XXXII
Der Grabstein wurde schon recht früh geliefert,
noch vor dem ersten Tageslicht, woraufhin einer der für die
nächtlichen Arbeiten eingeteilten Sklaven sogleich den
Haushaltsvorsteher des Präfekten weckte. Dieser befahl dem Sklaven,
leicht verschlafen und ziemlich gereizt, dass man den Stein erst
einmal in jener spartanischen Enklave abstellen solle, die das
Arbeitszimmer seines Herrn war.
Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Quintus
Valerius Corvus, Präfekt der Ala Quinta Gallorum und
stellvertretender Kommandant von Camulodunum, den Stein vorfand. Er
setzte sich jedoch zunächst an seine Schreibarbeit, versuchte,
wenigstens noch eine friedvolle Stunde zu erhaschen, ehe jene
ermüdenden Bagatellen, welche nun einmal den Großteil des
Kolonialherrschaftsgeschäfts ausmachten, ihren Tribut zu fordern
begannen.
Zweimal hatte er bereits die Uhren die Stunde
schlagen hören, ehe er daran dachte, sich nun endlich den Grabstein
anzuschauen, den er doch vor kurzem erst in Auftrag gegeben hatte.
Eine Stunde später - sein erster Besucher erschien bereits - war er
noch immer mit der Begutachtung des Steins beschäftigt.
»Was hältst du davon?«
Sauber, scharfkantig und bar jeglichen Stils lehnte
das Grabmal an der gegenüberliegenden Wand des Raums. Von der einen
Ecke hing noch das Sackleinen herunter, in das der Stein gehüllt
gewesen war; dieses eine Mal hatte der gewöhnlich so peinlich
genaue Ordnungssinn des Präfekten ihn offenbar im Stich
gelassen.
Corvus sprach Alexandrinisch, zum einen, um bei der
Unterhaltung nicht belauscht zu werden, zum anderen aus Höflichkeit
gegenüber seinem Gast und Freund, dem Arzt Theophilus, kürzlich
noch Theophilus von Rom, der germanischen Provinzen, Athen und Kos,
nun auch Theophilus von Britannien. Theophilus hatte in der letzten
Zeit bereits zu viele Grabsteine anschauen müssen, als dass diese
ihn noch zu fesseln vermochten, und auch sein Augenlicht war nicht
mehr so gut, wie es früher einmal gewesen war. Um seines Freundes
willen beugte er sich nun jedoch vor und unterzog den Stein einer
Musterung.
Nach einer Weile richtete er sich wieder auf. »Er
ist sehr... beeindruckend. Was möchtest du denn gerne hören, das
ich nun über den Grabstein sagen soll?«
»Dass Longinus den humoristischen Tenor dieses
Steins gut heißen würde; dass er dem Mann, so, wie wir ihn kannten,
gerecht wird; dass er ihm in seinem Tode gute Dienste leistet, so
wie zu Lebzeiten auch Longinus gute Dienste geleistet hat.«
Theophilus nickte verständig. »Dann will ich mich
ernsthaft bemühen - um deinetwillen ebenso wie um seinetwillen -,
genau dies nun auch aus seinem Grabstein herauszulesen.« Er beugte
sich noch etwas tiefer hinab und las die in den Stein
eingemeißelten Zeilen: »›Longinus Sdapeze, Sohn des Matycus,
Duplikarius der Ersten Schwadron der Ala Prima Thracum‹, et
cetera, et cetera … ›Und in Übereinstimmung mit seinem Willen
errichteten seine Erben diesen Stein.‹ Ach, haben sie das?« Er
hob den Blick zu Corvus hinauf. »Ich wusste gar nicht, dass du
einer seiner Erben bist. Und wer ist denn der andere?«
Corvus kniff sich in den Nasenrücken. »Valerius.
Wer sonst?«
»Ich verstehe.« Die Augen des Arztes blickten ein
wenig wässerig und wohlwollend; aber sie waren noch immer scharf
genug, um die Abgründe zu erkennen, die ein anderer Mann in seiner
Seele trug. Freundlich erwiderte er: »Demnach bist du also sein
einziger Erbe. Hat dir unser verschiedener Freund denn irgendetwas
von Wert hinterlassen?«
»Zumindest schon mal genügend Gold, um diese
Monstrosität hier anfertigen zu lassen - den Steinmetz hatte er
nämlich noch persönlich ausgewählt, so dass wir vermuten dürfen,
dass er bereits wusste, was auf ihn zukam; was ich von mir
jedenfalls nicht behaupten kann -, sowie ein gewisses geschecktes
Schlachtross. Das heißt, falls es ihn denn überlebt hat und ich es
unter den Trümmern, die der Krieg des Gouverneurs zurückgelassen
hat, auch tatsächlich finden sollte, wenn ich eines Tages ebenfalls
in Richtung Westen marschiere, um zum Gouverneur zu stoßen. Und
wenn ich dann, nachdem ich es gefunden habe, tatsächlich an das
Tier herankommen sollte und ich, nachdem ich all dies geschafft
habe, auch noch dumm genug oder auch unbekümmert genug sein werde,
den Versuch zu wagen, mich auf den Rücken des Tieres zu
schwingen.«
Mit einem Knacken seiner von Arthritis geplagten
Knie erhob Theophilus sich wieder. Dann stellte er sich hinter den
Präfekten und massierte dem Mann mit knochigen Fingern die
Schultern. Corvus’ Muskeln wurden wieder etwas weicher, aber noch
nicht genug, um den Kopfschmerz zu lösen, den Theophilus vor seinen
Augen förmlich wachsen sehen konnte. »Als dein Arzt«, sprach er,
»würde ich dir dringend dazu raten, dass du dieses spezielle Pferd
noch in dem Moment, wenn du es das erste Mal wiedersiehst, sofort
schlachten lässt. Aber ich gehe wohl besser nicht davon aus, dass
du meinen Rat auch tatsächlich befolgst. Liege ich also richtig mit
der Annahme, dass du schon bald in Richtung Westen reisen
wirst?«
»Sogar schon sehr bald.« Corvus reckte den Hals.
»Nun, da der Schnee schmilzt, bin ich angehalten, die drei Kohorten
mit den neuen Rekruten sowie meinen eigenen Kavallerieflügel ›mit
größtmöglicher Geschwindigkeit‹ in Richtung Westen zu führen. Ich
vermute, der Krieg verläuft nicht ganz zur Zufriedenheit des
Gouverneurs. Dennoch hätten wir besser noch einen weiteren Monat
hier mit ihnen exerzieren sollen. Aber so, wie die Dinge nun einmal
liegen, und sofern das Wetter so bleibt, werde ich wohl übermorgen
gleich mit der Morgendämmerung aufbrechen.«
»Sind sie denn bereit?«
»Die Männer? Nein, die sind genauso wenig bereit,
wie eben niemand wirklich bereit ist, der noch nie einen Toten
gesehen hat, dem man die Geschlechtsdrüsen aus den Leisten
geschnitten und zwischen die Zähne gestopft hat und in dessen Stirn
und Brust jenes Zeichen eingeritzt wurde, mit dem die Krieger von
Mona ihre getöteten Feinde zu verunstalten pflegen.« Corvus
lächelte grimmig. »Der Gouverneur braucht Unterstützung, und wir
sind alles, was er noch aufzubieten hat. Am Ende wird er siegen,
zweifellos, aber er wird dabei mehr verlieren, als wenn Longinus
die Truppen angeführt hätte. Unser trinovantischer Steinmetz fährt
derweil damit fort, Grabsteine von geradezu verblüffender
Lebhaftigkeit zu fabrizieren, wenngleich auch nur von zweifelhaftem
Geschmack. Wenn du diese morgendliche Gabe nämlich einmal genauer
betrachtest, wirst du feststellen, dass der sich unter die Hufe von
Longinus’ Pferd duckende Eingeborene im Besitz eines voll
erigierten Penis ist.«
»Und dass das Lächeln dieses Mannes nicht ernstlich
eingeschüchtert wirkt. Danke. Ich hatte es für klüger gehalten,
keines von beiden zu bemerken. Zumindest das Pferd aber ist recht
gut gelungen; was auch immer man sonst noch von ihnen behaupten
mag, so besitzen die Eingeborenen doch ein gutes Auge für Pferde.«
Theophilus ließ die Decke wieder über den Stein fallen. »Du
brauchst etwas frische Luft. Wollen wir rausgehen? Ach je, wohl
eher nicht.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung des Störenfrieds,
der die Tür ansteuerte. »Könnte das der Prokurator sein?«
Corvus’ Gesicht nahm den erschöpften Ausdruck eines
Mannes an, der gerade unter Belagerung stand. »Wer sonst würde wohl
zu dieser frühmorgendlichen Stunde einen solchen Lärm verursachen?
