Nachwort der Autorin

Ich kann dir nicht sagen, was wirklich aus John Hudson geworden ist.

Wenn du die Nachworte der vorangegangenen Bände von »Im Sog der Zeiten« gelesen hast, wird dich das vermutlich nicht überraschen. Genau wie Virginia Dare (in »Die Ausgesetzten«) und Eduard V. und sein Bruder Richard (in »Die Intrige«) ist John Hudson tatsächlich eines der verschollenen Kinder der Geschichte.

Trotzdem ist seine Situation ein wenig seltsamer als die der anderen Kinder. Das liegt nicht nur daran, dass er und sein Vater spurlos aus der Geschichte verschwunden sind, sondern hat auch damit zu tun, dass sich die Erzählungen über die letzten Momente vor ihrem Verschwinden so sehr nach Lügen anhören.

John Hudson war auf allen vier bekannten Reisen seines Vaters als Schiffsjunge dabei. Auf der ersten Fahrt, im Jahr 1607, war er vermutlich zwischen zwölf und vierzehn Jahre alt, sodass er zum Zeitpunkt der Meuterei auf der Discovery zwischen sechzehn und achtzehn gewesen sein müsste. Als Schiffsjunge erwartete man von ihm, Botengänge zu erledigen, Wachen zu halten, Nachrichten zu überbringen, Taue zu flicken, das Deck zu schrubben, dem Schiffskoch zur Hand zu gehen und alles zu tun, was man ihm auftrug. Da er aber nicht nur ein Schiffsjunge, sondern auch der Sohn des Kapitäns war, lässt sich leicht vorstellen, dass ein Teil seiner Pflichten auch darin bestanden haben könnte, zu lernen, eines Tages selbst ein Schiff zu befehligen.

Wenn das der Fall gewesen sein sollte, bot ihm sein Vater ein recht zwiespältiges Rollenvorbild.

Wie viele europäische Entdecker vor und nach ihm war auch Henry Hudson erpicht darauf, eine bessere Zugangsroute zu den reichen Handelsgütern in China, Indien und anderen asiatischen Ländern zu finden. 1607 und 1608 versuchte er von England aus in nordöstliche Richtung zu segeln, wo ihn das Eis jedes Mal am Weiterkommen hinderte. Trotzdem gelang es ihm, näher an den Nordpol heranzukommen als jeder andere europäische Kapitän vor ihm. Zudem bewiesen seine Reisen ein für alle Mal, dass es in den Polarregionen trotz der langen Sonneneinstrahlung im Sommer nicht so warm wurde wie in den Tropen.

Im Jahr 1609 ging Hudson nicht im Auftrag einer englischen, sondern einer niederländischen Handelsgesellschaft auf Fahrt. Auch wenn er auf die Bibel geschworen hatte, dass er die gleiche Route noch einmal befahren und in nordöstlicher Richtung weitersuchen würde, interessierte sich Henry Hudson inzwischen mehr dafür, im Nordwesten nach einer Route zu suchen – durch oder oberhalb von Nordamerika. Er segelte zunächst nach Nordosten, brach dann aber sein Versprechen und wandte sich nach Westen. Diese Reise wurde seine berühmteste, da sie zur Entdeckung des Hudson Rivers führte und den Niederländern eine Grundlage bot, Anspruch auf das Gebiet der Neu-Niederlande zu erheben (dem heutigen New York).

Allerdings wurde Henry Hudson deswegen in England als Verräter angesehen. Da er für eine andere Nation eine derart bedeutende Entdeckung gemacht hatte, fürchtete er, vom englischen König James ins Gefängnis geworfen zu werden. Einige englische Investoren hingegen scheinen sich gesagt zu haben: »He, wenn er so etwas für die Holländer fertigbringt, was kann er dann für uns tun?« Und so rüsteten sie Hudson ein Schiff aus, mit dem er unter englischer Flagge nach der Nordwestpassage suchen sollte.

