IXX

DEM ANDENKEN AN QUINTUS VERANIUS GEWEIHT,
VIERTER GOUVERNEUR VON BRITANNIEN,
ERSTER GOUVERNEUR VON LYKIEN UND
PAMPHYLIEN …
 
Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem er einem jungen Krieger der Eceni einen mit einer silbernen Spitze bewehrten Reiher-Speer ins Herz gestoßen hatte, wurde ein Denkmal für den inzwischen verstorbenen Gouverneur von Britannien enthüllt, und dieses Denkmal war gleich draußen vor der Siedlung seines Freundes und loyalen Verbündeten, Prasutagos, König der Eceni, postiert worden.
Wie sein Pendant, das in die Wand des Theaters in Camulodunum eingelassen war, so bestand auch dieses Ehrenmal aus grauem, fast schon ins Silberne spielendem Marmor und war so glänzend poliert, dass man sich darin spiegeln konnte. Anders als sein Gegenstück stand dieses hier jedoch für sich allein, und zwar auf einer Seite des Karrenpfades, genau an der Stelle, wo der Pfad die Siedlung verließ. Von der Größe eines ausgewachsenen Mannes und halb so breit, war der Gedenkstein von dem iberischen Steinmetz, der ihn gefertigt und geliefert hatte, so platziert worden, dass die aufgehende Sonne klar umrissene Schatten über ihn und auf den Fahrweg werfen konnte. Mit kantigen, scharf hervortretenden Lettern war die Lebensgeschichte des Quintus Veranius in die Oberfläche der Tafel eingemeißelt.
... SPEKTAKULÄRER SIEG ÜBER DIE BERGSTÄMME
LÄSST AUS CHAOS UND ZERSTÖRUNG
FRIEDEN ERWACHSEN.
AUGUR UND KONSUL IM JAHRE …
Dichter Nebel wogte über den Stein hinweg und daran vorbei, so schwer wie Wasser. Die Enthüllungszeremonie war um einen Tag verschoben worden, in der Hoffnung, dass das Wetter in der Zwischenzeit vielleicht ein wenig heiterer werden würde. Stattdessen hatten die Götter die Luft aber nur noch trüber gemacht und Schwaden von wirbelndem Nebel geschickt, die alles einhüllten und verbargen, so dass Breaca, die schräg vor dem Monument stand, beinahe in einer Welt für sich eingeschlossen war, einer Welt, die sie lediglich mit dem auf ihrer Linken stehenden Arzt Theophilus teilte und auf ihrer Rechten mit Decianus Catus, dem schmächtigen, gelangweilten, arroganten und überaus gefährlichen Prokurator und Oberverwalter der kaiserlichen Einkünfte.
Die beiden waren das Beste und das Übelste, was Rom aufzubieten hatte. Theophilus hatte den Frühling und Frühsommer im Anschluss an die Speerwurf-Entscheidung damit zugebracht, sich um den im Sterben liegenden Gouverneur zu kümmern, hatte dann gegen Ende des Sommers aber endlich die Zeit und die Möglichkeit gehabt, Breacas Angebot anzunehmen, und daraufhin fast drei Monate in den Ländern der Eceni verbracht, wo er und Airmid Fachkenntnisse auf dem Gebiet der Heilkunst ausgetauscht hatten. Noch ein weiteres halbes Jahr und Airmid hätte Theophilus zum Träumer ernennen können, und es hätte niemanden gegeben, der Theophilus als dieses Titels nicht würdig bezeichnet hätte.
Der Prokurator dagegen war gefährlicher Abschaum: ein Schmarotzer und Blutsauger an den Lebensadern der Stämme. Wenn du den Osten nicht wachrüttelst und zum Kämpfen bewegst, so hatte der Geist eines Toten Breaca verkündet, dann wird Rom dein Volk bis zum letzten Tropfen Blut auspressen. Daraufhin hatte Breaca den vergangenen Winter damit verbracht, Speerspitzen und Messerklingen anzufertigen; den Sommer davor war sie damit beschäftigt gewesen, in aller Stille und Sorgfalt nach jenen Kriegern zu suchen, denen sie ihr Leben und ihre Pläne für einen zukünftigen Krieg anvertrauen könnte. Eine Armee hatte sie allerdings noch nicht aufgestellt. Und solange es daran fehlte, würde der Prokurator weiterhin sein Bestes geben, um die Eceni und sämtliche östlichen Stämme bis zum letzten Blutstropfen zu schröpfen.
