XI

 
Nicht ein einziger Windhauch strich über die Lichtung. Fast unbeweglich hing der Strohsack bis auf jene Höhe hinab, wo das Herz eines Kriegers saß. Dreißig Schritte davon entfernt lag ein Speer, das Endergebnis von Breacas Schmiedearbeit in Kombination mit Graines Vision und ein klein wenig Unterstützung von Airmid. Die Speerspitze hatte die Länge von Tagos’ rechtem Fuß, gemessen vom Fußballen bis zum mittleren Zeh; längere Klingen waren nach römischem Recht nicht erlaubt. Das Speerheft bestand aus heller Esche. Es war so lange poliert worden, bis es einen matten Glanz aufwies und weich in der Hand lag. Das ausgleichende Gegengewicht am Speerende bildete eine Kugel aus knotigem Brombeerholz. Es war eine Waffe, mit der jeder Heranwachsende nur allzu gerne die Kriegerprüfung der drei langen Nächte der Einsamkeit angetreten hätte.
Breaca nahm den Speer vom Waldboden auf. Waagerecht auf ihren beiden Handflächen balancierend hielt sie ihn weit von sich. »Eneit, das hier ist deiner, er ist genau passend für deine Größe gearbeitet worden. Als der Ältere von euch beiden solltest du auch als Erster werfen. Wenn die Träumer euch den Tag für eure langen Nächte der Einsamkeit nennen, dann werdet ihr beide getrennt voneinander ausgeschickt. Die Götter und euer Traum werden euch wieder nach Hause führen. Solltet ihr aber beide zusammen zurückkehren, dann werdet ihr die Speerprüfungen nach eurem Alter geordnet beginnen. Du solltest also darauf vorbereitet sein, noch vor Cunomar anzutreten.«
Geradezu befangen angesichts dieser ersten Begegnung mit seinem neuen Speer, ließ Eneit seine Handfläche über das Holz gleiten. Lanis’ Sohn war in so vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von Cunomar; sein Haar von der Farbe dunkler Eiche wuchs lediglich eine Handbreit hinab, so dass er es sich, selbst wenn das noch erlaubt gewesen wäre, niemals zu den an den Schläfen hängenden Kriegerzöpfen hätte flechten können. Sein breites Gesicht mit dem aufgeschlossenen Ausdruck war bereits von der schwachen Frühlingssonne gebräunt, so dass seine Augen, sein Haar und seine Haut alle von derselben Farbe zu sein schienen und lediglich unterschiedliche Schattierungen angenommen hatten.
Das Einzige, was Eneit in seinem Leben Kummer bereitete, war die Frage nach seiner Abstammung, doch er ertrug diese Sorge wie alles andere auch mit der aus seinem Inneren erwachsenden stillen Kraft. Lanis war eine Frau, mit der man sich besser nicht vorbedachtslos anlegte; und von Anfang an hatte sie ihrem Sohn jegliche Gesten der Auflehnung gegen den Feind untersagt, das galt ganz besonders für seine Bestrebungen, von Cunomar jene Fertigkeiten eines Kriegers zu erlernen, die ihn eines Tages zum Mann machen würden. Doch aus seiner Sicht war dies in erster Linie als die Vorschrift des Feindes zu verstehen und erst in zweiter Linie als die seiner Mutter, so dass Eneit keinerlei Gewissensbisse hatte, sich einfach darüber hinwegzusetzen; seine Zweifel hatten eine ganz andere Ursache.
Noch immer ganz gefangen genommen von seinem Speer sagte er: »Du weißt doch, ich habe noch nie einen Speer oder irgendetwas anderes in dieser Art geworfen.«
Jeder andere Junge hätte sich dieses Mangels an Erfahrung geschämt; Eneit aber sagte einfach nur die Wahrheit und erwartete keineswegs, dafür verurteilt zu werden. »Ich weiß«, entgegnete Breaca. »Wie solltest du auch? Es gab ja keinen Schmied, um die Klingen herzustellen und ihnen ihre Seele einzuhauchen, es gab auch keine Träumer, die das Speerheft hätten formen können, und niemanden, der dich die Fertigkeiten eines Kriegers hätte lehren können. Und dennoch hast du bereits die richtige Einstellung, um einmal ein Krieger zu werden; denk immer daran, dass das eine Prüfung des Herzens ist, nicht der Stärke oder der Geschicklichkeit. Einen Speer ein Stück weit geradeaus werfen kann jeder, darum geht es also nicht. Und jetzt nimm ihn. Ich werde es dir zeigen.«
Die Spitze von Eneits Speer war nicht der gestreckte Keil, den Breaca sonst schmiedete. Stattdessen war er von der Form eines flachen Blattes mit einem gleichmäßigen, von der Spitze bis hinab zum Hals der Klinge verlaufenden Schwung. Das Holz des Heftes war schön gerade gewachsen und glatt und gut ausbalanciert. Airmid hatte über dem Speer ihre Lieder erklingen lassen, und Graine hatte das Muster geschnitzt, das sich wie Salmschuppen bis zur Klinge hinabwand. Kein Lebender konnte diesen Speer in den Händen halten und sich nicht im Innersten davon berührt fühlen.
Eneit, der der Sohn einer Träumerin war, schwang sich sein neues Geschenk auf die Schulter und schnappte dabei unwillkürlich leise nach Luft, ganz so wie jemand, der unerwartet von seiner Liebsten berührt wurde, und damit wusste Breaca: Die Tage der Mühsal in der Schmiede und an der Drehbank waren es wert gewesen.
Schüchtern blickte er zu Breaca hinüber. »Danke.«
Es war leicht nachzuvollziehen, warum Cunomar diesen Jungen so gerne mochte; in Eneits Gegenwart wurde der Morgen plötzlich ein kleines bisschen wärmer.
Breaca lächelte. »Ich habe das wirklich gern gemacht. Nicht jeden berührt die Seele eines Speers gleich beim ersten Zusammentreffen. Aber das ist noch nicht die Prüfung. Du sollst ihn nicht nur spüren, sondern du sollst deinen Verstand zum Schweigen bringen, bis deine Seele gemeinsam mit dem Speer ihr Lied erklingen lässt, als wären sie eins. Und dann musst du ihn loslassen. Weißt du, wie man ihn halten muss, um ihn zu werfen?«
Bereits sein erster Versuch verlief recht gut, und Breaca zeigte ihm, wie man aufrecht stand, ohne dass es sonderlich Kraft kostete. Ganz automatisch hatte Eneit die linke Hand benutzt, so dass er auch seinen linken Fuß vorgeschoben hatte und der rechte Arm locker herabhing. Breaca ließ ihn durch leichtes Wiegen den Mittelpunkt des Speeres herausfinden, jenen Punkt, an dem der Speer, auf Schulterhöhe gehalten, schwerelos zu sein schien und das Endstück und die Spitze auf einer Ebene lagen.
»Gut.« Breaca trat einen Schritt zurück. »Und jetzt werden wir warten. Du brauchst erst einmal Zeit, um den Lärm deiner Gedanken zum Verstummen zu bringen, bis du den Gesang der Seele deines Speers hören kannst. Cunomar und ich werden einen Spaziergang durch den Wald machen, anschließend kommen wir wieder. Und dann werden wir wieder fortgehen, und noch einmal, bis du es schließlich nicht mehr wahrnimmst, ob wir gerade da sind. Ich sage dir, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist und du den Speer werfen sollst. Du zielst auf den Strohsack, aber du darfst nicht versuchen, den Speer nach vorne zu schleudern, sondern lass ihn einfach zum Endpunkt deiner Gedanken werden. Wenn dein Kopf frei ist und deine Seele eins mit der Seele des Speers, wird er wie ganz von allein fliegen und genau sein Ziel treffen. Du musst nichts bewirken. Bring einfach nur die Stimme deiner Gedanken zum Schweigen.«
Eneit grinste sie an. »Nur?« Er war Lanis’ einziger Sohn. Sein ganzes Leben lang beobachtete er seine Mutter bereits dabei, wie diese daran arbeitete, die Stimme ihrer Gedanken zum Schweigen zu bringen.
Breaca klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Das braucht in der Tat einige Übung, aber wir haben sehr viel Zeit. Wenn es heute nicht passiert, dann gibt es schließlich auch noch ein Morgen und ein Übermorgen und ein Überübermorgen. Versuch nicht, irgendetwas zu tun, versuch nicht, irgendetwas richtig zu machen, öffne dich einfach nur dem Lied des Speers.«
Auf Mona, als Kriegerin, hatte Breaca bereits Hunderte auf ihre Speerprüfungen vorbereitet. Sie alle waren trainiert und gut vorbereitet zu ihr gekommen und hatten bereits im Alleingang gejagt, hatten Eber oder Damwild erlegt, ehe sie auch nur das erste Mal an Breaca herangetreten waren. Alle hatten sie die Speerprüfung für die einfachste der Kriegerprüfungen gehalten, und langsam, über die Monate, hatte jeder Einzelne von ihnen erfahren müssen, dass die Speerprüfung die schwierigste von allen war.
Eneit dagegen war noch nie auf der Jagd gewesen und hatte dabei ein Tier erlegt; er wollte es nicht. Und er hatte auch noch nie einen Speer gehalten. Doch Eneit besaß einen wachen Verstand und kannte die vielen Seitenpfade der Ablenkung. Breaca wanderte mit Cunomar nicht sonderlich tief in den Wald hinein und niemals außer Sichtweite. Während träge die Sonne am Himmel emporstieg und der Schatten des Zielsacks kürzer wurde, beobachtete sie, wie die Stille sich auf das Gesicht des älteren der beiden Jungen legte und wie um seine Lippen ein schwaches Lächeln spielte. Er verspannte sich nicht, er prüfte auch nicht die Richtung, aus der der Wind kam, oder plante, in welchem Bogen er den Speer werfen wollte, sondern beobachtete einfach nur das leicht bebende Heft und horchte auf das Lied des Speers.