Zum Zeitpunkt seiner vierten Reise hatte Hudson sich als fähiger Seemann einen Namen gemacht. Dreimal war er in gefährliche Eisregionen vorgedrungen, mit Schiffen, die für arktische Verhältnisse wohl kaum geeignet waren. Und dreimal hatte er es geschafft, wohlbehalten zurückzukehren, wobei er auf zwei dieser drei Reisen nicht ein einziges Mitglied seiner Besatzung verlor.

Dennoch dokumentieren die Berichte über seine ersten drei Reisen zahlreiche Begebenheiten, bei denen er sich im Umgang mit Menschen nicht annähernd so geschickt erwies wie als Seemann. Anscheinend standen seine Mannschaften mehr als einmal am Rand einer Meuterei.

Dieses Muster sollte sich auch auf seiner vierten Reise fortsetzen.

Die Discovery und ihre zweiundzwanzigköpfige Besatzung – darunter John Hudson und ein weiterer Schiffsjunge, Nicholas Symmes – verließen London am 17. April 1610. Die Machenschaften an Bord begannen fast augenblicklich, denn nur fünf Tage später machte Hudson im englischen Ort Gravesend Halt, um ein von ihm entlassenes Besatzungsmitglied vom Schiff zu schicken und einen neuen Mann namens Henry Greene mitzunehmen, der allgemein als Unruhestifter bekannt war.

Dieser sollte bei den späteren Problemen auf der Discovery eine große Rolle spielen.

Hudson umsegelte die Südspitze Grönlands und drang weiter nach Norden vor als auf seinen vorangegangenen Reisen. Er überquerte die Davisstraße und fuhr in eine Öffnung ein, die damals »Wütender Sturz« genannt wurde: eine Meerenge, die unter dem Namen Hudsonstraße bekannt werden sollte. Im Kampf gegen Eismassen und gefährliche Strömungen fuhr die Discovery in die Hudson Bay ein und segelte nach Süden. Einige der Namen, die Hudson den Orten verlieh, die er passierte, geben vielleicht Aufschluss über seine Gemütsverfassung: Desire Provoketh (»Erwecktes Verlangen«), Isles of God’s Mercies (»Die Inseln von Gottes Gnaden«) und Hold with Hope (»Halt an mit Hoffen«).

Der Bericht, den Hudson über seine Reise auf der Discovery anfertigte, endete am 3. August 1610, mehr als zehn Monate vor der Meuterei. Wahrscheinlich gab es ursprünglich einen längeren Bericht, der von den Meuterern vernichtet wurde, weil er sie weiter belastete. Das, was von Hudsons Bericht übrig geblieben ist, klingt ziemlich trocken und sachlich und beinhaltet vor allem Breitengradangaben und Wetterstände.

Es blieb anderen überlassen, die Streitereien und die Missstimmung zu beschreiben, die an Bord vor sich hin gärte.

Der ausführlichste Bericht über diese Reise stammt von dem Mann mit dem seltsamen Namen Abacuk Prickett (ja, es gab tatsächlich jemanden, der so hieß). Bevor er sich der Besatzung der Discovery anschloss, war er ein Kurzwarenhändler in London und stand in Diensten eines der Investoren der Expedition. Nicht gerade der schlüssigste Berufsweg, um Seemann zu werden.

Laut Prickett kam es knapp vier Wochen nach Beginn der Reise zu Unmut unter einigen Besatzungsmitgliedern, als Henry Greene mit einem anderen Mann eine Prügelei anzettelte und Hudson sich auf seine Seite schlug. Kurz darauf begann der Steuermann Robert Juet das Gerücht zu verbreiten, Greene sei Hudsons Spion. Nur wenig später degradierte Hudson Juet und hielt eine Verhandlung ab, die Juet glauben gemacht haben könnte, dass man ihn nach seiner Rückkehr nach England hängen würde. Später brachte Hudson auch Greene gegen sich auf, indem er den Mantel eines verstorbenen Besatzungsmitglieds zuerst Greene gab, ihn dann aber zurücknahm und jemand anderem überließ. Das ist nur eine von mehreren Begebenheiten, bei denen Hudson seine Entscheidungen revidierte oder unschlüssig wirkte und alle gegen sich aufbrachte.

