengte, eine passende Antwort zu finden. »Das Volk kann die Silbermünzen vielleicht in der Tat nicht essen«, entgegnete er, »aber es kann sein Silber dazu verwenden, um sich Getreide zu kaufen, wenn es welches braucht.«
»Sie sollen sich also das Getreide der Eceni, gewachsen auf den Feldern der Eceni, wieder zurückkaufen, und das auch noch zu einem höheren Preis, als man ihnen dafür gezahlt hat?« Sie war wütend, obwohl sie sich doch geschworen hatte, nicht zornig zu werden. Sie spielte ein wenig mit den Silbermünzen und zwang sich, sich wieder zu beruhigen.
»Natürlich muss der Gouverneur einen gewissen Profit dabei herausschlagen«, widersprach Tagos. »Er muss ja schließlich seine Armee entlohnen und seine Bediensteten, und er muss außerdem noch Geld an den Kaiser senden. Genauso wie wir. Sieh mal...« Mit einer raschen Bewegung fegte er die klirrenden Silbermünzen von dem Deckel der Truhe und klappte ihn auf. In der Eichentruhe lag ein ganzes Vermögen an unbenutzten, noch sehr sauberen Münzen. Sanft schimmerten sie im Schein der Kerzen. Die Kiste war zwar nur zur Hälfte gefüllt, aber dennoch hätte man Prasutagos einen außergewöhnlich wohlhabenden Mann nennen können, sofern man den Reichtum eines Mannes nach seinem Silber bemaß.
Breaca grub ihre Hände in die Münzen, beobachtete, wie die kleinen auf die Münzen geprägten Köpfe durch ihre Finger glitten und wieder zurück in die Truhe fielen. Auf diesen hier prangte allerdings nicht der Name ihres Volkes und auch nicht die galoppierende Stute. Stattdessen waren auf ihnen die Köpfe von Claudius und von Tiberius zu erkennen, und der des verrückten Gaius. Einmal erkannte sie auch das Profil von Augustus. Ganz Rom war dort versammelt und fasste in sich die Reichtümer der Eceni zusammen.
»Dann nimmst du das Geschenk der römischen Münzen also an?«, fragte Breaca.
Schweigend starrte der Mann, an den sie nun gebunden war, sie eine Weile an und vergaß dabei ganz den Wein und das Bett, das in der Ecke stand. Und in diesem Blick glaubte Breaca langsam die ersten Züge des wahren Tagos zu erkennen, die Züge jenes Tagos, der weder der geschickte Diplomat war noch der übereifrige Jugendliche, sondern der einarmige Mann, der bereits zu viele Schlachten verloren hatte und nicht willens war, jemals wieder zu unterliegen.
Seine Nasenflügel blähten sich, und auf seinem Gesicht zeigten sich rötliche Flecken. Beinahe unhörbar erwiderte er: »Das ist kein Geschenk. Ganz und gar nicht. Seneca verteilt keine Geschenke. Ich habe einen Kredit von zehn Millionen Sesterzen aufgenommen. Und dafür zahle ich jedes Jahr zehn Prozent Zinsen. Von dem Rest zahle ich Steuern und Bestechungsgelder und kaufe im Winter Korn und im Sommer Weiderechte, und ich kaufe Geschenke für den Gouverneur und seine Frau, damit sie glauben, sie würden von königlichen Hoheiten umschmeichelt. Ich habe Handelswege erschlossen, sowohl über Land als auch über das Meer. Dafür darf ich Steuern von jenen einnehmen, die uns den Wein und die Oliven und die Feigen liefern, damit wir mehr wie echte Römer wirken.«
Bei diesen Worten begann eine der Wandlampen plötzlich stark zu rußen und ging dann aus. Sie war mit Schafsfett gefüllt gewesen, das man mit anderen Ölen vermischt und damit geschmeidiger gemacht hatte. In Ermangelung von Efnís’ Kiefernharz war der Rauch, der von dem Docht aufstieg, allerdings schwarz, und er stank nach alten Schafsböcken.
