VII
Im Land der Eceni lag Schnee, und die Luft schien
von einem ganz eigenen Gewicht zu sein - sie roch nach alten,
ungeklärten Träumen.
Doch auch die dünne weiße Decke war nicht im
Stande, das ausgehungerte Gerippe zu verbergen, dem die Erde hier
glich. Je tiefer Breacas Gruppe in die besetzten Gebiete eindrang,
desto wilder und ungepflegter wucherten die Hecken einfach vor sich
hin, desto häufiger waren die Abzugsgräben verschlammt, desto
dichter waren die ehemaligen Felder von einem Wald aus Unkraut
überzogen. Die Koppeln standen leer und hatten sich in glitschige
Schlammkoben verwandelt; zu viele Schafe, zu viel Vieh hatte die
Weiden zu stark abgegrast, und letztendlich starben sie doch alle
den Hungertod.
Das alles hatte für Breaca eine nur zu
beängstigende Ähnlichkeit mit jenem Land aus der Vision, welche ihr
die Träumerin der Ahnen geschickt hatte. Als sie dies sagte,
erwiderte Dubornos nüchtern: »Die Menschen zahlen ihre Steuern mit
dem Fleisch ihrer Tiere und mit dem Getreide, das sie
erwirtschaften. Das Land muss jetzt also doppelt so stark
ausgebeutet werden wie vorher: einmal für die, die das Land
bestellen, und dann noch einmal für die, die behaupten, die
Eigentümer zu sein.«
»Aber was ist mit dem restlichen Leben hier?«,
fragte Ardacos. »Wo sind die Vögel? Die Füchse? Die Feldhasen?
Müssen die etwa auch dafür herhalten, um die Steuern zu
begleichen?«
»Einige. Denn wenn es kein Rindfleisch mehr gibt,
dann nimmt Rom auch Fuchspelze und Hasenfleisch als Zahlungsmittel
entgegen. Und was die anderen angeht - würdest du denn etwa an
einem Ort bleiben, wo die Legionen sich sogar die Erde selbst zum
Untertan gemacht haben? Sie sind geflüchtet und kommen erst wieder
zurück, wenn die Götter das Gleichgewicht auf der Welt wieder
hergestellt haben.«
Dieses Wissen machte ihnen ihre Reise nicht gerade
leichter. Breaca ritt an der Spitze des kleinen Trupps, hin und her
gerissen zwischen dem Befehl der Ahnin, der sie antrieb, und ihrem
neuen Schwur, den sie auf dem Scheitel ihrer Tochter abgelegt
hatte. Jenem Schwur, mit dem sie versprochen hatte, dass sie stets
dafür sorgen wollte, dass Graine und möglichst auch alle anderen,
die mit ihr reisten, immer in Sicherheit waren.
Breaca ritt auf die gleiche Weise, wie sie schon
die ganze Zeit über seit ihrer Flucht von der Lichtung geritten
war: einen Arm um Graine gelegt, die vor ihr im Sattel saß. Von
außen betrachtet hatte sich in ihrem Verhältnis zueinander nichts
verändert. Innerlich aber hatte Breacas Fürsorge für Graine eine
neue Qualität angenommen, und alle, die gemeinsam mit ihr ritten,
wussten das. Jener Teil von Breaca, der noch immer der Träumerin
der Ahnen verhaftet war, spottete darüber, wie schnell sie sich
doch von ihrem ursprünglich gefassten Entschluss wieder hatte
abbringen lassen, und prophezeite allen, die mit ihr ritten, einen
Tod, wie er schrecklicher nicht sein könnte.
Der andere Teil von Breaca aber - und dies war der
beherrschende Teil - sog die Gegenwart ihrer Tochter förmlich in
sich auf, ebenso begierig, wie ein Verdurstender kaltes Wasser
trank. Und es wundert dich, dass sie sich enger an andere halten
als an dich? Breaca hatte es ganz vergessen, falls sie es denn
überhaupt schon einmal empfunden haben sollte, wie es ist, sich in
der Liebe zu einem Kind zu verlieren. Sie schwankte zwischen
Hoffnung und Angst, die beide zu gleichen Teilen ihr Herz
erfüllten, und mit jedem Schritt, den ihr Pferd tat, hoben und
senkten sich diese beiden Seiten ihrer inneren Waage erneut.
Gemäß dem römischen Gesetz, wonach Krieger
keinerlei Waffen bei sich führen durften, die länger waren als ein
Häutemesser, ritten Breaca und ihre Reisegefährten unbewaffnet in
das besetzte Gebiet ein. Ihre Schwerter sowie auch alles andere,
das sie als Krieger ausweisen könnte, hatten sie im Eingang eines
Grabhügels der Ahnen zurückgelassen, zu dem Airmid sie am Abend
jenes Tages geführt hatte, an dem Ardacos und Cygfa wieder zu der
Gruppe gestoßen waren.
Der Grabhügel schien sich dicht an die Erde zu
schmiegen, versteckt hinter Gestrüpp und dünnen Schleiern von
Flussnebel. Und als sie sich ihm von Westen her genähert hatten,
hatte der gerade aufgehende Mond lange Schatten darüber gegossen,
wodurch der Grabhügel größer und noch weniger einladend erschienen
war, als das unter anderen Umständen vielleicht der Fall gewesen
wäre.
Jedes Gefühl von Sicherheit hatte sich hier
verloren. Während sie also immer näher auf den Eingang zuritten,
richteten sich auf Breacas Armen plötzlich prickelnd die Härchen
auf, und ihre Stute schnaubte unruhig, so dass ihr Atem kleine
Dampfwölkchen in der frostigen Luft bildete. An Breacas einer Seite
marschierte mit steifen Schritten Stone, auf ihrer anderen ritt
leise fluchend Ardacos. Vor ihnen lagen nur das Mondlicht und die
Schatten sowie ein Haufen Steine und Erde, der über den Gebeinen
der Toten aufgeschichtet worden war; und eigentlich hätte die
Reisegruppe diese Dinge längst gewohnt sein müssen und nicht derart
große Furcht vor einem uralten Zorn empfinden sollen.
Nur Airmid schien davon völlig unberührt zu sein.
Sie ritt bis dicht an den Eingang heran und ließ sich anschließend
auf den Boden gleiten. Das Mondlicht ließ sie erblassen, bis sie
nurmehr eine Silhouette zu sein schien, die zu einem Teil der
Steine und der Erde geworden war. Vor den Wächtersteinen kniete sie
für eine Weile nieder und zeichnete mit den Fingerspitzen die
verborgenen Linien auf deren Oberfläche nach. Breaca wartete etwas
abseits des Grabeingangs und hörte das rhythmische Murmeln einer
Unterhaltung, nur dass sie bloß eine der beiden Stimmen verstehen
konnte; ein Dialog, wohl ähnlich dem, wie sie selbst ihn mit der
Träumerin der Ahnen in der Höhle geführt hatte.
»Hier ist es.« Airmid trat einen Schritt von dem
Grabhügel zurück. Vor den riesigen, schweren Steinen schienen
Airmids Gesichtszüge noch weicher geworden zu sein, schienen ein
wenig verschwommen, als ob sie gerade eben erst aus einem Schlaf
erwacht wäre. »Efnís ist bereits hier gewesen«, erklärte sie, »und
einer von den anderen Stämmen, aber das ist alles schon länger als
drei Jahre her. Und die Römer sind noch nie hier eingedrungen. Die
Geister der Ahnen haben diesen Ort stets gut beschützt und
niemanden eintreten lassen, ausgenommen die Stärksten unter den
Träumern. Ich wüsste also keinen Ort, an dem eure Waffen noch
besser vor den Römern geschützt sein sollten als hier.«
Airmid hatte zu einer Ansammlung schweigender
Krieger und einem Kind gesprochen. Nun räusperte Ardacos sich und
drängte sein Pferd vorwärts. Das Tier aber traute dem silbrigen
Licht nicht so recht; es weigerte sich, noch dichter auf den Hügel
zuzugehen, und wich seitwärts aus.
Ardacos war kein schwacher Mann. In den vergangenen
zwanzig Jahren hatte er im Dienste der Bärin gekämpft und stets mit
nichts anderem als seinen bloßen Händen mehr Römer getötet als
jeder andere zurzeit noch lebende Krieger. In einer Schlacht
vertraute Breaca ihm wie sonst nur wenigen anderen. Und nicht
Feigheit war der Grund dafür, dass er schließlich sagte: »Dieser
Platz hier ist Nemains Ort und der der alten Seelen. Doch Nemains
Gottheit ist von einem anderen Wesen als die Gottheit der Bärin,
und ich möchte keine von beiden entehren. Es wird also wohl das
Beste für mein Schwert sein, wenn ich es an einem anderen Ort
vergrabe.«
Airmid lächelte nur. Schön und weiß wie Kalk
schimmerte ihre Haut im Mondlicht. Ihre Stimme schien aus einer
anderen Welt zu ertönen. »Die Bärin ist hier genauso willkommen wie
alle anderen auch, beziehungsweise genauso unwillkommen. Und gerade
die Gefahr, die von diesem Ort ausgeht, ist es doch, die deine
Waffen schützen wird.«
Genauso wie Airmid, so schien auch Cygfa den Tod
nicht zu fürchten. »Ich möchte die Geister der Vergangenheit ebenso
wenig verärgern, wie Ardacos das möchte. Wenn es unsere Gegenwart
ist, die sie hier nicht mögen, dann könnten wir die Waffen ja auch
dir geben, und du versteckst sie dann für uns«, schlug Cygfa
vor.
Jetzt aber schüttelte Airmid den Kopf. »Nein. Denn
für den Fall, dass ich sterben sollte, wären eure Waffen damit für
immer verloren. Ihr müsst also schon jeder selbst eintreten und
eure Klingen jeweils an den am besten dafür geeigneten Platz legen.
