XXX
»Braint ist verschwunden! Ihr Pferd kehrte ohne
sie zurück. Wir haben den ganzen Morgen nach ihrer Leiche gesucht,
konnten sie aber nirgends finden!«
Diese Nachricht wurde von dem Katapultschützen
überbracht, der den Überfall aus dem Hinterhalt angeführt hatte,
den Valerius von seinem Aussichtspunkt auf dem Berg aus beobachtet
hatte. Der raubeinige, breitschultrige Jüngling vom Stamm der
Silurer sah kaum alt genug aus, um einen Speer heben zu können,
dennoch trug er schon die Narben von fünf Jahren des Kämpfens. Er
stand auf dem Anleger, das Tau zum Festmachen der Fähre noch in der
Hand, und das Einzige, was ihn davon abhielt, in Tränen
auszubrechen, war der Schmerz, den seine Zähne verursachten, indem
sie sich hart in seine Unterlippe gruben.
Seit dem Überfall auf die römischen
Kavalleriepferde und Valerius’ Unterhaltung mit Efnís war nur ein
halber Monat verstrichen. Und doch hatte sich in dieser kurzen Zeit
das einst so ruhige Leben auf Mona in ein nur noch unter großen
Mühen zu beherrschendes Chaos verwandelt.
Luain mac Calma war unterdessen aus Irland
zurückgekehrt und hatte einen kleinen Schiffsverband von
Fischerbooten mitgebracht, ganz so, als ob die von Valerius
vorgeschlagene Evakuierung bereits seit dem Herbst im Detail
geplant gewesen wäre. Die Aufgabe, ganze Familienverbände mitsamt
ihren Siebensachen, ihren Pferden, Schafen und Kühen umzusiedeln,
strapazierte die organisatorischen Fähigkeiten der Ältesten über
alle Maßen, doch ein Drittel der Bewohner Monas hatte die Überfahrt
mittlerweile bereits hinter sich und war von den Hiberniern
freundlich empfangen worden. Und weiterhin liefen die Schiffe
zweimal täglich voll beladen aus, um auch noch die Übrigen so
schnell in Sicherheit zu bringen, wie Wind und Wellen es nur irgend
erlaubten.
Dennoch gab es keine Garantie dafür, dass sie es
rechtzeitig schaffen würden. Denn im Westen hatte der Frühling
dieses Jahr schon recht früh Einzug gehalten, begleitet von einem
warmen, von der See her wehenden Westwind, der überall, außer von
den höchsten Gipfeln, den Schnee abgetragen hatte. Auf dem jenseits
der Meerenge gelegenen Festland erreichten die Vorbereitungen von
Suetonius Paulinus, fünfter Gouverneur von Britannien von Neros
Gnaden, unterdessen einen Höhepunkt, der von den Kundschaftern und
Spähern der Eingeborenen mit wachsender Besorgnis beobachtet
wurde.
Erst unlängst hatten zwei Flügel der
Hilfskavallerie ihr Feldlager so nahe an der Meerenge
aufgeschlagen, wie es noch keine Truppe je zuvor gewagt hatte.
Spione berichteten, dass die Soldaten den Befehl erhalten hätten,
alle Krieger Monas aus den Gebirgspässen hinauszutreiben und zu
töten. Ersteres schien ihnen auf jeden Fall schon einmal zu
gelingen.
Luain mac Calma hob einen Kieselstein vom Ufer auf
und ließ ihn über das kabbelige Wasser der Meerenge springen.
Fünfmal hüpfte der Stein über die Wellen, bevor er schließlich
versank. Wenn durch seine Bewegung die Götter sprachen, so konnte
jedenfalls nur Luain mac Calma dieses Omen deuten. »Valerius? Was
werden sie mit ihr machen?«, fragte er mit leidender Miene.
»Sofern sie keinen anders lautenden Befehl haben,
werden sie sie höchstwahrscheinlich zu den Inquisitoren in die
Festung schaffen.«
Valerius starrte auf das Wasser hinaus und strich
dabei mit den Fingern durch das raue Fell seines Hundes. Das Tier
war zu ihm zurückgekehrt, als die ersten Schiffe nach Hibernia
ausgelaufen waren, so als ob von ihm verlangt worden wäre, bei der
Abreise der Menschen von Mona zugegen zu sein. Was immer auch der
Grund für seine Rückkehr sein mochte, Valerius hatte den Hund so
überschwänglich begrüßt, wie er auch Hail empfangen hätte. Dennoch
hatte das Erscheinen des Hundes zugleich auch ein ungutes Gefühl in
ihm ausgelöst, eine böse Vorahnung, die Valerius einfach nicht
abschütteln konnte.
Während die Evakuierungen ihren Fortgang nahmen,
hatte Valerius eine zunehmend stärker werdende innere Leere
empfunden, so wie es ihm früher, in den Tagen vor einer Schlacht,
stets ergangen war. Infolgedessen hatte er tagtäglich die Meerenge
beobachtet und nach Braints Heimkehr Ausschau gehalten; daher war
er auch der Erste gewesen, der gesehen hatte, wie die Krieger die
Abhänge hinuntergerast kamen und auf die Fähre zuhielten, und dann
gleich noch einmal der Erste, dem aufgefallen war, dass Braints
Pferd bei ihnen war, aber keine Reiterin auf seinem Rücken trug.
Was Valerius jedoch am meisten überrascht hatte, war, dass ihn
diese Entdeckung innerlich berührte.
Die See kräuselte sich unter einer kräftigen
Windböe. Die Fähre tanzte auf ihrem Anlegeplatz hin und her und
zerrte an ihrer Vertäuung, festgehalten von Sorcha, der Fährfrau,
die schon zu viele Krieger hatte hinausreiten und nicht mehr
zurückkehren sehen, als dass die Meldung von Braints Verschwinden
sie nun noch sonderlich tief zu berühren vermocht hätte. Eine Woge
der Übelkeit stieg in Valerius auf, und diese Übelkeit war nicht
nur Symptom der verfrüht einsetzenden Seekrankheit. Im Laufe des
Winters, während sein geschundener Körper langsam wieder genesen
war, hatte Valerius von mac Calma gelernt, Nemains Wispern besser
wahrzunehmen, ihre Botschaften besser zu verstehen. In diesem
Moment spürte er ganz deutlich ihre Berührung - in der Vertrautheit
des Hundes und in der Stille des Tages -, doch es war die
plötzliche Anwesenheit von Mithras - er hatte sich abrupt in
Valerius’ Gedanken hineingedrängt -, die die Übelkeit
auslöste.
An den jungen silurischen Katapultschützen gewandt
sagte Valerius: »Wie genau kam es eigentlich dazu, dass Braint
überwältigt wurde, kannst du mir das berichten?«
Bereitwillig gab der Junge Auskunft, nur zu froh
darüber, sich endlich laut dazu äußern zu dürfen, so als ob er
durch seine Schilderung die Vergangenheit noch einmal neu schreiben
könnte. »Ein Flügel der Kavallerie kampierte am oberen Ende des
langen Passes auf der anderen Seite der Berge dort drüben...« Er
wies mit einer weit ausholenden Armbewegung auf die höheren Gipfel,
die noch im Morgennebel verborgen lagen. »Wir ließen erst einmal
ihre Pferde frei, so wie wir’s immer machen, und Braint war
währenddessen auf dem Hang, von wo aus sie das Feldlager
beobachtete. Sie gab aber die ganze Zeit über nicht das Zeichen zum
Überfall aus dem Hinterhalt, deshalb griffen wir natürlich auch
nicht an. Jedenfalls, die Pferde, die wir losließen, waren nicht
die besten der Kavallerieeinheit. Die hatten die Soldaten in
ihren Zelten versteckt und auch sofort bestiegen, als sie die
anderen Tiere davongaloppieren hörten. Aber selbst wenn Braint das
Signal gegeben hätte, hätten wir doch unmöglich noch angreifen
können; die Soldaten waren einfach zu schnell da. Und dann wartete
Braint nicht bei den Weißdornbüschen auf uns, so wie wir es für
diesen Fall verabredet hatten. Als wir uns schließlich auf die
Suche nach ihr machten, war ihr Pferd zwar noch da, aber sie selbst
war verschwunden.«
Der Junge presste seine Handballen gegeneinander
und starrte einen Augenblick lang auf sie hinab. »Bisher haben sie
sie noch nirgendwo anders hingebracht«, fuhr er fort. »Sie sind
danach geradewegs wieder in ihr Lager zurückgeritten, und dort sind
sie immer noch. Limarnos ist noch an Ort und Stelle und beobachtet
sie weiterhin. Falls sie aufbrechen und Braint bei ihnen ist, wird
er das Heidekraut in Brand stecken, als Signal.«
Ein Signalfeuer würde von Freund und Feind
gleichermaßen gesehen werden, und auch seine Bedeutung würde für
beide Seiten klar ersichtlich sein. Als ob er der befehlshabende
Offizier wäre und der Junge ein neuer Rekrut, der dringend ein
wenig Aufmunterung gebrauchen konnte, sagte Valerius nun: »Das habt
ihr gut gemacht. Zu welchem Regiment gehörten die Soldaten der
Hilfstruppe? Hast du irgendwo eine Standarte gesehen?«
Der Katapultschütze war noch zu jung, um die
näheren Einzelheiten von Valerius’ Verrat zu kennen. Er runzelte
die Stirn, überlegte einen Moment und erklärte dann: »Sie waren
Thraker. Der Anführer der Truppe ritt unter der Standarte des
Stieres, der ja auch das Zeichen der Ahnen ist, nur dass dieser
hier in Rot auf einem grauen Untergrund prangte, der Farbe
Monas.«
»Danke.« Der rote Stier auf grauem Untergrund war
früher einmal Valerius’ Zeichen gewesen, und Longinus hatte es
beibehalten. Der Kampfhund drückte sich gegen Valerius’ Schenkel,
und Valerius legte dem Tier beruhigend eine Hand auf den
Kopf.