Thomas Wydowse, der zu den kranken Männern gehörte, die in der Schaluppe ausgesetzt wurden, ließ tatsächlich mindestens einen Bericht über die Spannungen an Bord zurück. Er war Mathematiker und sollte auf der Reise beim Navigieren helfen; er war gebildeter als die anderen Mitglieder der Besatzung (vor allem, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen weder lesen noch schreiben konnten). Wydows Aufzeichnungen, die man bei der Rückkehr der Discovery in seinem Schreibtisch fand, berichten auch von den Anschuldigungen und der Verhandlung gegen Juet im September 1610.

Während die Spannungen an Bord zunahmen, segelte die Discovery weiter und weiter nach Süden, immer tiefer in die Hudson Bay hinein. Hudson hoffte zweifellos, vor Anbruch des Winters ein milderes Klima zu erreichen – möglicherweise sogar den Südpazifik.

Stattdessen segelte er in eine Sackgasse.

Wenn du dir die Karte von Kanada anschaust, wirst du sofort erkennen, wie tief die Bucht der Hudson Bay in das Land hineinschneidet. Hudson und seine Männer segelten bis ganz hinunter in die etwas engere James Bay.

Im Oktober war klar, dass es ihnen vor Anbruch des Winters nicht gelingen würde, nach England zurückzukehren wie auf Hudsons vorangegangenen drei Reisen. Die eisigen Gewässer um sie herum hatten nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Südpazifik. Wenn sie versuchten weiterzusegeln, drohten ihnen zahlreiche Gefahren. Eine davon war, dass sie im Packeis festfrieren könnten und damit gefangen wären. Zudem drohte das Schiff von den gewaltigen Eismassen um sie herum zerdrückt zu werden.

Offensichtlich entschied sich Hudson, sein Schiff an der sichersten Stelle, die er finden konnte, auf Grund zu setzen, in gebührender Entfernung von den schlimmsten Eismassen. Laut Prickett befahl Hudson dem Schiffszimmermann, Philip Staffe, auf der nahe gelegenen Landmasse eine Hütte für den Winter zu errichten. In einem recht ungewöhnlichen Akt des Widerstandes weigerte sich Staffe, dem Kapitän Folge zu leisten, indem er sinngemäß sagte: »Ich bin Schiffszimmermann. Ich baue keine Häuser.« Allerdings gab er wenig später doch nach und baute eine Unterkunft. Prickett zufolge machte der Bau der Hütte »viel Arbeit« und brachte »wenig Nutzen«.

Die Winter an der James Bay sind von grausamer Härte, denn die Temperaturen fallen manchmal unter minus vierzig Grad. Und Hudson und seine Männer hatten damals weder Fleecejacken dabei noch Mikrofaserkleidung oder Funktionsunterwäsche. Vermutlich bestanden die wärmsten Kleidungsstücke, die sie besaßen, aus Wolle. Wenn die Seeleute damit nass wurden, waren Frostbeulen garantiert.

Das kalte Wetter »lähmte fast die gesamte Mannschaft«, heißt es bei Prickett.

Erstaunlicherweise waren sie den größten Teil des Winters mit Nahrungsmitteln reichlich versorgt. Prickett berichtet von einer solchen Menge an Schnee- und Waldhühnern, dass »wir über hundert Dutzend erlegten« und »so viele Fische fingen, wie wir nur konnten«.

Als es Frühjahr wurde, zogen diese Vögel weg und bald auch die anderen. Auch Fische waren schwerer zu fangen. Laut Prickett waren die Männer gezwungen, durch Wälder, Hügel und Täler zu streifen, um zu sammeln, was nur irgendwie Gehalt hatte, egal, wie scheußlich es schmeckte: »Nichts wurde verschmäht, nicht einmal das Moos auf der Erde, gegen das verrottetes Holz besser schmeckt, und Frösche, die in der Paarungszeit ebenso abscheulich sind wie Kröten.«

Das spärliche Essen schmeckte nicht nur schauderhaft, es lieferte den Männern auch nicht genügend Nährstoffe. 1611 war der Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln und bestimmten Krankheiten noch niemandem völlig klar, doch ein wenig wusste man schon. So erwähnt Prickett, dass Thomas Wydowse aus den Knospen eines heimischen Baumes eine terpentinartige Substanz kochte, mit der er vermutlich die schweren Symptome von Skorbut behandelte.

