XXVII

 
Am Morgen nach Tagos’ Tod nahm Breaca zum zweiten Mal den Torques der Eceni entgegen, jenen Halsreif der Ahnen, den bereits ihre Mutter getragen hatte und davor wiederum deren Mutter; so wie es schon seit unzähligen Generationen Tradition im Stamme der Eceni war.
Nichts hatte sich geändert und wiederum auch alles. Denn nicht nur Tagos war gestorben, sondern mit ihm auch Philus; nun mussten sie also tatsächlich gegen Rom in den Krieg ziehen, kein Weg führte mehr daran vorbei. Doch erst als Breaca erwachte, begriff sie dies in seiner ganzen Tragweite. Zunächst lag sie einfach nur da und horchte auf den Wind und wie dieser den Schnee gegen die Wände von Airmids Hütte trieb. In Gedanken träumte sie sich schon einmal bis in den Frühling vor, überlegte bereits, welche Taktik sie dann wohl am besten anwandten - und sah doch gleichzeitig keine Möglichkeit, wie sie die Legionen überhaupt noch so lange von sich fern halten sollten. Denn das Kriegsheer, mit dem sie im Frühjahr Rom vielleicht schlagen könnten, wurde gegenwärtig doch gerade erst aufgestellt.
Sie spürte einen Luftzug, hörte Stimmen und wusste, dass sie noch nicht ganz wach war. Bruchstücke ihrer Träume hielten sie noch immer umfangen. Träume von Schnee und zerfetztem Fleisch und dem verlöschenden Licht in Tagos’ Augen, als dieser starb. Verzweifelt bemühte Breaca sich darum, ihre Gedanken allein auf den neuen Morgen zu konzentrieren. Sie spürte, wie Airmid auf sie zukam. Doch mit Airmid erschien auch das uralte, finstere und spröde Wesen der Träumerin der Ahnen.
Viel zu rasch setzte Breaca sich also auf ihrem Lager auf. Als sie die Augen öffnete, sah sie den Schein des Feuers über das rote Gold der Silurer gleiten und wie dieses in geradezu blendendem Glanz erstrahlte. Und sowohl in ihrem Traum wie auch in der Wirklichkeit existierte für Breaca plötzlich nur noch jener Torques der Ahnen, Geschenk und Fluch zugleich und schwer beladen mit den Träumen seiner vorherigen Besitzer.
»Breaca?« Airmid war bei ihr, hatte eine Hand auf Breacas Schulter gelegt. »Was siehst du?«
»In dem Gold des Halsreifs lebt die Träumerin der Ahnen. Das habe ich vorher nicht gewusst.«
Breaca fuhr mit dem Finger über das kalte Metall, spürte die feste, durch Jahrhunderte des Tragens geformte Wölbung. Von außen betrachtet war der Halsreif noch der, der er schon immer gewesen war, ein Wunder aus miteinander verschlungenen Golddrähten mit Ringen an den Endstücken, in die in der Tradition der Ahnen die Kriegerfedern gesteckt wurden.
Als Breaca diesen Reif das erste Mal getragen hatte, war sie noch ein Kind gewesen. Damals hatte für sie nur gezählt, dass sie sich mit diesem Reif irgendwie königlich gefühlt hatte und plötzlich auch anderen diesen Eindruck ihrer eigenen Würde zu vermitteln vermochte. Jahre später, auf dem Schlachtfeld der römischen Invasion, hatte der Ahnenreif für sie den Freitod ihrer Mutter Macha symbolisiert und das Opfer, das diese erbracht hatte, damit andere am Leben blieben. Bei seiner damaligen Entgegennahme hatte Breaca nur Trauer und Einsamkeit gespürt. Noch später, als sie ihn an Silla weiterreichte, hatte sie wiederum ihr Bestes gegeben, um ihre jüngere Schwester vor gerade diesen beiden Empfindungen zu bewahren. Als Tagos den Torques auf der Lichtung im Wald schließlich Cygfa übergeben hatte, war erneut und klar zu erkennen jene würdevolle Haltung hervorgetreten, die mit diesem Reif stets einherging, doch keine tiefere Vision erreichte mehr seine neue Trägerin.
Erst jetzt also, und dies auch nur, weil Breaca der Träumerin der Ahnen bereits zuvor schon einmal begegnet war, spürte sie die Rhythmen der Macht, welche in das Gold eingewoben waren. Aus tiefster Vergangenheit tasteten sich diese zu Breaca vor und berührten den strahlenden, allein auf den Kampf ausgerichteten Teil ihrer Seele. Doch sie streiften auch jenen dunklen Winkel, aus dem einst der Ruf nach Rache für Caradoc erschallt war. Und gerade jener Schrei war es gewesen, der statt Caradoc schließlich Valerius wieder heimgeführt hatte - weil Breaca ihren Wunsch nicht rein und frei von Emotionen vorgebracht hatte.
Noch immer wurde Breaca in ihren Nächten heimgesucht von stets dieser einen quälenden Erinnerung. »Hat meine Mutter in dem Halsreif das Gleiche gesehen, was auch ich nun in ihm sehe?«, fragte sie.
Airmid setzte sich an das Fußende von Breacas Bett. Den Torques legte sie zwischen sie beide. »Nein. Denn die Kraft deiner Mutter stammte weder aus dem Schlangenspeer, noch brauchte sie sie je gezielt zu sich zu rufen. Die Ahnen kommen nur zu jenen, die sie brauchen und die zugleich die Fähigkeit besitzen, ihrer Gegenwart überhaupt standzuhalten.« Damit hob Airmid den Blick, wollte sich gerade einen kleinen Scherz erlauben, besann sich aber wieder und fuhr in ernstem Tonfall fort: »Du jedenfalls kannst ihnen standhalten. Zwar verlangt dies nach einer anderen Sorte von Mut als die, die man in einer Schlacht braucht, aber du hast diesen Mut in dir.«
»Vielleicht.« Die bloße Erinnerung an die Höhle der Ahnen ließ ihr Denkvermögen in diesem Augenblick geradezu gefrieren. Breaca stand auf und begann sich anzukleiden, ließ den Torques unterdessen aber noch auf den Schlaffellen liegen.
Nach einer Weile nahm Airmid den Reif erneut auf und legte ihn neben das Feuer auf die Kaminplatte. Dann griff sie nach einem Strang noch unverarbeiteter Wolle und legte ihn, damit der Schnee aus ihm heraustrocknete, ebenfalls an die Feuerstelle. »Du bist die Bodicea«, hob Airmid anschließend an. »Von heute an, dem Tag nach Tagos’ Tod, bist du wieder die Anführerin der Eceni. Du trägst also nicht nur den Herrschertitel, sondern hast auch die dem Herrscher obliegende Befehlsmacht. Und dennoch ist es nicht der Torques der Ahnen, der dir Ersteres oder auch Letzteres verleiht. Du musst ihn also nicht annehmen, wenn du nicht willst. Wir können ihn ebenso gut ins Schmiedefeuer legen und ihn einfach wieder einschmelzen. Trotzdem werden dir im Frühjahr die Speerkämpfer ihren Treueeid leisten und das Kriegsheer sich im Zeichen des Schlangenspeers versammeln.«
»Aber das Heer besäße dann doch keinerlei Macht mehr.«
»Das stimmt nicht. Denn du hast deine eigene Macht, und die stammt nicht allein von den Ahnen.«
»Dennoch kämpfe ich diesen Krieg doch nicht bloß für mich allein.« Breaca ließ sich auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers nieder. Durch den Luftzug wirbelten einige Flammen empor, und flüchtig nahmen diese die Gestalt der Toten an: die Gestalt von Macha, von Silla und von Tagos, der selbst im Sterben noch lächelte. Breaca senkte ihren Blick noch tiefer zwischen die Kohlen hinein und suchte nach ihrer Mutter, ihrer leiblichen Mutter, nach jener, die diesen Halsreif einst noch in Würde und unbefleckter Ehre getragen hatte. Doch niemand erschien ihr, nur eine unscharfe Kindheitserinnerung an die Ältere Großmutter, welche Breaca so geliebt hatte, und an die Stimme der alten Frau, die sich aber sogleich wieder im Knistern und Prasseln des Feuers verlor. Du wirst mich schon nicht verlieren, das verspreche ich dir.
