Jonas stand vor dem offenen Kühlschrank.
»Putenfleisch, Schinken, Pfeffersalami, Schweizerkäse, Cheddarkäse, Salat, Tomaten, Mayonnaise, Senf …«, murmelte er, während er die Dinge nacheinander in die Hand nahm.
»Was machst du da, Jonas?«, fragte seine Mutter hinter ihm. »Du hast doch erst vor einer Stunde gefrühstückt.«
Jonas zuckte die Achseln.
»Ich habe aber wieder Hunger«, sagte er. »Ist noch Sauerteigbrot da?«
»Ja, das heißt, nein. Katherine hat es gestern aufgegessen. Du kannst das Weizenvollkornbrot haben.« Seine Mutter reichte es ihm. »Wie könnt ihr beide nur gleichzeitig einen solchen Wachstumsschub durchmachen?«, fragte sie.
Jonas beschloss, seiner Mutter lieber nicht zu verraten, dass er und Katherine aßen wie Verhungernde, weil sie tatsächlich völlig ausgehungert waren. Es war eine Woche her, seit sie von ihren Zeitreisen zurückgekehrt waren, und Jonas hatte immer noch das Gefühl, sämtliche Kalorien aufholen zu müssen, die ihm 1600 und 1611 entgangen waren.
Er hatte jetzt so viel zu essen, wie er nur wollte, trotzdem stand er immer noch vor dem Kühlschrank und bestaunte alles, was ihm zur Verfügung stand: die volle Milchtüte, den bunten Getränkekarton mit Orangensaft, die Tupperwareschüssel mit Hackfleischauflauf, der von gestern Abend übrig geblieben war …
Hmm. Der wäre sicher lecker zu meinem Sandwich, dachte er. Oder später als Happen zwischendurch.
»Jonas?«, sagte seine Mutter. »Wenn du schon unsere Lebensmittelrechnung verdoppelst, könntest du dann dafür sorgen, dass sich die Stromrechnung in Grenzen hält?«
»Hä?«, sagte Jonas.
»Mach den Kühlschrank zu!«, sagte seine Mutter. Doch sie klang nicht böse, nur verwundert. Sie beobachtete ihn, als er zurücksprang und die Tür zuschob. »Alle haben mich gewarnt, dass die Pubertät eine interessante Zeit wird«, murmelte sie leise vor sich hin.
Jonas belegte sein Sandwich so schnell wie möglich und nahm es mit nach draußen. Seiner Mutter sollte nicht noch mehr auffallen. Er befürchtete zwar nicht, dass sie von selbst herausfinden würde: Ach so! Jonas und Katherine sind durch die Geschichte gesaust und haben allerhand lebensbedrohliche Situationen erlebt! Deshalb benehmen sie sich so seltsam! Aber sie schien zu wissen, dass irgendetwas vor sich ging.
Außerdem war sich Jonas immer noch nicht sicher, dass er sie nicht doch einmal unvermittelt in die Arme nehmen und ausrufen würde: »Danke, dass du Essen im Haus hast! Danke, dass ich dafür nicht auf die Jagd gehen muss! Und danke, dass ihr mich nicht als kleines Kind fortgeschickt habt, um in einer Horde gemeiner Seeleute als Schiffsjunge zu arbeiten!«
Noch größer war in der vergangenen Woche die Versuchung gewesen, sich seinem Dad gegenüber zu verplappern. Als dieser ihm am Dienstagabend bei den Mathehausaufgaben geholfen hatte, war Jonas kurz davor gewesen, zu sagen: »Dad, ich bin wirklich froh, dass du deinen Namen nicht auf Gedenktafeln wiederfinden willst! Du magst vielleicht nicht in die Geschichte eingehen, aber als Vater bist du mir tausendmal lieber als dieser verrückte Henry Hudson!«
Vielleicht sollte Jonas sowohl seiner Mutter als auch seinem Vater eine Weile aus dem Weg gehen. Immerhin hatte er noch Katherine, mit der er reden konnte.
Sobald er auf die Veranda trat, rief diese ihm von der Auffahrt aus zu:
»Willst du mit uns Basketball spielen? Wir wollten gerade anfangen.«
Ihr gemeinsamer Freund Chip war bei ihr. Als die drei das letzte Mal in der Auffahrt Basketball gespielt hatten – zusammen mit Alex, einem anderen Freund –, war HK aufgetaucht und hatte die Geschwister ins siebzehnte Jahrhundert gezappt. Soweit Chip und Alex es beurteilen konnten, waren Jonas und Katherine an jenem Samstagnachmittag vor einer Woche im Handumdrehen wieder da gewesen.