Falls du noch weißt, dass Skorbut eine Krankheit ist, die man bei extremem Vitamin-C-Mangel bekommt, dann herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, du kommst niemals in die Situation herauszufinden, wie unangenehm diese Krankheit wirklich ist. Menschen mit Skorbut werden immer schwächer und matter. Ihr Zahnfleisch schmerzt und am Ende fallen ihnen die Zähne aus. Ihre Knochen sind schwach und können leicht brechen. Die Menschen werden leicht ohnmächtig, haben sehr blasse Haut, eingesunkene Augen, Muskelschmerzen, innere Blutungen und schließlich Durchfall. Längst verheilte Verletzungen, wie beispielsweise alte Degenwunden, können wieder aufbrechen. Neue Wunden verheilen mitunter gar nicht.

Hört sich nicht sehr lustig an, nicht wahr? Wenn du nach diesem Absatz den Wunsch hast, loszugehen und dir ein großes Glas Orangensaft zu holen, um es beim Lesen zu trinken, habe ich nichts dagegen. Allerdings solltest du es schnell trinken, denn ich komme gleich auf wirklich widerliches Essen zu sprechen.

Erstaunlicherweise überlebten alle bis auf einen den Winter, trotz der schrecklichen Kälte, des Nahrungsmangels und der Krankheiten. Als das Eis in der Bucht endlich brach und sich alle zur Weiterfahrt bereit machten, waren die Nahrungsvorräte so knapp, dass Hudson beschloss, die letzten Brot- und Käsevorräte gleichmäßig aufzuteilen. Jeder an Bord bekam einen Vorrat, der vierzehn Tage reichen sollte – obwohl man Hudson gewarnt hatte, dass manche ihren Anteil sofort verschlingen und dann gar nichts mehr haben würden. Und genau das geschah. Ein Mann vertilgte an einem Tag sogar so viel Brot, dass ihm schlecht wurde. Andere begannen zu tuscheln, Hudson würde Vorräte verstecken und die besten Sachen für sich und seine Günstlinge behalten. Hudson dagegen glaubte, seine Männer würden Vorräte stehlen, und ließ von Nicholas Symmes sämtliche Seekisten durchsuchen, was die Männer noch mehr gegen Hudson aufbrachte.

Zu den Sorgen und Nahrungsquerelen kam hinzu, dass Hudson nicht unverzüglich nach Nordosten segelte, dorthin, wo Heimat, Nahrung und Sicherheit winkten.

Stattdessen fuhr er nach Nordwesten.

Wie konnte er weiter nach der Nordwestpassage suchen, wenn seine Männer kurz vor dem Verhungern waren?

Am 18. Juni 1610 wurde die Discovery abermals von Eis eingeschlossen und Hudson konnte in keine Richtung weitersegeln. Als das Eis das Schiff drei Tage später freigab, nahmen der Unwille und die Sorgen überhand und wuchsen sich zu einer Meuterei aus.

In den Vorgängerbänden dieser Serie habe ich mich sehr bemüht, keine historischen Details zu verändern. Ich habe lediglich die Lücken in den überlieferten Berichten mit reichlich merkwürdigen fiktionalisierten Möglichkeiten aufgefüllt. Bei diesem Buch hatte ich weniger das Gefühl, mich streng an die historischen Aufzeichnungen halten zu müssen. Das liegt zum Teil daran, dass Zwei die Zeit in meiner Version der Geschichte in ein totales Chaos gestürzt hat.

Andererseits hört sich auch das, was Prickett und die anderen Überlebenden über die Meuterei berichteten, ziemlich chaotisch an. So chaotisch, dass man sich fragen muss, wie ihnen irgendjemand glauben konnte.