Den Göttern stehen vielerlei Wege offen, um ihre Meinung kundzutun. Tagos hielt inne, starrte die Lampe an und fügte dann wie zu seiner Verteidigung hinzu: »Ich tue das alles doch nur, weil sie auch mein Volk sind, weil ihr Wohlergehen in meiner Hand liegt, und weil ich nicht dabei zusehen möchte, wie sie zu unterwürfigen Dienern degradiert werden, so wie es mit den Trinovantern passiert ist. Rom respektiert bloß zwei Dinge: Waffenstärke und Reichtum. Wenn wir schon nicht mit Ersterem aufwarten können - und das können wir eindeutig nicht und werden es auch nie wieder können, ganz gleich, wie du auch darüber denken magst -, dann müssen wir zumindest Letzteres vorweisen können, oder wir sind weniger wert als Vieh.« Er legte eine kurze Pause ein, überlegte und wandte sich dann auf dem Absatz um. »Wenn du tatsächlich hier bleiben willst, dann musst du einige Dinge einfach verstehen. Also beobachte und lerne.«
Damit marschierte er an ihr vorbei und riss die Deckel von drei weiteren Truhen auf, die sich an der Wand gegenüber dem Bett aufreihten. Auf diesen Truhen hatten einige Schmuckgegenstände gestanden, die nun hinunterfielen und zerbrachen oder über den Boden rollten: eine kleine grüne Schüssel mit einem vergoldeten Rand, ein simpel gefertigtes Pferd aus Ton, das offenbar von einem Kind stammte, und ein Kamm mit einem langen Griff, auf den in blauer Farbe ein geometrisches Muster gemalt worden war.
Prasutagos sah einfach über sie hinweg und erklärte: »Nero ist ein Kind, und er besitzt auch nicht mehr Macht über Rom, als ich sie habe. Durch ihn herrschen nämlich zwei andere Männer, und von den beiden ist Seneca derjenige, der so reich ist, dass er davon sogar wieder etwas investieren kann. Und dieses Geld setzt er ein, um damit noch größere Reichtümer zu erzielen. Die hier...«, er riss die erste der Eichenkisten herum, so dass sie auf die Seite kippte, »war einmal voll gewesen. Und die hier. Und diese auch.«
Von acht Truhen lagen nun drei leer auf der Seite. Tagos stand ganz am Rande des von den Lampen ausstrahlenden Lichtscheins und zitterte, als ob er sich mitten in einer Schlacht befände. Sein leerer Ärmel, der an seiner Tunika festgesteckt gewesen war, hatte sich gelöst, und hastig zog Prasutagos ihn wieder über den Stumpf seines Armes hinunter. An der Stelle, wo Airmid damals die Wunde über dem Knochenstumpf vernäht hatte, war das Fleisch bläulich -rot verfärbt. Darüber aber war es von der Farbe wie der Arm eines jeden anderen Mannes auch, nur dass es etwas blass war, weil es nie dem Sonnenlicht ausgesetzt wurde.
»Breaca, nicht alle von uns konnten in den Westen fliehen und zu Helden werden«, sagte er. »Seit vierzehn Jahren träume ich jede Nacht aufs Neue davon, dass Amminios’ Krieger nicht nach meinem Arm ausgeholt hätte oder dass ich ihm hätte ausweichen können oder dass ich mein Schwert erhoben hätte, um seine Klinge abzuwehren - dass ich unversehrt geblieben wäre, um mit dir in der Schlacht gegen die Invasion zu kämpfen. Ich habe geträumt, dass wir beide gemeinsam Rom zurückgedrängt hätten, dass ich bei dir gewesen wäre, als du die Kinder und die Krieger von Mona nach Westen geführt hast, um dort den Kampf fortzusetzen. In meinem Traum stehen wir Seite an Seite, und Rom wird wieder zurück in den Ozean gedrängt, wird von ihm verschlungen, um niemals wiederzukehren. Dann wache ich auf, und ich bin wieder ein Krüppel, und die Legionen sind nicht ertrunken, und mein Volk verhungert oder stirbt an Krankheiten oder stirbt unter den Strafen, die ihm die Legionen auferlegen - die die Legionen uns allen auferlegen als Vergeltung für alles, was Rom von den Stämmen des Westens ertragen muss, gegen die es nichts auszurichten vermag.«
Sie sollte ihn bedauern, und doch vermochte Breaca kein Mitgefühl aufzubringen. Stattdessen sagte sie: »Du sagst also, dass du nun Handel treibst wie ein Römer und dass ich dich dafür nicht verachten soll.«