»Ich glaube, das Zeitreisen hat mir Basketball verleidet«, erwiderte Jonas und versuchte dabei, möglichst locker zu klingen. »Habt ihr Lust, in den Park zu gehen und zu schauen, ob dort jemand Fußball spielt?«
»Nein danke«, sagte Katherine.
Jonas sah Chip an und begriff, dass Katherine für sie beide geantwortet hatte. Jonas und Chip waren schon Freunde gewesen, bevor Katherine und er ein Paar wurden, doch plötzlich fühlte sich Jonas in seinem eigenen Vorgarten wie ein Außenseiter.
Als überflüssiger Dritter.
»Okay«, sagte er. »Dann bis später.«
Während er sein Sandwich vertilgte, ging er in die Garage, um einen Fußball zu holen. Dann rief er ins Haus, damit seine Mutter wusste, wohin er ging.
»Nimm dein Handy mit!«, rief sie ihm nach.
Jonas wünschte, er könnte ihre Reaktion sehen, wenn er ihr sagen würde: »Weißt du, Katherine und ich haben uns ohne Handy oder funktionierenden Definator in einer gottverlassenen Ecke von Nordkanada herumgetrieben. Wir mussten mit einem verrückten Kerl fertig werden, dem das Leben anderer Leute völlig egal war, und wir sind ganz gut klargekommen. Glaubst du wirklich, dass es so gefährlich werden kann, wenn ich einfach nur in den Park rübergehe?«
Ehrlich gesagt, wollte er doch lieber nicht sehen, wie sie darauf reagierte. Was war, wenn sie ihm glaubte?
Jonas wirbelte mit dem Fuß das tote Laub auf dem Bürgersteig auf. Es war die zweite Woche im November, aber immer noch wärmer als im Juni 1611 in der James Bay. Mehrere Nachbarn waren draußen in ihren Gärten und harkten Blätter zusammen, streuten Grassamen aus oder pflanzten Blumenzwiebeln, die im Frühjahr blühen würden.
All das hätte ganz anders kommen können, ging es Jonas durch den Kopf. Es hätte aufhören können zu existieren.
Ob das immer noch möglich war?
Er beschloss, lieber den Fußball vor sich herzukicken, als über das Schicksal der Welt nachzudenken. Er kam fünf Häuserblocks weit, ohne die Kontrolle über den Ball zu verlieren. Dann musste er ihn mit einem besonders harten Schuss über die Albans Street befördern.
An der gegenüberliegenden Straßenecke bückte sich ein Mann, um den Ball aufzuheben. Als er sich wieder aufrichtete, sah Jonas, wer es war: HK.
Am liebsten wäre Jonas umgekehrt und nach Hause gerannt. Dort wäre er vielleicht in sein Zimmer gestürmt, hätte die Tür verriegelt, sich ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen.
»Ich bin noch nicht bereit«, sagte er. »Falls du hier bist, um mich auf die nächste Zeitreise zu schicken.«
HK hob die Hände, als wollte er sich ergeben.
»Niemand ist bereit«, sagte er. »Es hat sich für eine Weile ausgereist. Versprochen.«
Er warf Jonas den Ball zu. Dieser fing ihn auf und kam das letzte Stück über die Straße.
»Warum bist du dann hier?«, fragte er HK. Die Worte waren ihm schon herausgerutscht, als er begriff, wie unhöflich sie klangen. »Ich meine …«
»Ich weiß, was du meinst«, sagte HK. »Ich bin gekommen, um mit dir in den Park zu gehen.«
Er begann die Albans Street entlangzugehen.
»Es ist ganz schön unheimlich, dass du weißt, wo ich hinwill, weißt du«, wandte Jonas ein.
»Fußball, Fußballfeld«, sagte HK und zeigte zuerst auf den Ball, den Jonas trug, und dann auf den Park, der gleich um die Ecke lag. »Das war eine logische Schlussfolgerung und keine Zeitreisespionage.«
»Oh«, sagte Jonas. Er holte HK ein.
