Fünfundzwanzig

Während Jonas weiter an den Pranger gefesselt war, nahm das Leben an Bord seinen Lauf. Katherine schlich sich abermals unter Deck, um nach Botschaften zu suchen. Hudson enterte ins Krähennest auf und wieder ab. Matrosen hissten die Segel oder holten sie wieder ein, je nach Wind. Hudson beriet sich mit Prickett, mit King und mit anderen. Am späten Nachmittag sah Jonas sogar Staffe für ein kurzes Gespräch in Hudsons Kajüte spazieren.

Als er wieder herauskam, warf er nicht einmal einen Blick in Jonas’ Richtung.

Also schön. Das ist verletzend. Aber was soll’s, sagte sich Jonas. Ich habe größere Probleme, über die ich mir den Kopf zerbrechen muss. Die Zeit zu retten zum Beispiel. Und Andrea. Werde ich sie jemals wiedersehen?

Jonas schaffte es, sich eine Weile mit dem Gedanken daran abzulenken, wie hübsch Andrea war, mit ihren grauen Augen, den langen braunen Haaren und ihrer Zerbrechlichkeit.

Sie war nicht so zerbrechlich, wie sie aussah, machte er sich klar.

Wieder und wieder hatte er auf seinen Reisen durch die Zeit festgestellt, dass Dinge oft nicht waren, was sie zu sein schienen.

Dann werde ich also hier, im Jahr 1611, herausfinden, dass Prickett der Gute ist und Staffe es klammheimlich auf mich abgesehen hat?, fragte sich Jonas.

Er schüttelte den Kopf. Auch wenn ihn vieles verwirrte, weigerte er sich zu glauben, dass die Welt so durcheinandergeraten sein könnte.

Dann bemerkte er, dass Henry Hudson aus seiner Kajüte gekommen war, während er in Gedanken abgedriftet war. Der Kapitän ließ den Blick schweifen und steuerte dann auf Jonas am Pranger zu.

Die Seeleute um sie herum schienen bestrebt, die Blicke abzuwenden und mit Bedacht nicht zuzusehen, wie Hudson neben seinem vermeintlichen Sohn stehen blieb.

»Du kennst die Geschichte, warum ich fortgelaufen und zur See gegangen bin, nicht wahr?«, sagte Hudson. »Dass ich mit meinem Vater über alles und jedes aneinandergeraten bin und wir uns nie in die Augen blicken konnten?«

»Das hast du mir erzählt«, sagte Jonas vorsichtig, weil er diese Geschichte als echter John Hudson vermutlich kennen würde.

»Ich war in deinem Alter«, sagte Hudson. »Genauso alt wie du, als ich fortging.«

Jonas nickte, denn was sollte er dazu sagen? Äh, wie alt bin ich denn überhaupt? Oder: Das wage ich zu bezweifeln, Paps. Wenn man es genau nehmen will mit meinem Alter, müsstest du wohl negative Zahlen verwenden.

»Als ich von meiner ersten Seereise zurückkehrte, war mein Vater tot«, sagte Hudson und starrte auf einen Punkt über Jonas’ Kopf. »Er starb eine Woche nachdem ich fortgegangen war, aber das wusste ich natürlich nicht. Ich habe die ganzen zwei Jahre auf See damit zugebracht, mir vorzustellen, wie ich zu ihm zurückkehre, ihm Schätze bringe, alle unsere Dispute wiedergutmache …«

Hudsons Stimme verlor sich. Er würde doch nicht etwa anfangen zu weinen, hier, vor allen Leuten?

»Bestimmt wusste er, dass du ihm Schätze bringen wolltest«, sagte Jonas ein wenig unbeholfen. »Und dass du dich nicht mehr mit ihm streiten wolltest.«

»Aber vielleicht wollte ich das?«, sagte Hudson. »Vielleicht war der Schatz meine Art, ihm zu sagen: ›Siehst du, ich hatte von Anfang an recht!‹? So, wie Knaben nun einmal denken …«

O nein, dachte Jonas. Komm mir jetzt bloß nicht mit ›Knaben‹. Lass es jetzt bitte nicht um dich und deinen Sohn gehen!

Hudson wandte den Kopf, um Jonas in die Augen zu sehen.

