Zehn
Auf dem Rückweg überlegte Nico, welches Schauspiel sie Siebenlehen bieten würde, wenn sie mitten auf der – zugegebenermaßen mittagsruhleeren – Hauptstraßenkreuzung lautstark mit ihrer Mutter telefonieren würde. Um ein Geständnis kam sie nicht herum. Aber sie würde es lieber nicht in der Öffentlichkeit vor allen gespitzten Ohren ablegen.
Als sie die Tür von Schattengrund hinter sich schloss, atmete sie auf. Im Vergleich zu der Kälte draußen war es drinnen mollig warm, und sie freute sich wie ein Kind, als sie noch einige Glutreste im Kachelofen fand und die letzten Briketts daraufwarf. Wenig später prasselte das Feuer wieder, und als ihr auf dem Weg hoch in ihr Zimmer Minx entgegenkam, war das Glück perfekt.
»Wo warst du denn?«
Die Katze strich um ihre Beine und schnurrte wie ein Kontrabass. Kaum zu glauben, welchen Lärm pures Wohlbehagen machen konnte.
Nico schüttelte ihr Bett auf und warf einen kurzen Blick in Kianas Zimmer. Wie schade, dass sie sich nie mehr gesehen hatten. Sie hatte so viele Fragen und niemanden, der sie ihr beantworten konnte. Wegen mir haben die Steine geweint … Nico schüttelte sich. Und Vögel fielen tot vom Himmel. Am erstaunlichsten aber war für sie Maiks plötzliche Wandlung vom Märchenerzähler zum Rouladenverkäufer gewesen.
Minx sprang auf das Bett und miaute kläglich. Der Gedanke, dass ihr Frauchen tot war und nie wiederkam, machte Nico traurig.
»Du vermisst sie, nicht wahr?«
Die Katze rollte sich zusammen und begann, die mageren Beinchen abzulecken.
»Heute Nachmittag gibt es Rouladen. Und egal was passiert – du bleibst bei mir.«
Sie setzte sich zu der Katze und kraulte ihr den Nacken. »Ich lass dich nicht alleine. Soll ich dir was sagen? Dieses Haus ist mir egal. Du bist das Netteste, das mir in ganz Siebenlehen begegnet ist.«
Bis auf Leon, wollte sie eigentlich noch dazusetzen, ließ es aber bleiben. Leon hatte vielleicht ab und zu Anwandlungen von Beschützerinstinkt – meistens dann, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ oder er sich als der allwissende Retter aufspielen konnte. Aber nett konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen. Im Gegenteil. Er brachte sie in schöner Regelmäßigkeit zur Weißglut.
Minx stand auf und streckte sich dermaßen, dass sie am ganzen Körper zu zittern begann. Dann sprang sie vom Bett und schaute Nico auffordernd an.
»Was ist? Willst du ein paar Haferflocken?«
Die Katze lief in den Flur und blieb abwartend stehen.
»Ach nö. Warte doch. Nachher kommt Leon und bringt uns Kohlen und eine Kiste Konservendosen. Das hältst du doch aus, oder?«
Statt einer Antwort kam ein ungeduldiges Miauen. Mit einem Seufzer stand Nico auf. Die Katze sprang weg, aber nicht die Treppe hinunter, sondern in die Ecke hinter dem Geländer, die Nico bisher noch gar nicht richtig gesehen hatte – und war verschwunden.
»Minx?«
Leises Getrappel über ihrem Kopf. Wahrscheinlich begaben sich die Mäuse des Hauses in erhöhte Alarmbereitschaft. Sie schaltete die Flurlampe ein und zwängte sich in den schmalen Gang hinter der Treppe, der nirgendwohin führte und offenbar leerer Raum war. Halt. Sie blieb stehen. An der Wand, vom Schatten eines Stützbalkens vor den Blicken verborgen, befand sich eine steile und sehr schmale hölzerne Stiege. Und die führte auf den Dachboden. Auf der letzten Sprosse vor der Luke saß die Katze und schenkte Nico einen rätselhaften Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen.
