VII

 
Im Land der Eceni lag Schnee, und die Luft schien von einem ganz eigenen Gewicht zu sein - sie roch nach alten, ungeklärten Träumen.
Doch auch die dünne weiße Decke war nicht im Stande, das ausgehungerte Gerippe zu verbergen, dem die Erde hier glich. Je tiefer Breacas Gruppe in die besetzten Gebiete eindrang, desto wilder und ungepflegter wucherten die Hecken einfach vor sich hin, desto häufiger waren die Abzugsgräben verschlammt, desto dichter waren die ehemaligen Felder von einem Wald aus Unkraut überzogen. Die Koppeln standen leer und hatten sich in glitschige Schlammkoben verwandelt; zu viele Schafe, zu viel Vieh hatte die Weiden zu stark abgegrast, und letztendlich starben sie doch alle den Hungertod.
Das alles hatte für Breaca eine nur zu beängstigende Ähnlichkeit mit jenem Land aus der Vision, welche ihr die Träumerin der Ahnen geschickt hatte. Als sie dies sagte, erwiderte Dubornos nüchtern: »Die Menschen zahlen ihre Steuern mit dem Fleisch ihrer Tiere und mit dem Getreide, das sie erwirtschaften. Das Land muss jetzt also doppelt so stark ausgebeutet werden wie vorher: einmal für die, die das Land bestellen, und dann noch einmal für die, die behaupten, die Eigentümer zu sein.«
»Aber was ist mit dem restlichen Leben hier?«, fragte Ardacos. »Wo sind die Vögel? Die Füchse? Die Feldhasen? Müssen die etwa auch dafür herhalten, um die Steuern zu begleichen?«
»Einige. Denn wenn es kein Rindfleisch mehr gibt, dann nimmt Rom auch Fuchspelze und Hasenfleisch als Zahlungsmittel entgegen. Und was die anderen angeht - würdest du denn etwa an einem Ort bleiben, wo die Legionen sich sogar die Erde selbst zum Untertan gemacht haben? Sie sind geflüchtet und kommen erst wieder zurück, wenn die Götter das Gleichgewicht auf der Welt wieder hergestellt haben.«
Dieses Wissen machte ihnen ihre Reise nicht gerade leichter. Breaca ritt an der Spitze des kleinen Trupps, hin und her gerissen zwischen dem Befehl der Ahnin, der sie antrieb, und ihrem neuen Schwur, den sie auf dem Scheitel ihrer Tochter abgelegt hatte. Jenem Schwur, mit dem sie versprochen hatte, dass sie stets dafür sorgen wollte, dass Graine und möglichst auch alle anderen, die mit ihr reisten, immer in Sicherheit waren.
Breaca ritt auf die gleiche Weise, wie sie schon die ganze Zeit über seit ihrer Flucht von der Lichtung geritten war: einen Arm um Graine gelegt, die vor ihr im Sattel saß. Von außen betrachtet hatte sich in ihrem Verhältnis zueinander nichts verändert. Innerlich aber hatte Breacas Fürsorge für Graine eine neue Qualität angenommen, und alle, die gemeinsam mit ihr ritten, wussten das. Jener Teil von Breaca, der noch immer der Träumerin der Ahnen verhaftet war, spottete darüber, wie schnell sie sich doch von ihrem ursprünglich gefassten Entschluss wieder hatte abbringen lassen, und prophezeite allen, die mit ihr ritten, einen Tod, wie er schrecklicher nicht sein könnte.
Der andere Teil von Breaca aber - und dies war der beherrschende Teil - sog die Gegenwart ihrer Tochter förmlich in sich auf, ebenso begierig, wie ein Verdurstender kaltes Wasser trank. Und es wundert dich, dass sie sich enger an andere halten als an dich? Breaca hatte es ganz vergessen, falls sie es denn überhaupt schon einmal empfunden haben sollte, wie es ist, sich in der Liebe zu einem Kind zu verlieren. Sie schwankte zwischen Hoffnung und Angst, die beide zu gleichen Teilen ihr Herz erfüllten, und mit jedem Schritt, den ihr Pferd tat, hoben und senkten sich diese beiden Seiten ihrer inneren Waage erneut.
 
Gemäß dem römischen Gesetz, wonach Krieger keinerlei Waffen bei sich führen durften, die länger waren als ein Häutemesser, ritten Breaca und ihre Reisegefährten unbewaffnet in das besetzte Gebiet ein. Ihre Schwerter sowie auch alles andere, das sie als Krieger ausweisen könnte, hatten sie im Eingang eines Grabhügels der Ahnen zurückgelassen, zu dem Airmid sie am Abend jenes Tages geführt hatte, an dem Ardacos und Cygfa wieder zu der Gruppe gestoßen waren.
Der Grabhügel schien sich dicht an die Erde zu schmiegen, versteckt hinter Gestrüpp und dünnen Schleiern von Flussnebel. Und als sie sich ihm von Westen her genähert hatten, hatte der gerade aufgehende Mond lange Schatten darüber gegossen, wodurch der Grabhügel größer und noch weniger einladend erschienen war, als das unter anderen Umständen vielleicht der Fall gewesen wäre.
Jedes Gefühl von Sicherheit hatte sich hier verloren. Während sie also immer näher auf den Eingang zuritten, richteten sich auf Breacas Armen plötzlich prickelnd die Härchen auf, und ihre Stute schnaubte unruhig, so dass ihr Atem kleine Dampfwölkchen in der frostigen Luft bildete. An Breacas einer Seite marschierte mit steifen Schritten Stone, auf ihrer anderen ritt leise fluchend Ardacos. Vor ihnen lagen nur das Mondlicht und die Schatten sowie ein Haufen Steine und Erde, der über den Gebeinen der Toten aufgeschichtet worden war; und eigentlich hätte die Reisegruppe diese Dinge längst gewohnt sein müssen und nicht derart große Furcht vor einem uralten Zorn empfinden sollen.
Nur Airmid schien davon völlig unberührt zu sein. Sie ritt bis dicht an den Eingang heran und ließ sich anschließend auf den Boden gleiten. Das Mondlicht ließ sie erblassen, bis sie nurmehr eine Silhouette zu sein schien, die zu einem Teil der Steine und der Erde geworden war. Vor den Wächtersteinen kniete sie für eine Weile nieder und zeichnete mit den Fingerspitzen die verborgenen Linien auf deren Oberfläche nach. Breaca wartete etwas abseits des Grabeingangs und hörte das rhythmische Murmeln einer Unterhaltung, nur dass sie bloß eine der beiden Stimmen verstehen konnte; ein Dialog, wohl ähnlich dem, wie sie selbst ihn mit der Träumerin der Ahnen in der Höhle geführt hatte.
»Hier ist es.« Airmid trat einen Schritt von dem Grabhügel zurück. Vor den riesigen, schweren Steinen schienen Airmids Gesichtszüge noch weicher geworden zu sein, schienen ein wenig verschwommen, als ob sie gerade eben erst aus einem Schlaf erwacht wäre. »Efnís ist bereits hier gewesen«, erklärte sie, »und einer von den anderen Stämmen, aber das ist alles schon länger als drei Jahre her. Und die Römer sind noch nie hier eingedrungen. Die Geister der Ahnen haben diesen Ort stets gut beschützt und niemanden eintreten lassen, ausgenommen die Stärksten unter den Träumern. Ich wüsste also keinen Ort, an dem eure Waffen noch besser vor den Römern geschützt sein sollten als hier.«
Airmid hatte zu einer Ansammlung schweigender Krieger und einem Kind gesprochen. Nun räusperte Ardacos sich und drängte sein Pferd vorwärts. Das Tier aber traute dem silbrigen Licht nicht so recht; es weigerte sich, noch dichter auf den Hügel zuzugehen, und wich seitwärts aus.
Ardacos war kein schwacher Mann. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte er im Dienste der Bärin gekämpft und stets mit nichts anderem als seinen bloßen Händen mehr Römer getötet als jeder andere zurzeit noch lebende Krieger. In einer Schlacht vertraute Breaca ihm wie sonst nur wenigen anderen. Und nicht Feigheit war der Grund dafür, dass er schließlich sagte: »Dieser Platz hier ist Nemains Ort und der der alten Seelen. Doch Nemains Gottheit ist von einem anderen Wesen als die Gottheit der Bärin, und ich möchte keine von beiden entehren. Es wird also wohl das Beste für mein Schwert sein, wenn ich es an einem anderen Ort vergrabe.«
Airmid lächelte nur. Schön und weiß wie Kalk schimmerte ihre Haut im Mondlicht. Ihre Stimme schien aus einer anderen Welt zu ertönen. »Die Bärin ist hier genauso willkommen wie alle anderen auch, beziehungsweise genauso unwillkommen. Und gerade die Gefahr, die von diesem Ort ausgeht, ist es doch, die deine Waffen schützen wird.«
Genauso wie Airmid, so schien auch Cygfa den Tod nicht zu fürchten. »Ich möchte die Geister der Vergangenheit ebenso wenig verärgern, wie Ardacos das möchte. Wenn es unsere Gegenwart ist, die sie hier nicht mögen, dann könnten wir die Waffen ja auch dir geben, und du versteckst sie dann für uns«, schlug Cygfa vor.