Bleibst du noch eine Weile? Vielleicht brauche ich einen Zeugen,
wenn ich ihn töte, damit ich später sagen kann, dass die Sorge um
meine eigene geistige Gesundheit mich förmlich dazu getrieben
hat.«
»Gerne.«
Theophilus setzte sich und wartete. Seiner Ansicht
nach war Decianus Catus, der Prokurator von ganz Britannien, ein
einfacher Schreiberling und Geldgeier, den man gewiss keines
zweiten Blickes gewürdigt hätte, hätte nicht der Kaiser
beschlossen, ihn zum zweitmächtigsten Mann Britanniens zu erheben.
Allein der Gouverneur besaß noch das Vetorecht, um die Vorhaben des
Prokurators zu vereiteln, doch machte selbst er nur höchst ungern
davon Gebrauch. Denn sie beide, sowohl der Gouverneur als auch der
Prokurator, standen unter dem Befehl, Britannien entweder zu zähmen
oder bei dem Versuch umzukommen, und keiner von beiden Männern
wollte, dass später im Senat die Kunde umging, er habe den anderen
in dessen Bemühungen behindert.
Eine Weile lang hatte Theophilus es als recht
amüsant empfunden, den Gouverneur, Anführer der Armeen und Bändiger
ganzer Nationen, dabei zu beobachten, wie dieser sich vor dem
Erbsen zählenden Steuereintreiber herumdrückte, ganz so, als ob der
giftige kleine Mann ein Senator auf dem Weg zum kaiserlichen Thron
wäre. Corvus jedoch dabei zu beobachten, wie dieser nun mit
zunehmender Gewalt in den Rückzug gezwungen wurde, und dies von
einem Mann, der am besten noch im Fruchtwasser seiner eigenen
Mutter ertrunken wäre, um damit der Welt seine Anwesenheit zu
ersparen, war ganz und gar nicht mehr amüsant.
Gerade rechtzeitig wandte der Arzt sich wieder von
seiner Untersuchung der Wandmosaike ab, um noch das Ende eines
Satzes mit anzuhören.
»...bin mir des unglücklichen Vorfalls, den das
Verschwinden des Händlers Philus bedeutet, vollkommen bewusst. Doch
wie auch immer, bis wir ihn nicht entweder lebend wiedergefunden
haben oder aber über seine Leiche gestolpert sind, ist es unmöglich
zu sagen, wie er gestorben ist.«
»Er wurde von Prasutagos und seinem barbarischen
Pack erschlagen.« Der Prokurator sprach mit der heiseren,
flüsternden Eindringlichkeit eines Menschen, der schon in jungen
Jahren zu viele Bronchialkatarrhe hatte erleiden müssen.
Corvus hatte sich auf die Kante seines
Schreibtischs gesetzt und starrte auf seine gespreizten, weißen
Finger hinab. »Prokurator Catus, der König Prasutagos hat sich uns
gegenüber vom ersten Augenblick an, da der göttliche Claudius
seinen Fuß in diese Provinz setzte, stets loyal verhalten. Er hatte
den kaiserlichen Reiterzug sogar persönlich nach Camulodunum
geleitet. Und ohnehin wurden die Eceni schon vor mehr als einem
Jahrzehnt gewaltsam entwaffnet. Ich halte es also für höchst
unwahrscheinlich, dass man sie zu einem Angriff auf eine Gruppe von
bewaffneten Sklavenhändlern motivieren könnte; das würde noch nicht
einmal mehr ihr König schaffen.«
»Tatsächlich?« Der Prokurator riss die Augen weit
auf. »Dann seid Ihr ein noch größerer Narr als der, für den ich
Euch ohnehin schon gehalten hatte. Besäße ich nicht eine bewaffnete
Eskorte, so wäre ich bereits im ersten Monat, den ich hier
verbracht habe, sozusagen zehnmal gestorben. Überall, wo wir
hingehen, ziehen sie ihre ›Häutemesser‹ und lassen demonstrativ den
Blick über die Klingen schweifen, um zu sehen, ob sie wohl scharf
genug sind, um einen Menschen zu töten.«
Ȇberall, wo du hingehst, tun sie das mit
Sicherheit.« Theophilus sprach seine Bemerkung auf Alexandrinisch
aus und schaute derweil höchst konzentriert auf die bronzene Statue
des Horus, die auf dem schmalen Regal über dem Kohlebecken stand,
ganz so, als ob er lediglich das in der Statue zum Ausdruck
kommende handwerkliche Können kommentiere. Er sah, wie an Corvus’
Wange ein Muskel zu zucken begann, und lächelte scheinbar
vollkommen arglos.
Mit leicht hohl klingender Stimme erwiderte Corvus:
»Ganz und gar meine Meinung, Prokurator. Der Frieden hier ist
bestenfalls als wackelig zu bezeichnen. Dennoch können wir nicht
ohne hinreichende rechtliche Grundlage damit beginnen, ganze Dörfer
zu zerstören. Der Kaiser würde es mir ganz gewiss nicht danken,
wenn ich die Zunderbüchse, als die man den Osten wohl bezeichnen
darf, lediglich um eines Mannes willen in Brand setzen würde, der
von einem Bären zerfleischt wurde.«
»Er wurde aber nicht von einem Bären
zerfleischt.«
»Das behauptet Ihr. Aber wenn Ihr wirklich wollt,
dass ich handle, müsst Ihr mir nicht nur Philus’ Leiche beschaffen,
sondern auch zweifelsfrei beweisen, dass dieser von menschlicher
Hand getötet wurde.«
»Selbstverständlich.« Der Prokurator lächelte
sowohl den Präfekten an als auch dessen Freund, den griechischen
Arzt. Seine Stimme schien über sie beide hinwegzugleiten: »Präfekt,
wenn Ihr dann bitte mit nach draußen kommen würdet? Und Ihr,
Heiler? Ich denke, mit Euren Kenntnissen und Fähigkeiten solltet
Ihr wohl jenen Beweis erbringen können, den der Präfekt offenbar
noch benötigt.«
Sie hätten darauf gefasst sein müssen. Und
vielleicht hatte Corvus es ja auch tatsächlich geahnt, doch selbst
dann hätte er es nicht mehr abwenden können.
