XI
Nicht ein einziger Windhauch strich über die
Lichtung. Fast unbeweglich hing der Strohsack bis auf jene Höhe
hinab, wo das Herz eines Kriegers saß. Dreißig Schritte davon
entfernt lag ein Speer, das Endergebnis von Breacas Schmiedearbeit
in Kombination mit Graines Vision und ein klein wenig Unterstützung
von Airmid. Die Speerspitze hatte die Länge von Tagos’ rechtem Fuß,
gemessen vom Fußballen bis zum mittleren Zeh; längere Klingen waren
nach römischem Recht nicht erlaubt. Das Speerheft bestand aus
heller Esche. Es war so lange poliert worden, bis es einen matten
Glanz aufwies und weich in der Hand lag. Das ausgleichende
Gegengewicht am Speerende bildete eine Kugel aus knotigem
Brombeerholz. Es war eine Waffe, mit der jeder Heranwachsende nur
allzu gerne die Kriegerprüfung der drei langen Nächte der
Einsamkeit angetreten hätte.
Breaca nahm den Speer vom Waldboden auf. Waagerecht
auf ihren beiden Handflächen balancierend hielt sie ihn weit von
sich. »Eneit, das hier ist deiner, er ist genau passend für deine
Größe gearbeitet worden. Als der Ältere von euch beiden solltest du
auch als Erster werfen. Wenn die Träumer euch den Tag für eure
langen Nächte der Einsamkeit nennen, dann werdet ihr beide getrennt
voneinander ausgeschickt. Die Götter und euer Traum werden euch
wieder nach Hause führen. Solltet ihr aber beide zusammen
zurückkehren, dann werdet ihr die Speerprüfungen nach eurem Alter
geordnet beginnen. Du solltest also darauf vorbereitet sein, noch
vor Cunomar anzutreten.«
Geradezu befangen angesichts dieser ersten
Begegnung mit seinem neuen Speer, ließ Eneit seine Handfläche über
das Holz gleiten. Lanis’ Sohn war in so vielerlei Hinsicht das
genaue Gegenteil von Cunomar; sein Haar von der Farbe dunkler Eiche
wuchs lediglich eine Handbreit hinab, so dass er es sich, selbst
wenn das noch erlaubt gewesen wäre, niemals zu den an den Schläfen
hängenden Kriegerzöpfen hätte flechten können. Sein breites Gesicht
mit dem aufgeschlossenen Ausdruck war bereits von der schwachen
Frühlingssonne gebräunt, so dass seine Augen, sein Haar und seine
Haut alle von derselben Farbe zu sein schienen und lediglich
unterschiedliche Schattierungen angenommen hatten.
Das Einzige, was Eneit in seinem Leben Kummer
bereitete, war die Frage nach seiner Abstammung, doch er ertrug
diese Sorge wie alles andere auch mit der aus seinem Inneren
erwachsenden stillen Kraft. Lanis war eine Frau, mit der man sich
besser nicht vorbedachtslos anlegte; und von Anfang an hatte sie
ihrem Sohn jegliche Gesten der Auflehnung gegen den Feind
untersagt, das galt ganz besonders für seine Bestrebungen, von
Cunomar jene Fertigkeiten eines Kriegers zu erlernen, die ihn eines
Tages zum Mann machen würden. Doch aus seiner Sicht war dies in
erster Linie als die Vorschrift des Feindes zu verstehen und erst
in zweiter Linie als die seiner Mutter, so dass Eneit keinerlei
Gewissensbisse hatte, sich einfach darüber hinwegzusetzen; seine
Zweifel hatten eine ganz andere Ursache.
Noch immer ganz gefangen genommen von seinem Speer
sagte er: »Du weißt doch, ich habe noch nie einen Speer oder
irgendetwas anderes in dieser Art geworfen.«
Jeder andere Junge hätte sich dieses Mangels an
Erfahrung geschämt; Eneit aber sagte einfach nur die Wahrheit und
erwartete keineswegs, dafür verurteilt zu werden. »Ich weiß«,
entgegnete Breaca. »Wie solltest du auch? Es gab ja keinen Schmied,
um die Klingen herzustellen und ihnen ihre Seele einzuhauchen, es
gab auch keine Träumer, die das Speerheft hätten formen können, und
niemanden, der dich die Fertigkeiten eines Kriegers hätte lehren
können. Und dennoch hast du bereits die richtige Einstellung, um
einmal ein Krieger zu werden; denk immer daran, dass das eine
Prüfung des Herzens ist, nicht der Stärke oder der
Geschicklichkeit. Einen Speer ein Stück weit geradeaus werfen kann
jeder, darum geht es also nicht. Und jetzt nimm ihn. Ich werde es
dir zeigen.«
Die Spitze von Eneits Speer war nicht der
gestreckte Keil, den Breaca sonst schmiedete. Stattdessen war er
von der Form eines flachen Blattes mit einem gleichmäßigen, von der
Spitze bis hinab zum Hals der Klinge verlaufenden Schwung. Das Holz
des Heftes war schön gerade gewachsen und glatt und gut
ausbalanciert. Airmid hatte über dem Speer ihre Lieder erklingen
lassen, und Graine hatte das Muster geschnitzt, das sich wie
Salmschuppen bis zur Klinge hinabwand. Kein Lebender konnte diesen
Speer in den Händen halten und sich nicht im Innersten davon
berührt fühlen.
Eneit, der der Sohn einer Träumerin war, schwang
sich sein neues Geschenk auf die Schulter und schnappte dabei
unwillkürlich leise nach Luft, ganz so wie jemand, der unerwartet
von seiner Liebsten berührt wurde, und damit wusste Breaca: Die
Tage der Mühsal in der Schmiede und an der Drehbank waren es wert
gewesen.
Schüchtern blickte er zu Breaca hinüber.
»Danke.«
Es war leicht nachzuvollziehen, warum Cunomar
diesen Jungen so gerne mochte; in Eneits Gegenwart wurde der Morgen
plötzlich ein kleines bisschen wärmer.
Breaca lächelte. »Ich habe das wirklich gern
gemacht. Nicht jeden berührt die Seele eines Speers gleich beim
ersten Zusammentreffen. Aber das ist noch nicht die Prüfung. Du
sollst ihn nicht nur spüren, sondern du sollst deinen Verstand zum
Schweigen bringen, bis deine Seele gemeinsam mit dem Speer ihr Lied
erklingen lässt, als wären sie eins. Und dann musst du ihn
loslassen. Weißt du, wie man ihn halten muss, um ihn zu
werfen?«
Bereits sein erster Versuch verlief recht gut, und
Breaca zeigte ihm, wie man aufrecht stand, ohne dass es sonderlich
Kraft kostete. Ganz automatisch hatte Eneit die linke Hand benutzt,
so dass er auch seinen linken Fuß vorgeschoben hatte und der rechte
Arm locker herabhing. Breaca ließ ihn durch leichtes Wiegen den
Mittelpunkt des Speeres herausfinden, jenen Punkt, an dem der
Speer, auf Schulterhöhe gehalten, schwerelos zu sein schien und das
Endstück und die Spitze auf einer Ebene lagen.
»Gut.« Breaca trat einen Schritt zurück. »Und jetzt
werden wir warten. Du brauchst erst einmal Zeit, um den Lärm deiner
Gedanken zum Verstummen zu bringen, bis du den Gesang der Seele
deines Speers hören kannst. Cunomar und ich werden einen
Spaziergang durch den Wald machen, anschließend kommen wir wieder.
Und dann werden wir wieder fortgehen, und noch einmal, bis du es
schließlich nicht mehr wahrnimmst, ob wir gerade da sind. Ich sage
dir, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist und du den Speer
werfen sollst. Du zielst auf den Strohsack, aber du darfst nicht
versuchen, den Speer nach vorne zu schleudern, sondern lass ihn
einfach zum Endpunkt deiner Gedanken werden. Wenn dein Kopf frei
ist und deine Seele eins mit der Seele des Speers, wird er wie ganz
von allein fliegen und genau sein Ziel treffen. Du musst nichts
bewirken. Bring einfach nur die Stimme deiner Gedanken zum
Schweigen.«
Eneit grinste sie an. »Nur?« Er war Lanis’ einziger
Sohn. Sein ganzes Leben lang beobachtete er seine Mutter bereits
dabei, wie diese daran arbeitete, die Stimme ihrer Gedanken zum
Schweigen zu bringen.
Breaca klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Das
braucht in der Tat einige Übung, aber wir haben sehr viel Zeit.
Wenn es heute nicht passiert, dann gibt es schließlich auch noch
ein Morgen und ein Übermorgen und ein Überübermorgen. Versuch
nicht, irgendetwas zu tun, versuch nicht, irgendetwas richtig zu
machen, öffne dich einfach nur dem Lied des Speers.«
Auf Mona, als Kriegerin, hatte Breaca bereits
Hunderte auf ihre Speerprüfungen vorbereitet. Sie alle waren
trainiert und gut vorbereitet zu ihr gekommen und hatten bereits im
Alleingang gejagt, hatten Eber oder Damwild erlegt, ehe sie auch
nur das erste Mal an Breaca herangetreten waren. Alle hatten sie
die Speerprüfung für die einfachste der Kriegerprüfungen gehalten,
und langsam, über die Monate, hatte jeder Einzelne von ihnen
erfahren müssen, dass die Speerprüfung die schwierigste von allen
war.
Eneit dagegen war noch nie auf der Jagd gewesen und
hatte dabei ein Tier erlegt; er wollte es nicht. Und er hatte auch
noch nie einen Speer gehalten. Doch Eneit besaß einen wachen
Verstand und kannte die vielen Seitenpfade der Ablenkung. Breaca
wanderte mit Cunomar nicht sonderlich tief in den Wald hinein und
niemals außer Sichtweite. Während träge die Sonne am Himmel
emporstieg und der Schatten des Zielsacks kürzer wurde, beobachtete
sie, wie die Stille sich auf das Gesicht des älteren der beiden
Jungen legte und wie um seine Lippen ein schwaches Lächeln spielte.