Und mehr noch: In der fortwährenden Abwesenheit des Gouverneurs und Kommandanten über die Streitkräfte im Westen war der Prokurator zudem auch noch der mächtigste der Diener des Kaisers in der Provinz Britannien. Bis Breaca eine genügend große Anzahl von Kriegern aufgestellt hatte, um den Legionen entgegentreten zu können, konnte sie also erst einmal nichts anderes tun, als dem Prokurator Gastrechte anzubieten und Tagos Steuerermäßigungen solcher Art aushandeln zu lassen, wie man sie einem Mann, der alles taxierte und auf alles minutiös veranschlagte Abgaben in Gold erhob, nur irgend abringen konnte.
Und Tagos hatte wahrlich sein Bestes gegeben. Hinten im Nebel warteten die achtzig Söldnerveteranen aus dem persönlichen Gefolge des Prokurators. Sie bewachten jetzt dessen Lastkarren, auf denen sich, fest verschnürt und doppelt mit Wachs und geschmolzenem Blei versiegelt, die Beutel mit Goldmünzen befanden, die Tagos aus seinen Geldtruhen genommen hatte und die dazu bestimmt waren, die Schatzkammer des Kaisers zu füllen - abzüglich einer angemessenen Provision für den Prokurator.
Die Wagen enthielten weder die beträchtliche Menge an Fellen und Häuten, die eigentlich gefordert worden war, noch hatte der Prokurator bei seiner Steuerveranschlagung den Wert der drei Zuchthengste auf den in Nebel gehüllten Koppeln hinter dem Gehöft mit einkalkuliert oder die der Herden von Zuchtstuten, die zu jedem der Hengste gehörten. Er war auch nicht bis zu Breacas Schmiedewerkstatt vorgedrungen oder zu dem neu erbauten Schuppen dahinter, der ein Roheisenlager beherbergte und außerdem die Bündel von Speerspitzen und Messerklingen, die sie im Laufe des Winters geschmiedet hatte.
Für diese Dinge und für die Atempause, die sie ihnen verschafften, war Breaca von Herzen dankbar.
Immer noch dichter senkte sich der Nebel auf sie herab. Schwarz unterlegte, in Stein gemeißelte Buchstaben hoben sich von der Oberfläche der Marmortafel ab und schlängelten sich in den Tag hinaus.
... SENATOR UND HOCH GESCHÄTZTER RATGEBER
DES KAISERS CLAUDIUS.
MÖGE ER FÜR IMMER IM SCHOSSE
DER GÖTTER RUHEN …
Falls der Gouverneur nun tatsächlich im Schoße der Götter ruhte, so hatten sie sich allerdings reichlich Zeit damit gelassen, ihn zu sich zu holen. Sein Ende hatte sich nämlich über volle vier Monate hingezogen und war in jeder Beziehung genauso qualvoll gewesen wie der Tod Scapulas, des Gouverneurs, der damals auf Airmids Bitte hin von der Träumerin der Ahnen niedergestreckt worden war.
Der Anfang war heimtückisch schleichend gewesen. Mit dem letzten Tag des alten Mondes nach Eneits Tod hatte Breaca begonnen Nacht für Nacht wach zu liegen und darauf zu horchen, wie die Winde der Götter gen Süden nach Camulodunum brausten, um sich dort von demjenigen, der die Probe der Ahnen nicht bestanden hatte, zu nehmen, was ihnen zustand. Doch sie nahmen nicht Breacas Seele, und es war auch nicht ihr Körper, den sie mit Schmerzen marterten - sondern der des Gouverneurs -, und diese Tatsache bestätigte Breaca in ihrer Überzeugung, dass es ihr Speer gewesen war, der Eneit getötet hatte, und nicht der des römischen Generals.