Ehe der Schmerz in dem nun einsetzenden Schweigen
allzu qualvoll werden konnte, sagte mac Calma ruhig: »Sie wurden
von den Besten ihres Fachs ausgebildet, um die Besten ihres Fachs
zu sein; deshalb setzt Paulinus nun auch speziell sie ein. Werden
sie Braint also selbst verhören?«
Valerius hob den Kopf und blickte zu den höchsten
Gipfeln auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge hinauf. Nach
einer Weile erwiderte er: »Nicht, wenn sie sich in der Zeit, seit
ich sie damals angeführt habe, nicht bis zur Unkenntlichkeit
verändert haben. Longinus würde einer Frau gegenüber niemals
gewalttätig werden, außer wenn sie ihn in einer Schlacht angriffe.
Unter normalen Umständen würden sie Braint zurück in die Festung
bringen, um sie den Inquisitoren zum Verhör zu überlassen. Wenn sie
das bis jetzt noch nicht getan haben, dann höchstwahrscheinlich aus
dem Grund, weil sie den Befehl haben, sie hier festzuhalten, wo wir
einen Befreiungsversuch unternehmen könnten.«
»Gut. Ich hatte gehofft, dass dem so sein würde.
Danke.«
Ein zweiter Stein hüpfte über das Wasser. Er sprang
neun Mal, und die Spritzer seines letzten Aufpralls flogen hoch in
die Luft und wurden vom Wind davongetragen, nachdem der Stein
bereits in die Tiefe hinabgesunken war. Luain mac Calma,
Vorsitzender des Ältestenrats von Mona, schaute schweigend zu, wie
Manannans weiße Rösser sich wieder über jener Stelle
zusammenschlossen, wo gerade eben noch der Kieselstein versunken
war.
Schließlich schob Luain mac Calma die Hände in die
Falten seines Umhangs und wandte sich wieder vom Wasser ab. Er sah
Valerius in die Augen, hielt dessen Blick fest, war Nemain und
Mithras zugleich und noch etwas anderes, Tiefergehendes, das noch
peinigender war.
»Es scheint ganz so, als wäre uns noch ein kurzer
Aufschub vergönnt, eine von den Göttern geschenkte Frist, während
der wir handeln können. Der Gouverneur darf auf keinen Fall von der
Evakuierung unserer Leute nach Irland erfahren. Es wäre natürlich
das Beste, wenn Braint rechtzeitig befreit und heil und unversehrt
zu uns zurückgebracht werden könnte, aber wenn das nicht möglich
sein sollte, wäre es für sie und auch für uns besser, wenn sie die
Festung der Zwanzigsten nicht mehr lebend erreicht. Valerius,
würdest du so viele Krieger zusammenrufen, wie du brauchst, und
dich darum kümmern?«
Die Wahl des ranghöchsten Kriegers von Mona war
gewöhnlich eine ziemlich langwierige Angelegenheit und wurde
traditionellerweise vom vollzählig versammelten Ältestenrat
überwacht. Und dieses überaus verantwortungsvolle Amt wurde nun
nicht einfach bloß aus einer Laune heraus einem Mann übertragen,
der mehr Krieger und Träumer niedergemetzelt, an den Feind verraten
oder den Inquisitoren der Legionen ausgeliefert hatte, als er oder
sonst irgendjemand noch zählen konnte.
Und dennoch - Luain mac Calma war der vereidigte
Vorsitzende des Ältestenrats von Mona, und sein Wort war Gesetz.
Wenn er also beschloss, die Führerschaft über die Kriegerinnen und
Krieger einem Mann zu übertragen, der früher einmal die feindliche
Kavallerie angeführt hatte, wenn er entschied, diesen Mann
tatsächlich ohne jede Erklärung oder Absprache mit den Mitgliedern
des Ältestenrats zum Dienst habenden ranghöchsten Krieger zu
ernennen, dann konnte niemand diesen Beschluss anfechten. Das
bedeutete jedoch nicht, dass die übrigen Speerkämpfer,
Katapultschützen und Schwertkämpfer von Mona solch einem Mann ihr
Vertrauen oder ihre Zuneigung schenken mussten. Allein die
Hoffnung, Braint vielleicht doch noch lebend wieder zurückbringen
zu können, veranlasste sie, Valerius’ Kommando zu akzeptieren, und
diese Hoffnung war alles andere als gewiss.
Der Morgen verstrich unter hektischen Planungen und
Vorbereitungen, während der Valerius feststellte, dass er mehr
Krieger namentlich und aufgrund ihrer speziellen Fähigkeiten
kannte, als er sich hätte träumen lassen. Und wichtiger noch: Er
erfuhr dabei nach und nach, welche dieser Krieger ihm zwar nur
widerwillig, aber dennoch gehorsam folgen würden, und welche bei
der ersten sich bietenden Gelegenheit versuchen würden, ihn
kurzerhand zu töten. Der Hund lief die ganze Zeit neben ihm her,
als Valerius vom Großen Versammlungshaus zum Waffenlager
marschierte und wieder zurück. Jene Krieger, die das Tier
wahrnahmen, waren - wie Valerius feststellte - diejenigen, denen er
noch am ehesten vertrauen konnte. Die wenigen unter ihnen wiederum,
die das Unheil abwehrende Zeichen machten, waren die
gefährlichsten.
Kurz nach Mittag berief er eine Versammlung im
Großen Rundhaus ein, wobei er die Anführer der jeweiligen
Schildgruppen kommen ließ, so dass jeder einzelne Krieger bei der
Versammlung vertreten war, auch wenn das Haus nicht groß genug war,
um sie alle aufzunehmen. Valerius ließ die Türfelle zurückschlagen
und mit Haken befestigen und die Wandmatten aufrollen. Licht
strömte zum offenen Eingang herein und durch das Flechtwerk der
Wände, noch heller als die Feuer.
Er hätte zwischen den versammelten Männern und
Frauen auf und ab schreiten können; Breaca hätte das sicherlich
getan. Valerius jedoch, ehemaliger Offizier der römischen
Hilfstruppen, zog es vor, sich auf den Stumpf einer Eiche zu
stellen, so dass er die Anwesenden um einiges überragte und auch
von den hintersten Reihen aus noch gut zu sehen war. Er trug einen
Kettenpanzer und einen alten Kavallerieumhang, den er noch zu
Caradocs Zeiten gestohlen und bei Überfällen aus dem Hinterhalt
benutzt hatte, und hinter ihm an der Wand hing seine Standarte. Auf
den Untergrund aus grauem Stoff hatte er in dem Rot frischen Blutes
das Zeichen des Kampfhundes gemalt und die Fahne zwischen zwei
Weidenstangen aufgespannt, so dass man sie von allen Bereichen des
Versammlungshauses aus gut erkennen konnte.
Wäre die Form ein wenig anders gewesen, hätte das
Bild exakt dem roten Stier der thrakischen Kavallerie geglichen,
unter dem Valerius einst in Rom gekämpft hatte. Als er nun sein
Podium bestieg, schlug ihm ein Schweigen entgegen, so lastend und
feindselig, dass es geradezu schien, als wäre die Luft vergiftet.
Nicht einer der anwesenden Krieger hatte irgendwelche Zweifel
daran, wer Valerius einst gewesen war; womit sie allerdings nicht
gerechnet hatten, war, dass er dies so demonstrativ zur Schau
stellen würde.
Valerius hatte schon mehr als einmal zu Truppen
gesprochen, und das bereits vor Schlachten, die weitaus größer
gewesen waren als diejenige, die ihnen nun bevorstand. Er verstand
sich also darauf, seine Zuhörer zu erreichen, wusste, wie er sie
mitreißen konnte, selbst wenn sie ihn noch so sehr verabscheuen
mochten. Er erhob seine Stimme also, so dass sie bis zu den
äußersten Rändern der versammelten Menge schallte: »Ihr wisst, wer
ich früher einmal gewesen bin. Ihr wisst auch, welches Amt mir der
Vorsitzende des Ältestenrats übertragen hat. Ich habe ihm gegenüber
ebenso den Treueid leisten müssen wie ihr, bin ebenso gebunden wie
ihr; wir haben in dieser Sache also keine andere Wahl. Bis Braint
zurückkehrt, um ihren Platz als ranghöchste Kriegerin wieder
einzunehmen - und glaubt mir, ich wünsche mir das genauso sehr wie
ihr -, seid ihr eidlich verpflichtet, mir zu folgen.«
So viel wussten sie bereits. Valerius beobachtete,
wie die Krieger reagierten, und revidierte daraufhin seine
Einschätzung, wem er vertrauen könnte, noch einmal.
Er fuhr fort: »Braint ist gefangen genommen worden
und darf die Festung der Zwanzigsten unter keinen Umständen lebend
erreichen. Entweder wir bringen sie heil und unversehrt wieder nach
Mona, oder wir lassen sie tot dort zurück. Das sind unsere beiden
Wahlmöglichkeiten.«
Auch das mussten sie bereits gewusst haben, doch
sie wollten es nicht von ihm hören. Wenn allein ihr Wunsch hätte
töten können, wäre Valerius auf der Stelle tot umgefallen.