Jetzt aber schüttelte Airmid den Kopf. »Nein. Denn für den Fall, dass ich sterben sollte, wären eure Waffen damit für immer verloren. Ihr müsst also schon jeder selbst eintreten und eure Klingen jeweils an den am besten dafür geeigneten Platz legen. Denn nur dann werdet ihr sie - wenn der Krieg beginnt und wir sie brauchen - in dem Grab auch wiederfinden.«
Wenn der Krieg beginnt... Zumindest dieser Teil der Vision der Ahnin schien also schon einmal gewiss. In der kalten Nacht auf dem Rücken ihres Pferdes, sah Breaca plötzlich abermals jenes Traumbild vor sich, in dem die Eceni, versammelt unter einer Gruppe von Anführern, wie eine Flutwelle vorwärts stürmten und die römischen Legionen einfach zermalmten. Der Adler Roms wurde in Grund und Boden gestampft, und über ihm schwebte das Zeichen des Schlangenspeers …
»Breaca?« Airmid hatte ihr eine Hand auf den Arm gelegt. Auch Graine, die vor Breaca im Sattel saß, hatte sich umgewandt und blickte hinauf in das Gesicht ihrer Mutter. »Steigst du bitte ab? Wir brauchen dein Schwert und das deines Vaters. Sie müssen als Erste hineingelegt werden. Und Cunomar sollte mit reingehen, um zu sehen, wo sie abgelegt werden. Möglicherweise muss er sie eines Tages für dich dort wieder herausholen. Danach können auch die anderen eintreten, die Reihenfolge ist dann egal.«
»Du willst also wirklich, dass ich als Erste dort hineingehe?« Ohne Pferd und ohne Waffen in eine Schlacht zu ziehen wäre einfacher gewesen.
Airmid hob als Antwort lediglich eine Augenbraue. In ihrem Lächeln schien sich zugleich das Lächeln der Großmutter widerzuspiegeln. »Nein, da hast du mich wohl falsch verstanden. Die Ahnen haben nach deiner Tochter gefragt, und dafür sollten wir alle sehr dankbar sein.«
Breaca mochte ja vielleicht zuweilen vergessen, dass ihre Tochter eine Träumerin war, die Götter jedoch erinnerten sie stets aufs Neue daran. Während die Krieger also ihre Pferde angebunden und ihre Waffen hervorgeholt hatten, war Nemain am Rande des Himmels aufgestiegen und hatte ihnen den Weg gezeigt. Weiches Licht erhellte, was zuvor noch im Dunkeln gelegen hatte, und genauso, wie es verlangt worden war, schritt Graine nun voran. Der Mond verlieh ihrer Haut den Schimmer von Milch, und ihr Haar flammte auf wie dunkles Feuer. Sie konnte zwar kein durchgehendes Pferd zügeln, aber durch den Eingang zum Grab der Ahnen marschierte sie, als wäre der Hügel ihr Zuhause. Voller Bewunderung für den Mut ihrer Tochter folgte Breaca ihr mit einer Speerlänge Abstand.
Der Eingang war in Wirklichkeit sehr niedrig, so dass sie auf allen vieren hatten hineinkriechen müssen, sogar Graine. Im Inneren des Hügels war die Decke dann hoch genug, dass Breaca nur ein wenig den Kopf und die Schultern einziehen musste; Ardacos konnte sich fast ganz aufrichten. Hier schloss sich der von Hand behauene Fels auf beiden Seiten noch wesentlich dichter um sie, als es in der hoch aufragenden Höhle der Träumerin der Ahnen der Fall gewesen war, und abgesehen von einer Stelle unmittelbar am Eingang war das Felsgestein trocken. Die Linien der auf Schulterhöhe in Reihen eingemeißelten Zeichen waren noch so klar zu erkennen, als wären sie gerade erst in den Fels gehauen worden. Es roch nach altem Staub und Knochen und trockener, fein zermahlener Erde, und der Geruch kitzelte in der Nase, so dass die Krieger einer nach dem anderen niesen mussten. Graine und Airmid aber, die nicht auf den Staub reagierten, waren bereits vorangegangen und sprachen zu längst verstorbenen Wesen.
Und viel zu bald erklärte Airmid bereits: »Hier. An dieser Stelle verbreitert sich der Gang zu einer Kammer. Sie sollte groß genug für uns alle sein. Tretet langsam vor.«
Doch sie kamen ohnehin nur langsam voran. Die Fackeln, die von den Träumern getragen wurden, waren aus Gräsern, Kiefernharz und Schafsfett gefertigt, und der Rauch, den diese abgaben, erfüllte den gesamten schmalen Durchgang. Unruhig flackerten die Fackeln in der Grabkammer und tauchten die blassen Gesichter in ein bernsteinfarbenes Licht. Fünf Erwachsene und Cunomar schlossen sich, mit den Gesichtern zur Mitte hin gewandt, in zwei Kreisen um Graine. In den Wandnischen lagen die zu Staub zerfallenen Überreste der Toten. Ihre Stimmen spien den Besuchern Warnungen entgegen, in denen sie von Tod und verlorenen Seelen kündeten.
Mit scharfer Stimme sprach Airmid: »Ich bringe euch das Kind Nemains; seht ihr es denn nicht?« Nun nahm das Geflüster und Geraune einen neuen Ton an und verstummte schließlich.
Graine stand vollkommen reglos da. Von der aus Harz und Talg gefertigten Fackel in ihrer Hand stiegen dunkle Rauchschwaden auf. In Wellen ergoss sich das Licht über ihr Haar, als ob Geisterhände es streichelten. Die Geräusche und die beinahe schon mit Händen zu greifende Bedrohung lösten sich auf. Breaca konnte in diesem Augenblick nur noch krampfhaft atmen und sehnte sich nach den überschaubaren Gefahren des Krieges zurück. Sie hörte ihre Tochter sagen: »Unsere Krieger lassen jetzt ihre Waffen in eurer Obhut zurück, damit sie sicher aufgehoben sind, bis wir sie wieder brauchen, um die Männer des Kampfadlers aus dem Land zu vertreiben.«
Graine sprach mit klarer Stimme und mit dem Tonfall einer Erwachsenen. Die Fackel in ihrer Hand flammte noch ein letztes Mal auf, dann erlosch sie. Fleckige Schatten huschten über die Wände.
Airmids Stimme erklang: »Breaca, Eburovics Schwert muss als Erstes versteckt werden. Übergib es jetzt der Dunkelheit.«
Breaca zog die Klinge ihres Vaters aus deren Futteral aus Bärenfell. Hell schimmernd wie ein Fisch lag sie im Licht der Fackeln auf ihrer Hand. Das wellenförmige Muster in dem Metall war bereits sieben Generationen alt, und noch immer konnte man die Kerbe in der Schneide erkennen, die entstanden war, als Breacas Urgroßvater in einem Kampf um die Grenzen der Territorien gegen den weißhaarigen Ersten Krieger der Coritani gekämpft hatte. Die Dellen von der Schlacht, in der ihr Vater gegen Amminios gekämpft hatte und in der er schließlich auch gefallen war, waren dagegen noch neuer. Breaca selbst hatte ihm damals das Schwert aus der toten Hand genommen, und sie hatte es seitdem bereits mehrere Male nachgeschliffen, hatte es jedoch stets vermieden, dabei auch die Rillen und Gebrauchsspuren auf der Klinge glatt zu schleifen.
In der Höhle der Träumerin der Ahnen hatte ihr Vater durch den Fluss zu ihr gesprochen; allerdings hatte sie ihn dabei nicht sehen können. Hier jedoch, als sie mit seiner Klinge in den Händen dastand, wurde er für sie mit einem Mal auf eine Art und Weise zur Wirklichkeit, wie es die hier anwesenden Grabgeister niemals werden konnten.
Breaca? Seine Stimme klang jetzt wesentlich voller als das Mal davor in der Ahnenhöhle. Übergib meine Klinge den Steinen der Vergangenheit.
Und er war nicht allein. Hinter ihm hatten sich auch alle anderen von Breacas Ahnen versammelt: Großväter und Großmütter, Krieger und Waffenschmiede, Jäger und Geschirrmacher, einfach alle, die diese Klinge jemals mit Ehre geführt hatten, kamen nun hereingeströmt - und sie alle drängten sich auf dem gleichen Fleck, auf dem auch Eburovic stand. Vielstimmig erklang es aus seinem Mund: Übergib die Klinge der Dunkelheit.
Zwar hatte auch Airmid ihr das bereits gesagt, doch da hatte Breaca noch nicht so ganz verstanden, was eigentlich von ihr verlangt wurde. Hier jedoch, nahe den Wänden, konnte Breaca mit einem Mal das in Schulterhöhe in die Steinwand gehauene Sims erkennen, das so breit war, dass es ein Kriegsschwert der alten Machart aufnehmen konnte.
Es schien, als ob die Geister der Ahnen in diesem Augenblick Breacas Hände führten. Breaca spürte, wie sich ihre Arme ganz ohne Kraftanstrengung von selbst hoben und wie sie geradezu mechanisch das Schwert auf dem kleinen Vorsprung ablegte. Es passte in die Vertiefung im Fels wie in eine Scheide, und die unruhig flackernden Flammen der Fackeln ließen die Klinge lebendig werden. Blauschwarzes Metall kräuselte sich im Schein des Feuers wie Wasser, so dass zum ersten Mal, seit Breaca das Schwert abgelegt hatte, die in Bronze gehauene, ihre Jungen säugende Bärin auf dem Knauf der Waffe wie aus einem nächtlichen See zu trinken schien.
Breaca hatte ganz vergessen, dass sie nicht allein war. Hinter ihr schnappte Cunomar plötzlich hörbar nach Luft. Ardacos, der älter war und sich daher besser beherrschen konnte, flüsterte zwischen zusammengebissenen Zähnen den ersten der geheimen Namen seines Gottes und sagte dann laut: »Ich wusste ja gar nicht, dass dein Vater einer von uns war.«
Eburovic war wieder verschwunden, oder vielleicht war er auch einfach mit dem Schwert und dem schwarzen Licht verschmolzen, welches die Waffe nun mit seinem schützenden Schleier überzog. Jedenfalls konnte Breaca, die den Blick nicht einen Moment abgewandt hatte von der Stelle, wo gerade eben noch die Waffe gelegen hatte, sie jetzt nicht mehr sehen - ihren Vater nicht und auch nicht das Schwert. Wenn sie es nicht selbst dorthin gelegt hätte, würde sie nun denken, die Wand wäre eine einzige glatte Fläche.