Denn nur dann werdet ihr sie - wenn der Krieg beginnt und wir sie
brauchen - in dem Grab auch wiederfinden.«
Wenn der Krieg beginnt... Zumindest dieser
Teil der Vision der Ahnin schien also schon einmal gewiss. In der
kalten Nacht auf dem Rücken ihres Pferdes, sah Breaca plötzlich
abermals jenes Traumbild vor sich, in dem die Eceni, versammelt
unter einer Gruppe von Anführern, wie eine Flutwelle vorwärts
stürmten und die römischen Legionen einfach zermalmten. Der Adler
Roms wurde in Grund und Boden gestampft, und über ihm schwebte das
Zeichen des Schlangenspeers …
»Breaca?« Airmid hatte ihr eine Hand auf den Arm
gelegt. Auch Graine, die vor Breaca im Sattel saß, hatte sich
umgewandt und blickte hinauf in das Gesicht ihrer Mutter. »Steigst
du bitte ab? Wir brauchen dein Schwert und das deines Vaters. Sie
müssen als Erste hineingelegt werden. Und Cunomar sollte mit
reingehen, um zu sehen, wo sie abgelegt werden. Möglicherweise muss
er sie eines Tages für dich dort wieder herausholen. Danach können
auch die anderen eintreten, die Reihenfolge ist dann egal.«
»Du willst also wirklich, dass ich als Erste dort
hineingehe?« Ohne Pferd und ohne Waffen in eine Schlacht zu ziehen
wäre einfacher gewesen.
Airmid hob als Antwort lediglich eine Augenbraue.
In ihrem Lächeln schien sich zugleich das Lächeln der Großmutter
widerzuspiegeln. »Nein, da hast du mich wohl falsch verstanden. Die
Ahnen haben nach deiner Tochter gefragt, und dafür sollten wir alle
sehr dankbar sein.«
Breaca mochte ja vielleicht zuweilen vergessen,
dass ihre Tochter eine Träumerin war, die Götter jedoch erinnerten
sie stets aufs Neue daran. Während die Krieger also ihre Pferde
angebunden und ihre Waffen hervorgeholt hatten, war Nemain am Rande
des Himmels aufgestiegen und hatte ihnen den Weg gezeigt. Weiches
Licht erhellte, was zuvor noch im Dunkeln gelegen hatte, und
genauso, wie es verlangt worden war, schritt Graine nun voran. Der
Mond verlieh ihrer Haut den Schimmer von Milch, und ihr Haar
flammte auf wie dunkles Feuer. Sie konnte zwar kein durchgehendes
Pferd zügeln, aber durch den Eingang zum Grab der Ahnen marschierte
sie, als wäre der Hügel ihr Zuhause. Voller Bewunderung für den Mut
ihrer Tochter folgte Breaca ihr mit einer Speerlänge Abstand.
Der Eingang war in Wirklichkeit sehr niedrig, so
dass sie auf allen vieren hatten hineinkriechen müssen, sogar
Graine. Im Inneren des Hügels war die Decke dann hoch genug, dass
Breaca nur ein wenig den Kopf und die Schultern einziehen musste;
Ardacos konnte sich fast ganz aufrichten. Hier schloss sich der von
Hand behauene Fels auf beiden Seiten noch wesentlich dichter um
sie, als es in der hoch aufragenden Höhle der Träumerin der Ahnen
der Fall gewesen war, und abgesehen von einer Stelle unmittelbar am
Eingang war das Felsgestein trocken. Die Linien der auf
Schulterhöhe in Reihen eingemeißelten Zeichen waren noch so klar zu
erkennen, als wären sie gerade erst in den Fels gehauen worden. Es
roch nach altem Staub und Knochen und trockener, fein zermahlener
Erde, und der Geruch kitzelte in der Nase, so dass die Krieger
einer nach dem anderen niesen mussten. Graine und Airmid aber, die
nicht auf den Staub reagierten, waren bereits vorangegangen und
sprachen zu längst verstorbenen Wesen.
Und viel zu bald erklärte Airmid bereits: »Hier. An
dieser Stelle verbreitert sich der Gang zu einer Kammer. Sie sollte
groß genug für uns alle sein. Tretet langsam vor.«
Doch sie kamen ohnehin nur langsam voran. Die
Fackeln, die von den Träumern getragen wurden, waren aus Gräsern,
Kiefernharz und Schafsfett gefertigt, und der Rauch, den diese
abgaben, erfüllte den gesamten schmalen Durchgang. Unruhig
flackerten die Fackeln in der Grabkammer und tauchten die blassen
Gesichter in ein bernsteinfarbenes Licht. Fünf Erwachsene und
Cunomar schlossen sich, mit den Gesichtern zur Mitte hin gewandt,
in zwei Kreisen um Graine. In den Wandnischen lagen die zu Staub
zerfallenen Überreste der Toten. Ihre Stimmen spien den Besuchern
Warnungen entgegen, in denen sie von Tod und verlorenen Seelen
kündeten.
Mit scharfer Stimme sprach Airmid: »Ich bringe euch
das Kind Nemains; seht ihr es denn nicht?« Nun nahm das Geflüster
und Geraune einen neuen Ton an und verstummte schließlich.
Graine stand vollkommen reglos da. Von der aus Harz
und Talg gefertigten Fackel in ihrer Hand stiegen dunkle
Rauchschwaden auf. In Wellen ergoss sich das Licht über ihr Haar,
als ob Geisterhände es streichelten. Die Geräusche und die beinahe
schon mit Händen zu greifende Bedrohung lösten sich auf. Breaca
konnte in diesem Augenblick nur noch krampfhaft atmen und sehnte
sich nach den überschaubaren Gefahren des Krieges zurück. Sie hörte
ihre Tochter sagen: »Unsere Krieger lassen jetzt ihre Waffen in
eurer Obhut zurück, damit sie sicher aufgehoben sind, bis wir sie
wieder brauchen, um die Männer des Kampfadlers aus dem Land zu
vertreiben.«
Graine sprach mit klarer Stimme und mit dem Tonfall
einer Erwachsenen. Die Fackel in ihrer Hand flammte noch ein
letztes Mal auf, dann erlosch sie. Fleckige Schatten huschten über
die Wände.
Airmids Stimme erklang: »Breaca, Eburovics Schwert
muss als Erstes versteckt werden. Übergib es jetzt der
Dunkelheit.«
Breaca zog die Klinge ihres Vaters aus deren
Futteral aus Bärenfell. Hell schimmernd wie ein Fisch lag sie im
Licht der Fackeln auf ihrer Hand. Das wellenförmige Muster in dem
Metall war bereits sieben Generationen alt, und noch immer konnte
man die Kerbe in der Schneide erkennen, die entstanden war, als
Breacas Urgroßvater in einem Kampf um die Grenzen der Territorien
gegen den weißhaarigen Ersten Krieger der Coritani gekämpft hatte.
Die Dellen von der Schlacht, in der ihr Vater gegen Amminios
gekämpft hatte und in der er schließlich auch gefallen war, waren
dagegen noch neuer. Breaca selbst hatte ihm damals das Schwert aus
der toten Hand genommen, und sie hatte es seitdem bereits mehrere
Male nachgeschliffen, hatte es jedoch stets vermieden, dabei auch
die Rillen und Gebrauchsspuren auf der Klinge glatt zu
schleifen.
In der Höhle der Träumerin der Ahnen hatte ihr
Vater durch den Fluss zu ihr gesprochen; allerdings hatte sie ihn
dabei nicht sehen können. Hier jedoch, als sie mit seiner Klinge in
den Händen dastand, wurde er für sie mit einem Mal auf eine Art und
Weise zur Wirklichkeit, wie es die hier anwesenden Grabgeister
niemals werden konnten.
Breaca? Seine Stimme klang jetzt wesentlich
voller als das Mal davor in der Ahnenhöhle. Übergib meine Klinge
den Steinen der Vergangenheit.
Und er war nicht allein. Hinter ihm hatten sich
auch alle anderen von Breacas Ahnen versammelt: Großväter und
Großmütter, Krieger und Waffenschmiede, Jäger und Geschirrmacher,
einfach alle, die diese Klinge jemals mit Ehre geführt hatten,
kamen nun hereingeströmt - und sie alle drängten sich auf dem
gleichen Fleck, auf dem auch Eburovic stand. Vielstimmig erklang es
aus seinem Mund: Übergib die Klinge der Dunkelheit.
Zwar hatte auch Airmid ihr das bereits gesagt, doch
da hatte Breaca noch nicht so ganz verstanden, was eigentlich von
ihr verlangt wurde. Hier jedoch, nahe den Wänden, konnte Breaca mit
einem Mal das in Schulterhöhe in die Steinwand gehauene Sims
erkennen, das so breit war, dass es ein Kriegsschwert der alten
Machart aufnehmen konnte.
Es schien, als ob die Geister der Ahnen in diesem
Augenblick Breacas Hände führten. Breaca spürte, wie sich ihre Arme
ganz ohne Kraftanstrengung von selbst hoben und wie sie geradezu
mechanisch das Schwert auf dem kleinen Vorsprung ablegte. Es passte
in die Vertiefung im Fels wie in eine Scheide, und die unruhig
flackernden Flammen der Fackeln ließen die Klinge lebendig werden.
Blauschwarzes Metall kräuselte sich im Schein des Feuers wie
Wasser, so dass zum ersten Mal, seit Breaca das Schwert abgelegt
hatte, die in Bronze gehauene, ihre Jungen säugende Bärin auf dem
Knauf der Waffe wie aus einem nächtlichen See zu trinken
schien.
Breaca hatte ganz vergessen, dass sie nicht allein
war. Hinter ihr schnappte Cunomar plötzlich hörbar nach Luft.
Ardacos, der älter war und sich daher besser beherrschen konnte,
flüsterte zwischen zusammengebissenen Zähnen den ersten der
geheimen Namen seines Gottes und sagte dann laut: »Ich wusste ja
gar nicht, dass dein Vater einer von uns war.«
Eburovic war wieder verschwunden, oder vielleicht
war er auch einfach mit dem Schwert und dem schwarzen Licht
verschmolzen, welches die Waffe nun mit seinem schützenden Schleier
überzog. Jedenfalls konnte Breaca, die den Blick nicht einen Moment
abgewandt hatte von der Stelle, wo gerade eben noch die Waffe
gelegen hatte, sie jetzt nicht mehr sehen - ihren Vater nicht und
auch nicht das Schwert. Wenn sie es nicht selbst dorthin gelegt
hätte, würde sie nun denken, die Wand wäre eine einzige glatte
Fläche.