Breaca musterte ihn voller Bewunderung und mit leichtem Bedauern; hätte man ihr nur einhundert seinesgleichen gegeben, dann wäre der Krieg gegen Rom vielleicht schon gewonnen.
Als sich in Eneits Gesicht keinerlei Regungen mehr abzeichneten und sein linker Arm vollkommen entspannt war, trat Breaca mit einer Speerlänge Abstand hinter ihn und sprach leise: »Wirf!«
Der Speer beschrieb einen Bogen in der windstillen Luft, hob sich einen knappen halben Meter empor und brach wiederum einen knappen halben Meter nach links aus. Der Speer verfehlte den Sack um Armeslänge und schlitterte über den grasbewachsenen Waldboden. Eneits Gesicht verlor den vagen Ausdruck der aus der Konzentration aufsteigenden Verzückung. »Ich habe ihn nicht getroffen!«
»Aber Eneit, das war der beste erste Wurf, den ich je gesehen habe«, widersprach Breaca, »und auf Mona habe ich zehn Jahre lang die Krieger unterrichtet. Jeder kann ein Ziel auf zwanzig Schritt Entfernung treffen. Aber nicht jeder kann eintausend Herzschläge lang einfach nur still stehen, ehe er den Speer wirft, geschweige denn sein Lied mit einer solchen Anmut emporsteigen lassen. Das war wunderschön, wirklich. Wenn wir einen Monat lang jeden Tag genauso konzentriert üben, dann kannst du am Ende einen ganzen Vormittag lang still stehen und triffst auf vierzig Schritt Entfernung.«
Eneits braune Augen weiteten sich, bis sie so groß waren wie Kieselsteine. »Muss ich das auch in der Speerprüfung machen?«
»Wenn wir uns genau an die Riten der Ahnen halten, dann geht der Wurf über fünfzig Schritte, und vom Hals des Speers hängen Krähenfedern, um den Wind einzufangen und damit die Bahn des Speerflugs zu verändern. Die Ältesten lassen dich wohl kaum einen ganzen Morgen lang warten, in der Welt des Kampfes aber könnten die Römer dich mit Leichtigkeit zwingen, so lange auszuharren.«
Breaca sprach ebenso sehr an Eneit gewandt wie an Cunomar. Ihr Sohn hatte die Übung mit immer größer werdender Ungeduld beobachtet, als ob dieses Vorgehen völlig sinnlos und bloß unnötig schwierig wäre. Ein Winter in Eneits Gesellschaft mochte zwar sein Temperament ein wenig gezügelt haben, seine Geduld aber verlor er so rasch wie eh und je, und noch immer lebte und atmete er allein für das Recht, endlich seine langen Nächte in der Einsamkeit erleben zu dürfen und die Speerprüfungen abzulegen, welche Teil dieser Zeremonie waren.
»Wenn du im Hinterhalt wartest und der Feind sich verspätet«, sprach Breaca, »musst du deinen Geist schließlich auch stets klar und bereit halten können, trotz Regen und Insekten, Stürmen und dem nahen oder auch weit entfernten Tod deiner Waffenkameraden - bis der Feind endlich auch dich erreicht. Das ist der Grund, weshalb die Prüfungen genauso angelegt sind, wie sie sind; wir würden nichts von dir verlangen, was nicht auch im Kampf von dir verlangt wird.«
»Vater hatte die Speerprüfungen von drei unterschiedlichen Stämmen bestanden. Musste er bei jeder einen halben Morgen lang warten?«
Cunomar hatte den davongeschleuderten Speer aufgehoben und wieder zurückgebracht. Er stand dicht neben Breaca und Eneit, wog den Speer in den Händen und suchte jene Seele, die Eneit so rasch gefunden hatte.
»Bei der Speerprüfung, genauso wie im Kampf«, erklärte Breaca, »ist jeder Wurf der erste und der letzte zugleich. Was nun deinen Vater von den anderen unterschied, war in erster Linie, dass er überhaupt das Recht verlangte, seine Prüfung gleich bei drei Stämmen ablegen zu dürfen. Denn die meisten von uns sind natürlich schon froh, wenn sie die Prüfung wenigstens einmal bestanden haben.«
»Aber in den Geschichten, die man sich im Winter erzählt, berichtet Dubornos stets, dass du nie aufgefordert worden wärst, die Speerprüfung abzulegen. Ist das wahr?«
»Das ist es. Denn ich hatte vorher schon Feinde getötet, genauso wie Cygfa; von uns wurde also nicht mehr verlangt, die Kriegerprüfung abzulegen.«
In dem Augenblick, in dem die Worte über ihre Lippen kamen, erkannte und bereute Breaca ihren Fehler auch schon. Cunomars Stolz, der von jeher eine sehr zerbrechliche Sache gewesen war, zerschmetterte am Felsen des Triumphes seiner Halbschwester.
Er presste die Lippen zu einer dünnen, verkniffen wirkenden Linie zusammen, die so gar nicht mehr an seinen Vater erinnerte. »Auch ich habe schon getötet«, erwiderte er. »Ardacos führt eine Strichliste darüber, so dass auch ich eines Tages, wenn so etwas nicht mehr ›unstatthaft‹ ist, meine Kriegerfedern tragen kann.« Er spie das Wort aus wie eine persönliche Beleidigung an alle, die zugelassen hatten, dass fortan Rom die Gesetze aufstellte und ihre Einhaltung überwachte.
Doch er war ihr Sohn; war er also arrogant oder unwissend, so war auch sie sicherlich nicht ganz schuldlos daran, dass er diese Entwicklung genommen hatte. In diesem Bewusstsein antwortete Breaca: »Du hast aber noch keinen Menschen mit dem Speer getötet. Und Tötungen mit dem Messer oder mit der Klinge eines Schwertes erkennen die Riten der Ahnen nicht an, um einem an der Schwelle zum Erwachsenen stehenden Jugendlichen die Speerprüfung aus den Kriegerprüfungen zu erlassen.«
Wie alle Krieger der Bärin, so jagte auch Cunomar mit dem Messer; denn zu den Dingen, durch die sich der Mut jener Krieger bewies, gehörte unter anderem, dem Feind stets so nahe zu kommen, dass man ihn mit kurzer Klinge töten konnte. Im Übrigen war das auch der Grund, weshalb der Junge überhaupt so lange überlebt hatte; selbst im wildesten Kampfgetümmel hatte er doch stets noch andere der Bärin verschworene Krieger zur Seite gehabt, die ihn abschirmten - und seine Opfer ablenkten. Hätte er dagegen jemals mit dem Speer gekämpft, Mann gegen Mann, so wäre er dabei längst umgekommen. Aber keine Mutter brachte es über sich, so etwas laut zu sagen, und auch Breaca konnte nur das Schweigen für sich sprechen lassen und warten.
Doch Cunomar hörte nicht auf das Schweigen. Stattdessen sagte er: »Also gut, dann lasst uns doch mal sehen, ob die Ahnen mich für genauso annehmbar halten wie Eneit.« Er nahm den zweiten Speer auf, der genau auf seine Größe und seinen Arm angepasst worden war. Das Heft war aus dunklem Eibenholz, und das Endstück war aus dem Stamm der Zierhaselnuss gefertigt. Über die gesamte Länge der Klinge verliefen die Zeichen der Krieger der Bärin. Sehr behutsam und dabei geradewegs durch seine Mutter hindurchstarrend ging Cunomar von dem Punkt aus, wo Eneit stand, noch zehn Schritte weiter rückwärts.
»Ich habe schon Keiler mit einem Speer getötet«, sagte er. »Das hat Ardacos mir beigebracht. Und da wäre es gegenüber Eneit nicht gerecht, wenn ich aus der gleichen Entfernung werfen würde wie er.«
»Cunomar, es geht doch nicht darum, dass...« Eneit brach unvermittelt ab. Den ganzen Winter über war er bereits das Opfer des Zorns seines Freundes gewesen; Eneit wusste also genauso gut wie jeder andere, wie wenig logische Argumente fruchteten, wenn ihnen der Stolz im Wege stand. Er schürzte flüchtig die Lippen, zuckte mit den Schultern und ergänzte lediglich: »Dann denk an die Wildgänse, die wir gestern beobachtet haben, und die Art, wie sie geflogen sind. Mir hat das geholfen, die Stimme in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen und das Lied der Speerseele zu verstehen.«
Eneit war ungewöhnlich weise für sein Alter, und er empfand tief für Cunomar. Einst, vor langer Zeit und in einem ganz anderen Zusammenhang, hatte die Ältere Großmutter einmal gesagt: »Es ist die Sorge um das Wohlergehen der anderen, die einen Mann ausmacht.« Wenn also irgendjemand diesem Anspruch gerecht werden konnte, dann war es Eneit. Breaca betete sowohl für ihren Sohn als auch für Eneit.
Cunomar hatte bereits die für den Wurf passende Körperhaltung eingenommen sowie jenen Punkt gefunden, an dem sein Speer im Gleichgewicht lag. Mit jeder einzelnen Faser seines angespannten Körpers schien er sagen zu wollen, dass er von seiner Mutter keinerlei Hilfe wünschte. Mit einem Nicken in Richtung von Eneit, dass er ihr folgen solle, marschierte Breaca von der Lichtung und ließ ihren Sohn allein, damit er sich auf die Suche begeben konnte nach der Stille im Herzen seiner Seele.