»Ich wollte dich und Katherine wissen lassen, wie es um Zweis kleines, äh, Zeitexperiment steht«, sagte HK. »Aber als ich bei dir zu Hause vorbeigeschaut habe, sah es so aus, als wäre Katherine beschäftigt.«
»Uuh«, sagte Jonas mit angewidertem Gesicht. »Erinnere mich nicht daran.«
»Sie und Chip spielen nur Basketball«, meinte HK und sah auf das Display eines Geräts, das ein iPhone zu sein schien, aber vermutlich sein Definator war. »Auch wenn es den Anschein hat, als ginge es in diesem Spiel ungewöhnlich freundlich zur Sache.«
Jonas verdrehte die Augen.
»Ist die Zeitpolizei Zwei inzwischen auf die Spur gekommen?«, fragte er, gewillt das Thema zu wechseln.
»Nein«, sagte HK. »Und wenn wir mit unseren Erkenntnissen über Zeitreisen nicht gewaltig vorankommen, wird das auch niemals der Fall sein. Zwei hat seine neue Version der Zeit so gut abgeschottet, dass niemand zu ihm vordringen kann.«
Jonas dachte an die gedoppelten Versionen der Besatzungsmitglieder auf der Discovery, die durch Zweis erfundene Nordwestpassage segelten. Ob es Staffe gut ging? Und Henry Hudson? Was würden sie denken, wenn alles, was sie von John Hudson wiederfanden, sein Umhang war?
»Katherine und ich hätten Zwei aufhalten müssen, als wir die Gelegenheit dazu hatten«, meinte Jonas.
»Nein, ihr habt getan, was ihr tun musstet«, sagte HK. »Ihr habt es geschafft, die Zeit zu retten. Leider wirst du das niemals in dein – wie heißt das Ding, das für junge Leute in deinem Zeitalter so wichtig ist? Ach ja – dein Bewerbungsschreiben fürs College aufnehmen können. Wirklich schade, dass du nichts davon in deinem Bewerbungsschreiben anführen kannst.«
»Das College ist noch weit weg«, murmelte Jonas, den die Bewunderung, die ihm aus HKs Augen entgegenleuchtete, ein wenig verlegen machte. »Außerdem haben Katherine und ich so viel Anerkennung gar nicht verdient. Wir haben nur gemacht, was Zwei von uns erwartet hat.«
»Nein«, sagte HK und schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ihr habt große Anerkennung verdient. Zwei hat sich eingebildet, er wüsste, was ihr tun würdet, aber du und Katherine, ihr habt trotzdem eure eigenen Entscheidungen getroffen. Ihr habt aus freiem Willen gehandelt. Die Welt hat euch viel zu verdanken, dafür, dass ihr euch um Wydowse gesorgt habt, um mich, Brendan, Antonio und Andrea und um all die Menschen in dem brennenden Dorf. Wenn ihr sie nicht gerettet hättet, wäre auch John Hudson zugrunde gegangen.«
»Und das hätte gereicht, um die Zeit für immer aus dem Lot zu bringen?«, fragte Jonas.
»Ja«, erwiderte HK düster. »Verstehst du jetzt, warum wir Zeitreisen für eine Weile aussetzen?«
»Moment! Du meinst, es geht nicht nur um meine Reise, zurück zu meiner … meiner anderen Identität, die verschoben wird?«
»Nein«, sagte HK. »Es betrifft alle Reisen vor dem einundzwanzigsten Jahrhundert. Das, was du mich hast sagen hören, als du 1611 angekommen bist, darüber, wie viele Fehler wir gemacht haben, entspricht der Wahrheit. Zweis Eskapaden haben Dutzende von Irrtümern ans Licht gebracht, die wir korrigieren müssen. Erst muss sichergestellt werden, dass wir den Schaden nicht noch vergrößern, ehe wir damit fortfahren, verschollene Kinder der Geschichte an ihren Platz zurückzubringen.«
Eine Woge der Erleichterung überspülte Jonas. Vielleicht konnte er sein ganzes Leben zu Ende leben, ehe HK dazu kam, ihn zu holen. Vielleicht würde es nie mehr eine Rolle spielen, dass Jonas eigentlich in eine andere Zeit und an einen anderen Ort gehörte.
»Ach, weißt du, diese Reisen durch die Zeit … was hat man schon davon, wenn man die ganze Welt retten kann, aber dabei nicht mal eine Freundin findet?«, fragte Jonas, dem die Erleichterung ein wenig die Zunge lockerte.
»Jonas, was Andrea angeht …«, begann HK.
»Vergiss, was ich gesagt habe«, unterbrach ihn Jonas, dem die Sache plötzlich peinlich war.