Wie aus weiter Ferne hörte sie sich selbst sagen:
»Auch er wusste das nicht. Der Bär war lediglich sein Traumsymbol,
aber nicht sein Gott. Aber er hätte sich geehrt gefühlt, wenn er
wüsste, dass du ihn nun als einen der deinen anerkennst.«
Ein Arm streifte an der Seite von Breacas Tunika
entlang. Graines Hand schmiegte sich in die von Breaca, und Graines
Stimme, in der der Strom der Gezeiten und das Echo des Ozeans
miteinander zu verschmelzen schienen, sagte: »Dort ist es in
Sicherheit. Die Geister der Toten werden es bewachen, bis die Zeit
gekommen ist, da die Menschen es wieder brauchen werden. Es ist
dieses Schwert, das die Stämme dazu bewegen wird, sich gegen Rom zu
erheben. Es wird unsere Völker wieder einen gegen jene, die uns
allesamt vernichten wollen. Niemals darfst du das Schwert aus der
Erinnerung verlieren oder zulassen, dass andere es
vergessen.«
»Ich gelobe es.«
Das war zwar nicht ganz die Formel, mit der Breaca
jetzt hätte antworten müssen, aber mehr konnte sie im Augenblick
nicht sagen. Für sie war die Welt plötzlich voller Feuer und
Schatten - und ein Zaunkönig war gerade gestorben, der mit der
Stimme ihrer Tochter gesungen hatte. Breaca spürte, wie Airmid ihr
die Hand auf die Schulter legte, und wie durch einen tosenden Sturm
hindurch nahm sie die ruhigen Anweisungen der Träumerin wahr, als
diese den anderen sagte, wo sie ihre Waffen niederlegen sollten.
Dann ließ Airmid ihre Gefährten noch die Kettenhemden
zusammenlegen, die sie zuvor der römischen Kavallerie gestohlen
hatten, und wies sie an, sie in den kleinen Wandgräbern der Toten
zu verstecken. Den Mantel eines römischen Offiziers verstauten sie
zuletzt. Bereits siebenmal hatte dieser Mantel, den sie einst von
dem leblosen Körper seines Vorbesitzers gezerrt hatten, Ardacos als
Verkleidung gedient, um damit den Feind zu täuschen.
Nur Cunomar hatte kein Schwert und keine Rüstung.
Ohne irgendeine besondere Rolle, die ihm in diesem Augenblick
zugefallen wäre, stand er in der Mitte des Hügelgrabs, schaute sich
aufmerksam um und lauschte Airmids Anweisungen. Später, als sie
auch die restlichen Waffen versteckt und den Ahnen gedankt hatten
und wieder davongeritten waren, erinnerte Breaca sich wieder an das
Gefühl, als ihr Sohn an ihrer linken Schulter gestanden hatte, und
sah in Gedanken wieder jenen Ausdruck nackten Hungers in seinen
Augen, als er zugeschaut hatte, wie sie die Waffe seines Großvaters
versteckt hatte. Er hatte zwar nichts gesagt, aber das war auch gar
nicht nötig gewesen; sie stammten beide von der gleichen Ahnenreihe
ab, und die Geister ihrer verstorbenen Vorfahren kannten sowohl
Breacas Gedanken als auch die von Cunomar.
Das Einzige, was nicht klar gewesen war und wonach
Breaca jetzt nun auch nicht mehr fragen konnte, war, ob Cunomar
denn auch Eburovics Stimme gehört hatte, als die Waffe in ihr
Versteck glitt. Sollte mein Enkel jemals diese Waffe führen,
dann sei gewiss, dass das den Tod aller Eceni zur Folge haben wird.
Ich vertraue darauf, dass du Sorge dafür tragen wirst, dass das
nicht geschieht.
Sie ritten ohne ihre Waffen weiter, in
gemächlichem Tempo und stets bei Nacht. In einem Land, das nun
schon seit fast fünfzig Jahren nicht mehr sich selbst
gehörte.
Am Tage legten sie Rast ein, jedoch ohne ein Feuer
zu entzünden, und stets mussten zwei der vier Krieger wach bleiben
und Acht geben. Zweimal schon hatten sie auf ihrer Reise plötzlich
tiefer in den Wald zurückweichen müssen, um den römischen
Patrouillen zu entgehen; wobei die Gefahr weniger darin bestanden
hatte, dass die Legionare sie entdecken könnten, sondern vielmehr
die Pferde der Offiziere, die aufmerksamer waren als ihre Reiter
und die ansonsten womöglich den Geruch der fremden Pferde
wahrgenommen hätten oder gar den von Stone.
Schon bald nachdem sie das Grab der Ahnen hinter
sich gelassen hatten, übergab Breaca die Führerschaft über die
Gruppe an Dubornos, der von ihnen allen den Osten bereits am
häufigsten bereist hatte. Nach drei Nächten übertrug er seine
Aufgabe wiederum Airmid, die an jenem Tag allein an einem Flussufer
schlief und dann, nachdem sie erwacht war, ein Feuer entzündete und
nasse Blätter darauf schichtete, bis eine Rauchsäule mit dickem,
weißem Qualm in den Himmel hinaufstieg.
Am gleichen Tag noch, mit Einsetzen der
Abenddämmerung, erhob sich am östlichen Horizont als Antwort eine
dünnere, dunklere Rauchsäule, die sich leicht in Richtung Süden
neigte.
»Wir werden erwartet«, verkündete Airmid. »Efnís
wird tun, was er kann.«
Zwei Nächte später, geleitet nur von dem Rauch,
ihrem Instinkt und einigen verschwommenen Träumen, ritten sie an
einem Flussufer entlang und folgten dabei einem Pfad, der sie
stetig weiter nach Nordosten führte und in einen feuchten,
ungezähmten Wald hinein. Weder die Eceni noch die Legionen waren
schon jemals zuvor hier durchgewandert, ausgenommen vielleicht auf
einigen wenigen Wegen, die etwas breiter waren als die von Damwild
oder Bären hinterlassenen Trampelpfade.
Es war eine klare Nacht mit wolkenlosem Himmel. Am
Horizont funkelten die Sterne aus dem Sternbild des Hasen, als sie
plötzlich die Stimme eines einzelnen Mannes hörten, der die
Totenklage für die verlorenen Seelen mit einem solchen Schmerz in
der Stimme sang, dass der Verlust offenbar noch neu sein musste und
unverarbeitet. Auf einer Lichtung ein Stück weit vor ihnen
leuchtete das Licht eines Feuers auf, und ein Kreis von schweigend
dasitzenden Gestalten war zu erkennen. Man konnte ihre Gegenwart
durch die Bäume hindurch spüren, als ob es eine Meute von
Jagdhunden wäre, die dort auf der Lauer lag.
Da Airmid es war, die sie hierher geführt hatte,
zwang Breaca sich hartnäckig, daran zu glauben, dass diese Menschen
dort vorne keine Römer waren, die bewaffnet und kampfbereit auf der
Lauer lagen - doch die Vorahnung von Gefahr blieb unvermindert
stark. Efnís hatte durch seinen Kurier mitteilen lassen, dass die
Eceni schwach wären und dass sie, da es ihnen an einem Anführer
fehlte, nicht mehr die Kraft und den Willen dazu hätten, sich den
zahllosen Schikanen der Besatzer noch länger entgegenzustellen.
Gleichzeitig aber hatte er der Bodicea und allen, die mit ihr
reisten, auch Verrat und Tod vorhergesagt, sollte sie sich
tatsächlich jemals in den Osten wagen. Nur die Ahnen, die sich als
Tote ja bereits in Sicherheit wiegen durften, hielten noch eine
andere Wendung der Geschichte für möglich und hatten Breaca einen
Weg zu ihrem Ziel aufgezeigt. Sie hatten allerdings nicht gesagt,
was geschehen würde, wenn dieser Weg nicht ungehindert passierbar
war.
Breaca glitt von ihrem Pferd hinunter; Stone
wartete schon auf sie. Er drängte sich an sie und schob seine Nase
in ihre Hand, so wie er es immer tat, wenn die Vorahnung der Gefahr
besonders erdrückend war. Breaca umfasste seine Schnauze mit den
Fingern und strich leicht mit dem Daumen über seine Lippen, bat ihn
mit diesem Zeichen darum, sich ruhig zu verhalten und Geduld zu
haben. Um sie herum schwangen sich nun auch die anderen von ihren
Pferden - alle bis auf Graine, die hoch oben auf dem Rücken der
Rotschimmelstute saß und darauf warten musste, dass jemand sie
herunterhob.
Sie alle waren Breacas Freunde, ihre Gefährten.
Zwei von ihnen waren auch bereits ihre Liebhaber gewesen und würden
es eines Tages vielleicht auch wieder werden. Getrieben von Stolz
und der Vision der Geister hatte sie sie nun also in große Gefahr
gebracht. Jeder ihrer vom Krieg geschärften Instinkte sagte ihr,
dass noch immer Zeit war, umzukehren und die Menschen, die ihr so
sehr ans Herz gewachsen waren, wieder zurückzuführen.
Dubornos stand ihr besonders nahe. Er hatte in Rom
bereits im Schatten seines eigenen Kreuzes gestanden, und selbst
fünf volle Jahre hatten die Wunden, die er in der Gefangenschaft
hatte erleiden müssen, noch nicht wieder völlig abheilen
lassen.
»Dubornos...«, begann sie.
»Nein.« Er lächelte. Sie konnte ihn nicht sehen,
dafür war es nicht hell genug, aber am Klang seiner Stimme konnte
sie erkennen, wie seine Mundwinkel sich hoben. Und ein Lächeln von
Dubornos war etwas wirklich Seltenes. Er streckte im Dunkeln die
Hand aus und berührte Breaca am Arm.