»Ja! In Brigas Namen, ja! Die Kinder müssen essen, Breaca. Das ist die Realität, und daran kannst auch du nichts ändern. Du glaubst, du kannst hier hereinreiten, deine Standarte erheben und auf deinen Ruf hin strömen wieder sämtliche Krieger zusammen. Und sobald der Frühling kommt, führst du sie in die ruhmreiche Schlacht, mit der Rom wieder aus dem Land gedrängt wird. Aber so ist es nicht, und so wird es auch nie sein. Verbring du auch nur einmal einen einzigen Winter hier, dann wirst du schon sehen, warum es keine Krieger mehr gibt, die sich um deine Standarte herum versammeln können, warum das gesamte Volk, Männer wie Frauen, gebrochen sind: Sie müssen zu großen Hunger leiden, weil sie fünf Zehntel ihres Getreides als Steuern abgeben mussten, und tagelang haben sie nur von geschmolzenem Schnee gelebt, damit sie wenigstens ihren Kindern noch etwas zu essen geben können. Deine Kinder werden diesen Winter nicht sterben müssen, denn ich habe mir von Seneca Geld geliehen, und das verwende ich dazu, um jene zu ernähren, deren Leben von meinem Schutz abhängt. Das hier ist meine Schlacht und meine Art zu kämpfen. Auch du wirst das noch begreifen. Wenn du Graine lehren willst, eine Führerin zu werden, wie es ihrer Abstammung entspricht, dann solltest du sie das hier lehren. Es wird keine Armee mehr geben, Breaca, die Eceni besitzen nicht mehr den Mut dazu. Verstehst du das?«
»Nein. Aber ich verstehe, wie du so denken kannst.« Breaca erhob sich. Sie ließ den Blick einmal über jede der umgedrehten Geldtruhen schweifen. Keine einzige Münze lag mehr auf dem Boden der Kisten. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie seit Tagesanbruch nichts mehr zu sich genommen hatte und dass sich ihr Magen schon vor einer ganzen Weile zusammenzuziehen begonnen hatte und nun vernehmlich knurrte. »Was passiert, wenn Seneca auf der Rückzahlung seines Kredits besteht, du aber nicht zahlen kannst?«, fragte sie.
»Ich kann ja zahlen. Durch den Handel und die Steuern, die ich selbst erheben darf, habe ich bereits mehr eingenommen, als hier einst in den Truhen lag. Zwar liegt das jetzt nicht alles vor uns ausgebreitet und ist in der Währung der Eceni, aber Silber ist Silber, und er wird sich schon nicht darüber beschweren.« Prasutagos grinste zaghaft. »Aber wenn ich durch irgendwelche unglücklichen Umstände doch noch verarmen sollte und nicht mehr zahlen könnte, dann wäre er natürlich berechtigt, bis zur vollständigen Begleichung meiner Schulden auch Sachgüter einzufordern; Gold, Getreide, Pferde, Hunde...«
»Sklaven?« Breaca spürte, wie sich in ihrer Brust ein Gefühl der Kälte zusammenballte. Soll ich dir vielleicht einmal vor Augen führen, Breaca von den Eceni, wie es ist für ein Volk, geschröpft zu werden, bis ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zum Leben bleibt?
Prasutagos missdeutete ihre Besorgnis und antwortete: »Auch Sklaven, selbstverständlich. Die Mitglieder des königlichen Haushalts sind davon jedoch ausgenommen. Auf so etwas achten die Römer. Die, deren Anspruch auf einen königlichen Titel nur auf den allerdünnsten Blutsbanden und auf Inzest beruht, der ja offiziell auch gar nicht zulässig ist, gerade die haben einen erstaunlich großen Respekt vor jenen, deren Anspruch auf einen königlichen Titel echt ist und sich über unzählige Generationen zurückverfolgen lässt. Was auch immer passieren mag, sie werden weder dich noch deine Kinder anrühren. Sogar Cygfa, die ja nur dem Namen nach deine Tochter ist, ist vor ihnen sicher. Alle anderen, von denen sie meinen, dass sie auf dem Sklavenmarkt einen gewissen Preis erzielen könnten, werden sich die Römer allerdings nehmen.«
»Und das würdest du zulassen?«
»Es liegt doch gar nicht in meiner Macht, sie von so etwas abzuhalten. Ich bin doch bloß deshalb König, weil sie beschlossen haben, mir diesen Titel zu geben. Wollten sie mir den eines Tages aberkennen und stattdessen einem anderen verleihen, könnte ich sie nicht daran hindern.«
»Und wenn wir nicht mehr die königliche Familie sind, dann sind wir auch nicht mehr länger geschützt?«
»Ganz genau.«
In diesem Augenblick war es wahrlich schwer, nicht an die Vision von dem Sklavenpferch zu denken. Und die Tränen, die Graine in dieser Vision weinte, waren nicht mehr golden, sondern es waren Tränen aus Blut, und sie ließen ihr Gesicht wie ein Schlachtfeld erscheinen.