Prickett beginnt seinen Bericht über die eigentliche Meuterei damit, dass in der Nacht vor dem Ausbruch zwei Meuterer, Henry Greene und William Wilson, zu ihm gekommen seien und ihn über ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt hätten. Prickett habe zu dieser Zeit »lahm in (seiner) Kajüte« gelegen, was ihm einen Vorwand gab, nicht aufstehen und den Kapitän warnen zu müssen. Allerdings habe er, wie er sagt, Wilson und Greene erklärt, dass Meuterei Unrecht sei, und sie angefleht, davon abzulassen. Einer nach dem anderen seien in dieser Nacht weitere Meuterer zu Prickett gekommen, um mit ihm zu reden. In der Hoffnung, damit etwas zu bewirken, habe er jeden Einzelnen von ihnen schwören lassen, dass ihr Tun »zu keines Menschen Schaden und dem Wohle der Reise gereichen« sollte.

Später kam Prickett zu dem Schluss, dass der Schwur einen gegenteiligen Effekt gehabt und die Männer darin bestärkt hatte, ihre Rebellion durchzuführen.

Prickett zufolge banden drei Männer Hudson die Hände auf den Rücken, sobald dieser am nächsten Morgen aus seiner Kajüte trat. Unter Deck griff der loyale John King tatsächlich zum Schwert, um Hudson zu verteidigen, doch die anderen waren in der Überzahl und überwältigten ihn. Dann wurde er von den Meuterern zusammen mit Hudson an Deck gebracht.

Anschließend, so erzählt Prickett weiter, brachten die Meuterer die Schaluppe längsseits und verfrachteten sämtliche »schwachen, kranken und lahmen Männer« hinein. Pricketts Schilderung geht an keiner Stelle darauf ein, warum er einerseits zu lahm war, um in der Nacht zuvor den Kapitän zu warnen, andererseits aber am nächsten Morgen so gesund war, dass man ihn nicht in die Schaluppe setzte. Bei ihm heißt es:

 

Ich kam aus meiner Kajüte, so gut ich es vermochte, um an der Luke mit dem Master zu sprechen, als er nach mir verlangte; auf Knien flehte ich sie (die Meuterer) an, sich um der Liebe Gottes willen zu besinnen und anderen zu tun, was auch sie von ihnen erwarteten. Sie sagten mir, ich sollte mich vorsehen und in meine Kajüte zurückkehren, und gestatteten mir nicht, mit dem Master zu sprechen. Als ich jedoch in meine Kajüte zurückkam, meldete er sich über das Sprechrohr und erklärte mir, Juet werde uns alle vernichten. Nein, sagte ich, und in keinem milden Ton, es ist die Verderbtheit von Henry Greene.

 

Als Nächstes, so Prickett, entschloss sich Staffe, der Zimmermann, aus freien Stücken, dem Kapitän in die Schaluppe zu folgen, statt mit den Meuterern an Bord zu bleiben. Er bat lediglich darum, dass man ihm seine Kiste »und alles, was darinnen war« mitgeben sollte, und die Meuterer willigten ein.

Prickett berichtet, Staffe habe ihn gewarnt, dass niemand der an Bord Gebliebenen fähig sei, das Schiff nach England zurückzusegeln. Außerdem habe Staffe »eine Flinte mit Pulver und Schrot, einige Speere sowie einen eisernen Topf mit Getreide und allerlei anderes« mitgenommen. Die Meuterer nahmen die Schaluppe noch eine Weile ins Schlepptau und schnitten sie los, sobald sie das Eis hinter sich gelassen hatten.

Später, so berichtet Prickett, hätten die Meuterer vom Kapitän gehortetes Getreide, Butter, Schweinefleisch, Erbsen, Zwieback und ein Fass Bier gefunden.

Die restliche Reise der Discovery verlief alles andere als reibungslos. Laut Prickett kamen am 28. Juni bei einer tragischen Begegnung mit Ureinwohnern vier Männer ums Leben. Und auf dem Rückweg nach England bestand die einzige Nahrung der Seeleute aus den Knochen der Vögel, die sie zuvor geschossen und gegessen hatten. Dafür wurden die Knochen in Kerzenwachs gebraten und dann Weinessig dazugegossen.

