Dreiundzwanzig

Der Ureinwohner kam an Bord.

Jonas fand das unglaublich mutig. Er war ganz allein, die anderen mehr als zwanzig Engländer. Und er hatte mit Sicherheit noch nie etwas so Riesiges gesehen wie dieses Schiff.

Doch der Mann kletterte seelenruhig an Deck und sah ausdruckslos zu, wie Hudson auf ihn zukam.

»Ich bin Henry Hudson, der große Kapitän«, sagte Hudson und klopfte sich auf die Brust.

»Ikau«, sagte der Mann und wies auf seine eigene Brust, die von einem weiten Hemd aus dünnen Tierhäuten bedeckt wurde, Robbenfell vielleicht? Außerdem trug er passende Hosen und Mokassins.

»Vielleicht hat er Essen, über das wir verhandeln können!«, flüsterte einer der Seeleute in Jonas’ Nähe ein wenig zu laut. »Frisch gefangene Vögel oder Wild oder …«

Hudson brachte den flüsternden Matrosen mit einem einzigen Blick zum Schweigen.

»Weißt du, wohin dieser Fluss führt?«, fragte er. »Fließt er bis zum großen Meer im Westen?«

Ikau gab keine Antwort.

»Der Fluss«, sagte Hudson, zeigte auf das Wasser und machte dann mit der Hand eine Schwimmbewegung, um die Strömung anzudeuten.

»Ja, erzähle mir vom Fluss«, sagte Ikau.

Jonas fuhr zurück und stieß sich abermals den Kopf am Gestell des Prangers. Er hatte Ikau verstanden! Aber wie? Woher sollte Ikau Englisch können?

Dann sah Jonas, dass Hudson und die anderen Seeleute Ikau verständnislos anstarrten. Sie hatten kein Wort von dem verstanden, was er gesagt hatte.

»Oo-oo-uh-nu-oo«, murmelte einer der Seeleute und ahmte die Laute nach, die Ikau von sich gegeben hatte.

Oooh, ging Jonas da auf. Er spricht gar kein Englisch, sondern die Sprache, die er immer spricht. Ich habe ihn bloß verstanden, weil Katherine und ich von HK diese Übersetzungsspritzen bekommen haben. Deshalb konnte ich 1600 auch Algonkin verstehen. Und 1485 das mittelalterliche Englisch.

Ob er ihnen anbieten sollte zu übersetzen? Aber wie, um alles in der Welt, wollte er erklären, dass er Ikaus Sprache verstand?

»Wir sind aus England«, sagte Hudson überlaut.

Mann, dachte Jonas. Sogar 1611 glauben die Leute, wenn sie bloß laut und langsam genug reden, würden Fremde sie schon verstehen.

Nur dass hier die Englischsprecher die Fremden waren.

»Wir sind ein starkes und mächtiges Volk, und wenn du uns nicht sagst, was wir wissen wollen, können wir dich töten, einfach so«, sagte Hudson und schnippte mit den Fingern.

Ikau blinzelte bei dem überraschenden Geräusch. Doch als John King ein Gewehr auf ihn richtete, musterte er es mit dem gleichen gelassenen Interesse, mit dem er alles an Bord betrachtete.

Also hat er noch nie vorher ein Gewehr gesehen, überlegte Jonas. Soll ich vielleicht doch übersetzen, damit er wenigstens weiß, dass er sich in Acht nehmen muss?

In einer einzigen fließenden Bewegung zog Ikau plötzlich eine Harpune, die er irgendwo in seinen Kleidern versteckt hatte. Er richtete sie geradewegs auf Henry Hudson und blickte die anderen ringsum herausfordernd an.

Alles klar, dachte Jonas. Er kapiert es auch ohne Übersetzung.

»Ihr werdet mir von dem Fluss erzählen!«, brüllte Ikau eindringlich.

Das war seltsam. Ikau lebte doch hier, oder nicht? Müsste er nicht über den Fluss Bescheid wissen und von den Engländern Dinge über England, ihr Schiff, die Waffe oder Ähnliches erfahren wollen?

Ikau zog die Harpune ein wenig zurück, als könnte sich der Engländer zu sehr vor ihr fürchten, um ihm zu antworten. Und plötzlich verstand Jonas, warum es Ikau keine Angst machte, dass er als Einzelner mehr als zwanzig Engländern gegenüberstand.

Er sieht, wie krank die Männer sind. Wahrscheinlich ist er überzeugt, es mit der gesamten Mannschaft aufnehmen zu können, dachte Jonas. Und wahrscheinlich würde das sogar stimmen, wenn das Gewehr nicht wäre.

»Dieser Fluss war nicht hier!«, sagte Ikau. »Nicht zu Zeiten meines Vaters oder des Vaters meines Vaters oder des Vaters des Vaters meines Vaters. Er war noch nicht hier, als ich das letzte Mal hier vorbeikam! Wer hat ihn hierhergebracht? Ihr? Mit eurem schwimmenden Berg aus Holz? Oder habt ihr ihn genauso vorgefunden wie ich? Wer kann Felsen, Erde, Eis und Bäume wegtragen und einen Krater hinterlassen, den das Wasser füllt?«

»Wie?«, brach es aus Jonas heraus. »Was meinen Sie damit, dass der Fluss vorher noch nicht da war?«

Alle sahen ihn an.

Oje, dachte Jonas. Habe ich etwa versehentlich in Ikaus Sprache gesprochen?

Die erstaunten Gesichter um ihn herum ließen das vermuten. Er hatte nicht gewusst, dass sich die Übersetzungsspritzen auch auf die Sprache auswirkten und nicht nur auf das Hörverstehen. Allerdings hatte er bislang auch noch keinen Grund gehabt, es auszuprobieren.

Ikau sah ebenso erstaunt aus wie alle anderen. Er richtete die Harpune auf die Seeleute neben sich und trat näher an Jonas heran.

»Ihr wisst nichts über den Fluss?«, fragte er, wobei sich zwischen seinen buschigen Augenbrauen eine Falte bildete. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen erfassten das Gestell des Prangers, das Jonas festhielt. »Du sprichst meine Sprache – und sie halten dich gefangen?«

»Mehr oder weniger«, sagte Jonas. »Das ist eine ziemlich lange Geschichte.«

Ikau blickte sich um: Er sah von Jonas am Pranger zu Hudson mit seiner überheblichen Pose, den knochendürren Seeleuten bis hin zu John King, der weiter das Gewehr auf ihn gerichtet hielt.

Dann sauste er wie ein geölter Blitz davon und kletterte über die Reling. Eine Sekunde später hörte Jonas das gedämpfte Platschen eines Ruders, das durchs Wasser hastete.

»Erschießt ihn!«, befahl Hudson. »Er entkommt! Vielleicht hat er etwas gestohlen! Oder er kommt mit einem Trupp Krieger zurück!«

King schoss, schüttelte den Kopf und versuchte es wieder und wieder. Schließlich legte Hudson ihm die Hand auf den Arm.

»Haltet ein«, sagte er. »Er ist zu weit weg.«

Jonas atmete erleichtert auf.

Dann drehte sich Hudson zu Jonas um.

»Mir scheint, mein Sohn hat seine Talente vor mir verborgen«, sagte er. »Ich wusste nicht, dass er es vermag, die Sprache der Wilden zu sprechen.«

»Ich habe … nebenbei … ein wenig geübt«, murmelte Jonas.

»Dann rede«, befahl Hudson und starrte wütend auf ihn herab. »Was hat der Wilde dir enthüllt?«