Neun
Der Mann war groß, hatte breite Schultern, struppige Haare und Hände wie Baggerschaufeln. Er war vielleicht Mitte, Ende zwanzig und versuchte ein treuherziges Lächeln, aber irgendwie erinnerte er Nico dabei an Haggard, die Küchenschabe aus Men in black. Er trug einen blauen Overall über dem dicken Strickpullover und gefütterte Gummistiefel. Das Merkwürdigste an ihm war sein Montagegürtel. An ihm hingen Zangen, Ketten, Bolzenschneider, ein Bund Fahrradspeichen, ein Hammer, Gurte und sogar mehrere Schlösser. Eine Werkstatt um die Hüfte sozusagen. Entweder wollte er alles sofort griffbereit haben, oder er fürchtete sich davor, in Situationen zu geraten, in denen der Einsatz eines Notfallhammers unumgänglich notwendig war. Nicos Blick wurde von einem uralten, halb verrosteten Vorhängeschloss in Herzform angezogen, in dem sogar noch der Schlüssel steckte.
Als der Mann näher kam, machte er Geräusche wie ein wandelnder Werkzeugkasten. Er wischte sich die Hände an einem verschmierten Lappen ab und begrüßte Leon mit einem Grunzen, das mit viel Liebe als »Tach auch« durchgehen könnte.
»Also«, sagte Leon. »Das ist Nico. Nico, das ist Maik.«
»Mmmh.«
Maik war ein Riese, der sogar Leon um mindestens einen Kopf überragte. Sein Blick irrlichterte durch den Raum und vermied direkten Kontakt zu den beiden Anwesenden.
»Nico braucht Holz zum Anfeuern und Kohlen für Schattengrund. Kannst du was liefern?«
»Weiß nich. Liefern nach Schattengrund? Weiß ich nich.«
Nico unterdrückte einen ärgerlichen Seufzer. Maik ging, begleitet vom melodischen Klingen zweier Mehrkantschlüssel, die an seiner Rechten baumelten, zu einem Haufen ausrangierter Kanister und begann, die Verschlüsse zu prüfen. Hinter seinem Rücken zog Leon die Schultern hoch und machte eine entschuldigende Geste.
»Weiß nicht ist keine Antwort. Wir brauchen zwei Sack Holz und einen halben Zentner Briketts.«
»Könnt euch nehmen. Da hinten. Liefern is nich.«
Benzinkanisterverschlüsse schienen eine hochwichtige Angelegenheit zu sein. Maik wendete seinen Kunden einfach den Rücken zu und drehte sie auf, drehte sie zu, äugte in die Kanister hinein und schien hochkonzentriert zu arbeiten.
Leon holte aus einer dunklen Ecke einen Schubwagen und warf Holz auf die Ladefläche. Die Briketts lagen, in Gebinden gestapelt, weiter hinten an der Wand.
»Lass mal«, sagte Nico. »Vielen Dank. Ich muss nach Hause.«
»Ohne Heizung? Da hältst du es aber nicht lange aus.«
Die Räder der Karre quietschten erbärmlich, als er sie zu den Briketts schob. Nico folgte ihm und warf noch einen Blick über die Schulter zurück auf Maik, der gerade einen leeren Kanister schüttelte, als ob er den letzten Tropfen aus ihm herausholen wollte.
»Ich meine richtig nach Hause«, sagte sie leise. »Mein Vater ist krank.«
»Das tut mir leid. Wirklich.« Er nahm ein Gebinde und wuchtete es zu dem Holz. »Aber du musst bleiben. Wir sind eingeschneit.«
»Dann laufe ich eben.«
»Das wirst du nicht tun. Du kennst die Gegend nicht. Und selbst wenn du Altenbrunn erreichst, kommst du nicht weiter. Die sind auch von der Außenwelt abgeschnitten.«
Wie sich das anhörte. Als ob eine Lawine im Hochgebirge losgegangen wäre.