Als Breaca eintausend Herzschläge später wieder zurückkehrte, hatte Cunomars Anspannung noch kein bisschen nachgelassen. Seine Miene war hart und verkniffen und die feinen Außenlinien seiner Nasenflügel weiß vor lauter Verkrampftheit. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt, als ob die Sonne seinen dahinter verborgenen Geist blendete. Und als Eneit auf ein vertrocknetes Blatt trat und es unter seinem Fuß knisterte, zuckte Cunomar zusammen, als ob eine Wespe ihn gestochen hätte.
Es hätte keinen Sinn gehabt, noch länger zu warten. Genauso wie sie es auch bei Eneit getan hatte, trat Breaca mit einer Speerlänge Abstand hinter Cunomar und sagte: »Wirf!« Doch noch ehe sie das Wort ausgesprochen hatte, wusste sie bereits, dass es zu früh war oder auch zu spät oder dass der richtige Zeitpunkt ohnehin nie gekommen wäre.
Cunomar warf, als ob sein Leben davon abhinge. In einer langen, flachen Bahn sauste der Speer vorwärts und sirrte leise in dem Luftzug seines Fluges wie die Klinge eines Schwertes, wenn man es schnell genug schwang. Die Spitze des Speers reckte sich ein klein wenig empor, so dass von Anfang an klar war, dass der Speer nicht den Strohsack treffen würde, doch er flog geradlinig und schnell und prallte schließlich leicht an der Kordel aus Rohleder ab, von der der Sack gehalten wurde, so dass das eigentliche Ziel sich wirbelnd um seine eigene Achse drehte.
»Ja!« Jubelnd boxte Cunomar in die Luft. »Ich habe nach der Kordel gezielt, wirklich, das habe ich, Mutter. Der Sack war zu einfach, aber die Kordel war von dem Krieger der...«
Er hielt inne. Breaca war die Schmiedin, und wenn ihre Speere starben, so hörte sie deren Sterbelied. Doch noch bevor ihr Sohn sich zu ihr umgewandt hatte, hatte sie sich wieder so weit in der Gewalt, dass ihr Gesicht einen vagen Ausdruck der Anerkennung und der Wärme aufwies.
Eneit dagegen war weniger geübt darin, den Fluss der Emotionen, der unter der Oberfläche seines Wesens verlief, zu verbergen. Cunomar sah Eneit an und erblickte dort, wo doch eigentlich Freude und Anerkennung hätten strahlen sollen, bloß kaum verhohlenes Entsetzen. Auch Cunomar entglitten die Züge.
»Aber, Eneit, das ist doch ganz normal. Ich habe doch schon mehrere Jahre mit dem Speer geübt. Und genauso, wie Mutter dich unterrichtet, kann auch ich dir zusätzlich Unterricht geben. Wenn wir einen Monat lang jeden Tag üben, dann weißt du auch, wie es geht.«
Wie betäubt entgegnete Eneit: »Sie ist entzwei.«
»Ist sie das? Das ist gut. Und ich dachte schon, der Speer hätte die Kordel nur gestreift, als er vorbeiflog. Aber wir können ja auch noch mehr von der Kordel holen. Wenn wir fortan beide trainieren, brauchen wir ohnehin einen zweiten Sack. Heb deinen Speer auf, dann probieren wir es beide noch einmal.«
»Nein, Cunomar. Du kannst es nicht noch einmal versuchen. Deine Speerklinge ist entzwei.«
Eneit war der Sohn einer Träumerin. Und er war in einem Land aufgewachsen, in dem das Träumen verboten war und mit der Kreuzigung bestraft wurde. Dennoch kannte er die Wege, die zu den Träumen und Visionen führten, und auch mit den zentralen Aussagen der Lehren der Ahnen war er bereits so gut vertraut, wie es die meisten Jugendlichen in seinem Alter noch nicht von sich behaupten konnten. »Der Speer ist deine Seele«, erklärte er mit sanfter Stimme. »Wir müssen die Stücke aufsammeln und sie wieder heilen, ansonsten wird auch dein Herz zerbrechen.«
Ein Jahr - ein halbes Jahr - zuvor hätte Cunomar angesichts eines solchen Erlebnisses seinen Schmerz noch in Form von Zorn zum Ausdruck gebracht, hätte seine Schuld in Anschuldigungen umgemünzt, hätten seine Enttäuschung und sein verletzter Stolz sich in beißenden Sarkasmus verwandelt, mit denen er schließlich alle anderen aus seiner Nähe vertrieben hätte.
Breaca beobachtete, wie die ersten Wogen dieses Verhaltens erneut in ihm aufstiegen; er starrte an Eneit vorbei geradewegs zu seiner Mutter, und hart stach der Vorwurf aus seinen Augen hervor. »Cunomar...«
Mehr brauchte sie gar nicht zu sagen. Ihr Sohn hatte bereits von ganz allein den Blick gesenkt. Für einen Moment starrte er stumm und mit gerunzelter Stirn auf den Waldboden hinunter. Als er den Blick wieder hob, trat hinter dem Kind, das das Lied der Speerseele doch nie verstände, zum ersten Mal deutlich der Mann hervor, der es eines Tages durchaus würde hören können. Cunomar hob die beiden Teile der zerbrochenen Klinge auf und hielt sie Breaca hin. »Kann man die wieder zusammenfügen?«, fragte er.
Danke!, sprach Breaca in Gedanken an die Seele ihres Sohnes gewandt, sprach sie zu dem lauschenden Geist der Träumerin der Ahnen, zu Nemain, zu Briga, einfach zu allen, die zusahen und mithörten und die die Bedeutung dessen ermessen konnten, was sich hier gerade ereignet hatte.
Laut erwiderte sie: »Aber natürlich. Ich brauche dazu vielleicht zwei Tage, aber ich kann die Klinge wieder zusammenfügen. Und das nächste Mal mache ich sie etwas stärker, so dass sie selbst einen Fels aufspalten kann.«
Cunomar nickte, noch immer leicht verunsichert. Doch wo Graine und Cygfa sich womöglich in der zerbrochenen Klinge verloren hätten und in der Frage, welche Bedeutung dies wohl für sie haben mochte, war Cunomars Aufmerksamkeit bereits weitergewandert zu dem versprochenen Ziel.
»Und was machen wir, während wir warten?«, fragte er. »Wenn wir zu Mittsommer die Prüfung unserer drei langen Nächte in der Einsamkeit ablegen sollen, dürfen wir jetzt keine Zeit mehr verschwenden.«
Er war ihr Sohn. Und was sie geschaffen hatte, konnte sie nun nicht mehr ändern, sie konnte ihm nur dabei behilflich sein, auf den Grundlagen, die ihm gegeben worden waren, aufzubauen.
Breaca nickte und erwiderte: »Du bist einer der Krieger der Bärin. Du könntest Eneit beibringen, wie man eine Fährte verfolgt. Außerdem könntet ihr mit den hölzernen Schwertern weiterüben. Bleibt aber im Wald und gebt Acht, dass ihr nicht beobachtet werdet. Wenn Lanis euch findet, zieht sie euch das Fell über die Ohren, und sie ist eine bessere Fährtenleserin als die meisten Römer. Solange ihr also außer Reichweite von Lanis bleibt, seid ihr in Sicherheit.«
 
Kreuz und quer über die Lichtung schallte das Krachen von aufeinander prallenden Klingen und schreckte die dösenden Raben auf. Die Wucht des Hiebes wogte durch Cunomars Arm hindurch und betäubte ihn geradezu. Er vernachlässigte seine Deckung und sog durch zusammengebissene Zähne einmal scharf die Luft ein.
»Eneit, wach auf. Du musst deine Klinge höher heben und sie genau diagonal zu der Bahn des gegnerischen Hiebes halten. Hätte ich ein echtes Schwert, wärst du jetzt tot.«
»Nicht, wenn auch ich ein echtes Schwert hätte.« Eneit grinste vergnügt. »Dann hätte ich dich nämlich abgewehrt - so -, und dann hättest du das Gleichgewicht verloren, und ich wäre dann so gekommen...« Eneit sprang vor, und mit einer kräftigen Hebelbewegung bohrte er die Spitze seines Übungsschwerts unter Cunomars Brustkorb. Keuchend krümmte dieser sich vornüber.
Eneit wich außer Cunomars Reichweite zurück, und seine braunen Augen leuchteten. »Siehst du? So hätte ich dich getötet.«
Grinsend stand er da, die Hände in die Hüften gestützt. Zwei Tage waren verstrichen seit dem unglückseligen Speerwurf. Doch Cunomar und Eneit waren noch jung, und falls die Schatten des Schicksals Eneit Sorgen bereiten sollten, so hielt er seine Besorgnis zumindest gut verborgen. Im Augenblick jedenfalls stand er fest auf beiden Beinen im Herzen des Waldes, vor ihm sein Freund, und seine Augen leuchteten im Vorgefühl des Sieges.
Cunomar tat seinen ersten tiefen Atemzug seit dem Hieb, richtete sich wieder auf und ließ die Hände von seinem Bauch sinken.
Eneit schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Gut. Ich dachte nämlich fast schon, du wärst wirklich tot. Nun komm, lass uns weitermachen. Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen. Damit haben wir also beide bereits einen tödlichen Sieg errungen, und meiner war sogar ein echter; dein Sieg über mich war ja nur gespielt. Ich fordere dich also erneut heraus. Sieger ist, wer von fünf Schlägen die besten erzielt - und diesmal kämpfen wir richtig, nicht dieses unausgegorene Üben.« Er hob sein hölzernes Schwert zum Gruße.