Breaca hatte sich auf keine bestimmte Frage konzentriert, und sie erhielt auch keine auf irgendetwas Bestimmtes gerichtete Antwort, doch leise und wie aus weiter Ferne ertönte Airmids Stimme: »Nicht alle Ahnen sind gefährlich. Selbst die Dunkelheit kann uns nur in dem Maße gefährlich werden, wie wir uns vor ihr fürchten.«
»Und die Angst ist der einzige Feind. Du redest schon genau wie Luain mac Calma.« Breaca griff nach dem Halsreif, hielt ihn für einen Augenblick neben die Flammen. Nun war sie endlich vollkommen wach. Die wie mit winzigen Stichen von der Ahnin ausstrahlende Gefahr schien plötzlich weniger intensiv, als sie es noch vor kurzem gewesen war, und verschwand zusammen mit den kleinen Tröpfchen geschmolzenen Schnees. Von stiller Würde umgeben lag der Halsreif auf ihren ausgestreckten Handflächen. »Es wäre doch eine Schande, ihn einzuschmelzen«, fuhr Breaca fort. »Eines Tages soll er schließlich von Graine getragen werden, und danach wiederum von deren Töchtern. Und ich möchte ihn ihnen auch nicht besudelt mit meinen eigenen Ängsten hinterlassen.« Sie hob den Blick und stellte fest, dass sie noch immer zu lächeln vermochte, was schon einmal ein gutes Zeichen war. »Kennst du den Wortlaut des Übergabeschwurs?«
Airmid schüttelte den Kopf. »Nicht gut genug, um die Worte laut aussprechen zu können, aber ich denke, die würden sich ohnehin mehr an die Zeugen richten als an dich. Denn der Halsreif nimmt dir seinen eigenen Schwur ab; es reicht also, wenn du ihn einfach in dem vollen Bewusstsein dessen, was du tust, entgegennimmst.«
In früheren Zeiten wäre nun eine Zeremonie abgehalten worden, und die gesamten dreihundert Speerkämpfer ihrer Ehrengarde wären anwesend gewesen, um Zeugen jenes Augenblicks zu werden, in dem Breaca, die Erstgeborene der königlichen Linie, den Torques ihrer Ahnen entgegennähme. Träumer, die eigens von Mona entsandt worden wären, hätten Reden gehalten und von ihren Visionen berichtet. Und Breacas Töchter hätten ihrer Mutter gegenüber einen Eid darauf geleistet, dass sie ihr stets folgen würden und alles das ehrten, was auch Breaca ehrte.
Am Tage nach Tagos’ Tod schien es allerdings angemessener, all dies nur im Privaten abzuhalten, und allein Airmid war Zeugin, als Breaca kurz zögerte, gleich darauf aber innerlich all ihren Mut sammelte, bis er sie schließlich auch über diese Schwelle in ihrem Leben trug. Dann ergriff sie den Reif mit beiden Händen und legte ihn sich um den Hals. Fest und wie lebendig schmiegte er sich an ihre Haut, kühl, trocken und beinahe wie eine Schlange. Sein Sitz war makellos, seine Endstücke lagen in den Höhlen unter Breacas Schlüsselbeinen, und sein Gewicht konzentrierte sich im rückwärtigen Teil, so dass ihre Schultern den Großteil davon trugen. Bereits in ihrer Kindheit hatte sich der Reif schon genauso perfekt an sie geschmiegt - obwohl sie damals noch wesentlich kleiner gewesen war.
Als Schmiedin wusste sie das handwerkliche Geschick, mit dem der Torques angefertigt worden war, zweifellos zu schätzen. Als Breaca jedoch, als die Bodicea, die Erstgeborene der königlichen Linie, die nunmehr ihr rechtmäßiges Erbe antrat, suchte sie nach einem ersten Eindruck, was ihr dieses Erbe in Zukunft wohl noch bescheren mochte, und sie war überrascht, aber auch ein wenig enttäuscht, als sie keinerlei Herausforderung erahnte, keinerlei Bedrohung, sondern lediglich ein zartes Ziehen in ihrem Unterbauch spürte und ein Seufzen vernahm, das von einem Hund hätte stammen können, der gerade an seine vertraute Feuerstelle heimgekehrt war.
Schließlich, als die Ahnin ihr weder erschien, um sie zu begrüßen, noch, um ihr Vorhaltungen zu machen, erhob Breaca sich vom Feuer und schob die Türklappe auf. Draußen war die Welt vollkommen weiß; bis auf Oberschenkelhöhe drängte sich der Schnee gegen die Wände der Hütte, und scharf biss die Kälte in Haut und Fleisch.
Sie hatte eine weitere Schwelle überwunden. Nichts hatte sich geändert und wiederum auch alles. Airmid trat neben sie, und es war gut, einmal an jene Dinge erinnert zu werden, die sich niemals ändern würden.
Sie starrte auf den Schnee hinaus, als Breaca an sie gewandt sagte: »Du hattest Recht, die Götter sind mit uns. Denn auch, wenn man Philus in Camulodunum vermisst, werden die Verantwortlichen dennoch nicht das Risiko eingehen, gerade jetzt eine Patrouille auszusenden, damit diese sich auf den Weg zu uns und auf die Suche nach Philus macht. Damit sind wir mindestens bis zum Frühling erst einmal in Sicherheit. Diese Zeit können wir dazu nutzen, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir die Legionen vielleicht sogar noch etwas länger in Schach halten können.«
 
Auch für den Rest des Monats prägte unentwegter Schneefall das Bild, versiegelte das Land geradezu unter einer Decke von Eis, so dass die Legionen in ihren Winterquartieren verharrten und die Stämme in ihren Siedlungen und das Land in einer Ahnung von Frieden ruhte.
Drei Tage vor Jahresende sandten die Götter Breacas Volk den Südwind, der warme Luft mit sich brachte und das Land damit wieder vom Schnee befreite. Am dritten Tage, als man erstmals wieder gefahrlos reiten konnte, nahm Breaca sich von Cygfa einen kastanienbraunen Junghengst, der noch nicht allzu lange an den Sattel gewöhnt war, und ritt gemeinsam mit Cunomar zu jenem Flusstal hinaus, in dem Philus und seine Männer ihr letztes Lager aufgeschlagen hatten.
