Jonas beobachtete die Tür von Hudsons Kajüte. Er beobachtete die Seeleute, die an Deck herumwerkelten, und das flache Land, das vorüberglitt.
Nichts geschah.
Vielleicht ist die Beschämung gar nicht der schlimmste Teil der Strafe, wenn man an den Pranger gestellt wird, überlegte er. Vielleicht soll einem einfach so langweilig werden, dass man anfängt zu betteln: Bitte! Ich tue alles, was ihr wollt! Aber lasst mich hier raus!
Doch womöglich wäre dem echten John Hudson der Pranger gar nicht so langweilig erschienen. Vielleicht wäre er an Langeweile gewöhnt gewesen. Die Erwachsenen im einundzwanzigsten Jahrhundert beklagten sich ständig darüber, dass die Vertreter von Jonas’ Generation erwarteten, pausenlos unterhalten zu werden, dass sie ständig vor dem Fernseher saßen, im Internet online waren oder mit ihrem iPod Musik hörten.
Ein iPod wäre jetzt wirklich hilfreich, dachte Jonas irritiert. Alles, was ich habe, ist ein Definator, der schon seit Ewigkeiten nicht mehr funktioniert … nicht, seit …
Wann hatte der Definator eigentlich das letzte Mal funktioniert? War das wirklich HKs geisterhafte Stimme gewesen, die in der Schaluppe »Gut gemacht« geflüstert hatte, oder hatte sich Jonas das nur eingebildet?
Aus irgendeinem Grund schien das wichtig zu sein. Was war, wenn dieses letzte Lebenszeichen des Definators gleichzeitig auch ihre letzte Chance gewesen war, die Zeit wieder ins Lot zu bringen?
Denk so etwas nicht, ermahnte sich Jonas.
»HK«, flüsterte er eindringlich. »Bitte, sprich wieder mit mir! Sag mir, was wir tun sollen!«
Keine Antwort. Der Gedanke an den Definator hatte Jonas jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass dieser ihm in den Brustkorb stach. Er versuchte sich anders hinzuknien, doch mit eingeklemmtem Kopf und Handgelenken war es unmöglich, eine bequeme Position zu finden.
»HK, bitte!«, flüsterte er wieder. »Wenn du uns hier rausholen kannst, wäre das ein idealer Augenblick! Bitte!«
Zu spät bemerkte er, dass Staffe sich in seine Nähe gestellt hatte. Wie sollte Jonas erklären, was er gerade gesagt hatte?
»Oh, äh …«, begann er.
Staffe sah besorgt zur Tür von Hudsons Kajüte hinüber.
»Es ist gut, dass du betest«, sagte er.
»Äh, ja«, erwiderte Jonas, erleichtert, dass Staffe ihn missverstanden hatte. Natürlich würde ein Gebet für ihn näherliegen als die Vermutung, Jonas könnte mit einem futuristischen Zeitreise-Instrument sprechen.
»Gott vergibt jenen, die aufrichtig bereuen«, sagte Staffe.
»Ich habe nichts getan, was ich bereuen müsste«, widersprach Jonas. »Ich wurde zu Unrecht bestraft! Und fälschlich beschuldigt!«
Staffe betrachtete ihn mit festem Blick.
»Du hast die Seite aus dem Buch deines Vaters gestohlen«, sagte er.
»Nein, das habe ich nicht!«, beteuerte Jonas. »Ich habe nur … Ich kann es nicht erklären, aber Sie müssen mir vertrauen!«
Staffe sah ihm weiter in die Augen.
»Ich versuche dir zu vertrauen«, sagte er schließlich. »Aber wie du weißt, ist es auf diesem Schiff schwer, zu wissen, was falsch und was richtig ist.«
Die Tür zu Hudsons Kajüte öffnete sich und Staffe ging nervös weiter. Heiseres Gelächter drang aus der Kajüte, während sich die Tür immer weiter öffnete. Einige weitere Seeleute traten ein und die Tür fiel wieder ins Schloss.
