Die Stunden vergingen. Ein Besatzungsmitglied, das Jonas bisher noch nicht aufgefallen war, brachte ihm einen harten Kanten Brot und eine Flasche mit abgestandenem Wasser. Jonas stellte fest, dass er Essen und Wasser hinunterschlucken konnte, ohne zu würgen, wenn er an etwas anderes dachte – an die Anordnung der Tische im Mathematikraum seiner Schule zum Beispiel oder an die Art und Weise, wie Andrea sich beim letzten Mal von ihm verabschiedet hatte.
Kurz vor Anbruch der Dämmerung kam Katherine an Deck und blieb in seiner Nähe. Jonas winkte sie zu sich und formte lautlos mit den Lippen: Ich muss dir was sagen! Doch sie schüttelte den Kopf und deutete auf die vielen Männer, die überall herumstanden.
Später, erwiderte sie stumm und fügte noch etwas hinzu: Wenn sie weg sind vielleicht? Dann folgte eine lange, tonlose Erläuterung, von der Jonas nicht das Geringste verstand.
Wenn wir jemals aus 1611 herauskommen, dachte er, lerne ich auf jeden Fall Lippenlesen, ehe ich wieder auf Zeitreise gehe!
Katherine verschwand wieder im Niedergang.
Jonas stampfte mit den Füßen.
»Ts, ts, was für ein launisches Gebaren«, sagte Prickett, der in der Nähe herumlungerte. »Macht die Strafe dich allmählich mürbe?«
Jonas wünschte, er hätte sich besser umgesehen, bevor er losstampfte.
»Nein«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich verschaffe mir nur ein bisschen Bewegung.« Doch in Anbetracht von Pricketts widerlichem Feixen schien ihm das nicht genug zu sein, daher fügte er hinzu: »Außerdem haben Sie mich eher belohnt, wenn man richtig darüber nachdenkt. Das erspart mir schließlich zwei Tage Arbeit.«
Prickett fixierte ihn mit festem Blick.
»In der Tat«, sagte er. »Ich werde das beherzigen, wenn ich deinem Vater das nächste Mal rate, dich zu bestrafen.«
Er wandte sich ab und folgte Katherine den Niedergang hinab.
Das war das Schreckliche daran, am Pranger zu stehen: Die Leute konnten einfach davongehen, selbst wenn man noch gar nicht mit ihnen fertig war.
Jonas widerstand dem Drang, erneut aufzustampfen.
Die Seeleute rollten ihre Taue auf, verzurrten die Segel und verschwanden unter Deck.
Die Sonne versank hinter dem Horizont und um Jonas herum wurde es immer dunkler.
Straßenlampen, dachte Jonas und zählte im Geiste auf, was er aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert vermisste. Taschenlampen. Selbst die winzigen leuchtenden Handy-Displays …
Das Pfadfinderlager, das er zu Hause immer besucht hatte, lag eigentlich mitten im Nirgendwo, doch selbst dort hatten er und seine Freunde jede Nacht den Lichtschein des nächsten Vorortes sehen können.
Die Dunkelheit, die sich heute Nacht auf das Schiff senkte, würde allumfassend sein.
Jonas hörte Schritte und sah ein Licht auf sich zukommen. Es war verblüffend, wie sehr ihn dieser Anblick aufmunterte.
»Katherine?«, flüsterte er ungeduldig in die Finsternis. Er wusste, dass er ihr raten sollte, das Licht auszublasen, aber … vielleicht war es nicht so schlimm, wenn es ein oder zwei Minuten länger brannte?
»Katherine?«, wiederholte eine tiefe Stimme. »Ist das der Name des Mädchens auf dem Bild, von dem du träumst?«
Das Windlicht kam näher und Jonas sah, dass Staffe es in der Hand hielt.
