Katherine stand an der Reling, nur wenige Schritte von den Meuterern entfernt. Ihr fast durchsichtiges Gesicht war vor Anspannung und Qual verzerrt. Sobald Jonas in ihre Richtung blickte, formte sie mit übertriebenen Lippenbewegungen Worte. Jonas hätte wohl nie von sich behauptet, sonderlich gut von den Lippen ablesen zu können – vor allem, wenn diese fast unsichtbar waren –, trotzdem erkannte er, was sie ihm zurief: Was soll ich tun? Was soll ich tun?
Sie zeigte unter sich auf das Schiff und hob dann fragend die Hand, dann wies sie auf sich selbst und hinunter in die tiefer sinkende Schaluppe. Auch ihre Zeichensprache war unmissverständlich: Soll ich auf dem Schiff bleiben? Oder soll ich versuchen, in die Schaluppe zu klettern? Jetzt hob sie beide Hände mit nach oben gerichteten Handflächen und verzog das Gesicht. Das bedeutete: Wie soll ich jetzt noch in die Schaluppe kommen?
Da sich die Meuterer allesamt an der Reling drängten, würde Katherine nicht an das Beiboot herankommen, ohne ein paar von ihnen aus dem Weg zu schubsen. Außerdem wurde die Schaluppe immer weiter abgelassen und hing inzwischen so tief, dass Katherine nicht hinterherspringen konnte, ohne alles aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Jonas sah sie im Geiste an einem Tau herabklettern, die ganze Schaluppe ins Wanken bringen und alle – ihn, Henry Hudson, John King und das halbe Dutzend sterbender Seeleute – in die eisigen Fluten befördern.
»Nicht!«, rief er laut. »Das geht nicht gut!«
Wen interessierte es schon, welchen Sinn die Seeleute um ihn herum seinen Worten beimaßen?
Katherines Gesicht verzerrte sich noch mehr. Jonas musste weder die Zeichensprache beherrschen noch von ihren Lippen ablesen können, um zu wissen, was sie dachte: Es ist schlimm genug, im Jahr 1611 gestrandet zu sein und damit rechnen zu müssen, zu verhungern. Aber das alles auch noch mutterseelenallein durchzumachen?
»Auf dem Schiff sind die Überlebenschancen größer«, sagte er. Diese Worte waren als Abschiedsgeschenk für seine Schwester gedacht, als hoffnungsvollster Abschiedsgruß, der ihm einfiel. Er war sich nicht sicher, ob es zutraf. Natürlich befanden sich sämtliche Vorräte an Bord der Discovery. Und natürlich war Katherine unsichtbar und konnte herumschleichen und essen, was sie wollte. Doch diese Meuterer wirkten ziemlich durchgeknallt – und sie hatten Waffen! Und was war, wenn Katherine ihre Unsichtbarkeit wieder verlor?
Jonas überlegte, ob er ihr den Definator hinaufwerfen sollte, für den Fall, dass er den Dienst wieder aufnahm. Aber wie sollte er das anstellen, ohne dass alle es mitbekamen?
Jonas hatte sich so sehr auf seine Schwester konzentriert, dass er kaum gemerkt hatte, was um ihn herum vorging. Doch jetzt ließ er den Blick zu den Männern hinüberschweifen, die sich an der Reling drängten. Vor allem einer ließ Jonas nicht aus den Augen. Sobald sich ihre Blicke trafen, rief der Mann: »Aye, Junge, ich weiß, dass du mich nur schützen willst. Aber ich weiß auch, wem ich auf See vertrauen kann.«
Offensichtlich glaubte der Mann, Jonas habe mit ihm geredet.
Nein, nein, ich rede mit meiner Schwester, die Sie nicht sehen können, weil sie unsichtbar ist, hätte Jonas ihm am liebsten geantwortet, oder etwas, das ein wenig glaubwürdiger klang und den Mann davon überzeugen würde, dass Jonas nichts mit ihm zu tun hatte. Doch der Mann hatte sich bereits an den Anführer der Meuterer gewandt.
»Wenn Ihr unbedingt so verfahren wollt, dann setzt mich auch in die Schaluppe«, sagte der Mann.
»Was? Habt Ihr den Verstand verloren, Staffe?«, erwiderte der Anführer der Meuterer. »Ihr wart mit dem Master ebenso oft über Kreuz wie der Rest von uns! Er hat Euch für nichts und wieder nichts bestraft!«
»Gleichwohl traue ich Henry Hudson eher zu, mich in einer Schaluppe von hier fortzubringen, als dass ich dem Rest von Euch zutraue, dieses Schiff zu steuern«, sagte der Mann – Staffe? »Lasst mich meine Gerätschaft mitnehmen, dann gehe ich.«
»Aber der Master will gar nicht fort von hier«, spotteten einige andere Meuterer. »Er will einfach nur im Kreis segeln und die Nordwestpassage suchen.«
Jonas wünschte wirklich, er könnte sich daran erinnern, was es damit auf sich hatte. Diesmal hatten die Männer so verächtlich geklungen, als hätten sie vom »Märchenland« oder von »Shangri-La« gesprochen oder irgendeinem anderen schönen, aber frei erfundenen Ort.