»Was willst du denn da oben? Jagen?«
Vorsichtig kletterte Nico die Stufen hoch, bis sie die schmale Luke erreichte. Eine Art Falltür war in sie eingelassen, die man nur nach oben öffnen konnte. Sie war zu Nicos Erstaunen nicht verriegelt. Nico legte die Handflächen dagegen, drückte – und konnte die Tür ohne Probleme einen Spalt anheben.
Durch die fast blinden Scheiben der Gauben fiel mattes Licht in einen schmalen, spitzgiebeligen Raum. Mehrere Umzugskartons standen an der Stirnseite. Dazu erblickte Nico ein Sammelsurium aus einem alten Sprungfederrahmen, zerbrochenen Stühlen, einer schiefen Kommode, der die linken Füße fehlten, einem Christbaumständer, staubgrauen Gardinenballen und mehreren zerschlissenen dunkelroten Samtkissen.
Nico stieß die Tür nach hinten, wo sie hochkant stehenblieb, und kletterte auf den Dachboden. Minx rannte mit einem Affenzahn durch den ganzen Raum und hatte wohl schon Witterung aufgenommen. Das aufrechte Stehen war schwierig und eigentlich nur in der Mitte unter dem Giebel möglich. Nico zog den Kopf ein und wanderte von einem Fundstück zum nächsten. Der Federrahmen sagte ihr nichts. Die Gardinen auch nicht. Aber die Kissen … gehörten die nicht mal zu einem Sofa, das unten im Wohnzimmer neben dem Kamin gestanden hatte? Sie ging in die Knie und klopfte auf eines. Eine gewaltige Staubwolke puffte ins Gegenlicht. Hustend sprang sie auf, stieß sich den Kopf an einem Dachbalken und versuchte, das Fenster zu öffnen. Staub und kleine Steinkörnchen rieselten dabei herunter. Endlich hatte sie es geschafft und lehnte sich weit hinaus, um Luft zu holen.
Die eisige Kälte traf sie wie ein Schlag. Die bleiche Sonne war hinter dichten Wolken verschwunden, die sich gerade über den Berg wälzten und Schnee mit sich führten. Schnee, Schnee und noch mal Schnee. Sie spürte, wie ihre Ohren anfingen abzufrieren. Bevor sie zurück unter die Gaube treten konnte, vibrierte ihr Handy.
Eine SMS. Sieh an. Offenbar hatte sie hier oben Empfang. Die Freude verpuffte, als sie sah, von wem die Nachricht kam: von ihrer Mutter.
– Melde dich!
Sie wog das Handy in der Hand, als ob das Gewicht ihr Auskunft darüber geben könnte, was zu tun wäre. Anrufen? Lieber nicht. Schließlich schrieb sie:
– Ich habe Mist gebaut.
Die Antwort ließ keine zehn Sekunden auf sich warten.
– Was ist los? Wo bist du?
– In Siebenlehen.
Das »Schweigen« dauerte eine Ewigkeit. Nach endlosen dreißig Sekunden, in denen Nico überlegte, ob sie sich lieber gleich aus dem Fenster stürzen sollte, summte die Antwort über den Äther. Nico wagte kaum, sie zu lesen.
– Komm SOFORT zurück.
– Das geht nicht. Wir sind eingeschneit.
– Bist du wahnsinnig? Du bist doch nicht etwa in Kianas Haus?
– Doch. Alles ist okay. Mach dir keine Sorgen. Nur der Empfang ist schlecht, und ich muss aufs Dach steigen, wenn ich eine SMS schicken will.
– NICO!!!!
Nicos Finger waren schon ganz taub. Sie konnte kaum noch tippen. Trotzdem wollte sie ihrer Mutter noch eine Nachricht schicken.
– Mamutsch, alle sind TOTAL nett hier. Ich habe Minx vorm Verhungern gerettet und auch schon Feuer gemacht. Ich will das Haus gar nicht. Aber ich wollte es wenigstens mal sehen, bevor ich es nicht wollte.