Das war ein faires Angebot. Noch vor drei Tagen wäre Cunomar bereitwillig darauf eingegangen, doch in seinem Inneren begann bereits die bei den ersten Lektionen im Speerwerfen gewonnene Einsicht zu reifen und zeigte ihm jenen Ort, an dem unbesonnene Torheit für gewöhnlich den echten Mut verdrängte. Es war nur eine sehr feine Grenze zwischen den beiden, und nicht immer war sie klar zu erkennen, doch in diesem Augenblick spürte er sie. Cunomar schüttelte also den Kopf. »Nein, wir sollten jetzt aufhören. Es ist schon nach Sonnenaufgang; sonst hört uns noch irgendjemand.«
»Du meinst, sonst hört uns meine Mutter, und du hast Angst vor ihr.«
»Eneit, vor deiner Mutter würde sich doch jeder fürchten, der auch nur halbwegs bei Verstand ist. Selbst Ardacos hat Angst vor deiner Mutter, und der hat bereits eine Bärin besiegt, die ihre Jungen verteidigte. Und du und ich gehören ja noch nicht einmal zu den Bärentänzern, und selbst wenn wir dazugehörten, glaube ich, sollten wir in Gegenwart der Rabenträumerin, die dich immerhin geboren hat, trotzdem nur ganz vorsichtig zu Werke gehen.«
Cunomar bückte sich und schob sein hölzernes Schwert in ein Futteral aus Öltuch, das am Rande der Lichtung lag. Den halben Winter hatte er damit zugebracht, dieses Schwert zu schnitzen, und er war stolz auf das Ergebnis. Es glich in Länge und Austarierung des Gewichts dem Schlangenschwert seiner Mutter, bis auf die leere Fläche am Heft, die erst dann gefüllt werden würde, wenn er seine langen Nächte in der Einsamkeit absolviert und sein Traumsymbol gefunden hatte. Eneits Waffe, die Cunomar als ein Geschenk für seinen Freund schon eher angefertigt hatte, war etwas schlanker, und an der einen Seite der Klinge fehlte bereits ein kleines Stück. Auch dieses Schwert wartete noch auf ein Symbol auf dem Knauf.
Eneit aber war noch nicht gewillt, den Morgen schon wieder ausklingen zu lassen. »Hast du schon mal von Sinochos gehört, dem Krieger, der Dubornos’ Vater war?«, fragte er.
»Wie könnte ich von dem noch nicht gehört haben? Er hat damals gemeinsam mit Mutter in der Invasionsschlacht gekämpft, und dann wurde ihm noch ein zweites Mal Ehre zuteil, als er an der Schlacht an der Salmfalle teilnahm und die Eceni eine ganze Zenturie von Römern samt zwei Flügeln ihrer gallischen Kavallerie besiegten. Ich könnte die Lieder seiner Schlachten im Schlaf singen. Wahrscheinlich tue ich das sogar.«
»Ist mir aber noch nicht aufgefallen.« Eneit nahm einen grünen Zweig, kaute ein wenig darauf herum und reinigte sich dann mit den zerfaserten Enden die Zähne. »Hast du denn auch gehört, wie er gestorben ist?«
»Sinochos? Ich wusste gar nicht, dass er tot ist.« Die eingewickelten Klingen lagen am Rande der Lichtung in einer Kuhle. Cunomar ging in die Hocke und begann, das Loch mit dem Sand aufzufüllen, aus dem der Waldboden bestand, und mit dem schwarzen, bröckeligen Lehm, der den Boden bedeckte.
Eneit wählte seine Worte mit Bedacht. »Es war nach der Schlacht an der Salmfalle. Sinochos und seine Ehrengarde kehrten gerade nach Hause zurück und sahen, wie die Römer sämtliche Schwerter der Stammesangehörigen zerbrachen, um sie auf diese Weise davon abzuhalten, noch weiter als Krieger zu kämpfen. Sinochos erkannte die ersten Anfänge der Sklaverei und schwor sich, niemals als Sklave zu leben. Er nahm seine drei besten Krieger mit, und gemeinsam versteckten sie die Schwerter, die schon seit sieben Generationen in ihren Familien waren. Dann ging er zurück ins Dorf und kämpfte mit seinen bloßen Händen gegen die Römer. Er tötete drei von ihnen, ehe sie ihn erhängten.«
Cunomar ließ sich zurück auf die Fersen sinken und starrte unbeweglich geradeaus. »Sinochos versteckte die Klinge seiner Ahnen, ehe die Römer sie zerbrechen konnten?«, fragte er.
»Ja.«
»Und willst du mir damit etwa sagen, dass du weißt, wo sie ist?«
»Ja.«
Schweigen trat ein. Cunomar spürte, wie sich sein Gesicht vom Hals an langsam rötete. Ardacos sagte stets, dass Cunomar seine Emotionen zu offen zeigte. In Gegenwart von Eneit war ihm dies jedoch egal. Eneit war jener eine Mensch auf der ganzen Welt, der Cunomars Herz und dessen Sehnsüchte in- und auswendig kannte; was letztlich auch der Grund war, weshalb Eneit ihm dieses Geheimnis überhaupt anvertraut hatte.
Mehr als alles andere, mehr noch, als die Speerprüfung zu bestehen oder zu lernen, wie man einen ganzen Vormittag lang unbeweglich in einem Hinterhalt lag, träumte Cunomar davon, in einer Schlacht das Schwert seiner Ahnen schwingen zu dürfen - und durfte es doch nicht, denn in dem Grabhügel, wo die Waffen versteckt worden waren, war ihm der Geist seines Großvaters erschienen und hatte es verboten.
Die Worte, die in jenem Moment zwischen Eneit und Cunomar schwebten, brauchten nicht mehr laut ausgesprochen zu werden. Ich biete dir eine Klinge, die mit der Geschichte deines Stammes verwoben ist und die nicht vom Geist deines Großvaters verflucht wurde. Mit der Aussicht auf diese Belohnung wirst du es schaffen, deine langen Nächte der Einsamkeit durchzustehen - wenn die Träumer dir endlich die Erlaubnis dazu erteilen -, und als ein wahrer Krieger wieder nach Hause zurückkehren.
Cunomar schrie erfreut auf und warf eine Hand voll feuchten Lehm nach seinem Freund, und die Vögel schreckten ein zweites Mal hoch. »Eneit nic Lanis, du bezeichnest dich als mein Freund, und trotzdem hast du sieben Monate gewartet, ehe du mir das erzählst? Bist du des Lebens etwa schon so überdrüssig geworden?«
»Nein.« Über Eneits Gesicht breitete sich das für ihn so typische träge, breite Grinsen. »Aber ich wusste doch nicht, wie viel dir so ein Schwert bedeutet, bis der Schnee zu hoch lag, als dass wir noch hätten losgehen und nach den Waffen hätten schauen können. Und eins kann ich dir versichern: Wenn uns dahin, wo die Klingen liegen, einer folgt, wäre uns das ganz und gar nicht recht.«
Eneit war plötzlich sehr ernst, und in seinen Augen lag ein ungewohnter Ausdruck der Vorsicht. Als Cunomar dies sah, fragte er: »Liegen die Schwerter etwa in einem der Grabhügel der Ahnen? Einem Grabhügel aus Stein, mit Gras überwachsen, so dass er aussieht wie ein lang gezogener Wall?«
Eneits Grinsen erstarb. »Woher weißt du das?«
»Ich bin schon einmal in so einem drin gewesen.« Mit dem Fuß schob Cunomar einige trockene und mit Schlamm überzogene Blätter über die Stelle, an der sich die hölzernen Schwerter verbargen. Cygfa und Dubornos würden sie wahrscheinlich aufspüren können, Ardacos und die Bodicea sogar ganz gewiss, aber von den Römern wüsste keiner, wo er zu suchen hätte. Blinzelnd hob Cunomar den Blick zur Sonne empor, wägte im Stillen seine Angst und seine Leidenschaft miteinander ab und musste feststellen, dass die Leidenschaft die Angst weit überwog. Ardacos hatte immer gesagt, dass das Kennzeichen eines wahren Bärenkriegers die Fähigkeit sei, das Geschenk der Götter so entgegenzunehmen, wie man es bekam, und später nicht zu klagen, wenn man die günstige Gelegenheit ungenutzt hatte verstreichen lassen.
Er spürte, wie der Entschluss in ihm reifte, und entgegnete langsam: »Der Schnee ist geschmolzen; auf diese Weise wird also schon mal keiner mehr unseren Spuren folgen können. Außerdem werden wir nach Art der Bärinnen wandern, und sollten wir auf dem Weg irgendjemandem begegnen, dann geben wir auf und kehren sofort wieder um. Wir müssen uns genauso verhalten, als befänden wir uns im Krieg. Denn wenn die Römer uns mit Waffen antreffen, wird auch Tagos sie nicht mehr davon abhalten können, uns zu erhängen.«
»Ich weiß.« Eneit lachte. »Und wenn uns vorher meine Mutter findet, können die Römer froh sein, wenn sie dann überhaupt noch irgendetwas finden, das sie aufknüpfen können.« Er spuckte einmal in seine Hand und streckte sie Cunomar entgegen. »Wir werden nach Art der Bärinnen wandern. Dann kann uns keiner mehr aufspüren, außer Ardacos und vielleicht noch Cygfa. Und da ich den Weg kenne, muss ich vorausgehen. Du folgst also meiner Spur. Schließ die Augen, und sing das Lied des gefallenen Kriegers. Wenn du fertig bist, bin ich verschwunden. Und ich wette mit dir um einen neuen Schwertgurt, dass du mich nicht erreichst, ehe wir am Grabhügel angelangt sind.«
 
Eneit hatte seine Lektion gut gelernt. Er hinterließ keinerlei Spur, der ein ungeübtes Auge noch hätte folgen können. Die Fährte, die er legte, war vielmehr so schwach, dass Cunomar dankbar war für die zwischendurch eingestreuten Hinweise, die frisch abgebrochenen Zweige und aus der Erde gescharrten Steine, und, einmal, sogar ein im Boden steckender, abgestorbener Zweig, der bewusst so platziert worden war, dass er Cunomar die Richtung anzeigte.