Auf dieser Fahrt starb ein weiteres Besatzungsmitglied – vermutlich an Hunger. Robert Juet sei »elendig und aus reinem Mangel gestorben«. Die restlichen Männer schienen daraufhin aufzugeben: »Manche saßen einfach da und sahen zu, wie sich Vorsegel oder Hauptsegel lösten, das Tuch flatterte oder zerriss, und machten keine Anstalten, zur Tat zu schreiten oder auch nur Hilfe herbeizurufen.«

Dann entdeckten sie einen Zipfel Land: Irland.

Doch selbst das brachte nicht die erhoffte Rettung, da die Iren, denen sie begegneten, »weder Brot noch Getränk noch Geld besaßen«. Schließlich mussten die Männer einen Anker und einige Taue für Brot, Bier und Fleisch eintauschen, sodass sie nach England weitersegeln konnten.

Nur acht der ursprünglich zweiundzwanzig Besatzungsmitglieder der Discovery schafften es zurück nach England. Sie trafen dort mit einem Schiff ein, auf dessen Deck sich riesige Blutflecke befanden. Nach Angaben der Überlebenden stammten diese jedoch vom Angriff der Ureinwohner und nicht von der Meuterei. Praktischerweise waren, wie sie weiter behaupteten, sämtliche Hauptverantwortlichen der Meuterei auf dem Rückweg gestorben: Juet, Greene und William Wilson.

Trotz der bösen Warnungen, dass ihnen nach ihrer Rückkehr nach England der Strick drohen würde, geschah zunächst gar nichts. Prickett, Robert Bylot und der Schiffsarzt Edward Wilson erstatteten Bericht oder lieferten eidesstattliche Erklärungen ab, und eine der zuständigen Schifffahrtsbehörden äußerte die Ansicht, dass es angemessen sei, sie zu hängen. Doch niemand schien es eilig zu haben, dem nachzukommen.

Wilsons Bericht vom 25. Januar 1611 weicht ein wenig von Pricketts Angaben ab. So habe Staffe lediglich um Kleidung und nicht um seine Kiste gebeten, als er in die Schaluppe stieg. Außerdem seien sechs der Männer, die in die Schaluppe gesetzt wurden, der Meinung gewesen, sie sollten Hudson und John King lediglich Gesellschaft leisten, während die Meuterer die Vorräte gerecht verteilten. Diese Männer seien freiwillig in die Schaluppe gestiegen, so Wilson, »verlangten aber später, als sie herausfanden, dass sie nicht an Bord zurückkehren durften, nach Kleidung, von denen ihnen einige Stücke ausgehändigt wurden«.

Es wirkt seltsam, dass diese Männer sich mehr um Kleidung als um Nahrung gesorgt haben sollen.

Außerdem gab Edward Wilson an, dass er erst von der Meuterei erfahren habe, als diese schon fast vorüber gewesen sei und er den gefesselten Kapitän entdeckt habe. »Ich wäre aus meiner Kajüte gekommen und hätte ihnen etwas zu essen gegeben, aber jene, die den Master gefesselt hatten, sagten mir, wenn ich zufrieden sei, solle ich besser dafür sorgen, dass es auch so bleibt«, behauptete Wilson.

Machte er sich damit ebenfalls schuldig? Waren alle acht Überlebenden der Discovery der Meuterei schuldig, weil sie nicht mit ihrem Kapitän in die Schaluppe gestiegen waren?

Es dauerte fünf Jahre, ehe jemand beschloss, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Justiz so langsam arbeitete, wenn man weiß, was in dieser Zeit sonst noch geschah: Im Jahr 1612 kehrten mindestens zwei Überlebende der Discovery, Robert Bylot und Abacuk Prickett, mit Unterstützung einer neuen Gesellschaft namens »Die Entdecker der Nordwestpassage« in die Hudson Bay zurück.

