Epilog
Zwei Hämmer sausten rhythmisch klirrend auf die
Ambosse nieder.
Nachdem Breaca erwacht war, lag sie zunächst
einfach nur still da und starrte auf die Schatten, die das Reetdach
warf und die wie Streifen über die Wand zu ihrer Linken fielen.
Auch der Lärm schien so etwas wie akustische Streifen zu bilden,
ähnlich dem Hell und Dunkel der Schatten. Für kurze Zeit verlor
Breaca sich einfach noch in Klang und Licht und Schatten, während
sie sich geistig bereits darauf vorbereitete, sich wieder ein wenig
zu bewegen. Denn sich zu bewegen war wichtig; das hatte zumindest
Valerius gesagt, und er war in den vergangenen fünf Tagen täglich
dreimal erschienen, um sie immer wieder aufs Neue daran zu
erinnern. »Das ist die alte Regel der Legionen: Halte deinen Rücken
stetig in Bewegung, während die Wunden von der Auspeitschung
heilen, anderenfalls wird das Fleisch für immer hart und steif
bleiben. Im Augenblick tut es natürlich weh, aber das wird es
später wert sein, das kann ich dir versprechen.«
Valerius war kein Mann, der leichtfertig
irgendetwas versprach, das hatte sie bereits gelernt. Versuchsweise
zog Breaca einmal die Knie bis zur Brust an und streckte die Beine
dann wieder von sich. So viel zumindest war ihr schon möglich, ohne
dass sie die Luft anhalten musste, um vor Schmerzen nicht laut
loszufluchen. Sie wiederholte die Bewegung noch einmal, diesmal
etwas entspannter.
»Mutter?«
Mit einem Ruck setzte Breaca sich auf und vergaß
allen Schmerz. »Graine? Ich dachte, du würdest schlafen?«
»Nein. Ich will nicht schlafen. Schlafen tut
weh.« Graine lag eine Armlänge von Breaca entfernt. Schon seit zwei
Tagen lag sie dort, seit Airmid gesagt hatte, dass es ihr wieder
gut genug ginge, um sie das kurze Stück durch die Siedlung hindurch
und von der einen Hütte zur anderen hinüberzutragen. Nun lag sie
inmitten des wie Streifen schimmernden Sonnenlichts und schien
beinahe so körperlos wie ein Geist; mit der weißen Haut, die sich
straff über ihren von Schlägen traktierten Schädel spannte, mit den
blauen Flecken in ihrem Gesicht, die langsam wieder verblassten,
und mit den bläulich schwarzen Schatten unter ihren Augen, die
offenbar noch lange nicht weichen wollten.
Langsam stand Breaca auf. »Airmid hat mir etwas
zu trinken für dich dagelassen. Vielleicht hilft das ja. Soll ich
es dir reichen?«
»Nein.« Graine verzog das Gesicht zu einer
Grimasse, wandte sich ab und rieb sich wie ein kleines Kind mit den
Handrücken die Augen.
»Ich habe auch noch etwas Milch und Käse. Und es
ist auch kein Mohn darin oder irgendetwas anderes, von dem du
wieder träumen wirst. Wollen wir das gemeinsam essen?«
Breaca saß am Rande der aufeinander gestapelten
Schaffelle, zerkrümelte den weißen Ziegenkäse und fand schließlich
sogar noch einen verschrumpelten Apfel, den einer der kürzlich
angekommenen Krieger mitgebracht haben musste. Sie biss ein
halbmondförmiges Stück aus der Frucht heraus und bot es Graine an.
»Graine? Liebe meines Lebens, kannst du etwas essen?«
»Ein bisschen.« Gemeinsam saßen sie nun dort,
beide innerlich wie zerbrochen, und sie aßen sehr langsam, bemüht,
trotz der Übelkeit und der Angst, etwas zu sich zu nehmen.
Graine kaute träge, wie mechanisch, als ob es
eine Art Pflicht wäre, die sie nur widerwillig erfüllte. Sie
starrte zur Tür hinaus auf die sich dahinter erstreckende Siedlung.