Draußen wartete im Dämmerlicht des Morgens und mit
einer Plane vor neugierigen Blicken geschützt ein abgekoppelter
Ochsenkarren. Er roch - keineswegs unangenehm - nach Erde und
geschmolzenem Eis, sowie ein kleines bisschen nach Hundeurin, als
ob ein streunender Köter erst kürzlich die Wagenräder markiert
hätte. Dahinter stand in militärischer Aufreihung eine Zenturie von
bewaffneten Männern: die kampferprobten Söldner des
Prokurators.
Mit überraschender Behändigkeit kletterte der
Prokurator auf die Radspeichen und thronte dann auf dem Karrenrand,
verlieh sich damit selbst den Vorteil, ein wenig höher aufzuragen
als die anderen. Mit wie in Stein gemeißelter Miene blickte er auf
Corvus hinab. »Ihr werdet Euch wohl daran erinnern, dass der
Händler Philus sowie zwei der ihm am nächsten stehenden Männer
jeder stets eine Brosche in der Form eines springenden Fisches
trugen. Ist das richtig?«
»Das ist es.«
Corvus war Offizier der Kavallerie. Er hatte schon
gegen bessere Männer gekämpft und schon bessere Männer getötet als
diese hier. Theophilus beobachtete, wie Corvus seinen Kopfschmerz
verdrängte, der mittlerweile bereits recht unangenehm geworden sein
musste, und stattdessen ein wissbegieriges Lächeln aufsetzte. »Und
diese Brosche habt Ihr nun gefunden?«, fragte er.
»Nicht die, die Philus gehörte, aber die war ja
auch aus Silber und besaß damit einen gewissen Wert. Doch wir haben
zwei andere, eine aus Kupfer und eine aus Eisen, gefunden, die die
Plünderer wohl übersehen haben. Sie wurden unter den Überresten
jener Soldaten entdeckt, die Philus gedient hatten und bei dem
Versuch starben, ihm das Leben zu retten. Wir waren nicht in der
Lage, sie alle wieder mit zurückzubringen, aber wir werden den Tod
jedes Einzelnen klären und den Verantwortlichen zur Strecke
bringen. Meine Männer haben ihren Eid darauf geleistet.«
Ein bereits im Ruhestand befindlicher Legionär, den
Theophilus als vollkommen ungeeignet in Erinnerung hatte, um eine
Truppe von bewaffneten Männern anzuführen, trat, bekleidet mit
einem klirrenden, übermäßig polierten Kettenpanzer, vor, salutierte
und erklärte, ohne dazu aufgefordert worden zu sein oder die
Erlaubnis zum Sprechen zu besitzen: »Es wurden dreiundvierzig
verschiedene Leichen gefunden. Ein Dutzend Eingeborene,
siebenundzwanzig Soldaten, vier nicht zu Identifizierende,
weil...«
Corvus’ Lächeln nahm jenen Zug an, den jeder Mann,
der jemals unter ihm gedient hatte, besser erkennen sollte.
Stotternd beendete der Legionär seine Ausführungen. Das Nicken des
Kommandanten fiel denkbar knapp aus. »Danke, Driscus, den Rest
können wir uns denken.« Über den Kopf des Mannes hinweg fragte er:
»Prokurator, habt Ihr die Leichen denn auch mitgenommen?«
»Natürlich. In einer Angelegenheit dieser
Größenordnung darf ich schließlich nicht erwarten, dass Ihr allein
auf mein Wort vertraut.«
Der Prokurator hatte eine Vorliebe fürs Theater,
und seine Männer hatten eine dermaßen strenge Unterweisung
genossen, dass sie schon wie automatisch funktionierten. Ebenso
geschickt, wie er das Karrenrad erklommen hatte, kletterte Decianus
Catus nun wieder von ihm herab. Auf sein Nicken hin trat Driscus
klirrend vor, um eine Ecke der Segeltuchabdeckung anzuheben. Drei
andere traten hinzu, um ihm zu helfen. In einer einzigen, sauberen
Bewegung zogen sie die Karrendecke fort. Die Männer des
Prokurators, das sollte dadurch klar zum Ausdruck kommen, besaßen
die gleiche, bemerkenswerte Disziplin wie jene, die in den Legionen
dienten; wenn diese hier nicht sogar noch härter gedrillt
waren.
Theophilus hatte einen großen Teil seines
Berufslebens damit zugebracht, zuzuschauen, wie Männer wie Driscus
ganze Wagenladungen niedergemetzelter Menschen enthüllten.
Erschöpft wartete er darauf, dass die wahre Wand an Gestank ihn
erreichte, und stellte schließlich fest, dass sie bereits zu ihm
vorgedrungen war und er sich wieder entspannen konnte, weil der
Winter und die Aasfresser den Geruch auf ein modriges, süßliches
und beinahe schon angenehmes Etwas reduziert hatten.
Er beugte sich über den Rand des Karrens, um besser
sehen zu können. Im Inneren lagen in einer Art Kinderpuzzle und
überzogen von vertrocknender, sehniger menschlicher Haut sich
bereits gelblich verfärbende Knochen sowie einige gespaltene
Schädel. Hier und dort klebten einige restliche Kleidungsfetzen an
den Gebeinen, für die die Eingeborenen, die Tiere des Winters sowie
die Frühlingsvögel offenbar noch keine bessere Verwendung gefunden
hatten. Ganz zuoberst, geradezu herausfordernd auf der Wölbung
eines sauber abgenagten Brustkorbs platziert, lagen zwei Broschen
in Form eines springenden Lachses, dick überzogen mit Rost und
Grünspan, so dass nur die aus Juwelen bestehenden Augen noch klar
zu blicken schienen.
Wie beabsichtigt, erregten diese prompt Theophilus’
Aufmerksamkeit, so dass er einen Moment brauchte, um den Blick über
die Fische hinausschweifen zu lassen und jenen Tatbestand zu
erkennen, der von noch größerer Bedeutung war. Er schaute wieder
auf. Corvus begegnete Theophilus’ Blick und schüttelte stumm den
Kopf, so dass der Arzt den Mund wieder schloss und auf einen
besseren Zeitpunkt wartete, um anzumerken, was er soeben hatte
verkünden wollen.