Jäger und Gejagter verließen den Wald und liefen auf das offene Marschland hinaus. Eneit kannte dieses Land von Geburt an. Er war in der Tiefebene zu Hause, wo nur der im Frühjahr blühende Stechginster die gerade Linie des Horizonts verwischte und fester Boden ohne jede Vorwarnung in Moor überging, in dem ein Unvorsichtiger nur zu leicht untergehen konnte.
Cunomar lag flach hinter einem Büschel Schilfrohr am Rande eines ruhigen Gewässers und suchte die Umgebung nach Bewegungen ab. Einen Steinwurf weit entfernt graste eine Gruppe von Stuten und säugte ihre Fohlen. Vor dem fast weißen Himmel hob sich ein in Keilformation fliegender Schwarm von Wildenten ab. Ein Bussard strich im Tiefflug über das Marschland hinweg. Dann machte er eine plötzliche Seitwärtsbewegung, um ein Beutetier zu ergreifen. Wo eben noch der Vogel zu sehen gewesen war, stoben plötzlich Federn auf, und kurz darauf schwang sich der Bussard mit einer Taube im Schnabel wieder in die Lüfte empor.
Hätte Cunomar nicht diese Szene beobachtet, so wäre ihm auch die weiche, rollende Bewegung nicht aufgefallen, die sich als ein Körper entpuppte, der über ebenen Boden glitt und in eine Kuhle hinein. Offenbar war das Land doch nicht so flach, wie Cunomar gedacht hatte. In seiner Brust züngelte eine kleine Flamme der Befriedigung auf, und er suchte nach Wegen, auf denen er sich der Kuhle nähern konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen - und fand doch keinen. Ardacos’ Lehre angesichts solcher Gegebenheiten war unmissverständlich; wenn es keine Möglichkeit gab, sich zu bewegen, ohne gesehen zu werden, dann musste sich eben alles andere bewegen, um einen selbst zu verbergen.
Zu diesem Zweck trug Cunomar in einem Lederbeutel an seinem Gürtel stets eine Hand voll Kiesel bei sich. Um Bewegungsraum zu gewinnen, duckte er sich noch tiefer hinter das Grasbüschel, dann riss er den Arm zurück und warf in hohem Bogen einen runden Flusskiesel, mit dem er nach einer kleinen, rotbraunen Stute zielte, deren Fohlen das jüngste und damit auch das verletzlichste der in der Nähe grasenden Gruppe war. Er zählte bis fünf, ehe der Stein aufschlug und sie mitten in die Flanke traf, dann wartete er noch zwei weitere Herzschläge, bis alle acht Stuten sich in vollem Galopp befanden und mit den Fohlen an ihren Seiten über das Marschland schwärmten. Das Donnern der Hufe wiederum schreckte einige schlafende Vögel aus dem Riedgras auf, die sich in spiralförmigem Flug in den Himmel erhoben.
Die Bewegung war von rechts gekommen. Also rannte er nach links, machte dann wie ein Hase plötzlich kehrt, rannte wieder in die entgegengesetzte Richtung und sprang schließlich in die flache Kuhle, in der Eneit lag und nach den Pferden Ausschau hielt. Cunomar landete zwar knapp daneben, schlug aber trotzdem mit der Faust zu, als ob er eine Waffe in der Hand hielte, und keuchte mit einem schmerzenden Atemzug: »Ich hab dich!«
Der Schlag, der ihn daraufhin traf, erreichte ihn von hinten. Ein Stock hieb ihm hart geradewegs unter die Rippen, quetschte seine Nieren und raubte ihm damit zum zweiten Mal an diesem Morgen den Atem. Vor seinen Augen verschwamm alles und wechselte in ein tiefes Rot über, in dessen Mitte kleine, orangefarbene Wirbel tanzten. Für einen Moment glaubte Cunomar, er müsse sich übergeben. Über seinem Kopf hörte er eine glückliche, jubelnde Stimme rufen: »Das dürfte ja wohl ein Irrtum sein, Bärenmann! Ich habe dich
Hustend und ächzend rollte Cunomar sich auf den Rücken. Neben seinen Fußgelenken stand nackt und grinsend Eneit, in der Hand ein Stück einer knorrigen Stechginsterwurzel. Vor Cunomar lag lediglich Eneits Tunika, ausgestopft mit ausgerissenem Schilfgras, und am Hals des Kleidungsstücks ein Klumpen umgedrehter Moorboden, dessen Wurzeln kunstvoll genau so arrangiert waren, dass sie wie Eneits Schopf wirkten.
»Ich bin zutiefst betrübt«, erklärte sein Freund in ernstem Tonfall. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du der Ansicht bist, mein Kopf sähe nach einer Hand voll Sumpfgras aus.«
Die Worte verteilten sich in der Luft, doch nur stückweise sank ihre Bedeutung zu Cunomar hinab, der sie mit gerunzelter Stirn erst wieder zusammensetzen musste. Schließlich, noch immer nach Atem ringend, begann er zu lachen. Es war lange her, seit er das letzte Mal gelacht und dabei echte Fröhlichkeit empfunden hatte. Mit leisem Stechen stieg ein verkrampftes, ungewohntes Bellen der Belustigung aus seiner Brust auf, wurde zu einem unkontrollierbaren Wesen, das mit jedem Atemzug erneut schmerzte, das über das Marschland hinausrollte, lauter als die langsam wieder zum Stehen kommenden Pferde und tiefer als die schrillen Rufe der Vögel, so dass Cunomar schließlich flach auf dem Rücken lag, hilflos wie ein Katzenjunges, und erschöpft kicherte, während Eneit ihn nur schweigend beobachtete und sich spöttisch amüsiert gab.
Der Himmel war nicht länger von dem blassen Grau, in dem er sich zuvor noch gezeigt hatte, sondern ließ nun einen ersten Schimmer von Blau erkennen. Der Torfboden unter Cunomars Rücken war warm und elastisch und erfüllt von den Gerüchen nach Sand und Riedgras und stehendem Wasser. Seine Brust schmerzte, und seine Nieren hatten ein wenig Schaden genommen, doch da war auch diese gewisse Wärme, die sich in seinem Bauch ausbreitete und die er seit seiner frühesten Kindheit nicht mehr gespürt hatte, und vielleicht noch nicht einmal da. Langsam reifte in ihm die Erkenntnis heran, dass dies der erste Augenblick in seinem Leben war, in dem er wirklich glücklich war, und er wollte diese Empfindung voll auskosten und auf keinen Fall zerstören, und ganz bewusst beschloss er, die Ursachen dieses Gefühls besser nicht zu hinterfragen.
Die Welt wurde ruhiger und ein klein wenig einfacher. Cunomar atmete einmal tief durch und stemmte sich auf einen Ellenbogen hoch. Eneit, der sich zwischenzeitlich wieder angezogen hatte, saß auf dem kleinen Wall, einen Ellenbogen auf sein Knie gestützt. Es war schon eine kleine Weile her, dass er aufgehört hatte zu grinsen, und nun betrachtete er seinen Freund einfach nur. Eneits flächiges, offenes Gesicht strahlte eine Intelligenz aus, die er oftmals nur mühsam verbergen konnte.
Cunomar setzte sich auf. »Danke«, sagte er.
Eneit zuckte mit den Schultern. »Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich hätte das doch gar nicht gekonnt, wenn du es mir nicht vorher beigebracht hättest.«
»Ich habe dir doch nicht beigebracht, mich zum Lachen zu bringen.«
»Nein. Aber ich habe dich ja auch nicht zum Lachen gebracht. Das warst du ganz allein.« Der Junge zog einen Grasstängel aus dem Boden, untersuchte das untere Ende, kaute ein wenig darauf herum, zog dann feinsäuberlich das frische, grüne Innere heraus und hinterließ lediglich eine leere Hülse. »War aber trotzdem schön, dich endlich mal von Herzen lachen zu sehen. Hattest dir ja auch ganz schön viel Zeit damit gelassen.«
»Ja.«
Sie saßen eine Armeslänge voneinander entfernt, vielleicht auch ein wenig mehr, doch keiner versuchte, die Kluft zu überbrücken. Sie saßen einfach nur schweigend beieinander, in einem Schweigen, das nun sogar noch mehr Gewicht besaß als zuvor, während der Morgen und eine große Ruhe sich über das weite Marschland legten. Einen Speerwurf entfernt neigten die Stuten die Köpfe wieder zum Boden hinab, und die Fohlen saugten an den mütterlichen Zitzen, bis sie sich von der Herde lösten und miteinander spielten. Schließlich, als Cunomar die Tiere eine ganze Weile beobachtet hatte und der Wirrwarr der Gedanken in seinem Kopf sich noch immer nicht beruhigen wollte, schaute er in den Himmel hinauf und stellte fest, dass die Luft über ihm wieder fast leer war und er lediglich noch einen Bussard sah, der in trägen Kreisen vor dem blauen Himmel schwebte.
Er verspürte das Bedürfnis, mit Eneit zu sprechen, und wusste doch nicht, was er sagen sollte, so dass er schließlich fragte: »Würdest du dir den als dein Traumsymbol wünschen, wenn er dir in deinen langen Nächten der Einsamkeit begegnete?«
»Wen?« Eneits Stimme klang irgendwie abwesend, als ob sie aus weiter Ferne zurückkehrte.
»Den Bussard. Würdest du dir den als dein Traumsymbol in deinen langen Nächten der Einsamkeit wünschen?«
»Warum? Um ihn mir auf den Knauf eines kaputten Holzschwertes zu schnitzen?«
Doch Eneit grinste nicht. Schwer lagen die Lider über seinen Augen, und dieses eine Mal war ihr Ausdruck nicht zu entschlüsseln. Als Cunomar nicht antwortete, legte er sich neben ihn und stützte sich ebenfalls auf den Ellenbogen auf.