»Nein, du solltest verstehen, dass das arme Mädchen eine Menge durchgemacht hat«, sagte HK. »Das hat nichts mit dir zu tun.«
»Ja, ja«, sagte Jonas. »Schon gut.«
»Jonas, du – oh!«, HK sah überrascht auf seinen Definator. »Sieht so aus, als wäre Andrea gerade auf dem Weg hierher, um mit dir zu reden. Sie war eben bei dir zu Hause und hat von Katherine erfahren, wo du zu finden bist.«
»Noch ein Grund, auf Katherine sauer zu sein«, murmelte Jonas.
Doch als Andrea kurz darauf mit einer Frau in einem weißen Honda auftauchte, konnte er nicht anders, als sich zu freuen.
Sie sah nicht mehr aus, als wäre sie achtzehn. Als sie auf der Beifahrerseite aus dem Auto stieg, war sie wieder kleiner als Jonas.
»Tante Patty, ich möchte gern unter vier Augen mit Jonas reden«, rief sie der Frau im Auto zu.
»In Ordnung«, sagte die Frau geduldig.
»Wollen wir uns auf die Schaukel setzen?«, schlug Andrea vor und deutete in den Park.
»Gern«, sagte Jonas.
Er sah, dass sich HK zu Andreas Tante hinunterbeugte, um mit ihr zu plaudern, während sie warteten. Jonas fragte sich, was HK ihr wohl erzählen könnte, ohne irgendein heikles Thema anzuschneiden, wie: He, tut mir leid, dass ich Ihre Nichte entführt und vierhundert Jahre in die Vergangenheit katapultiert habe. Tut mir auch leid, dass sie dort fünf Jahre lang festgesessen hat. Und dass wir uns auf einen Dreizehnjährigen verlassen mussten, um sie zu retten. Oh, Moment – Sie haben von all dem ja gar keine Ahnung, nicht?
Dann kamen sie zur Schaukel und nun fiel auch Jonas kein unverfängliches Thema ein.
»Hast du Brendan und Antonio wiedergesehen, seit wir zurück sind?«, fragte Andrea.
»Nein«, antwortete Jonas. »Ich habe einmal versucht Brendan anzurufen, aber seine Mutter hat gesagt, dass er gerade mit Malen beschäftigt ist.«
»Ein Glück, dass sie ihre Kunst haben«, sagte Andrea. »Sie hilft ihnen, mit allem fertig zu werden. Ich kann dir sagen, sie sind stinksauer, dass sie noch einmal dreizehn sein müssen.«
»Und was ist mit dir?«, fragte Jonas. Er wagte nicht, sie anzusehen.
»Ich betrachte es als neue Chance«, sagte Andrea. »Es gibt einiges, das ich vorher nicht gesehen habe. Ich war wirklich gemein zu Tante Patty und Onkel Rob. Das war nicht in Ordnung. Sie sind über den Tod meiner Eltern fast genauso traurig wie ich. Und ich hatte gerade fünf Jahre Zeit, um darüber hinwegzukommen. Also ist es jetzt meine Aufgabe, sie zu trösten.«
»Wie seltsam«, sagte Jonas. Er setzte sich auf eine der Schaukeln, stieß sich ab und ließ sich hin und her tragen.
Andrea kicherte.
»Sie glauben, meine ›neue Reife‹ komme bloß daher, weil ich in einem Altersheim in einem Großeltern-Adoptionsprojekt mitarbeite«, erklärte sie. »Ich verstehe mich dort blendend mit einem leicht senilen alten Herrn, der sich einbildet, aus der Vergangenheit zu kommen.«
»HK hat dir erlaubt, deinen echten Großvater ins einundzwanzigste Jahrhundert mitzunehmen?«, fragte Jonas verblüfft.
Andrea nickte.
»Außerdem hat er sämtliche Dorfbewohner in ein Naturschutzgebiet in der Zukunft umgesiedelt.«
»HK ist wirklich kaum wiederzuerkennen«, sagte Jonas, »ihm ist längst nicht mehr nur die Zeit wichtig.«
»Stimmt«, sagte Andrea. »Schwer zu sagen, wohin das alles führen wird.«
Sie setzte sich auf die Schaukel neben Jonas und wandte sich ihm zu.
»Es tut mir leid«, sagte sie.
»Dass HK jetzt ein weiches Herz hat?«, fragte Jonas.
»Nein, dass wir nicht miteinander gehen, so wie Katherine und Chip«, sagte Andrea.
Jonas fiel fast von der Schaukel.
