39. Kapitel
Man hat uns den Tag freigegeben, um ausruhen und nach denken zu können. Mademoiselle LeFarge ist daher übe r rascht, mich an der Tür ihres Klassenzimmers zu sehen. Ihre Verblüffung ist pe r fekt, als ich ihr fünf säuberliche, mustergültige Seiten fra n zös i scher Übersetzung überreiche.
»Sehr schön«, sagt sie nach sorgfältiger Prüfung meiner Arbeit. Eine hübsche neue Vase mit Blumen steht auf ih rem Pult, wo zuvor die Fotografie von Reginald thronte. Mademoiselle LeFarge schiebt die Blätter zu einem Stapel zusammen und gibt sie mir mit ihren Korrekturen zurück.
»Gute Arbeit, Mademoiselle Doyle. Ich glaube, es besteht noch Hoffnung für Sie. Dans chaque fin, il y a un d e but.«
Das übersteigt meine Übersetzungskünste. »Am Ende gibt es auch eine Debütantin?«
Mademoiselle LeFarge schüttelt den Kopf. »In jedem Ende liegt ein Anfang.«

Der Regen hat aufgehört, aber der Herbstwind weht frisch und rötet meine Wangen, bis sie aussehen, als sei ich gera de g eohrfeigt worden. Der Oktober strahlt in roter und go l dener Pracht. Bald werden die Bäume ihr Laub abschü t teln und die Welt kahl und nackt z u rücklassen.
Meilen von hier entfernt liegt Pippa in ihrem Sarg. Die Erinnerung an sie wird verblassen und mit in die Spence-Legende eingehen, über die des Nachts geflüstert wird. Habt ihr von dem Mädchen gehört, das genau in diesem Zimmer am Ende des Gangs gesto r ben ist? Ich weiß nicht, ob sie ihre Entscheidung bereut. Ich möchte sie so im Ge dächtnis behalten, wie ich sie zuletzt gesehen habe, zuve r sichtlich auf etwas zugehend.
In einer Welt jenseits dieser singt der Fluss weiter sein süßes Lied, rauscht uns ins Ohr, was wir hören möchten, zaubert uns vor Augen, was wir sehen müssen, um weite r machen zu können. In jenen Wassern sind alle Enttä u schungen vergessen, all unsere Fehler verziehen. Wenn wir in sie hineinblicken, s e hen wir einen starken Vater. Eine liebevolle Mutter. Warme Zimmer, in denen wir behütet, bewundert, gewollt sind. Und die Unsicherheit unserer Zu kunft ist nicht mehr als ein Atemhauch an einer Fenste r scheibe.

Der Boden ist immer noch nass. Die Absätze meiner Stiefel sinken ein, was das Gehen erschwert, aber durch die Bä u me sehe ich schon das Zigeunerlager. Ich habe mich auf den Weg gemacht, um ein Ge schenk abzuliefern. Vielleicht ein Bestechungsg e schenk. Ich bin mir über meine Motive selbst nicht ganz im Klaren. Das Entscheidende ist, ich h a be mich auf den Weg gemacht.
Das Paket ist in die heutige Zeitung eingewickelt. Ich lege es vor Kartiks Zelt und husche wieder hinter die Bäume, um zu warten. Es dauert nicht lange und er kommt. Er b e merkt das Paket und schaut sich rasch um, wer es gebracht haben könnte. Als er niemanden sieht, öffnet er es und fi n det den glänzenden Kricketschläger meines Vaters. Ich weiß nicht, ob er das Geschenk annehmen oder als Beleid i gung em p finden wird.
Seine Hände streichen liebkosend über das Holz. Die Andeutung eines Lächelns zuckt um seine Mundwinkel, eines, wie ich festgestellt habe, sehr schönen Mundes. Er hebt einen Apfel vom Boden auf und wirft ihn in die Luft. Der Kricketschläger schickt den Apfel mit einem vielve r sprechenden Knall auf den Weg, in einer glücklichen Kombinat i on aus Richtung und Möglichkeit. Kartik stößt einen kleinen, befriedigten Schrei aus und schlägt nach dem Himmel. Ich sitze da und beobachte, wie er seine Äp fel trifft, wieder und wieder, bis ich mit einem Gedanken zurückbleibe: Das nächste Mal muss ich ihm einen Ball mitbringen.
Der Wind dreht sich und trägt den starken, süßen Duft von Rosen herbei. Jenseits der Schlucht sehe ich sie im tro ckenen raschelnden Laub. Eine Ricke. Sie erspäht mich und flüchtet durch die Bäume. Ich laufe hinter ihr her, jage ihr nicht wirklich nach. Ich laufe, weil ich kann, weil ich muss.
Weil ich wissen will, wie weit ich gehen kann, ohne anzuhalten.
Danksagungen
Ohne die wertvollen Anregungen und hilfreichen Ratschläge, die mir von vielen Seiten zuteil wurden, hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Mein Dank gilt folgenden Personen und Institutionen:
Dem fabelhaften Dreigestirn aus meinem Agenten, Barry Goldblatt; meiner Lektorin, Wendy Loggia; und meiner Verlegerin, Beverly Horowitz.
Emily Jacobs für ihren unschätzbaren Beitrag; und Barbara Penis für ihre hervorragende redaktionelle Arbeit.
Den unermüdlichen Mitarbeitern der British Library und des Londoner Transportmuseums, insbeso n dere Suzanne Raynor.
Professor Sally Mitchell von der Universität Temple, die mir bei meinen Nachforschungen hilf reich zur Seite stand, wofür ich ihr zu großem Dank verpflichtet bin. Allen, die sich für die viktorianische Zeit interessieren, seien ihre Bü cher The New Girl und Daily Life in Victorian England wärmstens em p fohlen.
Der Internetseite der Brown Universität: www.victorian-web.org
Den Interessengemeinschaften von AYWriter und Manhattan Writers Coalition für fachliche Unterstü t zung beim Schreiben.
Der großzügigen und großherzigen Familie Schrobsdorff: Mary Ann für das ausgezeichnete, authentische A n schauungsmaterial über die viktorian i sche Mode; und der wunderbaren Susanna für ihre Aufmunterung, ihren Ei n satz als Babysitterin und für die Beharrlichkeit, mit der sie mein miserables Fra n zösisch korrigierte.
Francoise Bui, die sogar noch mehr dazu beigetragen hat, mein schreckliches Französisch zu korrigi e ren.
Fanny Billingsley, die mir ein zehnseitiges Feedback gab, nachdem sie den ersten Entwurf gelesen hatte.
Angela Johnson, die mir riet, das Buch zu schreiben, das ich habe schreiben müssen.
Laune Alle, die mir geholfen hat, dessen Herz zu finden.
Meinen Freunden und meiner Familie, die mich anspornten und mir die Mühe ersparten, Anrufe zu beantworten, das Ablaufdatum von Milch zu prüfen und Geburtstag s wünsche rechtzeitig abzuschicken, weil (Seufzer) »sie di e ses Buch schreibt«.
Und vor allem Josh, weil er so geduldig war, wenn Mami »gerade noch eine letzte Sache« zu Ende schreiben musste.