Einunddreißig

Jonas’ Verstand setzte aus.

Was er gerade gesehen hatte, war unmöglich. Prickett konnte Katherine nicht gepackt und gerettet haben. Er konnte sie nicht gesehen haben, weil Katherine für alle, außer für Zeitreisende, vollkommen unsichtbar war. Und Prickett war kein Zeitreisender, er gehörte ins Jahr 1611. Er sah genauso abgemagert, vernarbt und vom Skorbut gezeichnet aus wie alle anderen auf dem Schiff; alle kannten ihn und verhielten sich, als sei er von Anfang an dabei gewesen.

Natürlich sah auch Jonas genauso abgemagert, vernarbt und vom Skorbut gezeichnet aus wie der Rest der Besatzung; alle kannten ihn als John Hudson und verhielten sich, als sei er von Anfang an dabei gewesen.

Wenn Jonas ein Zeitreisender war, der sich als Junge des siebzehnten Jahrhunderts verkleidet hatte, konnte Prickett dann nicht auch ein Zeitreisender sein, verkleidet als Mann des siebzehnten Jahrhunderts?

Wie hätte er Katherine sonst sehen und retten können?

Jonas merkte, dass sein Verstand arbeitete, wenn auch nur langsam.

Obwohl er sich wie gelähmt an die Takelage klammerte, sprang sein Gehirn bereits zur nächsten Frage: Wenn Prickett tatsächlich ein Zeitreisender und kein Seemann aus dem Jahr 1611 war, wer war er dann wirklich?

Jemand, den Jonas kannte?

Prickett beugte sich über den Mastkorb.

»Du kannst genauso gut heraufkommen, Jonas«, rief er leise.

Also gut, dachte dieser. Ob ich ihn kenne oder nicht, auf jeden Fall kennt er mich.

Er musste seine tauben Finger einzeln von der Webleine lösen, an der er sich festgeklammert hatte.

Vielleicht sollte ich runterklettern und abhauen, überlegte Jonas. Wer auch immer er ist, Prickett hat Wydowse umgebracht.

Andererseits hat er Katherine gerettet.

Und … er hatte sie immer noch bei sich im Krähennest.

Jonas holte tief Luft und kletterte weiter. Er erreichte das Krähennest genau in dem Augenblick, als Katherine Prickett anblinzelte und murmelte: »Wenn du das bist, HK, dann bin ich stinksauer, weil du uns nicht gesagt hast, dass du die ganze Zeit auf dem Schiff warst.«

Prickett schüttelte den Kopf.

»Ihr wisst, dass HK in der Vergangenheit feststeckt«, sagte er. »Er kann nicht mal mit euch reden.«

»Hadley?«, tippte Jonas und schob sich behutsam in den Mastkorb. »Hadley Correo?«

Hadley war ein anderer Zeitreisender, der mit HK zusammengearbeitet und ihnen im fünfzehnten Jahrhundert, auf einer ihrer früheren Reisen durch die Zeit, geholfen hatte. Damals hatte er seine Identität bis zu einem besonders gefährlichen Moment geheimgehalten. Wenn es wirklich Hadley war, dann wünschte Jonas, er hätte sich deutlich früher zu erkennen gegeben. Trotzdem wäre es wunderbar, ihn zu sehen und zu wissen, dass jemand, der sich mit der Zeit erheblich besser auskannte, da war, um ihnen zu helfen.

Prickett schmollte regelrecht.

»Wieder falsch«, sagte er. »Es beleidigt mich, dass ihr es noch nicht herausgefunden habt. Wer ist denn dafür verantwortlich, dass ihr euch im Jahr 1611 befindet?«

»HK«, antworteten Katherine und Jonas fast gleichzeitig.

»Nein, nein, nein«, sagte Prickett und klang jetzt richtig ärgerlich. »Wer ist wirklich dafür verantwortlich? HK wäre nie so waghalsig gewesen, wenn ich ihn nicht gezwungen hätte; wenn ich die Geschichte nicht verändert und sie alle gezwungen hätte, sich darauf zu verlassen, dass zwei unerfahrene Kinder die Zeit retten.«

Jonas umklammerte die Rückwand hinter sich. Er misstraute den Bewegungen des Krähennests, das sich mit den Launen der Wellen tief unter ihnen hob und senkte. Er misstraute dem Heulen des Windes, das Tornados, Wirbelstürme und Taifune anzukündigen schien, Gefahren, die er nur erahnen konnte.

Doch vor allem misstraute er dem Mann, der vor ihm stand.

»Zwei?«, flüsterte er.