Nicht ein einziges Mal während des gesamten Sommers hatte er Cunomars Besessenheit von den Ritualen der Krieger und dem Übertritt in das Leben eines Erwachsenen in Frage gestellt. Jetzt aber fuhr er leise fort: »Deine Mutter hat mich gelehrt, das Lied der Speerseele zu vernehmen, und du hast mir beigebracht, das Schwert wie ein Mann zu führen. Durch beides habe ich ein völlig neues Leben für mich entdeckt. Und wenn der Augenblick schließlich kommt - falls er kommt -, werde ich so viele Römer töten, wie ich nur kann, ehe sie mich töten. Aber ich weiß, am Ende werden sie mich töten, denn egal, wie sehr ich mich auch darum bemühen mag, die Stimme in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen, egal, wie hart ich vor Sonnenaufgang mit meinem hölzernen Schwert im Wald auch übe, werde ich doch niemals so viel Erfahrung in echten Kämpfen gewinnen können wie sie. Wozu brauche ich also noch einen Traum, Cunomar mac Caradoc, Sohn der Bodicea? Bringt der mich dem, was ich mir wirklich wünsche, denn auch nur einen Deut näher?«
Mit einem Mal nahm das zarte Gespinst, aus dem der Morgen zu bestehen schien, eine andere Struktur an, wurde zu grob und zu ernst, wo es zuvor noch schlichtweg vollkommen gewesen war und eine einfache Freundschaft geherrscht hatte. Und in Cunomars Welt, die lediglich aus schwarzen und weißen Tatsachen bestanden hatte, waren plötzlich zu viele Ungewissheiten aufgetaucht. Er starrte auf seine Hände hinab, dann zu dem Bussard hinauf und schließlich wieder hinunter auf seine Hände, nicht jedoch in Eneits Richtung. Vor seinem geistigen Auge manifestierte sich das Bild einer zerbrochenen Speerklinge, und in Gedanken hörte er wieder Eneits Stimme, die ihm sagte, dass sein Herz bräche, würde die Waffe nicht wieder zusammengefügt. Cunomar wollte erwidern, dass seine Mutter praktisch alles wieder zusammenfügen könne, doch die Worte wollten einfach nicht über seine Lippen kommen.
Und plötzlich, als der Druck des Schweigens zu schwer auf ihm zu lasten begann und er ganz einfach den Klang seiner eigenen Stimme hören musste, fragte er: »Und warum haben wir uns dann auf den Weg zum Grabhügel der Ahnen gemacht, wenn nicht deshalb, um dir die Suche nach deinem eigenen Traumsymbol ein wenig zu erleichtern?«
Eneit atmete langsam und deutlich hörbar durch die Nase aus. Nach einer Weile entgegnete er: »Natürlich um dein Traumsymbol zu finden. Oder zumindest, um dir Sinochos’ Schwert zu holen. Damit deine Mutter eine Waffe hat, die sie dir nach deinen langen Nächten in der Einsamkeit und den Speerprüfungen überreichen kann - wenn dir die Träumer dafür denn endlich mal den passenden Zeitpunkt nennen wollen und du die Prüfungen auch tatsächlich bestehen solltest.«
Seine Stimme verlor ihre Härte und nahm stattdessen wieder jenen melodischen, leicht singenden Tonfall an, den Eneit von seiner Mutter, der Träumerin, geerbt hatte. Etwas sanfter fügte er hinzu: »Du vergisst, dass ich schließlich nicht auf Mona aufgewachsen bin. Ich habe noch nie gesehen, wie jemand nach seinen langen Nächten in der Einsamkeit wieder nach Hause zurückkehrt - den Sonnenaufgang im Rücken und in den Augen seinen ganz persönlichen Traum. Ich habe auch noch nie eine Kriegerschule gesehen oder habe hoch auf den Klippen über einer Schlacht gethront und bin Zeuge von Heldentaten geworden, die noch mehr als tausend Jahre in den Liedern weiterleben werden. Ich habe in einer anderen Welt gelebt, und die Dinge, die ich mir wünsche, sind ebenfalls andere. Wir alle haben unsere Träume. Du und ich müssen aber erkennen, dass unsere Träume uns nicht an den gleichen Ort führen werden. Und nun komm...« Er stemmte sich hoch und trat Cunomar genau auf dessen eine Fußsohle. »Steh auf. Du schuldest mir einen Schwertgurt. Und in der nächsten Bodensenke liegt auch schon der Grabhügel. Wenn du wieder Kraft genug hast, um zu gehen, beschaffen wir dir ein Schwert mit einer Geschichte, auf die man stolz sein darf. Wollen wir doch mal sehen, ob das den Träumern nicht einen kleinen Anstoß versetzt, dir endlich den Zeitpunkt für deine langen Nächte der Einsamkeit zu nennen.«
 
Das Ahnengrab war nur halb so groß wie jener Grabhügel, in dem die Bodicea und ihre Krieger ihre Waffen versteckt hatten. Es war flach und kreisförmig, halb unter dem Sand verborgen, und in den Spalten zwischen den Steinen hatte sich Gras eingenistet, so dass man das Grab selbst aus der Nähe nur schwer von dem umliegenden, mit Gras bewachsenen Gelände unterscheiden konnte. Der Eingang war ein ehemals rechteckiges Loch. Durch die Witterung und die Menschen, die sich im Laufe der Zeit alle dort hindurchgezwängt hatten, waren die Ecken abgerundet und die Seiten geschliffen worden, so dass die Öffnung nunmehr fast eine kreisrunde Form hatte.
Einfach nur einmal hineinzuschauen und dann wieder umzukehren stand jetzt nicht mehr zur Diskussion. Eneit ging voraus, Cunomar folgte ihm. Die Öffnung führte nicht unmittelbar zu einem Gang, so wie es in dem anderen Grabhügel gewesen war, sondern öffnete sich vielmehr in gähnende Leere hinein. Ein jeder, der hier eintreten wollte, musste sich also erst einmal hinknien und sich dann, vertrauensvoll, abstoßen, um sich das letzte Stück bis hinunter auf den Boden fallen zu lassen.
Doch man fiel nicht so tief, wie Cunomar bereits befürchtet hatte, sondern bis hinunter auf den Boden war es weniger als eine Speerlänge. Etwas unsicher kam er auf dem Steinboden auf, umfangen von Dämmerlicht und Kälte, an einem Ort, an dem Schatten den Raum größer erscheinen ließen, als er eigentlich war, und der bei seiner Landung entstandene Luftzug für einen Moment den Staub der verstorbenen Ahnen aufwirbelte.
Die Toten in diesem Grab hießen die Eindringlinge auch nicht herzlicher willkommen als jene in dem ersten Ahnenhügel. Cunomar nahm die Ungeduld der Vorfahren als ein leichtes Vibrieren in der Bauchgegend wahr. Nun erinnerte er sich auch wieder an Eneits Angst. Lanis’ Sohn stand unmittelbar unter der Öffnung in der Decke des Grabhügels, die Augen weit aufgerissen und mit einem bangen Lächeln auf den Lippen.
»Bist du schon mal hier drinnen gewesen?«, fragte Cunomar.
»Nein.« Eneit trat einen Schritt aus dem Licht heraus und fuchtelte, nach den Wänden tastend, mit einem Arm vor sich her. »Bis du kamst, bestand schließlich noch kein Grund, um sich auf die Suche nach einem Schwert zu machen. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie man es in die Hand nimmt, geschweige denn, wie man damit kämpft.« Er machte noch zwei weitere Schritte, dann blieb er stehen und war in der ihn umfangenden Dunkelheit kaum mehr zu erkennen. »Hier ist eine Wand.« Und, nach einem Augenblick der Stille: »Das Dach neigt sich tief auf den Boden hinab.«
»Wenn hier irgendwo ein Schwert liegt, wird es oberhalb des Bodens versteckt sein, irgendwo in einer Spalte, wo der Stein einen Vorsprung bildet und wo selbst jemand, der mit Fackeln hier reinkommt, es nicht entdeckt.«
Cunomars Worte stießen auf Schweigen. Er hätte ebenso gut allein hier sein können. Nach einer Weile entgegnete Eneit ein wenig angespannt: »Woher weißt du das?«
»Meine Mutter und die Krieger haben ihre Waffen doch auch in einem Grabhügel wie diesem hier versteckt. Und ich bin mit ihnen gegangen, um ihnen zuzusehen.«
»Hattest du da ebenfalls das Gefühl, als ob die Toten dich geradezu hassten?«
»Ja. Aber meine Schwester haben sie geliebt.«
Cunomar stellte fest, dass er sich nach Graines Gegenwart sehnte. Sie war in den grauen Gefilden zwischen den Welten auf eine Art und Weise zu Hause, wie er es nicht war. Seine ausgestreckten Finger stießen gegen Stein.
»Hier ist auch eine Wand. Du gehst also rechts rum und ich nach links, in der Mitte treffen wir uns, und dann tauschen wir die Seiten. Auf diese Weise haben wir dann beide die komplette Wand abgetastet. Taste direkt vor dir auf Schulterhöhe nach Spalten, die sich in seitliche Richtung erstrecken und die lang genug sind, um eine Klinge in sich aufzunehmen.«
Seinen eigenen Anweisungen folgend trat Cunomar einen Schritt zur Seite und glitt langsam mit den Fingerspitzen über die vor ihm aufragende Steinwand. Das Wüten in seinem Unterbauch wuchs sich zu einem zermürbenden Schmerz aus. Die Haut in seinem Nacken und an seinen Armen begann zu kribbeln. Öliger Schweiß sammelte sich über seinen Brauen und rann ihm über die Wangen. Er wagte noch einen dritten Schritt und fühlte plötzlich, wie etwas sehr Irdisches an ihm vorüberflatterte.