Er verspannte sich nicht, er prüfte auch nicht die Richtung, aus
der der Wind kam, oder plante, in welchem Bogen er den Speer werfen
wollte, sondern beobachtete einfach nur das leicht bebende Heft und
horchte auf das Lied des Speers.
Breaca musterte ihn voller Bewunderung und mit
leichtem Bedauern; hätte man ihr nur einhundert seinesgleichen
gegeben, dann wäre der Krieg gegen Rom vielleicht schon
gewonnen.
Als sich in Eneits Gesicht keinerlei Regungen mehr
abzeichneten und sein linker Arm vollkommen entspannt war, trat
Breaca mit einer Speerlänge Abstand hinter ihn und sprach leise:
»Wirf!«
Der Speer beschrieb einen Bogen in der windstillen
Luft, hob sich einen knappen halben Meter empor und brach wiederum
einen knappen halben Meter nach links aus. Der Speer verfehlte den
Sack um Armeslänge und schlitterte über den grasbewachsenen
Waldboden. Eneits Gesicht verlor den vagen Ausdruck der aus der
Konzentration aufsteigenden Verzückung. »Ich habe ihn nicht
getroffen!«
»Aber Eneit, das war der beste erste Wurf, den ich
je gesehen habe«, widersprach Breaca, »und auf Mona habe ich zehn
Jahre lang die Krieger unterrichtet. Jeder kann ein Ziel auf
zwanzig Schritt Entfernung treffen. Aber nicht jeder kann
eintausend Herzschläge lang einfach nur still stehen, ehe er den
Speer wirft, geschweige denn sein Lied mit einer solchen Anmut
emporsteigen lassen. Das war wunderschön, wirklich. Wenn wir einen
Monat lang jeden Tag genauso konzentriert üben, dann kannst du am
Ende einen ganzen Vormittag lang still stehen und triffst auf
vierzig Schritt Entfernung.«
Eneits braune Augen weiteten sich, bis sie so groß
waren wie Kieselsteine. »Muss ich das auch in der Speerprüfung
machen?«
»Wenn wir uns genau an die Riten der Ahnen halten,
dann geht der Wurf über fünfzig Schritte, und vom Hals des Speers
hängen Krähenfedern, um den Wind einzufangen und damit die Bahn des
Speerflugs zu verändern. Die Ältesten lassen dich wohl kaum einen
ganzen Morgen lang warten, in der Welt des Kampfes aber könnten die
Römer dich mit Leichtigkeit zwingen, so lange auszuharren.«
Breaca sprach ebenso sehr an Eneit gewandt wie an
Cunomar. Ihr Sohn hatte die Übung mit immer größer werdender
Ungeduld beobachtet, als ob dieses Vorgehen völlig sinnlos und bloß
unnötig schwierig wäre. Ein Winter in Eneits Gesellschaft mochte
zwar sein Temperament ein wenig gezügelt haben, seine Geduld aber
verlor er so rasch wie eh und je, und noch immer lebte und atmete
er allein für das Recht, endlich seine langen Nächte in der
Einsamkeit erleben zu dürfen und die Speerprüfungen abzulegen,
welche Teil dieser Zeremonie waren.
»Wenn du im Hinterhalt wartest und der Feind sich
verspätet«, sprach Breaca, »musst du deinen Geist schließlich auch
stets klar und bereit halten können, trotz Regen und Insekten,
Stürmen und dem nahen oder auch weit entfernten Tod deiner
Waffenkameraden - bis der Feind endlich auch dich erreicht. Das ist
der Grund, weshalb die Prüfungen genauso angelegt sind, wie sie
sind; wir würden nichts von dir verlangen, was nicht auch im Kampf
von dir verlangt wird.«
»Vater hatte die Speerprüfungen von drei
unterschiedlichen Stämmen bestanden. Musste er bei jeder einen
halben Morgen lang warten?«
Cunomar hatte den davongeschleuderten Speer
aufgehoben und wieder zurückgebracht. Er stand dicht neben Breaca
und Eneit, wog den Speer in den Händen und suchte jene Seele, die
Eneit so rasch gefunden hatte.
»Bei der Speerprüfung, genauso wie im Kampf«,
erklärte Breaca, »ist jeder Wurf der erste und der letzte zugleich.
Was nun deinen Vater von den anderen unterschied, war in erster
Linie, dass er überhaupt das Recht verlangte, seine Prüfung gleich
bei drei Stämmen ablegen zu dürfen. Denn die meisten von uns sind
natürlich schon froh, wenn sie die Prüfung wenigstens einmal
bestanden haben.«
»Aber in den Geschichten, die man sich im Winter
erzählt, berichtet Dubornos stets, dass du nie aufgefordert worden
wärst, die Speerprüfung abzulegen. Ist das wahr?«
»Das ist es. Denn ich hatte vorher schon Feinde
getötet, genauso wie Cygfa; von uns wurde also nicht mehr verlangt,
die Kriegerprüfung abzulegen.«
In dem Augenblick, in dem die Worte über ihre
Lippen kamen, erkannte und bereute Breaca ihren Fehler auch schon.
Cunomars Stolz, der von jeher eine sehr zerbrechliche Sache gewesen
war, zerschmetterte am Felsen des Triumphes seiner
Halbschwester.
Er presste die Lippen zu einer dünnen, verkniffen
wirkenden Linie zusammen, die so gar nicht mehr an seinen Vater
erinnerte. »Auch ich habe schon getötet«, erwiderte er. »Ardacos
führt eine Strichliste darüber, so dass auch ich eines Tages, wenn
so etwas nicht mehr ›unstatthaft‹ ist, meine Kriegerfedern tragen
kann.« Er spie das Wort aus wie eine persönliche Beleidigung an
alle, die zugelassen hatten, dass fortan Rom die Gesetze aufstellte
und ihre Einhaltung überwachte.
Doch er war ihr Sohn; war er also arrogant oder
unwissend, so war auch sie sicherlich nicht ganz schuldlos daran,
dass er diese Entwicklung genommen hatte. In diesem Bewusstsein
antwortete Breaca: »Du hast aber noch keinen Menschen mit dem Speer
getötet. Und Tötungen mit dem Messer oder mit der Klinge eines
Schwertes erkennen die Riten der Ahnen nicht an, um einem an der
Schwelle zum Erwachsenen stehenden Jugendlichen die Speerprüfung
aus den Kriegerprüfungen zu erlassen.«
Wie alle Krieger der Bärin, so jagte auch Cunomar
mit dem Messer; denn zu den Dingen, durch die sich der Mut jener
Krieger bewies, gehörte unter anderem, dem Feind stets so nahe zu
kommen, dass man ihn mit kurzer Klinge töten konnte. Im Übrigen war
das auch der Grund, weshalb der Junge überhaupt so lange überlebt
hatte; selbst im wildesten Kampfgetümmel hatte er doch stets noch
andere der Bärin verschworene Krieger zur Seite gehabt, die ihn
abschirmten - und seine Opfer ablenkten. Hätte er dagegen jemals
mit dem Speer gekämpft, Mann gegen Mann, so wäre er dabei längst
umgekommen. Aber keine Mutter brachte es über sich, so etwas laut
zu sagen, und auch Breaca konnte nur das Schweigen für sich
sprechen lassen und warten.
Doch Cunomar hörte nicht auf das Schweigen.
Stattdessen sagte er: »Also gut, dann lasst uns doch mal sehen, ob
die Ahnen mich für genauso annehmbar halten wie Eneit.« Er nahm den
zweiten Speer auf, der genau auf seine Größe und seinen Arm
angepasst worden war. Das Heft war aus dunklem Eibenholz, und das
Endstück war aus dem Stamm der Zierhaselnuss gefertigt. Über die
gesamte Länge der Klinge verliefen die Zeichen der Krieger der
Bärin. Sehr behutsam und dabei geradewegs durch seine Mutter
hindurchstarrend ging Cunomar von dem Punkt aus, wo Eneit stand,
noch zehn Schritte weiter rückwärts.
»Ich habe schon Keiler mit einem Speer getötet«,
sagte er. »Das hat Ardacos mir beigebracht. Und da wäre es
gegenüber Eneit nicht gerecht, wenn ich aus der gleichen Entfernung
werfen würde wie er.«
»Cunomar, es geht doch nicht darum, dass...« Eneit
brach unvermittelt ab. Den ganzen Winter über war er bereits das
Opfer des Zorns seines Freundes gewesen; Eneit wusste also genauso
gut wie jeder andere, wie wenig logische Argumente fruchteten, wenn
ihnen der Stolz im Wege stand. Er schürzte flüchtig die Lippen,
zuckte mit den Schultern und ergänzte lediglich: »Dann denk an die
Wildgänse, die wir gestern beobachtet haben, und die Art, wie sie
geflogen sind. Mir hat das geholfen, die Stimme in meinem Kopf zum
Schweigen zu bringen und das Lied der Speerseele zu
verstehen.«
Eneit war ungewöhnlich weise für sein Alter, und er
empfand tief für Cunomar. Einst, vor langer Zeit und in einem ganz
anderen Zusammenhang, hatte die Ältere Großmutter einmal gesagt:
»Es ist die Sorge um das Wohlergehen der anderen, die einen Mann
ausmacht.« Wenn also irgendjemand diesem Anspruch gerecht werden
konnte, dann war es Eneit. Breaca betete sowohl für ihren Sohn als
auch für Eneit.
Cunomar hatte bereits die für den Wurf passende
Körperhaltung eingenommen sowie jenen Punkt gefunden, an dem sein
Speer im Gleichgewicht lag. Mit jeder einzelnen Faser seines
angespannten Körpers schien er sagen zu wollen, dass er von seiner
Mutter keinerlei Hilfe wünschte. Mit einem Nicken in Richtung von
Eneit, dass er ihr folgen solle, marschierte Breaca von der
Lichtung und ließ ihren Sohn allein, damit er sich auf die Suche
begeben konnte nach der Stille im Herzen seiner Seele.
Als Breaca eintausend Herzschläge später wieder
zurückkehrte, hatte Cunomars Anspannung noch kein bisschen
nachgelassen. Seine Miene war hart und verkniffen und die feinen
Außenlinien seiner Nasenflügel weiß vor lauter Verkrampftheit.
Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt, als ob die Sonne
seinen dahinter verborgenen Geist blendete. Und als Eneit auf ein
vertrocknetes Blatt trat und es unter seinem Fuß knisterte, zuckte
Cunomar zusammen, als ob eine Wespe ihn gestochen hätte.
Es hätte keinen Sinn gehabt, noch länger zu warten.
Genauso wie sie es auch bei Eneit getan hatte, trat Breaca mit
einer Speerlänge Abstand hinter Cunomar und sagte: »Wirf!« Doch
noch ehe sie das Wort ausgesprochen hatte, wusste sie bereits, dass
es zu früh war oder auch zu spät oder dass der richtige Zeitpunkt
ohnehin nie gekommen wäre.
Cunomar warf, als ob sein Leben davon abhinge. In
einer langen, flachen Bahn sauste der Speer vorwärts und sirrte
leise in dem Luftzug seines Fluges wie die Klinge eines Schwertes,
wenn man es schnell genug schwang. Die Spitze des Speers reckte
sich ein klein wenig empor, so dass von Anfang an klar war, dass
der Speer nicht den Strohsack treffen würde, doch er flog
geradlinig und schnell und prallte schließlich leicht an der Kordel
aus Rohleder ab, von der der Sack gehalten wurde, so dass das
eigentliche Ziel sich wirbelnd um seine eigene Achse drehte.
»Ja!« Jubelnd boxte Cunomar in die Luft. »Ich habe
nach der Kordel gezielt, wirklich, das habe ich, Mutter. Der Sack
war zu einfach, aber die Kordel war von dem Krieger der...«
Er hielt inne. Breaca war die Schmiedin, und wenn
ihre Speere starben, so hörte sie deren Sterbelied. Doch noch bevor
ihr Sohn sich zu ihr umgewandt hatte, hatte sie sich wieder so weit
in der Gewalt, dass ihr Gesicht einen vagen Ausdruck der
Anerkennung und der Wärme aufwies.
Eneit dagegen war weniger geübt darin, den Fluss
der Emotionen, der unter der Oberfläche seines Wesens verlief, zu
verbergen. Cunomar sah Eneit an und erblickte dort, wo doch
eigentlich Freude und Anerkennung hätten strahlen sollen, bloß kaum
verhohlenes Entsetzen. Auch Cunomar entglitten die Züge.
»Aber, Eneit, das ist doch ganz normal. Ich habe
doch schon mehrere Jahre mit dem Speer geübt. Und genauso, wie
Mutter dich unterrichtet, kann auch ich dir zusätzlich Unterricht
geben. Wenn wir einen Monat lang jeden Tag üben, dann weißt du
auch, wie es geht.«
Wie betäubt entgegnete Eneit: »Sie ist
entzwei.«
»Ist sie das? Das ist gut. Und ich dachte schon,
der Speer hätte die Kordel nur gestreift, als er vorbeiflog. Aber
wir können ja auch noch mehr von der Kordel holen. Wenn wir fortan
beide trainieren, brauchen wir ohnehin einen zweiten Sack. Heb
deinen Speer auf, dann probieren wir es beide noch einmal.«
»Nein, Cunomar. Du kannst es nicht noch einmal
versuchen. Deine Speerklinge ist entzwei.«
Eneit war der Sohn einer Träumerin. Und er war in
einem Land aufgewachsen, in dem das Träumen verboten war und mit
der Kreuzigung bestraft wurde. Dennoch kannte er die Wege, die zu
den Träumen und Visionen führten, und auch mit den zentralen
Aussagen der Lehren der Ahnen war er bereits so gut vertraut, wie
es die meisten Jugendlichen in seinem Alter noch nicht von sich
behaupten konnten. »Der Speer ist deine Seele«, erklärte er mit
sanfter Stimme. »Wir müssen die Stücke aufsammeln und sie wieder
heilen, ansonsten wird auch dein Herz zerbrechen.«
Ein Jahr - ein halbes Jahr - zuvor hätte Cunomar
angesichts eines solchen Erlebnisses seinen Schmerz noch in Form
von Zorn zum Ausdruck gebracht, hätte seine Schuld in
Anschuldigungen umgemünzt, hätten seine Enttäuschung und sein
verletzter Stolz sich in beißenden Sarkasmus verwandelt, mit denen
er schließlich alle anderen aus seiner Nähe vertrieben hätte.
Breaca beobachtete, wie die ersten Wogen dieses
Verhaltens erneut in ihm aufstiegen; er starrte an Eneit vorbei
geradewegs zu seiner Mutter, und hart stach der Vorwurf aus seinen
Augen hervor. »Cunomar...«
Mehr brauchte sie gar nicht zu sagen. Ihr Sohn
hatte bereits von ganz allein den Blick gesenkt. Für einen Moment
starrte er stumm und mit gerunzelter Stirn auf den Waldboden
hinunter. Als er den Blick wieder hob, trat hinter dem Kind, das
das Lied der Speerseele doch nie verstände, zum ersten Mal deutlich
der Mann hervor, der es eines Tages durchaus würde hören können.
Cunomar hob die beiden Teile der zerbrochenen Klinge auf und hielt
sie Breaca hin. »Kann man die wieder zusammenfügen?«, fragte
er.
Danke!, sprach Breaca in Gedanken an die
Seele ihres Sohnes gewandt, sprach sie zu dem lauschenden Geist der
Träumerin der Ahnen, zu Nemain, zu Briga, einfach zu allen, die
zusahen und mithörten und die die Bedeutung dessen ermessen
konnten, was sich hier gerade ereignet hatte.
Laut erwiderte sie: »Aber natürlich. Ich brauche
dazu vielleicht zwei Tage, aber ich kann die Klinge wieder
zusammenfügen. Und das nächste Mal mache ich sie etwas stärker, so
dass sie selbst einen Fels aufspalten kann.«
Cunomar nickte, noch immer leicht verunsichert.
Doch wo Graine und Cygfa sich womöglich in der zerbrochenen Klinge
verloren hätten und in der Frage, welche Bedeutung dies wohl für
sie haben mochte, war Cunomars Aufmerksamkeit bereits
weitergewandert zu dem versprochenen Ziel.
»Und was machen wir, während wir warten?«, fragte
er. »Wenn wir zu Mittsommer die Prüfung unserer drei langen Nächte
in der Einsamkeit ablegen sollen, dürfen wir jetzt keine Zeit mehr
verschwenden.«
Er war ihr Sohn. Und was sie geschaffen hatte,
konnte sie nun nicht mehr ändern, sie konnte ihm nur dabei
behilflich sein, auf den Grundlagen, die ihm gegeben worden waren,
aufzubauen.
Breaca nickte und erwiderte: »Du bist einer der
Krieger der Bärin. Du könntest Eneit beibringen, wie man eine
Fährte verfolgt. Außerdem könntet ihr mit den hölzernen Schwertern
weiterüben. Bleibt aber im Wald und gebt Acht, dass ihr nicht
beobachtet werdet. Wenn Lanis euch findet, zieht sie euch das Fell
über die Ohren, und sie ist eine bessere Fährtenleserin als die
meisten Römer. Solange ihr also außer Reichweite von Lanis bleibt,
seid ihr in Sicherheit.«
Kreuz und quer über die Lichtung schallte das
Krachen von aufeinander prallenden Klingen und schreckte die
dösenden Raben auf. Die Wucht des Hiebes wogte durch Cunomars Arm
hindurch und betäubte ihn geradezu. Er vernachlässigte seine
Deckung und sog durch zusammengebissene Zähne einmal scharf die
Luft ein.
»Eneit, wach auf. Du musst deine Klinge höher heben
und sie genau diagonal zu der Bahn des gegnerischen Hiebes halten.
Hätte ich ein echtes Schwert, wärst du jetzt tot.«
»Nicht, wenn auch ich ein echtes Schwert hätte.«
Eneit grinste vergnügt. »Dann hätte ich dich nämlich abgewehrt - so
-, und dann hättest du das Gleichgewicht verloren, und ich wäre
dann so gekommen...« Eneit sprang vor, und mit einer kräftigen
Hebelbewegung bohrte er die Spitze seines Übungsschwerts unter
Cunomars Brustkorb. Keuchend krümmte dieser sich vornüber.
Eneit wich außer Cunomars Reichweite zurück, und
seine braunen Augen leuchteten. »Siehst du? So hätte ich dich
getötet.«
Grinsend stand er da, die Hände in die Hüften
gestützt. Zwei Tage waren verstrichen seit dem unglückseligen
Speerwurf. Doch Cunomar und Eneit waren noch jung, und falls die
Schatten des Schicksals Eneit Sorgen bereiten sollten, so hielt er
seine Besorgnis zumindest gut verborgen. Im Augenblick jedenfalls
stand er fest auf beiden Beinen im Herzen des Waldes, vor ihm sein
Freund, und seine Augen leuchteten im Vorgefühl des Sieges.
Cunomar tat seinen ersten tiefen Atemzug seit dem
Hieb, richtete sich wieder auf und ließ die Hände von seinem Bauch
sinken.
Eneit schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Gut.
Ich dachte nämlich fast schon, du wärst wirklich tot. Nun komm,
lass uns weitermachen. Wir haben doch noch gar nicht richtig
angefangen. Damit haben wir also beide bereits einen tödlichen Sieg
errungen, und meiner war sogar ein echter; dein Sieg über mich war
ja nur gespielt. Ich fordere dich also erneut heraus. Sieger ist,
wer von fünf Schlägen die besten erzielt - und diesmal kämpfen wir
richtig, nicht dieses unausgegorene Üben.« Er hob sein hölzernes
Schwert zum Gruße.
Das war ein faires Angebot. Noch vor drei Tagen
wäre Cunomar bereitwillig darauf eingegangen, doch in seinem
Inneren begann bereits die bei den ersten Lektionen im Speerwerfen
gewonnene Einsicht zu reifen und zeigte ihm jenen Ort, an dem
unbesonnene Torheit für gewöhnlich den echten Mut verdrängte. Es
war nur eine sehr feine Grenze zwischen den beiden, und nicht immer
war sie klar zu erkennen, doch in diesem Augenblick spürte er sie.