Wie aus weiter Ferne hörte sie sich selbst sagen: »Auch er wusste das nicht. Der Bär war lediglich sein Traumsymbol, aber nicht sein Gott. Aber er hätte sich geehrt gefühlt, wenn er wüsste, dass du ihn nun als einen der deinen anerkennst.«
Ein Arm streifte an der Seite von Breacas Tunika entlang. Graines Hand schmiegte sich in die von Breaca, und Graines Stimme, in der der Strom der Gezeiten und das Echo des Ozeans miteinander zu verschmelzen schienen, sagte: »Dort ist es in Sicherheit. Die Geister der Toten werden es bewachen, bis die Zeit gekommen ist, da die Menschen es wieder brauchen werden. Es ist dieses Schwert, das die Stämme dazu bewegen wird, sich gegen Rom zu erheben. Es wird unsere Völker wieder einen gegen jene, die uns allesamt vernichten wollen. Niemals darfst du das Schwert aus der Erinnerung verlieren oder zulassen, dass andere es vergessen.«
»Ich gelobe es.«
Das war zwar nicht ganz die Formel, mit der Breaca jetzt hätte antworten müssen, aber mehr konnte sie im Augenblick nicht sagen. Für sie war die Welt plötzlich voller Feuer und Schatten - und ein Zaunkönig war gerade gestorben, der mit der Stimme ihrer Tochter gesungen hatte. Breaca spürte, wie Airmid ihr die Hand auf die Schulter legte, und wie durch einen tosenden Sturm hindurch nahm sie die ruhigen Anweisungen der Träumerin wahr, als diese den anderen sagte, wo sie ihre Waffen niederlegen sollten. Dann ließ Airmid ihre Gefährten noch die Kettenhemden zusammenlegen, die sie zuvor der römischen Kavallerie gestohlen hatten, und wies sie an, sie in den kleinen Wandgräbern der Toten zu verstecken. Den Mantel eines römischen Offiziers verstauten sie zuletzt. Bereits siebenmal hatte dieser Mantel, den sie einst von dem leblosen Körper seines Vorbesitzers gezerrt hatten, Ardacos als Verkleidung gedient, um damit den Feind zu täuschen.
Nur Cunomar hatte kein Schwert und keine Rüstung. Ohne irgendeine besondere Rolle, die ihm in diesem Augenblick zugefallen wäre, stand er in der Mitte des Hügelgrabs, schaute sich aufmerksam um und lauschte Airmids Anweisungen. Später, als sie auch die restlichen Waffen versteckt und den Ahnen gedankt hatten und wieder davongeritten waren, erinnerte Breaca sich wieder an das Gefühl, als ihr Sohn an ihrer linken Schulter gestanden hatte, und sah in Gedanken wieder jenen Ausdruck nackten Hungers in seinen Augen, als er zugeschaut hatte, wie sie die Waffe seines Großvaters versteckt hatte. Er hatte zwar nichts gesagt, aber das war auch gar nicht nötig gewesen; sie stammten beide von der gleichen Ahnenreihe ab, und die Geister ihrer verstorbenen Vorfahren kannten sowohl Breacas Gedanken als auch die von Cunomar.
Das Einzige, was nicht klar gewesen war und wonach Breaca jetzt nun auch nicht mehr fragen konnte, war, ob Cunomar denn auch Eburovics Stimme gehört hatte, als die Waffe in ihr Versteck glitt. Sollte mein Enkel jemals diese Waffe führen, dann sei gewiss, dass das den Tod aller Eceni zur Folge haben wird. Ich vertraue darauf, dass du Sorge dafür tragen wirst, dass das nicht geschieht.
 
Sie ritten ohne ihre Waffen weiter, in gemächlichem Tempo und stets bei Nacht. In einem Land, das nun schon seit fast fünfzig Jahren nicht mehr sich selbst gehörte.
Am Tage legten sie Rast ein, jedoch ohne ein Feuer zu entzünden, und stets mussten zwei der vier Krieger wach bleiben und Acht geben. Zweimal schon hatten sie auf ihrer Reise plötzlich tiefer in den Wald zurückweichen müssen, um den römischen Patrouillen zu entgehen; wobei die Gefahr weniger darin bestanden hatte, dass die Legionare sie entdecken könnten, sondern vielmehr die Pferde der Offiziere, die aufmerksamer waren als ihre Reiter und die ansonsten womöglich den Geruch der fremden Pferde wahrgenommen hätten oder gar den von Stone.
Schon bald nachdem sie das Grab der Ahnen hinter sich gelassen hatten, übergab Breaca die Führerschaft über die Gruppe an Dubornos, der von ihnen allen den Osten bereits am häufigsten bereist hatte. Nach drei Nächten übertrug er seine Aufgabe wiederum Airmid, die an jenem Tag allein an einem Flussufer schlief und dann, nachdem sie erwacht war, ein Feuer entzündete und nasse Blätter darauf schichtete, bis eine Rauchsäule mit dickem, weißem Qualm in den Himmel hinaufstieg.
Am gleichen Tag noch, mit Einsetzen der Abenddämmerung, erhob sich am östlichen Horizont als Antwort eine dünnere, dunklere Rauchsäule, die sich leicht in Richtung Süden neigte.
»Wir werden erwartet«, verkündete Airmid. »Efnís wird tun, was er kann.«
Zwei Nächte später, geleitet nur von dem Rauch, ihrem Instinkt und einigen verschwommenen Träumen, ritten sie an einem Flussufer entlang und folgten dabei einem Pfad, der sie stetig weiter nach Nordosten führte und in einen feuchten, ungezähmten Wald hinein. Weder die Eceni noch die Legionen waren schon jemals zuvor hier durchgewandert, ausgenommen vielleicht auf einigen wenigen Wegen, die etwas breiter waren als die von Damwild oder Bären hinterlassenen Trampelpfade.
Es war eine klare Nacht mit wolkenlosem Himmel. Am Horizont funkelten die Sterne aus dem Sternbild des Hasen, als sie plötzlich die Stimme eines einzelnen Mannes hörten, der die Totenklage für die verlorenen Seelen mit einem solchen Schmerz in der Stimme sang, dass der Verlust offenbar noch neu sein musste und unverarbeitet. Auf einer Lichtung ein Stück weit vor ihnen leuchtete das Licht eines Feuers auf, und ein Kreis von schweigend dasitzenden Gestalten war zu erkennen. Man konnte ihre Gegenwart durch die Bäume hindurch spüren, als ob es eine Meute von Jagdhunden wäre, die dort auf der Lauer lag.
Da Airmid es war, die sie hierher geführt hatte, zwang Breaca sich hartnäckig, daran zu glauben, dass diese Menschen dort vorne keine Römer waren, die bewaffnet und kampfbereit auf der Lauer lagen - doch die Vorahnung von Gefahr blieb unvermindert stark. Efnís hatte durch seinen Kurier mitteilen lassen, dass die Eceni schwach wären und dass sie, da es ihnen an einem Anführer fehlte, nicht mehr die Kraft und den Willen dazu hätten, sich den zahllosen Schikanen der Besatzer noch länger entgegenzustellen. Gleichzeitig aber hatte er der Bodicea und allen, die mit ihr reisten, auch Verrat und Tod vorhergesagt, sollte sie sich tatsächlich jemals in den Osten wagen. Nur die Ahnen, die sich als Tote ja bereits in Sicherheit wiegen durften, hielten noch eine andere Wendung der Geschichte für möglich und hatten Breaca einen Weg zu ihrem Ziel aufgezeigt. Sie hatten allerdings nicht gesagt, was geschehen würde, wenn dieser Weg nicht ungehindert passierbar war.
Breaca glitt von ihrem Pferd hinunter; Stone wartete schon auf sie. Er drängte sich an sie und schob seine Nase in ihre Hand, so wie er es immer tat, wenn die Vorahnung der Gefahr besonders erdrückend war. Breaca umfasste seine Schnauze mit den Fingern und strich leicht mit dem Daumen über seine Lippen, bat ihn mit diesem Zeichen darum, sich ruhig zu verhalten und Geduld zu haben. Um sie herum schwangen sich nun auch die anderen von ihren Pferden - alle bis auf Graine, die hoch oben auf dem Rücken der Rotschimmelstute saß und darauf warten musste, dass jemand sie herunterhob.
Sie alle waren Breacas Freunde, ihre Gefährten. Zwei von ihnen waren auch bereits ihre Liebhaber gewesen und würden es eines Tages vielleicht auch wieder werden. Getrieben von Stolz und der Vision der Geister hatte sie sie nun also in große Gefahr gebracht. Jeder ihrer vom Krieg geschärften Instinkte sagte ihr, dass noch immer Zeit war, umzukehren und die Menschen, die ihr so sehr ans Herz gewachsen waren, wieder zurückzuführen.
Dubornos stand ihr besonders nahe. Er hatte in Rom bereits im Schatten seines eigenen Kreuzes gestanden, und selbst fünf volle Jahre hatten die Wunden, die er in der Gefangenschaft hatte erleiden müssen, noch nicht wieder völlig abheilen lassen.
»Dubornos...«, begann sie.
»Nein.« Er lächelte. Sie konnte ihn nicht sehen, dafür war es nicht hell genug, aber am Klang seiner Stimme konnte sie erkennen, wie seine Mundwinkel sich hoben. Und ein Lächeln von Dubornos war etwas wirklich Seltenes. Er streckte im Dunkeln die Hand aus und berührte Breaca am Arm.