»Denk noch nicht einmal daran. Wir sind hierher
gekommen, weil es unser freier Wille war und weil die Götter es so
entschieden haben. Du bist die Anführerin, sonst nichts.« Nun
streckte er ihr auch seine andere Hand entgegen. »Aber wir haben
dir das hier mitgebracht. Denn unter den Leuten dort vorne gibt es
einige, die dich nicht so einfach akzeptieren wollen. Das hier
könnte dir dabei behilflich sein, sie auf deine Seite zu
ziehen.«
Breacas Finger tasteten nach den seinen und stießen
auf warmes Metall. Und kurz darauf stellte sie fest, dass das, was
er ihr hinhielt, ein Halsreif war: Es war allerdings nicht der
uralte Torques ihrer Ahnen, der als das Zeichen der königlichen
Abstammung ihrer Familie galt, sondern der etwas neuere, den
Breacas Vater einmal als Geschenk für Caradoc geschmiedet hatte in
jenem lange zurückliegenden Winter, als dieser Schiffbruch erlitten
hatte. Fünf Jahre lang hatte der Halsreif in dem großen Rundhaus
auf Mona neben ihrem Bett gelegen, denn Breaca hatte ihn nie
mitgenommen, wenn sie in den besetzten Ländern allein auf die Jagd
nach dem Feind gegangen war.
Dieser Halsreif war einfacher gearbeitet als der
von den Ahnen geschmiedete, doch die Linien verliefen in perfektem
Schwung, und Eburovic hatte verschiedene Metalle mit einem
hochwertigen Rotgold vermischt, so dass der Reif bei Fackellicht
genau die gleiche Farbe hatte wie Breacas Haar. Sie wusste genau,
wie er sich anfühlte, erkannte ihn sofort, und er war noch warm von
der Hitze, die von Dubornos’ Körper ausstrahlte, als sie ihn nun in
den Händen hielt.
Der ausgemergelte Sänger war jetzt dicht genug an
sie herangetreten, dass sie das Weiß seiner Augen erkennen konnte.
In all den Jahren, die sie beide nun schon erwachsene Menschen
waren, hatte er sie nicht ein einziges Mal angelogen. Sie kannte
niemanden, der von größerer Integrität war. Er lächelte abermals,
und Breaca hätte weinen mögen, als sie den Schmerz erkannte, der in
diesem Lächeln lag; und das darin enthaltene Versprechen.
Selbst jetzt war noch immer Zeit genug, um wieder
umzukehren.
»Efnís singt für dich.« Hinter ihnen ertönte
Ardacos’ Stimme. Er war kein Anhänger Nemains, und er träumte auch
nicht. Und jetzt, da Gwyddhien tot war, hätte es ihm freigestanden,
an ihrer statt die Stelle des ranghöchsten Kriegers von Mona
einzunehmen. Er wäre damit zum Anführer aller Krieger des Westens
geworden und hätte zu den bereits an den Dachbalken des Großen
Versammlungshauses prangenden Schnitzereien auch sein eigenes
Zeichen hinzufügen dürfen. Er war also nicht dazu gezwungen
gewesen, stattdessen nun als das Kindermädchen der Nachfahren der
Bodicea zu dienen, und noch dazu in einem Land, das bloß noch der
Leibeigene von Rom war.
Mit der gleichen Geste wie Dubornos streckte jetzt
auch er die Hand nach Breaca aus. Die Feder, die er ihr
überreichte, bestand aus reinstem Silber. Gunovic hatte sie
geschmiedet, ein Jahr bevor er starb. Diese Feder stand für fünfzig
getötete Feinde, oder vielleicht auch für fünfhundert, Breaca
konnte sich nicht mehr so recht daran erinnern, und überhaupt war
das für sie nie von Bedeutung gewesen; nur Kinder und die ganz
jungen Krieger zählten noch, wie viele Krähenfedern sie bereits
besaßen - wie viele Feinde sie bereits getötet hatten. Und dennoch,
das Volk der Eceni hatte schon so lange den Krieg und die damit
einhergehende Ehre entbehren müssen, dass für sie eine solche Feder
mittlerweile vielleicht wieder von Bedeutung sein könnte.
»Flechte dir die hier ins Haar und dann geh«, wies
Ardacos sie an. »Sie wissen bisher noch gar nichts, außer dass
Efnís ihnen für die Zukunft wieder ein eigenes, selbstbestimmtes
Leben versprochen hat. Und die einzige Orientierung, die er ihnen
auf dem Weg in diese Zukunft bieten kann, bist du.« Er packte sie
etwas oberhalb des Ellenbogens am Arm und hielt sie einen
Augenblick fest; das war seine Art, sie zu umarmen. Doch allein
diese Berührung durchströmte Breaca schon mit Wärme.
Und dennoch, es war noch immer genügend Zeit, um
wieder umzukehren.
Einst war Ardacos Breacas Liebhaber gewesen und
hatte damit Airmid abgelöst, die doch eigentlich keiner jemals
ersetzen konnte. Aber trotzdem war Airmid noch immer für Breaca da,
so wie sie schon immer für sie dagewesen war und wie sie auch immer
da sein musste, weil das Leben für Breaca sonst unerträglich würde.
Auch sie erhob nun die Stimme und sagte im Grunde das Gleiche wie
die anderen auch schon, nur mit anderen Worten. »Breaca, denk
besser nicht darüber nach, wieder umzukehren. Wir haben doch
bereits gesehen, was Rom dem Land angetan hat, in dem wir
aufgewachsen sind. Und was die Legionen den Menschen angetan haben,
die dort leben, kann man sich wahrscheinlich noch nicht einmal
vorstellen. Es würde keinem von uns zur Ehre gereichen, wenn wir
jetzt wieder umkehren und diese Menschen im Stich lassen
würden.«
Und trotzdem, noch war Zeit genug...
»Mutter?« Graine saß noch immer auf der
Rotschimmelstute. Sie war so leicht. Wenn sie sie erhängten, dann
würde es einen halben Tag dauern, bis sie endlich starb. »Wir
können jetzt nicht mehr umkehren. Es schneit jetzt noch stärker als
bisher. Und die römischen Patrouillen würden, so bald es hell wird,
unsere Spur finden.«
Sie war noch ein Kind, und noch nie hatte sie einen
anderen Menschen verfolgt oder war selbst verfolgt worden; doch sie
war ein Kind, das auf Mona aufgewachsen war, und dort hatte sie den
Geschichten der besten Jäger und Fährtenleser gelauscht, die der
Westen je gesehen hatte. Graine kannte die möglichen Gefahren im
Winter also genauso gut wie jeder Erwachsene. Und was sie gerade
gesagt hatte, war somit nichts anderes als die unverblümte
Wahrheit, und mit einem Mal erschienen die unterschiedlichen
Wahlmöglichkeiten in einem ganz anderen Licht.
Die Entscheidung war gefallen.
Der Gesang auf der Lichtung nahm unterdessen einen
weicheren Tonfall an. In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit
weinte ein Mädchen mit ochsenblutrotem Haar goldene Tränen, während
sich auf einem weit entfernten Schlachtfeld der Schlangenspeer in
die Lüfte erhob und die Vernichtung Roms verkündete.
Breaca streckte die Arme aus und hob ihre Tochter,
das Kind ihres Herzens, aus dem Sattel. Aus der Dunkelheit heraus
wurde sie dabei von jenen fünf Menschen beobachtet, die den anderen
Teil ihres Herzens ausmachten.
Mit übertrieben förmlichen Worten - ansonsten hätte
es ihr in diesem Moment gänzlich die Sprache verschlagen -
verkündete Breaca: »Wenn die Träumer und Sänger von Mona nun in das
Lied Brigas mit einstimmen wollen, dann soll jetzt der Augenblick
gekommen sein, in dem die Kinder der königlichen Linie ihr Volk
kennen lernen.«
Der Wildpfad führte weiter geradeaus und
schließlich auf die Lichtung hinaus. Zahlreiche Fackeln bildeten
einen großen Ring und ließen ihren nach Kiefern duftenden Rauch in
die Luft aufsteigen. Über diesem Kreis von Fackeln hingen die
letzten, noch nicht abgefallenen Blätter der Eichen und Ulmen; wie
tausend schmale Streifen aus Bronze fingen sie das Fackellicht auf
und warfen es noch um eine Nuance wärmer wieder zurück.
Leider waren die zwischen den Bäumen Wartenden den
schimmernden Blättern zahlenmäßig um ein Vielfaches unterlegen.
Graine stand neben ihrer Mutter, außerhalb des Rings aus Licht, und
von ihrer Position aus konnte sie die Menschen innerhalb des
Kreises leichter zählen. Sie waren weniger als ein Zehntel jener
Anzahl von Leuten, die das Große Versammlungshaus auf Mona gefüllt
hatten, als der westliche Kriegsrat sich das letzte Mal versammelt
hatte, und sehr viele von ihnen waren schon alt. Die weißen
Haarschöpfe waren eindeutig in der Überzahl, und der pfeifende
Husten der bereits vom Winter Angegriffenen übertönte hin und
wieder sogar die Totenklage des Sängers.
Efnís stand in den dunklen Schatten außerhalb des
Kreises, und er sang noch immer. Seine Stimme umwob die Anwesenden
mit einem Faden aus gesponnener Musik. Airmid und Dubornos
schritten zwischen den Bäumen hindurch, um sich neben ihn zu
stellen. Zuerst ganz leise und dann zunehmend kräftiger stimmten
sie in seinen Gesang mit ein, und gemeinsam mit dem harzigen Rauch
der Fackeln stieg ihr Lied zu Nemain empor. Mit drei Stimmen kam
die verschlungene Melodie dem Klang, den sie annehmen mochte, wenn
sie von einem ganzen Chor gesungen wurde, schon näher. Und sie
schwoll immer stärker an, bis sie schließlich ihren Höhepunkt
erreichte und dann ganz plötzlich abbrach. Die daraufhin
einsetzende Stille war wie ein leerer Raum, der darum bat, belebt
zu werden.
