Kapitel 48

Das Telefon klingelte, als sie schon fast am Ziel waren. Tims Nerven lagen blank. Der verkrampfte Klumpen in seinem Bauch fühlte sich größer an als sein ganzer Körper.

»Ja?«

»Hier ist Lena. Wir sind in eurer Wohnung. Die beiden sind etwas mitgenommen, aber wohlauf!«

Eine unendliche Last fiel von ihm ab.

»Tim, hörst du?«

»Ja, Lena, ich höre dich. Sind sie unverletzt?«

»Körperlich absolut unversehrt, aber verständlicherweise noch unter Schock. Eine Kollegin kümmert sich um die beiden. Die kleine Moni ist ungeheuer tapfer.«

»Lena, ich bin fast da. Warte auf mich.«

»Natürlich. Was weißt du über den Mann?«

»Habt ihr ihn nicht gefasst?«

»Nein, er war schon weg, als wir kamen. Wer ist es?«

»Er heißt Manfred Jeschke, wohnt im Hahnwald. Die Adresse kenne ich nicht, aber ich habe seine Telefonnummer. Er hat eine Beratungsfirma, aber wie die heißt und wo die ist, weiß ich nicht mehr.«

»Dann sag mir seine Nummer. Den Rest haben wir schnell!«

Tim schaute im Adressbuch seines Handys nach. Dort fand er den Eintrag und nannte Lena die Nummer. Dann fügte er noch hinzu: »Er ist mit einem auffälligen roten Jaguar unterwegs, Modell XJR.«

»Okay, wir greifen ihn uns. Bis gleich!«

Als Lena aufgelegt hatte, lehnte Tim sich erstmals während der Fahrt zurück und atmete tief durch. Für einige unendlich lange Minuten war sein ärgster Albtraum wahr geworden, und nun war er doch an ihm vorübergegangen. Er war so erleichtert und trotzdem immer noch so geschockt, dass sich sein ganzer Körper betäubt und hohl anfühlte.

»Sind sie in Sicherheit?«, fragte Robert Schuster, der das Gespräch ungeduldig abgewartet hatte.

»Ja, es geht ihnen gut. Es ist offenbar nichts Schlimmes passiert.«

»Was für ein Glück, Junge«, sagte der Alte und nahm den Fuß etwas vom Gas.

***


Die letzten Stufen im Treppenhaus eilte Tim mit zitternden Knien hinauf. Die Wohnungstür stand offen. Eine Menge Polizisten waren dort. Er fand Lena unter einer Gruppe schwerbewaffneter Kollegen des Einsatzkommandos.

»Wo sind sie?«, fragte er hastig.

»Im Schlafzimmer, mit einer Kollegin von der Psyche.«

Er schob sich an den Beamten vorbei, die in der Diele herumstanden, und eilte ins Schlafzimmer. Moni sprang von der Bettkante auf und lief ihm entgegen. Sie sagte nichts, schlang nur ihre dünnen Ärmchen um ihn. Tim streichelte ihren vom Weinen heißen Kopf und hielt sie fest. Dabei schaute er Veronika an. Ihre Blicke trafen sich.

Sie hatte sich bislang nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ob seine Reportagen ihn oder gar die Familie einmal in Gefahr bringen könnten. Jetzt traf es sie mit der ganzen Härte, die jene Art von Gewalt mit sich brachte, mit der Tim sich beschäftigte. Sie war nun Teil ihres Lebens geworden. Und er trug die Verantwortung dafür. All das las er in ihren Augen, und er hatte Mühe, ihrem Blick standzuhalten.

Die Frau, die die beiden betreut hatte, kam auf ihn und Moni zu. Sie lächelte die Kleine an und sagte: »Hey, Monika, du wolltest mir doch eben dein Zimmer zeigen. Sollen wir jetzt?«

Tatsächlich löste sich Moni von Tim und nahm die Hand der Frau. Sie verließen gemeinsam das Schlafzimmer, Veronika und Tim blieben allein zurück. Langsam ging er auf sie zu und setzte sich neben sie. Er traute sich nicht, sie zu berühren.

»Was hat er euch angetan?«

Sie sah ihn an, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Stumm schüttelte sie den Kopf.

»Bitte, Vero. Sprich mit mir. Was ist hier geschehen?«

Eine ganze Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Dann lösten sich doch endlich die Worte aus ihrem Mund.

»Er sagte ständig, dass er Antworten suche. Aber ich habe keine Ahnung, worauf. Er redete lauter wirres Zeug von Raupen und Schmetterlingen. Ich habe Angst bekommen und wollte ihn rauswerfen. Da hat er sich Moni geschnappt und gesagt, er würde ihre Entwicklung stoppen oder so was. Dann sagte er, du würdest ihn suchen. Da wusste ich plötzlich, dass er der Mörder ist, hinter dem du her bist. Dann hat er mich gezwungen, mich auszuziehen, und Moni auch. Am Schluss hat er uns aneinander gefesselt. Ich habe gedacht, er bringt uns um. Es war schrecklich. Dann hat sein Telefon geklingelt. Er ist kurz rausgegangen, und dann ist er einfach verschwunden.«

Tim wurde nachträglich übel. Vielleicht hatte sein Anruf die beiden sogar gerettet. Was wollte Manfred denn nur? Auf welche Fragen hätte seine Familie ihm Antworten geben können? Mit der Erleichterung, dass den beiden nichts Schlimmeres passiert war, kehrte die Neugier zurück.