»Denk noch nicht einmal daran. Wir sind hierher gekommen, weil es unser freier Wille war und weil die Götter es so entschieden haben. Du bist die Anführerin, sonst nichts.« Nun streckte er ihr auch seine andere Hand entgegen. »Aber wir haben dir das hier mitgebracht. Denn unter den Leuten dort vorne gibt es einige, die dich nicht so einfach akzeptieren wollen. Das hier könnte dir dabei behilflich sein, sie auf deine Seite zu ziehen.«
Breacas Finger tasteten nach den seinen und stießen auf warmes Metall. Und kurz darauf stellte sie fest, dass das, was er ihr hinhielt, ein Halsreif war: Es war allerdings nicht der uralte Torques ihrer Ahnen, der als das Zeichen der königlichen Abstammung ihrer Familie galt, sondern der etwas neuere, den Breacas Vater einmal als Geschenk für Caradoc geschmiedet hatte in jenem lange zurückliegenden Winter, als dieser Schiffbruch erlitten hatte. Fünf Jahre lang hatte der Halsreif in dem großen Rundhaus auf Mona neben ihrem Bett gelegen, denn Breaca hatte ihn nie mitgenommen, wenn sie in den besetzten Ländern allein auf die Jagd nach dem Feind gegangen war.
Dieser Halsreif war einfacher gearbeitet als der von den Ahnen geschmiedete, doch die Linien verliefen in perfektem Schwung, und Eburovic hatte verschiedene Metalle mit einem hochwertigen Rotgold vermischt, so dass der Reif bei Fackellicht genau die gleiche Farbe hatte wie Breacas Haar. Sie wusste genau, wie er sich anfühlte, erkannte ihn sofort, und er war noch warm von der Hitze, die von Dubornos’ Körper ausstrahlte, als sie ihn nun in den Händen hielt.
Der ausgemergelte Sänger war jetzt dicht genug an sie herangetreten, dass sie das Weiß seiner Augen erkennen konnte. In all den Jahren, die sie beide nun schon erwachsene Menschen waren, hatte er sie nicht ein einziges Mal angelogen. Sie kannte niemanden, der von größerer Integrität war. Er lächelte abermals, und Breaca hätte weinen mögen, als sie den Schmerz erkannte, der in diesem Lächeln lag; und das darin enthaltene Versprechen.
Selbst jetzt war noch immer Zeit genug, um wieder umzukehren.
»Efnís singt für dich.« Hinter ihnen ertönte Ardacos’ Stimme. Er war kein Anhänger Nemains, und er träumte auch nicht. Und jetzt, da Gwyddhien tot war, hätte es ihm freigestanden, an ihrer statt die Stelle des ranghöchsten Kriegers von Mona einzunehmen. Er wäre damit zum Anführer aller Krieger des Westens geworden und hätte zu den bereits an den Dachbalken des Großen Versammlungshauses prangenden Schnitzereien auch sein eigenes Zeichen hinzufügen dürfen. Er war also nicht dazu gezwungen gewesen, stattdessen nun als das Kindermädchen der Nachfahren der Bodicea zu dienen, und noch dazu in einem Land, das bloß noch der Leibeigene von Rom war.
Mit der gleichen Geste wie Dubornos streckte jetzt auch er die Hand nach Breaca aus. Die Feder, die er ihr überreichte, bestand aus reinstem Silber. Gunovic hatte sie geschmiedet, ein Jahr bevor er starb. Diese Feder stand für fünfzig getötete Feinde, oder vielleicht auch für fünfhundert, Breaca konnte sich nicht mehr so recht daran erinnern, und überhaupt war das für sie nie von Bedeutung gewesen; nur Kinder und die ganz jungen Krieger zählten noch, wie viele Krähenfedern sie bereits besaßen - wie viele Feinde sie bereits getötet hatten. Und dennoch, das Volk der Eceni hatte schon so lange den Krieg und die damit einhergehende Ehre entbehren müssen, dass für sie eine solche Feder mittlerweile vielleicht wieder von Bedeutung sein könnte.
»Flechte dir die hier ins Haar und dann geh«, wies Ardacos sie an. »Sie wissen bisher noch gar nichts, außer dass Efnís ihnen für die Zukunft wieder ein eigenes, selbstbestimmtes Leben versprochen hat. Und die einzige Orientierung, die er ihnen auf dem Weg in diese Zukunft bieten kann, bist du.« Er packte sie etwas oberhalb des Ellenbogens am Arm und hielt sie einen Augenblick fest; das war seine Art, sie zu umarmen. Doch allein diese Berührung durchströmte Breaca schon mit Wärme.
Und dennoch, es war noch immer genügend Zeit, um wieder umzukehren.
Einst war Ardacos Breacas Liebhaber gewesen und hatte damit Airmid abgelöst, die doch eigentlich keiner jemals ersetzen konnte. Aber trotzdem war Airmid noch immer für Breaca da, so wie sie schon immer für sie dagewesen war und wie sie auch immer da sein musste, weil das Leben für Breaca sonst unerträglich würde. Auch sie erhob nun die Stimme und sagte im Grunde das Gleiche wie die anderen auch schon, nur mit anderen Worten. »Breaca, denk besser nicht darüber nach, wieder umzukehren. Wir haben doch bereits gesehen, was Rom dem Land angetan hat, in dem wir aufgewachsen sind. Und was die Legionen den Menschen angetan haben, die dort leben, kann man sich wahrscheinlich noch nicht einmal vorstellen. Es würde keinem von uns zur Ehre gereichen, wenn wir jetzt wieder umkehren und diese Menschen im Stich lassen würden.«
Und trotzdem, noch war Zeit genug...
»Mutter?« Graine saß noch immer auf der Rotschimmelstute. Sie war so leicht. Wenn sie sie erhängten, dann würde es einen halben Tag dauern, bis sie endlich starb. »Wir können jetzt nicht mehr umkehren. Es schneit jetzt noch stärker als bisher. Und die römischen Patrouillen würden, so bald es hell wird, unsere Spur finden.«
Sie war noch ein Kind, und noch nie hatte sie einen anderen Menschen verfolgt oder war selbst verfolgt worden; doch sie war ein Kind, das auf Mona aufgewachsen war, und dort hatte sie den Geschichten der besten Jäger und Fährtenleser gelauscht, die der Westen je gesehen hatte. Graine kannte die möglichen Gefahren im Winter also genauso gut wie jeder Erwachsene. Und was sie gerade gesagt hatte, war somit nichts anderes als die unverblümte Wahrheit, und mit einem Mal erschienen die unterschiedlichen Wahlmöglichkeiten in einem ganz anderen Licht.
Die Entscheidung war gefallen.
Der Gesang auf der Lichtung nahm unterdessen einen weicheren Tonfall an. In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit weinte ein Mädchen mit ochsenblutrotem Haar goldene Tränen, während sich auf einem weit entfernten Schlachtfeld der Schlangenspeer in die Lüfte erhob und die Vernichtung Roms verkündete.
Breaca streckte die Arme aus und hob ihre Tochter, das Kind ihres Herzens, aus dem Sattel. Aus der Dunkelheit heraus wurde sie dabei von jenen fünf Menschen beobachtet, die den anderen Teil ihres Herzens ausmachten.
Mit übertrieben förmlichen Worten - ansonsten hätte es ihr in diesem Moment gänzlich die Sprache verschlagen - verkündete Breaca: »Wenn die Träumer und Sänger von Mona nun in das Lied Brigas mit einstimmen wollen, dann soll jetzt der Augenblick gekommen sein, in dem die Kinder der königlichen Linie ihr Volk kennen lernen.«
 
Der Wildpfad führte weiter geradeaus und schließlich auf die Lichtung hinaus. Zahlreiche Fackeln bildeten einen großen Ring und ließen ihren nach Kiefern duftenden Rauch in die Luft aufsteigen. Über diesem Kreis von Fackeln hingen die letzten, noch nicht abgefallenen Blätter der Eichen und Ulmen; wie tausend schmale Streifen aus Bronze fingen sie das Fackellicht auf und warfen es noch um eine Nuance wärmer wieder zurück.
Leider waren die zwischen den Bäumen Wartenden den schimmernden Blättern zahlenmäßig um ein Vielfaches unterlegen. Graine stand neben ihrer Mutter, außerhalb des Rings aus Licht, und von ihrer Position aus konnte sie die Menschen innerhalb des Kreises leichter zählen. Sie waren weniger als ein Zehntel jener Anzahl von Leuten, die das Große Versammlungshaus auf Mona gefüllt hatten, als der westliche Kriegsrat sich das letzte Mal versammelt hatte, und sehr viele von ihnen waren schon alt. Die weißen Haarschöpfe waren eindeutig in der Überzahl, und der pfeifende Husten der bereits vom Winter Angegriffenen übertönte hin und wieder sogar die Totenklage des Sängers.
Efnís stand in den dunklen Schatten außerhalb des Kreises, und er sang noch immer. Seine Stimme umwob die Anwesenden mit einem Faden aus gesponnener Musik. Airmid und Dubornos schritten zwischen den Bäumen hindurch, um sich neben ihn zu stellen. Zuerst ganz leise und dann zunehmend kräftiger stimmten sie in seinen Gesang mit ein, und gemeinsam mit dem harzigen Rauch der Fackeln stieg ihr Lied zu Nemain empor. Mit drei Stimmen kam die verschlungene Melodie dem Klang, den sie annehmen mochte, wenn sie von einem ganzen Chor gesungen wurde, schon näher. Und sie schwoll immer stärker an, bis sie schließlich ihren Höhepunkt erreichte und dann ganz plötzlich abbrach. Die daraufhin einsetzende Stille war wie ein leerer Raum, der darum bat, belebt zu werden.