Cunomar schüttelte also den Kopf. »Nein, wir sollten jetzt
aufhören. Es ist schon nach Sonnenaufgang; sonst hört uns noch
irgendjemand.«
»Du meinst, sonst hört uns meine Mutter, und du
hast Angst vor ihr.«
»Eneit, vor deiner Mutter würde sich doch jeder
fürchten, der auch nur halbwegs bei Verstand ist. Selbst
Ardacos hat Angst vor deiner Mutter, und der hat bereits
eine Bärin besiegt, die ihre Jungen verteidigte. Und du und ich
gehören ja noch nicht einmal zu den Bärentänzern, und selbst wenn
wir dazugehörten, glaube ich, sollten wir in Gegenwart der
Rabenträumerin, die dich immerhin geboren hat, trotzdem nur ganz
vorsichtig zu Werke gehen.«
Cunomar bückte sich und schob sein hölzernes
Schwert in ein Futteral aus Öltuch, das am Rande der Lichtung lag.
Den halben Winter hatte er damit zugebracht, dieses Schwert zu
schnitzen, und er war stolz auf das Ergebnis. Es glich in Länge und
Austarierung des Gewichts dem Schlangenschwert seiner Mutter, bis
auf die leere Fläche am Heft, die erst dann gefüllt werden würde,
wenn er seine langen Nächte in der Einsamkeit absolviert und sein
Traumsymbol gefunden hatte. Eneits Waffe, die Cunomar als ein
Geschenk für seinen Freund schon eher angefertigt hatte, war etwas
schlanker, und an der einen Seite der Klinge fehlte bereits ein
kleines Stück. Auch dieses Schwert wartete noch auf ein Symbol auf
dem Knauf.
Eneit aber war noch nicht gewillt, den Morgen schon
wieder ausklingen zu lassen. »Hast du schon mal von Sinochos
gehört, dem Krieger, der Dubornos’ Vater war?«, fragte er.
»Wie könnte ich von dem noch nicht gehört haben? Er
hat damals gemeinsam mit Mutter in der Invasionsschlacht gekämpft,
und dann wurde ihm noch ein zweites Mal Ehre zuteil, als er an der
Schlacht an der Salmfalle teilnahm und die Eceni eine ganze
Zenturie von Römern samt zwei Flügeln ihrer gallischen Kavallerie
besiegten. Ich könnte die Lieder seiner Schlachten im Schlaf
singen. Wahrscheinlich tue ich das sogar.«
»Ist mir aber noch nicht aufgefallen.« Eneit nahm
einen grünen Zweig, kaute ein wenig darauf herum und reinigte sich
dann mit den zerfaserten Enden die Zähne. »Hast du denn auch
gehört, wie er gestorben ist?«
»Sinochos? Ich wusste gar nicht, dass er tot ist.«
Die eingewickelten Klingen lagen am Rande der Lichtung in einer
Kuhle. Cunomar ging in die Hocke und begann, das Loch mit dem Sand
aufzufüllen, aus dem der Waldboden bestand, und mit dem schwarzen,
bröckeligen Lehm, der den Boden bedeckte.
Eneit wählte seine Worte mit Bedacht. »Es war nach
der Schlacht an der Salmfalle. Sinochos und seine Ehrengarde
kehrten gerade nach Hause zurück und sahen, wie die Römer sämtliche
Schwerter der Stammesangehörigen zerbrachen, um sie auf diese Weise
davon abzuhalten, noch weiter als Krieger zu kämpfen. Sinochos
erkannte die ersten Anfänge der Sklaverei und schwor sich, niemals
als Sklave zu leben. Er nahm seine drei besten Krieger mit, und
gemeinsam versteckten sie die Schwerter, die schon seit sieben
Generationen in ihren Familien waren. Dann ging er zurück ins Dorf
und kämpfte mit seinen bloßen Händen gegen die Römer. Er tötete
drei von ihnen, ehe sie ihn erhängten.«
Cunomar ließ sich zurück auf die Fersen sinken und
starrte unbeweglich geradeaus. »Sinochos versteckte die Klinge
seiner Ahnen, ehe die Römer sie zerbrechen konnten?«, fragte
er.
»Ja.«
»Und willst du mir damit etwa sagen, dass du weißt,
wo sie ist?«
»Ja.«
Schweigen trat ein. Cunomar spürte, wie sich sein
Gesicht vom Hals an langsam rötete. Ardacos sagte stets, dass
Cunomar seine Emotionen zu offen zeigte. In Gegenwart von Eneit war
ihm dies jedoch egal. Eneit war jener eine Mensch auf der ganzen
Welt, der Cunomars Herz und dessen Sehnsüchte in- und auswendig
kannte; was letztlich auch der Grund war, weshalb Eneit ihm dieses
Geheimnis überhaupt anvertraut hatte.
Mehr als alles andere, mehr noch, als die
Speerprüfung zu bestehen oder zu lernen, wie man einen ganzen
Vormittag lang unbeweglich in einem Hinterhalt lag, träumte Cunomar
davon, in einer Schlacht das Schwert seiner Ahnen schwingen zu
dürfen - und durfte es doch nicht, denn in dem Grabhügel, wo die
Waffen versteckt worden waren, war ihm der Geist seines Großvaters
erschienen und hatte es verboten.
Die Worte, die in jenem Moment zwischen Eneit und
Cunomar schwebten, brauchten nicht mehr laut ausgesprochen zu
werden. Ich biete dir eine Klinge, die mit der Geschichte deines
Stammes verwoben ist und die nicht vom Geist deines Großvaters
verflucht wurde. Mit der Aussicht auf diese Belohnung wirst du es
schaffen, deine langen Nächte der Einsamkeit durchzustehen - wenn
die Träumer dir endlich die Erlaubnis dazu erteilen -, und als ein
wahrer Krieger wieder nach Hause zurückkehren.
Cunomar schrie erfreut auf und warf eine Hand voll
feuchten Lehm nach seinem Freund, und die Vögel schreckten ein
zweites Mal hoch. »Eneit nic Lanis, du bezeichnest dich als mein
Freund, und trotzdem hast du sieben Monate gewartet, ehe du mir das
erzählst? Bist du des Lebens etwa schon so überdrüssig
geworden?«
»Nein.« Über Eneits Gesicht breitete sich das für
ihn so typische träge, breite Grinsen. »Aber ich wusste doch nicht,
wie viel dir so ein Schwert bedeutet, bis der Schnee zu hoch lag,
als dass wir noch hätten losgehen und nach den Waffen hätten
schauen können. Und eins kann ich dir versichern: Wenn uns dahin,
wo die Klingen liegen, einer folgt, wäre uns das ganz und gar nicht
recht.«
Eneit war plötzlich sehr ernst, und in seinen Augen
lag ein ungewohnter Ausdruck der Vorsicht. Als Cunomar dies sah,
fragte er: »Liegen die Schwerter etwa in einem der Grabhügel der
Ahnen? Einem Grabhügel aus Stein, mit Gras überwachsen, so dass er
aussieht wie ein lang gezogener Wall?«
Eneits Grinsen erstarb. »Woher weißt du das?«
»Ich bin schon einmal in so einem drin gewesen.«
Mit dem Fuß schob Cunomar einige trockene und mit Schlamm
überzogene Blätter über die Stelle, an der sich die hölzernen
Schwerter verbargen. Cygfa und Dubornos würden sie wahrscheinlich
aufspüren können, Ardacos und die Bodicea sogar ganz gewiss, aber
von den Römern wüsste keiner, wo er zu suchen hätte. Blinzelnd hob
Cunomar den Blick zur Sonne empor, wägte im Stillen seine Angst und
seine Leidenschaft miteinander ab und musste feststellen, dass die
Leidenschaft die Angst weit überwog. Ardacos hatte immer gesagt,
dass das Kennzeichen eines wahren Bärenkriegers die Fähigkeit sei,
das Geschenk der Götter so entgegenzunehmen, wie man es bekam, und
später nicht zu klagen, wenn man die günstige Gelegenheit ungenutzt
hatte verstreichen lassen.
Er spürte, wie der Entschluss in ihm reifte, und
entgegnete langsam: »Der Schnee ist geschmolzen; auf diese Weise
wird also schon mal keiner mehr unseren Spuren folgen können.
Außerdem werden wir nach Art der Bärinnen wandern, und sollten wir
auf dem Weg irgendjemandem begegnen, dann geben wir auf und kehren
sofort wieder um. Wir müssen uns genauso verhalten, als befänden
wir uns im Krieg. Denn wenn die Römer uns mit Waffen antreffen,
wird auch Tagos sie nicht mehr davon abhalten können, uns zu
erhängen.«
»Ich weiß.« Eneit lachte. »Und wenn uns vorher
meine Mutter findet, können die Römer froh sein, wenn sie dann
überhaupt noch irgendetwas finden, das sie aufknüpfen können.« Er
spuckte einmal in seine Hand und streckte sie Cunomar entgegen.
»Wir werden nach Art der Bärinnen wandern. Dann kann uns keiner
mehr aufspüren, außer Ardacos und vielleicht noch Cygfa. Und da ich
den Weg kenne, muss ich vorausgehen. Du folgst also meiner Spur.
Schließ die Augen, und sing das Lied des gefallenen Kriegers. Wenn
du fertig bist, bin ich verschwunden. Und ich wette mit dir um
einen neuen Schwertgurt, dass du mich nicht erreichst, ehe wir am
Grabhügel angelangt sind.«
Eneit hatte seine Lektion gut gelernt. Er
hinterließ keinerlei Spur, der ein ungeübtes Auge noch hätte folgen
können. Die Fährte, die er legte, war vielmehr so schwach, dass
Cunomar dankbar war für die zwischendurch eingestreuten Hinweise,
die frisch abgebrochenen Zweige und aus der Erde gescharrten
Steine, und, einmal, sogar ein im Boden steckender, abgestorbener
Zweig, der bewusst so platziert worden war, dass er Cunomar die
Richtung anzeigte.