Er vermochte aber nicht zu töten, und so fuhr
Valerius fort: »Der Kavallerieflügel kampiert nicht nur zufällig in
dem langen Pass. Das Ganze ist eine Falle, und bisher ist erst die
erste Hälfte dieser Falle zugeschnappt. Die Soldaten waren der
Köder, der dazu diente, Braint anzulocken und gefangen zu nehmen,
und Braint wiederum ist nun der Köder für einen noch größeren Preis
- und der seid ihr. Der Gouverneur kennt den überragenden Mut und
das ausgeprägte Ehrgefühl der vereidigten Speerkämpfer von Mona,
und er versucht mit allen Mitteln, euch zu vernichten, damit er die
Insel gefahrlos einnehmen kann.«
Valerius schmeichelte ihnen, und dafür verachteten
sie ihn nur noch umso stärker. Er fuhr fort: »Sie werden folglich
also schon auf uns warten - aber vielleicht nicht nur sie. Es ist
durchaus möglich, dass dies die größte Falle von allen ist. Wir
müssen auch in Betracht ziehen, dass dies womöglich der Anfang des
finalen Großangriffs auf Mona ist: dass der Gouverneur es darauf
angelegt hat, die Gesamtheit unserer Krieger aus der Reserve zu
locken und in diesen einen schmalen Pass hineinzutreiben, was es
den Legionen ermöglichen würde, ungehindert auf Mona
einzumarschieren. Das geschehen zu lassen, habe ich jedoch
keineswegs die Absicht.«
Der eine oder andere unter seinen Zuhörern hatte
offenbar bereits an diese Gefahr gedacht, die meisten jedoch nicht.
Valerius spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum schlagartig
veränderte. Der Hund kam an seine Seite, und diesmal nahmen ihn
mehr von ihnen wahr als noch zuvor.
Valerius verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
Wie ein Feldherr, der zu seinen Truppen spricht, fuhr er fort: »Es
gibt drei Wege, die uns offen stehen: Erstens, wir können Braint
lebend wieder zurückbringen, was das Beste ist, worauf wir hoffen
können. Wenn das misslingt, dann lautet die zweite Möglichkeit: Wir
können sie töten und damit wissen, dass sie eines sauberen Todes
gestorben ist, was zwar nicht gut wäre, aber noch lange nicht das
Schlimmste, was passieren könnte. Oder, drittens, wir könnten
Braint aufgeben und ihrem Schicksal überlassen und stattdessen
unsere Kraft und Energie darauf verwenden, diese Insel zu
verteidigen und alles, was auf ihr ist, damit die Evakuierung ihren
Fortgang nehmen kann, bis sie abgeschlossen ist oder auch der
Letzte von uns gefallen ist - je nachdem, was als Erstes
eintritt.«
Zum Schluss sprach er nicht etwa gegen
tumultartigen Lärm an - Aufruhr und laute Proteste wurden im Großen
Versammlungshaus nicht geduldet -, aber doch gegen einen solchen
Chor von kummervollen Seufzern, dass seine letzten Worte ebenso
untergingen, als ob die Krieger ihn niedergebrüllt hätten.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, fuhr Valerius
mit seiner Rede fort, dämpfte seine Stimme dabei jedoch so sehr,
dass die Krieger sich anstrengen mussten, um ihn zu hören, und auch
die Letzten von jenen, die unruhig mit den Füßen scharrten,
gezwungen waren, still zu sein.
»Es gibt allerdings noch eine vierte Möglichkeit:
dass wir die Krieger von Mona aufteilen, dass der größere Teil von
euch hier auf der Insel bleibt und die Meerenge gegen die Legionen
verteidigt. Wenn wir uns für diese Vorgehensweise entscheiden, wird
eine kleinere Abordnung von nur sechshundert Kriegern zusammen mit
mir zu dem Tal reiten, in dem Braint gefangen gehalten wird, und
wir werden dann die Kavallerie zum Kampf auf Leben und Tod
herausfordern. Mit eurer Hilfe ist das der Weg, den ich
einzuschlagen gedenke.«
Jetzt hatte er sie. So wie der Hase den Hund in
seinen Bann schlug, so hatte mit einem Mal auch er ihre ungeteilte
Aufmerksamkeit. Auch die Beachtung, die sie ihm nun schenkten,
besaß plötzlich eine ganz andere Qualität. Valerius hob die Hand
und ließ sie dann ähnlich einer Klinge ausgestreckt auf seine
Zuhörer hinabsinken. Mit dieser imaginären Schneide zerteilte er
vor sich die Luft, ließ eine Linie mitten durch ihre Reihen
verlaufen. Sich ihrer Handlung vollkommen unbewusst wichen die
Krieger zu beiden Seiten dieser Linie auseinander, wobei sich der
größere Teil von ihnen zu Valerius’ Rechter zusammenfand.
Er wandte sich also zunächst an diese größere
Gruppe. »In euren Händen liegt die Verteidigung Monas. Und ich
unterstelle euch hiermit dem Befehl von Tethis aus dem Stamme der
Kaledonier. Tethis, es müssen beide Seiten der Meerenge verteidigt
werden. Wie du das erreichst, liegt allein bei dir.«
Damit hatte er eine Entscheidung getroffen, die
allgemein mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Die Mehrheit der
Krieger hielt Tethis ohnehin für Braints legitime Nachfolgerin, sah
in ihr die stellvertretende Anführerin der Krieger, deren Stellung
sich nun Valerius zu Eigen gemacht hatte. Er hätte Tethis gerne an
seiner Seite behalten, doch sie war eine der wenigen, bei denen man
darauf vertrauen durfte, dass sie wussten, wie sie in der
Verteidigung der Insel den unzweifelhaften Mut der Krieger gegen
rein praktische Gesichtspunkte abzuwägen hatten. Tethis würde das
Leben ihrer Krieger nicht mit sinnlosen Befehlen oder gänzlich
hoffnungslosen Heldentaten vergeuden; gleichwohl aber würde sie sie
durchaus in den sicheren Tod schicken, wenn dies dazu führte, dass
sie den Feind am Ende doch noch würden schlagen können.
Für einen Augenblick gehörte der Versammlungsraum
allein ihr. Und sie kommandierte ihre Krieger sehr geschickt, schuf
Ordnung im Chaos und wählte als ihre Schildgefährtin eine
vierschrötige Frau aus dem Stamme der Cornovii, deren Brüder unter
Valerius’ Befehl gestorben waren. Nur allzu gerne hätte diese
Valerius gehäutet und, eingebettet in eine Hülle aus Tonerde, wohl
noch einen ganzen Monat lang am Leben gehalten, hätte ihn täglich
gefüttert, um seinen Tod damit noch ein wenig länger hinauszuzögern
- wenn die Stammesältesten sie nur gelassen hätten. Und auch unter
den sechshundert Kriegern, die nun Valerius’ eigene Truppe
bildeten, teilte die überwiegende Mehrheit die Einstellung dieser
Frau. Hätte Valerius diese jedoch alle aussortiert, so hätte er
schließlich mit kaum mehr als fünfzig Speerkämpfern zum Angriff auf
das Lager der Hilfstruppen ansetzen müssen.
Schließlich, als Tethis und ihre Krieger abgezogen
waren, wandte er sich an jene sechshundert, die nun noch übrig
blieben. Die Ansprache, die er an sie richtete, war kurz. Beinahe
schon barsch teilte er ihnen seinen Schlachtplan mit,
einschließlich der Aufstellung der Reiter und der Art der Waffen
sowie der Schlachtrufe, ganz so, als wären sie ein schon seit
langer Zeit unter seinem Kommando stehender Kavallerieflügel. Und
auch für diese knappe Ansprache hassten sie ihn, konnten ihm
zugleich aber keinen Vorwurf daraus machen. Zum Schluss führte er
sie nach draußen und rammte seine Fahnenstange in die Erde. Dann
markierte er eine Stelle auf dem Boden, die in nordöstlicher
Richtung von seinem eigenen Schatten lag.
»Es ist jetzt kurz nach Mittag. Wir treffen uns,
wenn der Schatten die Markierung berührt. Regelt alles, was ihr
noch geregelt wissen wollt, verabschiedet euch von allen, die euch
wichtig sind. Weder werde ich euer Leben sinnlos vergeuden, noch
bekommt ihr von mir die Gelegenheit, euch als Helden hervorzutun.
Wir haben einhundert Pferde mehr als die Hilfskavalleristen, was
bedeutet, dass wir theoretisch nicht unterliegen sollten. Dennoch
werden einige von euch sterben, und einige werden fallen und damit
letztendlich ebenfalls sterben. Seid euch über eines im Klaren: Ich
habe nicht vor, noch einen zweiten Rettungstrupp aufzustellen. Wenn
wir uns also schließlich wieder zurückziehen, lassen wir keinen von
unseren Leuten, gar keinen, lebend auf dem Feld zurück. Ich
erlaube nicht, dass die Einzelheiten der Evakuierung von Mona den
römischen Inquisitoren zu Ohren kommen. Jeder, der nicht mit
zurückgebracht werden kann, wird seinen letzten Atemzug auf dem
Berghang tun.«
Er schaute sich um. Niemand rührte sich. »Gut.
Jene, die sich nicht mit dem Zusammentreffen der Schatten hier
eingefunden haben, bleiben zurück. Solltet ihr also zu der Ansicht
gelangen, dass euch mein Befehl letztendlich doch zuwider ist,
dürft ihr selbst darüber entscheiden, ob ihr nicht lieber hier bei
Tethis bleiben wollt. Den Rest werde ich in Kürze wieder hier
vorfinden.«
Nur drei Krieger von insgesamt sechshundert
entschlossen sich, lieber bei Tethis zu bleiben und sich der
Verteidigung Monas anzuschließen. Die Übrigen überquerten gemeinsam
mit Valerius die Meerenge zum Festland hinüber. Erst auf der
gegenüberliegenden Seite stiegen sie auf ihre Tiere, gruppierten
sich dicht hinter ihm und hielten seine Fahne mit dem Symbol des
Kampfhundes stets so hoch, dass jeder es sehen konnte. Dennoch
fehlte es ihnen einfach an der Ordnung und der Disziplin der
perfekt gedrillten römischen Kavallerie, und Valerius sehnte sich
zurück nach jener klaren Verständigung auf dem Schlachtfeld, wie er
sie in seiner Vergangenheit erlebt hatte.