Nun war es zu spät, um sich Gedanken darüber zu machen, wie schlecht sie auf einen solchen Augenblick doch eigentlich vorbereitet waren. Graine hatte Angst; dennoch bewegte sich ihre Mutter von ihr fort. Wenn die Bodicea den Kriegern und den Träumern in dem Großen Versammlungshaus auf Mona gegenübergetreten wäre, hätte sie einen Umhang und eine Tunika getragen, die seit ihrer Herstellung kontinuierlich über einem schwelenden Feuer gehangen hatten und die folglich weder Feuchtigkeit noch Schimmel noch Motten kannten. In der halbtägigen Vorbereitung, die einer solchen Ansprache üblicherweise vorausging, hätte sie sich den neunfachen Kriegerzopf sowie die mit Golddraht umwickelten Kriegerfedern in ihr Haar geflochten, um damit die Ahnen zu ehren. Von ihrem Gürtel hätten auf der einen Seite ihr Schwert und auf der anderen Seite ihr Messer herabgebaumelt, und auf den Griffen beider Waffen wäre der Schlangenspeer zum Leben erwacht.
Hier aber stand sie nun in dem Bewusstsein, bereits eine mehrwöchige Reise hinter sich zu haben, vor der sie wiederum doppelt so lange allein in den Bergen auf Jagd gewesen war. Ihr Umhang war von der langen Reise völlig zerknittert und mit Schmutz beschmiert. Um die Ränder ihrer Tunika hatte sich ein Saum aus langsam trocknendem Schlamm gebildet, und ihre Stiefel hatte der Schneematsch durchweicht. Sie führte keinerlei Schwert bei sich, an seiner Stelle hing lediglich ihre Schleuder von ihrem Gürtel herab. Der Griff ihres Messers bestand aus einfachem Holz ohne jede Verzierung. Das Haar trug sie schlicht und in einem einzigen Zopf geflochten, und die silberne Krähenfeder war trübe und angelaufen, wo Ardacos sie mit dem Zipfel seines Umhangs hatte polieren wollen.
Das hier war die Realität; doch sie war nicht das, was die auf der Lichtung Versammelten sahen.
Breaca trat in den von den Harzfackeln ausströmenden Lichtkreis. Wie mit einem einzigen Atemzug hielt man überall auf der Lichtung plötzlich die Luft an, als die dort versammelten Krieger, Träumer und Ältesten vom Volk der Eceni zum ersten Mal seit zwanzig Jahren sowohl ihre größte Hoffnung als auch die Quelle ihrer größten Furcht vor sich verkörpert sahen.
Für sie war die Bodicea stets ein Wesen aus Flammen und glänzendem Metall gewesen: Der rotgoldene Torques schlang sich wie eine lebendige Schlange um ihren Hals, ihr Haar war von dem dunklen, von innen heraus strahlenden Bronzeton eines Fuchsfells im Winter, und ihre Augen strahlten kupfergrün und leuchteten im Triumph der durchkämpften und gewonnenen Schlachten.
Graine dachte in diesem Augenblick, dass sie wohl noch ewig so stehen bleiben und ihre Mutter voller Bewunderung anstarren könnte. Die älteren Mitglieder der Eceni befanden sich in diesem Augenblick an der Schwelle zu einer Veränderung, die die gesamte Geschichte umwälzen sollte. Doch sie verharrten an der Wegschneise, von wo aus alle Pfade beschritten werden konnten und doch nur einer der richtige war. Und ein jeder von ihnen, vom Ältesten bis hinab zum Jüngsten, konnte das spüren.
Efnís war derjenige, der den Zauber, der für einen Moment über der Lichtung gehangen hatte, schließlich wieder brach. Mit einem einzigen Schritt in Richtung des Kreises löste er sich aus den Schatten. Wie Breaca, so hatte auch er sein Möglichstes getan, um sich angemessen für die Begegnung zu kleiden, wenngleich sein Umhang schon deutlich verblichen war und die zusammengerollte Baumrinde seines Stirnbandes so frisch, dass noch die Feuchtigkeit des Baums daran haftete. Rom hatte den Träumern das Tragen ihrer Stirnbänder ebenso untersagt wie den Kriegern das Tragen von Schwertern; allein damit, solch ein Band auch nur anzufertigen, riskierte man schon sein Leben.
Graine war Efnís schon einmal auf Mona begegnet, und sie hatte ihn auf Anhieb gemocht. Sie wollte ihn nun gerne fragen, wer denn gestorben sei, dass er die Totenklage für die verlorenen Seelen gesungen hatte, doch da er bereits wieder seine Stimme erhoben hatte, musste sie ihre Frage für sich behalten.
»Breaca, sei gegrüßt. Der Hohe Rat der Eceni heißt dich willkommen.«
Respektvoll entbot er ihr die Ehrenbezeigung. Airmid und Dubornos, die unterdessen vorgetreten waren und sich neben ihn gestellt hatten, taten es ihm gleich. Zwar war das alles zuvor nicht abgesprochen worden, doch es hatte den beabsichtigten Effekt. Zögernd schlossen sich ihnen auch einige andere aus dem Kreis an. Ein Arm nach dem anderen reckte sich nach oben - ähnlich wie die Halme von Wintergras, die sich in einer trägen Brise aufrichten -, bis schließlich alle dreihundert Versammlungsmitglieder von ihren Plätzen aufgestanden waren. Diese alten Männer und Frauen, die sowohl die Säuberungsaktionen überstanden als auch die Massenerhängungen überlebt hatten und die irgendwie dem Verrat durch Stammesmitglieder und bezahlte Spione hatten entgehen können, diese Männer und Frauen hatten nun also die letzten Überreste ihres Muts zusammengenommen, um sich heute und hier im Geheimen zu treffen - wohl wissend, dass sie, sollte man sie hier finden, dafür innerhalb weniger Tage mit dem Tode bestraft würden.
Alle waren sich bewusst, dass sie das Richtige taten, und doch wollte sich irgendwie nicht die richtige Stimmung für eine solche Versammlung einstellen. Graine erschauderte und wünschte, die Großmütter würden kommen und ihr sagen, womit sie diese bedrückende Stimmung vertreiben könnte. Und als ob Graine ihren Wunsch laut ausgesprochen hätte, wandte Breaca sich plötzlich zu ihr um und blickte mit einem breiten Lächeln direkt in ihre Richtung. Das war nicht das vertraute, nur angedeutete Lächeln, mit dem sie sie auf der Lichtung angesehen hatte, sondern die für alle sichtbare Wertschätzung ihrer Tochter. Breaca kniete sich auf die Erde und bedeutete Graine mit einem kleinen Fingerzeig, in den Kreis zu treten...
… was der reinste Wahnsinn war. Denn auch Graine befand sich seit nunmehr über einem halben Monat auf der Reise, und das sah man ihr auch an. Sie war nicht die Bodicea, die die Macht hatte, selbst eine Versammlung von vollkommen Fremden mit einem einzigen Blick zu befehligen. Sie besaß weder den Torques noch die Silberfeder, die sie sich zu einem solchen Anlass eigentlich in ihr Haar hätte flechten müssen. Die Brosche an ihrer Schulter war auch bloß ein sehr einfach gearbeitetes Stück - in der Form eines Zaunkönigs -, und sie hatte einmal Macha gehört, war aber mittlerweile schon so lange getragen worden, dass ihre Form bereits zu verschwimmen begann. Ihr Haar war ungekämmt, und das Stirnband der Träumer hatte sie ohnehin nie getragen. All dies hatte keinerlei Bedeutung gehabt, solange sie unbemerkt in den Schatten gestanden hatte. Jetzt aber, da sie wieder zurückkehrte in die Arme des Volkes ihrer Mutter, besaß jede Kleinigkeit eine nicht zu unterschätzende Wichtigkeit - jetzt, da es ein ganzes Leben zu dauern schien, bis sie sich unter dem starren Blick von dreihundert nur widerwillig die Hand zum Gruße erhebenden Alten aus der sicheren Anonymität des Waldes gelöst hatte und vortrat in die Mitte des Kreises hinein.
Zwar hatten die Großmütter offenbar nicht gesprochen, doch schien es, als ob ihre Mutter auf wundersame Weise bereits selbst erkannt hätte, was nun zu tun war. Es ist sehr schwer, in Gegenwart eines Kindes auf seine Autorität zu pochen; und umso unhöflicher, dies vor einer Mutter zu tun, die vor ihrer Tochter kniet und ihr sanft das Haar zerzaust. Und ebenso zögerlich, wie erst kurz zuvor noch der leichte Wind die Gräser sich hatte aufrichten lassen, so drückte die Brise sie nun wieder flach auf die Erde hinab. Zuerst einzeln, dann zu zweit und schließlich in Gruppen ließen die alten Eceni die Arme sinken und setzten sich wieder auf den Boden.
Breaca drückte Graine einen raschen Kuss auf die Stirn, dann nahm sie sie bei der Hand und schritt zu dem Stapel zusammengelegter Pferdefelle hinüber, die am westlichen Rand des Kreises zu einer Art Sitzplatz aufgeschichtet worden waren. Sie packte die unterste der Häute am Rand und zog damit den ganzen Stapel ein Stück nach vorn, nicht ganz bis in die Mitte hinein, aber fast.