Die Schneedecke war nur noch stellenweise vorhanden und zerlief bereits zu Schlamm. Die Luft roch feucht und nach verfaulenden Blättern sowie, als sie das Tal erreichten, nach verdorbenem Fleisch. Der kastanienbraune Junghengst scheute bei dem Gestank zurück und musste erst mühsam dazu überredet werden, weiter vorwärts zu gehen, doch genau dies war schließlich auch der Grund, warum Breaca das Tier hierher geführt hatte; ein Schlachtross durfte sich nicht vor dem Geruch eines Blutbades fürchten. Breaca band das Pferd an einer Weide fest und folgte Cunomar in die schmale Schlucht hinab.
Die ganze Zeit über hatte der Winter die Leichen zugedeckt und dafür gesorgt, dass sie unversehrt geblieben waren; die Aasfresser hatten sie also erst vor kurzem entdeckt. Breaca hatte nach der Schlacht keinerlei bewusste Anstrengungen unternommen, sich die Lage der Toten einzuprägen, doch das Muster war auch so nur allzu leicht zu deuten: Hier, hinter dem aus Weidenruten gefertigten Unterschlupf für die Schafe lagen die zwölf Händler von Philus, allesamt mit dem Gesicht nach unten und mit Wunden in den Körperseiten oder im Rücken, die sie erlitten hatten, als sie zu flüchten versucht hatten; vorne wiederum lagen die Söldner, die gestorben waren, als sie sich verteidigten. Der Schwarzhaarige, der auf Cygfa losgegangen war und dabei seinen Arm verloren hatte, lag unter einem etwas kleineren, grauhaarigen Gefährten, den wiederum Breaca getötet hatte. Zusammengezogen durch die Kälte spannte sich das Fleisch über ihre Gesichter, und mit dem schmelzenden Schnee war auch das Blut fortgeschwemmt worden, so dass sie nun weißlich und wie durchweicht wirkten, so wie auch die Blätterschicht auf dem Erdboden ganz durchnässt war von der Feuchtigkeit. Und aus den über ihnen hängenden Zweigen tröpfelte unentwegt noch mehr Nässe herab.
»Er ist hier.« Cunomar kniete neben einer Leiche, die etwa zwölf Schritte von Breaca entfernt lag. »Du hattest Recht. Er trägt den Königsreif nicht mehr.«
Breaca ging zu der Stelle hinüber, wo in einer Pfütze aus geschmolzenem Schnee Tagos lag. Nun, im Tode, wirkte er geradezu gelassen und würdevoll, mit seinem ordentlich um die Schultern geschlungenen Umhang und seinem einen unversehrten Arm quer über seiner Brust, in der Hand noch immer das Schwert. Eine Krähe hatte seine Augen gestohlen, und ein Fuchs hatte begonnen, sich an seinem Gesicht gütlich zu tun, doch was davon noch übrig war, besaß einen Frieden, den es im Leben nur selten ausgestrahlt hatte, und noch immer konnte man die Autorität und die Integrität jenes Mannes erkennen, der Tagos vielleicht einmal hätte werden können; der zu werden er immerhin versucht hatte.
Nur sein Armreif zum Zeichen seiner Königswürde fehlte, das auffallende, mit Emaille und Kupfer verzierte Geschmeide aus Rotgold, das Breaca damals, in ihrem ersten gemeinsamen Winter, für ihn angefertigt hatte - damit Tagos noch mehr Eindruck auf einen Gouverneur mit einer Schwäche für das Kunsthandwerk der Eceni zu machen vermochte. Sie kniete neben Tagos nieder und hob den durchweichten Wollumhang von seinem Arm. Der Goldreif war tatsächlich nicht mehr da. Aber er musste bereits gefehlt haben, als Tagos noch lebte - denn hätte ihn jemand von seiner Leiche gestohlen, so hätte derjenige damit den von Tagos ausstrahlenden Frieden nur allzu deutlich gestört.
Laut sagte sie: »Runtergefallen ist er mit Sicherheit nicht. Er kann ihn also nur verschenkt haben.«
»Hinter dir liegt Philus«, bemerkte Cunomar leise.
Breaca wandte sich um. Der Sklavenhändler lag noch genauso da, wie er gefallen war, unordentlich und gänzlich unbetrauert. Zwar lag sein Reisebündel nicht unmittelbar neben ihm, doch fand Breaca es wenig später zwischen den Wurzeln einer Eiche eingezwängt, aufgebrochen von der Last des Schnees und durchwühlt von Ratten und Mäusen. Sie hielt es kopfüber, und sogleich fiel der Königsreif heraus, eingewickelt in ein Stück Lammwolle, damit er unbeschmutzt bliebe.
»Gut gemacht.« Cunomar grinste. »Ich schulde dir eine Gürtelschnalle.«
»Die du mir aber nicht zu geben brauchst. Ich habe doch nur gewettet, weil es so offensichtlich war.« Breaca nahm das kalte Stück Metall auf und zupfte die Wolle davon ab. »Nur Philus hätte die Dreistigkeit besessen, Tagos darum zu bitten, und selbst wenn noch andere ihn nach dem Armreif gefragt hätten, hätte Tagos sich doch erst angesichts von jemandem wie Philus gezwungen gefühlt, ihn auch tatsächlich herauszugeben.«
Cunomar nickte. »Es ist noch immer das schönste Stück, das du je geschmiedet hast, und Tagos hatte es sehr geschätzt. Er hätte es bestimmt nicht fortgegeben, wenn er sich nicht in einer wahrlich beängstigenden Lage gesehen hätte.«
»Das will ich zumindest hoffen.«
Ausgewickelt lag der Armreif nun in ihren Händen, noch genauso strahlend wie an jenem Tage, als sie ihn gefertigt hatte. Über das rötliche Gold glitt das Licht der Sonne und ließ es warm aufleuchten; wie Fische durch einen See im Sommer schienen die ovalen, bläulichen Emailleplättchen über den Reif zu schwimmen; und an den Enden, eingebettet in ihre grünlichen Einfassungen, die Körperwärme und Schweiß hatten anlaufen lassen, lagen die kleinen, runden, medaillonförmigen Kupferscheiben. Breacas Finger waren von dem Lanolin des Wollstrangs ein wenig fettig geworden, was ihr jedoch willkommen war, denn das erleichterte es ihr, den Reif wieder um Tagos’ unversehrten Arm zu legen, ohne dabei jedoch seine poröse Haut oder das darunter liegende Fleisch zu zerreißen. Mit dem Schmuckstück um seinen Arm gelegt sah er einfach vollständiger aus, sah man ihm gleich auf den ersten Blick seine Königswürde an.
Breaca ließ sich auf die Fersen zurücksinken, strich Tagos das durchweichte, von den Krähen zerrupfte Haar aus dem Gesicht. »Nur durch Gold und Kupfer zum König erhoben. Er hätte etwas Besseres verdient, zumindest zum Schluss.«
»Aber es macht ihn bestimmt glücklich, wenn er uns nun wenigstens im Tode dienen kann.«
Cunomar sprach wie geistesabwesend, seine Aufmerksamkeit nicht mehr länger auf den Toten gerichtet, sondern auf Cygfas kastanienbraunen Junghengst, der sich von ein paar Krähen hatte erschrecken lassen. Breacas Sohn trug noch immer die gleiche Kleidung wie auch schon im Sommer, ein ärmelloses Wams aus Hirschleder, das die beißende Kälte förmlich zu verspotten schien und deutlich die von den Bären herrührenden Narben auf seinen Oberarmen sehen ließ. An seiner linken Schläfe hing ein Strang von geflochtenem, rotem Rosshaar, von dem ein einzelner Bärenzahn herabbaumelte; das war ein Geschenk von Ardacos anlässlich des letzten Tages des alten Jahres.