Entlang der einen Wand stand ein Bett. Es war mit gefärbten Schaffellen bedeckt, unter denen wiederum eine komplette Pferdehaut lag. Breaca setzte sich auf die Bettkante und starrte auf ihre Handrücken hinab, bis die Vision von ihrer Tochter wieder verblasste und sie ihre Hände wieder klar erkennen konnte.
Tagos lächelte ein wenig traurig. »Die Römer wollen keinen Krieg im Osten«, sagte er. »So viel habt ihr mit euren Schlachten im Westen zumindest schon einmal erreicht. Sie wollen sich gerne den Frieden erhalten, darum werden sie uns nicht provozieren. Und wir wollen unser Leben behalten, darum werden auch wir sie nicht herausfordern. Das ist zwar nicht gerade die Sorte Leben, von der man träumt, aber es reicht aus.«
Wie ein Geschenk offenbarte er ihr diese stillschweigende Übereinkunft zwischen ihm und den Römern; als ob allein die Tatsache, dass sie einst die Anführerin der Eceni gewesen war, Breaca als würdig genug auswiese, an diesem Wissen teilhaben zu dürfen. Die Macht dieser Erkenntnis, oder die Kraft des Weines, drängten Prasutagos schließlich durch den unsichtbaren Schutzschild hindurch, der Breaca umgeben hatte. Er neigte sich näher zu ihr hinüber, strich mit seinen Fingern langsam an ihrem Arm entlang. Doch ihren Körper vermochte Breaca nicht so gut zu beherrschen wie ihre Gedanken. Unter Prasutagos’ Berührung breitete sich eine Gänsehaut über ihren Unterarm aus.
Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie auf die Stirn. »Ich glaube wirklich, du solltest ein wenig Wein zu dir nehmen.« Er füllte ihr einen Becher und stellte ihn neben ihr auf dem Boden ab. Breaca aber ignorierte den Wein.
Er streichelte mit den Fingerspitzen über ihren Nacken und sagte: »Du hast noch gar nicht danach gefragt, wo deine Familie schlafen wird.«
»Danach brauche ich auch nicht zu fragen.«
Die kleinen Fackeln rußten. Einer nach der anderen ging das Öl aus, und so dünn wie Spinnwebfäden ringelte sich der Rauch zur Decke empor. Breaca schloss die Augen. Fast dämmerte schon wieder der neue Tag, und die Speerwunde an ihrem Arm schmerzte. Sie war so müde, als ob sie den ganzen Tag gekämpft habe, und sie wollte Wasser oder Ale, aber keinen Wein.
Wieder und wieder kreiste Tagos’ Daumen in ihrem Nacken. Es bestand die Gefahr, dass sie sich würde übergeben müssen, doch das wäre wahrlich zu peinlich. Nach den Tagen, in denen Breaca allein den Worten der Ahnen gefolgt war, lastete nun auf einmal schwer die Wirklichkeit auf ihr. Und Prasutagos hatte Recht, denn die Wirklichkeit sah ganz und gar nicht so aus, wie sie es sich ausgemalt hatte. In eine Schlacht zu reiten war viel, viel einfacher.
Doch es mussten noch einige Dinge gesagt werden, mussten noch Grenzen gesetzt werden, damit sie beide sie respektieren konnten.
»Wir haben eine Übereinkunft«, begann Breaca erschöpft. »Und über den Inhalt dieser Übereinkunft sollten wir uns beide im Klaren sein. Du hast deinen Teil der Abmachung, deine Bedingungen, ja bereits deutlich erklärt: Ich werde deine Frau sein, in jeglicher Beziehung, und ich werde dich in deiner Herrschaft über die Eceni unterstützen. Genauso eindeutig sind auch meine Bedingungen. Sollte meinen Kindern oder Airmid oder irgendjemandem von denen, die mir ihre Treue geschworen haben, irgendetwas angetan werden, oder sollte irgendeine von den Frauen gegen ihren Willen berührt werden, so wirst du mich verlieren ebenso wie sämtliche Hoffnung, noch weiterhin über die Eceni zu regieren. Unser Volk mag zwar nicht darauf vorbereitet sein zu kämpfen, aber es ist auch nicht jene Schafsherde, zu der du es gerne degradieren möchtest, und es wird auch nicht gezwungen, deine Herrschaft darüber hinzunehmen. Die königliche Linie ist immer eine Verbindung zwischen den Menschen und den Göttern gewesen. Du aber hast diese Verbindung unterbrochen, und das damit einhergehende Risiko musst du nun allein tragen.«
»Zweifellos.« Tagos konnte es nicht leiden, wenn man ihm mit Herablassung begegnete. Er zog die Hand von ihrem Nacken fort. Breaca atmete tief durch.