Mit dem vertrauten, neckenden Unterton einer Mutter sagte sie zu Graine: »Meinst du, du kannst schon so auf den Fellen Platz nehmen, wie die Alten es tun?«
Aber natürlich konnte sie das. Wenn es der Wunsch ihrer Mutter gewesen wäre, dann hätte Graine sich in diesem Augenblick sogar bis in den Himmel hinaufschwingen und dabei wie ein Zaunkönig singen können. Genauso, wie sie es bereits viele Male mit Airmid in deren kleiner Steinkate auf Mona geübt hatte, breitete Graine nun ein wenig die Arme aus, so dass ihr Umhang in einer glatten Linie über ihren Rücken hinabfiel, zog die Beine unter sich und ließ sich in der vorgeschriebenen, ordentlichen Haltung auf den Fellen nieder.
Sie sandte ein Stoßgebet gen Himmel; mehr an Airmid gerichtet denn an Nemain. Und dann hob Graine von den Eceni den Kopf und schaute mit ernstem Gesichtsausdruck auf die Versammlung der Träumer ihres Volkes. Dreihundert alte Männer und Frauen erwiderten ihren Blick. Mindestens die Hälfte von ihnen weinte. Breaca stand hinter Graine, beide Hände auf die Schultern ihrer Tochter gelegt. Als sie anschließend die Stimme erhob, schien es, als spräche sie jeden der Anwesenden ganz persönlich an.
»Dies hier ist die erste und einzige Tochter von meinem Blut, Graine nic Breaca mac Caradoc. Erhebt ihr euch also zum Gruße, so soll dieser fortan ihr gelten. Sie ist die Zukunft, die eine, für die wir die vergangenen vierzehn Jahre lang im Westen gekämpft haben und für die wir nun auch im Osten zu den Waffen greifen werden. Im Gegensatz zu uns ist Graine in den Krieg bereits mitten hineingeboren worden. Wir haben alles getan, was wir nur konnten, um sie gemäß ihrem Geburtsrecht zu erziehen, haben jeden Tag im Angesicht der Götter gelebt, auch in dem Bewusstsein, dass eure Kinder diesen Vorzug nicht genießen durften. Nun sind wir gekommen, um uns euch anzuschließen, um Graine in ihrem Heimatland aufwachsen zu lassen und um sicherzustellen, dass für ihre Kinder ebenso wie für die euren die Wahrnehmung dieses Geburtsrechts bald keine Ausnahme mehr sein soll. Genau dieses Ziel ist es, für das wir mit eurer Hilfe gegen Rom kämpfen und für das wir Rom besiegen werden.«
Hätte die Bodicea zu den Kriegern des Westens gesprochen, hätte sie gewiss keinerlei Anstrengungen unternehmen müssen, um ihre Zuhörer dazu zu bewegen, nun die Schwüre des Mutes und der Ehre abzulegen. Sie wären inzwischen längst aufgesprungen, hätten lautstark danach verlangt, die Ersten sein zu dürfen, die nach alter Tradition ihren Schwur auf den Speer ablegten, die ihr Leben hingeben dürften, ihre Seele und ihre Freiheit allein für dieses Ziel.
Auf Mona gab es Mut genug, um davon sogar anderen noch etwas abgeben zu können. Hier aber lagen die Dinge offensichtlich anders.
In diesem Bewusstsein ließ Breaca es also nicht bei dieser kurzen Ansprache bewenden, sondern bedeutete vielmehr mit einer Handbewegung in Richtung der Bäume, dass nun auch Cunomar und Cygfa in den Kreis treten und sich vor sie knien sollten, bis sie schließlich alle in einer Linie vor ihr aufgereiht saßen; eine Frau und ihre drei Kinder. Die Bodicea, die Siegesbotin, und jedes einzelne Mitglied der königlichen Linie der Eceni.
Sie wurden mit Schweigen empfangen, nicht mit zum Gruß erhobenen Händen.
Graine ließ sich gegen ihre Mutter zurücksinken; plötzlich war sie gar nicht mehr so selbstsicher wie noch vor kurzem. In den ganzen zwei Jahren seit Cygfas und Cunomars Rückkehr aus Gallien hatten ihr Bruder und ihre Schwester noch nie so wie jetzt neben ihr gesessen; so als ob sie eine Familie wären. Sorchas Kinder waren ihre Familie gewesen, und Airmid natürlich. Rasch warf sie einen Blick zur Seite und in die Dunkelheit jenseits der Fackeln. Dort irgendwo war Stone, allerdings hielt Ardacos ihn zurück. Nur mit den Lippen, ohne Stimme, rief sie eine Bitte. Sogleich kam wie zur Antwort der große Hund vorgetreten, legte sich neben sie, und Graine fühlte sich wieder geborgen.
Breaca erhob sich und ließ den Blick über die Versammlung schweifen. In ihrem Schweigen lag der Kern ihrer Botschaft. Ich habe meine Familie in euer Land geführt. Ich habe das gleiche Risiko auf mich genommen, wie auch ihr es tragt. Ihr könnt mir vertrauen.
Sie wussten die gegenwärtige Lage sehr gut einzuschätzen, diese alten Männer und Frauen, und das Wenige, was ihnen von ihrer Ehre noch erhalten geblieben war, erfüllte sie mit Stolz. Ein Seufzen ging durch ihre Reihen, doch die Luft blieb fast regungslos stehen. Graine beobachtete, wie sie ihre Aufmerksamkeit von der Bodicea abwandten und stattdessen zu einem Mitglied aus ihren eigenen Reihen hinüberschauten.
Zweifellos hatten sie bereits einen aus ihrer Mitte bestimmt, der die Funktion des Sprechers übernehmen sollte. Die Frau erhob sich; sie war grauhaarig und sehr mager, eine hoch gewachsene und asketische Erscheinung, ausgehungert von den Entbehrungen, die das Leben ihr auferlegt hatte oder die sie sich selbst wählte, so dass ihre Haut an ihren Knochen zu kleben schien und die Fingerknöchel hervorstanden wie der Widerrist eines Pferdes. Ihr Umhang war von dem speziellen Grau, wie man es auf Mona trug, und schon ganz zerschlissen von der Aufmerksamkeit, mit der die Nagetiere und die Fäulnis ihn bedacht hatten. Auf der Brust trug sie eine einzelne schwarze Feder und in der rechten Hand einen Rabenschädel, dessen weißer Schnabel hervorstach wie ein sechster Finger. Von all den Dingen, die sie am Leibe trug, waren der Schädelknochen und die Feder die einzigen beiden, die wirklich sauber aussahen.
»Du bist gut genährt, Breaca von den Eceni, ebenso wie deine hübschen Kinder.«
Sie lächelte nicht. Wiederum schienen Graine die Worte aber auch nicht so bitter zu klingen, wie sie vielleicht hätten wirken können. Die Stimme der Frau war eindeutig weicher als die des Raben, der ihr Traumsymbol zu sein schien. »Wenn du eher gekommen wärst, zu einem Zeitpunkt, als es noch Krieger unter uns gab, Krieger, die noch den Willen hatten zu kämpfen, als wir noch offen unsere Speere und Waffen tragen durften und noch nicht dazu gezwungen waren, sie außer Reichweite und an Orten zu verstecken, von deren Existenz noch nicht einmal unsere Familien wissen, wenn du gemeinsam mit den zehntausend Speerkämpfern von Mona gekommen wärst, die dir gefolgt wären, um dich in deiner Forderung zu bekräftigen, oder wenn du genügend Träumer bei dir hättest, die jenen, denen bereits das Herz gebrochen ist, wieder Mut einflößen könnten, dann hätten wir dich mit Freuden unter uns willkommen geheißen.«
Sie ließ den Blick einmal über ihre Zuhörer schweifen. Niemand erhob sich, um ihrer scharfen Rhetorik Einhalt zu gebieten oder um sie in eine andere Richtung zu lenken. Dann neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite, ganz so, wie es die Raben taten, lauschte kurz und fuhr schließlich fort: »Aber du bist nicht eher gekommen, und auch wenn du nun deine Familie mitgebracht hast, und auch wenn wir natürlich bereits von den Heldentaten gehört haben, die die Tochter von Caradoc in den Schlachten an der Seite der Bodicea vollbracht hat, so ist all das doch trotzdem noch zu wenig, und es kommt zu spät. Unser Volk liegt bereits am Boden, und so schnell richtet man uns nicht wieder auf.«
Der Schnabel des Raben thronte nun auf einem emporgereckten Arm und riss seine beiden Kiefer weit auseinander, so dass die Stimme der Frau plötzlich aus dem gähnenden Rachen des Tieres zu erschallen schien. Nun war die Stimme ganz und gar nicht mehr weich. Wer auch immer sie auf Mona unterrichtet haben mochte, er durfte stolz sein auf seine Schülerin.
»Geh wieder zurück nach Hause, Breaca, ehemaliges Oberhaupt der Eceni. Wir haben jetzt einen anderen Anführer, und dessen Macht stammt von dem Kaiser in Rom, der sich selbst gern zum Gott erheben will. Für dich gibt es hier keinen Platz mehr. Du tust besser daran, wenn du im Westen bleibst und dort kämpfst. Wir werden dich und deine Familie weiterhin in Ehren halten. Eure Träumer sollen deine Kinder lehren, wie man träumt, damit sie dieses Wissen dann einst an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. Unsere Kinder aber sind bereits verloren, und sie kann niemand mehr befreien.«
Graine blieb der Atem geradezu im Halse stecken, und sie spürte, wie Cunomar neben ihr nervös hin und her zu rutschen begann, bis er sich offenbar selbst wieder zur Ordnung rief. Seit ihrer frühesten Kindheit wussten sie, dass der Schutz der Kinder der Eceni das eigentliche Lebensziel ihrer Mutter war. Und eine solche Vision ist etwas ganz Privates, nichts, das ein Fremder einfach so und vor lauter anderen Fremden laut aussprechen dürfte.