»Cunomar?«, sagte Breaca. »Auch ich habe ein Geschenk für dich.«
Damit hatte er nicht gerechnet. Er freute sich. Die Stammesältesten der Kaledonier hatten ihn zwar gelehrt, jegliche Gefühlsregungen zu verbergen, doch Breaca sah den Funken der Überraschung in seinen Augen und die daraufhin folgende leichte Röte auf seinen Wangen; und sie wiederum freute sich, dass sie noch immer seine Empfindungen zu rühren vermochte. Noch deutlicher jedoch erkannte sie die Bestürzung, die daraufhin folgte. »Ich habe aber nichts für dich dabei«, entgegnete er.
»Das habe ich auch nicht von dir erwartet. Und vielleicht möchtest du ja auch gar nicht annehmen, was ich dir nun übereignen will. Darum sprechen wir auch gerade hier über das Thema, wo nur die Toten uns belauschen können. Solltest du also tatsächlich entscheiden, dass du es nicht willst, wird kein Lebender jemals etwas von diesem Gespräch erfahren.«
Damit hatte Breaca seine gesamte Aufmerksamkeit. Sie griff in den Beutel an ihrem Gürtel und zog einen kleinen Armreif aus Rotgold, Silber und Kupfer hervor. Es war zwar nicht der gleiche Reif wie Tagos’ Königsband, ähnelte ihm aber doch so sehr, dass nur ein Schmied noch den Unterschied erkannt hätte.
»Das hier ist der erste Teil«, sagte sie. »Aber du solltest auch wissen, dass ich den Reif nicht allein für dich angefertigt habe. Wenn wir Tagos’ ursprünglichen Königsreif nicht gefunden hätten, hätte ich ihm nämlich diesen hier umgelegt. Damit er auch im Tode noch einen Armreif besitzt, der ihn durch den Winter begleitet; den Römern wäre es ja doch niemals aufgefallen, dass das hier nicht Tagos’ eigentliches Armband ist.« Sie hielt Cunomar den Reif hin. »Aber wenn ich den Reif nun dir anbieten würde, würdest du ihn dann trotz dieses Wissens annehmen?«
»Sehr gerne.« Ein Lächeln ließ seine Augen aufleuchten, so dass er für einen kurzen Moment ganz wie sein Vater aussah. »Ich hatte ja gesagt, dass das das schönste Stück wäre, das du jemals angefertigt hast. Aber insgeheim fand ich auch immer, dass du es an Tagos im Grunde nur verschwendet hättest.«
Das Armband glitt an seinen Platz über Cunomars Ellenbogen. Es war schwerer als Tagos’ Reif, und die Endstücke bestanden nicht aus emaillierten Scheiben, sondern waren in der Form von Bärenpranken gefertigt, mit ein wenig Platz dazwischen, um die Kriegerfedern hineinstecken zu können, so wie es in den Tagen der längst verstorbenen Ahnen Sitte gewesen war.
Schweigend saß Cunomar da, als seine Mutter nun seine fünf Federn - Symbol für die Anzahl der Feinde, die er im Kampf getötet hatte - an der linken Seite des Reifs befestigte. Selbst als sie mit ihrer Arbeit fertig war, blickte er nicht hinab; dazu war er zu stolz.
»Du siehst königlicher aus, als es Tagos jemals beschieden gewesen wäre«, bemerkte Breaca anschließend. Und fügte hinzu: »Cygfa hat die Federn eingefärbt und umwickelt. Airmid hat mir dabei geholfen, den Draht auszuziehen. Und Graine hat die Formen für die Endstücke geschnitzt. Der Reif ist also von uns allen, um den Beginn eines Jahres zu kennzeichnen, das anders verlaufen wird als all die Jahre, die wir bisher erlebt haben.«
Mit einem Ruck hob Cunomar den Kopf. »Dann ist das hier also noch nicht das Geschenk, von dem du gefürchtet hattest, ich könnte es ablehnen?«
»Nein.«
Der Wind wechselte die Richtung, wehte nun wieder aus Osten und wurde plötzlich merklich kälter. Breaca blies in ihre Hände, um sie zu wärmen.
Schließlich erklärte sie: »Nach Tagos’ Tod wurde beschlossen, dass wir erst einmal abwarten würden, bis jemand die Leichen fände. Dann, im Frühling, wenn der Schnee schmilzt, wollte ich nach Camulodunum reisen, um den Römern von dem tragischen Tod des Königs zu berichten und wie dieser unser aller Leben überschattete. Ich wollte sie darum bitten, uns dabei behilflich zu sein, seine Leiche wieder in die Siedlung zurückzutransportieren, damit wir ihn dort in der gebührenden Form betrauern könnten. Und ich wollte sie außerdem um ihre Unterstützung bitten, jene ausfindig zu machen, die für seinen Tod verantwortlich sind. Wenn die Römer uns somit also bloß als Hinterbliebene betrachten und nicht als die Schuldigen, werden sie auch nicht ihre Legionen aussenden, damit diese als Rache für Philus’ Tod wiederum unsere Siedlung zerstören.«
Cunomar grinste ein wenig spöttisch. »Ich denke nicht, dass irgendetwas in dieser Art beschlossen worden ist. Ich denke eher, dass drei Tage und drei Nächte lang darüber gestritten wurde und du letztlich nur deshalb deinen Willen hast durchsetzen können, weil du eben die Bodicea bist. Wenn du dich einmal in irgendetwas festbeißt, und sei es auch eine so selbstmörderische Sache wie diese hier, dann können dich ja nicht einmal mehr Ardacos, Cygfa, Dubornos und Airmid zusammen noch davon abbringen.«
»Und trotzdem warst du der Einzige, der sich nicht dagegen ausgesprochen hatte. Warst du denn nicht ebenfalls ihrer Meinung?«
»Doch, natürlich war ich ihrer Meinung. Es ist doch der helle Wahnsinn, wenn du nach Camulodunum reist. Denn wenn Rom dir nicht glaubt, wirst du die Erste sein, die stirbt. Wer soll dann noch das Kriegsheer anführen? Meinst du etwa, die Krieger würden sich auch unter Ardacos versammeln oder unter dem Sohn der Bodicea, den sie noch nicht einen einzigen Speerkämpferverband in eine Schlacht haben führen sehen? Ich jedenfalls glaube das nicht. Kein Königsreif, egal, wie wunderschön dieser auch gefertigt sein mag, könnte sie dazu bewegen, mir das gleiche Vertrauen zu schenken, das sie dir entgegenbringen.«
Cunomar war keineswegs verbittert, sondern er sprach die Wahrheit einfach nur so aus, wie er sie sah, und womöglich hatte er damit sogar Recht. Er nahm einen kleinen Kieselstein auf und warf ihn nach einer Krähe, die den kastanienbraunen Junghengst ärgerte. »Und normalerweise hätte ich mich auch tatsächlich gemeinsam mit den anderen dagegen ausgesprochen. Aber ich bin dein Sohn. Ich weiß, wann der Punkt gekommen ist, an dem du dich nicht mehr umstimmen lässt. Die Kaledonier haben mich gelehrt, meinen Atem niemals auf Auseinandersetzungen zu verschwenden, die man doch nicht mehr gewinnen kann.« Nun grinste er nicht mehr. Er kannte Breaca wahrlich gut. »Ist das also dein Geschenk«, fragte er, »dass du dich nun doch nicht auf den Weg nach Camulodunum machst?«
