4. Kapitel

Hamburg, Sonntag, 17. Mai 2009, 16 Uhr

»Kommst du gleich zu mir, oder bist du noch länger am Computer?« Silvia hielt eine Zeitschrift in der Hand und sah nur flüchtig auf den Monitor. Das kleine Arbeitszimmer gehörte ganz Thomas.

»Ich bin gleich da. Ich muss nur noch ein Portal finden«, antwortete er abwesend und spielte weiter.

»Ist gut.« Ihr war klar, dass sein Gleich irgendwas zwischen zehn Minuten und einer Stunde bedeuten konnte. Also machte sie sich einen Tee und setzte sich auf das helle Ledersofa im Wohnzimmer. Obwohl es schon drei Jahre alt war, roch es noch immer intensiv nach Leder. Es war eines der Möbelstücke, bei denen sie sich durchgesetzt hatte – ganz im Gegensatz zu dem Glastisch, auf dem jeder Fingerabdruck und Wasserfleck sofort zu sehen war.

Noch fünf Tage, dachte sie und spürte die Vorfreude in sich aufsteigen.

Da sie sich mit Sven einig war, gab es keine Befürchtungen, das Treffen könnte negative Folgen nach sich ziehen. Weder würde er plötzlich Besitzansprüche stellen, noch würde es eine weitere Zusammenkunft dieser Art geben. Nur ein einziges Mal wollte sie dem Drang nachgeben, etwas Verrücktes, ja sogar Unrechtes zu tun. Solange keiner davon erfuhr, entstünde auch niemandem ein Schaden.

Der Tee dampfte in einem weißen Becher auf dem Couchtisch – eine Kräutermischung, die besser roch, als sie schmeckte, aber der Werbetext versprach Harmonie und Wohlbefinden. Beides konnte sie gerade sehr gut gebrauchen, weil sie mit jedem Tag aufgewühlter wurde. Sie schlug die Zeitschrift irgendwo in der Mitte auf und dachte an kommenden Freitag.

Wie es wohl sein wird? Sie stellte sich vor, wie die Hoteltür hinter ihnen zufiel und sie sich endlich richtig umarmen und küssen konnten. Seit fünf Jahren hatte sie kein anderer Mann als Thomas mehr berührt. Der leidenschaftliche Kuss mit Sven zählte nicht. Ein einziges Mal, sagte sie sich erneut.

»Robert fragt gerade, ob wir Freitag mit ins September kommen«, riss Thomas sie aus ihren Gedanken. Er hatte unbemerkt das Zimmer betreten. »Eine Art After-work-Lunch oder so.«

Sie betrachtete ihn, wie er auf seinem Handy herumdrückte und sich dann neben sie setzte. Was tue ich hier nur?

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich Freitag nach der Arbeit mit ein paar alten Freundinnen treffe.«

Thomas sah sie kurz an und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Muss ich wohl vergessen haben.«

Schmunzelnd strich sie ihm durch das kurze dunkle Haar. Er sah so gut aus, selbst in seiner Freizeitkleidung. Durch den regelmäßigen Sport im Fitnesscenter war er gut trainiert, beneidenswert schlank, wie Sven gerne sagte – obwohl er selbst trotz Sportmangels nicht zu dick war. Silvia mochte Toms markantes Gesicht. Er wirkte so zielstrebig und siegessicher, und wenn er erst seinen Anzug trug, musste sie Angst haben, dass andere Frauen ein Auge auf ihn werfen würden. Als Börsenmakler verdiente er genug, dass sie zusammen mit ihrem Gehalt den Standard leben konnten, den sie so schätzte. Sie waren sich nie uneins, wenn sie ihre Reisen planten, er gönnte ihr all die kostspieligen Kleinigkeiten, die zu ihrer gepflegten Erscheinung beitrugen: Kosmetik, Kleidung, Schmuck, Parfums – alles, was eine selbstbewusste Frau von heute brauchte. Thomas passte so viel besser zu ihr als Sven, der eher bodenständig und weniger auf sein Aussehen bedacht war. Aber ihre Gefühle waren offenbar anderer Meinung.