Jäger und Gejagter verließen den Wald und liefen
auf das offene Marschland hinaus. Eneit kannte dieses Land von
Geburt an. Er war in der Tiefebene zu Hause, wo nur der im Frühjahr
blühende Stechginster die gerade Linie des Horizonts verwischte und
fester Boden ohne jede Vorwarnung in Moor überging, in dem ein
Unvorsichtiger nur zu leicht untergehen konnte.
Cunomar lag flach hinter einem Büschel Schilfrohr
am Rande eines ruhigen Gewässers und suchte die Umgebung nach
Bewegungen ab. Einen Steinwurf weit entfernt graste eine Gruppe von
Stuten und säugte ihre Fohlen. Vor dem fast weißen Himmel hob sich
ein in Keilformation fliegender Schwarm von Wildenten ab. Ein
Bussard strich im Tiefflug über das Marschland hinweg. Dann machte
er eine plötzliche Seitwärtsbewegung, um ein Beutetier zu
ergreifen. Wo eben noch der Vogel zu sehen gewesen war, stoben
plötzlich Federn auf, und kurz darauf schwang sich der Bussard mit
einer Taube im Schnabel wieder in die Lüfte empor.
Hätte Cunomar nicht diese Szene beobachtet, so wäre
ihm auch die weiche, rollende Bewegung nicht aufgefallen, die sich
als ein Körper entpuppte, der über ebenen Boden glitt und in eine
Kuhle hinein. Offenbar war das Land doch nicht so flach, wie
Cunomar gedacht hatte. In seiner Brust züngelte eine kleine Flamme
der Befriedigung auf, und er suchte nach Wegen, auf denen er sich
der Kuhle nähern konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen - und fand
doch keinen. Ardacos’ Lehre angesichts solcher Gegebenheiten war
unmissverständlich; wenn es keine Möglichkeit gab, sich zu bewegen,
ohne gesehen zu werden, dann musste sich eben alles andere bewegen,
um einen selbst zu verbergen.
Zu diesem Zweck trug Cunomar in einem Lederbeutel
an seinem Gürtel stets eine Hand voll Kiesel bei sich. Um
Bewegungsraum zu gewinnen, duckte er sich noch tiefer hinter das
Grasbüschel, dann riss er den Arm zurück und warf in hohem Bogen
einen runden Flusskiesel, mit dem er nach einer kleinen, rotbraunen
Stute zielte, deren Fohlen das jüngste und damit auch das
verletzlichste der in der Nähe grasenden Gruppe war. Er zählte bis
fünf, ehe der Stein aufschlug und sie mitten in die Flanke traf,
dann wartete er noch zwei weitere Herzschläge, bis alle acht Stuten
sich in vollem Galopp befanden und mit den Fohlen an ihren Seiten
über das Marschland schwärmten. Das Donnern der Hufe wiederum
schreckte einige schlafende Vögel aus dem Riedgras auf, die sich in
spiralförmigem Flug in den Himmel erhoben.
Die Bewegung war von rechts gekommen. Also rannte
er nach links, machte dann wie ein Hase plötzlich kehrt, rannte
wieder in die entgegengesetzte Richtung und sprang schließlich in
die flache Kuhle, in der Eneit lag und nach den Pferden Ausschau
hielt. Cunomar landete zwar knapp daneben, schlug aber trotzdem mit
der Faust zu, als ob er eine Waffe in der Hand hielte, und keuchte
mit einem schmerzenden Atemzug: »Ich hab dich!«
Der Schlag, der ihn daraufhin traf, erreichte ihn
von hinten. Ein Stock hieb ihm hart geradewegs unter die Rippen,
quetschte seine Nieren und raubte ihm damit zum zweiten Mal an
diesem Morgen den Atem. Vor seinen Augen verschwamm alles und
wechselte in ein tiefes Rot über, in dessen Mitte kleine,
orangefarbene Wirbel tanzten. Für einen Moment glaubte Cunomar, er
müsse sich übergeben. Über seinem Kopf hörte er eine glückliche,
jubelnde Stimme rufen: »Das dürfte ja wohl ein Irrtum sein,
Bärenmann! Ich habe dich!«
Hustend und ächzend rollte Cunomar sich auf den
Rücken. Neben seinen Fußgelenken stand nackt und grinsend Eneit, in
der Hand ein Stück einer knorrigen Stechginsterwurzel. Vor Cunomar
lag lediglich Eneits Tunika, ausgestopft mit ausgerissenem
Schilfgras, und am Hals des Kleidungsstücks ein Klumpen umgedrehter
Moorboden, dessen Wurzeln kunstvoll genau so arrangiert waren, dass
sie wie Eneits Schopf wirkten.
»Ich bin zutiefst betrübt«, erklärte sein Freund in
ernstem Tonfall. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du der Ansicht
bist, mein Kopf sähe nach einer Hand voll Sumpfgras aus.«
Die Worte verteilten sich in der Luft, doch nur
stückweise sank ihre Bedeutung zu Cunomar hinab, der sie mit
gerunzelter Stirn erst wieder zusammensetzen musste. Schließlich,
noch immer nach Atem ringend, begann er zu lachen. Es war lange
her, seit er das letzte Mal gelacht und dabei echte Fröhlichkeit
empfunden hatte. Mit leisem Stechen stieg ein verkrampftes,
ungewohntes Bellen der Belustigung aus seiner Brust auf, wurde zu
einem unkontrollierbaren Wesen, das mit jedem Atemzug erneut
schmerzte, das über das Marschland hinausrollte, lauter als die
langsam wieder zum Stehen kommenden Pferde und tiefer als die
schrillen Rufe der Vögel, so dass Cunomar schließlich flach auf dem
Rücken lag, hilflos wie ein Katzenjunges, und erschöpft kicherte,
während Eneit ihn nur schweigend beobachtete und sich spöttisch
amüsiert gab.
Der Himmel war nicht länger von dem blassen Grau,
in dem er sich zuvor noch gezeigt hatte, sondern ließ nun einen
ersten Schimmer von Blau erkennen. Der Torfboden unter Cunomars
Rücken war warm und elastisch und erfüllt von den Gerüchen nach
Sand und Riedgras und stehendem Wasser. Seine Brust schmerzte, und
seine Nieren hatten ein wenig Schaden genommen, doch da war auch
diese gewisse Wärme, die sich in seinem Bauch ausbreitete und die
er seit seiner frühesten Kindheit nicht mehr gespürt hatte, und
vielleicht noch nicht einmal da. Langsam reifte in ihm die
Erkenntnis heran, dass dies der erste Augenblick in seinem Leben
war, in dem er wirklich glücklich war, und er wollte diese
Empfindung voll auskosten und auf keinen Fall zerstören, und ganz
bewusst beschloss er, die Ursachen dieses Gefühls besser nicht zu
hinterfragen.
Die Welt wurde ruhiger und ein klein wenig
einfacher. Cunomar atmete einmal tief durch und stemmte sich auf
einen Ellenbogen hoch. Eneit, der sich zwischenzeitlich wieder
angezogen hatte, saß auf dem kleinen Wall, einen Ellenbogen auf
sein Knie gestützt. Es war schon eine kleine Weile her, dass er
aufgehört hatte zu grinsen, und nun betrachtete er seinen Freund
einfach nur. Eneits flächiges, offenes Gesicht strahlte eine
Intelligenz aus, die er oftmals nur mühsam verbergen konnte.
Cunomar setzte sich auf. »Danke«, sagte er.
Eneit zuckte mit den Schultern. »Du brauchst dich
nicht zu bedanken. Ich hätte das doch gar nicht gekonnt, wenn du es
mir nicht vorher beigebracht hättest.«
»Ich habe dir doch nicht beigebracht, mich zum
Lachen zu bringen.«
»Nein. Aber ich habe dich ja auch nicht zum Lachen
gebracht. Das warst du ganz allein.« Der Junge zog einen
Grasstängel aus dem Boden, untersuchte das untere Ende, kaute ein
wenig darauf herum, zog dann feinsäuberlich das frische, grüne
Innere heraus und hinterließ lediglich eine leere Hülse. »War aber
trotzdem schön, dich endlich mal von Herzen lachen zu sehen.
Hattest dir ja auch ganz schön viel Zeit damit gelassen.«
»Ja.«
Sie saßen eine Armeslänge voneinander entfernt,
vielleicht auch ein wenig mehr, doch keiner versuchte, die Kluft zu
überbrücken. Sie saßen einfach nur schweigend beieinander, in einem
Schweigen, das nun sogar noch mehr Gewicht besaß als zuvor, während
der Morgen und eine große Ruhe sich über das weite Marschland
legten. Einen Speerwurf entfernt neigten die Stuten die Köpfe
wieder zum Boden hinab, und die Fohlen saugten an den mütterlichen
Zitzen, bis sie sich von der Herde lösten und miteinander spielten.
Schließlich, als Cunomar die Tiere eine ganze Weile beobachtet
hatte und der Wirrwarr der Gedanken in seinem Kopf sich noch immer
nicht beruhigen wollte, schaute er in den Himmel hinauf und stellte
fest, dass die Luft über ihm wieder fast leer war und er lediglich
noch einen Bussard sah, der in trägen Kreisen vor dem blauen Himmel
schwebte.
Er verspürte das Bedürfnis, mit Eneit zu sprechen,
und wusste doch nicht, was er sagen sollte, so dass er schließlich
fragte: »Würdest du dir den als dein Traumsymbol wünschen, wenn er
dir in deinen langen Nächten der Einsamkeit begegnete?«
»Wen?« Eneits Stimme klang irgendwie abwesend, als
ob sie aus weiter Ferne zurückkehrte.
»Den Bussard. Würdest du dir den als dein
Traumsymbol in deinen langen Nächten der Einsamkeit
wünschen?«
»Warum? Um ihn mir auf den Knauf eines kaputten
Holzschwertes zu schnitzen?«
Doch Eneit grinste nicht. Schwer lagen die Lider
über seinen Augen, und dieses eine Mal war ihr Ausdruck nicht zu
entschlüsseln. Als Cunomar nicht antwortete, legte er sich neben
ihn und stützte sich ebenfalls auf den Ellenbogen auf.