»Wer macht da diesen Lärm?«
»Das Hämmern? Das sind Gunovar und Valerius, mein
Bruder. Sie stellen die Waffen für die neuen Krieger her.«
Und es gab wahrhaftig eine ganze Menge neu
hinzugekommener Krieger. In den Tagen, als Breaca bettlägerig
gewesen war, war das Kriegsheer auf über eintausend Mann
angewachsen, und es kamen immer noch mehr hinzu. Sie standen unter
dem Befehl von Ardacos, gemeinsam mit Dubornos. Es war wichtig,
dass man Dubornos stets irgendeine Beschäftigung gab; denn er lebte
nur noch, weil auch Graine noch lebte. Wäre sie gestorben, hätte er
sich auf ihr Grab gelegt und wäre ihr in das Land jenseits des
Lebens gefolgt. Breaca hatte ihn zwar öffentlich und vor Zeugen von
aller Schuld freigesprochen, doch er hatte ihr nicht
geglaubt.
»Wird es einen Krieg geben?« Graine schaute noch
immer zur Tür hinaus.
»Ja. Sogar schon sehr bald.«
»Wenn du aber immer noch krank bist, wird dann
Valerius das Kriegsheer anführen?«
»Vielleicht. Wenn die anderen ihm folgen. Er
kennt Rom am besten. Wenn die Legionen heranrücken, was sie nun ja
zwangsläufig müssen, weiß er am besten, wie man sie zu bekämpfen
hat.«
»Aber Cunomar hasst ihn.«
Breaca legte ihr Stückchen Käse zur Seite, konnte
plötzlich nicht mehr weiteressen. Graine war so klein und war so
krank gewesen, und Breaca hatte gedacht, sie schliefe, als Cunomar
sie in die Hütte getragen hatte und dann feststellen musste, dass
in dieser bereits Valerius wartete; und Cunomar hatte sich
geweigert, Valerius überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die ganze
Szene hatte nur einen kurzen Augenblick gedauert, und Valerius war
schließlich hinausgegangen, ganz so, als ob er tatsächlich kein
Recht hätte, in Airmids Kate zu sein.
Breaca hatte ihn nicht aufgehalten. Es war das
erste Mal gewesen, dass sie ihren Sohn wieder gesehen hatte,
nachdem er in Sklavenketten unter jenem Kreuz gestanden hatte, an
dem er ursprünglich hatte sterben sollen, und sie hatte ihre ganze
Selbstbeherrschung aufbringen müssen, um still liegen zu bleiben,
ihren Sohn lediglich ruhig anzublicken und sich nichts anmerken zu
lassen, geschweige denn etwas zu sagen.
Cunomar hatte Graine auf den Schaffellen
abgelegt, die entlang der Wand aufgeschichtet worden waren. Dann
hatte er sich wieder aufgerichtet und lediglich bemerkt: »Das ist
nicht so schlimm. Ein Ohr ist ein recht kleiner Preis, wenn man
dafür sein Leben behält.«
Sprachlos hatte Breaca genickt. Ihr wunderschöner
Kriegersohn mit dem goldenen Haar war nicht mehr länger schön.
Irgendwann im Verlauf des Tages hatte er sich das Haar an den
Schläfen, an den Seiten und bis zum Hinterkopf hinab abrasiert, so
dass sein eines Ohr stolz und ungehindert vom Kopf abstand und das
andere, das nicht mehr da war, nur noch einen schwarzen Klumpen
alten, verkrusteten Blutes darstellte, wobei das Loch, welches sich
in seiner Mitte befand, von Airmid mit zusammengerollten Blättern
ausgestopft worden war, damit es offen blieb. Einst war Cunomar
wunderschön gewesen, nun aber war er für alle Zeit entstellt, und
er wusste es.
»Das ist nicht so schlimm«, sagte er noch einmal.
»Wir leben. Und wir haben einen Krieg zu kämpfen und zu gewinnen.