Nico brach ab. Die nächste Nachricht ihrer Mutter kam ihr in die Quere.
– Der Taxistand in Altenbrunn hat Schneeketten. Nico, bei allem, was dir und mir heilig ist: Ich schwöre, wir werden die Sache vergessen, wenn du sofort zurückkommst.
– Ich kann nicht! Die Straßen sind gesperrt und für heute Nachmittag wurde noch mal Neuschnee angesagt. Ich komme zurück, sobald ich kann. Versprochen! Und jetzt muss ich erst mal wieder ins Warme. Ich melde mich. Alles ist gut. Grüß Papa von mir.
Sie trat vom Fenster zurück. Der letzte Antennenbalken auf ihrem Handy verschwand. Dafür bemerkte Nico etwas anderes: Der Akku war fast leer. Offenbar hatte das Handy auf der Suche nach einer Zelle, in die es sich einloggen konnte, viel zu viel Energie verbraucht. Und obwohl es so kalt war, dass ihr der Atem gefror, wurde Nico siedend heiß bewusst: Sie hatte ihr Aufladekabel nicht dabei. Fluchend schloss sie das Fenster und schaltete das Gerät ab. Sie musste mit dem Rest Akkulaufzeit haushalten.
Minx merkte, dass die Aufmerksamkeit des Frauchens nicht mehr auf den kleinen schwarzen Kasten gerichtet war. Sie stieß ein aufforderndes Miauen aus, dem unschwer zu entnehmen war, was es zu bedeuten hatte: Ich habe Hunger.
»Du hast recht. Lass uns wieder runtergehen. – Warte mal.«
Die Kartons unter der Dachschräge passten nicht zu dem alten Gerümpel. Sie waren nagelneu. Nico fragte sich, wer nach Kianas Tod noch in diesem Haus gewesen sein mochte. Die Zimmer waren aufgeräumt, alles war, obwohl ein wenig altmodisch und ramponiert, sauber und ordentlich.
Sie bückte sich, um sich nicht schon wieder den Kopf anzustoßen, und öffnete den ersten Karton.
Alte Bücher. Nico nahm eines nach dem anderen heraus und betrachtete es. Märchen der Gebrüder Grimm. Sagen und Legenden aus dem Harz. Bildbände von Quedlinburg und Goslar. Und schließlich ein in altes, abgegriffenes Leder gebundenes dickes Notizbuch. Nico schlug es auf und ihr Herz machte einen Sprung.
»Geschichten zum Schlafengehen«, stand dort, mit schwarzer Tinte in Kianas schöner steiler Handschrift geschrieben.
»Oh nein«, flüsterte Nico und begann, darin herumzublättern. Minx näherte sich in einer Mischung aus Vorsicht und Ungeduld, aber Nico streichelte nur zerstreut über den Rücken der Katze. Es waren viele Geschichten und manche von ihnen waren mit Bildern verziert. Bilder, die sie selbst gemalt hatte, als sie in Schattengrund zu Besuch gewesen war.
Nico sitzt am Küchentisch. Vor ihr der Kasten mit den Buntstiften und dieses Buch. Neu ist es und erst zu einem Drittel vollgeschrieben. Zu jeder Geschichte darf Nico hinterher ein Bild malen. An diesem Tag aber hat sie den Spieß umgedreht: erst das Bild und dann die Geschichte dazu. Kiana hat sich darauf eingelassen. Sie steht am Herd und trägt eine bunte Schürze und witzige riesengroße Handschuhe, die sie immer anhat, wenn sie einen Topf vom Herd zieht oder den Ofen öffnet. Die Küche duftet nach Apfelkuchen und Zimt. Nico sieht verträumt aus dem Fenster. Dicke Schneeflocken fallen herab. Kiana zieht das Backblech aus dem Ofen und stellt es auf dem gusseisernen Herd ab. Sie zieht die Handschuhe aus und kommt zu Nico, beugt sich über das Bild und lächelt. Es zeigt die Berge, tief verschneit, und zwei Mädchen, die Hand in Hand auf eine Tür zugehen, die in die Felswand eingelassen ist. Das Lächeln verschwindet schlagartig. Nico bekommt ein schlechtes Gewissen. Hat sie etwas falsch gemacht?