Nicht ein einziges Mal während des gesamten Sommers
hatte er Cunomars Besessenheit von den Ritualen der Krieger und dem
Übertritt in das Leben eines Erwachsenen in Frage gestellt. Jetzt
aber fuhr er leise fort: »Deine Mutter hat mich gelehrt, das Lied
der Speerseele zu vernehmen, und du hast mir beigebracht, das
Schwert wie ein Mann zu führen. Durch beides habe ich ein völlig
neues Leben für mich entdeckt. Und wenn der Augenblick schließlich
kommt - falls er kommt -, werde ich so viele Römer töten, wie ich
nur kann, ehe sie mich töten. Aber ich weiß, am Ende werden
sie mich töten, denn egal, wie sehr ich mich auch darum bemühen
mag, die Stimme in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen, egal, wie
hart ich vor Sonnenaufgang mit meinem hölzernen Schwert im Wald
auch übe, werde ich doch niemals so viel Erfahrung in echten
Kämpfen gewinnen können wie sie. Wozu brauche ich also noch einen
Traum, Cunomar mac Caradoc, Sohn der Bodicea? Bringt der mich dem,
was ich mir wirklich wünsche, denn auch nur einen Deut
näher?«
Mit einem Mal nahm das zarte Gespinst, aus dem der
Morgen zu bestehen schien, eine andere Struktur an, wurde zu grob
und zu ernst, wo es zuvor noch schlichtweg vollkommen gewesen war
und eine einfache Freundschaft geherrscht hatte. Und in Cunomars
Welt, die lediglich aus schwarzen und weißen Tatsachen bestanden
hatte, waren plötzlich zu viele Ungewissheiten aufgetaucht. Er
starrte auf seine Hände hinab, dann zu dem Bussard hinauf und
schließlich wieder hinunter auf seine Hände, nicht jedoch in Eneits
Richtung. Vor seinem geistigen Auge manifestierte sich das Bild
einer zerbrochenen Speerklinge, und in Gedanken hörte er wieder
Eneits Stimme, die ihm sagte, dass sein Herz bräche, würde die
Waffe nicht wieder zusammengefügt. Cunomar wollte erwidern, dass
seine Mutter praktisch alles wieder zusammenfügen könne, doch die
Worte wollten einfach nicht über seine Lippen kommen.
Und plötzlich, als der Druck des Schweigens zu
schwer auf ihm zu lasten begann und er ganz einfach den Klang
seiner eigenen Stimme hören musste, fragte er: »Und warum haben wir
uns dann auf den Weg zum Grabhügel der Ahnen gemacht, wenn nicht
deshalb, um dir die Suche nach deinem eigenen Traumsymbol ein wenig
zu erleichtern?«
Eneit atmete langsam und deutlich hörbar durch die
Nase aus. Nach einer Weile entgegnete er: »Natürlich um dein
Traumsymbol zu finden. Oder zumindest, um dir Sinochos’ Schwert zu
holen. Damit deine Mutter eine Waffe hat, die sie dir nach deinen
langen Nächten in der Einsamkeit und den Speerprüfungen überreichen
kann - wenn dir die Träumer dafür denn endlich mal den passenden
Zeitpunkt nennen wollen und du die Prüfungen auch tatsächlich
bestehen solltest.«
Seine Stimme verlor ihre Härte und nahm stattdessen
wieder jenen melodischen, leicht singenden Tonfall an, den Eneit
von seiner Mutter, der Träumerin, geerbt hatte. Etwas sanfter fügte
er hinzu: »Du vergisst, dass ich schließlich nicht auf Mona
aufgewachsen bin. Ich habe noch nie gesehen, wie jemand nach seinen
langen Nächten in der Einsamkeit wieder nach Hause zurückkehrt -
den Sonnenaufgang im Rücken und in den Augen seinen ganz
persönlichen Traum. Ich habe auch noch nie eine Kriegerschule
gesehen oder habe hoch auf den Klippen über einer Schlacht gethront
und bin Zeuge von Heldentaten geworden, die noch mehr als tausend
Jahre in den Liedern weiterleben werden. Ich habe in einer anderen
Welt gelebt, und die Dinge, die ich mir wünsche, sind ebenfalls
andere. Wir alle haben unsere Träume. Du und ich müssen aber
erkennen, dass unsere Träume uns nicht an den gleichen Ort führen
werden. Und nun komm...« Er stemmte sich hoch und trat Cunomar
genau auf dessen eine Fußsohle. »Steh auf. Du schuldest mir einen
Schwertgurt. Und in der nächsten Bodensenke liegt auch schon der
Grabhügel. Wenn du wieder Kraft genug hast, um zu gehen, beschaffen
wir dir ein Schwert mit einer Geschichte, auf die man stolz sein
darf. Wollen wir doch mal sehen, ob das den Träumern nicht einen
kleinen Anstoß versetzt, dir endlich den Zeitpunkt für deine langen
Nächte der Einsamkeit zu nennen.«
Das Ahnengrab war nur halb so groß wie jener
Grabhügel, in dem die Bodicea und ihre Krieger ihre Waffen
versteckt hatten. Es war flach und kreisförmig, halb unter dem Sand
verborgen, und in den Spalten zwischen den Steinen hatte sich Gras
eingenistet, so dass man das Grab selbst aus der Nähe nur schwer
von dem umliegenden, mit Gras bewachsenen Gelände unterscheiden
konnte. Der Eingang war ein ehemals rechteckiges Loch. Durch die
Witterung und die Menschen, die sich im Laufe der Zeit alle dort
hindurchgezwängt hatten, waren die Ecken abgerundet und die Seiten
geschliffen worden, so dass die Öffnung nunmehr fast eine
kreisrunde Form hatte.
Einfach nur einmal hineinzuschauen und dann wieder
umzukehren stand jetzt nicht mehr zur Diskussion. Eneit ging
voraus, Cunomar folgte ihm. Die Öffnung führte nicht unmittelbar zu
einem Gang, so wie es in dem anderen Grabhügel gewesen war, sondern
öffnete sich vielmehr in gähnende Leere hinein. Ein jeder, der hier
eintreten wollte, musste sich also erst einmal hinknien und sich
dann, vertrauensvoll, abstoßen, um sich das letzte Stück bis
hinunter auf den Boden fallen zu lassen.
Doch man fiel nicht so tief, wie Cunomar bereits
befürchtet hatte, sondern bis hinunter auf den Boden war es weniger
als eine Speerlänge. Etwas unsicher kam er auf dem Steinboden auf,
umfangen von Dämmerlicht und Kälte, an einem Ort, an dem Schatten
den Raum größer erscheinen ließen, als er eigentlich war, und der
bei seiner Landung entstandene Luftzug für einen Moment den Staub
der verstorbenen Ahnen aufwirbelte.
Die Toten in diesem Grab hießen die Eindringlinge
auch nicht herzlicher willkommen als jene in dem ersten Ahnenhügel.
Cunomar nahm die Ungeduld der Vorfahren als ein leichtes Vibrieren
in der Bauchgegend wahr. Nun erinnerte er sich auch wieder an
Eneits Angst. Lanis’ Sohn stand unmittelbar unter der Öffnung in
der Decke des Grabhügels, die Augen weit aufgerissen und mit einem
bangen Lächeln auf den Lippen.
»Bist du schon mal hier drinnen gewesen?«, fragte
Cunomar.
»Nein.« Eneit trat einen Schritt aus dem Licht
heraus und fuchtelte, nach den Wänden tastend, mit einem Arm vor
sich her. »Bis du kamst, bestand schließlich noch kein Grund, um
sich auf die Suche nach einem Schwert zu machen. Ich hätte auch gar
nicht gewusst, wie man es in die Hand nimmt, geschweige denn, wie
man damit kämpft.« Er machte noch zwei weitere Schritte, dann blieb
er stehen und war in der ihn umfangenden Dunkelheit kaum mehr zu
erkennen. »Hier ist eine Wand.« Und, nach einem Augenblick der
Stille: »Das Dach neigt sich tief auf den Boden hinab.«
»Wenn hier irgendwo ein Schwert liegt, wird es
oberhalb des Bodens versteckt sein, irgendwo in einer Spalte, wo
der Stein einen Vorsprung bildet und wo selbst jemand, der mit
Fackeln hier reinkommt, es nicht entdeckt.«
Cunomars Worte stießen auf Schweigen. Er hätte
ebenso gut allein hier sein können. Nach einer Weile entgegnete
Eneit ein wenig angespannt: »Woher weißt du das?«
»Meine Mutter und die Krieger haben ihre Waffen
doch auch in einem Grabhügel wie diesem hier versteckt. Und ich bin
mit ihnen gegangen, um ihnen zuzusehen.«
»Hattest du da ebenfalls das Gefühl, als ob die
Toten dich geradezu hassten?«
»Ja. Aber meine Schwester haben sie geliebt.«
Cunomar stellte fest, dass er sich nach Graines
Gegenwart sehnte. Sie war in den grauen Gefilden zwischen den
Welten auf eine Art und Weise zu Hause, wie er es nicht war. Seine
ausgestreckten Finger stießen gegen Stein.
»Hier ist auch eine Wand. Du gehst also rechts rum
und ich nach links, in der Mitte treffen wir uns, und dann tauschen
wir die Seiten. Auf diese Weise haben wir dann beide die komplette
Wand abgetastet. Taste direkt vor dir auf Schulterhöhe nach
Spalten, die sich in seitliche Richtung erstrecken und die lang
genug sind, um eine Klinge in sich aufzunehmen.«
Seinen eigenen Anweisungen folgend trat Cunomar
einen Schritt zur Seite und glitt langsam mit den Fingerspitzen
über die vor ihm aufragende Steinwand. Das Wüten in seinem
Unterbauch wuchs sich zu einem zermürbenden Schmerz aus. Die Haut
in seinem Nacken und an seinen Armen begann zu kribbeln. Öliger
Schweiß sammelte sich über seinen Brauen und rann ihm über die
Wangen. Er wagte noch einen dritten Schritt und fühlte plötzlich,
wie etwas sehr Irdisches an ihm vorüberflatterte.