Somit war die eine ihrer beiden drängenden Fragen zumindest schon mal beantwortet - wer von uns hat Eneit getötet? Breacas zweite Frage - wo ist Cunomar? - dagegen wurde erst später beantwortet, gegen Mitte des Sommers. Während es mit dem Gouverneur allmählich zu Ende ging, war Ardacos von einem Jagdausflug zurückgekehrt mit der Nachricht, dass man einen weizenblonden Jüngling vom Stamm der Eceni in Richtung Norden zu den Bergen der Kaledonier hatte reisen sehen.
Kurze Zeit später hatte Cunomar damit begonnen, persönlich in Breacas Träumen herumzugeistern. In diesen Träumen sah sie ihn nackt durch unberührte Wälder pirschen, von Kopf bis Fuß mit den mit weißem Kalk und Färberwaid aufgemalten spiralförmigen Zeichen der Bärinnenkrieger bedeckt.
Ihr Sohn schien größer und breitschultriger, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Er trug einen Speer, der identisch mit demjenigen war, den sie gegen Eneit geschleudert hatte, außer dass die am Heft befestigten Federn nicht von einem Reiher, sondern von einem Kormoran stammten, und dass die Klinge nicht aus Silber war, sondern aus Eisen, verziert mit eingeritzten Zeichen, die Breaca noch nie gesehen hatte.
Es war ein guter Speer, der perfekt für seinen Arm ausbalanciert war, und allmählich lernte Cunomar sogar, seine Seele mit der des Speers in Einklang zu bringen. In ihrem Traum sah Breaca ihn einem verletzten Bären folgen, der bereits zwei anderen Jägern, die sich an ihn anzupirschen versucht hatten, die Gliedmaßen vom Leib gerissen hatte. Als Cunomar ihn dann in der zweiten Nacht schließlich tötete, schnitt er dem Bären das Herz aus der Brust, hielt es mit beiden Händen hoch und sprach dabei direkt an Breaca gewandt, und zwar mit einem Ernst und einer Eindringlichkeit, die es lebenswichtig machten, das, was er sagte, auch wirklich zu hören.
Und doch konnte Breaca nicht verstehen, was ihr Sohn ihr sagte. Drei Nächte nacheinander kehrte sie in ihrem Traum an denselben Ort und in dieselbe Zeit zurück und beobachtete die Tötung desselben Tieres. Dreimal hielt die Traumgestalt ihres Sohnes das noch immer klopfende Herz des erlegten Bären hoch und sprach zu ihr, und dreimal strengte sie ihre sämtlichen Sinne bis zum Äußersten an und vermochte doch noch immer nicht die Botschaft zu hören, die mitzuteilen ihm offenbar so ungeheuer wichtig war.
Cunomar wiederum konnte seine Mutter nicht hören. Es war keine Zeit mehr für Worte gewesen, als er aus dem Theater gerannt war, keine Chance mehr, sich miteinander auszusprechen und alles, was zwischen ihnen nicht stimmte, wieder in Ordnung zu bringen. Wo immer Cunomar nun auch lebte - oder starb -, es war von großer Wichtigkeit, dass er wusste, dass Breaca Eneit sauber getötet hatte, dass der Speer des Gouverneurs in einen bereits toten Körper eingedrungen war, dass Eneit mit dem Mut und der Furchtlosigkeit eines Kriegers gestorben war, dass er Cunomar als allerletztes Geschenk seine Zuneigung und seinen Namen geschickt hatte.
Nacht für Nacht kämpfte Breaca darum, alles das laut in ihrem Traum auszusprechen, damit Cunomar sie hören konnte und von seinem verzehrenden Hass geheilt würde, aber das Seelenlied des Speers erklang aus ihrem Mund, und sie war einfach nicht dazu im Stande, den Worten eine Bedeutung zu verleihen. Nacht für Nacht blickte der Junge im Traum geradewegs durch seine Mutter hindurch in eine dahinter liegende Welt - und wenn Breaca aufwachte, geschah dies jedes Mal mit der bedrückenden Erinnerung an jenen Blick und an den Abgrund der Verzweiflung, der sich darin aufgetan hatte.