Über Corvus und Theophilus beugte sich nun der
Prokurator. Sein Atem roch nach alten Schalentieren und stank damit
übler als die durch den Winter gereinigten Toten. In einem Tonfall,
als ob er gerade Kinder unterrichte, hob er an: »Ich denke,
dies...«, er stupste mit einem noch in seinem Futteral steckenden
Messer gegen eine der Leichen, »war Philus. Seine Fischbrosche ist
zwar verschwunden, aber dem Skelett fehlt an der linken Hand der
kleine Finger, und über den Fußknöchel verläuft ein verheilter
Bruch, wie bei Philus. Und was die anderen betrifft, so werdet Ihr
feststellen, dass die Leichen alle entkleidet sind. Wichtiger aber
noch ist, dass auf der Lichtung keinerlei Kettenpanzer oder Waffen
gefunden wurden.« Er grinste. Seine Männer ebenfalls. Sie hatten
diese Rede schon einmal gehört; mehr als einmal sogar. »Meiner
Erfahrung nach machen Bären sich nur selten die Mühe, ihre Opfer zu
entkleiden. Die eingeborenen Aufrührer hingegen tun dies
immer.«
Corvus grinste nicht. Leicht verwirrt widersprach
er: »Genauso, wie es eben auch Banditen und Diebe tun. Theophilus,
ich werde genauere Angaben darüber brauchen, wie diese Männer
gestorben sind, zumindest, soweit man dies allein anhand ihrer
Gebeine noch mit Sicherheit sagen kann.« Er war auf den
Heckverschlag des Wagens geklettert, um dessen Inhalt noch etwas
genauer betrachten zu können. Somit lag der Vorteil, der Größte zu
sein, nun bei ihm. »Prokurator, bis wir eine vollständige
Bestandsaufnahme der Leichen vorliegen haben, was deren
Identifizierung ebenso wie die Ursachen ihres Todes betrifft,
können wir...«
»Wie viele Anhaltspunkte wollt Ihr denn noch haben,
um sie zu identifizieren? Bestreitet Ihr etwa, dass das hier Philus
ist?«
»...bis wir die zweifelsfreie Identifizierung jener
Leichen vorliegen haben, die nicht von Römern stammen, bis wir die
Ursache der Verletzungen an den Toten festgestellt haben und bis
wir die Gelegenheit hatten, die Identität ihrer Mörder zu
bestimmen...«
»Präfekt, das ist Unfug. Wir wissen von Philus,
dass er zuletzt bei Prasutagos war. Er ist tot und all seine Männer
mit ihm. Gemäß Driscus’ nach bestem Wissen und Gewissen
aufgestellter Schätzung fehlen mindestens zwei Dutzend
Ausrüstungen, jeweils bestehend aus Schwert, Schild und
Kettenpanzer. Folglich haben wir nicht nur ein Nest von Mördern,
das sich da mitten in ›König Prasutagos‹ Siedlung breit gemacht
hat, sondern sogar die ersten Ansätze einer Aufwiegelei. Wie könnt
Ihr da noch von irgendetwas anderem ausgehen?«
»Weil auch Prasutagos tot ist.«
Es begann zu regnen. Das Prasseln der Tropfen auf
die Dachziegel zerriss das Schweigen. Corvus behielt ein sorgsam
neutrales Lächeln bei.
Träge blinzelnd schaute der Prokurator ihn an. Die
weißlichen Ränder seiner Nasenflügel verfärbten sich gelb unter der
Anspannung, mit der er atmete. »Wie könnt Ihr Euch da so sicher
sein?«, wandte er ein.
»Ich bin mir gar keiner Sache sicher, was ja auch
der Grund dafür ist, dass ich darum gebeten hatte, dass unser Arzt
erst einmal eine Sichtung vornimmt. Zumindest aber weiß ich von
keinem anderen Mann, der den Königsreif der Eceni an seinem Arm,
seinem einzigen Arm trug.« Corvus trat ein wenig zurück.
»Theophilus? Würdest du mir bitte bestätigen, dass dem Toten, der
hinter Philus liegt, oberhalb des Ellenbogens und im frühen
Erwachsenenalter der rechte Arm amputiert wurde, und dass bis vor
kurzem etwas mit bronzenen oder kupfernen Endstücken um den
verbliebenen linken Arm geschlungen war?«
Allein ein mittelgroßes Wunder ermöglichte es
Theophilus in diesem Augenblick noch, einen gelassenen
Gesichtsausdruck zu bewahren. »Gut gemacht«, murmelte er auf
Alexandrinisch und beugte sich vor, um mit dem Finger über die
kupfergrünen Flecken am Oberarm von Tagos’ Skelett zu fahren und
dann noch einmal über den Brustkorb, auf dem der Arm gelegen hatte.
Selbst diejenigen, die am Rande der Gruppe standen, konnten, als er
die Hand hob, das Grün an seinem Finger erkennen.
»Der Reif wurde entfernt, nachdem es das letzte Mal
geregnet hatte«, verkündete er, »und das war gestern. Ein
Schmuckstück in der Handwerkskunst der Eingeborenen und von dieser
Qualität würde einem in Rom einen netten Erlös einbringen. Ich
vermute, einer der Männer des Prokurators hält es irgendwo sicher
verwahrt, was zweifellos klug wäre; es könnte sonst nur allzu
leicht vom Wagen fallen. Prokurator?«
Der Prokurator hätte Theophilus in diesem
Augenblick mit Freuden umbringen können. Da ihm dies jedoch versagt
blieb, würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jener
Mann dran glauben müssen, der den Königsreif an sich genommen
hatte. Spürbar hing die Drohung in der Luft, sie jetzt allesamt
einfach einmal auspeitschen zu lassen. Diverse Männer aus dem
Gefolge des Prokurators schienen plötzlich äußerst unglücklich
dreinzublicken.
Corvus räusperte sich. »Danke, Theophilus. Ich
denke, wir sollten nun vielleicht...«
Zum vierten Mal an diesem Morgen wurde der Präfekt
unterbrochen; dieses Mal jedoch nicht vom Prokurator, sondern vom
Hufgetrommel von sich rasch nähernden Pferden.
Der Morgen war sehr still, und das von diversen
Pferden stammende Getrappel, welches nun zu ihnen herüberschallte,
kam eindeutig aus Richtung der östlichen Stadttore. Als die Tore
geöffnet wurden, hatten die Ankommenden sich bereits zu einer
geordneten Reihe formiert, rechts und links jeweils von den
bewaffneten Torwächtern flankiert, die sowohl als Ehrengarde zu
verstehen waren als auch als Festnahmekommando.
Ernst und mittlerweile gemesseneren Schrittes
ritten sie nun die Hauptstraße herauf, ganz so wie eine römische
Delegation. Die Tiere der Wachen schienen etwas beunruhigt,
versuchten, seitwärts unter ihren Reitern auszubrechen, die sich
wiederum nicht ganz sicher zu sein schienen, wie sie sich verhalten
sollten, und die Zügel der Pferde viel zu straff hielten. Die neun
Ankömmlinge, die sie eskortierten, waren allesamt jugendliche
Eingeborene. Sie ritten auf einander ähnelnden, kastanienbraunen
Wallachen und trugen alle die gleichen, kurzen Reitumhänge in
Eceniblau, um deren Säume und Halsausschnitte dekorative Webmuster
verliefen. Jeder von ihnen hatte sich ein kunstvolles Arrangement
von Bärenzähnen ins Schläfenhaar geflochten, und auf ihren
Schultern prangte jeweils eine goldene Brosche in der Form des
galoppierenden Pferdes der Eceni.
Der Größte von ihnen ritt in der Mitte. Sein Haar
war von dem goldenen Ton des Getreides im Sommer, seine Augen
blickten bernsteinfarben, und um seinen Oberarm geschlungen trug er
ein Königsband, das in seiner Schönheit jenem entsprach - oder es
womöglich noch überragte -, das einst den Arm von Prasutagos
geziert hatte, dem verstorbenen König der Eceni.
Theophilus sah, wie der Prokurator den Wert des
Armreifs abschätzte, sowie den Wert der Broschen, die von
sämtlichen Reitern getragen wurden, und der Pferde, die sie ritten,
und er war gerade im Begriff, vorzutreten und sich einzumischen in
diese Situation, die sich leicht zu einer diplomatischen
Katastrophe hätte entwickeln können, als Corvus ihn am Arm packte
und auf Alexandrinisch murmelte: »Nein. Er weiß es. Da, schau
doch.« Und Theophilus beobachtete in der Tat und mit wachsender
Freude, wie der junge Krieger sich von seinen Bewachern und seinem
Gefolge löste, sein Pferd zu einem Handgalopp antrieb und
unmittelbar auf den Prokurator zuhielt.
