Kapitel 9

Die Atmosphäre einer Pressekonferenz faszinierte Tim stets aufs Neue. Die genervten Kriminaler, die mit Mikrofonen und Blitzlichtern nur wenig anfangen konnten, machten ihm Spaß. Dazu die Menge an Pressevertretern, deren Gehabe er gern beobachtete. An diesem Tag war es besonders spannend, da der Fall in seiner Heimat verortet war, er viele Anwesende persönlich kannte, und besonders deswegen, weil Helena Berger im Zentrum der Veranstaltung stand. Wenn man sie kannte, war ihr die Nervosität anzumerken. Tim empfand die große Blondine wie immer als eine visuelle Wucht. Und damit war er nicht allein, wie er mit einem Blick in die Runde feststellte. Inhaltlich ging es um die karge Feststellung, dass vor wenigen Tagen ein Mörder im Raum Köln in einem sportlichen, erst dreizehn Jahre jungen Mädchen mindestens sein zweites Opfer gefunden hatte. Mit ihrer wohlklingenden Stimme berichtete Lena von der eindeutigen Übereinstimmung der DNA des Täters bei beiden Opfern, jetzt und vor einem Jahr. Sie erwähnte die deutlichen Fingerabdrücke auf der Haut des jüngsten Opfers und die guten Chancen auf einen raschen Fahndungserfolg. Sie hoffte, den Täter fassen zu können, bevor er erneut zuschlug. Diese Schlussfolgerung konnte Tim nicht teilen. Es gab offenbar keine Zeugen, keine noch so vage Täterbeschreibung. Der genetische Fingerabdruck passte zu keiner bekannten Gegenprobe, weder aus dem Umfeld der Opfer noch aus der DNA-Analyse-Datei des BKA.

Er musste eine Stunde warten, bis er Lena abfangen konnte. Er begleitete sie in ihr Büro, dort ließ sie sich erst einmal in einen Stuhl fallen und atmete tief durch.

»Mein Gott, war das nervig.«

Tim setzte sich auf ihren Schreibtisch. »Du hast aber eine verdammt gute Figur gemacht. Und kaum jemand hat gemerkt, dass ihr einen Scheißdreck habt, aber keine Spur vom Täter.«

»Danke, dass du uns nicht verraten hast«, meinte sie trocken. »Aber es stimmt leider. Ohne einen Verdächtigen nützen uns die Analyseergebnisse gar nichts. Wir haben null Übereinstimmung in der DAD, keine Zeugen, und es gibt für solche Taten kein vernünftiges Motiv. Ich befürchte, ich werde Spezialisten vom BKA hinzuziehen müssen. Ich könnte deine Erfahrung mit Serienmördern gut gebrauchen, Tim.«

»Dann lass mich dir etwas über den Typen erzählen, den du suchst. Vielleicht glaubst du, der Täter ist ein Irrer, völlig durchgedreht und unberechenbar. Aber auch dieser Psychopath, wenn er denn einer sein sollte, ist ein Täter mit einem Motiv und einer Vorgehensweise.«

Lena nickte, als würde sie wirklich verstehen, was er eben gesagt hatte. Er erinnerte sich daran, wie lange er für diese Einsicht gebraucht hatte.

Die Kommissarin lächelte müde. »Ganz unfähig bin ich natürlich auch nicht. Speichelproben aus Familie, Nachbarschaft und Sportverein werden erhoben und ausgewertet. Das dauert noch an. Ich bin aber skeptisch, dass uns das weiterbringt. Bei dem ersten Mord ergab der DNA-Abgleich im Opferumfeld keine Spur, bei folgenden Taten wird das eher noch weniger der Fall sein. Ansonsten schauen wir uns die Schuhabdrücke des Täters an und ermitteln das Modell. Gute Laufschuhe haben charakteristische Sohlen, und wenn er ein richtiger Läufer ist, kauft er regelmäßig neue Schuhe. Das ist neben der DNA-Analyse unsere heißeste Spur.«

»Gute Idee«, kommentierte Tim. »Das Modell hast du vielleicht bis morgen schon.«

»Just do it!«

Lena hatte ihren Humor noch nicht verloren. Tim wusste, dass sie eine verdammt gute Polizistin war. Bei der Kripo Köln hatte sie in den letzten Jahren beachtliche Erfolge verbucht. Ihr Scharfsinn und ihre Zielstrebigkeit waren schon damals abzusehen gewesen, als sie gemeinsam die Ausbildung im Kriminaldienst begonnen hatten. Tim hatte damit nur angefangen, weil er dachte, er wäre es seinem Vater, dem Staatsanwalt, irgendwie schuldig. Er brach dann aber die Laufbahn ab. Nun ja, da war auch dieses verdammte psychologische Gutachten gewesen. Seine Chancen waren danach gegen Null gesunken. Lena dagegen zog die Ausbildung mit Bravour durch, um danach ihr Talent erfolgreich in die Praxis umzusetzen.