Sie nickte. »Dass ich mich nun doch nicht auf den Weg nach Camulodunum mache und folglich dich bitte, an meiner statt zu reisen. Du bist der Sohn des Königs. Du beherrschst die lateinische Sprache genauso gut wie ich. Du hast den Mut und die innere Stärke, um zu sagen, was gesagt werden muss. Denn wenn ich schon nicht selbst gehen kann, und es scheint, als ob die Götter und die Träume - und der gesunde Menschenverstand - in der Tat dagegen wären, bist du die beste Alternative. Aber vielleicht warst du auch ohnehin und von Anfang an die bessere Wahl. Wenn ich dich also darum bitten würde, würdest du dann in Camulodunum dein Leben riskieren? Für uns? Für mich?«
Die Stammesältesten der Kaledonier hatten zweifellos gute Arbeit geleistet. Denn nur, weil er ihr Sohn war, vermochte Breaca hinter Cunomars Blick noch ein vages Aufblitzen unverhohlener Freude zu erkennen. Von außen betrachtet behielt er den ihm anerzogenen, gelassenen Gesichtsausdruck bei, und ebenso gemessen fiel auch seine Antwort aus. »Ich wäre dankbarer, als ich mit Worten auszudrücken vermag«, entgegnete er. »Möchtest du mir nicht verraten, was dich dazu veranlasst hat, deine Meinung doch noch zu ändern?«
»Airmid. Und dann Ardacos, und anschließend Dubornos und Cygfa zusammen, und zum Schluss noch einmal Airmid. Sie alle kennen mich bereits aus jener Zeit, die noch vor deiner Geburt liegt. Was vielleicht auch der Grund ist, weshalb sie der Ansicht waren, dass man mich zuweilen - und selbst nachdem ich bereits einen Entschluss gefasst habe - doch noch einmal umstimmen kann.«
»Haben sie denn auch vorgeschlagen, dass an deiner Stelle ich gehen sollte?«
»Wohl kaum. Sondern jeder Einzelne von ihnen hatte angeboten, diese Verantwortung allein auf sich zu nehmen, so wie auch ich es ursprünglich geplant hatte. Es könnte den Tod bedeuten, wir alle wissen das; und darum würde auch keiner von ihnen diese Bitte jemand anderem antragen. Mit der Ausnahme, dass gerade ich dies nun von dir erbitte.«
»Das stimmt nicht. Denn du bietest es mir jetzt vielmehr als das größte Geschenk an, das du deinem Sohn, der noch immer im Schatten seiner Eltern steht und sich gerne als Krieger beweisen möchte, je gemacht hast oder je machen könntest. Was schließlich auch der Grund dafür ist, dass ich dieses Geschenk mit großer Dankbarkeit annehme.«
 
Die Rituale zur Feier des Jahresendes verliefen dieses Mal sehr ruhig.
Früher hätten die Eceni das Ende des Herbstes und die Geburt des neuen Winters mit einem geschlachteten Schafsbock und Malzgetränken begangen sowie mit Spielen auf dem zugefrorenen Fluss für jene Jugendlichen, für die sich der Zeitpunkt ihrer drei langen Nächte in der Einsamkeit näherte. Anschließend hätte im Großen Versammlungshaus eine Zeremonie stattgefunden, bei der sämtliche Träumer und Sänger zugegen gewesen wären, damit auch das nächste Jahr unter dem Schutz der Götter stände.
Tagos’ Siedlung - nun Breacas Siedlung - besaß aber kein großes Rundhaus mehr, in dem man sich noch hätte versammeln können. Und der kleine, neu errichtete Rundbau war, bedingt durch die gegenwärtigen Umstände, bereits zum Winterquartier für jene neunundvierzig Bärinnenkrieger umfunktioniert worden, die Cunomars Ehrengarde bildeten. Doch selbst wenn die Eceni die Riten zur Jahreswende tatsächlich noch auf die althergebrachte Weise hätten begehen wollen, so reichte das Nahrungsangebot doch nur schwerlich aus, um davon auch noch ein Festessen auszurichten. Also versammelten sie sich in Airmids Kate am westlichen Ende der Siedlung. Diese war schließlich ähnlich einem Rundhaus erbaut worden und bot etwa dreißig Menschen Platz, das heißt, sofern diese sich auf den Boden kauerten und sich nicht daran störten, Knie an Knie mit ihren Nachbarn zu sitzen.
Sie bildeten eine Spirale, mit Ardacos am äußeren Ende dicht bei der Tür und Airmid in der Mitte, nahe dem einzigen Feuer, das noch nicht ausgegangen war. Denn mit Fortschreiten der Nacht ließen sie die Flammen ganz bewusst verlöschen. Es schien also, als ob die Dunkelheit von den Rändern aus hereinkröche und das Licht und die Hitze nach und nach in Richtung Kreismitte drückte und abwärts in ein nur noch mattes rotes Glühen am Boden der Feuerkuhle.
Kurz vor Mitternacht warf Airmid eine Hand voll Blätter und Wurzeln auf die glühenden Kohlen und dann noch eine, bis diese schließlich auch das letzte Licht erstickten und der strenge, berauschende Rauch des verbrennenden Wurzel- und Blätterwerks in die Dunkelheit aufstieg und sich nach außen verteilte, bis er selbst die am weitesten außen Sitzenden erreichte und ihnen seinen Schutz entbot gegen die immer näher rückende Nacht. Als die Träumerin dann ihre Stimme erhob, schien diese von oben zu erschallen oder auch von hinter den Sitzenden zu erklingen oder in beiden Ohren zugleich widerzuhallen.
»Das Jahr stirbt. Noch ist es nicht wiedergeboren. In dem Raum, der zwischen dem alten und dem neuen Jahr liegt, existiert keine Zeit, und doch ist es Brigas Zeit, wenn sie die Tore zu dem Land jenseits des Lebens öffnet und die Pfade, die von dort zu uns herüberführen, klar zu erkennen sind. Von allen Nächten ist heute also jene Nacht, in der die, die bereits gegangen sind, ohne Schmerz und ohne Tadel wieder zu uns zurückkehren dürfen, um erneut jenen gegenüberzutreten, die noch im Leben verharren. Begrüßt sie, hört sie an, und dann, wenn das Feuer erneut entzündet wird, erlaubt ihnen, wieder dorthin zurückzukehren, woher sie kamen.«
Ein kollektives Schaudern durchlief die Spirale, von der Mitte bis ganz zum Ende. Die Luft schien sich plötzlich zu verdichten, dehnte sich dann wieder aus, und wo zuvor Wände und ein Gefühl der Sicherheit gewesen waren, schien nun nur noch gähnende Leere zu existieren. Es war, als ob ein jeder der Anwesenden in dichtem Nebel einen Pfad entlanggewandert wäre und sich nun plötzlich unter klarem Himmel auf einer schmalen Brücke wiederfände, die über einen Gebirgspass führte, aber ohne schützendes Geländer. Und rechts und links klaffte ein unergründlich tiefer Abgrund.