Jetzt wird er merken, dass ich nicht wirklich John Hudson bin!, dachte Jonas voller Angst. Er wird merken, dass ich in Wirklichkeit ein anderer Junge mit einer Maske, einer Perücke und einem Umhang bin!

Hudsons Blick war fast zornig, seine Augen nur noch schmale Schlitze.

»Du hast dich freiwillig gemeldet!«, sagte er scharf. »Ich habe dich nicht gezwungen, das hätte ich nie getan! Nicht meinen eigenen Sohn!«

»Redest du davon, dass du mich an den Pranger gestellt hast?«, fragte Jonas, der so überrascht war, dass seine Stimme fast wie ein Fiepen klang. »Du hast mich vielleicht nicht gezwungen, aber John King schon! Natürlich war Zwang im Spiel!«

Hudson sah sich um. Ein Seemann, der in der Nähe ein gesplissenes Tau neu flocht, senkte den Kopf und gab sich alle Mühe, so zu tun, als habe er kein Wort gehört.

»Ich rede von gestern!«, zischte Hudson mit gedämpfter Stimme. »Als du uns diese besondere Karte beschafft hast!«

Jonas riss die Augen so weit auf, dass er fürchtete, die John-Hudson-Maske würde zerreißen. Fast hätte er gesagt: Was soll das heißen: Ich habe euch die Karte beschafft? Ich habe was getan? Ich dachte, du hättest die Karte bekommen! Von Zwei! Das ist doch verrückt! Was soll ich denn davon halten?

»Ich …«, setzte Jonas an und hielt wieder inne, denn was immer er auch sagte, wäre so, als würde er schreien: »Ich bin nicht der echte John Hudson! Ich bin ein Schwindler!«

Hudson lehnte sich dichter an ihn.

»Bist du fortgerannt? Wie hast du das gemacht? Folgen sie dir?«, flüsterte er.

»Darüber kann ich im Moment nicht mit dir reden«, sagte Jonas. Das hatte er aus einer dieser Orientierungsveranstaltungen in der Schule, bei denen die Schulpsychologen lächerliche Rollenspiele durchführten, in denen einem Drogen oder Alkohol angeboten wurde oder man mit Schulrowdys oder wilden Gefühlsausbrüchen umgehen musste. »Darüber kann ich im Moment nicht mit dir reden« galt als Allzweckwaffe für Situationen, in denen einen alles andere, was einem einfiel, in Schwierigkeiten zu bringen drohte. Die ganze Schule hatte sich wochenlang über diesen Satz lustig gemacht – sogar die Lehrer.

Da kann man mal sehen! Wenn man durch die Zeit reist und die Leute mit einem über Dinge reden, von denen man keine Ahnung hat, scheint der Spruch tatsächlich zu funktionieren, dachte Jonas.

Denn Hudson zog sich zurück und murmelte: »Natürlich. Manchmal zeigst du eine Reife, die weit über dein Alter hinausgeht, mein Sohn. Wir sprechen uns später. Wenn du den Pranger hinter dir hast.«

»Äh, du könntest mich nicht vielleicht früher rauslassen?«, fragte Jonas. »Mir zum Beispiel den Rest wegen guter Führung erlassen? Oder – für die Demonstration von Reife?«

Hudson sah sich um, als sei ihm plötzlich der Seemann mit dem gesplissenen Tau wieder eingefallen oder die anderen Männer, die sich auf dem Schiff zusammenscharten; alle, die Jonas’ Worte mit angehört haben konnten, selbst wenn ihnen das Geflüster und Gemurmel entgangen war.

Der Seemann mit dem Tau machte Anstalten, das Ende mit einer Axt abzuhacken. Der Schlag ließ Jonas zusammenzucken.

»Natürlich kann ich dich nicht früher herauslassen«, sagte Hudson ungerührt. »Ich führe ein strenges Regiment. Du bleibst bis zum morgigen Sonnenuntergang am Pranger – keine Minute mehr und keine weniger.«

Es gibt noch etwas, das anders ist, als es scheint, dachte Jonas. Henry Hudson behandelt seinen Sohn privat ganz anders als vor Zuhörern.

Aber was hatte das mit der Karte zu tun? Und zu was, um alles in der Welt, hatte sich der echte John Hudson »freiwillig« gemeldet?