Es erklang ein Stöhnen wie von einem verletzten
Mann, der den Namen Brigas rief. »Deine Mutter sollte einmal
hierher kommen«, sagte Cunomar. »Die Schatten der in den Schlachten
Gefallenen sind noch nicht alle in die andere Welt
hinübergeglitten. Und Lanis ist doch eine der Jüngerinnen Brigas,
und sie hat den Raben zum Traumsymbol. Deine Mutter könnte ihnen
doch bestimmt dabei helfen, den Weg über den Fluss zu finden.«
Seine Stimme hallte von den Wänden wider und kehrte mit einem
heiseren Krächzen zu ihm zurück.
Eneits Stimme klang nicht besser. »Sie kommt
bereits regelmäßig hierher. Sie war auch vor der Versammlung hier,
als sie sich gegen deine Mutter aussprach, und als sie wieder
herauskam, wusste sie, was sie zu sagen hatte, damit die
Versammlung für das Bleiben der Bodicea stimmte.«
»Sie ist mutiger als jeder Krieger.«
»Ich weiß. Aber das sind die Träumer ja alle. Hast
du wirklich so lange gebraucht, um das zu erkennen?«
Um die beklemmende Stille von sich fern zu halten,
sprachen sie unentwegt weiter und tasteten sich währenddessen an
den Wänden entlang. Raum und Zeit schienen sich bis ins Unendliche
auszudehnen. Mit einem Mal war aus der - von Cunomar aus gesehen -
gegenüberliegenden Ecke der Dunkelheit ein dumpfer Schlag zu hören
und dann ein kurzer, herzhafter Fluch, der sofort wieder
zurückgenommen wurde.
Mit gepresster Stimme rief Eneit: »Cunomar, ich
glaube, wir sollten wieder gehen.« Er hörte sich an, als ob er kurz
davor wäre, in Tränen auszubrechen, und so etwas hatte es bei Eneit
noch nie gegeben. Selbst unter den zornigen Strafpredigten seiner
Mutter weinte Eneit nie.
»Bleib, wo du bist«, erwiderte Cunomar. »Ich komme
zu dir.«
Er suchte nicht mehr länger nach Spalten oder
Nischen im Fels, sondern konzentrierte sich nur noch darauf, sich
Schritt für Schritt vorzutasten. Zuerst glitt er dabei noch mit
ausgestreckter Hand über die Wand. Ein zweiter umherhuschender und
über seine Fingerspitzen streifender Schatten ließ ihn den Arm dann
aber hastig wieder zurückziehen, und von da an hielt er ihn fest an
seine Seite gedrückt.
Der Innenraum des Hügelgrabes war kleiner als der
Durchmesser von Airmids Hütte auf Mona und hatte, so dachte
Cunomar, wahrscheinlich auch weniger gefahrvolle Momente erlebt.
Denn er hatte die Geschichte von Lythas gehört - dem Verräter vom
Stamme der Briganter, der versucht hatte, die Bodicea in
Cartimanduas Lager zu locken -, und was die Träumer ihm
anschließend angetan hatten. Natürlich hatte man das Grauen mit der
Erzählung ein wenig übertrieben, und doch hatte sich Cunomar,
nachdem er sie gehört hatte, nie mehr ganz so in Airmids Steinkate
gefühlt wie zuvor.
An diesem noch kleineren, noch älteren und noch
weniger ansprechenden Ort erforderte somit jeder weitere Schritt,
den er machte, seine ganze Willenskraft und führte ihn immer
dichter an den Rand der Panik. Während all der praktischen
Unterrichtsstunden im Verfolgen von Feinden, die Ardacos ihm
erteilt hatte, und selbst während der Reise in den Osten, als sie
zuweilen nur einen knappen Steinwurf von den Legionären entfernt
gewesen waren, hatte sein Herz doch niemals so gerast oder so hart
gegen seinen Brustkorb gehämmert wie jetzt. Sein Körper erbebte
förmlich unter dem Trommeln in seiner Brust, und Schweiß rann über
sein Gesicht und lief in Rinnsalen auf seine Schultern hinab.
Cunomar fühlte sich, als ob er auf dem Boden eines Sees durch das
Wasser pflügte und riesige Fische sich ihm näherten, ihn jagten;
oder als ob er flach auf dem Bauch durch Dunkelheit und Nebel
kröche und Schlangen über seine nackte Haut glitten. Er spürte, wie
Daumen ihm auf die Augäpfel pressten, sie zerdrückten, und wie
Bestien mit menschlichen Händen und den reißzahnbewehrten Schnauzen
von Bären seine langen Knochen zersplitterten und das Mark
verschlangen, und er dachte, seine Füße wären von Wurzeln umfangen
fest mit dem Boden verwachsen, so dass jeder Fluchtversuch
aussichtslos war.
»Cunomar?« Ein fast tonloses Flüstern.
»Ja?«
»Wo bist du?«
»Hier.«
»Du gehst in die falsche Richtung.«
»Nein. Ich komme von links.«
»Dann bist du stehen geblieben. Mittlerweile
hättest du mich erreichen müssen. Das Grab ist schließlich nicht so
groß.«
Die Dunkelheit verschluckte Cunomar. Die Fische und
die Schlangen und die Bären saugten allesamt an seiner Seele. In
blinder Todesangst starrte Cunomar in die Finsternis, und zum
ersten Mal in seinem Leben erflehte er Hilfe und Erlösung von
Nemain. Unerwarteterweise, verblüffenderweise, wundersamerweise
blickte ihm aus der widerhallenden Schwärze der Grabkammer Graine
entgegen. Ihre großen, ernsten Augen musterten sein Gesicht,
suchten nach einer Erklärung und fanden sie schließlich. Mit dem
für sie so typischen, scheuen Lächeln sagte sie: Tritt von der
Wand fort. Suche das Licht. Du gehörst zu Belin, der die Sonne ist.
Er wird dich beschützen.
Cunomar trat einen halben Schritt zurück. Wie ein
Heiligenschein umstrahlte ihn das Licht. Widerstrebend entließ das
Grauen ihn aus seinen Fängen. »Eneit...«
»Was?«
»Tritt zurück. Berühr nicht die Wand. Komm zurück
zu mir in das Licht.«
Sprachlos trafen sie in der Mitte des Grabes
aufeinander. Eneits Haut hatte einen kränklichen, grauen Ton
angenommen, und sein Atem ging nur noch in kurzen, keuchenden
Zügen, als ob er zu schnell zu weit gerannt wäre. Cunomar blickte
auf seine Hand hinab und musste feststellen, dass sie noch
schlimmer zitterte als die von Kaiser Claudius, der immerhin die
Schüttellähmung gehabt hatte und das Zittern somit nicht
kontrollieren konnte. Anschließend sah er zu der etwa eine
Speerlänge über seinem Kopf befindlichen Öffnung in der Grabdecke
empor. Er wusste, wenn er nun in Panik geriet, würde er dort
niemals mehr herauskommen. So stellte er sich breitbeinig hin und
verschränkte seine Finger.
»Tritt in meine Hände, als ob du auf ein Pferd
steigen wolltest«, sagte er. »Dann kannst du den Rand des Lochs
erreichen und dich hochziehen.«
»Und was wirst du machen?«
»Ich bin größer. Ich werde hochspringen.«
Er hatte versucht, seine Stimme so fest und
energisch klingen zu lassen wie die seiner Mutter vor einer
Schlacht. Und auch wenn Cunomar dies vielleicht nicht so ganz
gelungen sein mochte, tat sein Freund doch, worum er ihn gebeten
hatte, ohne erst noch Fragen zu stellen, und schon glitten die Füße
des älteren Jungen durch die Öffnung hindurch und ins Licht. Nach
einer kurzen Pause erschien sein Kopf wieder in dem Loch. »Ich bin
in Sicherheit. Meinst du denn wirklich, dass du so hoch springen
kannst?«
»Nein, aber ich kann es zumindest versuchen. Falls
ich es nicht schaffe, kannst du ja immer noch ein Seil
holen.«
»Und dich da drin allein zurücklassen? Willst du
denn wahnsinnig werden, oder bist du es vielleicht sogar
schon?«
»Weder noch. Und darum werde ich es auch schaffen.«
Cunomar hörte, wie in seiner eigenen Stimme plötzlich der Schatten
seines Vaters widerhallte, und jener winzige Teil von ihm, der noch
nicht in Todesangst versetzt worden war, empfand einen kurzen
Augenblick der Ekstase.
Mit einem Gebet an Belin, so wie seine Schwester es
ihm befohlen hatte, sprang Cunomar, Sohn zweier Krieger, hinauf und
fühlte, wie seine Finger Halt an dem abgerundeten Stein fanden und
wie die von Eneit sich um seine Handgelenke schlossen. Der quälende
Kampf hinauf kostete ihn an den Oberschenkeln und den Schienbeinen
zwar jeweils etwas Haut, aber noch niemals zuvor war er so froh
gewesen, wieder Licht zu erblicken. Später, als sie auf festem Gras
und in der Sonne lagen und befreit von allen Albträumen waren,
hielt Cunomar erneut nach dem Bussard Ausschau, konnte ihn aber
nirgends entdecken. Nachdenklich sagte er: »Langsam verstehe ich,
warum wir das Lied der Seele des Speers erkennen müssen. Es war der
Klang meiner eigenen Stimme, der mich langsam verrückt gemacht
hatte. Wenn ich unten im Grabhügel nur die Ruhe bewahrt hätte, wäre
ich geschützt gewesen.«
»Vielleicht geschützter. Doch genau das ist es ja,
was die Träumer bereits wissen - und was wir erst noch lernen
müssen. Aber wir haben ja noch Zeit. Vor Mittsommer werden die
Ältesten uns nicht in unsere langen Nächte in der Einsamkeit
schicken.«
»Wenn sie uns die Prüfungen denn überhaupt ablegen
lassen.«
Keiner von beiden hatte es sonderlich eilig, zur
Siedlung zurückzukehren. Sie lagen einfach nur still da, ein jeder
damit beschäftigt, sich erst einmal von dem Erlebnis zu erholen.