»Ist das alles?«, fragte er.
»Nein. Eine Sache noch. Wir beide werden keine Kinder haben.«
»Was?« Nun verlor er schließlich doch seine Selbstbeherrschung. »Du hast vor dem Ältestenrat geschworen...«
»... deine Ehefrau zu sein, in jeglicher Beziehung. Ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, was ich gesagt habe und was das bedeutet. Allerdings habe ich nicht geschworen, dass ich in der Lage wäre, Kinder zur Welt zu bringen. Denn ich kann keine Kinder mehr bekommen, zumindest sagt das Airmid. Um die genauen Gründe dafür zu erfahren, musst du sie schon selbst fragen, aber soweit ich verstanden habe, hat Graines Geburt Wunden hinterlassen, die nicht mehr verheilen.«
Er starrte sie an, schien nur halb zu hören, was sie sagte. Er atmete rasch und hatte die Augen weit aufgerissen. »Und ist das nun alles?«
»Das ist alles.«
»Gut.« Mit diesem einen Wort besiegelten sie nun jene Übereinkunft, die Breaca selbst einst in einer Höhle an einem Berghang als die beste aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auserkoren hatte. Die Wirklichkeit war zwar weniger angenehm, als sie erwartet hatte, aber auch weniger erschreckend, als sie befürchtete.
Prasutagos stand im letzten Licht der Fackeln, und Breaca beobachtete ihn, während er begann, sich mit seiner einen Hand seiner Tunika zu entledigen. Er besaß darin eine fast lebenslange Übung und stellte sich genauso geschickt an wie jeder unversehrte Mann. Der Stumpf seines Armes zeigte sich, nachdem die Tunika hinabgeglitten war, als ein über und über mit Narben überzogenes Stück Fleisch. Unbeweglich stand Prasutagos da und wartete auf eine Bemerkung Breacas. An Mut jedenfalls fehlte es ihm nicht; schweigend hielt er den Blick in ihre Augen gesenkt. Doch auf hunderten von Schlachtfeldern hatte Breaca schon weitaus Schlimmeres gesehen und sagte folglich nichts. Mit einem Nicken streifte er sein Untergewand schließlich ganz ab sowie den Gürtel, der es gehalten hatte.
Er war so nahe dran an dem, wonach er sich schon so lange verzehrte. Er saß auf der Bettkante, und unaufgefordert ließ er die Hand um Breacas Taille gleiten. Er küsste ihre Hand, dann ihren Arm und schließlich ihren Hals. Gedämpft erklang seine Stimme an ihrer pulsierenden Halsader: »Ich werde vielleicht keine Kinder haben, aber ich habe mein Leben, und das werde ich auch behalten. Du solltest also eines wissen: Falls mir ein Leid geschieht oder falls ich sterben sollte oder falls deine Träumer nicht ihr Bestes tun, um mir meine Gesundheit zu erhalten und mir ein langes Leben zu schenken, werden diejenigen meiner Männer, die bereits römische Namen angenommen haben, dafür sorgen, dass die, die dir am meisten am Herzen liegen, unter der darauf folgenden Vergeltung die größtmöglichen Qualen zu erleiden haben. Ist das klar zwischen uns, meine Ehefrau?«
Er benutzte das römische Wort, uxor, da es in keiner der Sprachen der Stämme einen entsprechenden Ausdruck dafür gab. Zwanzig Jahre des Wartens verkörperten sich in diesem einen Wort.
»Vollkommen klar.«
»Wunderbar. Nun sollten wir wohl ein wenig feiern, du und ich. Und wenn du keinen Wein trinken willst, dann gibt es ja auch noch ein paar andere Möglichkeiten, eine solche Übereinkunft zu besiegeln. Es ist lange her, seit sie Caradoc gefangen genommen haben. Du musst also fast ebenso hungrig sein wie ich.«
Er war nackt und verlangte, dass auch sie sich entkleidete. Er war kein Kind mehr und tat sein Bestes, ihr gegenüber aufmerksam zu sein. Breaca lag in der von dem Gestank der Lampen verpesteten Dunkelheit und dachte zuerst an Caradoc, dann an Airmid und an Graine, Cygfa und Cunomar, und schließlich, und das war unvermeidlich, denn sie war nun wieder in der alten Heimat, auch an Bán.
Die Seherin der Kelten
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