»Wundert mich nicht«, nahm sie das Gespräch auf und versuchte die anderen Gedanken abzuschütteln. »Wahrscheinlich liegt es noch irgendwo in deiner Online-Welt als unerfüllte Queste.« Sie verpasste ihm einen Stoß in die Seite und lachte. Es bereitete ihr großes Vergnügen, ihn mit seinem Online-Spiel-Jargon aufzuziehen.

»Ha, ha, sehr witzig«, erwiderte er. »Vielleicht hast du auch nur vergessen, es mir zu sagen.«

Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ist ja nicht so wichtig.« Mit einem Finger deutete sie aufs Handy. »Aber geh du doch hin. Dann haben wir beide was vor.«

Statt eine Antwort an Robert zu tippen, legte er das Telefon auf den Tisch neben die Teetasse. »Weiß nicht. Ohne dich ist es nicht so lustig. Vor allem, wenn er Lea mitbringt.«

Silvia lachte. »Verstehe ich das richtig? Du triffst dich nur mit Robert, wenn ich seine tussige Freundin von dir ablenke?«

Er kratzte sich verlegen am Kopf. »So wollte ich es nicht ausdrücken, aber … ja. Komm schon! Du weißt, wie sie ist.«

Silvia spitzte den Mund. »Ach was, Tommi«, äffte sie Leas helle Stimme nach. »Ich finde, jeder sollte Aktien haben. Du nicht auch? Ich habe auch welche, die du dir ja bei Gelegenheit mal anschauen kannst.« Mit lauten Kussgeräuschen kletterte sie auf seinen Schoß. »Du bist doch der Fachmann, und ich kenn mich ja nicht aus. Ich bin ja nur eine kleine, hilflose Frau.«

Thomas lachte und legte seine Hände auf ihre schmalen Hüften. »Hör bloß auf, Silvia. Ich kann hören, wie dein IQ sinkt.«

Sie küsste ihn und strich ihm dabei sanft durch die Haare. »Jawohl, Herr Börsenmakler.« Mit weiteren Küssen beendete sie das Thema und genoss, dass er nun weiterführte, was sie begonnen hatte. Seine Hände strichen über ihre Kleidung, er küsste den Hals und zog die Bluse leicht zur Seite, um mit den Lippen ihre Lieblingsstelle am Schlüsselbein zu berühren. Genussvoll schloss sie die Augen und ließ das Becken kreisen.

Ich liebe ihn. Es wäre wohl alles einfacher, wenn es sich nicht so verhielte. Sie mochte es, ihn zu verführen, war gerne in seiner Nähe und genoss es, dass er ein eigenständiges Leben führte, das sich nicht von ihr abhängig machte. Beide unternahmen, wozu sie Lust hatten, selbst wenn es manchmal bedeutete, dass sie kaum Zeit miteinander verbrachten. Sie sagten einander nicht, was sie zu tun oder zu lassen hatten, es sei denn beim Sex; dann konnten beide sehr bestimmend oder fordernd sein.

Unwillkürlich musste sie an Sven denken … Thomas öffnete ihre Bluse – ihr kam das Gesicht des Geliebten in den Sinn, und beinahe hätte sie innegehalten. Sie war hin- und hergerissen – ein seltsames Gefühlsdurcheinander aus vertrauten Berührungen und der verbotenen Vorfreude auf die Begegnung mit Sven.

Das ist falsch! Schnell öffnete sie die Augen und versuchte, diesen Moment bewusst zu erleben. Du bist jetzt nicht dran, Sven. Sie wusste, wie anders sich seine Berührungen anfühlten. Thomas ging nach einem gewissen Schema vor, das für sie beide funktionierte, aber als Sven sie berührt hatte, hatte er nicht genug von ihr bekommen können. Als er seine Finger unter ihre Bluse hatte gleiten lassen, hatte ihr gesamter Körper danach verlangt, von ihm gestreichelt zu werden, etwas, das vollkommen neu und unglaublich aufregend gewesen war. Dieser kurze Moment des Nachgebens hatte einen tiefen, unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Dagegen war das hier wie eine dünne Suppe vor dem Hauptgang.

Ich komme sicher in die Hölle, dachte sie und vergrub ihr Gesicht in Toms Halsbeuge. Nach Freitag muss alles wieder beim Alten sein!

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Sonja Rüther

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