»Ich bin nicht Zwei«, sagte er. »Ich würde nie losziehen und Leute dazu bringen wollen, etwas zu tun, das sie gar nicht tun wollen.«
»Darum geht es nicht«, sagte Andrea. »Es gibt nur so viele andere Dinge, mit denen ich klarkommen muss. Ich war achtzehn, und jetzt bin ich wieder dreizehn; ich war Virginia Dare, und jetzt bin ich wieder Andrea Crowell. Ich war es gewöhnt, in den Wäldern zu leben, über offenem Feuer zu kochen und ein einziges Kleidungsstück zu besitzen, und jetzt muss ich mir wieder in Erinnerung rufen, wie mein iPod und mein Computer funktionieren. Ich will gar nicht davon reden, wie schwer es ist, sich zu merken, ob Klamotten von Hollister angesagter sind als die von Abercrombie & Fitch oder umgekehrt. Im Moment ist einfach alles viel zu seltsam, um an irgendetwas anderes zu denken.«
Das war die längste Aneinanderreihung von Sätzen, die Jonas je aus Andreas Mund gehört hatte.
»Meine Mom tut so, als müsse das Leben seltsam sein, wenn man ein Teenager ist«, sagte er mit einem Grinsen. »Aber ich glaube nicht, dass sie irgendwas in der Art gemeint hat.«
»Jonas … auch wenn wir nicht miteinander gehen … können wir doch immer noch zwei Menschen sein, die wissen, wie man zusammen mit seltsamen Dingen fertig wird«, sagte Andrea.
Komischerweise hörte sich das für Jonas wie eines der nettesten Dinge an, die man je zu ihm gesagt hatte.
»Hört sich gut an«, sagte er und gab sich große Mühe, locker und unbekümmert zu klingen.
Er war sicher, dass Andrea ihn trotzdem verstand.
Sie saßen eine Weile schweigend da, bis Andreas Tante kurz auf die Hupe drückte.
»Ich muss los«, sagte Andrea und überraschte Jonas mit einer kurzen Umarmung. »Aber ich rufe dich an oder wir schreiben uns per SMS oder skypen oder …«
Sie hatte den Park schon durchquert und stieg zu ihrer Tante ins Auto, als sie endlich fertig war, sämtliche Möglichkeiten aufzuzählen, über die sie in Verbindung bleiben konnten.
Dass sie jetzt nicht mit mir gehen will, muss ja nicht heißen, dass sie es auch später nicht will, dachte Jonas.
HK kam auf ihn zu, sobald Andrea und ihre Tante davongefahren waren.
»Du siehst glücklicher aus«, stellte er fest.
»Warum auch nicht?«, erwiderte Jonas. »Ich habe weder Skorbut noch Frostbeulen. Ich stecke nicht mitten in einer Meuterei. Niemand bedroht mich mit einem Messer, einer Pistole oder einem Schwert. Katherine und ich sind aus 1611 herausgekommen. Die Zeit ist nicht zusammengebrochen. Alle haben es aus 1605 herausgeschafft. Und Andrea hat nicht gesagt, dass sie nie meine Freundin werden will.« Er holte tief Luft. »Die Zukunft sieht ziemlich rosig aus, findest du nicht?«
»Schön, dass du es so sehen kannst«, sagte HK mit einem nachsichtigen Lächeln.
Muss ich mir Sorgen machen, weil er mir nicht völlig zugestimmt hat?, fragte sich Jonas. Doch er hatte sich im siebzehnten Jahrhundert so viele Sorgen gemacht, dass es für ein ganzes Leben reichte. Wenn ihn in der Zukunft – oder in der Vergangenheit – etwas Schlimmes erwarten sollte, dann wollte er es jetzt nicht wissen. Nicht solange die Sonne schien, er einen gefüllten Magen hatte und in absehbarer Zeit nicht in die Vergangenheit zurückreisen musste.
»He, Jonas!«, rief jemand quer durch den Park. Erst da fiel ihm auf, dass ein paar Leute aus seiner Schule am anderen Ende Fußball spielten. Sie waren zu weit weg, als dass er erkennen konnte, wer gerufen hatte.
»Willst du mitspielen?«
»Geh schon«, sagte dieser und gab ihm einen kleinen Schubs. »Amüsier dich.«
HK wandte sich ab. Wahrscheinlich nahm er an, Jonas würde auf der Stelle zum Fußballspiel hinüberrennen. Doch das tat er nicht. Er blieb noch einen Augenblick stehen, und deshalb hörte er auch die letzten Worte, die HK sagte: »Amüsier dich … solange du es noch kannst.«