Breaca war den Toten schon zu oft begegnet, um sich noch vor ihnen zu fürchten. In dieser Nacht jedoch bestand die Gefahr, dass sie womöglich herausfand, dass auch Caradoc nicht mehr unter den Lebenden weilte, dass er gestorben war, ohne dass sie davon erfahren hatte, dass sie dies erst jetzt entdecken würde, wenn plötzlich sein Schatten vor ihr erschien; wenn dieser die Wandlung beklagte, die in ihrem Herzen vorgegangen war, die Abkehr von der zielstrebigen Suche nach Rache, die sie einst so ganz und gar ausgefüllt hatte. Davor fürchtete sie sich noch immer, mehr, als vor manch anderen Dingen. Trotzdem bemühte sie sich nun - da sich Graine an ihre eine Seite drängte und Cunomar an die andere, dessen Schweißbäche ihr zudem stetig über den Arm rannen -, Airmids streng riechenden Rauch einzuatmen, um die sich nähernden Toten besser erkennen zu können.
Doch die Nacht blieb leer. Keiner ihrer Toten erschien. Weder schritt Caradoc auf sie zu, noch hatte sich irgendeiner der Ahnen von dem Torques um ihren Hals anlocken lassen. Wie ein Tunnel erstreckte sich die Finsternis vor ihr, durchdrungen nur von den flachen, gepresst klingenden Atemzügen jener, denen bereits ihr persönlicher Besuch aus dem Land jenseits des Lebens erschienen war. In diesem Dunkel hörte sie plötzlich jemanden fragen: »Eneit?« Breaca dachte erst, es wäre Lanis gewesen, bis Cunomar neben ihr erschauerte und sie entdeckte, dass er weinte. Sie war froh darum, dass er weinen konnte.
Ansonsten sprach niemand, weder Mensch noch Einst-Mensch, und nach einer Weile flammte das Feuer wieder auf. Auf ein Signal hin, das zwar nicht gehört, wohl aber gefühlt wurde, entsorgte Cunomar die Holzkohlen des letztjährigen Feuers, und Graine, als die Jüngste der Anwesenden, legte den Zunder für das neue Feuer in die steinerne Bodenkuhle. Airmid schlug zwei Feuersteine aneinander, so dass ein Funken aufblitzte, und fachte diesen an, bis die Flammen die abgeschälte Borke fraßen und das getrocknete Gras und die Stränge aus der Wolle eines Mutterschafs sowie ein Büschel Schweifhaare der Zuchtstuten, die eine Opfergabe an Briga darstellten und mit der die Menschen um zahlreiche und komplikationslose Geburten baten.
Frauen, die schwanger waren oder die in dieser Nacht ein Kind empfangen wollten, beugten sich vor und legten drei ihrer eigenen Haare in das Feuer. Die Männer, die sich wünschten, der Vater eines dieser Kinder zu werden, schnitten sich ein Stückchen Nagel vom Daumen jeder Hand ab, die sie anschließend ebenfalls in die Flammen legten, verbunden mit dem Wunsch, dass ihr Samen gesunde Kinder zeugen möge. Und es wurden viele solcher Nagelpaare abgegeben; ein Kind, das in der Nacht zwischen den Jahren empfangen wurde, galt als besonders gesegnet. Geboren in der auf den Hochsommer folgenden Zeit, wenn die Ernte bereits eingebracht wäre, würde es zunächst keinerlei Entbehrungen leiden müssen, zumindest nicht bis zum Winter, wenn alle gleichermaßen darben mussten - oder auch nicht, wenn das kommende Jahr jene Entwicklung nahm, die Breaca für es vorgesehen hatte.
»Wer weiß, am Ende des nächsten Jahres sind wir von Rom und allem, was damit einhergeht, vielleicht schon wieder befreit«, sagte Airmid und sprach damit jedermanns Gedanken aus.
Kurz danach brachen die Versammlungsmitglieder auf. Sie nahmen brennende Fackeln aus Weißdornknütteln mit, die sie zuvor in Schafsfett getaucht hatten, sowie Späne aus Eichenrinde und einige getrocknete Ebereschenblätter, mit denen sie ihre eigenen Feuer entzünden und diese bis zur nächsten Jahreswende nicht mehr verlöschen lassen wollten.
 
Nur Breaca blieb noch zurück. Sie bedeckte das Feuer mit Asche, damit es bis zum nächsten Morgen weiterschwelte, und rief Stone herein, der draußen hatte bleiben müssen aus Sorge, dass die Toten in seiner Gegenwart nicht erscheinen würden.
Dann kehrte Airmid mit den Wasserbehältern zurück, und schließlich trugen sie und Breaca gemeinsam die Ansammlung von Krügen, Bechern und versiegelten Töpfen voller Heilkräuter und Beeren wieder herein, die nach draußen geschafft worden waren, um den Bärinnenkriegern ein wenig mehr Platz zu bieten.
Im Schein des Feuers saßen sie noch eine Weile beisammen. Ein Nachgeschmack des Traumrauchs würzte die Luft. Sparsam legte Airmid einige weitere Blätter in die Glut; Rosmarin, Salbei und scharfe Minze, so dass die Gerüche eine etwas frischere Note annahmen und die Mauern zwischen den Welten wieder ein wenig gefestigter schienen. Sie trug ihre Kette aus versilberten Froschknochen, die bereits älter war als Cunomar, älter als Cygfa, sogar noch älter als die Anwesenheit Roms. Dünne Rauchkräusel schlängelten sich um die Kette und um sie selbst, so dass Airmid ebenso gut wieder ein junges Mädchen hätte sein können, oder auch unendlich alt; eine längst verstorbene Ahnin, die Sorge trug für das Wohlergehen der noch Lebenden.
Airmid goss Wasser sowie eine weitere Zutat in einen Becher und reichte beides über das Feuer hinweg Breaca.
»Caradoc ist nicht zu dir gekommen?«, fragte sie.
»Nein.« Nur Airmid würde es wagen, danach zu fragen, nur ihr konnte Breaca darauf eine ehrliche Antwort geben. »Ich würde gerne glauben, dass ich es bestimmt schon vor der Nacht zwischen den Jahren wüsste, wenn er tot wäre, und doch bin ich mir jedes Jahr aufs Neue nicht wirklich sicher, bis diese Nacht wieder vorüber ist. Dann kann ich den Gedanken für ungefähr ein halbes Jahr wieder vergessen und mache mir das nächste Mal doch wieder Sorgen.« Breaca fütterte Stone mit den Überresten eines geschmorten Hasen und ließ ihn anschließend auch noch das Fett von ihren Fingern lecken. Er lag quer über ihren Füßen, war ihr wie ein fester Anker. »Ist Gwyddhien zu dir gekommen?«, fragte Breaca.
»Ja. Seit ihrem Tod ist sie jedes Jahr gekommen. Aber sie erscheint mir nicht mehr so deutlich wie einst.«
Beides war gleichermaßen schmerzhaft - sowohl die Frage zu stellen, als auch die Antwort zu hören. Beide Frauen beugten sich vor, um je einen Zweig ins Feuer zu legen, so dass sie sich für einen Augenblick sehr nahe kamen. Das Licht wurde ein wenig stärker, die Nacht ein wenig wärmer, und die Toten rückten wieder ein wenig weiter von ihnen fort.