Nach einer Weile sagte Eneit nachdenklich: »Ich denke, wir sind
auch mit den falschen Absichten in das Grab gestiegen, und das
haben sie gespürt. Ich war nicht ehrlich, und das tut mir Leid. Ich
wollte ein Geschenk für dich finden, das dir etwas bedeutet.«
»Das weiß ich.«
»Ich wollte, dass du eine gute Meinung von mir
hast.«
Cunomar rollte sich auf den Bauch. »Aber ich habe
doch eine gute Meinung von dir, Eneit.«
»Aber du hast mich doch als Feigling kennen
gelernt. Ich bin aus dem Grabhügel geflohen, ehe du dein Schwert
gefunden hast.«
»Nein. Ich habe dich als ehrlich kennen gelernt,
als beständig und verlässlich und von außergewöhnlichem Mut. Du
wusstest, wie es sein würde, trotzdem bist du reingegangen. Ich
jedenfalls würde da niemals mehr runtersteigen, und wenn es der
einzige Ort auf der ganzen Welt wäre, an dem ich noch mein Schwert
finden könnte. Du besitzt den Mut eines Träumers. Ich könnte da
niemals auch nur im Entferntesten heranreichen.«
Cunomar legte das Kinn auf die Hand und hob den
Kopf, so dass er Eneit direkt in die Augen blicken konnte. Er
spürte eine Sicherheit und eine Gewissheit aus sich selbst und aus
der Welt erwachsen, die ihm neu war und die schöner war, als sich
in Worte fassen ließ. Er hatte Prüfungen bestehen müssen, die bis
in den Kern seines Wesens reichten, und er war zufrieden mit den
Ergebnissen. Zwischen ihm und Eneit war plötzlich alles und
zugleich auch nichts ganz anders, und trotzdem waren sie noch immer
Freunde. Mit vollkommener Aufrichtigkeit sagte er: »Wenn wir uns in
einer Schlacht befänden, dann gäbe es niemanden, den ich mir lieber
an meine Schildseite wünschen würde. Noch vor Cygfa oder Braint
oder Ardacos, sogar noch vor meiner Mutter würde ich mir dich
wünschen. In Belins Namen, ich schwöre, dass das die Wahrheit
ist.«
Das war das Beste, was er Eneit nun geben konnte,
das Beste, was er jemals gegeben hatte. Und es war, so schien es,
mehr, als Eneit erwartet hatte. Sie lagen eine Armeslänge
voneinander entfernt. Cunomar streckte die Hand aus und bot sie
Eneit zum Handschlag der Krieger an. Eneit schlug ein; seine Hand
war ganz schmierig von altem Schweiß, doch ruhig. Eine ganze Weile
hielten sie einander so an den Händen. Eneit lockerte seinen Griff
als Erster. Sein Lächeln war breit und träge, wenn auch ein wenig
schief. »Danke.«
»Das brauchst du nicht zu sagen.«
»Nein. Aber ich meine es so.« Eneit stand auf,
reckte sich und ließ die Wirbel in seinem Rücken knacken. »Ich
denke aber nicht, dass wir meiner Mutter davon berichten sollten,
wo wir gewesen sind.«
Grinsend erhob auch Cunomar sich. »Sehe ich etwa so
aus, als ob ich mir gern das Fell gerben lassen wollte? Ich denke
noch nicht einmal daran. Aber ich denke, wir sollten mit Graine
sprechen, wenn wir wieder zurück sind.«
Doch es blieb keine Zeit mehr, um mit Graine zu
sprechen. Sie kehrten in eine Siedlung zurück, in der es vor
Geschäftigkeit summte wie in einem Bienenstock. Acht römische
Kavalleristen standen mit ihren Pferden innerhalb der Umzäunung und
starrten geradeaus, als ob die Menschen um sie herum gar nicht
existierten. Einer, der weniger gut geschult war als seine
Kameraden, wandte den Kopf und blickte Cunomar an. Ein Gefühl des
Abscheus und der Überlegenheit übertrug sich blitzartig von dem
Mann auf den Jungen. Zum zweiten Mal an einem einzigen Tag dachte
der Sohn der Bodicea, dass ihm das Herz versage, und er spürte, wie
es war, die Grenzen seines eigenen Mutes zu überschreiten.
Als Cunomar am letzten der Wachtposten
vorbeimarschierte, trat Ardacos auf ihn zu. In der Gegenwart des
Feindes musste sich der Krieger stark zusammennehmen, und jeder,
der Augen im Kopf hatte, konnte erkennen, wie der Bärinnenkrieger
sich auf geradezu schmerzliche Weise nach seinem Schwert
sehnte.
Hastig und in dem Dialekt von Mona sagte er: »Wasch
dich und halte dich dann bereit, um nach Camulodunum aufzubrechen.
In der Kolonie soll eine Zusammenkunft der Vasallenkönige
stattfinden, um den neuen Tempel dort zu weihen; danach hat Tagos
noch einige Angelegenheiten mit dem Gouverneur zu regeln. Und von
dir wird verlangt, dass du ihn begleitest. Der Gouverneur wünscht,
die neue Familie des ›Königs‹ kennen zu lernen.«
Ardacos spuckte verächtlich aus, womit er womöglich
bereits Hochverrat beging. Vor dem heutigen Morgen hätte Cunomar
angesichts dieser Geste wohl noch gejubelt. Nun aber hatten andere
Dinge für ihn Priorität. »Ich gehöre aber nicht zu Tagos’ Familie«,
erwiderte er. »Warum muss ich dann mit?«
»Weil du in den Augen Roms sehr wohl sein Sohn
bist, und das ist alles, was im Moment zählt. Ihr werdet kurz nach
Mittag aufbrechen.«
Langsam rückte wieder die Welt jenseits von Eneit
und dem Schwert eines Toten in den Vordergrund. Und diese Welt war
nicht mehr länger das verhältnismäßig sichere Land, das sie am
Morgen verlassen hatten. Cunomar packte Ardacos’ Arm. »Warte -
Mutter reist auch nach Camulodunum? Seid ihr denn verrückt? Sie
darf nicht mitreisen! Man wird sie erkennen. Was, wenn einer der
Römer im Westen gedient und gegen sie gekämpft hat, als sie die
Krieger von Mona anführte?«
»Dann können wir nur hoffen und beten, dass die
Umstände sein Erinnerungsvermögen vernebelt haben. Denn sie hat
keine andere Wahl. In der Einladung wurde ausdrücklich nach dem
König und seiner neuen Ehefrau verlangt. Es mag zwar als Bitte
formuliert sein, doch der Gouverneur von Britannien ist ein Mann,
dem man besser keinen Wunsch abschlägt. Und wenn sie sich weigerte,
würde die Kavallerie sie einfach fesseln und auf ein Pferd werfen.
Oder zumindest würden sie es versuchen.«
»Aber...«
»Airmid sagt, die beste Methode, um sich zu
verstecken, ist, deutlich gesehen zu werden. Das ist auch der
Grund, weshalb deine Mutter dem Gouverneur bereits die
Präsentmesser geschickt hat. Die Leute sehen, was sie zu sehen
glauben, und der Gouverneur verhält sich da nicht anders. Wir haben
die Nachricht verbreitet, sie sei eine Schmiedin der nördlichen
Eceni, und sie wird dem Gouverneur ein Geschenk übergeben, das,
wenn er es öffnet, seine komplette Aufmerksamkeit in Anspruch
nehmen wird.«
»Das können wir nur hoffen, ansonsten werden wir
nämlich allesamt mit ihr sterben.« Doch Cunomar stellte fest, dass
ihm diese Aussicht mittlerweile weniger Angst machte als noch vor
kurzem. Er wollte die Erlebnisse dieses Morgens gern mit Ardacos
teilen, doch der Bärinnenkrieger war nicht in der Stimmung, sich
Geschichten über Geister und Waffen anzuhören. Er hatte sich in
sich selbst zurückgezogen, als ob ihn irgendetwas quälte. Mit dem
plötzlichen, eisigen Anflug einer unguten Vorahnung fragte Cunomar:
»Aber du kommst doch sicherlich mit uns?«
»Nein. Die Einladung richtete sich nur an die
Familie. Weder dein Freund noch ich dürfen mit.« Ardacos’ Blick
schweifte seitwärts zu Eneit hinüber. »Deine Mutter glaubt, sie
weiß, wo ihr gewesen seid. Wenn ich du wäre, würde ich mir eine
plausible Geschichte über einen verletzten Hirsch überlegen, den
ihr bis tief in den Wald hinein verfolgt habt, und sieh zu, dass da
auch ja keine Lücken drin sind. Du hast die nächsten zehn Tage
Zeit, diese Geschichte aufrechtzuerhalten, ohne dass Cunomar sie
dir verderben kann.«
Cunomar spürte ein Ziehen, das ihm den Atem nahm.
»Ist das dein Ernst? Eneit kann nicht mitkommen? Warum nicht? Er
ist meine Ehrengarde; ich brauche ihn.« Noch niemals zuvor hatte er
etwas in dieser Art gesagt, zumindest nicht öffentlich.
Ardacos verzog das Gesicht zu einer Grimasse. In
seinen Augen lagen Mitleid und Betrübnis und eine solch tiefe
Besorgnis, wie man sie auf Mona nie in seinem Blick gesehen hatte.
Er zwang sich zu einem Lächeln, das keinen von ihnen berührte und
rasch wieder verblasste. »Es tut mir Leid, nein. Tagos hat Airmid
verboten, mitzugehen, mit der Begründung, dass sie sonst womöglich
versuchen könnte, den Gouverneur zu verfluchen. Ich wüsste also
nicht, warum er an ihrer statt den Sohn einer Träumerin, der gerade
den Morgen in einem Grabhügel verbracht hat, mitgehen lassen
sollte.«
Ardacos schlug Eneit auf die Schulter. »Sieh es
doch einfach mal von der positiven Seite. Werden Cunomar und seine
Familie wegen Hochverrats gehängt, kannst du Sinochos’ Klinge ganz
für dich allein behalten.«