Gegen Ende des Sommers veränderten die Träume ihre Gestalt, und Cunomar tauchte nicht mehr darin auf. Die Welt hatte sich verändert, und andere Menschenleben spielten nun eine größere Rolle als ein Jüngling, der seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen suchte. Der Gouverneur starb, als der Mond von alt zu neu wechselte - vier Monate nach der Speerwurf-Entscheidung und drei Monate nach dem Ausbruch seiner Krankheit. Er hatte gewusst, was auf ihn zukommen würde, und hatte entsprechende Vorkehrungen dafür getroffen. Trotzdem hatten der Kaiser und sein Senat in Rom es nicht als dringend erachtet, einen neuen Gouverneur in die nördlichste ihrer Provinzen zu entsenden. Wieder einmal waren die Legionen von Britannien also führerlos zurückgelassen worden, und die Krieger der westlichen Stämme hatten sich diesen Umstand zu Nutze gemacht und eine Serie von Großangriffen auf die Grenzfestungen unternommen.
Zahlreiche Berichte über brutal abgeschlachtete Legionssoldaten waren bis in den Osten durchgesickert, und die in der Gegend von Camulodunum stationierten Kohorten wurden allmählich nervös und fingen an, die Landstraßen und Wege mit einer Inbrunst und Gründlichkeit zu patrouillieren, die selbst den alltäglichen Handel erschwerten. Folglich hatte Breaca die in den Hochsommer mündenden Monate damit verbracht, nach Wegen und Möglichkeiten zu suchen, wie ihre Leute sich um die Felder kümmern konnten, ohne dass jeder Erwachsene gleich unter Androhung von Gewalt abgeführt wurde, nur weil er eine Hacke in der Hand hielt, und jedes Kind geschlagen, bloß weil es einen Stein vom Rand einer Koppel aufgehoben hatte.
Die Träumerin der Ahnen hatte dafür gesorgt, dass Breaca in ihren Träumen Bilder von halb verhungerten und versklavten Kindern verfolgten, und Breaca war auf eine widersprüchliche Art froh darüber gewesen, als im Spätherbst der neue Gouverneur eingetroffen war, um wenigstens einen Anschein von Ordnung wiederherzustellen.
Suetonius Paulinus, fünfter Gouverneur von Britannien, brachte neue Soldaten und neue Offiziere mit, und die Legionen hatten eine Art von Friedenszustand durchgesetzt, so dass es möglich gewesen war, die Ernte ohne Blutvergießen einzubringen und die herbstlichen Viehmärkte abzuhalten, ohne dass der Quartiermeister der Garnison zu Camulodunum die besten Ochsen bereits vorweg schon für seine Männer beschlagnahmte.
Zusammen mit dem Gouverneur war auch Decianus Catus gekommen, der Oberverwalter der kaiserlichen Einkünfte und Steuereintreiber des Kaisers, und später dann, im Frühjahr, der iberische Steinmetz mit seinen Marmorplatten. So wurde der alte Gouverneur zu einer in Stein verewigten, in der Erde platzierten und von wirbelndem Nebel umhüllten Figur der Geschichte.
Es war ein würdiges Denkmal, von der ersten bis zur letzten Zeile. Breaca las die Inschrift zunächst ohne sonderlich großes Interesse, hielt dann jedoch abrupt inne und las die letzte Zeile noch einmal.
DER ERSTE NICHT-STAMMESANGEHÖRIGE,
DER SICH DER SPEERWURFÜBUNG DER KALEDONIER
UNTERZOG.
MIT MEINER EIGENEN HAND WARF ICH IHN
ZIELGENAU.
»Er wusste Bescheid.«
Tagos wanderte unentwegt neben der Bratgrube auf und ab, die den Ochsen enthielt, der zu früh geschlachtet worden war; hauptsächlich deshalb, um den Prokurator und seine Söldner zu bewirten. Der Prokurator war inzwischen wieder abgezogen, mitsamt seiner Wagenladung Gold und einem Geschenk in Form von Wein, überreicht vom König der Eceni.
Breaca beobachtete den dunkler werdenden Fleck in der Ferne, welcher der davonrollende Goldtransport war, und wusste, dass der von den Göttern gesandte Nebel sich aufzulösen begann. Sie war jetzt nur noch von Eceni umgeben und von Theophilus, der jedoch mittlerweile zu ihren Freunden zählte, sowie von Tagos, der nervös und angespannt war und sich auch nicht die Mühe machte, dies zu verbergen.