Nach einer Weile sagte Airmid: »Cunomar trägt seinen neuen Armreif mit Würde. Hast du ihn schon gefragt, ob er im Frühjahr nach Camulodunum reisen wird?«
»Ja, und er hat die Verantwortung angenommen.« Breaca trank das gewürzte Wasser, das Airmid ihr gegeben hatte. Es schmeckte nach Blütenblättern und Klette und geschmolzenem Schnee. Breaca ließ den bitteren Geschmack und die Kälte sich in ihrem Mund ausbreiten, dann erklärte sie: »Er ist der Beste für diese Aufgabe, das weiß ich. Er ist der Sohn des Königs, und allein das zählt in den Augen Roms. Er beherrscht die lateinische Sprache recht gut, und er ist auch bereits Kaiser Claudius begegnet, was bedeutet, dass er weiß, in welcher Form die Römer ihre Anliegen vorbringen, und...«
»... und das Risiko ist beträchtlich. Dennoch musst du ihn genau dieses Risiko auf sich nehmen lassen.« Airmid streckte den Fuß aus und berührte Breaca damit seitlich am Knie; eine kleine Geste, in der unendlich viel Trost und Behaglichkeit lagen. »Er ist ebenso sehr dein Sohn wie der Caradocs. Und er hat gelernt, in all die Gaben, die ihr beide ihm mitgegeben habt, hineinzuwachsen, auch wenn es Dinge gibt, die er erst noch beweisen muss; die er sowohl sich selbst als auch dir beweisen muss.«
»Ich weiß. Er selbst hat auch etwas in dieser Art gesagt. Aber er reist und kämpft allein, obwohl er doch gerade nicht allein sein sollte. Denn erst der Träumer, der über ihn wacht, macht den Krieger aus. So hat es uns die Ältere Großmutter gelehrt, und genau diese Lehre haben wir fortan auch gelebt. Cunomar jedoch hat keinen Träumer.«
»Graine würde liebend gern seine Träumerin sein. Und sie ist auch beinahe schon alt genug, um ihre drei langen Nächte in der Einsamkeit zu durchwachen. Die Zeremonie könnte also bereits im Frühjahr abgehalten werden. Danach könnte sie mit ihm reiten.«
»Wohl kaum.« Breaca lachte kurz auf. »Graine hasst jegliche Gewalt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemals freiwillig in eine Schlacht reiten würde. Und überhaupt braucht Cunomar jemand anderen, nicht Graine, in deren Schatten er doch nun schon sein ganzes Leben lang gestanden hat.« Der Klettenabsud drang in Breacas Blut ein, schärfte ihr Sehvermögen, ihr Gehör und ihren Tastsinn. Sie ließ sich gegen die Wand zurücksinken, spürte das Gewebe der Tunika plötzlich wie ein Gitterwerk gegen ihren Rücken drücken, fühlte das Gewicht des Ahnenreifs, der sich wie eine trockene Schlange um ihren Hals schmiegte, nahm den Druck von Airmids Fuß wahr, der nun, da Breaca ein Stück zurückgerutscht war, nicht mehr an ihrem Knie lag, sondern an ihrer Wade.
Sie ließ die Hand auf dem Fußgelenk der Träumerin ruhen und spürte zart den Puls auf der Oberseite des Knöchels pochen. Er war regelmäßig und beschleunigte sich unter ihrer Berührung leicht. Mit nicht vollkommen fester Stimme sagte sie: »Er braucht jemanden, der für ihn das sein kann, was du für mich warst - was du schon immer für mich gewesen bist.«
Nach einer Weile ertönte aus der Dunkelheit heraus Airmids Stimme: »Danke.«
Plötzlich waren sie so schüchtern wie zwei Kinder; so schüchtern, wie sie selbst in ihrer Kindheit nicht miteinander umgegangen waren. Beide schürten sie das Feuer und legten etwas Holz nach, verlagerten die aufgeschichteten Scheite ein bisschen, so dass die Flammen zwar mehr Brennholz fraßen, aber doch weniger hell brannten.
Schließlich, weil sie einfach etwas sagen musste, hob Breaca an: »Cygfa schläft noch immer allein. Außerdem hatte ich gedacht, dass Braint vielleicht getötet worden wäre und dass sie zu Cygfa kommen würde, so wie Eneit zu Cunomar gekommen ist, doch es kam niemand.«
»Cygfa trägt ihre Wunden noch tiefer verborgen als ihr Bruder«, entgegnete Airmid. »Dubornos dagegen lebt seine Qualen ganz offen, und die größte von ihnen rührt daher, dass er Cygfa liebt, sie seine Liebe aber nicht erwidert. Damals in Rom lebten sie eng zusammen, und sie empfindet für ihn genauso, wie sie für Cunomar empfindet. Ich denke, sie will Dubornos einfach nicht noch ärger verletzen und lebt darum weiterhin keusch.«
»Und trotzdem, wenn sie einen anderen liebte, würde sie doch bestimmt eine Lösung finden, um Dubornos keine noch tieferen Schmerzen damit zuzufügen. Das allein dürfte sie also nicht davon abhalten.«
»Ich weiß, aber sie erlaubt es sich einfach nicht zu lieben - wohingegen Cunomar bereits ganz verzweifelt auf der Suche nach der Liebe ist und nur noch nach jemandem Ausschau hält, der zu ihm passt. Cygfa leidet einfach, tief in ihrem Inneren, und sie sucht niemanden, weil sie meint, sie besäße die Stärke, darüber zu stehen.«
»Könntest du sie nicht heilen?«
Airmid verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Nur, wenn sie mich darum bitten würde, aber das wird sie nicht. Während unserer Zeit auf Mona habe ich einmal versucht, mit ihr zu sprechen, als du Jagd auf die Legionssoldaten machtest und Cygfa und ich allein waren. Doch damals lief sie vor mir davon, und seitdem habe ich es nicht wieder versucht. Ihr Schmerz gehört allein ihr. Sie muss ihn auf ihre eigene Art heilen. So, wie auch unser Schmerz nur uns gehört.«
Solch eine triviale Bemerkung, und doch vermochte sie eine ganze Welt zu öffnen. Der Puls unter Breacas Hand blieb gleichmäßig, und der Klettenabsud hatte das Durcheinander des vergangenen Tages aus ihrem Kopf gefegt, vielleicht auch das Chaos des gesamten Jahres oder sogar noch ältere Gedanken. Für eine einzige Nacht - für diese Nacht - musste sie einmal nicht wach liegen und im Geiste bereits die Zukunft entwerfen. Breaca goss ein wenig von dem Schneewasser in ihre hohle Hand und wusch sich damit das Gesicht, dann setzte sie den Becher ab, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht zu dicht an das Feuer zu stellen.