»Gleichwohl«, sagte Staffe und machte ein entschlossenes Gesicht. »Ich gehe. Muss bei einer Meuterei nicht jeder Mann seine eigene Entscheidung treffen?«
Um ihn herum setzte Gemurre ein, dennoch begannen die Männer an den Flaschenzügen, die Schaluppe wieder heraufzuziehen.
Jetzt war die Reihe an Jonas, Katherine lautlos zu verstehen zu geben: Du kommst auch! Schmuggele dich ins Boot, wenn er einsteigt!
Und sie erwiderte stumm und mit einem Grinsen: Ich weiß! Ich weiß! Keine Bange!
Staffe stand abwartend an der Reling, während jemand losging, um seine »Gerätschaft« zu holen – was immer das hieß. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine hölzerne Werkzeugkiste. Als Staffe sich umdrehte, um sie entgegenzunehmen, schob sich Katherine an ihm vorbei. Staffe erschrak einen Moment; womöglich war ihm ihr Pferdeschwanz über die Wange gefahren. Doch er sagte kein Wort, er richtete sich lediglich auf und sah sich mit verblüffter Miene um.
»Dann geht, wenn Ihr unbedingt wollt«, sagte der Anführer der Meuterer brüsk.
Inzwischen hatte sich Katherine in das Boot gezwängt. Sie umarmte Jonas und gab sich alle Mühe, den Matrosen auszuweichen. Jonas überlegte, dass er ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein musste, als er seiner Schwester das letzte Mal erlaubt hatte, ihn zu umarmen. Dennoch hatte es etwas Tröstliches, sich zusammenzukauern, während die Schaluppe tiefer und tiefer sank.
Ihr Aufprall war so heftig, dass eisiges Wasser ins Boot spritzte. Jonas und Katherine bekamen nur wenig ab, aber es war doch so viel, dass Katherine heftig zu zittern begann. Jonas kümmerte sich nicht um den merkwürdigen Anblick: Er breitete seinen Umhang aus, sodass auch Katherine davon bedeckt wurde.
»Danke«, flüsterte sie. »Das tut gut.«
Glücklicherweise waren die anderen im Boot abgelenkt. Sie beobachteten den Mann, der das Schwert geschwungen hatte – John King? – und der nun mit einem Tau hantierte, das sie nach wie vor mit dem Schiff verband.
»Sobald sie sich etwas zu essen beschaffen müssen, lassen sie uns wieder an Bord«, krächzte einer der bis aufs Skelett abgemagerten Seeleute, dessen Stimme klang, als koste ihn das Sprechen sein letztes bisschen Kraft. Oder vielleicht auch nur sein letztes bisschen Hoffnung. »Hab ich recht?«
Niemand antwortete ihm. Als Jonas den Hals reckte und nach oben sah, bemerkte er, dass einige Matrosen auf dem Schiff die Segel aufzogen.
Aber wir sind immer noch durch das Tau verbunden, dachte er. Sie können nicht davonsegeln.
In diesem Augenblick beugte sich auf dem Schiff jemand über die Reling und fuhr mit einem Messer über das Tau. Das Seilende klatschte ins Wasser und ließ abermals einen Eisregen über sie ergehen. Dann segelte das Schiff in den Nebel davon.
»Sie haben uns abgeschnitten!«, schrie einer der Seeleute neben Jonas. »Wir werden alle sterben!«
Die Verzweiflung in seiner Stimme war entsetzlich, wie eine Flutwelle, die alle überspülte. Jonas spürte, wie seine Hoffnung schwand.
Nein, nein, dachte er. Das hier muss geschehen. So ist es ursprünglich auch gewesen. Es ist schrecklich, wenn alle, die in der Schaluppe ausgesetzt wurden, sterben müssen, aber … es bedeutet, dass ich aufhören kann John Hudson zu spielen, sobald wir außer Sichtweite des Schiffes sind. Dann ist unsere Arbeit getan. HK kann uns aus 1611 herausholen und alles ist wieder gut. Jedenfalls für uns. Und für Andrea, Brendan und Antonio …
Neben ihm schnappte Katherine laut nach Luft.
Aufgebracht sah Jonas zu ihr hinüber. Wie konnte sie nur solche Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Dann bemerkte er, dass viele andere in der Schaluppe ebenfalls die Luft anhielten. Er drehte sich um und sah, was die anderen so aus der Fassung brachte.
Ein riesiger Eisbrocken trieb direkt auf sie zu. Jetzt, wo sie auf gleicher Höhe mit dem Eis waren, sah Jonas, wie gewaltig manche Stücke waren, regelrechte Eisberge. Vermutlich hätte selbst das Schiff beim Zusammenstoß mit einem solchen Brocken Schaden genommen.
Und in der Schaluppe …
Wir werden untergehen, dachte Jonas. Das ist das Ende.
»HK!«, schrie er. »Hol uns sofort hier raus!«