»Dann … Dann nehme ich eben einen Hubschrauber.«
»Nico, du musst lernen, dass man als Mensch nicht allmächtig ist. Glaubst du nicht, dass die wenigen Hubschrauber, die es hier gibt, Besseres und Wichtigeres zu tun haben? Du wirst dich gedulden müssen. Jeder wird Verständnis dafür haben. Auch dein Vater.«
Wenn er wüsste, dass ich hier bin, dachte Nico. Das Schlimme am Lügen ist, dass man so verdammt wenig Vorteile dadurch hat und die meiste Zeit damit beschäftigt ist zu verhindern, dass man auffliegt. Sie nickte widerwillig.
»Du musst das Haus winterfest machen. Ich glaube nicht, dass es das bisher gewesen ist. Heute Nacht sollen die Temperaturen auf bis zu minus zwanzig Grad fallen. Es kommt noch mehr Schnee. Sechzig bis neunzig Zentimeter. Alle Räumfahrzeuge sind jetzt schon im Einsatz. Was du kennengelernt hast, war nur ein Vorgeschmack. Wenn du Pech hast, steckst du zwei Wochen hier fest.«
»Aber ich muss weg!«
Nicos Gedanken überschlugen sich. Wenn sie jetzt aufbrach, könnte sie am Abend zurück sein und niemand würde etwas merken. Siebenlehen wäre nichts weiter als ein verrückter Ausflug gewesen. Ein missglückter Versuch. Idiotisch und kindisch, genau wie Kiana und ihre drei unmöglichen Rätsel. Die Verlockung, ihr gesamtes Vorhaben einfach ungeschehen zu machen, war riesig. Sie musste einfach nur so schnell wie möglich wieder ihren Platz einnehmen. Dort, wo sie hingehörte. Denn dass das nicht Siebenlehen war, machte man ihr ja ununterbrochen klar.
»Ich schaffe das schon. Vielleicht gibt es Leute, die Schneeketten haben. Oder ich schnalle mir ein paar Langlaufskier an. Wir sind hier doch nicht auf einer Insel!«
»Das lässt du bleiben.«
»Hallo? Muss ich das diskutieren?«
Maik unterbrach sein Tun und äugte zu ihnen herüber. Leon senkte die Stimme. »Du brauchst Holz und Kohlen. Wasser, Konserven, Brot, Fett, Mehl. Kerzen, falls der Strom ausfällt. Jede Menge Streichhölzer. Dicke Decken. Hast du jemals einen Notvorrat angelegt? Weißt du, wie das geht?«
Nico schüttelte den Kopf. Notvorrat – sie waren doch nicht im Krieg.
»Ich werde mir Kianas Haus ansehen und dir die Sachen bringen, die du brauchst.«
Er knallte ein Bündel Briketts auf den Wagen. Vermutlich war die Diskussion damit für ihn beendet.
»Ich muss telefonieren«, sagte Nico. »Gibt es hier so etwas wie eine … Telefonzelle?«
Leon grinste. »Es gab mal eine Post.«
»Und?«, fragte Nico ungeduldig. »Wo ist sie hin?«
»Sie wurde geschlossen. Aber du kannst jederzeit zu uns kommen.«
Nico stieß ein prustendes Geräusch aus, in das sie alle Verachtung dieser Welt legen wollte. Leider klang es eher danach, als ob sie sich verschluckt hätte. Leon nahm das nächste Bündel.
»Du kannst ja schon mal vorgehen und alles checken. Ich komme nach. Der Handyempfang ist übrigens mitten auf der Kreuzung am besten.«
Die Vorstellung, dass ein halbes Dorf sich auf der Straße zum Telefonieren traf, hatte was. Aber wahrscheinlich saßen alle schön zu Hause im Warmen und skypten oder nutzen ihre Festnetz-Flatrate.
Sie schlängelte sich vorbei an alten Schubkarren und einer Mörtelmischmaschine, aus der man wohl vergessen hatte, den Rest Zement zu entfernen, denn er hing, bizarr wie gefrorener Kuchenteig, noch immer am Rührer. Kurz bevor sie den Ausgang erreichte, hörte sie ein leises Zischen. Maik winkte ihr mit einem Kunstoffkanister zu. Zögernd trat Nico näher.