Es erklang ein Stöhnen wie von einem verletzten Mann, der den Namen Brigas rief. »Deine Mutter sollte einmal hierher kommen«, sagte Cunomar. »Die Schatten der in den Schlachten Gefallenen sind noch nicht alle in die andere Welt hinübergeglitten. Und Lanis ist doch eine der Jüngerinnen Brigas, und sie hat den Raben zum Traumsymbol. Deine Mutter könnte ihnen doch bestimmt dabei helfen, den Weg über den Fluss zu finden.« Seine Stimme hallte von den Wänden wider und kehrte mit einem heiseren Krächzen zu ihm zurück.
Eneits Stimme klang nicht besser. »Sie kommt bereits regelmäßig hierher. Sie war auch vor der Versammlung hier, als sie sich gegen deine Mutter aussprach, und als sie wieder herauskam, wusste sie, was sie zu sagen hatte, damit die Versammlung für das Bleiben der Bodicea stimmte.«
»Sie ist mutiger als jeder Krieger.«
»Ich weiß. Aber das sind die Träumer ja alle. Hast du wirklich so lange gebraucht, um das zu erkennen?«
Um die beklemmende Stille von sich fern zu halten, sprachen sie unentwegt weiter und tasteten sich währenddessen an den Wänden entlang. Raum und Zeit schienen sich bis ins Unendliche auszudehnen. Mit einem Mal war aus der - von Cunomar aus gesehen - gegenüberliegenden Ecke der Dunkelheit ein dumpfer Schlag zu hören und dann ein kurzer, herzhafter Fluch, der sofort wieder zurückgenommen wurde.
Mit gepresster Stimme rief Eneit: »Cunomar, ich glaube, wir sollten wieder gehen.« Er hörte sich an, als ob er kurz davor wäre, in Tränen auszubrechen, und so etwas hatte es bei Eneit noch nie gegeben. Selbst unter den zornigen Strafpredigten seiner Mutter weinte Eneit nie.
»Bleib, wo du bist«, erwiderte Cunomar. »Ich komme zu dir.«
Er suchte nicht mehr länger nach Spalten oder Nischen im Fels, sondern konzentrierte sich nur noch darauf, sich Schritt für Schritt vorzutasten. Zuerst glitt er dabei noch mit ausgestreckter Hand über die Wand. Ein zweiter umherhuschender und über seine Fingerspitzen streifender Schatten ließ ihn den Arm dann aber hastig wieder zurückziehen, und von da an hielt er ihn fest an seine Seite gedrückt.
Der Innenraum des Hügelgrabes war kleiner als der Durchmesser von Airmids Hütte auf Mona und hatte, so dachte Cunomar, wahrscheinlich auch weniger gefahrvolle Momente erlebt. Denn er hatte die Geschichte von Lythas gehört - dem Verräter vom Stamme der Briganter, der versucht hatte, die Bodicea in Cartimanduas Lager zu locken -, und was die Träumer ihm anschließend angetan hatten. Natürlich hatte man das Grauen mit der Erzählung ein wenig übertrieben, und doch hatte sich Cunomar, nachdem er sie gehört hatte, nie mehr ganz so in Airmids Steinkate gefühlt wie zuvor.
An diesem noch kleineren, noch älteren und noch weniger ansprechenden Ort erforderte somit jeder weitere Schritt, den er machte, seine ganze Willenskraft und führte ihn immer dichter an den Rand der Panik. Während all der praktischen Unterrichtsstunden im Verfolgen von Feinden, die Ardacos ihm erteilt hatte, und selbst während der Reise in den Osten, als sie zuweilen nur einen knappen Steinwurf von den Legionären entfernt gewesen waren, hatte sein Herz doch niemals so gerast oder so hart gegen seinen Brustkorb gehämmert wie jetzt. Sein Körper erbebte förmlich unter dem Trommeln in seiner Brust, und Schweiß rann über sein Gesicht und lief in Rinnsalen auf seine Schultern hinab. Cunomar fühlte sich, als ob er auf dem Boden eines Sees durch das Wasser pflügte und riesige Fische sich ihm näherten, ihn jagten; oder als ob er flach auf dem Bauch durch Dunkelheit und Nebel kröche und Schlangen über seine nackte Haut glitten. Er spürte, wie Daumen ihm auf die Augäpfel pressten, sie zerdrückten, und wie Bestien mit menschlichen Händen und den reißzahnbewehrten Schnauzen von Bären seine langen Knochen zersplitterten und das Mark verschlangen, und er dachte, seine Füße wären von Wurzeln umfangen fest mit dem Boden verwachsen, so dass jeder Fluchtversuch aussichtslos war.
»Cunomar?« Ein fast tonloses Flüstern.
»Ja?«
»Wo bist du?«
»Hier.«
»Du gehst in die falsche Richtung.«
»Nein. Ich komme von links.«
»Dann bist du stehen geblieben. Mittlerweile hättest du mich erreichen müssen. Das Grab ist schließlich nicht so groß.«
Die Dunkelheit verschluckte Cunomar. Die Fische und die Schlangen und die Bären saugten allesamt an seiner Seele. In blinder Todesangst starrte Cunomar in die Finsternis, und zum ersten Mal in seinem Leben erflehte er Hilfe und Erlösung von Nemain. Unerwarteterweise, verblüffenderweise, wundersamerweise blickte ihm aus der widerhallenden Schwärze der Grabkammer Graine entgegen. Ihre großen, ernsten Augen musterten sein Gesicht, suchten nach einer Erklärung und fanden sie schließlich. Mit dem für sie so typischen, scheuen Lächeln sagte sie: Tritt von der Wand fort. Suche das Licht. Du gehörst zu Belin, der die Sonne ist. Er wird dich beschützen.
Cunomar trat einen halben Schritt zurück. Wie ein Heiligenschein umstrahlte ihn das Licht. Widerstrebend entließ das Grauen ihn aus seinen Fängen. »Eneit...«
»Was?«
»Tritt zurück. Berühr nicht die Wand. Komm zurück zu mir in das Licht.«
Sprachlos trafen sie in der Mitte des Grabes aufeinander. Eneits Haut hatte einen kränklichen, grauen Ton angenommen, und sein Atem ging nur noch in kurzen, keuchenden Zügen, als ob er zu schnell zu weit gerannt wäre. Cunomar blickte auf seine Hand hinab und musste feststellen, dass sie noch schlimmer zitterte als die von Kaiser Claudius, der immerhin die Schüttellähmung gehabt hatte und das Zittern somit nicht kontrollieren konnte. Anschließend sah er zu der etwa eine Speerlänge über seinem Kopf befindlichen Öffnung in der Grabdecke empor. Er wusste, wenn er nun in Panik geriet, würde er dort niemals mehr herauskommen. So stellte er sich breitbeinig hin und verschränkte seine Finger.
»Tritt in meine Hände, als ob du auf ein Pferd steigen wolltest«, sagte er. »Dann kannst du den Rand des Lochs erreichen und dich hochziehen.«
»Und was wirst du machen?«
»Ich bin größer. Ich werde hochspringen.«
Er hatte versucht, seine Stimme so fest und energisch klingen zu lassen wie die seiner Mutter vor einer Schlacht. Und auch wenn Cunomar dies vielleicht nicht so ganz gelungen sein mochte, tat sein Freund doch, worum er ihn gebeten hatte, ohne erst noch Fragen zu stellen, und schon glitten die Füße des älteren Jungen durch die Öffnung hindurch und ins Licht. Nach einer kurzen Pause erschien sein Kopf wieder in dem Loch. »Ich bin in Sicherheit. Meinst du denn wirklich, dass du so hoch springen kannst?«
»Nein, aber ich kann es zumindest versuchen. Falls ich es nicht schaffe, kannst du ja immer noch ein Seil holen.«
»Und dich da drin allein zurücklassen? Willst du denn wahnsinnig werden, oder bist du es vielleicht sogar schon?«
»Weder noch. Und darum werde ich es auch schaffen.« Cunomar hörte, wie in seiner eigenen Stimme plötzlich der Schatten seines Vaters widerhallte, und jener winzige Teil von ihm, der noch nicht in Todesangst versetzt worden war, empfand einen kurzen Augenblick der Ekstase.