Sollte das hier also bereits das Schlimmste gewesen sein, das uns
erwartete, werden wir am Ende sogar noch glücklich darüber
sein.«
Er hatte Recht, zumindest, was ihn anging, nicht
aber, soweit es Graine betraf, die kindliche Träumerin, die sich
fortan fürchtete zu schlafen, die nachts schrie, bis sie selbst
davon erwachte, und anschließend stocksteif dalag und einfach nur
in die Dunkelheit starrte. Selbst all jene Dinge, die ihr einst
Halt verliehen hatten, boten ihr nun keinerlei Hilfe und Sicherheit
mehr; sie konnte die Ältere Großmutter nicht mehr anrufen, hörte
keine Ahnenträumerin mehr, und auch der Hase, der einst durch ihre
Träume gerannt war, war verschwunden.
Unter vier Augen hatte Airmid Breaca gesagt, dass
die Gabe des Träumens Graine womöglich für immer verlassen hätte,
oder aber, dass sie später einmal wieder zurückkehren würde und
dann nur noch umso stärker ausgeprägt wäre; dass es unmöglich sei,
dies vorauszusagen, bis all jene Teile ihres Inneren, die
zerbrochen waren, wieder zusammengewachsen wären, dass man eine
solche Heilung nicht beschleunigen könne und dass es Tage dauern
könne oder Monate oder gar Jahre oder sogar noch über Graines Leben
hinaus.
»Und es gibt nichts, was irgendjemand von uns für
sie tun könnte, außer dass wir für sie sorgen«, hatte Airmid
schließlich noch gesagt, und Breaca hatte unterdessen bloß die Wand
angestarrt, sich auf die Unterlippe gebissen und einfach nichts
entgegnet. Denn in ihrem gegenwärtigen Zustand konnte sie für
Graine noch nicht einmal mehr sorgen, und die Verzweiflung darüber
trieb sie geradezu in den Wahnsinn.
Nun zwang Graine sich, vom Bett aus bis zur Tür
hinüberzugehen und wieder zurück. Draußen loderte ein
wohlriechendes Feuer, und der Wind trieb einige kleine
Rauchfähnchen davon in die Hütte. Graine sog den Geruch ein,
lächelte schwach und nahm ein Stück Käse, ganz so, als ob ihr dies
den Weg zurück zum Bett ein wenig erleichtern würde.
»Cygfa mag ihn«, sagte Graine, »deinen Bruder.
Ardacos hat es mir erzählt. Sie richtet ihr Pferd gerade darauf ab,
genauso zu kämpfen wie das Krähenpferd.«
»Tut sie das? Ich glaube allerdings nicht, dass
man es einem Tier anerziehen kann, wie das Krähenpferd zu kämpfen.
Kannst du das hier trinken?« Breaca bot Graine einen Becher Milch
an und half ihr beim Trinken. Anschließend blieb sie noch neben ihr
stehen, hielt ihre schmalen Schultern und versuchte, ihr etwas
Trost zu spenden. »Ist Cygfa denn schon wieder so kräftig, dass sie
reiten kann?«
»Noch nicht ganz. Aber sie will ja nicht auf
Airmid hören. Sie sagte zwar, dass sie sich ausruhen würde, aber
sie ist trotzdem aufgestanden und hat den Morgen damit verbracht,
mit den neuen Kriegern zu trainieren. Und den Nachmittag über hat
sie sich mit deinem Bruder über dessen Pferd unterhalten. Er ist
ein Träumer, nicht wahr, kein Krieger oder Schmied?«
»Valerius? Er ist alles drei, aber, ja, vor allem
ist er ein Träumer. Woher weißt du das?«
»In seiner Seele lebt ein Hund. So wie in Airmids
Seele ein Frosch lebt und in deiner der Schlangenspeer.« Graine
legte den Kopf in den Nacken und musterte ihre Mutter aufmerksam.