Die kastanienbraune Stute, die er ritt, war eines
ihrer besten Tiere, und dafür war er ihnen wahrlich dankbar. Als
ehemaliges Kavalleriepferd, das die Krieger bei einem früheren
Überfall erbeutet hatten, streckte sie energisch den Rücken, ließ
sich leicht führen und spitzte angesichts des in einiger Entfernung
aufsteigenden Rauches eines Lagerfeuers bereits kampfeslustig die
Ohren. Sie hatte ein gutes Gespür dafür, mit welchem Tempo sie
durch eine Schlacht zu galoppieren hatte, und sie liebte den Kampf;
dafür wiederum liebte Valerius sie.
Er flüsterte ihr leise etwas zu, kraulte ihr
aufmunternd den Hals und trieb sie dann die erste wirkliche
Steigung an dem Berghang hinauf. Der Nachmittag streckte sich dem
Abend entgegen und war recht warm für diese Zeit des Jahres. Der
noch am Morgen vorherrschende Nebel hatte sich inzwischen verzogen.
Die langsam immer steiler werdende Böschung war bedeckt von noch
nicht erblühtem Heidekraut, und unterhalb einer gewissen
Höhengrenze entfalteten sich bereits die Blätter der Farne, bereit
für den Frühling. Eine Feldlerche stieg hoch über dem mit
Felsbrocken übersäten Gipfel des Berges auf und erfüllte die
wartende Stille mit ihrem Gesang.
Die wartende Stille.
Valerius zügelte die Stute und hob die Hand.
Rechterhand von ihm schloss der junge silurische Katapultschütze
auf, welcher die Nachricht von Braints Gefangennahme verbreitet
hatte und der nun Valerius’ Banner trug.
»Hier teilen wir die Streitkräfte auf«, erklärte
Valerius. »Erinnerst du dich noch an das Signal?«
»Natürlich.« Der Name des Jungen war Huw.
Mütterlicherseits war er ein entfernter Verwandter von Caradoc und
denkbar stolz darauf.
Das Zeichen war ein sehr einfaches; ein
Jugendlicher konnte die komplexe Signalsprache der römischen
Kavallerie nicht an einem einzigen Morgen erlernen. Huw schwenkte
die Fahne einmal in Richtung Sonne. Der graue Untergrund des
Banners verschmolz mit dem Grau des Himmels, so dass der Kampfhund
wirbelte und tanzte, ganz so, als ob er tatsächlich lebte.
Beim Anblick des Signals teilte sich Valerius’
Truppe in zwei Hälften; der größere Teil von ihr ritt weiter unter
dem Kommando eines Kriegers mit Haar von der Farbe des Dachses. Er
stammte aus dem Stamme der Durotriger und war reich geschmückt mit
Kriegerfedern und übersät mit Kampfnarben. Die Krieger unter seinem
Kommando ritten unterhalb des Berghangs auf einem Pfad davon, der
sie nach einigen Kurven zum Eingang des Tals führen würde.
Dreißig Krieger blieben bei Valerius. Und
wenigstens ein Teil von ihnen bemühte sich, in Deckung zu
bleiben.
»Haben sie uns schon gesehen?«
Ganz gleich, welches Erbe er auch in sich tragen
mochte, so hatte Huw doch Angst, obgleich er sich große Mühe gab,
seine Angst zu verbergen. Sein Talent lag eher im Kampf aus dem
Hinterhalt, nicht aber in der offenen Schlacht.
Valerius’ Aufmerksamkeit ruhte ganz auf seinem
Hund, der ein kurzes Stück vor ihm lief. Noch immer den Blick
allein auf das Tier gerichtet entgegnete er: »Natürlich. Das sollen
sie ja auch. Wenn wir Glück haben, dann haben sie mich sogar
erkannt. Wenn wir doppeltes Glück haben, wird die Ala Prima Thracum
noch immer angeführt von einem Mann, den ich einst kannte. Und wenn
wir mehr Glück haben, als man eigentlich erwarten dürfte, wird er
sich an eine Vorgehensweise erinnern, die ich einst angewendet
hatte, um einen Standartenträger zu retten, der in den südlichen
Bergen von den Silurern gefangen genommen war.«
»Aber wenn er sich daran erinnert...?«
»Dann geht er vielleicht davon aus, dass ich
ebendiese Taktik hier erneut anwenden werde. In dem Fall wüssten
wir dann bereits im Voraus, in welche Richtung er seine Männer
führen wird. Möglicherweise aber ist er auch klüger. Das würde dann
wiederum bedeuten, dass wir alle in den Tod reiten werden. Wolltest
du etwa wieder umkehren?«
»Nein!« Eine dunkle Röte überzog das Gesicht des
Jungen. »Ich würde niemals wieder umkehren.«
»Außer, ich befehle es, was durchaus im Bereich des
Möglichen liegt...« Valerius verengte die Augen zu schmalen
Schlitzen und schirmte sie mit einer Hand gegen die Sonne ab. »Was
meinst du, ist das da oben auf dem Abhang der Rauch eines
Signalfeuers oder bloß der Abendnebel, der sich ungewöhnlich früh
herabsenkt?«
Es war ein Signalfeuer, das von beiden Seiten
gleichermaßen entdeckt wurde, jedoch, mit etwas Glück, nicht von
beiden Seiten gleich interpretiert werden würde.
Das Tal, in dem Braint gefangen gehalten wurde,
besaß die Form eines Pfeils und stieg in nördliche Richtung leicht
an. Dort stießen zwei sehr steile Gebirgskämme aufeinander, um am
Ende der Pfeilspitze eine Sackgasse zu bilden. Am entgegengesetzten
Ende des Pfeils beschrieb das Tal eine Öffnung, die breit genug
war, um einhundert Reiter, die in einer Reihe nebeneinander
herritten, mit jeweils einer Speerlänge Abstand zwischen ihnen,
hindurchzulassen.
Zwischen Pfeilspitze und Talöffnung verlief ebenes
Gelände, als ob ein Fluss dieses Tal einst ausgewaschen hätte.
Zudem war es fast vollkommen frei von Felsbrocken und Geröll, so
dass die Reiter in hartem Galopp eindringen konnten, ohne sich um
die Sicherheit ihrer Tiere sorgen zu müssen. Longinus hatte seinen
Platz geschickt ausgewählt und lagerte unter freiem Himmel und an
einer Stelle, wo es den feindlichen Truppen unmöglich war, ihn zu
erreichen, ohne sich zuvor bemerkbar zu machen. Den ganzen Morgen
über hatten die Späher von Mona berichtet, dass die Zelte der
Hilfstruppe in einem dicht gedrängten Haufen beieinander lagen,
etwa ein Drittel des Weges von dem breiteren, südlichen Ende aus
gesehen; und damit noch an derselben Stelle standen, wie schon zum
Zeitpunkt von Braints Gefangennahme. Neben einigen anderen Dingen
bestätigte das Signalfeuer nun also, dass sich an der Lage der
Zelte noch nichts geändert hatte.
Valerius drängte seine Kavalleriestute den Berghang
hinauf und in Richtung des nördlichen Endes des Tals. Seine aus
dreißig Kriegern bestehende Truppe folgte ihm aufgereiht wie auf
einer Perlenschnur. Wer nun erwartete, eine berittene Truppe zu
entdecken, für den sahen sie von oben betrachtet leicht nach einer
Kavalleriepatrouille aus, die gehalten war, in Kolonne zu reiten,
und sich zudem gerade alle erdenkliche Mühe gab, nicht gesehen zu
werden.
Ein Steinschlag versperrte den Weg. In seinem
Schutz hielt Valerius an, unfähig, noch länger die Bergkuppe
beobachten zu können, jedoch auch von dort aus nicht mehr
auszumachen.
Huw war noch immer an seiner Seite, blass und sehr
schweigsam. Wie ein vergessenes Anhängsel baumelte die
Steinschleuder von seiner Hand herab. Sein Beutel voller
Katapultsteine quoll derweil geradezu über.
»Braint wurde gesehen, und sie lebt; wäre sie tot,
wäre der Rauch schwarz«, erklärte Valerius. »Also fahren wir fort
wie geplant. Huw, gib mir die Standarte und überlass dein Pferd
Nydd.«
Nydd war vom Stamme der Ordovizer und einige Jahre
älter als Huw, sein Haar jedoch war von demselben intensiven
Schwarz wie das der meisten Bewohner des Hochlands, und seine
Tunika wies das gleiche grüne Muster auf, das über die
Schulterpartie und um den Saum herum verlief, wie das von
Huw.
Das Pferd, das nun den Besitzer wechselte, war von
einem prachtvollen, leuchtenden Grau mit schwarzen Flecken und
damit aus Sicht der sie womöglich beobachtenden Kavalleristen, die
Pferde sogar noch höher schätzten als Gold oder Frauen, das bei
weitem am leichtesten wieder zu erkennende Tier. Es stammte aus der
Zucht der Eceni und trug auf seiner linken Schulter ein
Brandzeichen in Form des Schlangenspeers. Wenn Longinus sich also
noch immer auf die Dienste jenes batavischen Spähers verließ, der
die auf ihrer Standarte ausgewiesenen Verdienste einer Legion
bereits auf eintausend Schritt Entfernung ablesen konnte, so wüsste
er nun, dass die unter Valerius’ Banner reitenden Krieger allesamt
auf den besten Tieren ritten, die Mona nur irgend zu bieten hatte.
Und wenn Longinus sich eines gemerkt hatte, dann den Grund dafür,
warum ein Krieger stets sein bestes Pferd in die Schlacht
ritt.
»Huw, erinnerst du dich noch an die Signale und wie
du auf sie zu reagieren hast?«
»Natürlich.«
»Was tust du, wenn die feindliche Kavallerie
angreift, ehe wir Braint befreit haben?«
»Dann renne ich hierher zurück, nehme das
Ersatzpferd und fliehe. Unter keinen Umständen darf ich zulassen,
dass ich gefangen genommen werde, weil du nicht vorhast, dies alles
morgen noch einmal unternehmen zu müssen für einen
Katapultschützen, dessen Mut größer war als sein Vermögen, ein
Geheimnis zu bewahren.« Er war ein guter Schauspieler und klang
beinahe schon wie Valerius. Zorn und verletzter Stolz hatten seinen
Wangen wieder etwas Farbe verliehen, und er sah nicht mehr ganz so
von Übelkeit geplagt aus.