Sie sprach langsam, bahnte sich behutsam einen Weg zwischen den Wortklippen in ihrem Kopf hindurch: »Dass ich die vergangenen Jahre allein geschlafen habe, hatte nichts damit zu tun, dass ich vermeiden wollte, Tagos’ Gefühle zu verletzen. Sondern es war Caradocs wegen.«
»Ich weiß.«
»Und du wiederum hast Gwyddhiens wegen allein geschlafen.«
»Ja.«
In den gesamten drei Jahren, die seit Gwyddhiens Tod vergangen waren, hatten sie noch nie über dieses Thema gesprochen. Breaca schob ein Holzscheit etwas tiefer in das Feuer hinein. Im Schein der neu aufzüngelnden Flammen fragte sie: »Erwartet sie das denn noch immer von dir?«
»Im Gegenteil, sie hat es überhaupt nie von mir erwartet. So wie ich mir sicher bin, dass auch Caradoc dies niemals von dir erwarten würde.«
Airmids Augen schienen absolut schwarz. Forschend glitt ihr Blick über Breacas Gesicht. »Es braucht seine Zeit, den Schmerz des Verlusts zu heilen«, fuhr sie fort, »und dann braucht es seine Zeit, die Erinnerung an den Schmerz zu heilen sowie den Irrglauben, dass die Ehre von uns verlangte, diesen Schmerz auf immer zu bewahren. Und dann braucht es wiederum Zeit, um festzustellen, dass wir die geliebten Menschen unserer Vergangenheit auch weiterhin lieben können, dass etwas Neues - oder etwas Altes, das wieder zusammenfindet - den Wert dieser früheren Liebe keinesfalls herabsetzt. Und obwohl wir wissen, dass all dies für andere zweifellos wahr ist, obwohl wir all diese Entwicklungen in den anderen deutlich erkennen und am liebsten täglich mit ihnen darüber sprechen würden, so ist es doch ungleich schwerer, diese Chance auch in uns selbst zu entdecken.«
Nun waren sie zu weit vorgedrungen, als dass sie einander noch etwas hätten vormachen können. »Meinst du, ich sollte nach Caradoc wieder jemand anderen in mein Bett holen?«, fragte Breaca.
Airmid lachte. »Es wundert mich täglich aufs Neue, dass du das noch nicht längst getan hast.«
»Aber bist du auch froh darüber?«
In diesem Moment spürte Breaca, wie der regelmäßig pochende Puls von Airmid plötzlich ungleichmäßig wurde, wie dieser ihr eine Wahrheit verriet, die sie in Worten formuliert womöglich niemals geglaubt hätte oder nach der sie vielleicht niemals zu fragen gewagt hätte.
Mit zitternder Stimme entgegnete Airmid: »Bis zur heutigen Nacht hätte ich mir eingeredet, dass mich das nicht freute. Jetzt aber bin ich froh darum. Sogar sehr froh.« Sie griff mit einer Hand über das Feuer hinweg.
Das Atmen wurde plötzlich schwer, beide konnten für einen Moment keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur das Feuer war noch zwischen ihnen, und plötzlich auch das nicht mehr, und die Becher - zuvor noch so sorgsam abgesetzt - ergossen ihren Inhalt über die auf dem Boden liegenden Binsenmatten. Doch keine von beiden kümmerte dies noch, denn sie waren nicht mehr länger angekleidet, und das kühle Wasser auf der einen Seite wirkte wie ein Gegengewicht zu der Hitze der auf der anderen Seite lodernden Flammen. Und zwischen all dem existierte nur noch das endlose Mysterium und das Wunder gegenseitiger zärtlicher Berührung, von Haut, die auf Haut traf, von Händen, die einander umschlangen, von Hüften und Brüsten, Lippen, Zähnen und Haar, und alles Leben schien allein mehr in dem Blick der jeweils anderen zu liegen.
Breaca hatte ganz vergessen, wie es sein konnte, und konnte nun, da sie sich wieder erinnerte, plötzlich nicht begreifen, wie sie dies jemals hatte vergessen können, ganz so, als ob der Verdurstende je das Wasser vergäße oder der Verhungernde das angerichtete Festmahl. Ihre Finger zeichneten Konturen nach, die ihr Gedächtnis längst verworfen hatte, brachten sie wieder ans Licht, erneuerten sie, gemeinsam mit dem Geschmack und der Berührung und der Schwere eines anderen Körpers, der erst auf dem ihren lag und dann unter ihr, zusammen mit der honigsüßen und zugleich salzigen Glätte, die sie beide nun aneinander band.
 
Die ganze zwischen den Jahren liegende Nacht über blieben sie wach, entdeckten wieder von neuem, was alt war, erfanden Neues hinzu und begrüßten den Morgen schläfrig und umeinander geschlungen wie junge Hundewelpen, die sich unter einige Schlaffelle gelegt hatten.
Breaca glitt in den Schlaf hinüber, wachte wieder auf und lag schließlich wach da, während sie beobachtete, wie die schmale Rauchfahne von der Feuerstelle aufstieg und sich durch das Loch im Reetdach kräuselte. Dann schloss sie erst das eine Auge, anschließend das andere.
Airmid beugte sich über Breaca und küsste sie. »Guten Morgen. Möge das neue Jahr fruchtbar in dir keimen.«
Breaca lächelte unter dem Kuss. »Und in dir.« Alle Liebenden sagten dies am ersten Morgen des neuen Jahres zueinander. Die Tradition verlangte es so.
Mit gespreizten Fingern legte Airmid die Hand über Breacas Bauch. Dann neigte sie den Kopf, als ob sie auf etwas horchte. »Etwas hat sich während der Nacht in dir eingenistet, und da es kein Kind sein kann, muss es ein Traum sein. Darfst du diesen Traum verraten?«
»Mit Leichtigkeit, aber ich bin mir nicht sicher, ob du mir da in irgendeiner Weise behilflich sein kannst.« Breaca ergriff Airmids Hand, küsste deren Fingerspitzen, anschließend die Fingerknöchel und dann die weiche Stelle in der Mitte der Handinnenfläche, wo ihre Zunge verharrte, um die Linien nachzuziehen, welche die Götter in Airmids Hand gezeichnet hatten. »Außer du verwandelst dich plötzlich in einen Eisensucher, zeigst mir, wo es in den Ländern der Eceni Roheisenvorkommen gibt, lernst zudem das Handwerk eines Schmieds, hilfst mir dabei, das Eisen zu Schwertern und Speeren für ein Kriegsheer zu schmieden, und findest dann noch heraus, wie du die Legionen vom Versammlungshaus fern hältst, während wir...«
»Breaca, hör auf! Denk nicht daran. Denk wenigstens heute, wenigstens diesen einen Morgen, diesen einen Augenblick einmal nicht daran!« Fest umschlang Airmid Breacas Hand, verschränkte ihre Finger mit deren Fingern und hielt ihre Gefährtin an sich gedrückt. »Du stehst nicht allein da. Du musst die Kriege nicht allein führen, musst die Krieger nicht allein bewaffnen und musst auch die Planung nicht allein aufstellen. Das weißt du. Cunomar wird nach Camulodunum reisen, und er wird seine Sache gut machen. Außerdem besitzen wir Wege und Möglichkeiten, um Eisen und einen Schmied ausfindig zu machen, und ich helfe dir dabei. Aber für den Augenblick haben wir erst einmal dies, ein Geschenk der Götter. Und das dürfen wir nicht verschwenden.« Airmid küsste Breacas Stirn, ihre Schläfen, ihre Augenlider - langsam und Schwindel erregend zärtlich und mit einem anderen Hunger als dem der Nacht.
Der letzte Kuss landete sorgsam platziert in der kleinen Grube an Breacas Hals, wo zwischen den beiden Enden des Torques noch ein wenig Platz blieb. »Ganz gleich, was passiert, ich werde dich immer lieben. Können wir das für heute, für diesen einen Augenblick, genug sein lassen?«
Die Seherin der Kelten
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