Die Wachen reagierten nur langsam und hatten gerade
noch Zeit, Alarm auszulösen, aber nicht, um selbst noch zu handeln.
Die Söldner des Prokurators wurden gleichsam auf kaltem Fuße
erwischt, so dass sie es nicht mehr schafften, sich schützend vor
jenen Mann zu werfen, der sie immerhin beschäftigte, und wie es der
jetzigen Lage wohl angemessen gewesen wäre. Allein ein Späher der
Coritani, der sich dem Gefolge des Prokurators angeschlossen hatte,
besaß die Geistesgegenwart, vorzutreten und sich, sein Messer
bereits in der Hand, dem ankommenden Krieger in den Weg zu stellen.
Ebenso rasch wich er allerdings auch wieder zurück, als der junge
Mann in dem Eceni-Umhang sein Pferd abrupt zum Stehen brachte, aus
dem Sattel sprang und zu Füßen des zweitmächtigsten Mannes von ganz
Britannien niederkniete.
»Decianus Catus, Prokurator von ganz Britannien,
Breaca von den Eceni entsendet Euch ihre Grüße und ihr Bedauern
darüber, dass sie jetzt, nach dem Tode ihres Ehemanns, in Trauer
ist und nicht im Stande, die Siedlung zu verlassen. An ihrer Stelle
komme nun ich, ihr Sohn und sein Sohn, um Euch ein Geschenk der
Eceni zu überbringen, gemeinsam mit unserer Bitte, dass Ihr uns
dabei behilflich sein möget, die Leiche unseres Königs
wiederzufinden, der zu Beginn des Winters niedergemetzelt wurde,
als er versuchte, das Leben des Sklavenhändlers Philus zu
verteidigen. Mögen die Götter gerecht mit ihnen beiden
verfahren.«
Cunomars Darbietung war perfekt; sein
Sprechrhythmus und die Klarheit seines Ausdrucks entsprachen ganz
denen eines kaiserlichen Herolds. Noch während seine Worte von den
mit Kupfer gedeckten Villendächern der römischen Vorzeigestadt
widerhallten, löste er bereits die Brosche von seiner Schulter,
ließ den blauen Umhang zu seinen Füßen auf den Boden fallen und
entbot dem Prokurator ein galoppierendes Pferd aus reinem Gold, das
so viel wert war wie ein halbes Jahresgehalt eines jeden der bei
dem Prokurator in Lohn und Brot stehenden Männer. Unter dem Umhang
war Cunomar bis zur Taille hinab nackt, bedeckt mit von Kriegen
oder Ritualen stammenden Narben, die sich kreuz und quer über
seinen Oberkörper zogen und Theophilus kurz aufstöhnen ließen, dem
Prokurator aber gar die Sprache verschlugen.
»Das Geschenk der Eceni«, erklärte der junge Mann
und lächelte. »Als Ausdruck unseres Respekts vor Eurem Amte,
verbunden mit dem aufrichtigen Wunsch, den Leichnam unseres
ermordeten Königs wiederzuerlangen.«
Nackt bis zur Taille, die Schultern und der Rücken
klar erkennbar von den Zeichen der Bärinnenkrieger überzogen,
kniete Cunomar im dreckigen Schlamm von Camulodunums Hauptstraße
und beobachtete den Prokurator von ganz Britannien dabei, wie
dieser die drei möglichen Erwiderungen, die er auf das Geschenk und
die damit verbundene Bitte geben könnte, allesamt der Reihe nach
erwog und jede wieder verwarf.
Der Mann war wie ein Blutegel, und dafür konnte man
ihn wahrlich verabscheuen, aber er war zumindest nicht der
Gouverneur, und dafür wiederum war Cunomar aufrichtig dankbar. Den
ganzen Winter über hatte er seine Rede eingeübt, bis er sie sogar
im Schlaf aufsagen konnte - und das auch tatsächlich getan hatte.
Brocken von Latein drängten sich bis in seine Träume hinein wie
Krähen auf ein Schlachtfeld, und er war außerordentlich erleichtert
gewesen, als endlich das Tauwetter einsetzte und damit die Zeit zum
Handeln kam.
Es war unmöglich gewesen, schon im Voraus zu
wissen, wer zum Zeitpunkt der Schneeschmelze das Kommando über die
Garnison der Stadt haben würde. Angesichts zweier möglicher
Alternativen war die Entscheidung, vor dem Prokurator
niederzuknien, also ein recht später Beschluss gewesen, der Cunomar
allein von seinem Instinkt eingegeben worden war: Corvus besaß
keinen dermaßen ausgeprägten Stolz, dass er es allzu streng
beanstanden würde, wenn man einfach an ihm vorbeiritt; der
Prokurator hingegen war gefährlich, und die Eceni mussten unbedingt
sein Wohlwollen gewinnen oder sich seiner wenigstens durch so etwas
wie einen Appell an seine Ehre versichern.
Während Cunomar Decianus Catus nun beobachtete,
erkannte er, dass er mit seiner Vermutung durchaus Recht gehabt
hatte. Denn noch ehe der Prokurator sich wieder gänzlich hatte
sammeln können, trat Corvus vor und half Cunomar, wieder
aufzustehen, indem er ihm seine Hand reichte.
»Willkommen in Camulodunum, Cunomar, Sohn der
Breaca und Erbe von Prasutagos, dem König der Eceni. Wir bedauern
den Tod eures Königs zutiefst und entsenden deiner Mutter sowie
deiner Familie unser aufrichtiges Beileid. Im Namen des Kaisers
werden wir natürlich auch Prasutagos’ Leichnam wieder
zurückschicken, sobald uns dies möglich ist. Bis dahin aber... Es
war doch ein langer Ritt, ihr müsst müde sein. Wenn du also so
freundlich sein möchtest, deine Ehrengarde mitzubringen und dich zu
uns zu gesellen, so würden wir euch gerne die Gastfreundschaft
unserer Stadt anbieten.«
Das war eine wahrlich kluge Ansprache. Denn kein
Mann, ganz gleich, wie mächtig dieser auch sein mochte, konnte
leichthin eine Einladung im Namen des Kaisers zurückweisen.
Cunomar verneigte sich, ganz so, wie er es einst in
Rom bei einem der Söhne des damaligen Kaisers beobachtet hatte:
»Danke. Im Namen meines Volkes...«
»Nein.« Der Prokurator war mittlerweile wieder Herr
über seine Stimme. »Selbstverständlich wird die Leiche des Königs
wieder zurückübereignet, zuvor aber müssen wir noch sein Testament
überprüfen, das mit seinem Tode Gesetz geworden ist und welches wir
bisher noch gänzlich vernachlässigt haben. Eine Abschrift des
Testaments wird in der Residenz des Gouverneurs verwahrt. Diese
sollten wir also unverzüglich studieren, um zunächst einmal den
Umfang des Nachlasses zu bestimmen sowie die Namen der
Begünstigten.«
...den Umfang des Nachlasses sowie die Namen der
Begünstigten. Ein eisiger Schauder des Unbehagens rieselte über
Cunomars Rückgrat hinab. Den ganzen Winter über war dies jene eine
Sache gewesen, über die sie bislang noch nichts wussten: Niemand in
der Siedlung oder in den jenseits davon liegenden Gebieten hatte
auch nur die geringste Vorstellung von dem Inhalt von Tagos’
letztem Willen oder wie über diesen nach seinem Tode verfügt werden
würde.