Nun war es zu spät, um sich Gedanken darüber zu
machen, wie schlecht sie auf einen solchen Augenblick doch
eigentlich vorbereitet waren. Graine hatte Angst; dennoch bewegte
sich ihre Mutter von ihr fort. Wenn die Bodicea den Kriegern und
den Träumern in dem Großen Versammlungshaus auf Mona
gegenübergetreten wäre, hätte sie einen Umhang und eine Tunika
getragen, die seit ihrer Herstellung kontinuierlich über einem
schwelenden Feuer gehangen hatten und die folglich weder
Feuchtigkeit noch Schimmel noch Motten kannten. In der halbtägigen
Vorbereitung, die einer solchen Ansprache üblicherweise vorausging,
hätte sie sich den neunfachen Kriegerzopf sowie die mit Golddraht
umwickelten Kriegerfedern in ihr Haar geflochten, um damit die
Ahnen zu ehren. Von ihrem Gürtel hätten auf der einen Seite ihr
Schwert und auf der anderen Seite ihr Messer herabgebaumelt, und
auf den Griffen beider Waffen wäre der Schlangenspeer zum Leben
erwacht.
Hier aber stand sie nun in dem Bewusstsein, bereits
eine mehrwöchige Reise hinter sich zu haben, vor der sie wiederum
doppelt so lange allein in den Bergen auf Jagd gewesen war. Ihr
Umhang war von der langen Reise völlig zerknittert und mit Schmutz
beschmiert. Um die Ränder ihrer Tunika hatte sich ein Saum aus
langsam trocknendem Schlamm gebildet, und ihre Stiefel hatte der
Schneematsch durchweicht. Sie führte keinerlei Schwert bei sich, an
seiner Stelle hing lediglich ihre Schleuder von ihrem Gürtel herab.
Der Griff ihres Messers bestand aus einfachem Holz ohne jede
Verzierung. Das Haar trug sie schlicht und in einem einzigen Zopf
geflochten, und die silberne Krähenfeder war trübe und angelaufen,
wo Ardacos sie mit dem Zipfel seines Umhangs hatte polieren
wollen.
Das hier war die Realität; doch sie war nicht das,
was die auf der Lichtung Versammelten sahen.
Breaca trat in den von den Harzfackeln
ausströmenden Lichtkreis. Wie mit einem einzigen Atemzug hielt man
überall auf der Lichtung plötzlich die Luft an, als die dort
versammelten Krieger, Träumer und Ältesten vom Volk der Eceni zum
ersten Mal seit zwanzig Jahren sowohl ihre größte Hoffnung als auch
die Quelle ihrer größten Furcht vor sich verkörpert sahen.
Für sie war die Bodicea stets ein Wesen aus Flammen
und glänzendem Metall gewesen: Der rotgoldene Torques schlang sich
wie eine lebendige Schlange um ihren Hals, ihr Haar war von dem
dunklen, von innen heraus strahlenden Bronzeton eines Fuchsfells im
Winter, und ihre Augen strahlten kupfergrün und leuchteten im
Triumph der durchkämpften und gewonnenen Schlachten.
Graine dachte in diesem Augenblick, dass sie wohl
noch ewig so stehen bleiben und ihre Mutter voller Bewunderung
anstarren könnte. Die älteren Mitglieder der Eceni befanden sich in
diesem Augenblick an der Schwelle zu einer Veränderung, die die
gesamte Geschichte umwälzen sollte. Doch sie verharrten an der
Wegschneise, von wo aus alle Pfade beschritten werden konnten und
doch nur einer der richtige war. Und ein jeder von ihnen, vom
Ältesten bis hinab zum Jüngsten, konnte das spüren.
Efnís war derjenige, der den Zauber, der für einen
Moment über der Lichtung gehangen hatte, schließlich wieder brach.
Mit einem einzigen Schritt in Richtung des Kreises löste er sich
aus den Schatten. Wie Breaca, so hatte auch er sein Möglichstes
getan, um sich angemessen für die Begegnung zu kleiden, wenngleich
sein Umhang schon deutlich verblichen war und die zusammengerollte
Baumrinde seines Stirnbandes so frisch, dass noch die Feuchtigkeit
des Baums daran haftete. Rom hatte den Träumern das Tragen ihrer
Stirnbänder ebenso untersagt wie den Kriegern das Tragen von
Schwertern; allein damit, solch ein Band auch nur anzufertigen,
riskierte man schon sein Leben.
Graine war Efnís schon einmal auf Mona begegnet,
und sie hatte ihn auf Anhieb gemocht. Sie wollte ihn nun gerne
fragen, wer denn gestorben sei, dass er die Totenklage für die
verlorenen Seelen gesungen hatte, doch da er bereits wieder seine
Stimme erhoben hatte, musste sie ihre Frage für sich
behalten.
»Breaca, sei gegrüßt. Der Hohe Rat der Eceni heißt
dich willkommen.«
Respektvoll entbot er ihr die Ehrenbezeigung.
Airmid und Dubornos, die unterdessen vorgetreten waren und sich
neben ihn gestellt hatten, taten es ihm gleich. Zwar war das alles
zuvor nicht abgesprochen worden, doch es hatte den beabsichtigten
Effekt. Zögernd schlossen sich ihnen auch einige andere aus dem
Kreis an. Ein Arm nach dem anderen reckte sich nach oben - ähnlich
wie die Halme von Wintergras, die sich in einer trägen Brise
aufrichten -, bis schließlich alle dreihundert
Versammlungsmitglieder von ihren Plätzen aufgestanden waren. Diese
alten Männer und Frauen, die sowohl die Säuberungsaktionen
überstanden als auch die Massenerhängungen überlebt hatten und die
irgendwie dem Verrat durch Stammesmitglieder und bezahlte Spione
hatten entgehen können, diese Männer und Frauen hatten nun also die
letzten Überreste ihres Muts zusammengenommen, um sich heute und
hier im Geheimen zu treffen - wohl wissend, dass sie, sollte man
sie hier finden, dafür innerhalb weniger Tage mit dem Tode bestraft
würden.
Alle waren sich bewusst, dass sie das Richtige
taten, und doch wollte sich irgendwie nicht die richtige Stimmung
für eine solche Versammlung einstellen. Graine erschauderte und
wünschte, die Großmütter würden kommen und ihr sagen, womit sie
diese bedrückende Stimmung vertreiben könnte. Und als ob Graine
ihren Wunsch laut ausgesprochen hätte, wandte Breaca sich plötzlich
zu ihr um und blickte mit einem breiten Lächeln direkt in ihre
Richtung. Das war nicht das vertraute, nur angedeutete Lächeln, mit
dem sie sie auf der Lichtung angesehen hatte, sondern die für alle
sichtbare Wertschätzung ihrer Tochter. Breaca kniete sich auf die
Erde und bedeutete Graine mit einem kleinen Fingerzeig, in den
Kreis zu treten...
… was der reinste Wahnsinn war. Denn auch Graine
befand sich seit nunmehr über einem halben Monat auf der Reise, und
das sah man ihr auch an. Sie war nicht die Bodicea, die die Macht
hatte, selbst eine Versammlung von vollkommen Fremden mit einem
einzigen Blick zu befehligen. Sie besaß weder den Torques noch die
Silberfeder, die sie sich zu einem solchen Anlass eigentlich in ihr
Haar hätte flechten müssen. Die Brosche an ihrer Schulter war auch
bloß ein sehr einfach gearbeitetes Stück - in der Form eines
Zaunkönigs -, und sie hatte einmal Macha gehört, war aber
mittlerweile schon so lange getragen worden, dass ihre Form bereits
zu verschwimmen begann. Ihr Haar war ungekämmt, und das Stirnband
der Träumer hatte sie ohnehin nie getragen. All dies hatte
keinerlei Bedeutung gehabt, solange sie unbemerkt in den Schatten
gestanden hatte. Jetzt aber, da sie wieder zurückkehrte in die Arme
des Volkes ihrer Mutter, besaß jede Kleinigkeit eine nicht zu
unterschätzende Wichtigkeit - jetzt, da es ein ganzes Leben zu
dauern schien, bis sie sich unter dem starren Blick von dreihundert
nur widerwillig die Hand zum Gruße erhebenden Alten aus der
sicheren Anonymität des Waldes gelöst hatte und vortrat in die
Mitte des Kreises hinein.
Zwar hatten die Großmütter offenbar nicht
gesprochen, doch schien es, als ob ihre Mutter auf wundersame Weise
bereits selbst erkannt hätte, was nun zu tun war. Es ist sehr
schwer, in Gegenwart eines Kindes auf seine Autorität zu pochen;
und umso unhöflicher, dies vor einer Mutter zu tun, die vor ihrer
Tochter kniet und ihr sanft das Haar zerzaust. Und ebenso
zögerlich, wie erst kurz zuvor noch der leichte Wind die Gräser
sich hatte aufrichten lassen, so drückte die Brise sie nun wieder
flach auf die Erde hinab. Zuerst einzeln, dann zu zweit und
schließlich in Gruppen ließen die alten Eceni die Arme sinken und
setzten sich wieder auf den Boden.
Breaca drückte Graine einen raschen Kuss auf die
Stirn, dann nahm sie sie bei der Hand und schritt zu dem Stapel
zusammengelegter Pferdefelle hinüber, die am westlichen Rand des
Kreises zu einer Art Sitzplatz aufgeschichtet worden waren. Sie
packte die unterste der Häute am Rand und zog damit den ganzen
Stapel ein Stück nach vorn, nicht ganz bis in die Mitte hinein,
aber fast.