Wie schön, sagt Kiana gepresst. Und wie willst du die Geschichte nennen?
Das silberne Grab, flüstert das Kind. Es hat das Gefühl, etwas schrecklich Verbotenes zu sagen.
Aber schon wendet Kiana sich ab und beugt sich zur Ofenklappe hinunter. Sie summt dabei ein Lied. Es ist das gleiche, das sie immer summt, wenn Nico Angst vor der Dunkelheit hat.
Das silberne Grab. Nico blätterte neugierig die Seiten um und fand nicht, was sie suchte. Am liebsten hätte sie gleich auf dem Dachboden mit dem Lesen angefangen. Dass es diesen Schatz noch gab! Kiana – das erinnerte sie jetzt – hatte eine blühende Fantasie besessen und ihr jeden Abend Geschichten erzählt, die ihr zuzufliegen schienen wie kleine, zahme Spatzen. Das silberne Grab … Schon in der Garage hatte sie das Gefühl gehabt, nicht zum ersten Mal davon zu hören. Vermutlich war es eine dieser gruseligen regionalen Legenden oder ein Märchen, das es damals nicht in die Sammlung der Gebrüder Grimm geschafft hatte. Oder Kiana hatte es sich tatsächlich selbst ausgedacht. Nein, dachte sie plötzlich, das hat sie nicht. Sie hat sogar den richtig bösen Märchen ihren Schrecken genommen und sie so verändert, dass Nico keine Angst haben musste. Böse Stiefmütter ließ sie nicht in glühenden Schuhen tanzen, bis sie tot umfielen. Sie verwünschte sie stattdessen und schickte sie als ewige Aufräumfee in Kinderzimmer.
Nico grinste, als ihr dieses kleine Detail einfiel. Aber sosehr sie suchte, sie fand die Geschichte vom silbernen Grab nicht. Merkwürdig, denn die Erinnerung an jenen Nachmittag am Küchentisch war glasklar. Sogar Kianas Reaktion war wieder da. Sie hatte ihr schließlich, als sie zusammen am Tisch saßen und den noch warmen Kuchen aßen, liebevoll über den Kopf gestrichen, das Buch zugeschlagen und gesagt: »Das gibt es nicht. Aber mal sehen, ob ich es für dich erfinden kann.«
Minx streunte näher und beschnupperte die Seiten. Es schien, als ob noch ein Hauch von irgendetwas zwischen den Seiten überlebt hatte. Oder kam der Geruch aus den Kissen? Kroch er gerade durch die Ritzen zwischen den Dachbalken herein? Nico hob den Kopf und zog scharf die Luft ein. Sie kannte diesen Duft, hätte aber nicht sagen können, woher. Beim nächsten Atemzug war er verschwunden.
Sie fing wieder an zu blättern. Natürlich gab es das silberne Grab nicht wirklich. Es war eine Legende, die etwas mit verschwundenen Kindern im Berg zu tun hatte und Jahrhunderte in den Erinnerungen der Bergleute überlebt hatte. Wahrscheinlich hatte sie irgendwo etwas darüber aufgeschnappt und dieses Bild gemalt. Aber es war fort. Sie fand es nicht. Konnte sie sich so getäuscht haben? Schließlich entdeckte sie, dass einige Seiten aus dem Buch herausgerissen waren. Von einer war noch ein kleiner Fetzen übrig geblieben, mit einem hauchzarten roten Fleck darauf. Nico erhob sich und trat ans Fenster. Der Fleck war ein Schuh. Ein roter Winterstiefel. Nachdenklich ließ sie das Buch sinken. Wenn sie eines wusste, dann war es die Tatsache, dass sie, Nico, niemals solche Schuhe besessen hatte.