Kapitel 2

»Papa, liest du mir noch was vor?«

Jeden Abend, wenn er Max zu Bett brachte, stellte der Junge diese Frage. Manfred Jeschke sah sich im Bücherregal um. Da stand nichts, was er nicht schon mindestens zwei- oder dreimal vorgelesen hätte.

»Wir müssen unbedingt demnächst neue Bücher kaufen. Ich weiß wirklich nicht, was ich dir noch vorlesen soll.«

Max strampelte mit den Beinen die Bettdecke fort und drückte so seinen Protest aus. »Du hast doch gesagt, du willst mir mal eine eigene Geschichte erzählen!«

»Die ist aber noch nicht fertig.«

»Dann den Anfang!«

Max war acht Jahre alt und glaubte, dass sein Papa alles konnte, beispielsweise aus dem Stehgreif eine Geschichte zu erzählen.

Manfred holte tief Luft.

»Okay, aber es ist noch nicht viel, und danach wird ohne Protest sofort geschlafen!«

»Juchhu!«, rief Max, aber er beruhigte sich schnell und legte sich in Schlafposition, bevor der Vater es sich anders überlegen konnte.

»Das Märchen vom lieben Gott«, begann Manfred.

»Hä?«

»Unterbrich mich nicht, sonst kann ich mich nicht konzentrieren!«

Max nickte ernsthaft und schloss die Augen als Zeichen, dass er sich von nun an nicht mehr regen würde. Er wusste, dass sein Vater sich schnell aufregte, wenn man ihn in einem Plan störte.

»Wie der liebe Gott die Welt erschaffen hat«, fuhr Manfred fort. »Es war einmal vor langer, langer Zeit, da gab es die Welt, in der wir heute leben, noch gar nicht. Es gab noch keinen Himmel, keine Erde, keine Tiere oder Pflanzen und auch keine Menschen. Noch nicht einmal Luftballons oder Tennisbälle gab es. Da war nur der liebe Gott. Willst du wissen, wie der liebe Gott damals aussah?«

»Wie denn?«

»Nun, das weiß niemand so genau, denn es war ja niemand da, der ihn hätte sehen können! Aber vielleicht sah er ja aus wie ich, vielleicht auch wie Mama, es kann aber auch sein, dass er wie ein Eumel oder wie ein Schuschlik aussah oder wie ein Vrumfondel.«

»Was ist ein Vrumfondel?«

»Keine Ahnung. Stell dir irgendwas vor.«

»Ach so, ein Phantasietier!«

»Genau. Jedenfalls, wenn du den lieben Gott einmal triffst, musst du mir nachher erzählen, wie er aussieht, damit ich es allen Kindern weitererzählen kann. Der liebe Gott war also damals ganz allein, und wie er so dasaß und ganz allein war, dachte er sich, wie schön es doch wäre, wenn es einen Himmel gäbe mit Sonne, Mond und vielen glitzernden Sternen und eine Erde mit vielen Bergen, Wäldern und Wiesen. Und wie der liebe Gott sich diese Dinge so ausdachte, ging es Flatsch! Pardautz! und Rubbeldidupp! – und alles war so, wie der liebe Gott es sich vorgestellt hatte. Und als er sich den Himmel ansah und in einem wunderschönen Wald spazieren ging, dachte er weiter: Wie schön wäre es doch, wenn Rehe im Wald leben würden, auf den Bäumen Vöglein sitzen könnten und kleine Mäuschen im Laub rascheln würden! Und als er sich einen Augenblick später umsah, zwitscherten kleine Vöglein muntere Lieder, eine Eule blinzelte ihm zu und machte freundlich Hu-hu, und plötzlich war alles voller Leben. Es gab auch Wölfe und Löwen, Schmetterlinge und Käfer, Elefanten und Kängurus, und überhaupt alle Tiere, die du kennst. Kannst du dir vorstellen, wie der liebe Gott sich gefreut hat, als er all das Schöne sah, was er geschaffen hatte?«

Max nickte eifrig und sah den Vater erwartungsvoll an.

»Er ging noch eine Weile herum und besuchte die Fische im Fluss, die Pinguine am Südpol und die Wale im Meer. Und als es langsam dunkel wurde und zum ersten Mal der Mond aufging, legte sich der liebe Gott zufrieden und müde unter einen Apfelbaum und schlief ein. Und als er so schlief, träumte er von all den schönen Dingen, die er am nächsten Morgen erschaffen wollte.« Manfred beugte sich über den Jungen und küsste ihn auf die Stirn.

»Das ist eine schöne Geschichte. Geht sie noch weiter?«

Max richtete sich halb auf und umschlang seinen Vater mit seinen kleinen Armen. Manfred drückte ihn fest an sich.

»Klar geht es bald weiter. Aber für heute ist erst mal Schluss. Ich wünsch dir eine gute Nacht. Schlaf gut und träum was Schönes.«

»Du auch, Papa. Genau wie das Vrumfondel!«

Manfred löschte das Licht und schloss die Tür. Bevor er hinunterging ins Wohnzimmer, schaute er noch bei Nadine vorbei, die sich gerade die Zähne putzte und mit Schaum vor dem Mund ein »Gute Nacht« murmelte. Sie konnte allein zu Bett gehen und brauchte keine Geschichte.