Kapitel 13
Manfred fühlte sich auf der Beifahrerseite seines Wagens nicht wohl. Claudia lenkte den Jaguar, die Kinder saßen schweigend auf der Rückbank. Grüne Wiesen und Wälder wechselten mit kleinen Ortschaften. Eifelidylle im Schnelldurchlauf. Fachwerkhäuser, Kuhweiden, ein Kirchturm in jedem Kaff. Dann das erste Hinweisschild: Eifelhöhenklinik Marmagen.
Er konnte es selbst kaum glauben. Seine Familie brachte ihn in die Rehabilitationsklinik, die alle unbedingt für ihn gewollt hatten. Auf seinem Schoß lag ein Notebook mit einer Menge Arbeit, die Rolf für ihn hatte zusammenstellen lassen. Workflow-System bei der Versicherung. Das Projekt bedurfte nach Prüfung des Kunden noch einiger Verfeinerung. Es war für die Versicherer vermutlich schon ein kleiner Weltuntergang, dass er nicht sofort für die Nachbesprechung seines Pflichtenhefts zur Verfügung stand. Rolf hatte maßlos übertrieben und von seinem knapp überstandenen Todeskampf berichtet. Selbstverständlich arbeitete außer ihm selbst noch ein Team von Mitarbeitern daran, aber bei dieser Größenordnung musste er die wesentlichen Fragestellungen selbst überarbeiten.
Claudia lenkte den Jaguar recht geschickt durch die engen Kurven der Landstraße. Sie deutete im Vorbeifahren auf das Ortsschild von Nettersheim und dozierte über die römischen Artefakte in dieser Gegend. Manfred hielt Ausschau nach der Klinik. Man hatte ihm gesagt, sie sei ein befremdlicher Klotz in der Landschaft, weithin sichtbar auf einem Hügel gelegen und völlig ohne umliegende Infrastruktur. Deswegen könne man dort hervorragend ausspannen. Er hatte mit Rolf gesprochen, dessen Tante voriges Jahr aufgrund eines Schlaganfalls in einer Rehabilitation gewesen war. Die war sehr begeistert von einer Einrichtung an der Mosel, wo angesichts der vielen Cafés und Weinstuben ganze Heerscharen von alten Säcken ihre Wehwehchen kurierten.
So fiel für Manfred die Wahl auf die Klinik in der Eifel, in der Hoffnung auf ein anderes Klientel. Man versicherte ihm, dort gäbe es neben der renommierten Neurologie eine große orthopädische Abteilung mit einer Reihe von jungen Patienten. Sport- und Arbeitsunfälle. Also hoffte er auf überwiegend normale Menschen seines Alters und weniger kurlaubende Rentner, die auf Kosten der arbeitenden Gesellschaft ihre Senilität und Gebrechlichkeit mit Massagen und Sahnetörtchen pflegten.
Rolf hatte ein neu renoviertes Einzelzimmer mit DSL-Anschluss arrangiert. Claudia war dazu nicht in der Lage gewesen. Oder sie hatte sich geweigert, auf solche Dinge zu achten. Auch die viele Korrespondenz mit der Krankenversicherung hatte Rolf beziehungsweise seine Sekretärin Uschi erledigt. Manfred hatte dafür im wahrsten Sinne des Wortes keinen Kopf gehabt. Bei jedem Telefonat wegen Kostenübernahme oder anderer Kleinigkeiten brach ihm der Schweiß aus. Er konnte sich gegen die kleinlichen Sachbearbeiter, von denen er in seinem Job sonst täglich zwei oder drei zum Frühstück verspeiste, kaum zur Wehr setzen. Also hatte er alles der Firma überlassen und sich seiner Rekonvaleszenz ergeben.
Wie konnten Menschen nur ihr Dasein fristen, die niemals über sein derzeitiges Leistungsvermögen hinaus zu denken und zu handeln imstande waren? Aber deren Glück schien es ja eben zu sein, dass sie den Unterschied nicht kannten. Darin lag wohl die wahre Bedeutung des Satzes: »Selig sind die, die arm sind im Geiste«. Doch war bei diesem Spruch sicher nicht von Meningitis-Patienten die Rede gewesen. Eher von Menschen, die zeitlebens so dämlich blieben, dass sie für nichts verantwortlich zu machen und daher ohne Schuld waren. Was war jedoch diese Unschuld aus Unvermögen gegen die Unschuld der Reinheit? Wenn die selig sind, die trotz ihrer moralischen Unzulänglichkeit nicht zur Verantwortung gezogen werden können, so sind jene heilig, welche die Sünde und den Verfall nicht kennen. Das hatte auch der Nazarener gewusst, als er die Kinder zu sich kommen ließ.