Valerius lächelte. »Sehr gut. Braints Leben hängt
von dir ab. Ich vertraue darauf, dass du der Aufgabe gewachsen
bist.«
Die Silurer waren berühmt für ihre Fähigkeiten als
Fährtenleser und Jäger. Huw schob energisch das Kinn vor und
schlang die Schnüre seiner Schlinge noch ein wenig sorgfältiger um
sein Handgelenk. »Ich weiß, was du getan hast und wer du warst«,
entgegnete er. »Ich tue dies für Braint. Und ich werde sie nicht im
Stich lassen.«
Der Junge schien zwischen dem Heidekraut zu einem
grünlich braunen Fleck zu verblassen, bis er schließlich überhaupt
nicht mehr zu erkennen war. Eine kurze, schweißtreibende Zeit des
Wartens später prallte ein kleiner Stein, noch kleiner, als eine
sich niederlassende Krähe ihn womöglich losgetreten haben könnte,
über Valerius’ Kopf hinweg gegen den Fels und zeigte damit an, dass
Huw seinen Posten erreicht hatte und sich, wenngleich vielleicht
auch an nichts anderes mehr, zumindest noch an den ersten seiner
Befehle erinnerte.
Nydd hielt derweil die Standarte. An ihn wandte
sich Valerius nun: »Halte dich dicht neben mir, reite genau dort
lang, wo auch ich reite. Wenn wir angegriffen werden, werde ich
dich verteidigen. Aber wenn der Kampfhund fällt, haben wir keine
Möglichkeit mehr, Huw noch Signale zu geben, und dann stirbt auch
er. Und wenn er stirbt, dann stirbt Braint in der Festung unter der
Folter der Inquisitoren. Hast du das verstanden?«
Nydd war älter als Huw und hatte folglich schon in
mehr Schlachten gekämpft. Er errötete nicht. »Ich habe schon
genügend römische Standartenträger getötet. Ich weiß, was passiert,
wenn sie fallen.«
»Gut. Dann lass uns aufbrechen.«
Valerius führte seine Kolonne wieder aus dem Schutz
hinter dem Steinschlag hinaus und spürte die Blicke jener, die sie
beobachteten, nun umso stechender. Doch in ihrer Berührung lag auch
eine gewisse Genugtuung; gewürzt mit dem leichten Beigeschmack der
Enttäuschung darüber, dass er nun ein altes Manöver zum zweiten Mal
ausführen sollte; Longinus hatte von ihm sicherlich etwas Besseres
erwartet.
In nördliche Richtung gewandt kletterten sie nun
einen steilen Ziegenpfad hinauf - viel zu schmal für jeglichen
Reiter, der noch halbwegs bei gesundem Menschenverstand war. An
einem gewissen Punkt, auf einer Höhe, wo selbst das Farnkraut sich
noch nicht entfaltet hatte, stiegen sie ab und führten die Pferde
über Felsgestein, das selbst die Bergziegen nicht mehr in Angriff
zu nehmen wagten. Zwei der älteren Silurer hatten als Kinder in
diesen Bergen gelebt; deren Erinnerungen an die Mutproben ihrer
Jugend waren die Grundlage für Valerius’ Plan gewesen. Seine
Erleichterung darüber, als er feststellte, dass diese Erinnerungen
noch immer mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmten,
hielt fast den ganzen Anstieg den Berg hinauf an.
Schließlich erreichten sie jene Kuppe oberhalb des
Tals, an der die beiden Bergkämme aufeinander trafen, und schauten
zum ersten Mal hinab in die offene Ebene, die sich nun unter ihnen
erstreckte. Der Pfad, der diesen steilen Hang hinabführte, war
genauso wenig einladend wie jener, den sie bei ihrem Aufstieg
genommen hatten, und die Abhänge, die sich zu seinen beiden Seiten
auftaten, waren gleichermaßen Furcht einflößend, so steil waren
sie.
Als alle dreißig Krieger bei ihm angelangt und
wieder auf ihre Tiere gestiegen waren, erklärte Valerius: »Nydd,
lass die Standarte in östliche Richtung sinken und heb sie dann
wieder hoch. Lass es so aussehen, als ob sie dir aus der Hand
gerutscht wäre und du sie dann wieder aufgefangen hättest.«
Geschickt führte der Standartenträger aus, was ihm
befohlen worden war. Für eine Zeitspanne von etwa zehn Atemzügen
herrschte Frieden. Die Pferde verlagerten unter ihren Reitern das
Gewicht, suchten sich einen besseren Halt. Eine Krähe zog über
ihnen ihre Kreise und landete dann auf einer verkümmerten, vom Wind
niedergedrückten Eiche. Valerius’ Kampfhund winselte und sog
prüfend die Luft ein. Plötzlich wieherte schrill ein Pferd - keines
der Tiere von Mona -, und der Frieden verwandelte sich in Chaos und
schließlich in einen wahren Höllenlärm.
Am entgegengesetzten, südlichen Ende des
Gebirgspasses kamen beinahe sechshundert Krieger nebeneinander in
das Tal geritten. Und weil Longinus sich in der Tat an Valerius’
früheres Manöver erinnerte, wartete auf diese Reiter bereits ein
kompletter Flügel, bestehend aus fünfhundert thrakischen
Kavalleristen. Der Lärm des Zusammenpralls, als diese beiden Armeen
aufeinander trafen, schallte bis zur Meerenge von Mona
hinüber.
Hoch oben auf dem Berg, über dem Blutbad, aber
nicht jenseits des Lärms, hob Valerius eine Hand. Er wartete einen
Augenblick, entbot den Göttern, welche beide sein Herz besaßen, ein
Stoßgebet, und senkte seine Hand dann abrupt wieder.
»Los geht’s!«
Noch vor allem anderen wussten die Krieger von
Mona, wie man ein Pferd ritt. Ihre Tiere waren trittsicherer als
alle anderen Pferderassen dieser Welt, und sie lebten allein für
den Kampf. Wenn es sein musste, konnten sie also auch im Galopp
einen Berg hinabstürmen, ohne sich dabei die Beine zu brechen.
Valerius’ kastanienbraune Kavalleriestute besaß ein Brandzeichen,
das sie als von der iberischen Halbinsel abstammend auswies, und
sie war wahrlich gut. Er trieb sie also den steilen Berghang
hinunter, und einige Augenblicke lang gab es nichts, was er noch
hätte tun können, außer sich einfach in der Schwindel erregend
steilen Neigung des Pfades zu verlieren, in dem dringenden
Erfordernis, so rasch wie möglich zu reiten, und dem Bewusstsein,
die Talsohle wohl kaum mehr lebend zu erreichen. Je näher sie dem
Fuß des Berges kamen, desto weniger Steine blockierten noch ihren
Weg und desto schneller konnten sie galoppieren, bis schließlich
alle dreißig Krieger nebeneinander in einer Linie über die Talsohle
hinwegstürmten, weit abseits der Reihen der Schlacht, und ihre
Pferde aus purer Freude an der Geschwindigkeit rannten.
Valerius trieb seine Stute noch stärker an, bis sie
im gestreckten Galopp dahinflog, bis ihre Mähne ihm ins Gesicht
peitschte und ihm die Augen tränten von dem brausenden Wind ihres
Tempos. Sein Herz schlug im Rhythmus der wild galoppierenden
Pferdehufe, rasend vor Begeisterung, und er spornte die Stute
weiter an, erinnerte sie an die Großartigkeit ihrer Ahnen und die
ihrer Fohlen, die sie eines Tages noch austragen würde. Einst, als
Kind, hatte er von genau diesem Ritt geträumt, oder zumindest von
etwas Ähnlichem, und jedes Mal wenn er so in einen Kampf ritt,
erfüllte ihn stets der gleiche Jubel. Ganz gleich, wie erschöpft er
war, ganz gleich, wie betrunken, ganz gleich, wie zermartert von
Sorgen oder überladen mit Verantwortung er auch gewesen sein mochte
- bei jeder neuen Schlacht, die anstand, war Valerius von den Eceni
für die Dauer dieses einen stürmischen Ritts wieder frei, mochte
die ganze Welt in einem einzigen Krieg toben, ihn jedenfalls
berührte dies nicht.
Vor ihm lagen nun die Zelte der Kavallerie, fünf
Reihen von Offizierszelten, unmittelbar am Eingang des Tals. Die
Späher glaubten, dass Braint in einem von ihnen gefangen gehalten
würde, aber keiner hatte bislang herausfinden können, in
welchem.
Noch ehe seine Stute zum Stehen kam, war Valerius
bereits aus dem Sattel gesprungen, seine Klinge angriffsbereit in
der Hand.
Krieger rannten von allen Seiten auf ihn zu,
bereit, die Wachen zu töten. Doch es gab keine Wachen; nur selten
verschwendete Longinus das Leben seiner Männer. Valerius benutzte
sein Gürtelmesser, um die Seite des größten der Offizierszelte
aufzuschlitzen, fuhr mit der Klinge einmal aufwärts und dann quer
hinüber, so dass ein weißes Dreieck ins Innere fiel und er durch
die so entstandene Öffnung eintreten konnte. Das Zeltinnere war
nicht erleuchtet; mitten aus dem hellen Tageslicht trat er ein in
eine dämmrige Umgebung. Und auch hier gab es keine Wachen, was ihn
überraschte.
Am entgegengesetzten Ende des Zelts lag eine
Gestalt bäuchlings auf dem Boden, die Handgelenke und die Fesseln
von Ketten umschlungen, deren massive Ösen wiederum an einem
Eichenstamm befestigt waren, der so schwer war, dass selbst zwei
Männer ihn nicht heben konnten.