Mit einem Gebet an Belin, so wie seine Schwester es ihm befohlen hatte, sprang Cunomar, Sohn zweier Krieger, hinauf und fühlte, wie seine Finger Halt an dem abgerundeten Stein fanden und wie die von Eneit sich um seine Handgelenke schlossen. Der quälende Kampf hinauf kostete ihn an den Oberschenkeln und den Schienbeinen zwar jeweils etwas Haut, aber noch niemals zuvor war er so froh gewesen, wieder Licht zu erblicken. Später, als sie auf festem Gras und in der Sonne lagen und befreit von allen Albträumen waren, hielt Cunomar erneut nach dem Bussard Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Nachdenklich sagte er: »Langsam verstehe ich, warum wir das Lied der Seele des Speers erkennen müssen. Es war der Klang meiner eigenen Stimme, der mich langsam verrückt gemacht hatte. Wenn ich unten im Grabhügel nur die Ruhe bewahrt hätte, wäre ich geschützt gewesen.«
»Vielleicht geschützter. Doch genau das ist es ja, was die Träumer bereits wissen - und was wir erst noch lernen müssen. Aber wir haben ja noch Zeit. Vor Mittsommer werden die Ältesten uns nicht in unsere langen Nächte in der Einsamkeit schicken.«
»Wenn sie uns die Prüfungen denn überhaupt ablegen lassen.«
Keiner von beiden hatte es sonderlich eilig, zur Siedlung zurückzukehren. Sie lagen einfach nur still da, ein jeder damit beschäftigt, sich erst einmal von dem Erlebnis zu erholen. Nach einer Weile sagte Eneit nachdenklich: »Ich denke, wir sind auch mit den falschen Absichten in das Grab gestiegen, und das haben sie gespürt. Ich war nicht ehrlich, und das tut mir Leid. Ich wollte ein Geschenk für dich finden, das dir etwas bedeutet.«
»Das weiß ich.«
»Ich wollte, dass du eine gute Meinung von mir hast.«
Cunomar rollte sich auf den Bauch. »Aber ich habe doch eine gute Meinung von dir, Eneit.«
»Aber du hast mich doch als Feigling kennen gelernt. Ich bin aus dem Grabhügel geflohen, ehe du dein Schwert gefunden hast.«
»Nein. Ich habe dich als ehrlich kennen gelernt, als beständig und verlässlich und von außergewöhnlichem Mut. Du wusstest, wie es sein würde, trotzdem bist du reingegangen. Ich jedenfalls würde da niemals mehr runtersteigen, und wenn es der einzige Ort auf der ganzen Welt wäre, an dem ich noch mein Schwert finden könnte. Du besitzt den Mut eines Träumers. Ich könnte da niemals auch nur im Entferntesten heranreichen.«
Cunomar legte das Kinn auf die Hand und hob den Kopf, so dass er Eneit direkt in die Augen blicken konnte. Er spürte eine Sicherheit und eine Gewissheit aus sich selbst und aus der Welt erwachsen, die ihm neu war und die schöner war, als sich in Worte fassen ließ. Er hatte Prüfungen bestehen müssen, die bis in den Kern seines Wesens reichten, und er war zufrieden mit den Ergebnissen. Zwischen ihm und Eneit war plötzlich alles und zugleich auch nichts ganz anders, und trotzdem waren sie noch immer Freunde. Mit vollkommener Aufrichtigkeit sagte er: »Wenn wir uns in einer Schlacht befänden, dann gäbe es niemanden, den ich mir lieber an meine Schildseite wünschen würde. Noch vor Cygfa oder Braint oder Ardacos, sogar noch vor meiner Mutter würde ich mir dich wünschen. In Belins Namen, ich schwöre, dass das die Wahrheit ist.«
Das war das Beste, was er Eneit nun geben konnte, das Beste, was er jemals gegeben hatte. Und es war, so schien es, mehr, als Eneit erwartet hatte. Sie lagen eine Armeslänge voneinander entfernt. Cunomar streckte die Hand aus und bot sie Eneit zum Handschlag der Krieger an. Eneit schlug ein; seine Hand war ganz schmierig von altem Schweiß, doch ruhig. Eine ganze Weile hielten sie einander so an den Händen. Eneit lockerte seinen Griff als Erster. Sein Lächeln war breit und träge, wenn auch ein wenig schief. »Danke.«
»Das brauchst du nicht zu sagen.«
»Nein. Aber ich meine es so.« Eneit stand auf, reckte sich und ließ die Wirbel in seinem Rücken knacken. »Ich denke aber nicht, dass wir meiner Mutter davon berichten sollten, wo wir gewesen sind.«
Grinsend erhob auch Cunomar sich. »Sehe ich etwa so aus, als ob ich mir gern das Fell gerben lassen wollte? Ich denke noch nicht einmal daran. Aber ich denke, wir sollten mit Graine sprechen, wenn wir wieder zurück sind.«
 
Doch es blieb keine Zeit mehr, um mit Graine zu sprechen. Sie kehrten in eine Siedlung zurück, in der es vor Geschäftigkeit summte wie in einem Bienenstock. Acht römische Kavalleristen standen mit ihren Pferden innerhalb der Umzäunung und starrten geradeaus, als ob die Menschen um sie herum gar nicht existierten. Einer, der weniger gut geschult war als seine Kameraden, wandte den Kopf und blickte Cunomar an. Ein Gefühl des Abscheus und der Überlegenheit übertrug sich blitzartig von dem Mann auf den Jungen. Zum zweiten Mal an einem einzigen Tag dachte der Sohn der Bodicea, dass ihm das Herz versage, und er spürte, wie es war, die Grenzen seines eigenen Mutes zu überschreiten.
Als Cunomar am letzten der Wachtposten vorbeimarschierte, trat Ardacos auf ihn zu. In der Gegenwart des Feindes musste sich der Krieger stark zusammennehmen, und jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte erkennen, wie der Bärinnenkrieger sich auf geradezu schmerzliche Weise nach seinem Schwert sehnte.
Hastig und in dem Dialekt von Mona sagte er: »Wasch dich und halte dich dann bereit, um nach Camulodunum aufzubrechen. In der Kolonie soll eine Zusammenkunft der Vasallenkönige stattfinden, um den neuen Tempel dort zu weihen; danach hat Tagos noch einige Angelegenheiten mit dem Gouverneur zu regeln. Und von dir wird verlangt, dass du ihn begleitest. Der Gouverneur wünscht, die neue Familie des ›Königs‹ kennen zu lernen.«
Ardacos spuckte verächtlich aus, womit er womöglich bereits Hochverrat beging. Vor dem heutigen Morgen hätte Cunomar angesichts dieser Geste wohl noch gejubelt. Nun aber hatten andere Dinge für ihn Priorität. »Ich gehöre aber nicht zu Tagos’ Familie«, erwiderte er. »Warum muss ich dann mit?«
»Weil du in den Augen Roms sehr wohl sein Sohn bist, und das ist alles, was im Moment zählt. Ihr werdet kurz nach Mittag aufbrechen.«
Langsam rückte wieder die Welt jenseits von Eneit und dem Schwert eines Toten in den Vordergrund. Und diese Welt war nicht mehr länger das verhältnismäßig sichere Land, das sie am Morgen verlassen hatten. Cunomar packte Ardacos’ Arm. »Warte - Mutter reist auch nach Camulodunum? Seid ihr denn verrückt? Sie darf nicht mitreisen! Man wird sie erkennen. Was, wenn einer der Römer im Westen gedient und gegen sie gekämpft hat, als sie die Krieger von Mona anführte?«
»Dann können wir nur hoffen und beten, dass die Umstände sein Erinnerungsvermögen vernebelt haben. Denn sie hat keine andere Wahl. In der Einladung wurde ausdrücklich nach dem König und seiner neuen Ehefrau verlangt. Es mag zwar als Bitte formuliert sein, doch der Gouverneur von Britannien ist ein Mann, dem man besser keinen Wunsch abschlägt. Und wenn sie sich weigerte, würde die Kavallerie sie einfach fesseln und auf ein Pferd werfen. Oder zumindest würden sie es versuchen.«
»Aber...«
»Airmid sagt, die beste Methode, um sich zu verstecken, ist, deutlich gesehen zu werden. Das ist auch der Grund, weshalb deine Mutter dem Gouverneur bereits die Präsentmesser geschickt hat. Die Leute sehen, was sie zu sehen glauben, und der Gouverneur verhält sich da nicht anders. Wir haben die Nachricht verbreitet, sie sei eine Schmiedin der nördlichen Eceni, und sie wird dem Gouverneur ein Geschenk übergeben, das, wenn er es öffnet, seine komplette Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird.«
»Das können wir nur hoffen, ansonsten werden wir nämlich allesamt mit ihr sterben.« Doch Cunomar stellte fest, dass ihm diese Aussicht mittlerweile weniger Angst machte als noch vor kurzem. Er wollte die Erlebnisse dieses Morgens gern mit Ardacos teilen, doch der Bärinnenkrieger war nicht in der Stimmung, sich Geschichten über Geister und Waffen anzuhören. Er hatte sich in sich selbst zurückgezogen, als ob ihn irgendetwas quälte. Mit dem plötzlichen, eisigen Anflug einer unguten Vorahnung fragte Cunomar: »Aber du kommst doch sicherlich mit uns?«
»Nein. Die Einladung richtete sich nur an die Familie. Weder dein Freund noch ich dürfen mit.« Ardacos’ Blick schweifte seitwärts zu Eneit hinüber. »Deine Mutter glaubt, sie weiß, wo ihr gewesen seid. Wenn ich du wäre, würde ich mir eine plausible Geschichte über einen verletzten Hirsch überlegen, den ihr bis tief in den Wald hinein verfolgt habt, und sieh zu, dass da auch ja keine Lücken drin sind. Du hast die nächsten zehn Tage Zeit, diese Geschichte aufrechtzuerhalten, ohne dass Cunomar sie dir verderben kann.«
Cunomar spürte ein Ziehen, das ihm den Atem nahm. »Ist das dein Ernst? Eneit kann nicht mitkommen? Warum nicht? Er ist meine Ehrengarde; ich brauche ihn.« Noch niemals zuvor hatte er etwas in dieser Art gesagt, zumindest nicht öffentlich.
Ardacos verzog das Gesicht zu einer Grimasse. In seinen Augen lagen Mitleid und Betrübnis und eine solch tiefe Besorgnis, wie man sie auf Mona nie in seinem Blick gesehen hatte. Er zwang sich zu einem Lächeln, das keinen von ihnen berührte und rasch wieder verblasste. »Es tut mir Leid, nein. Tagos hat Airmid verboten, mitzugehen, mit der Begründung, dass sie sonst womöglich versuchen könnte, den Gouverneur zu verfluchen. Ich wüsste also nicht, warum er an ihrer statt den Sohn einer Träumerin, der gerade den Morgen in einem Grabhügel verbracht hat, mitgehen lassen sollte.«
Ardacos schlug Eneit auf die Schulter. »Sieh es doch einfach mal von der positiven Seite. Werden Cunomar und seine Familie wegen Hochverrats gehängt, kannst du Sinochos’ Klinge ganz für dich allein behalten.«
Die Seherin der Kelten
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