Erleichtert sah Jonas, dass Katherine herausgekommen war, während die Tür offen stand. Kopfschüttelnd stampfte sie auf ihn zu.
»Erinnerst du dich, dass ich mich früher immer darüber beschwert habe, wenn ich in der Schule an der Jungen-Umkleidekabine vorbeigehen musste, weil ihr alle so stinkt?«, fragte sie. »Das ist gar nichts im Vergleich dazu, in einem winzigen Raum mit einem Haufen Seeleute zu hocken, die wahrscheinlich seit vierzehn Monaten nicht mehr gebadet haben. Außerdem trinken sie alle ein Zeug, das ›Aqua vit‹ heißt und bei dem sie pausenlos rülpsen müssen. Igitt, igitt!«
Sie tat, als müsste sie würgen.
»Aber hast du irgendwas herausgefunden?«, fragte Jonas.
»Ja, Henry Hudson hat das größte Ego auf dem Planeten«, sagte Katherine. »›Gedenktafeln werden meinen Namen tragen … Gedenktafeln werden meinen Namen tragen‹ – das hat er ungefähr fünfzigmal gesagt. Und Abacuk Prickett hat ihm auch noch zugeredet: ›Ja, Master, Ihr werdet der berühmteste Kapitän aller Zeiten.‹ Am liebsten wäre ich wieder sichtbar geworden, nur um ihm zu sagen: ›Wissen Sie was? In vierhundert Jahren können die Schulkinder Sie beim Geschichtstest nicht von Vasco da Gama unterscheiden. Und die mit einer ganz langen Leitung kommen selbst dann nicht auf Ihren Namen, wenn die Frage lautet: Wer hat den Hudson River und die Hudson Bay entdeckt?‹«
Jonas hatte die heimliche Befürchtung, dass es ihm schon einmal so ergangen sein könnte.
»Aber was ist, wenn die Testfrage in vierhundert Jahren ganz anders lautet?«, wandte er ein. »Wenn Zweis Eingriffe in die Zeit dafür sorgen, dass die Frage lautet: ›Welcher Entdecker hat die Hudson Passage entdeckt und damit die Geschichte für alle Zeiten verändert?‹ Was ist, wenn Henry Hudson der Entdecker wird, den alle kennen, so wie Christoph Kolumbus?«
Katherine unterbrach ihr Lamento.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich … ich sehe mich weiter nach geheimen Botschaften um und schaue, ob wir irgendwas tun können.«
Ehe Jonas ihr antworten konnte, lief sie zum Niedergang und stieg hinab.
Vielleicht wäre es Jonas gar nicht aufgefallen, wenn er sich ebenfalls frei hätte bewegen können. So aber begriff er, was Katherine tat: Sie versuchte in Bewegung zu bleiben, versuchte sich zu beschäftigen, damit ihr keine Zeit blieb, darüber nachzudenken, in welchem Schlamassel sie steckten.
Jonas konnte nichts anderes tun, als nachzudenken.
Ich versuche dir zu vertrauen, hatte Staffe gesagt.
Gedenktafeln werden meinen Namen tragen, hatte Hudson gesagt.
Wir wussten nicht, was wir da taten, hatte HK gesagt. Und später: Wir haben sogar noch mehr Fehler gemacht, als ich dachte.
»Und trotzdem hast du geglaubt, Katherine und ich könnten alles hinbiegen, nicht?«, murmelte Jonas. »Glaubst du das immer noch?«
Es hatte keinen Zweck, mit HK zu reden, denn Jonas wusste genau, dass dieser nicht antworten würde. Er täte besser daran, tatsächlich zu beten, wie Staffe es von ihm angenommen hatte.
In diesem Moment schrien einige Seeleute drüben an der Reling auf. Einer von ihnen eilte zu Hudsons Kajüte.
»Sir! Sir! Wir haben einen Wilden entdeckt, in einem dieser merkwürdigen kleinen Kähne – einem Kajak. Was sollen wir tun?«