»Braint?«
Valerius rannte auf sie zu, kniete neben ihr
nieder. Steif drehte sie den Kopf in seine Richtung. Sie hatten sie
zwar nicht zusammengeschlagen, so wie sie ihn damals
zusammengeschlagen hatten, aber Braint hatte offenbar gegen die
Soldaten angekämpft, und jemand hatte ihr schließlich mit der
stumpfen Seite seiner Schwertklinge einen Schlag ins Gesicht
versetzt. Eine üble Schnittwunde verlief erst ein Stückchen
aufwärts und dann quer über ihr Gesicht hinweg und würde sie für
den Rest ihres Lebens entstellen. Wenn sie denn noch lange genug
leben sollte, damit die Wunde überhaupt wieder so weit verheilte.
Später hatten sie sie mindestens einmal bewusstlos geschlagen. Von
der Schläfe aus erstreckte sich eine gewaltige Prellung und hatte
ihr linkes Auge zuschwellen lassen.
Ohne nachzudenken streckte Valerius die Hand aus,
um die Prellung zu berühren. Braint zuckte zurück. Voller
Verachtung ließ sie aus ihrem geöffneten Auge einmal den Blick über
ihn schweifen. »Du! Ich dachte, Tethis würde kommen. Aber ich bin
froh, dass sie offenbar mehr Verstand besitzt. Dies ist eine Falle,
weißt du das etwa nicht?«
Valerius nickte gut gelaunt. Hier, im Herzen des
Kampfes, war er wieder frei und konnte den Stachel ihres Hasses
ertragen. »Natürlich. Ich wäre enttäuscht, wenn es keine Falle
wäre. Von der gesamten Kavallerie ist Longinus stets der klügste
Kopf gewesen.«
Dann hob er den Blick wieder. Ein Schmied vom
Stamme der Cornovii war ihm ins Innere des Zelts gefolgt und trug
einen Hammer bei sich sowie einen geschmiedeten Meißel, dessen
Spitze in Kohlefeuern gehärtet worden war. An ihn gewandt sagte
Valerius: »Schlag die Öse am Baumstamm durch. Die Fesseln zu
durchtrennen dauert zu lange.«
Ganz gleich, wie schnell der Schmied auch arbeiten
mochte, es dauerte einfach zu lange und das Warten war eine Qual.
Der Lärm des Hammers übertönte hell den weiter entfernten, vom
Eingang des Tals herüberhallenden Gefechtslärm - und dann
veränderte sich sein Klang plötzlich. Der Schmied grunzte
zufrieden.
»Fertig!«
Er war ein kräftiger Mann und hob Braint hoch, als
wäre sie so leicht wie ein Kind. Klirrend fielen die Ketten, die
noch immer ihre Handgelenke und Fesseln umschlossen hielten, um sie
herum. Sie wandte den Kopf, um zurückzublicken.
»Valerius, du kannst doch nicht...« Noch niemals
zuvor in der Geschichte von Mona war der ranghöchste Krieger lebend
von einem Schlachtfeld getragen worden. Besser zu sterben, als
derart entehrt zu werden.
»Wir haben keine Zeit, um dich erst noch
loszueisen«, entgegnete Valerius. »Du kannst ja auf dem Pferd aus
dem Tal reiten. Nydd wird dich in Sicherheit bringen. Und selbst
wenn du in diesem Zustand bis nach Mona reisen musst, bist du
zumindest noch am Leben.«
Nydd wartete draußen und hielt neben seiner eigenen
Stute auch die Zügel der Kavalleriestute mit dem Fell von der Farbe
des Fuchses im Winter. Diese beiden waren die besten Pferde von
ganz Mona; stark und schnell und in der Lage, auf ihren Reiter Acht
zu geben. Ohne viel Federlesens legte der Schmied Braint über den
Sattel der Kavalleriestute.
»Wenn es sein muss, halt dich am Sattelgurt fest«,
sagte Valerius. »Es wird ein forscher Ritt aus dem Tal
hinaus.«
Voller Wut spuckte Braint ihn an. »Wenn ich so
sterben sollte, unfähig zu kämpfen, dann warte ich auf dich im Land
der Toten, zur Not auch bis in alle Ewigkeit.«
»Da wirst du nicht allein sein.«
Valerius hob die Hand, um der Stute einen Klaps auf
das Hinterteil zu versetzen - und hielt mitten in der Bewegung
inne, als ein von einer Rüstung reflektierender Sonnenstrahl seine
Aufmerksamkeit erregte.
Er wandte sich um. Südlich von ihm bestand das Tal
aus einer Ansammlung von mehreren hundert Kavalleristen, die sich
plötzlich allein auf einem Schlachtfeld wiederfanden, auf dem sich
gerade eben doch noch die Krieger gedrängt hatten. So schnell, wie
sie gekommen waren, so schnell waren die Krieger von Mona, die die
Öffnung des Tals gestürmt hatten, auch schon wieder zurückgewichen
und geradezu verschmolzen mit dem Nebel, dem Heidekraut und den
struppigen Eichendickichten. Voller Angst vor einem möglichen
Hinterhalt war ihnen die Kavallerie jedoch nicht gefolgt, sondern
kehrte wieder um, um ein zweites Mal jene Falle zuschnappen zu
lassen, die sie schon beim ersten Mal für sicher gehalten hatte.
Dies waren Männer, die wussten, wie man in einer geschlossenen
Reihe vorrückte und diese auch hielt, ohne dass ihnen dazu
irgendjemand den Befehl zu erteilen brauchte. Langsam und
unaufhaltsam ritten sie auf ihre Zelte zu, eine massive Mauer aus
Pferdeleibern und Metall.
»Sie kommen«, murmelte Nydd leise. Sein Blick
schweifte zwischen den Kavalleristen und Valerius hin und her. »Sie
blockieren das Tal in seiner gesamten Breite.«
»Ich weiß. Aber sie denken ja auch, dass du
versuchen wirst, durch ihre Reihen hindurchzubrechen und dann nach
Süden zu fliehen, und genau das wirst du natürlich gerade nicht
tun. Reite stattdessen nach Norden und sieh dich nicht um. Dein
Pferd kann es wieder den Berg hinauf schaffen; die meisten ihrer
Tiere können dies jedoch nicht. Und, was immer du auch tust, lass
nicht die Standarte fallen. Wir müssen wissen, wann du in
Sicherheit bist.«
Valerius versetzte beiden Pferden einen Klaps und
spürte, wie sie von ihm davonstürmten, als wäre dies für sie ein
Rennen auf Leben und Tod. Die gut zwei Dutzend Krieger zu beiden
Seiten zögerten noch immer, beobachteten die aufrückende
Kavallerie; sie waren es nicht gewohnt, dass man ihnen im Angesicht
des Feindes sagte, sie sollten fliehen.
Valerius schwang seinen Arm nach vorn, so wie er es
schon so oft getan hatte, wenn er einen Angriff der Kavallerie
geführt hatte. »Los, vorwärts! Ihr alle! Nach Norden und dann in
Richtung Mona. Los!«
Die Krieger trieben ihre Tiere aus dem Stand in
einen Galopp, bildeten einen Kreis um Nydd, Braint und den Schmied
und stürmten in nördliche Richtung, in die Freiheit, wobei sie ihre
Körper als lebendige Schilde benutzten. Und ihre Pferde rannten
nicht mehr der Ehre halber oder um den Sieg, sondern sie rannten um
ihr Leben. Da dies die gleiche Route war, die sie auch in das Tal
hinein genommen hatten, kannten sie den Weg; jeder der Krieger
hatte sich seinen persönlichen Pfad genau eingeprägt und sich dem
Ziel verschrieben, es diesen Pfad auch wieder hinaufzuschaffen oder
aber zu sterben.
Und zwei starben schon sehr bald, wurden von den
Speeren getroffen, die ihnen hinterhergeschleudert wurden. Valerius
hörte, wie sie fielen, und zog es vor, zu glauben, dass keiner der
beiden Nydd oder Braint war; er hatte keine Zeit sich umzusehen. Er
blieb mit lediglich sechs Kriegern an seiner Seite zurück, und
gemeinsam stellten sie sich nun der gegen sie vorrückenden Wand von
thrakischen Kavalleristen.
Valerius beobachtete, wie sie immer näher kamen,
während er die Herzschläge zählte. Zwanzig für Nydd und zwanzig für
Braint, damit diese den Fuß des Berges erreichten. Und ein weiteres
Dutzend Herzschläge, damit das Banner mit dem blutroten Kampfhund
hoch genug aufstieg, dass Huw es erkennen könnte und seine
Schleuder benutzte, um abermals sein Signal zu geben. Die
Hilfstruppe hingegen brauchte kein Dutzend Herzschläge mehr, um bei
ihm anzugelangen. Braint war nicht mehr länger ihr Hauptinteresse.
Sie hatten nun Valerius ins Auge gefasst. Und er war nicht
beritten, ein leichtes Ziel.
»Hier, Valerius. Steig auf!«
Er hatte darum gebeten, eines der frei
umherlaufenden Pferde für ihn einzufangen, ohne damit zu rechnen,
dass sein Wunsch auch tatsächlich erfüllt würde. Nichtsdestotrotz
warf ihm nun jemand die Zügel eines rotbraunen Wallachs zu, der dem
Blutbad am Eingang des Tals entflohen war. Er war ganz dunkel vor
Schweiß und blutete aus einer flachen Wunde an der Brust, doch er
war noch immer willens.
Den Blick auf die ankommenden Reiter geheftet pfiff
Valerius leise, damit das Tier antrabte. Und die sechs Krieger, die
ihm folgten, sowie die mehreren hundert Kavalleristen der
Hilfstruppe, die er einst selbst befehligt hatte, wurden Zeugen,
wie Valerius aus dem Stand und vom Boden aus auf ein rennendes
Pferd aufsprang. Abermals wurden sie daran erinnert, dass sich hier
gerade etwas Außergewöhnliches ereignete.