»Das ist neu«, fügte sie dann hinzu. »Und stärker.« Noch immer
schaute sie Breaca an, und ihre Gesichtszüge schienen zu
verschwimmen - als ob Graine ein wenig verschlafen sei -, dann aber
nahmen sie wieder schärfere Konturen an. Und ihre Augen verloren
ein wenig von ihrem gehetzten Ausdruck. »In Cunomars Seele aber
lebt kein Bär. Zwar hat er sich dem Bären als seinem Gott
verschworen, doch dieser Bär lebt nicht in seinem Inneren. Ist das
der Grund, weshalb er deinen Bruder hasst?«
»Ich denke schon.« Trotz des steifen Gefühls in
ihrem Rücken neigte Breaca den Kopf und presste die Lippen auf das
schweißnasse Haar ihrer Tochter. Und sie sog ihren Geruch ein, das
scharfe Aroma des Schmerzes, der Angst und der seelischen
Verletzungen und das geradezu quälende Fehlen des Traums. Breaca
tastete sich in ihr eigenes Inneres vor, suchte nach der Ahnin und
fand sie schließlich, wie diese sie und Graine schweigend
beobachtete.
Ich habe dir ihr Leben versprochen, sagte
die Ahnin. Dass sie unversehrt bliebe, darum hattest du mich
jedoch nicht gebeten. Und das hätte auch nicht in meiner Macht
gelegen.
»Ich weiß. Das hätte in niemandes Macht gelegen.
Aber sie sieht Valerius’ Traumhund; dann kann sie also nicht für
immer von ihren Visionen abgetrennt sein?«
Sie ist von ihren Visionen auch nicht
endgültiger abgetrennt, als du von den deinen abgetrennt gewesen
bist.
Früher hätte Breaca gegen eine solch unklare
Antwort zu wettern angefangen. Jetzt aber nickte sie nur, küsste
Graine noch einmal und sagte laut: »Seit ich das erste Mal aus der
Ahnenhöhle getreten bin, wollte Cunomar der eine sein, der jene
Krieger anführt, mit deren Hilfe Rom schließlich wieder vertrieben
werden soll. Nun hat er Angst, dass Valerius diesen Platz einnehmen
wird. Ich habe ihm gesagt, dass nur die Götter wissen, wer
überhaupt so lange überlebt, dass er auch an der letzten Schlacht
noch teilnehmen kann und dass wir uns alle dafür bereit halten
müssen, aber er macht sich dennoch Sorgen.«
»Was sagt denn die Ahnin?« Graine wandte sich um,
um Breaca richtig ansehen zu können.
»Nichts. Sie wird erst sprechen, wenn dies von
Bedeutung ist, eher nicht. Und im Augenblick ist allein von
Bedeutung, dass du wieder gesund wirst. Was meinst du, kannst du
noch etwas Milch trinken?«
Sie tranken gemeinsam, aßen den Apfel auf und den
Käse und ein Stück von dem gerösteten Hasen, den Airmid zubereitet,
anschließend in Blätter gewickelt und mit einem Hauch von
Mohnextrakt gewürzt hatte, sowie mit noch einigen anderen Dingen,
die einem einen traumlosen Schlaf schenkten.
Breaca hob Graine hoch und trug sie zu jenem
Stapel von Schaffellen hinüber, der ihr, Breacas, Bett war, und
gemeinsam legten sie sich vorsichtig darauf nieder, drehten sich
ein wenig hin und her, um die am wenigsten unangenehme Haltung zu
finden, die es ihnen aber dennoch erlaubte, Haut an Haut dazuliegen
und in einer Welt, die einem Krieg entgegenraste, noch eine Ahnung
von Frieden zu erhaschen.
Später, als Graine bereits eingeschlafen war und
mit regelmäßigen Zügen atmete, lag Breaca noch immer wach da.
Behutsam streifte sie mit den Fingern durch das ochsenblutrote Haar
ihrer Tochter, beugte sich unter Schmerzen vor und küsste jene
Stelle in der Mitte von Graines Nacken, wo das dichte rote Haar in
Form einer kleinen Pfeilspitze zusammenlief.
»Du lebst«, sprach sie leise zu dem Kind und den
lauschenden Göttern. »Das ist alles, worum ich gebeten hatte. Für
den heutigen Tag soll das genügen. Morgen, oder übermorgen, werden
wir unseren Dank dafür aussprechen, dass auch alle anderen noch am
Leben sind. Und dann können wir uns erheben, um jeden Krieger jedes
einzelnen Stammes mit Waffen auszustatten und Rom und seine
Legionen damit endgültig zurück ins Meer jagen.«