Während sie Karriere bei der Kriminalpolizei machte, reiste Tim viel. Er bestieg einige der schönsten Berge dieser Welt und lernte nebenher das Journalistenhandwerk. Einige Zeit verbrachte er mit Kriegsberichterstattung in den gottverdammtesten Winkeln dieser Erde. Dann spezialisierte er sich auf die Recherche in Serienmordfällen. Es hatte ihn mit Macht dazu getrieben. Sein angebliches Problem, das ihn die Polizeilaufbahn gekostet hatte, entpuppte sich hier als Talent.

Lena räusperte sich. Sie schien verlegen. »Tim, wir sind schon ziemlich lange befreundet, und du weißt mehr über Serienmörder als sonst irgendjemand, den ich kenne. Natürlich haben wir unsere Profiler. Ich bin dir aber für jede Hilfe dankbar, und du weißt, dass du auch etwas davon hast. Was kannst du mir zu dem Täter sagen?«

»Ein richtiges Profil kann ich dir noch nicht präsentieren, aber soviel ich bis jetzt weiß, könnte man Folgendes annehmen: Er ist ein sportlicher Mann und kann vermutlich schnell laufen. Er hat die Opfer mit bloßen Händen erwürgt, aber nicht vergewaltigt oder auch nur im Vaginalbereich berührt. Also ist er körperlich fit, triebhaft, aber beherrscht. Mindestens fünfundzwanzig, eher älter. Vielleicht hat er das Opfer im vorigen Jahr noch zufällig ausgewählt. Das ist dieses Mal sicher nicht mehr der Fall gewesen. Er plant seine Tat und ist ein kontrollierter Typ. Er lässt sich nicht völlig durch seinen Trieb beherrschen. Er beißt nicht, will kein Blut sehen. Er hat ein Motiv. Er ist kein Gewalttäter, der durch rüdes Verhalten oder Grobschlächtigkeit auffallen würde. Und er ist auch kein unscheinbares, mageres Jüngelchen, das nur mittels solcher Straftaten an Mädchen spielen kann.«

»Das trifft höchstens auf die Hälfte der männlichen Bevölkerung zu, beispielsweise auch auf dich.«

»Nun sei mal nicht so ungeduldig. Mein erster Ansatz ist folgender: Intelligente Menschen brauchen immer eine Legitimation für Gewalt, dumme dagegen haben Gewaltreflexe und denken sich nichts dabei. Ein Intellektueller kann zwar ebenfalls Gewaltreflexen erliegen, wird jedoch erst zum Serientäter, wenn er diese Gewalt legitimieren kann und somit eine Rechtfertigung für Wiederholungen hat. Da ich ein Tatmotiv suche, muss ich klären: Ist der Täter dumm oder intelligent? Mein zweiter Ansatz ist die Unterscheidung von chaotischen und planmäßig vorgehenden Tätern. Irgendwann verlieren aber auch die Planer die Kontrolle und werden chaotisch. Aber so weit ist dieser Mann vermutlich noch lange nicht.«

»Und werden wir deinen intelligenten Planer fassen können, bevor er im Chaos eine Serie von Mädchenleichen hinterlässt?«

»Du bist ja mindestens so zynisch wie ich, liebe Lena«, erwiderte Tim. »Das steht dir. Lass mich meine Ansätze gegen die bekannten Fakten spiegeln, und wir sehen weiter. Mal was anderes. Hast du jetzt noch Termine, oder sollen wir was trinken gehen und die Besprechung in angenehmerer Atmosphäre fortsetzen?«

»Bedaure«, sagte sie. »Ich bin noch verabredet.«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass, wer immer es auch ist, er es dir besser besorgen kann als ich?«

»Kein Kommentar.«

»Okay. Rufst du mich an, wenn du was Neues hast?«

Lena nickte und warf ihre Tasche über, die an einer Stuhllehne gehangen hatte. »Klar.«

Tim trat auf den Gang vor Lenas Büro. Sie schloss die Tür ab, winkte ihm kurz zu und wandte sich dann ab. Er sah ihr hinterher, als sie den Flur hinunter ging und ihm dabei einen Blick auf ihr attraktives Hinterteil gewährte. Er schüttelte den Kopf. Er war dreiunddreißig Jahre alt, mit einer attraktiven Frau verheiratet und Vater einer wunderhübschen, siebenjährigen Tochter – und trotzdem hätte er Lena jetzt gern gefickt. Tim mahnte sich zur Konzentration. Die beiden toten Mädchen hatten es verdient, dass er sich mehr auf ihren Mörder konzentrierte als auf seine Libido. Seine Frau wahrscheinlich auch.

Er fragte sich, was der Täter in diesem Moment gerade machte. Worüber dachte er nach? Was bewegte ihn, trieb ihn an? Was empfand er, wenn er davon träumte, dass sich seine Hände um den Hals eines Mädchens schlossen? Dasselbe wie Tim, wenn er sich vorstellte, den knackigen Hintern von Lena Berger zu packen, während er in sie eindrang? Warum begehrte er, Tim, was ihm nicht zustand, und warum vernichtete der Mörder, was er begehrte?