»›Mit meiner eigenen Hand warf ich ihn zielgenau.‹« Tagos war derweil am Ende der Feuergrube angelangt und machte abrupt wieder kehrt. »Diese Zeile stand aber nicht auf dem Gedenkstein in Camulodunum. Die hat der alte Gouverneur für uns geschrieben. Er wusste, warum er starb, und er will, dass alle Welt dieses Wissen mit ihm teilt. Falls er den Kaiser von dieser Sache in Kenntnis gesetzt hat, dann wird sein Nachfolger uns schon sehr bald in Sichtweite seines Denkmals kreuzigen, damit auch wir wissen werden, warum wir sterben.«
Breaca setzte sich auf einen Holzblock am Rande der Feuergrube. »Natürlich wusste er Bescheid. Daran hat es überhaupt nie einen Zweifel gegeben. Er schickte damals sogar eine Nachricht an Airmid, in der er sie bat, ihm zu helfen, glatt und schnell zu sterben, wenn es mit ihm zu Ende ginge.«
Diese Bitte war in dem Brief enthalten gewesen, der zusammen mit dem letzten Schreiben des alten Gouverneurs an Tagos geschickt worden war, adressiert an Breaca von den Eceni und versiegelt mit dem geprägten Elefanten-Symbol von Britannien, das niemand außer dem Adressaten öffnen durfte, wenn er sich nicht eines Kapitalverbrechens schuldig machen wollte.
Tagos hatte damals natürlich herauszufinden versucht, was in dem Brief stand; es war ihm jedoch nicht gelungen. Jetzt starrte er Breaca mit unverhohlener Überraschung an. »Und hat sie seine Bitte erfüllt? Hat Airmid einem römischen Gouverneur das Sterben erleichtert?«
»Ja. Theophilus ist eingeweiht.«
Der Arzt nickte. Kurze Zeit nach der offiziellen Enthüllungszeremonie hatte er seinen guten Umhang gegen einen dickeren und älteren ausgetauscht, der vielfach geflickt war und nach Birkenrauch und Schweinefett roch. In der einen Hand hielt Theophilus einen Krug mit Ale, während er seine andere Hand in dem von der Feuergrube aufsteigenden Rauch wärmte.
Als sein Name fiel, hob er seinen Alekrug zum Gruß. »Er ist in der Tat eingeweiht, und er ist dankbar dafür. Xenophon, der Claudius’ Leibarzt war, kannte sich mit diesen Dingen aus, aber er hatte seine Kenntnisse und Erfahrungen leider nicht an mich weitergegeben.«
Tagos hustete. An seiner Wange zuckte ein Muskel. »Ich verstehe.«
»Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob Ihr wirklich versteht.« Theophilus kam herbei, um sich auf den Holzblock zu setzen, den Breaca gebracht hatte. »Diese Inschrift war nicht nur eine Warnung an Euch. Der Gouverneur war ernsthaft stolz auf seinen Speerwurf. Und er war bis zu seinem letzten Atemzug fest davon überzeugt, dass es sein Speer war, der Eneit getötet hatte, und nicht etwa der Eure, und dass die Götter ihn um seines Erfolges willen bestraften, nicht wegen Versagens.«
»Die Götter bestrafen niemanden«, widersprach Breaca. »Es sind die Menschen, die das tun. Die Götter nehmen sich nur, was ihnen zusteht und was ihnen freimütig als eine persönliche Spende dargebracht wurde. Ich habe wirklich mehrfach versucht, ihm das begreiflich zu machen.«
»Ich weiß. Und er glaubte, Ihr tätet Euer Bestes, um ihn zu warnen, und dass Ihr den Speer allein deshalb so gut geworfen hättet, wie Ihr nur konntet - was auch genau der Grund ist, weshalb Ihr gegenwärtig noch nicht an einem Kreuz mit Blick auf eine übermäßig polierte Masse von Marmor hängt, um langsam und qualvoll Euer Leben auszuhauchen. Er konnte seinem Nachfolger nicht befehlen, Euch in Ruhe zu lassen, aber er konnte Euch ehren und damit deutlich zum Ausdruck bringen, dass er Euch nicht für seinen Tod verantwortlich machte. Und genau das hat er getan.«
Mittlerweile hatte sich der Nebel fast völlig aufgelöst. Breaca konnte nun das komplette Rund der Palisade sehen und die kleinen, gedrungenen Häuser, die auf dem umzäunten Gebiet standen. Nebeltröpfchen rannen gleich Schweißtropfen an den eichenen Torpfosten hinunter, und aus dem Tor stürmte jetzt eine Schar von Kindern heraus, angelockt von dem köstlichen Aroma brutzelnden Fleisches. Graine war da und noch ein halbes Dutzend andere Jungen und Mädchen ihres Alters, die ihr folgten, als ob Breacas Tochter bereits ihre Anführerin wäre.