Vermutlich haben sie erklärt: »Wenn ihr uns wegen Mordes aufhängt, werdet ihr nie erfahren, ob wir tatsächlich herausgefunden haben, wo sich die geheimnisvolle Nordwestpassage befindet.«

Möglicherweise haben sie obendrein versprochen, nach Hudson und den anderen Gestrandeten zu suchen.

Bylot, Prickett und der Rest ihrer Expedition fanden weder die Nordwestpassage noch irgendein Zeichen von Hudson und seinen Männern. 1616 machte sich Bylot ein weiteres Mal auf die Suche nach der Nordwestpassage, diesmal in der Baffin Bay.

Und natürlich schlug auch dieser Versuch fehl.

Ebenfalls im Jahr 1616 wurden alle acht Überlebenden wegen Mordes vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete, die Überlebenden hätten Hudson, seinen Sohn und sieben weitere Männer »ohne Nahrung, Getränke, Feuer und Kleidung in einer gewissen Schaluppe im Eis ausgesetzt«. »Sodass diese (die Männer in der Schaluppe)«, wie es weiter heißt, »zu Tode kamen und elendig zugrunde gingen. Robert Bylot et cetera haben Henry Hudson getötet und ermordet.«

Prickett verteidigte sich damit, dass während der Meuterei niemand »erschossen oder auf andere Weise zu Schaden gekommen« sei. Bylot ließ es aussehen, als seien die Männer in der Schaluppe freiwilig davongefahren. Und ein weiteres Besatzungsmitglied, Bennet Matthew, behauptete, Hudson und einige andere seien, noch nachdem man sie in die Schaluppe gesetzt hatte, wieder an Bord gekommen, um sich aufzuwärmen und einige Habseligkeiten zu holen, und dann wieder in die Schaluppe gestiegen.

Aus welchem Grund sollten die Männer in der Schaluppe so friedlich davongefahren sein? Wie konnte jemand den Geschichten der Überlebenden Glauben schenken – noch dazu angesichts der vielen Blutflecke auf dem Schiffsdeck?

Egal, ob irgendjemand den Überlebenden glaubte oder nicht, keiner von ihnen wurde gehängt. Bylot wurde begnadigt, weil er es geschafft hatte, die Discovery mit den verbliebenen Männern sicher zurückzubringen; Edward Wilson und Prickett befand man für nicht schuldig, und 1618 ließ man auch die Anklagen gegen alle übrigen noch lebenden Beteiligten fallen.

Vielleicht schilderten Prickett und die anderen Überlebenden Hudson als so verrückt, dass die Richter die Meuterei für gerechtfertigt hielten. Vielleicht interessierte es nach sieben Jahren aber auch einfach niemanden mehr.

Denkbar wäre auch, dass die Engländer, selbst nach all den fehlgeschlagenen Reisen, die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatten, jemand von der Discovery könnte die so schwer zu findende Nordwestpassage doch noch entdecken.

Es gibt sie wirklich, allerdings nicht so, dass es Henry Hudson viel genützt hätte, sie zu finden. Wenn du dir eine aktuelle Karte von Nordamerika ansiehst – und nicht eine der handgezeichneten, halb erfundenen Karten aus dem siebzehnten Jahrhundert, die Henry Hudson verwendete –, siehst du eine ganze Reihe möglicher Routen durch und um die Inseln herum, aus denen sich das nördliche Kanada und Alaska zusammensetzen. Auf den Karten, mit denen ich gearbeitet habe, sind diese Wasserwege pastellblau abgebildet, als wäre das Meer dort so offen und klar wie die Karibik. Doch die meiste Zeit des Jahres sind diese Gewässer zugefroren und wären für ein Schiff, das so klein und zerbrechlich ist wie die Discovery, mit Sicherheit unpassierbar gewesen. Das erste Mal gelang Roald Amundsen 1906 eine vollständige Durchfahrt, nachdem er drei Winter im Eis eingeschlossen gewesen war.