Mit dem vertrauten, neckenden Unterton einer Mutter
sagte sie zu Graine: »Meinst du, du kannst schon so auf den Fellen
Platz nehmen, wie die Alten es tun?«
Aber natürlich konnte sie das. Wenn es der Wunsch
ihrer Mutter gewesen wäre, dann hätte Graine sich in diesem
Augenblick sogar bis in den Himmel hinaufschwingen und dabei wie
ein Zaunkönig singen können. Genauso, wie sie es bereits viele Male
mit Airmid in deren kleiner Steinkate auf Mona geübt hatte,
breitete Graine nun ein wenig die Arme aus, so dass ihr Umhang in
einer glatten Linie über ihren Rücken hinabfiel, zog die Beine
unter sich und ließ sich in der vorgeschriebenen, ordentlichen
Haltung auf den Fellen nieder.
Sie sandte ein Stoßgebet gen Himmel; mehr an Airmid
gerichtet denn an Nemain. Und dann hob Graine von den Eceni den
Kopf und schaute mit ernstem Gesichtsausdruck auf die Versammlung
der Träumer ihres Volkes. Dreihundert alte Männer und Frauen
erwiderten ihren Blick. Mindestens die Hälfte von ihnen weinte.
Breaca stand hinter Graine, beide Hände auf die Schultern ihrer
Tochter gelegt. Als sie anschließend die Stimme erhob, schien es,
als spräche sie jeden der Anwesenden ganz persönlich an.
»Dies hier ist die erste und einzige Tochter von
meinem Blut, Graine nic Breaca mac Caradoc. Erhebt ihr euch also
zum Gruße, so soll dieser fortan ihr gelten. Sie ist die Zukunft,
die eine, für die wir die vergangenen vierzehn Jahre lang im Westen
gekämpft haben und für die wir nun auch im Osten zu den Waffen
greifen werden. Im Gegensatz zu uns ist Graine in den Krieg bereits
mitten hineingeboren worden. Wir haben alles getan, was wir nur
konnten, um sie gemäß ihrem Geburtsrecht zu erziehen, haben jeden
Tag im Angesicht der Götter gelebt, auch in dem Bewusstsein, dass
eure Kinder diesen Vorzug nicht genießen durften. Nun sind wir
gekommen, um uns euch anzuschließen, um Graine in ihrem Heimatland
aufwachsen zu lassen und um sicherzustellen, dass für ihre Kinder
ebenso wie für die euren die Wahrnehmung dieses Geburtsrechts bald
keine Ausnahme mehr sein soll. Genau dieses Ziel ist es, für das
wir mit eurer Hilfe gegen Rom kämpfen und für das wir Rom besiegen
werden.«
Hätte die Bodicea zu den Kriegern des Westens
gesprochen, hätte sie gewiss keinerlei Anstrengungen unternehmen
müssen, um ihre Zuhörer dazu zu bewegen, nun die Schwüre des Mutes
und der Ehre abzulegen. Sie wären inzwischen längst aufgesprungen,
hätten lautstark danach verlangt, die Ersten sein zu dürfen, die
nach alter Tradition ihren Schwur auf den Speer ablegten, die ihr
Leben hingeben dürften, ihre Seele und ihre Freiheit allein für
dieses Ziel.
Auf Mona gab es Mut genug, um davon sogar anderen
noch etwas abgeben zu können. Hier aber lagen die Dinge
offensichtlich anders.
In diesem Bewusstsein ließ Breaca es also nicht bei
dieser kurzen Ansprache bewenden, sondern bedeutete vielmehr mit
einer Handbewegung in Richtung der Bäume, dass nun auch Cunomar und
Cygfa in den Kreis treten und sich vor sie knien sollten, bis sie
schließlich alle in einer Linie vor ihr aufgereiht saßen; eine Frau
und ihre drei Kinder. Die Bodicea, die Siegesbotin, und jedes
einzelne Mitglied der königlichen Linie der Eceni.
Sie wurden mit Schweigen empfangen, nicht mit zum
Gruß erhobenen Händen.
Graine ließ sich gegen ihre Mutter zurücksinken;
plötzlich war sie gar nicht mehr so selbstsicher wie noch vor
kurzem. In den ganzen zwei Jahren seit Cygfas und Cunomars Rückkehr
aus Gallien hatten ihr Bruder und ihre Schwester noch nie so wie
jetzt neben ihr gesessen; so als ob sie eine Familie wären. Sorchas
Kinder waren ihre Familie gewesen, und Airmid natürlich. Rasch warf
sie einen Blick zur Seite und in die Dunkelheit jenseits der
Fackeln. Dort irgendwo war Stone, allerdings hielt Ardacos ihn
zurück. Nur mit den Lippen, ohne Stimme, rief sie eine Bitte.
Sogleich kam wie zur Antwort der große Hund vorgetreten, legte sich
neben sie, und Graine fühlte sich wieder geborgen.
Breaca erhob sich und ließ den Blick über die
Versammlung schweifen. In ihrem Schweigen lag der Kern ihrer
Botschaft. Ich habe meine Familie in euer Land geführt. Ich habe
das gleiche Risiko auf mich genommen, wie auch ihr es tragt. Ihr
könnt mir vertrauen.
Sie wussten die gegenwärtige Lage sehr gut
einzuschätzen, diese alten Männer und Frauen, und das Wenige, was
ihnen von ihrer Ehre noch erhalten geblieben war, erfüllte sie mit
Stolz. Ein Seufzen ging durch ihre Reihen, doch die Luft blieb fast
regungslos stehen. Graine beobachtete, wie sie ihre Aufmerksamkeit
von der Bodicea abwandten und stattdessen zu einem Mitglied aus
ihren eigenen Reihen hinüberschauten.
Zweifellos hatten sie bereits einen aus ihrer Mitte
bestimmt, der die Funktion des Sprechers übernehmen sollte. Die
Frau erhob sich; sie war grauhaarig und sehr mager, eine hoch
gewachsene und asketische Erscheinung, ausgehungert von den
Entbehrungen, die das Leben ihr auferlegt hatte oder die sie sich
selbst wählte, so dass ihre Haut an ihren Knochen zu kleben schien
und die Fingerknöchel hervorstanden wie der Widerrist eines
Pferdes. Ihr Umhang war von dem speziellen Grau, wie man es auf
Mona trug, und schon ganz zerschlissen von der Aufmerksamkeit, mit
der die Nagetiere und die Fäulnis ihn bedacht hatten. Auf der Brust
trug sie eine einzelne schwarze Feder und in der rechten Hand einen
Rabenschädel, dessen weißer Schnabel hervorstach wie ein sechster
Finger. Von all den Dingen, die sie am Leibe trug, waren der
Schädelknochen und die Feder die einzigen beiden, die wirklich
sauber aussahen.
»Du bist gut genährt, Breaca von den Eceni, ebenso
wie deine hübschen Kinder.«
Sie lächelte nicht. Wiederum schienen Graine die
Worte aber auch nicht so bitter zu klingen, wie sie vielleicht
hätten wirken können. Die Stimme der Frau war eindeutig weicher als
die des Raben, der ihr Traumsymbol zu sein schien. »Wenn du eher
gekommen wärst, zu einem Zeitpunkt, als es noch Krieger unter uns
gab, Krieger, die noch den Willen hatten zu kämpfen, als wir noch
offen unsere Speere und Waffen tragen durften und noch nicht dazu
gezwungen waren, sie außer Reichweite und an Orten zu verstecken,
von deren Existenz noch nicht einmal unsere Familien wissen, wenn
du gemeinsam mit den zehntausend Speerkämpfern von Mona gekommen
wärst, die dir gefolgt wären, um dich in deiner Forderung zu
bekräftigen, oder wenn du genügend Träumer bei dir hättest, die
jenen, denen bereits das Herz gebrochen ist, wieder Mut einflößen
könnten, dann hätten wir dich mit Freuden unter uns willkommen
geheißen.«
Sie ließ den Blick einmal über ihre Zuhörer
schweifen. Niemand erhob sich, um ihrer scharfen Rhetorik Einhalt
zu gebieten oder um sie in eine andere Richtung zu lenken. Dann
neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite, ganz so, wie es die Raben
taten, lauschte kurz und fuhr schließlich fort: »Aber du bist nicht
eher gekommen, und auch wenn du nun deine Familie mitgebracht hast,
und auch wenn wir natürlich bereits von den Heldentaten gehört
haben, die die Tochter von Caradoc in den Schlachten an der Seite
der Bodicea vollbracht hat, so ist all das doch trotzdem noch zu
wenig, und es kommt zu spät. Unser Volk liegt bereits am Boden, und
so schnell richtet man uns nicht wieder auf.«
Der Schnabel des Raben thronte nun auf einem
emporgereckten Arm und riss seine beiden Kiefer weit auseinander,
so dass die Stimme der Frau plötzlich aus dem gähnenden Rachen des
Tieres zu erschallen schien. Nun war die Stimme ganz und gar nicht
mehr weich. Wer auch immer sie auf Mona unterrichtet haben mochte,
er durfte stolz sein auf seine Schülerin.
»Geh wieder zurück nach Hause, Breaca, ehemaliges
Oberhaupt der Eceni. Wir haben jetzt einen anderen Anführer, und
dessen Macht stammt von dem Kaiser in Rom, der sich selbst gern zum
Gott erheben will. Für dich gibt es hier keinen Platz mehr. Du tust
besser daran, wenn du im Westen bleibst und dort kämpfst. Wir
werden dich und deine Familie weiterhin in Ehren halten. Eure
Träumer sollen deine Kinder lehren, wie man träumt, damit sie
dieses Wissen dann einst an die nachfolgenden Generationen
weitergeben können. Unsere Kinder aber sind bereits verloren, und
sie kann niemand mehr befreien.«
Graine blieb der Atem geradezu im Halse stecken,
und sie spürte, wie Cunomar neben ihr nervös hin und her zu
rutschen begann, bis er sich offenbar selbst wieder zur Ordnung
rief. Seit ihrer frühesten Kindheit wussten sie, dass der Schutz
der Kinder der Eceni das eigentliche Lebensziel ihrer Mutter war.
Und eine solche Vision ist etwas ganz Privates, nichts, das ein
Fremder einfach so und vor lauter anderen Fremden laut aussprechen
dürfte.