Auch Corvus schien darüber nicht unterrichtet zu
sein. Und genauso rasch wie Cunomar erkannte auch er den in der
Stimme des Prokurators mitschwingenden Unterton und mochte ihn
ebenso wenig.
»Wozu diese Eile, Catus? Wenn der König nun schon
seit Anbeginn des Winters tot ist, so wird ein halber Tag mehr oder
weniger auch keinen Schaden mehr anrichten. Schließlich haben wir
einen Gast, den wir wohl willkommen heißen und dem nach seiner
langen Reise erst einmal alle zur Verfügung stehenden
Annehmlichkeiten zukommen sollten, ehe er die sterblichen Überreste
seines Vaters zu deren letzter Ruhestätte geleitet. Möchtet Ihr
etwa, dass unsere Gäste Rom für außer Stande halten, selbst jene
einfachsten Höflichkeitsrituale zu befolgen, die doch unter den
Stämmen längst gang und gäbe sind?«
So geschickt wie jeder Kriegsstratege ließ Decianus
Catus die Falle, die er geöffnet und die doch kein anderer bemerkt
hatte, zuschnappen. »Aber ganz im Gegenteil, Präfekt, ich tue doch
gerade mein Bestes, um unserem jungen Gast zu helfen, und er wird
mir dafür zweifellos noch danken. Denn wenn der König nun
tatsächlich schon so lange Zeit tot ist, dann stehen auf die
Gelder, die dem Kaiser von diesem Erbe zustehen, bereits sechs
Monate Zinszahlungen aus, die natürlich zu entrichten sind. Wollt
Ihr etwa die kaiserlichen Schatzkammern ihrer Rechte berauben? Oder
wollt Ihr dem Sohn des Königs gar eine noch größere Last auferlegen
als die, unter der er ohnehin bereits zu leiden hat? Wenn dem so
sein sollte, braucht Ihr dies nur zu sagen. Wie immer beuge ich
mich Eurem Rang.«
Es war einfach lachhaft. Ganz offensichtlich
nämlich beugte der Prokurator sich überhaupt niemandem. Cunomar
beobachtete, wie der Präfekt sich in den Nasenrücken kniff. Er sah
aus wie ein Mann, der gerade gegen unerträgliche Kopfschmerzen
anzukämpfen hatte.
»Nein«, erwiderte Corvus. »Ich denke, in diesem
Fall sollten wir uns Eurer umfassenderen Sachkenntnis beugen. Die
Abschriften werden versiegelt im Arbeitszimmer des Gouverneurs
verwahrt. Wenn Ihr also bitte so freundlich sein würdet,
vorauszugehen?«
Der Boden, die Wände und die Decke der Amtsstube
des Sekretärs des Gouverneurs waren mit weißem Marmor verkleidet.
Der Tisch wiederum, an dem der Sekretär des Gouverneurs saß, war
aus schwarzem Marmor gefertigt, und die darauf stehenden
Kerzenhalter bestanden aus purem Gold, gefertigt in der Form von
Elefantenköpfen, deren gekrümmte Rüssel Kerzen hielten.
Cunomar, der zwei Monate als Gefangener in Rom
gelebt und in dieser Zeit auch einem Verhör durch den Kaiser
beigewohnt hatte, bemerkte sofort das Gepränge dieses Raums und die
dahinter stehende Absicht, andere zu beeindrucken. Es war kein
schönes Zimmer, doch es strömte förmlich den Geruch nach Geld aus,
so stark, dass es einem beinahe die Sinne raubte und jeder, der in
diesen Raum geführt wurde, sogleich begriff, dass hier die
öffentliche Zurschaustellung der Reichtümer Britanniens stattfand.
Und dies war lediglich das kalte, mit Marmor verkleidete
Arbeitszimmer des Sekretärs, welches wohl noch zu den
bescheidensten Posten auf der langen Liste von Roms
Immobilienbesitz zählte.
Der Sekretär selbst war der kleinste der in dem
Zimmer versammelten Männer - selbst von dem zweitkleinsten
unterschied ihn noch eine ganze Handbreit -, doch er regierte über
diesen Ort, als ob er der Offizier wäre und alle anderen lediglich
in seinem Dienste ständen. Cunomar beobachtete den Sekretär, wie
dieser die versammelte Menge im Geiste aufteilte in die Käuflichen,
die Verschüchterten und die lediglich Neugierigen, sowie in jene,
die entweder die Autorität besaßen, ihm einen Befehl zu erteilen,
oder aber einen unanfechtbaren Grund dafür anführen konnten, in
sein Reich vorzudringen.
Zum Schluss waren sie nurmehr zu viert. Der Präfekt
war der ranghöchste Stellvertreter des Gouverneurs, ihn konnte man
also nicht des Zimmers verweisen. Der Prokurator wiederum war nur
Nero gegenüber zur Rechtfertigung verpflichtet, und seine Bedeutung
überstieg die des Präfekten womöglich sogar noch; zumindest aber
überstieg sie die eines Sekretärs, ganz gleich, wie beeindruckend
dessen Arbeitszimmer auch aussehen mochte. Und Theophilus war
anwesend, weil er den Sekretär im Winter von dessen Gallensteinen
kuriert hatte und Letzterer folglich nicht so unhöflich sein
wollte, seinen Arzt und Heiler nun vor die Tür zu schicken.
Blieb also nur noch Cunomar, der ein Barbar war und
den man folglich gar nicht erst in die Schreibstube hätte
hereinlassen dürfen, sondern der im Vorzimmer bei seinen Kriegern
hätte warten müssen; wäre dieser nicht zugleich auch der Sohn des
letzten Königs gewesen und hätte somit ein Recht darauf, bei der
Verlesung des väterlichen Testaments zugegen zu sein. Er hatte den
Sekretär freundlich angelächelt, der den Umgang mit den Wilden
wiederum in keinster Weise gewohnt war - vor allem nicht den Umgang
mit halb nackten jungen Männern mit Raubtierzähnen im Haar und
Narben auf den Körpern, die ihn schlicht anlächelten und dabei kurz
ihre Schultern hoben, so dass die von den Bestien herrührenden Male
auf ihrer Haut für einen Augenblick wie mit Leben erfüllt zu sein
schienen. Eine dunkle Röte überzog den Halsansatz des Sekretärs,
breitete sich sogar noch etwas weiter aus, als Cunomar sein Lächeln
noch etwas breiter erstrahlen ließ. Der Sekretär verzichtete auf
seine sorgfältig zurechtgelegte Protestrede.
Vier Männer standen also wie vom rechten Weg
abgekommene Kinder vor dem marmornen Schreibtisch, während der
Sekretär nach jener Pergamentrolle suchte, die Prasutagos, König
der Eceni von des Kaisers Gnaden, vor Zeugen und an jenem Tage
unterzeichnet hatte, als Eneit starb. Schließlich fand er sie und
begann zu lesen.
Ein Teil von Cunomar lebte auf ewig in jener Höhle
der Stammesältesten der Kaledonier fort, in der er zum ersten Mal
das innere Wesen der Bärinnenkrieger begriffen hatte. Als er dort
drei Tage lang unter sengend heißen Messern ausharrte, hatte er
gelernt, was es bedeutete, seinen Verstand und seinen Körper im
Dienste der Götter zu schulen.