Neuerdings ist die Nordwestpassage durch den Klimawandel wieder ins Blickfeld gerückt. Auch wenn die klimatischen Veränderungen an anderen Orten sicherlich große Probleme verursachen können, weisen manche darauf hin, dass die Nordwestpassage durch das Abschmelzen des Polareises zu einer günstigen Schifffahrtsroute werden könnte, womit sich Hudsons Traum endlich erfüllen würde.

Aber vielleicht interessierst du dich, genau wie Jonas und Katherine, mehr für die betroffenen Menschen als für das Schicksal der Nordwestpassage. Vielleicht ist das, was dir durch den Kopf geht, nicht die Frage: »Welchen Nutzen hat die Nordwestpassage?«, sondern: »Was ist aus John Hudson und den anderen geworden, die man in einer Schaluppe im Packeis zurückließ?«

Genau weiß das niemand.

Da es die Männer geschafft hatten, den Winter von 1610 auf 1611 zu überleben, erscheint es nicht allzu abwegig anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen auch andere Winter in anderen Jahren überlebt haben könnten. Diese Möglichkeit wird noch wahrscheinlicher, wenn es ihnen gelungen sein sollte, sich Dinge von dort lebenden Ureinwohnern abzuschauen (bei denen es sich wahrscheinlich um Cree-Indianer aus der Nähe der James Bay gehandelt haben dürfte und nicht um Inuit, wie Katherine vermutet). Allerdings überrascht es nicht, dass sich Hudson bei seinen vorangegangenen Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen nicht geschickter angestellt zu haben scheint als im Umgang mit seinen eigenen Leuten. Aber vielleicht waren andere in der Schaluppe – Staffe oder John Hudson? – diplomatischer als er.

Möglicherweise ist es zumindest einigen Männern gelungen, sich an die Hoffnung zu klammern, dass eine Rettungsmission aus England kommen würde. Eine allzu optimistische Hoffnung! Allerdings entdeckten zwei spätere englische Expeditionen, eine im Jahr 1631 und eine andere zwischen 1668 und 1670, Überreste von Unterkünften, die möglicherweise von einem englischen Zimmermann errichtet wurden. Natürlich könnte jedes dieser Gebäude die Unterkunft gewesen sein, die Staffe 1610 für die komplette Mannschaft der Discovery gebaut hat, daher lassen diese Funde keinerlei Rückschlüsse auf die Männer in der Schaluppe zu.

Einige Legenden der Ureinwohner könnten ebenfalls von Bedeutung sein. Eine handelt davon, dass diese ein kleines Boot mit toten weißen Männern entdeckt haben, in dem sich auch ein weißer Junge befand, der noch am Leben war. Könnte das John Hudson gewesen sein? Die Geschichte hat ein enttäuschendes Ende: Da die Ureinwohner nicht wussten, was sie mit dem Jungen machen sollten, banden sie ihn draußen bei den Hunden fest. Es ist unwahrscheinlich, dass er das sehr lange überlebt hat.

Eine andere Geschichte aus dem Ottawa Valley behauptet, Henry Hudson und andere aus der Schaluppe, zu denen möglicherweise auch John Hudson gehörte, seien von Ureinwohnern als Sklaven gehalten worden, ehe sie getötet wurden. Angeblich zogen sie den Ottawa River hinab, wo ein Stein gefunden wurde, auf dem stand: »HH Gefangener 1612«. Allerdings wurde diese Markierung offiziell nie anerkannt.

Eine weitere Theorie ist noch relativ neu. Mit Verweis auf einige Gräber auf der Insel Spitzbergen vor der Küste Norwegens vermutet ein Wissenschaftler aus England, dass es Hudson und seinen verbliebenen Männern gelungen sein könnte, mit ihrer winzigen Schaluppe mehr als fünftausend Kilometer über den Nordatlantik zu segeln, ehe sie in Europa starben, wenn auch nicht ganz in ihrer englischen Heimat.

Das klingt nach einer ziemlich absonderlichen Theorie. Aber ist sie wirklich absonderlicher, als acht Männer und einen Teenager in einem winzigen Boot mitten im Eis auszusetzen und einfach davonzufahren?