»Du willst hier raus?«, fragte er und vergewisserte sich mit einem schnellen Seitenblick, dass Leon weit genug entfernt war.
Nico wusste nicht, ob er die Garage oder das gesamte Hochtal meinte. In beiden Fällen war die Antwort Ja. Sie nickte.
»Es gibt das silberne Grab. So heißt ein Stollen. Er führt durch den Berg auf die andere Seite, runter nach Thale und Halberstadt.«
»Was ist das silberne Grab?«
Maik beugte sich zu ihr herunter. »Man findet es einmal und dann nimmermehr. Die Tür verschwindet und es gibt kein Zurück. Aber alle zwölf Jahre geht sie einmal auf und die verschwundenen Kindlein dürfen raus und gucken.«
»Ah ja.« Langsam sollte sie sich mal Gedanken darüber machen, was mit diesen Leuten los war. Die einzig Normalen waren offenbar die, die die Flucht ergriffen hatten.
Maik schien darauf zu warten, dass so etwas wie Erleuchtung in ihrem Kopf dämmerte. Als das nicht geschah, kniff er misstrauisch die Augen zusammen. »Du kennst den Weg.«
»Tut mir leid. Ich bin nicht von hier.«
»Du warst schon mal oben. Wegen dir haben die Steine geweint und die Vöglein fielen tot vom Himmel.«
»Wegen mir?«
»Maik?« Leons Stimme, ärgerlich und laut aus den dunklen Tiefen der zugemüllten Garage, unterbrach die Aufzählung von Nicos weiteren Schandtaten, von denen sie nichts wusste, über die sie aber gerne etwas mehr erfahren hätte. »Kannst du mir mal helfen?«
»Ja-ha!« Maik schaute sie noch einmal an, als ob er erwarten würde, dass sie gleich tote Vöglein aus den Taschen ihrer Jacke holen und ihm zur Bestätigung unter die Nase halten würde. Es tat ihr leid, ihn zu enttäuschen. Er war harmlos. Allerdings hätten seine Erziehungsberechtigten vielleicht mehr darauf achten sollen, was er so las. Oder trank. Oder rauchte.
Er rieb sich mit der Pranke übers Kinn, als ob er eine schwerwiegende Entscheidung zu fällen hätte. »Ich kann’s dir zeigen«, flüsterte er. »Ich kenn den Weg auch.«
»Danke. Ich werde auf dich zurückkommen.«
»Ich war mal drin. Ich war eins von den Kindlein.«
Eine unendliche Trauer schien sich über seine groben Züge zu legen. Nicos Lächeln, mit dem sie eben noch milde und gütig Maiks blühende Fantasie ermuntert hatte, erstarb. Er sagte die Wahrheit. Wahrscheinlich balancierte sein armer Geist wie ein Seiltänzer zwischen Fiktion und Wirklichkeit und konnte beides nicht mehr unterscheiden. Doch seine Seele wusste Bescheid. Sie war gerade irgendwo oben im Berg, gefangen in einem silbernen Grab.
»Wann …« Sie räusperte sich. »Wann ist das passiert?«
»Vor zwölf Jahren.«
»Und du warst die ganze Zeit oben?«
Maik nickte. »Die ganze Zeit.«
Leon tauchte, begleitet vom Quietschen des Rollwagens, hinter einem Turm von Autoreifen auf. »Sag mal, neulich hab ich doch Katzenfutter bei euch gesehen.«
Maik kratzte sich hinter dem Ohr. »Katzenfutter? Du meinst die Kiste mit den Rheinischen Rouladen. Die steht da hinten. Kriegst du drei für einen Euro.«
Leon grinste Nico triumphierend an. »Da wird sich deine Süße aber freuen.«
»Ja«, murmelte sie. »Das wird sie.«