Und dann mussten die Reiter der Ala Prima Thracum
mit ansehen, wie ihr ehemaliger Kommandeur den Arm hob, ihn wieder
nach unten riss und aus seiner Kehle der Schlachtruf von Mona
ertönte, als er die Hand voll von Kriegern direkt auf sie zustürmen
hieß.
Wir werden die Ablenkung sein, die Braint die
Flucht erlaubt. Wenn wir es schaffen, den Pfeil von Mona zu bilden,
und hart genug reiten, dann können wir ihre Reihen womöglich
durchbrechen. Obgleich ich nichts verspreche. Diejenigen, die bei
mir bleiben, haben in jedem Fall die geringste Überlebenschance von
allen.
So hatte Valerius gesprochen, ehe sie Mona
verließen, und, entgegen allen Erwartungen, hatten vier Frauen und
zwei Männer sich tatsächlich erboten, bei ihm zu bleiben, während
Braint in Sicherheit gebracht wurde. So diszipliniert wie auch jede
von Rom ausgebildete Kavallerie folgten sie ihm nun, während er sie
der einzigen Schwachstelle in der feindlichen Linie entgegenführte,
einer Lücke, die kaum so breit war wie ein Pferd und zwischen dem
Standartenträger und jenem Waffenschmied klaffte, den er noch aus
vergangenen Zeiten her kannte: Der Mann hatte es noch nie fertig
gebracht, nüchtern in eine Schlacht zu reiten.
Die Unaufmerksamkeit dieses einen Mannes erlaubte
es ihnen schließlich tatsächlich, die Reihe zu durchbrechen.
Pferdeleiber prallten donnernd gegen Pferdeleiber, als die breite
Kante von Valerius’ lebendigem Keil auf die Linie des Feindes traf.
Klingen prallten gegen Klingen, Eisen sang klirrend, Funken stoben
hoch hinauf, und zwei Männer starben, doch keiner von ihnen gehörte
zu den Kriegern von Mona. Sie brachen auf das offene Feld hinaus.
Wild gestikulierte Valerius mit dem Arm, bis die Krieger
schließlich eine geschlossene Linie bildeten und in Richtung Süden
stürmten, um ihr Leben rannten, auf den offenen Eingang des Tals
zu.
Doch der Eingang des Tals war nicht mehr offen, war
es womöglich nie gewesen. Lange, bevor sie die Talöffnung
erreichten, war Longinus bereits dort angekommen, gemeinsam mit der
anderen Hälfte seiner Truppe, um die Falle in der Falle in der
Falle zuschnappen zu lassen. Quer durch das Tal hindurch zog sich
eine geschlossene Reihe von Kavalleristen. Es waren ihrer mehr als
einhundert und mit jeweils weniger als einer Speerlänge Abstand
zwischen ihnen, und jeder dieser Männer nahm seine Aufgabe so
ernst, wie man diese nur irgend begreifen konnte; keiner von ihnen
hatte die Absicht, ihn, Valerius, hindurchzulassen.
»Halt!« Valerius vergaß sein Vorhaben für einen
Augenblick und riss den Arm empor. In Entsprechung eines
Kavalleriebefehls, den sie zwar gesehen, aber doch nie erlernt
hatten, zügelten sechs Krieger ihre schwitzenden, schnaufenden
Tiere, bis diese stehen blieben.
»Valerius! Ihr Offizier reitet dein Pferd!«
Es war Madb, die da gerade sprach, eine wilde Irin
mit schiefergrauem Haar und den klugen, glänzenden Augen einer
Dohle, die für Mona kämpfte, weil sie sich dafür entschieden hatte,
und nicht etwa, weil ihr Land bedroht wurde. Das Ersatzpferd war
von ihr gekommen, ebenso wie die schützende Gegenwart, die Valerius
nun in seinem Rücken spürte. Noch nie zuvor hatte er an ihrer Seite
gekämpft, und er bedauerte es.
Valerius hielt sein neues Pferd ruhig und blickte
in jene Richtung, in die Madb mit ihrer Klinge deutete. Er hatte es
bereits entdeckt, hatte es vielleicht schon seit Monaten gewusst,
aber es konnte nicht schaden, jetzt so zu tun, als sei die
Nachricht neu und als wäre er dankbar für den Hinweis.
Die restlichen fünf Krieger hielten ihre Pferde
ebenfalls an und beobachteten die Szenerie. Auf einen Krieger kamen
etwa einhundert Kavalleristen, und es gab keinen Ort, wohin sie
noch hätten fliehen können, und ohnehin hatte der gescheckte
Hengst, der einst Valerius’ Pferd gewesen war, bereits einen
Bekanntheitsgrad erreicht, der weit über die Grenzen der Kavallerie
hinausging. Sein Zorn und seine Brutalität im Kampf, die er sowohl
gegen den Feind richtete als auch gegen seinen Reiter - ausgenommen
jenen Höhepunkt in einer jeden Schlacht, wenn Pferd und Reiter zu
einer Einheit verschmolzen -, waren geradezu zum Mythos geworden.
Das Tier löste sich aus der Masse der herannahenden Kavallerie und
stürmte nun geradewegs auf Valerius zu. Madb schnappte überrascht
nach Luft, und auch andere taten einen tiefen Atemzug, nicht so
dicht an Valerius’ Ohr wie Madb, doch mitunter lauter und noch
tiefer aus dem Herzen kommend.
Was konnte man anderes über das Krähenpferd sagen,
als dass es die Perfektion auf vier Beinen war? Mit seinen weißen
Flecken auf schwarzem Grund erschien es, als ob die Götter
flüssigen Schnee über die Decke der Nacht gegossen hätten, und
beide waren sie in ihrer Reinheit gleichsam makellos. Frisch
geputzt für die Schlacht galoppierte es nun mit der gleichen
sturen, unbeirrbaren Entschlossenheit, wie es auch unter Valerius
galoppiert war; und zum ersten Mal sah jener Mann, der sich für den
einzigen Herrn des Tieres gehalten hatte, wie es anderen erschienen
sein musste, wenn er früher auf diesem Pferd geritten war, und
diese Erkenntnis ließ ihn sprachlos und unaufmerksam werden, obwohl
er umschlossen war von Feinden, und der Schmerz, den ihm der
Verlust des Tieres bereitete, machte ihn für einen Augenblick
regelrecht handlungsunfähig.
Laut sagte er: »Ich habe deine Mutter. Sie lebt auf
Mona, trägt ein letztes Mal ein Fohlen von einem Hengst, der dir
sehr ähnlich ist. Sie wäre stolz auf dich.«
»Beweg dich!«
Madb versetzte Valerius einen Stoß und rettete ihm
damit das Leben. Der Speer, der auf seine Kehle ausgerichtet
gewesen war, verfehlte sein Ziel, fiel klappernd zu Boden und
rutschte in eines der Zelte hinein.
»Halt!« Auch Longinus riss den Arm empor, und
langsam ließ der Singularius - Angehöriger der kaiserlichen
Elitetruppe -, der bereits den ersten Speer geschleudert hatte,
seine zweite Waffe wieder sinken.
»Valerius! Ich war mir nicht sicher, ob du kommen
würdest.« Longinus schnalzte mit der Zunge, und das Krähenpferd
trabte vorwärts, als ob es sich in einer Parade befände. Dabei
hatte es Paraden doch immer gehasst. Sauber zum Stehen gebracht
hielt es nun quer zwischen der Kavallerie und den Kriegern von Mona
an, den Kopf Valerius zugewandt. Schaum troff ihm aus dem Maul, und
seine weiß umrandeten Augen schienen voller Hass zu sein, doch so
hatten sie schon geblickt, seit das Tier gerade ein frisch von der
Milch seiner Mutter entwöhntes Fohlen gewesen war. Valerius konnte
nicht erkennen, ob es wohl noch wusste, wer er war.
Longinus hingegen wusste von allen Männern am
besten, wer er war, kannte all die vielen Schichten, die Valerius’
Persönlichkeit ausmachten. Er selbst hatte sich nicht verändert; er
war noch immer der furchtlose, von den Göttern gesegnete Offizier,
der sein Leben riskiert hatte, um seinen Seelenfreund vor den
Inquisitoren zu retten; war noch immer jener, der zehn Jahre lang
Seite an Seite mit Valerius in die Schlacht geritten war; jener,
mit dem Valerius Wetten aufgestellt und gewonnen hatte, aber auch
so viele Male verloren, dass er sie schon gar nicht mehr hatte
zählen können; jener Mann, der stets ohne Helm in den Kampf ritt,
dem das lohfarbene Haar ungebändigt um die Schultern wallte, so rot
wie ein Hirsch zur Zeit der Brunft. Seine Augen waren von dem
eindrucksvollen Bernsteingelb eines Habichts und genauso
durchdringend. Doch es lag auch Wärme in ihnen, hinter der
Enttäuschung und dem nahe bevorstehenden Verlust seines besten
Freundes.
Einst, als ihre Freundschaft noch neu gewesen war,
hatte Valerius mit diesem Mann einmal gewettet, dass der es nicht
schaffen würde, fünfzig Herzschläge lang auf schmelzendem Eis
auszuharren. Doch sie hatten die Schläge von Longinus’ Herz
gezählt, das wesentlich schneller geschlagen hatte, und so hatte
Longinus schließlich doch gewonnen. Nun aber war Valerius’ Herz es,
das schneller schlug. Selbst sein geliehenes Pferd spürte dies, und
es erzitterte, bereit für die Schlacht.
Sechzig Herzschläge waren mittlerweile vergangen,
seit Nydd den höchsten Punkt des Bergkammes erreicht hatte und die
Standarte in Richtung der untergehenden Sonne senkte. Doch nichts
war diesem Signal gefolgt, und vielleicht würde ihm auch nie mehr
etwas folgen.