Veronika erzählte weiter: »Dann kamen kurze Zeit später die Polizisten. Es war peinlich, wie sie uns hier nackt gefunden haben, aber ich war trotzdem unendlich froh.«

Tim legte endlich einen Arm um ihre Schulter. »Das kann ich mir vorstellen. Ihr müsst Todesängste ausgestanden haben. Wie hat Moni reagiert?«

»Sie ist so tapfer. Sie hat mich sogar getröstet. Aber sie hat bestimmt einen Schock erlitten. Die Psychologin von der Polizei ist aber sehr nett. Sie hat uns eben sehr geholfen.«

»Das ist gut.«

Lena stand in der Tür und klopfte leise an. »Tim, kann ich dich mal sprechen?«

»Sofort, Lena.«

Er küsste Veronika auf die Stirn, dann sahen sie sich noch einmal tief in die Augen. Er spürte, dass sie es überstehen würde. Dann stand er auf und ging zu Lena.

Sie berichtete: »Wir haben den Zugriff bei ihm zu Hause und in der Firma versucht. Er war nicht dort. Auf dem Firmengelände haben wir seinen Jaguar gefunden. Er ist wahrscheinlich mit einem anderen Wagen von dort weitergefahren. Seine Frau konnte keinerlei Angaben über seinen Verbleib machen. Wir haben ein paar seiner Mitarbeiter aufgetrieben und versuchen jetzt herauszufinden, mit welchem Auto er unterwegs ist. Aber wohin will er? Kannst du mir etwas darüber sagen?«

»Er hat hier irgendetwas gesucht, aber nicht gefunden. Offenbar hat er meine Familie aus einem ganz bestimmten Grund aufgesucht. Aber ich habe keine Ahnung, warum. Ich weiß nicht, was ihn umtreibt.«

Lena sah auf ihren Notizblock. »Was sagen dir die Begriffe Raupe und Schmetterling? Davon hat er hier gesprochen.«

»Nun, Raupe und Schmetterling sind verschiedene Entwicklungsstufen desselben Tieres. Aus der Raupe entwickelt sich der Schmetterling. Moment mal – Vero sagte mir eben, er hätte davon gesprochen, Monis Entwicklung zu stoppen. Vielleicht sieht er junge Mädchen als Raupen?«

»Raupen sind Schädlinge«, spann Lena den Faden weiter. »Vielleicht findet er sie eklig?«

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Er empfindet Lust bei den Mädchen, keinen Ekel. Das passt irgendwie alles nicht.«

Tim schlug sich mit der Hand an die Stirn. Soeben hatte ihn die Erinnerung an das Mädchen in der Kletterhalle durchzuckt.

»Heute im Bronx Rock hat er die kleine Kellnerin als Schmetterling bezeichnet!«

»Was?«, rief Lena. »Du warst heute mit dem Kerl zusammen?«

»Ja. Wir kennen uns seit einiger Zeit, sind ein paarmal zusammen geklettert. Im Nachhinein denke ich, er hat gezielt meine Bekanntschaft gesucht. Unser gemeinsames Hobby war eine günstige Gelegenheit.«

Lena schaute ihn grübelnd an, vielleicht auch zweifelnd. »Aber zurück zu dem Mädchen«, sagte sie dann.

»Wieso bezeichnet er sie als Schmetterling und Monika als Raupe? Ist es der Altersunterschied? Immerhin ist deine Tochter einige Jahre jünger.«

»Warte mal. Er hat Moni nicht als Raupe bezeichnet. Das war nur unsere Interpretation.«

Dann fiel es ihm wieder ein: »Er hat Moni auch als Schmetterling bezeichnet, als er mich hier zum Klettern abgeholt hat!«

Lena schüttelte den Kopf und zuckte mit den Achseln. »Aber wenn die Mädchen beide Schmetterlinge sind, was sind für ihn dann die Raupen?«

»Ich habe keine Ahnung. Diese Symbolik ist zu vieldeutig. Wer weiß, was er damit verbindet. Aber lass uns etwas anderes überlegen. Was hat er bei Vero und Moni gesucht? Und warum hat er sie gezwungen, sich nackt auszuziehen?«

»Erniedrigung, Kontrolle, Macht?«

»Das habe ich spontan auch gedacht. Aber vielleicht wollte er sich auch den Unterschied zwischen einem Mädchen und einer erwachsenen Frau vor Augen führen?«

»Aber, Tim, erstens kennt er das wohl, und zweitens hat er selbst eine Frau und eine Tochter. Die kann er sich jeden Tag ansehen.«

»Aber die sind ihm vielleicht zu vertraut. Was wissen wir über seine Tochter? Gibt’s da was Spezielles?«

»Der Superbulle vom LKA befragt die Familie gerade.« Lena sprach kurz mit einem Kollegen, der ihr wenig später ein Funkgerät reichte. Nach einem kurzen Gespräch war sie wieder bei Tim. »Das Familienleben und die Beziehung zu seinen Kindern scheint unauffällig.«

»Und was ist mit seiner eigenen Mutter? Hat er noch eine?«

Wieder ging Lena beiseite und kam dann eiligen Schritts wieder zurück. »Bingo, Tim! Seine Frau sagt, er kann seine Mutter nicht ausstehen, und die wohnt in Düren. Und zwar in der Nachbarschaft des vor kurzem dort getöteten Mädchens!«

»Das ist es!«, rief Tim. »Schick deine Jungs schnell dahin!«

»Schon unterwegs.« Lena grinste wölfisch. »Wir haben ihn, Tim. Wir haben ihn.«