Falls dies Breaca also erschüttert haben sollte, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. »Und dennoch seid ihr alle zu dieser Versammlung erschienen, die nur allzu leicht von den Legionen entdeckt werden könnte«, widersprach sie, »ihr, die ihr genauso gut in euren Häusern beim Feuer hättet sitzen bleiben können, wo ihr in Sicherheit gewesen wärt.«
Die grauhaarige Frau ließ den Totenschädel sinken. Nun sprach sie wieder mit ihrer eigenen Stimme. »Egal, welches Schicksal uns auch heimgesucht haben mag, so bist du doch noch immer ein Spross unserer königlichen Linie, und auch der Mut fehlt uns noch nicht gänzlich. Wir wollen es dir gegenüber nicht an der dir gebührenden Ehre mangeln lassen. Wir wollen dir lediglich zeigen, was aus uns geworden ist, damit du zurückkehren kannst, woher du gekommen bist, und besser dort weiterkämpfst. Unserem Volk hier kann niemand mehr helfen. Aber deswegen muss der Westen ja noch nicht verloren sein. Solange Mona noch besteht, besteht auch noch Hoffnung.«
So schnell sie aufgestanden war, so rasch setzte sich die Frau nun wieder. Auf Mona wäre es kaum möglich gewesen, den Rest der Menge nunmehr so ruhig und still auf seinen Plätzen zu halten wie diese Menschen hier. Im Wald des Ostens aber wagte es niemand, sich zu erheben und den Worten der Frau seine eigene Meinung hinzuzufügen.
In der sich immer länger ausdehnenden Stille ließ Breaca ihren Blick prüfend über die Runde schweifen. Graine, die als Einzige unmittelbar vor ihrer Mutter saß, spürte genau, wie ein erster Schauer der Anspannung durch den Körper der Bodicea lief. Den äußeren Anschein von Ruhe und Gelassenheit zu bewahren kostete ihre Mutter mit einem Mal mehr Kraft als noch vor einigen Augenblicken, und für jemanden, der es gewohnt war, genau zu beobachten, waren die kleinen Anzeichen dafür bereits deutlich erkennbar: Weiß traten an der unter ihrem Umhang verborgenen Hand die Fingerknöchel hervor; und einmal rieb ihre Mutter sogar mit dem Daumen über die Spitzen der anderen Finger, wie um ihr Empfindungsvermögen zu testen. Breaca wartete auf etwas, doch noch hatte sich nichts ereignet. Wenn es aber endlich eintreten sollte, dann, so überlegte Graine im Stillen, würde es zweifellos zu einem Kampf kommen.
Doch nichts von alledem ließ sich an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, außer vielleicht an ihrer Stimme, als sie fragte: »Dann ist dies also euer aller Entscheidung?«
Sie war die Bodicea, die Anführerin der Armeen; sie konnte in eine einfache Frage eine solche Schärfe legen, dass sich alle schämten, vom Ranghöchsten bis hin zum Unbedeutendsten von ihnen.
»Nein.«
Es erhob sich ein Mann mittleren Alters. Sein Haar war bereits ergraut, und um die Schultern trug er einen Biberpelz. Er hatte die kräftige Statur eines Schmiedes, schien jedoch nicht allzu sicher zu stehen, als ob er Schmerzen in der Hüfte hätte. »Das war zwar in der Tat unsere gemeinsame Entscheidung gewesen. Allerdings hatten wir die gefällt, bevor du kamst. Es muss also nicht unbedingt bei dieser Entscheidung bleiben, nun, da du hier bist und da wir gesehen haben, wer und was du bist.« Er ließ den Blick einmal über die Runde schweifen. »Und vielleicht mögen wir ja bereits tatsächlich am Boden liegen, aber es ist dennoch nicht vollkommen ausgeschlossen, uns wieder aufzurichten. Wenn die Götter uns nun also einen Grund schicken, für den es lohnt, sich wieder zu erheben, wie sollen wir dann noch unseren Kindern und den Kindern unserer Kinder in die Augen schauen können, ohne die Chance, die uns dargeboten wird, zu ergreifen? Die königliche Linie der Eceni reicht ununterbrochen bis zu den frühesten Ahnen zurück. Und gerade wir, unsere unbedeutende Versammlung hier, soll nun jene Kraft sein, die diese Blutlinie auf immer beendet? Ich jedenfalls nehme mein Wort, das ich vor kurzem noch Lanis von den Krähen gegeben hatte, wieder zurück. Und stattdessen spreche ich nun selbst für mich und für jene, deren Vertrauen ich genießen darf, und ich sage, dass die Bodicea bleiben soll und dass wir uns wieder mit Waffen eindecken müssen, dass wir unsere Klingen wieder aus der Erde ausgraben sollten, unsere Speere aus ihrem Versteck unter den Reetdächern herausziehen, und dass wir Schilde schmieden müssen, die stark genug sind, um den Hieben der Schwerter der Legionen standhalten zu können. Wir müssen kämpfen und bereit sein, notfalls für unsere Sache auch in den Tod zu gehen.«
Er war einst ein Krieger gewesen, sein ganzes Auftreten verriet das. Graine hätte ihn am liebsten umarmt. Stattdessen aber lächelte sie nur und freute sich, als er sie sah und ihr Lächeln erwiderte. Die anderen respektierten ihn, wie man klar an der Anzahl der nickenden Köpfe erkennen konnte. Und noch jemand erhob sich, eine Frau, um einiges jünger als diejenige, welche zuerst gesprochen hatte. »Der Nordländer hat Recht«, stimmte sie ihm zu. »Die königliche Linie ist eine der Schöpfungen der Götter. Es ist nicht an uns, sie nun untergehen zu lassen.«
Wie Feuer, das sich in herbstlich trockenem Gras ausbreitet, so breitete sich nun unter den Versammelten Zustimmung aus. Hier und dort entstanden zwar Meinungsverschiedenheiten, versuchte man, den Richtungswechsel im Keim zu ersticken. Woanders fanden sich kleine Gruppen zusammen, in denen die Männer und Frauen hitzig gegen die Rückkehr der Bodicea wetterten. Fast alle von ihnen trugen Narben. Noch tiefer als die körperlichen Narben aber hatte sich in diese Menschen eine gewisse Abgestumpftheit eingegraben, die von dem schmerzlichen Bewusstsein herrührte, dass sie gerade jene an Rom verloren hatten, die ihnen am meisten am Herzen lagen; und sie fürchteten sich davor, nun noch mehr zu verlieren.
Langsam nahm die Versammlung jene Lebhaftigkeit an, wie Graine sie von Mona her gewohnt war; die Lautstärke nahm zu, die Stimmen wurden schriller, während wohl abgewogene Einwände überzogenen Hoffnungen weichen mussten oder in der Angst der Menschen untergingen. Einer nach dem anderen erhoben sich die Träumer und Krieger, um sich entweder auf die Seite der Frau zu schlagen, die als Erste gesprochen hatte, oder auf die der Bodicea. Sie waren keine Ratsversammlungen mehr gewohnt, und die Regeln der Mäßigung und der Höflichkeit, die bei diesen üblicherweise galten, waren ihnen nicht mehr geläufig. Als die Nacht älter wurde und jene, die noch immer darauf warteten, endlich das Wort ergreifen zu dürfen, langsam müde wurden und die Geduld verloren, brach schließlich auch der letzte Rest von Ordnung und Disziplin zusammen. Sowohl Männer als auch Frauen standen in kleinen Gruppen zusammen, brüllten Breaca an, brüllten einander an oder schrien einfach nur etwas in die Menge, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie hörte.
Als der Tumult seinen Höhepunkt erreichte, entdeckte Graine einen schlanken, rothaarigen Mann mit beginnender Stirnglatze, über dessen Nasenrücken eine Narbe verlief wie von einem Schwert, das ihn im Kampf gestreift haben mochte. Er drängte sich durch die Menge nach vorn und sprang auf einen umgestürzten Baumstamm am Rande des Versammlungskreises. Seine Stimme war einst stark genug gewesen, um den Lärm einer Schlacht zu übertönen, und vermochte dies auch heute noch.
»Du kannst nicht hier bleiben! Du darfst nicht hier bleiben! Wenn die Legionen erfahren, dass die Bodicea hier ist, dann lassen sie dich eines schrecklichen Todes sterben, der sich über drei volle Tage hinziehen wird. Und wenn sie kommen, um dich zu holen, werden sie sich nicht mit bloß deinem Tod zufrieden geben, sondern sie werden durch uns alle hindurchpflügen wie Wölfe durch eine unbehütete Schafherde, und unsere Kinder werden auf unserer eigenen Türschwelle verbluten. Es war der helle Wahnsinn von dir, dich überhaupt so weit vorzuwagen. Was hat dich denn bloß auf die Idee gebracht, du könntest hier bleiben?«
Seine letzten Worte fielen in vollkommenes Schweigen hinein. Selbst hier hatte er es geschafft, über das Ziel hinauszuschießen. Er stand leicht schwankend auf dem umgestürzten Baumstamm, und sein Groll schien wie ein Lichtkranz von ihm auszustrahlen. Er schaute sich nach rechts und nach links um, auf der Suche nach jener Zustimmung, die man ihm jedoch nicht gab. Selbst diejenigen, die zuvor noch seiner Meinung gewesen waren, hatten den Blick nun auf den Boden gesenkt und sprachen kein Wort.
Die ganze Zeit über war die Bodicea ruhig stehen geblieben und hatte scheinbar gefasst und aufmerksam den Argumenten beider Seiten gelauscht. Graine aber sah mit wachsender Beunruhigung, dass ihre Mutter den weitaus größeren Teil ihrer Aufmerksamkeit auf den hinter dem Versammlungskreis liegenden Wald konzentriert hatte. Je länger Breaca warten musste, desto stärker drückte sie die Hand auf jene Stelle an ihrer Seite, wo eigentlich ihr Schwert hätte hängen sollen.