Die Asphaltspur schlängelte sich durch brütende, pollenschwangere Frühsommerlandschaften. Manfred war weit weg von der klaren, kalten Zauberwelt, die ihn in ihrer klirrenden Reinheit nicht geduldet hatte. Sein Hirn pochte. Widerwillig atmete er die künstlich gekühlte Luft ein, die der Kompressor der Klimaanlage durch die Mikrofilter jagte. Künstliche Distanz zu der Welt, deren Ausgeburten wir sind. Abgrenzung von dem, was wir sind und was uns ausmacht, ob wir nun wollen oder nicht.
Er schaute in den Rückspiegel. Welche Schönheit dem Menschen innewohnte und welche Reinheit er ausstrahlte, so lange er sich die Frische bewahren konnte, die ihm die Natur mitgegeben hatte. Nadine saß hinter ihm. Sie träumte mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin. Jeder Baum, der am Straßenrand an ihnen vorüberhuschte, verursachte ein Wechselspiel von Licht und Schatten auf ihrem luftigen Sommerkleidchen. Der dünne Stoff umspielte sanft den jungen Körper. Der ließ noch nicht erahnen, welche Metamorphose ihm bevorstand. Ein Blick nach links zeigte Manfred das nur zu genau. Claudias Gesicht trug immer noch mädchenhaft junge Züge, aber es erschien ihm zunehmend wie eine Puppenmaske, die irgendwann aufreißen und ein anderes Geschöpf zum Vorschein bringen würde. Nicht etwa ein Schmetterling würde dieser Hülle entsteigen, sondern die hässliche, unförmige Raupe, die unter der Oberfläche längst fertig ausgebildet war.
Claudia lenkte den Wagen jetzt durch Marmagen, den Hinweisschildern zur Klinik folgend. Der Ort präsentierte sich als eine bunte Mischung aus traditionellem Eifelfachwerk und moderner Stadtfluchtarchitektur. Hier und da gab es Hinweise auf Pensionen, Zimmer mit Frühstück – hoffentlich kam Claudia nicht auf die Idee, sich hier einzuquartieren. Am Ortsausgangsschild vorbei, wieder freies Grün links und rechts der Straße. Da sah Manfred den Klotz in der Landschaft. Drohend schwarz ragte er über Felder, Wiesen und Baumwipfel hinweg. Die regelmäßigen Reihen der Fenster blitzten in der Sonne, vielleicht sechs oder sieben Stockwerke hoch. Das letzte Hinweisschild war nun unnötig. Eigentlich war es schon mehr ein Firmenschild. Das passte auch, denn die Klinik firmierte als Aktiengesellschaft.
Nach der Abzweigung von der Landstraße begannen die langen Parkplatzreihen, die sich bis direkt vor das Gebäude hinzogen. Freie Parkplätze nur ganz zu Beginn, dann bis zum Schluss eine endlose Reihe lückenlos abgestellter Autos. Claudia hielt direkt vor der Tür. Reserviert für Taxis und Krankentransporter. Das störte Manfred nicht, denn wer sollte das Gepäck so weit tragen? Max lief sofort durch die breite Eingangstür in das Foyer und schaute sich neugierig um. Nadine war ihrer Mutter beim Ausladen der Koffer behilflich. Manfred trug nur seinen Computer sowie die kleine Mappe mit allen Papieren, die er für die Anmeldung brauchte.
Die junge Frau an der Rezeption war sehr hübsch und sympathisch. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass die nächsten Wochen grauenvoll würden. Alle Gestalten, die hier herumliefen und die er als Patienten identifizieren konnte, waren mindestens doppelt so alt wie er und größtenteils weiblich – der Albtraum schlechthin. Er hatte den Geruch von billigem Altweiberparfüm, Franzbranntwein und Großküche in der Nase. Dazu Desinfektionsmitteldünste, die offenbar in keiner Klinik fehlen durften. Er gab der jungen Frau die Rehabilitation betreffenden Papiere, die er in der letzten Zeit erhalten hatte. Dann füllte er ein weiteres Formblatt aus, in dem er irgendetwas erklärte und diversen Dingen zustimmte, eine nochmalige Aufnahme seiner Personalien und eine weitere Kostprobe seiner Unterschrift inbegriffen. Daraufhin bedeutete man ihm, sich in einen Wartebereich zu begeben. Mit der kofferschleppenden Claudia und Nadine im Gefolge nahm er artig Platz. Max war nicht bei ihnen. Er wuselte irgendwo herum.