»Meinen Glückwunsch. Ich hätte nie gedacht, dass du
den Mut aufbringen würdest, einmal mein Pferd zu reiten. Hat er
dich auch bereits in die Schulter gebissen?« Valerius drängte sein
eigenes Pferd ein Stückchen vorwärts, dicht genug, um Longinus
beinahe berühren zu können, zu dessen beiden Seiten aber sogleich
je acht Kavalleristen die Klingen zogen und damit deutlich machten,
dass ein einziger weiterer Schritt in Richtung ihres Dekurio
zugleich auch Valerius’ letzter Schritt auf dieser Welt sein
würde.
Die noch verbliebenen Krieger von Mona scharten
sich zusammen, ausgenommen Madb, die grinsend an Valerius’ Seite
verharrte. In ihrer Gegenwart fühlte er sich sicher. Sie hatte
einen ausgeprägten Instinkt für die Gefahr, der während eines
Kampfes nicht nur sie selbst am Leben erhielt.
Madb drängte sich nun dicht an Valerius’ linke
Schulter, und als sein Herz den hundertsten Schlag tat, seit Nydd
mit dem Banner gewinkt hatte, spürte er, wie Madb sich plötzlich
anspannte und den Kopf ein wenig nach links umwandte. Zu leise, als
dass noch irgendjemand sonst sie hätte verstehen können, murmelte
sie: »Sie sind hier. Gut gemacht. Ich dachte schon, sie würden dich
im Stich lassen.«
»Das können sie ja immer noch. Schau nicht hinauf.«
Valerius achtete darauf, dass er den Blick nach unten gerichtet
hielt. Lauter und an Longinus gewandt fuhr er fort: »Du willst uns
wohl fragen, ob wir uns ergeben wollen?«
»Das würde ich, wenn ich nicht bereits der Ansicht
wäre, dass ich dabei nur meinen Atem verschwendete. Willst du dich
denn ergeben?«
»Sechs von uns gegen fünfhundert von euch ist keine
allzu ermutigende Aussicht, aber andererseits könnte der sichere
Tod durchaus eine Alternative sein gegenüber einer Gefangenschaft
in der Gewalt Roms, besonders für einen Verräter, von dem bekannt
ist, dass er den Winter auf Mona verbracht hat.«
»Das wäre es ganz sicherlich. Du hättest zusammen
mit der Frau, die du befreit hast, fliehen sollen.«
»Vielleicht, aber dann hätte ich doch nicht
gesehen, wie du das Krähenpferd reitest, und mein Leben wäre ärmer
gewesen. Was würdest du denn an meiner Stelle tun?«
Longinus grinste. Schon immer hatte in seinem
Lächeln eine gewisse Herausforderung gelegen, eine Art Einladung.
Er langte nach seinem Schwert und hielt es waagerecht vor sich
ausgestreckt. Es war eine gallische Waffe, speziell angefertigt für
seine Armlänge und sein Körpergewicht. In das Heft war in Silber
der Halbmond des thrakischen Gottes eingebettet, und die Klinge war
nach alter Machart geschmiedet, mit wellenförmigen Linien
bläulichen Eisens, die sich über deren gesamte Länge wanden. Nun,
unter dem Dunstschleier des Abends, schimmerte die Klinge wie ein
flaches Gewässer im Mondschein.
Longinus hob die Brauen und erklärte: »Ich würde
kämpfen - wozu sonst wären wir da?« Seine Klinge war eine
Einladung. »Wir haben einander noch niemals wirklich
herausgefordert, und ich habe den Eindruck, du bist auch nicht mehr
jenes Häufchen Elend, als das du mir im letzten Sommer noch
erschienen bist. Meine Männer werden sich nicht einmischen, wenn
du, dieses letzte Mal, deine Klinge noch einmal gegen die meine
erproben möchtest. Man weiß ja nie, vielleicht gewinnst du ja
sogar.«
Valerius deutete einen militärischen Gruß an. »Ich
würde ja durchaus annehmen, aber wenn du deine Klinge noch ein
kleines bisschen höher hebst, wirst du sterben, was wirklich eine
Schande wäre. Die Krieger hinter dir auf dem Berg sind die besten
Katapultschützen von ganz Mona, und du befindest dich mit
Leichtigkeit in ihrer Reichweite. Es tut mir Leid; sie haben von
mir ganz klare Befehle erhalten, und von hier aus habe ich keine
Möglichkeit, diese wieder zu revidieren. Wenn du dich nun also
ergeben willst, wird dir kein Leid geschehen. Anderenfalls werden
sie gleich auf den Ersten zielen, der gegen uns die Waffe
erhebt.«
Er sprach Latein, laut genug, damit zumindest die
vorderen Reihen der Kavallerie ihn noch verstehen konnten. Männer,
die gerade eben noch durchaus entspannt gewesen waren und das
Ritual des Kampfes Mann gegen Mann erwartet hatten, hoben nun mit
einem Ruck die Köpfe und blickten sich nach beiden Seiten hin um.
Vereinzelte Flüche in lateinischer und in thrakischer Sprache
hallten durch die ersten Ränge und anschließend auch durch die
weiter hinten liegenden Reihen, bis - jegliche Disziplin außer Acht
lassend - der gesamte Flügel herumgewirbelt war, um sich mit dem
Gesicht in Richtung der Talwände aufzustellen.
Valerius hob den Arm zu einem letzten Signal, und
zu beiden Seiten tauchte eine glitzernde Mauer aus vom Sonnenlicht
beschienenen Rüstungen auf, als Krieger auf Krieger sein Tier auf
die Kämme der Berge zutrieb. Dort versammelt stand der Großteil von
Valerius’ Kriegern, abzüglich jener, die bereits bei der ersten
Feindbegegnung am Eingang des Tals umgekommen waren. Nachdem sie
sich aus dem Kampf zurückgezogen hatten, hatten sie ihre neuen
Stellungen eingenommen und lediglich auf das leise Zeichen des von
Huw geschleuderten Kieselsteins gewartet, das ihnen sagte, dass
Braint befreit war. Und nachdem sie dieses Zeichen erhalten hatten,
folgten sie dem nunmehr letzten ihrer Befehle, so dass sie sich,
wie Krähen auf einem Baum, lautlos und ohne eine einzige Lücke
zwischen ihnen von Norden bis nach Süden entlang der Bergkämme zu
beiden Seiten des Tals aufgereiht hatten. Und quer vor dem Eingang
des Tals postiert bildeten einige weitere Reihen von wartenden
Kriegern eine Mauer, so massiv wie Felsgestein.
Nur Longinus hob den Blick nicht nach oben, sondern
hielt seine gelben Habichtsaugen nachdenklich auf Valerius
gerichtet. »Wie viele?«, fragte er.
»Sechshundert. Wir haben also einhundert Pferde
mehr als ihr. Ich dachte, das müsste reichen. Sie beherrschen das
gesamte Tal; es gibt also keinen Weg mehr, auf dem ihr noch
hinauskommen könntet. Ihr seid umzingelt und in der Minderheit.
Unter solchen Umständen ist es keineswegs unehrenhaft, sich zu
ergeben, und wir haben auf Mona auch keine Inquisitoren. Wenn ihr
möchtet, wird man euch sogar die Möglichkeit bieten, zukünftig für
uns zu kämpfen. Wir haben bereits eine Hand voll Bataver sowie
einen Gallier, die auf unserer Seite reiten. Wenn ihr euch denen
allerdings doch nicht anschließen möchtet, so wird euer Tod sauber
und rasch sein.«
Longinus hatte es noch nie an Mut gefehlt. Grinsend
erwiderte er: »Dann bist du also tatsächlich nicht mehr das
erbärmliche Häufchen, für das wir dich wohl beide gehalten hatten.
Das freut mich.«
»Longinus, darum geht es jetzt doch gar nicht, ihr
müsst euch entscheiden. Deine Männer werden genau das tun, was auch
du tust. Wenn du... Nein!«
Mit blitzartiger Schnelligkeit hieb die mit dem
Mond geschmückte Klinge nach Valerius’ Kopf. Nurmehr vom Instinkt
geleitet konnte Valerius den Schlag gerade noch abwehren, während
er fühlte, wie die Erschütterung durch seinen Körper wogte und sich
bis auf sein Pferd übertrug. Eisen glitt sirrend über Eisen hinweg,
als er sein eigenes Schwert mit Schwung zur Seite führte. Funken
stoben hell auf. Ein Dutzend Katapultsteine regneten um ihn herum
nieder, und zwei Hilfskavalleristen stürzten zu Boden. »Longinus!
Sei kein Idiot! Du kannst doch vor einem Katapultstein nicht
davonlaufen... Ah, gütige Götter, warum habe ich dir bloß jemals
mein Pferd überlassen? Vorwärts!«
Er sprach über das donnernde Hufgetrappel
galoppierender Pferde hinweg. Noch nie hatte das Krähenpferd es
zugelassen, dass sein Reiter in einer Schlacht besiegt wurde. Ganz
gleich, ob nun mit oder ohne Longinus’ Befehl, es war einfach auf
der Hinterhand herumgewirbelt, hatte sich hoch über die
Gefahrenquelle aufgebäumt und war dann in südliche Richtung
davongestürmt. Und ganz so, wie es ihnen eingedrillt worden war,
folgten die Männer und Pferde der Ala Prima Thracum dem Tier.
Auch Valerius setzte zur Verfolgung an, auf einem
Pferd, das langsamer war und bereits verwundet und das ihm dennoch
seine ganze, noch verbliebene Kraft schenkte. Madb drängte ihr Tier
neben das von Valerius, nahm quasi die Stelle des Schildes an
seiner Schulter ein, und gemeinsam stürmten auch sie in südlicher
Richtung davon, folgten dem flüchtenden Longinus, der schnurstracks
auf eine massive Mauer aus den Kriegern Monas zueilte, Kriegern,
die angeführt wurden von Nydd, der sich wiederum bestens an alles
erinnerte, was Valerius ihm aufgetragen hatte.