»Nein, nein«, murmelte er verlegen. Es würde doch sicher nicht schaden, sich hierbei an die Wahrheit zu halten? »Katherine ist meine Schwester. Ich habe … nur gerade an sie gedacht.«
»Aye«, murmelte Staffe. »In gefahrvollen Nächten wie diesen denkt man gern an die Lieben in der Ferne. Aber …«, er hielt das Licht dicht an Jonas’ Gesicht und schien es genau zu betrachten. »Du hast doch nicht etwa gemeint, deine Schwester hier auf dem Schiff zu sehen? Menschen oder Dinge zu sehen, die es nicht wirklich gibt?«
»Natürlich nicht«, erwiderte Jonas entrüstet. »Ich kann Wirkliches von Unwirklichem unterscheiden.«
Merke, sagte Jonas zu sich selbst. Verliere kein Wort darüber, dass deine Schwester unsichtbar und mit dir durch die Zeit gereist ist, um hierherzukommen, und dass wir keine Probleme mehr hätten, wenn wir nur zu jemandem durchdringen könnten, der im Jahr 1600 festsitzt, und …
»Gut«, sagte Staffe, den das zu erleichtern schien. »Es gibt schon zu viele Leute auf diesem Schiff, denen es schwerfällt zu unterscheiden, was wirklich ist und was nicht. Hast du gehört, dass Wydowse unten mit dem Tode ringt und redet, als wäre er von Sinnen?«
Er schüttelte bekümmert den Kopf. Jonas versuchte sich daran zu erinnern, welcher der Seeleute Wydowse war. Ach ja, der Mann in der Schaluppe, der den Kompass gehalten hatte.
Derjenige, der darauf hingewiesen hatte, dass die Discovery unmöglich aus Südwesten zu ihnen zurückkommen konnte, wenn sie doch in nordöstlicher Richtung davongesegelt war.
»Aber ich bin nicht an Deck gekommen, um dir nur schlechte Nachrichten zu überbringen«, sagte Staffe. »Sieh nur.«
Er zog ein Buch aus seinem Umhang und hielt es Jonas hin. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte Jonas im trüben Kerzenschein gerade so den Titel erkennen: Neue Ansichten von der Neuen Welt.
Das stand über dem Bild von Andrea!, dachte Jonas aufgeregt.
»Haben Sie jetzt etwa ein Buch meines Vaters gestohlen?«, fragte er ungläubig. »Nachdem Sie mich angeschrien und mein Blatt ins Wasser geworfen haben, weil ich gerade mal eine Seite genommen habe?«
Das würde er Staffe nicht vergeben.
»Ich bin kein Dieb«, sagte Staffe streng. »Ich habe die Erlaubnis deines Vaters, das Buch auszuleihen, um mir das Bild von einem Kajak der Wilden anzusehen. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir versuchen könnten, uns eines zu bauen, um damit auf die Jagd zu gehen.«
Jonas interessierte sich im Augenblick nicht für Kajaks.
»Ich habe deinem Vater nur nicht gesagt, dass ich auch dir das Buch zeigen werde«, fuhr Staffe fort.
Er klang so zufrieden mit sich, dass es Jonas auf die Nerven ging. Er hatte den größten Teil des Tages am Pranger gekniet. Knie und Rücken taten ihm weh und jetzt, wo er darüber nachdachte, hatte er auch Magenschmerzen, wahrscheinlich vom schimmeligen Brot und dem abgestandenen Wasser. In seinem Kopf schwirrten vermeintlich gefundene Karten und aus dem Nichts aufgetauchte Flüsse durcheinander … und Freunde, die auf ihn zählten und die er im Stich lassen würde, weil er nicht verstand, was vor sich ging.
»Warum glauben Sie, dass mich das interessiert?«, fragte er mürrisch. »Warum sollte mich das Buch noch kümmern, wenn meine Lieblingsseite verschwunden ist?«
»Weil«, sagte Staffe, dessen Gesicht im Kerzenlicht leuchtete, »es hier drinnen noch ein Bild von diesem Mädchen gibt.«