Dieses Wissen war ihm nun in der kalten, marmornen
Stube des Sekretärs des Gouverneurs von großem Nutzen. Es ließ
seine Sinne erst verschwimmen und dann umso schärfer wieder
hervortreten, so dass er den fast schon vom Prokurator errungenen
Sieg förmlich riechen konnte, ebenso wie das argwöhnische, doch
ehrliche Wesen von Corvus, dem Präfekten, sowie die etwas
pragmatischer ausgerichteten und im Augenblick sehr verzweifelten
Gedanken des Arztes. Die Male der Bärinnenkrieger auf seinen
Schultern brannten, als wären sie ihm gerade erst zugefügt worden,
und seine Eingeweide krampften sich zusammen in der Vorahnung einer
Schlacht, bei der er sich noch nicht sicher war, wie er sie zu
kämpfen hatte, und es sich zugleich doch nicht erlauben durfte, sie
zu verlieren.
In der Annahme, in ihm den für diese Aufgabe am
besten Geeigneten zu sehen, hatte seine Mutter ihn ausgesandt. Und
in der Annahme, in sich selbst sogar ganz eindeutig den am besten
Geeigneten zu sehen, hatte Cunomar das Geschenk ihres Vertrauens
angenommen und war nach Camulodunum gereist. Und noch immer glaubte
er dies, verließ sich ganz auf seine von den Bärinnenkriegern
geschärften Instinkte, die ihm, wenn der richtige Augenblick
gekommen wäre, schon sagen würden, wie er sich verhalten musste.
Alles, was er in der Wartezeit noch zu tun hatte, war, sich bereit
zu halten und nicht seiner Angst nachzugeben. Er zog die Schulter
hoch, drückte sie anschließend nach hinten und löste damit seine
innere Anspannung. Der Sekretär blickte auf, als Cunomar diese
kleine Lockerungsübung vollzog, und die schwarzen Pupillen seiner
Augen wurden plötzlich sehr groß.
Er schluckte mit trockener Kehle, und langsam, als
ob er zu einem Schwachsinnigen spräche, fragte er: »Du bist der
Sohn des Königs?«
Cunomar lächelte, einfach nur aus Freude daran, den
Mann erneut erröten zu sehen, und erwiderte dann in fehlerfreiem
Latein: »Nur dem Namen nach bin ich sein Sohn. Von seinem Blute
nämlich stamme ich nicht ab.«
»Ich verstehe. Das würde es erklären.« Trotz der
Kühle des Frühlingstags und eines Raums, der ganz mit Stein
ausgekleidet war, begann der Sekretär leicht zu schwitzen. Er ließ
den Blick vom Prokurator zum Präfekten hinüberhuschen und wieder
zurück. Es war nicht ersichtlich, wessen Geduld sich als Erste
erschöpfen würde, sondern nur, dass keiner von beiden Männern
geneigt war, sich noch länger aufhalten zu lassen.
Corvus erhob als Erster die Stimme. »Herr Sekretär,
wenn wir nun endlich die Einzelheiten des Vermächtnisses des Königs
erfahren dürften, und zwar ohne irgendwelche an die Götter oder den
Kaiser gerichteten Einwürfe, so wären wir auch umso schneller
wieder aus Eurer Schreibstube verschwunden.«
Der Sekretär zögerte, wägte seine Verpflichtung zur
Einhaltung der Gesetze gegen das noch dringendere Bedürfnis ab,
diese Männer endlich wieder loszuwerden, die da in sein
Arbeitszimmer eingedrungen waren. Nachdem eine Weile verstrichen
war, senkte er den Blick auf das vor ihm liegende Schriftstück und
sprach: »Wenn ich einmal die Liste der Pferde, des Goldes und der
Ländereien und Güter auslasse, dann tritt klar hervor, dass der
König mit keinem Wort seinen Sohn erwähnt, so wie es doch wohl
angemessen gewesen wäre, sondern dass er die eine Hälfte seines
Besitzes dem Kaiser vermacht, möge diesem ein langes Leben
beschieden sein, sowie die andere Hälfte... seinen beiden
Töchtern.«
Cunomar hatte keineswegs erwartet, in dem Testament
bedacht zu werden. Ein Teil von ihm brach innerlich also in
Jubelgeschrei aus, pries Graine und Cygfa, während der andere Teil
seines Ichs bereits Erwägungen anstellte, wie man Tagos’ zu
veranschlagenden »Besitz« wohl möglichst gering halten könnte. Zu
spät bemerkte er den schweigenden Triumph des Prokurators auf der
einen Seite und Corvus’ entsprechend große Verzweiflung auf der
anderen.
Er hob den Blick wieder und erkannte, wie etwas
Unausgesprochenes, doch beinahe körperlich Greifbares zwischen
Corvus und Theophilus, dem Arzt, ausgetauscht wurde. Beide wandten
sich um, um ihn anzublicken, und Cunomar las Mitgefühl in ihren
Augen sowie den Wunsch, ihm zu helfen, ohne jedoch zu wissen, wie
sie dies bewerkstelligen sollten.
Theophilus stupste Cunomar leicht an. Der
Prokurator hatte etwas gesagt, doch Cunomar hatte ihn nicht
verstanden.
»Wie bitte?«, fragte er.
Noch einmal hob der Mann an, sprach in dem simplen
Latein der Kinder und mit deutlich voneinander abgesetzten Worten.
»Deine Schwestern, die Töchter des Königs, sind sie
verheiratet?«
Innerhalb der Zeitspanne, die es brauchte, um
diesen einen Satz auszusprechen, waren sie gegeneinander in den
Krieg getreten, so unmissverständlich, als ob ihre Klingen bereits
von Blut benetzt wären. Doch weil die Götter nur der Wahrheit ihre
Gunst beweisen, entgegnete Cunomar: »Die Eceni heiraten nicht. Wir
sehen darin keinerlei Bedeutung.«
Die von Marmor umschlossene Stille brach
auseinander. Eine einzelne, wächserne Träne tropfte von einer der
scheinbar den Elefanten entwachsenden Kerzen auf den Tisch des
Sekretärs. Das Geräusch, das dieser Tropfen verursachte, war leiser
als das Geräusch einer zu Boden fallenden Feder, und dennoch
schallte es ihnen allen deutlich vernehmbar entgegen. Corvus
stöhnte auf. Theophilus schloss die Augen und klopfte mit dem
Zeigefinger gegen seine Lippen.
Decianus Catus, Prokurator aller dem Kaiser
gehörenden Güter und Vermögen sowie Neros ziviler Stellvertreter in
der Provinz Britannien, lachte ungehemmt.
»Dann sind sie hiermit verwaist und müssen folglich
zu Mündeln des Kaisers erklärt werden, welcher fortan die schwere
Bürde auf sich nehmen wird, ihre Güter und ihren Besitz zu
verwalten. Mit Freuden wird er ihnen in Rom passende Ehemänner
suchen. Zahlreiche Männer, da bin ich mir sicher, würden sich
glücklich schätzen, die Tochter eines Barbarenkönigs zu heiraten,
das heißt, sofern die Mitgift entsprechend großzügig bemessen
ausfällt. Ein Teil der Staatseinnahmen aus dem Stamme der Eceni
würde selbst den trägsten der Senatorensöhne noch dazu bewegen
können... Nein!« Der Prokurator trat einen Schritt zurück und stieß
sich prompt die Hüfte am Tisch des Sekretärs. Schrill rief er aus:
»Willst du mir etwa vor den Augen eines Präfekten Gewalt
androhen?«
»Ich drohe Euch keine Gewalt an.«
Das stimmte; Cunomar hatte sich überhaupt nicht
gerührt. Drei Tage unter den Messern der Bärinnenkrieger der
Kaledonier ließen ihn entgegen dem Drängen sämtlicher seiner
Instinkte ruhig verharren; entgegen dem heißen, sich in seinem
Inneren zusammenballenden Bedürfnis zu töten, das er wohl schon bei
seiner Mutter beobachtet, noch nie aber in sich selbst verspürt
hatte. Dass dieser Drang sich nun dennoch und unabhängig davon, wie
kurz dieser Moment auch gewesen sein mochte, in seinen Augen, auf
seinem Gesicht abgezeichnet hatte, war bedauerlich. Doch Cunomar
tat alles in seiner Macht Stehende, um erneut Ruhe in seine Seele
einkehren zu lassen.