Die Kinder waren sicher; sie waren weder dem Hungertod nahe, noch hatte man sie zu Sklaven gemacht. Tagos’ Befürchtungen hatten sich nach wie vor nicht bewahrheitet. Der Lastkarren des Prokurators und die Zenturie von ehemaligen Legionären, die er für die Bewachung der kostbaren Fracht bezahlte, waren inzwischen nicht mehr zu sehen, und vor Ablauf eines halben Jahres würden sie auch nicht wieder zurückkommen. Doch weder sie noch die Inschrift auf der marmornen Gedenktafel waren eine hinreichende Erklärung für den kleinen Knoten der Übelkeit, der sich in Breacas Magen eingenistet hatte - oder für den plötzlichen Schmerz entlang der alten Narbe in ihrer Handfläche, mit dem die Götter sie vor einer Gefahr zu warnen suchten.
Breaca griff nach einem dicken Stock und schlug damit die Tonkruste über der Bratgrube entzwei. Die Luft wurde feucht von dem würzigen Duft gebratenen Fleisches. Breaca zog ihr Messer aus dem Gürtel, um ein Stück von dem Ochsenbraten abzuschneiden, und sagte dabei zu Theophilus: »Was hat es denn nun eigentlich mit dem Tod des letzten Gouverneurs auf sich? Es muss doch irgendetwas an der Sache dran sein, von dem wir zwar nichts auf seinem Gedenkstein gelesen haben, das Euch aber in diesem kalten Frühling nach Norden führt, um bei seiner Enthüllung dabei zu sein.«
»Wusstet Ihr, dass er sich konsequent weigerte, den Sklavenhändlern Handelsrechte einzuräumen?«
Breaca starrte Theophilus durch die von dem Feuer aufsteigende flimmernde Hitze hindurch an. Der harte Knoten in ihrem Magen schwoll abrupt zu Faustgröße an. Am helllichten Tag hörte sie plötzlich wieder die Stimme der Träumerin der Ahnen erschallen: Soll ich dir zeigen, Kriegerin, wie es ist für ein Volk, geschröpft und ausgebeutet zu werden, bis ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zum Leben bleibt?
Graine war nur einen Speerwurf weit entfernt. Noch weinte sie keine Tränen aus Gold.
Breaca bückte sich und schnitt ein langes Stück Muskelfleisch vom Oberschenkel des gebratenen Ochsen ab. Das Fleisch zerfiel in ihrer Hand, fettig und mürbe. »Kein Mann von Ehre und Gewissen würde Sklavenhändlern Handelsrechte zugestehen«, erwiderte sie und fügte dann, weil es laut ausgesprochen werden musste, noch hinzu: »Sollen wir das etwa so verstehen, dass der neue Gouverneur kein Mann von Ehre und Gewissen ist?«
Theophilus beugte sich zur Hitze des Feuers vor. »Suetonius Paulinus ist ein General«, erklärte er. »Er hat bereits zahllose Armeen in die wildesten Teile des Kaiserreichs geführt. Der Befehl, den er von Rom erhalten hat, lautet, die Stämme des westlichen Britanniens zu unterjochen oder bei dem Versuch zu sterben. Könnten wir unter dem Druck eines solchen Befehls wohl noch wie Menschen von Ehre und Gewissen handeln? Oh, danke! Ich dachte schon, Ihr wolltet erst die Hunde versorgen, ehe Ihr mich bewirtet.«
»Die kommen gleich dran.« Gedankenverloren warf Breaca Stone, der ihr am nächsten war, ein Stück Bratenkruste hin und schnitt dann etliche weitere Brocken Fleisch für die graue Hündin und ihre Welpen ab, die in ein paar Schritten Entfernung warteten. »Wir sollten ganz offen miteinander sein«, fuhr sie fort. »Wollt Ihr damit sagen, dass der neue Gouverneur den Sklavenhändlern Handelsrechte zugestanden hat?«
»Ja«, antwortete Theophilus, »obgleich die tatsächliche Entscheidung über die Handhabung dieser Dinge beim Prokurator liegen wird, diesem elenden Blutsauger, der gerade mit einer Wagenladung Eures Goldes Richtung Süden abgezogen ist. Falls dieser Mann also überhaupt so etwas wie Mitgefühl besitzen sollte, dann ist es auf jeden Fall gut versteckt. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich alles Notwendige tun, um meine Kinder zu schützen.«
Er sagte dies zu Breaca, doch seine Augen - und auch die ihren - ruhten dabei auf dem König der Eceni, der ebenfalls Theophilus’ Neuigkeit vernommen hatte und nicht im Geringsten überrascht schien.