Falls dies Breaca also erschüttert haben sollte, so
ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. »Und dennoch seid ihr
alle zu dieser Versammlung erschienen, die nur allzu leicht von den
Legionen entdeckt werden könnte«, widersprach sie, »ihr, die ihr
genauso gut in euren Häusern beim Feuer hättet sitzen bleiben
können, wo ihr in Sicherheit gewesen wärt.«
Die grauhaarige Frau ließ den Totenschädel sinken.
Nun sprach sie wieder mit ihrer eigenen Stimme. »Egal, welches
Schicksal uns auch heimgesucht haben mag, so bist du doch noch
immer ein Spross unserer königlichen Linie, und auch der Mut fehlt
uns noch nicht gänzlich. Wir wollen es dir gegenüber nicht an der
dir gebührenden Ehre mangeln lassen. Wir wollen dir lediglich
zeigen, was aus uns geworden ist, damit du zurückkehren kannst,
woher du gekommen bist, und besser dort weiterkämpfst. Unserem Volk
hier kann niemand mehr helfen. Aber deswegen muss der Westen ja
noch nicht verloren sein. Solange Mona noch besteht, besteht auch
noch Hoffnung.«
So schnell sie aufgestanden war, so rasch setzte
sich die Frau nun wieder. Auf Mona wäre es kaum möglich gewesen,
den Rest der Menge nunmehr so ruhig und still auf seinen Plätzen zu
halten wie diese Menschen hier. Im Wald des Ostens aber wagte es
niemand, sich zu erheben und den Worten der Frau seine eigene
Meinung hinzuzufügen.
In der sich immer länger ausdehnenden Stille ließ
Breaca ihren Blick prüfend über die Runde schweifen. Graine, die
als Einzige unmittelbar vor ihrer Mutter saß, spürte genau, wie ein
erster Schauer der Anspannung durch den Körper der Bodicea lief.
Den äußeren Anschein von Ruhe und Gelassenheit zu bewahren kostete
ihre Mutter mit einem Mal mehr Kraft als noch vor einigen
Augenblicken, und für jemanden, der es gewohnt war, genau zu
beobachten, waren die kleinen Anzeichen dafür bereits deutlich
erkennbar: Weiß traten an der unter ihrem Umhang verborgenen Hand
die Fingerknöchel hervor; und einmal rieb ihre Mutter sogar mit dem
Daumen über die Spitzen der anderen Finger, wie um ihr
Empfindungsvermögen zu testen. Breaca wartete auf etwas, doch noch
hatte sich nichts ereignet. Wenn es aber endlich eintreten sollte,
dann, so überlegte Graine im Stillen, würde es zweifellos zu einem
Kampf kommen.
Doch nichts von alledem ließ sich an ihrem
Gesichtsausdruck ablesen, außer vielleicht an ihrer Stimme, als sie
fragte: »Dann ist dies also euer aller Entscheidung?«
Sie war die Bodicea, die Anführerin der Armeen; sie
konnte in eine einfache Frage eine solche Schärfe legen, dass sich
alle schämten, vom Ranghöchsten bis hin zum Unbedeutendsten von
ihnen.
»Nein.«
Es erhob sich ein Mann mittleren Alters. Sein Haar
war bereits ergraut, und um die Schultern trug er einen Biberpelz.
Er hatte die kräftige Statur eines Schmiedes, schien jedoch nicht
allzu sicher zu stehen, als ob er Schmerzen in der Hüfte hätte.
»Das war zwar in der Tat unsere gemeinsame Entscheidung gewesen.
Allerdings hatten wir die gefällt, bevor du kamst. Es muss also
nicht unbedingt bei dieser Entscheidung bleiben, nun, da du hier
bist und da wir gesehen haben, wer und was du bist.« Er ließ den
Blick einmal über die Runde schweifen. »Und vielleicht mögen wir ja
bereits tatsächlich am Boden liegen, aber es ist dennoch nicht
vollkommen ausgeschlossen, uns wieder aufzurichten. Wenn die Götter
uns nun also einen Grund schicken, für den es lohnt, sich wieder zu
erheben, wie sollen wir dann noch unseren Kindern und den Kindern
unserer Kinder in die Augen schauen können, ohne die Chance, die
uns dargeboten wird, zu ergreifen? Die königliche Linie der Eceni
reicht ununterbrochen bis zu den frühesten Ahnen zurück. Und gerade
wir, unsere unbedeutende Versammlung hier, soll nun jene Kraft
sein, die diese Blutlinie auf immer beendet? Ich jedenfalls nehme
mein Wort, das ich vor kurzem noch Lanis von den Krähen gegeben
hatte, wieder zurück. Und stattdessen spreche ich nun selbst für
mich und für jene, deren Vertrauen ich genießen darf, und ich sage,
dass die Bodicea bleiben soll und dass wir uns wieder mit Waffen
eindecken müssen, dass wir unsere Klingen wieder aus der Erde
ausgraben sollten, unsere Speere aus ihrem Versteck unter den
Reetdächern herausziehen, und dass wir Schilde schmieden müssen,
die stark genug sind, um den Hieben der Schwerter der Legionen
standhalten zu können. Wir müssen kämpfen und bereit sein, notfalls
für unsere Sache auch in den Tod zu gehen.«
Er war einst ein Krieger gewesen, sein ganzes
Auftreten verriet das. Graine hätte ihn am liebsten umarmt.
Stattdessen aber lächelte sie nur und freute sich, als er sie sah
und ihr Lächeln erwiderte. Die anderen respektierten ihn, wie man
klar an der Anzahl der nickenden Köpfe erkennen konnte. Und noch
jemand erhob sich, eine Frau, um einiges jünger als diejenige,
welche zuerst gesprochen hatte. »Der Nordländer hat Recht«, stimmte
sie ihm zu. »Die königliche Linie ist eine der Schöpfungen der
Götter. Es ist nicht an uns, sie nun untergehen zu lassen.«
Wie Feuer, das sich in herbstlich trockenem Gras
ausbreitet, so breitete sich nun unter den Versammelten Zustimmung
aus. Hier und dort entstanden zwar Meinungsverschiedenheiten,
versuchte man, den Richtungswechsel im Keim zu ersticken. Woanders
fanden sich kleine Gruppen zusammen, in denen die Männer und Frauen
hitzig gegen die Rückkehr der Bodicea wetterten. Fast alle von
ihnen trugen Narben. Noch tiefer als die körperlichen Narben aber
hatte sich in diese Menschen eine gewisse Abgestumpftheit
eingegraben, die von dem schmerzlichen Bewusstsein herrührte, dass
sie gerade jene an Rom verloren hatten, die ihnen am meisten am
Herzen lagen; und sie fürchteten sich davor, nun noch mehr zu
verlieren.
Langsam nahm die Versammlung jene Lebhaftigkeit an,
wie Graine sie von Mona her gewohnt war; die Lautstärke nahm zu,
die Stimmen wurden schriller, während wohl abgewogene Einwände
überzogenen Hoffnungen weichen mussten oder in der Angst der
Menschen untergingen. Einer nach dem anderen erhoben sich die
Träumer und Krieger, um sich entweder auf die Seite der Frau zu
schlagen, die als Erste gesprochen hatte, oder auf die der Bodicea.
Sie waren keine Ratsversammlungen mehr gewohnt, und die Regeln der
Mäßigung und der Höflichkeit, die bei diesen üblicherweise galten,
waren ihnen nicht mehr geläufig. Als die Nacht älter wurde und
jene, die noch immer darauf warteten, endlich das Wort ergreifen zu
dürfen, langsam müde wurden und die Geduld verloren, brach
schließlich auch der letzte Rest von Ordnung und Disziplin
zusammen. Sowohl Männer als auch Frauen standen in kleinen Gruppen
zusammen, brüllten Breaca an, brüllten einander an oder schrien
einfach nur etwas in die Menge, in der Hoffnung, dass irgendjemand
sie hörte.
Als der Tumult seinen Höhepunkt erreichte,
entdeckte Graine einen schlanken, rothaarigen Mann mit beginnender
Stirnglatze, über dessen Nasenrücken eine Narbe verlief wie von
einem Schwert, das ihn im Kampf gestreift haben mochte. Er drängte
sich durch die Menge nach vorn und sprang auf einen umgestürzten
Baumstamm am Rande des Versammlungskreises. Seine Stimme war einst
stark genug gewesen, um den Lärm einer Schlacht zu übertönen, und
vermochte dies auch heute noch.
»Du kannst nicht hier bleiben! Du darfst
nicht hier bleiben! Wenn die Legionen erfahren, dass die Bodicea
hier ist, dann lassen sie dich eines schrecklichen Todes sterben,
der sich über drei volle Tage hinziehen wird. Und wenn sie kommen,
um dich zu holen, werden sie sich nicht mit bloß deinem Tod
zufrieden geben, sondern sie werden durch uns alle hindurchpflügen
wie Wölfe durch eine unbehütete Schafherde, und unsere Kinder
werden auf unserer eigenen Türschwelle verbluten. Es war der helle
Wahnsinn von dir, dich überhaupt so weit vorzuwagen. Was hat dich
denn bloß auf die Idee gebracht, du könntest hier bleiben?«
Seine letzten Worte fielen in vollkommenes
Schweigen hinein. Selbst hier hatte er es geschafft, über das Ziel
hinauszuschießen. Er stand leicht schwankend auf dem umgestürzten
Baumstamm, und sein Groll schien wie ein Lichtkranz von ihm
auszustrahlen. Er schaute sich nach rechts und nach links um, auf
der Suche nach jener Zustimmung, die man ihm jedoch nicht gab.
Selbst diejenigen, die zuvor noch seiner Meinung gewesen waren,
hatten den Blick nun auf den Boden gesenkt und sprachen kein
Wort.
Die ganze Zeit über war die Bodicea ruhig stehen
geblieben und hatte scheinbar gefasst und aufmerksam den Argumenten
beider Seiten gelauscht. Graine aber sah mit wachsender
Beunruhigung, dass ihre Mutter den weitaus größeren Teil ihrer
Aufmerksamkeit auf den hinter dem Versammlungskreis liegenden Wald
konzentriert hatte. Je länger Breaca warten musste, desto stärker
drückte sie die Hand auf jene Stelle an ihrer Seite, wo eigentlich
ihr Schwert hätte hängen sollen.