Und in dieser einen Sache erhielt er nun
tatsächlich Unterstützung. Hinter ihm stand Theophilus; Cunomar
konnte dessen Hand in seinem Rücken spüren und hörte die leisen, in
der Sprache der Eceni gemurmelten Anrufungen Nemains, die stets vor
einer Schlacht gesprochen wurden. Auch Corvus war nun dichter an
ihn herangerückt als noch vor kurzem, so dass seine Schulter die
von Cunomar berührte und sein Gewicht den Krieger stützte, während
der Präfekt verkündete: »Hätte er auch nur eine Bewegung gemacht,
so würde ich ihn sofort festnehmen lassen. Doch er hat sich nicht
bewegt.«
»Er ist ein Barbar, und kultiviertes Verhalten ist
ihm fremd.« In einer Schlacht wäre der Prokurator nun gestorben;
seine Angst zeigte sich nur allzu deutlich. Schwitzend fuhr er
fort: »Die töten doch ohne einen Gedanken an die Konsequenzen.
Philus ist der Beweis dafür. Das Eigentum des Kaisers muss mit
größtmöglicher Eile zurückerlangt werden, ansonsten schaffen die
doch alles beiseite. Präfekt, wenn man das rasch erledigen will,
dann brauche ich bewaffnete Unterstützung.«
»Die Ihr bereits besitzt. Wie Ihr uns vorhin ja
eindringlich vorgeführt habt.«
»Eine einzige Zenturie aus ehemaligen Legionären
reicht nicht aus.«
»Ich erlaube mir, anderer Meinung zu sein«,
antwortete Corvus kühl. »Schließlich hat der Sohn des Königs gerade
eben mit angehört, wie Ihr seine Schwestern verleumdet habt, und
trotzdem eine bemerkenswerte Selbstbeherrschung bewiesen. Aber wie
auch immer, wenn Ihr also wirklich meint, noch weitere Männer zu
benötigen, um seiner Mutter während deren Trauerphase
entgegenzutreten, so werdet Ihr diese Männer wohl selbst anwerben
müssen. Unter meinem Kommando stehen zwar drei Kohorten, doch habe
ich bereits den Befehl erhalten, diese nach Westen zu führen, um
damit dem Gouverneur zu Hilfe zu eilen. Hier zurückbleiben wird
also allein Titus Aquilius, Primus Pilus der Zwanzigsten Legion,
und dem steht auch nur noch eine einzige Zenturie zur Verfügung.
Zweifellos aber seid Ihr ihm rangmäßig übergeordnet. Wenn Ihr
seinen Truppen also befehlen wollt, Euch nach Norden zu
eskortieren, und Aquilius dafür hier mit ganz und gar niemandem
zurücklasst, um die Angelegenheiten von Camulodunum zu regeln,
müsst Ihr das selbstverständlich tun. Ich werde ihm jedoch anraten,
zu verlangen, dass Ihr vor Zeugen einen Vermerk Eures Befehls
unterzeichnet, damit für den Fall, dass die Veteranen Amok laufen
oder einer der Eingeborenen zu viel Alkohol trinkt und nicht mehr
beruhigt werden kann, zumindest klar ist, warum man ihn hier bar
jeder Macht zu handeln zurückgelassen hat.«
Corvus lehnte sich gegen den Marmortisch des
Sekretärs und spielte ein wenig mit dem weichen Wachs unter dem
Kopf des Elefanten. In der Sprache der Eceni, ganz so, als ob er
eine Litanei aufsagte, sprach er: »Sohn der Bodicea, mehr kann ich
nicht für dich tun. Bewahre das Erbe deines Vaters. Und wirf nicht
dein Leben fort, so wie auch er seines nicht verschwendet
hat.«
Dann hob er den Kopf wieder und erklärte in Latein:
»Cunomar, das Betragen meines Landsmannes tut mir Leid. Solange der
Prokurator seine Angelegenheiten regelt, bleibt das Angebot der
Gastfreundschaft unserer Stadt natürlich weiterhin bestehen, sowohl
für dich als auch für deine Ehrengarde. Ich denke, du solltest
derjenige sein, der mit ihm nach Norden reist, und dass er dies
wiederum begrüßen würde.«
»Das würde er in der Tat. Er wird sogar darauf
bestehen, dass der ›Sohn des Königs‹ und dessen Mob unter
bewaffneter Bewachung gehalten werden, bis wir sie wieder dorthin
zurückbefördern können, woher sie gekommen sind. Wenn Ihr sie also
durchfüttern möchtet, während sie warten, könnt Ihr das gerne tun,
aber wenn Ihr auch nur einen von ihnen entwischen lasst, werdet Ihr
dafür vor dem Kaiser persönlich Rechenschaft ablegen müssen!«
Damit stürmte der Prokurator an ihnen vorbei und
riss die Tür auf. Draußen, in dem kalten Marmorzimmer, das den
Vorraum bildete, standen Unagh und die anderen sieben Mitglieder
von Cunomars Ehrengarde. Hinter diesen wiederum, im Innenhof, der
von der Residenz des Gouverneurs umschlossen wurde, befanden sich
achtzig bewaffnete Männer, die unter dem Befehl des Prokurators
standen und nur auf ein Zeichen von ihm warteten.
Allein gelassen mit Corvus und Theophilus im
Arbeitszimmer des Sekretärs prüfte Cunomar unterdessen sämtliche
Alternativen und verwarf sie sogleich alle wieder. Jede Einzelne
von ihnen führte doch in eine Katastrophe; für ihn selbst, für die
Bärinnenkrieger, für seine Mutter, sowie für das Kriegsheer, das
sie in genau diesem Augenblick gerade aufstellte.
Bewahre das Erbe deines Vaters. Und wirf nicht
dein Leben fort, so wie auch er seines nicht verschwendet hat.
Corvus war ebenso sehr ein Krieger, wie Cunomar einer war; auch er
hatte die Wege und den Tod, der am Ende eines jeden dieser Wege
lauerte, gesehen, und er hatte versucht, auf seine ganz persönliche
Art, eine ebensolche Katastrophe zu verhindern. Doch auch er hatte
in seinem Bemühen versagt.
Cunomar hatte die Würde wohl gesehen, mit der sein
Vater damals in Rom seinem eigenen Tod ins Auge geblickt hatte.
Während die Männer des Prokurators sich also zu einer Reihe
formierten und acht von ihnen in das Schreibzimmer kamen, um
Cunomar hinauszugeleiten, fand er etwas dieser besonderen Würde
Ähnelndes auch in seinem eigenen Inneren, und er erklärte an Corvus
gewandt: »Danke. Der Präfekt war stets ein Freund der Eceni. Meine
Mutter schätzt dich sehr und wird dich immer schätzen, welches
Schicksal auch immer sich nun über unsere Völker herabsenken
mag.«