Tagos wurde verdächtig rot und machte ein großes Getue darum, den Torques, den er um den Hals trug, zurechtzurücken und die Kriegerfeder so zu arrangieren, dass sie flach auf seinem Schlüsselbein lag. »Graine wird nichts passieren«, sagte er schließlich. »Er hat es versprochen. Der alte Gouverneur sagte damals, sie sollte nach Rom geschickt werden, um in den Sitten und Gepflogenheiten des kaiserlichen Hofes unterwiesen zu werden, wie es sich für das Kind eines Königs geziemt. Ich habe gesagt, dass die Eceni das nicht erlauben würden, dass Graine dafür aber hier unterrichtet wird. Der Prokurator hat geschworen, dass niemand sie anrühren wird.«
»Der Prokurator hat geschworen
Der Morgen schien plötzlich dünn und zerbrechlich, wie eine Eisschicht auf einer Pfütze. Sehr ruhig und beherrscht sagte Breaca: »Wenn du mir jetzt sagst, dass du dich mit diesem widerlichen Halsabschneider oder mit dem Gouverneur oder mit sonst irgendjemandem auf eine Sklavenquote aus Eceni-Ländern geeinigt hast, dann bringe ich dich um.«
Tagos schluckte trocken. »Ich habe in keinerlei Quote eingewilligt«, erwiderte er. »Davon ist auch überhaupt keine Rede gewesen.«
»Aber sie werden hierher kommen, um Menschenhandel zu treiben, hier, in den Eceni-Gebieten? Sie werden Eceni-Eltern ihre Eceni-Kinder abkaufen? Oder werden sie sich die Kinder einfach mit Gewalt nehmen oder sie kurzerhand verschleppen, wenn sie gerade einmal unbeaufsichtigt sind?«
Soll ich dir zeigen, wie es ist für ein Volk, geschröpft und ausgebeutet zu werden...
»Ich glaube, selbst der Prokurator würde nicht erlauben...«
»Aber natürlich würde er das«, warf Theophilus mit scharfer Stimme ein. »Schließlich hängt das Leben des Prokurators davon ab, dass er Profit aus Britannien herausschlägt, und die Handelsund Gewerbesteuer ist seine größte Einnahmequelle. Sklavenhändler machen mehr Profit als alle anderen Händler zusammengenommen. Die erste Gruppe von ihnen ist bereits mit der Flut bei Vollmond hier angelandet. Sie sind Latiner, Männer aus dem Gebiet um Rom herum, die nicht die uneingeschränkte römische Staatsbürgerschaft besitzen. Sie betrachten sich selbst als Beinahe-Römer und fühlen sich ihrer wahren Rechte beraubt; sie sind darüber verbittert und daher doppelt gefährlich. Acht von ihnen haben zusammen mit einer Gruppe von gallischen Geschirrmachern den Ozean überquert und sind nun auf dem Weg nach Norden, um Euren Frühjahrspferdemarkt zu besuchen. Wenn ich für das Wohl und Wehe der Eceni verantwortlich wäre, würde ich diese Männer scharf im Auge behalten und alle nur irgend notwendigen Schritte unternehmen, um sicherzustellen, dass sie keinen Gewinn aus dem Fleisch und Blut meines Volkes ziehen.«
Die Seherin der Kelten
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