Manfred setzte sich in einen Glaskasten, der eine Reihe von Stühlen sowie einen Tisch enthielt. Eifler Wasser und Gläser standen bereit. Es warteten noch weitere Personen in diesem Raum. Sie saßen stumm und hielten sich an einem Glas Wasser fest. Ein altes Weib hockte da, rechts und links daneben Tochter und Schwiegersohn, die sich mit ihrer Mutter langweilten. Die Tochter war für Manfred eindeutig zu erkennen. Das gleiche Gesicht, lediglich mit geringen Spuren erster Verwesung, die bei der Alten bereits weit fortgeschritten war.
Nach ein paar Minuten kam ein Mensch auf ihn zu. Verwaltungsangestellter der Klinik, trug eine schlecht sitzende Kombination nebst geschmackloser Krawatte. Der Mann redete einige Sätze auf ihn ein, denen er entnahm, dass er sich eine halbe Stunde gedulden musste. Heute sei Anreisetag, und besonders die Neurologie hatte viele Ankömmlinge zu verarbeiten.
Manfred nickte wortlos und sank im Stuhl zusammen. Claudia sah ihn fragend an. Sie erwartete eine seiner typischen verbalen Attacken, wenn ihn jemand nervte. Doch er hatte beschlossen, alles ruhig angehen zu lassen. Deshalb drückte er ihr die Hand und erklärte mit möglichst gelassen klingender Stimme, dass es ja offensichtlich keinen Sinn machte, hier mit ihm zu warten. Schon wegen der Kinder. Dabei deutete er auf Max, der gerade dabei war, eine Holzskulptur zu befingern, die das Foyer verunstaltete. Wahrscheinlich handelte es sich um die wichtige Arbeit eines ortsansässigen Künstlers. Vielleicht war es auch das Machwerk eines wenig ausgelasteten Masseurs, der die Liebe zur Modellierung härterer Materialien als des schlabbrigen Bindegewebes siebzigjähriger Weiber entdeckt hatte. Jedenfalls schien das Ergebnis der fehlgeleiteten Kreativität des Künstlers nicht ansehnlicher als der speckig-faltige Rücken einer Rentnerin.
Max fügte mit ausgestrecktem Zeigefinger der Skulptur noch weiteres Material hinzu, das er soeben seiner Nase entnommen hatte. Damit erwies er Manfred einen großen Gefallen. Claudia sah ein, dass es sich nicht lohnte, noch länger zu bleiben und auf die Einweisung zu warten. Sie stand auf und umarmte ihn. Ihr Blick mutete seltsam leer an. Es schien fast so, als wollte sie diesem Augenblick etwas Dramatisches geben. Dann machte sie sich daran, Max zu packen und von dem Objekt seiner künstlerischen Verachtung zu entfernen. Nadine hatte bis dahin gelangweilt neben ihrem Vater gesessen. Jetzt stand auch sie auf und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
»Tschüss, Papa«, sagte sie ohne besondere Betonung. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie hinaus zum Wagen. Ein junges Mädchen flüchtete vor der Aura des Bösen und Verbrauchten, die durch dieses Haus waberte. Manfred konnte es ihr nicht verübeln, hätte es gern genauso gemacht. Doch er hatte soeben die Aufnahme seiner Person in diese Klinik ausdrücklich bestätigt.
»Papa mach’s gut!«, krähte Max im Vorbeirennen. Claudia entfernte mit einem Taschentuch seinen Naseninhalt von der Oberfläche der Skulptur. Sie winkte Manfred noch einmal zu, und er hatte den Eindruck, sie wolle ihrem Blick einen gewissen Trennungsschmerz geben. Dann ging sie hinaus, um die Kinder ins Auto zu befördern. Er beobachte, wie sie selbst einstieg, sich anschnallte und die Zündung betätigte.
Dann sah er seinen Jaguar davonrollen, sein Spiegelbild im Fensterglas: ein Zurückgelassener, der sich vergeblich bemühte, seine Verzweiflung zu kontrollieren. Ein Kranker unter Siechen, geschwächt und etwas desorientiert. Wie ein Patient, der darauf wartete, aufgerufen zu werden.