Breaca holte tief Luft, wollte gerade zu der Versammlung sprechen, als plötzlich aus der Dunkelheit jenseits der Fackeln eine bisher ungehörte Stimme ertönte: »Sie kann bleiben. Als meine Ehefrau. Rom wird nie erfahren, wer sie wirklich ist.«
Die Stille, in die diese Worte gefallen waren, stank mit einem Mal nach einer geradezu Übelkeit erregenden Angst.
Der Mann, der jetzt zwischen zwei rußenden Fackeln hindurchtrat, war zwar nicht so groß wie Luain mac Calma, aber dennoch größer als die meisten anderen der Anwesenden. Sein Haar hatte Ähnlichkeit mit Stroh, sowohl in der Farbe als auch in der Beschaffenheit, und es war nach römischer Art geschnitten, so dass es ihm kaum bis zu den Schultern reichte.
Als Graine endlich den Blick von seinem Haar zu lösen vermochte sowie von dem nackten Hunger, der aus seinen Augen strahlte, da erkannte sie, dass sein rechter Arm nur bis zum Ellenbogen reichte und dass er die Ärmel seiner Tunika offenbar bewusst übermäßig lang trug, um eben das zu verbergen. Und somit wusste sie mit geradezu quälender Gewissheit, wer er war: Tagos, der sich selbst Prasutagos nannte, um es an Gewichtigkeit mit dem römischen Gouverneur aufnehmen zu können; der verstümmelte Krieger, der Silla bloß als Zuchtstute benutzt hatte, damit diese ein kränkliches Kind nach dem anderen gebar, bis sie schließlich starb, ohne auch nur einen lebensfähigen Nachkommen zu hinterlassen. Er war der selbst ernannte »König der Eceni«, der sich zuerst mit Kaiser Claudius verbündet hatte und dann mit Nero. Wenn Efnís’ Kurier also die Wahrheit gesagt hatte, dann war dies genau jener Mann, der sie alle auf die nur denkbar grausamste Art sterben sehen wollte.
Es dauerte eine Weile, bis Graine den Blick hinauf zu ihrer Mutter hob. Breaca stand noch immer vollkommen ruhig da. Die Anspannung, die sie zuvor noch umfangen hatte, war verschwunden. Das Warten hatte ein Ende gefunden. Wenn an ihr überhaupt irgendeine Regung abzulesen war, dann schien sie sich gerade zu sammeln, so wie die Krieger es üblicherweise taten, bevor sie in eine Schlacht ritten. In Wahrheit aber hatte Breaca ihre innere Ruhe bereits längst wiedergefunden.
»Kommst du mit Roms Legionen auf den Fersen?«, fragte sie mit ruhiger, beherrschter Stimme.
»Nein.«
Tagos runzelte angestrengt die Stirn. Seine Bewegungen waren allesamt viel zu schnell, zu ruckartig. Er nahm sich nicht die Zeit, nachzudenken oder die Götter zu fragen, ehe er handelte. Graine schämte sich, dass ein Eceni sich so benahm.
»Es tut mir Leid«, fuhr er fort, »dass du so von mir denkst. Ich komme mit einer Lösung, um den Konflikt beizulegen. Ich habe den Zwistigkeiten unter den Ältesten unseres Volkes gelauscht. Sie könnten sich noch die ganze Nacht hindurch streiten, und noch drei Nächte länger, und würden einer Lösung doch um keinen Deut näher kommen. Die eine Hälfte von ihnen wünscht sich, dass du bleibst, damit die königliche Linie nicht unterbrochen wird. Die andere Hälfte aber hat Angst, dass die Ankunft der Bodicea möglicherweise die Rache Roms auf sie und ihre Leute herabbeschwören wird. Egal, welche Seite sich auch durchsetzen wird, die andere Hälfte wird sie dafür hassen. Das Volk der Eceni, welches ohnehin schon lange keine Einheit mehr ist, wird noch weiter zerfallen. Einen solchen Riss können wir uns aber nicht leisten, und ich persönlich möchte auch gar nicht über ein Volk herrschen, das sich dermaßen entzweit hat. Ich biete dir und deiner Familie also die Möglichkeit, sicher unter den Augen des Gouverneurs zu leben, ohne dass dieser erfährt, wer ihr seid. Und ich bringe dir das hier...«
Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Mit dem Geschick eines ausgebildeten Sängers zog er unter seinem verkürzten Arm einen Torques hervor. Das Gold war mit der Zeit schon ganz angelaufen, und der Halsreif war in der alten Machart aus vielen miteinander verschlungenen Goldfäden gefertigt worden. Er sah recht zierlich aus, verglichen mit dem rotgoldenen Halsreifen, den die Bodicea gegenwärtig trug, doch inmitten einer Versammlung von Träumern war er es, und nicht der Reif von Breaca, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog wie ein blutiges Lendenstück ein Rudel Hunde.
Auf der von Prasutagos abgewandten Seite, dort, wo Graine stand, ballte Breaca die Hand einmal kurz zur Faust und entspannte sie dann wieder. »Du willst mir den Torques meiner Mutter anbieten?« Ihre Stimme klang so rau wie Gestein. Bei ihrem Klang wandte Stone ruckartig den Kopf zu Breaca um.
»Nein. Ich biete diesen Torques der einzigen Person an, die ihn öffentlich tragen kann, ohne dafür sterben zu müssen.«
Der Mann, der schon als Gast Roms gespeist und getrunken hatte, trat nun einige Schritte vor. Von ihnen allen war Cygfa diejenige, die am dichtesten bei ihm stand. Sie zuckte zusammen, als er sich ihr näherte, doch sie wich nicht zurück. Als er seine Arme über ihren Kopf hob und in ihren Nacken gleiten ließ, griff sie automatisch nach ihrem Gürtelmesser. Als er den Goldreif dann herumzog, so dass die beiden Endstücke auf ihren Schlüsselbeinen und in einem See warmen Lichts zu liegen kamen, entspannte sie sich jedoch wieder, und geradezu als hätte sie ihn vergessen, sank ihr Arm wieder hinab. Es hieß, niemand könne den Torques der Eceni tragen, ohne sich wie ein König zu fühlen. Cygfa war dagegen auch nicht stärker gefeit, als Silla es gewesen war, ganz gleich, wie weit Cygfas Wurzeln auch von den Eceni entfernt liegen mochten. Sie lächelte und sah geradezu betörend aus.
Tagos trat wieder einen Schritt zurück. An Breaca gewandt sagte er: »Wenn du den Halsreif tragen würdest und damit auch die Herrschaft über das Volk übernähmst, dann würde der neue Gouverneur sicherlich einige Fragen stellen, von denen wir uns nicht wünschen, dass auch nur irgendeiner sie beantwortet. Nach römischem Recht werden deine Töchter an dem Tag, an dem du meine Ehefrau wirst, auch die meinen. Also biete ich den Halsreif Cygfa, die nur dem Namen nach deine Tochter ist, damit sie ihn so lange trägt, bis Graine, die Tochter von deinem Blute, das richtige Alter erreicht hat. Sollten wir beide auch noch Töchter bekommen, werden sie in der Reihe der Erbfolge gleich nach Graine kommen. Und an meinem Todestag wird die Herrschaft auf jene von ihnen übergehen, die für diese Aufgabe am besten geeignet ist.«
»Und bis dahin?« Es war, als wären sie beide ganz allein, als gäbe es in diesem Augenblick bloß Breaca und Tagos. Sie sprachen, als ob sie sich bereits ihr ganzes Leben kannten und niemals voneinander getrennt gelebt hätten.
»Bis dahin herrsche ich so, wie Rom es von mir erwartet, mit Breaca von den Eceni als meiner Ehefrau. Du wirst der Ersatz für Silla, und als solchen werden sie dich problemlos akzeptieren. Frauen sind in ihren Augen nicht viel wert, folglich werden sie nicht so unhöflich sein, einen König zu fragen, wonach er seine Frau ausgewählt hat.«
»Und wie lange wird es dauern, bis ein Mitglied deines Haushalts uns verrät?«
Tagos zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht, dass uns irgendeiner verraten würde. Aber wenn ich mich irren sollte, müsste ich auf alle Fälle mit dir sterben. Der Gouverneur wird nicht geneigt sein, Nachsicht zu üben, wenn er meint, man hätte ihn betrogen. Und diejenigen, die unter meiner Herrschaft zu Reichtum gelangt sind, würden mit meinem Tod wieder völlig verarmen. Vor allem aber werden die, die mich hassen, all ihre Hoffnung auf dich setzen, und dein Überleben wird ihre größte Sorge sein.« Er lächelte. »Wer uns verraten will, müsste uns schon beide gleichermaßen tief hassen. Und auch sein Volk dürfte ihm nicht sonderlich am Herzen liegen. Sicherlich gibt es viele, die mich hassen, und einige, die deine Anwesenheit hier fürchten, aber ich kann mir niemanden vorstellen, der vorsätzlich ein solches Blutvergießen auf die Eceni herabbeschwören würde. Solange wir beide leben, leben wir beide in Sicherheit. Wir sichern uns also quasi gegenseitig unser Überleben.«
Er wartete. Sie alle warteten. Graine bemerkte, wie die eben noch zur Faust geballte Hand ihrer Mutter sich wieder entspannte. Weder ihr Gesichtsausdruck noch ihr Verhalten hatten sich geändert, doch die Schlacht, für die Breaca sich gerüstet hatte, war vorüber, und sie war daraus nicht als Verliererin hervorgegangen.
Die Seherin der Kelten
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