Fünfzehn

Jonas sackten fast die Beine weg, als er unten ankam. Das lag teilweise an der Erschöpfung, denn das Klettern in den Wanten war eine Schinderei. Doch Erschöpfung allein erklärte nicht, warum sämtliche Muskeln in seinem Körper den Dienst zu quittieren drohten.

Haben Kapitäne ihre Leute früher nicht sogar ausgepeitscht?, fragte er sich mit zitternden Knien. Und sie halb tot geschlagen wegen irgendwelcher Kleinigkeiten?

Oder haben das nur Piratenkapitäne getan?

Er hoffte, dass es nur Piraten waren.

Mit schmalen, finsteren Augen starrte Henry Hudson Jonas entgegen, sein Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

Er sah auf jeden Fall aus, als wollte er jemanden schlagen.

»Ich kann es erklären«, sagte Jonas, weil das bei seinen Eltern zu Hause normalerweise immer funktionierte.

Zumindest dann, wenn er nicht aus Versehen etwas sagte, das ihn noch mehr in Schwierigkeiten brachte.

Henry Hudsons Blick dagegen wurde noch zorniger und sein Mund so schmal wie ein Blatt Papier.

»Schweig«, sagte er mit kalter, harter Stimme. »Ich habe alles vernommen, was ich wissen muss.«

Er wandte sich leicht zu Prickett um, der direkt neben ihm stand. Dieser nickte brüsk.

Das ist nicht fair!, wollte Jonas protestieren. Was ist aus dem Recht des Angeklagten geworden, seine Version zu erzählen? Und dem Recht, bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig zu gelten?

Dann wurde ihm klar, dass diesen Rechten gar nichts widerfahren war. Sie existierten im Jahr 1611 nur einfach noch nicht.

Außerdem bin ich kein Krimineller vor Gericht, dachte er.

Hudsons Blick allerdings besagte das Gegenteil.

Jonas versuchte ihn anzuschauen wie ein liebender Sohn, voller Bewunderung. Es gab einen Trick dafür, den er manchmal bei seinen eigenen Eltern anwandte. Man musste sie nur ein oder zwei Mal mit leerem, leicht belämmertem Blick anblinzeln und schon vergaßen sie, was immer er gerade ausgefressen hatte, und dachten daran, wie süß er früher als Krabbelkind ausgesehen hatte und wie sehr sie ihn vermissen würden, wenn er wegzog, um aufs College zu gehen.

Offensichtlich funktionierte dieser Trick mit der John-Hudson-Maske nicht.

Oder aber Henry Hudson hatte nie etwas für seinen Sohn übriggehabt, nicht einmal, als er noch ein süßes kleines Krabbelkind war. Vielleicht würde er ihn gar nicht vermissen, wenn er wegzog, um … nun, was immer man tat, wenn man als Schiffsjunge aufgewachsen war.

»Ich …«, begann Jonas.

Plötzlich gewahrte er hinter Hudson und Prickett eine Bewegung: Es war Katherine, die vehement den Kopf schüttelte.

Sogar Jonas konnte sich denken, was sie damit meinte: HÖR SOFORT AUF ZU REDEN, SONST

Hudson schlug mit der Hand gegen den Mast.

»Schweig, habe ich gesagt!«, brüllte er. »Das bringt dir die härteste aller Strafen ein!«

Er wird mich schlagen, dachte Jonas und schwankte leicht.

»Wenn die anderen am Mittag ihre Ration erhalten«, sagte Hudson und verkündete die Strafe mit einer Stimme, die eisiger war als der Wind, »wirst du leer ausgehen.«

Hä?, dachte Jonas und versuchte sich auf »Ration am Mittag« einen Reim zu machen. Das heißt dann wohl … nichts zu essen? Ich muss nicht so tun, als würde ich grünes, gammeliges Fleisch essen? Alles klar! Das hört sich eher nach einer Belohnung als nach einer Strafe an! Ich lasse mir dann später von Katherine einfach etwas Besseres zustecken 

Dann fiel ihm ein, dass es wenigstens so aussehen musste, als würde ihn diese Strafe niederschmettern.

»Es tut mir leid!«, rief er. »Bitte –«

Hudson verpasste ihm eine Ohrfeige.

»Seinem Vater begegnet man mit Respekt und nicht mit Spott!«, brüllte er. »Ich bin hier der Kapitän!«

»Aye, aye«, sagte Jonas und unterdrückte den Wunsch, sich an die brennende Wange zu fassen. Er räusperte sich. »Aye, aye, Sir.«

Einen Moment lang fürchtete er, das könnte für einen Kapitän des Jahres 1611 nicht die passende Antwort sein. Vielleicht war »Aye, aye, Sir« erst später aufgekommen und man würde es ihm wieder als Spott auslegen.

Doch Hudsons Blick wurde ein wenig milder.

»Schon besser«, sagte er.

Jonas atmete aus. Er hatte, ohne es zu merken, die Luft angehalten.

Der gute alte »Dad« ist gerade erst von seinem eigenen Schiff geworfen und nur wegen eines merkwürdigen Durcheinanders von Zeit und Geschichte wieder an Bord gelassen worden, hielt er sich vor Augen. Da liegt es auf der Hand, dass er in Sachen Autorität ein bisschen empfindlich reagiert.

»Du schrubbst das Deck!«, befahl Hudson. »Auf der Stelle!«

»Jawohl, Sir«, bellte Jonas zurück und versuchte es noch einmal mit dem gehorsamen Ton eines militärischen Rekruten.

Jemand drückte ihm einen Eimer und einen Wischmopp in die Hände.

Er hob den Kopf und sah, dass es Staffe war, der Mann, der sich in der Schaluppe auf seine Seite geschlagen hatte.

Dieser lehnte sich dicht an sein Ohr. Für Hudson und Prickett musste es aussehen, als sorge Staffe lediglich dafür, dass Jonas den Eimer richtig in die Hand nahm.

Aber Staffe flüsterte.

»Setz dich nicht für uns ein«, sagte er kaum hörbar. »Versuch nicht, uns zu helfen. Es wird nichts nützen. Nicht jetzt.«

Dann drehte er sich um und ging fort, zurück zu den Relingstützen, die er gerade reparierte.

Jonas hätte fast den Eimer fallen gelassen.

Was sollte das denn?