Breaca holte tief Luft, wollte gerade zu der
Versammlung sprechen, als plötzlich aus der Dunkelheit jenseits der
Fackeln eine bisher ungehörte Stimme ertönte: »Sie kann bleiben.
Als meine Ehefrau. Rom wird nie erfahren, wer sie wirklich
ist.«
Die Stille, in die diese Worte gefallen waren,
stank mit einem Mal nach einer geradezu Übelkeit erregenden
Angst.
Der Mann, der jetzt zwischen zwei rußenden Fackeln
hindurchtrat, war zwar nicht so groß wie Luain mac Calma, aber
dennoch größer als die meisten anderen der Anwesenden. Sein Haar
hatte Ähnlichkeit mit Stroh, sowohl in der Farbe als auch in der
Beschaffenheit, und es war nach römischer Art geschnitten, so dass
es ihm kaum bis zu den Schultern reichte.
Als Graine endlich den Blick von seinem Haar zu
lösen vermochte sowie von dem nackten Hunger, der aus seinen Augen
strahlte, da erkannte sie, dass sein rechter Arm nur bis zum
Ellenbogen reichte und dass er die Ärmel seiner Tunika offenbar
bewusst übermäßig lang trug, um eben das zu verbergen. Und somit
wusste sie mit geradezu quälender Gewissheit, wer er war: Tagos,
der sich selbst Prasutagos nannte, um es an Gewichtigkeit mit dem
römischen Gouverneur aufnehmen zu können; der verstümmelte Krieger,
der Silla bloß als Zuchtstute benutzt hatte, damit diese ein
kränkliches Kind nach dem anderen gebar, bis sie schließlich starb,
ohne auch nur einen lebensfähigen Nachkommen zu hinterlassen. Er
war der selbst ernannte »König der Eceni«, der sich zuerst mit
Kaiser Claudius verbündet hatte und dann mit Nero. Wenn Efnís’
Kurier also die Wahrheit gesagt hatte, dann war dies genau jener
Mann, der sie alle auf die nur denkbar grausamste Art sterben sehen
wollte.
Es dauerte eine Weile, bis Graine den Blick hinauf
zu ihrer Mutter hob. Breaca stand noch immer vollkommen ruhig da.
Die Anspannung, die sie zuvor noch umfangen hatte, war
verschwunden. Das Warten hatte ein Ende gefunden. Wenn an ihr
überhaupt irgendeine Regung abzulesen war, dann schien sie sich
gerade zu sammeln, so wie die Krieger es üblicherweise taten, bevor
sie in eine Schlacht ritten. In Wahrheit aber hatte Breaca ihre
innere Ruhe bereits längst wiedergefunden.
»Kommst du mit Roms Legionen auf den Fersen?«,
fragte sie mit ruhiger, beherrschter Stimme.
»Nein.«
Tagos runzelte angestrengt die Stirn. Seine
Bewegungen waren allesamt viel zu schnell, zu ruckartig. Er nahm
sich nicht die Zeit, nachzudenken oder die Götter zu fragen, ehe er
handelte. Graine schämte sich, dass ein Eceni sich so benahm.
»Es tut mir Leid«, fuhr er fort, »dass du so von
mir denkst. Ich komme mit einer Lösung, um den Konflikt beizulegen.
Ich habe den Zwistigkeiten unter den Ältesten unseres Volkes
gelauscht. Sie könnten sich noch die ganze Nacht hindurch streiten,
und noch drei Nächte länger, und würden einer Lösung doch um keinen
Deut näher kommen. Die eine Hälfte von ihnen wünscht sich, dass du
bleibst, damit die königliche Linie nicht unterbrochen wird. Die
andere Hälfte aber hat Angst, dass die Ankunft der Bodicea
möglicherweise die Rache Roms auf sie und ihre Leute
herabbeschwören wird. Egal, welche Seite sich auch durchsetzen
wird, die andere Hälfte wird sie dafür hassen. Das Volk der Eceni,
welches ohnehin schon lange keine Einheit mehr ist, wird noch
weiter zerfallen. Einen solchen Riss können wir uns aber nicht
leisten, und ich persönlich möchte auch gar nicht über ein Volk
herrschen, das sich dermaßen entzweit hat. Ich biete dir und deiner
Familie also die Möglichkeit, sicher unter den Augen des
Gouverneurs zu leben, ohne dass dieser erfährt, wer ihr seid. Und
ich bringe dir das hier...«
Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Mit dem
Geschick eines ausgebildeten Sängers zog er unter seinem verkürzten
Arm einen Torques hervor. Das Gold war mit der Zeit schon ganz
angelaufen, und der Halsreif war in der alten Machart aus vielen
miteinander verschlungenen Goldfäden gefertigt worden. Er sah recht
zierlich aus, verglichen mit dem rotgoldenen Halsreifen, den die
Bodicea gegenwärtig trug, doch inmitten einer Versammlung von
Träumern war er es, und nicht der Reif von Breaca, der ihre
Aufmerksamkeit auf sich zog wie ein blutiges Lendenstück ein Rudel
Hunde.
Auf der von Prasutagos abgewandten Seite, dort, wo
Graine stand, ballte Breaca die Hand einmal kurz zur Faust und
entspannte sie dann wieder. »Du willst mir den Torques meiner
Mutter anbieten?« Ihre Stimme klang so rau wie Gestein. Bei ihrem
Klang wandte Stone ruckartig den Kopf zu Breaca um.
»Nein. Ich biete diesen Torques der einzigen Person
an, die ihn öffentlich tragen kann, ohne dafür sterben zu
müssen.«
Der Mann, der schon als Gast Roms gespeist und
getrunken hatte, trat nun einige Schritte vor. Von ihnen allen war
Cygfa diejenige, die am dichtesten bei ihm stand. Sie zuckte
zusammen, als er sich ihr näherte, doch sie wich nicht zurück. Als
er seine Arme über ihren Kopf hob und in ihren Nacken gleiten ließ,
griff sie automatisch nach ihrem Gürtelmesser. Als er den Goldreif
dann herumzog, so dass die beiden Endstücke auf ihren
Schlüsselbeinen und in einem See warmen Lichts zu liegen kamen,
entspannte sie sich jedoch wieder, und geradezu als hätte sie ihn
vergessen, sank ihr Arm wieder hinab. Es hieß, niemand könne den
Torques der Eceni tragen, ohne sich wie ein König zu fühlen. Cygfa
war dagegen auch nicht stärker gefeit, als Silla es gewesen war,
ganz gleich, wie weit Cygfas Wurzeln auch von den Eceni entfernt
liegen mochten. Sie lächelte und sah geradezu betörend aus.
Tagos trat wieder einen Schritt zurück. An Breaca
gewandt sagte er: »Wenn du den Halsreif tragen würdest und damit
auch die Herrschaft über das Volk übernähmst, dann würde der neue
Gouverneur sicherlich einige Fragen stellen, von denen wir uns
nicht wünschen, dass auch nur irgendeiner sie beantwortet. Nach
römischem Recht werden deine Töchter an dem Tag, an dem du meine
Ehefrau wirst, auch die meinen. Also biete ich den Halsreif Cygfa,
die nur dem Namen nach deine Tochter ist, damit sie ihn so lange
trägt, bis Graine, die Tochter von deinem Blute, das richtige Alter
erreicht hat. Sollten wir beide auch noch Töchter bekommen, werden
sie in der Reihe der Erbfolge gleich nach Graine kommen. Und an
meinem Todestag wird die Herrschaft auf jene von ihnen übergehen,
die für diese Aufgabe am besten geeignet ist.«
»Und bis dahin?« Es war, als wären sie beide ganz
allein, als gäbe es in diesem Augenblick bloß Breaca und Tagos. Sie
sprachen, als ob sie sich bereits ihr ganzes Leben kannten und
niemals voneinander getrennt gelebt hätten.
»Bis dahin herrsche ich so, wie Rom es von mir
erwartet, mit Breaca von den Eceni als meiner Ehefrau. Du wirst der
Ersatz für Silla, und als solchen werden sie dich problemlos
akzeptieren. Frauen sind in ihren Augen nicht viel wert, folglich
werden sie nicht so unhöflich sein, einen König zu fragen, wonach
er seine Frau ausgewählt hat.«
»Und wie lange wird es dauern, bis ein Mitglied
deines Haushalts uns verrät?«
Tagos zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht,
dass uns irgendeiner verraten würde. Aber wenn ich mich irren
sollte, müsste ich auf alle Fälle mit dir sterben. Der Gouverneur
wird nicht geneigt sein, Nachsicht zu üben, wenn er meint, man
hätte ihn betrogen. Und diejenigen, die unter meiner Herrschaft zu
Reichtum gelangt sind, würden mit meinem Tod wieder völlig
verarmen. Vor allem aber werden die, die mich hassen, all ihre
Hoffnung auf dich setzen, und dein Überleben wird ihre größte Sorge
sein.« Er lächelte. »Wer uns verraten will, müsste uns schon beide
gleichermaßen tief hassen. Und auch sein Volk dürfte ihm nicht
sonderlich am Herzen liegen. Sicherlich gibt es viele, die mich
hassen, und einige, die deine Anwesenheit hier fürchten, aber ich
kann mir niemanden vorstellen, der vorsätzlich ein solches
Blutvergießen auf die Eceni herabbeschwören würde. Solange wir
beide leben, leben wir beide in Sicherheit. Wir sichern uns also
quasi gegenseitig unser Überleben.«
Er wartete. Sie alle warteten. Graine bemerkte, wie
die eben noch zur Faust geballte Hand ihrer Mutter sich wieder
entspannte. Weder ihr Gesichtsausdruck noch ihr Verhalten hatten
sich geändert, doch die Schlacht, für die Breaca sich gerüstet
hatte, war vorüber, und sie war daraus nicht als Verliererin
hervorgegangen.