Kapitel 4
Manfred kaute genüsslich an einem Stück Tafelspitz, den Claudia wie immer hervorragend zubereitet hatte. Das zarte Fleisch zerging im Munde allein durch sanfte Kaubewegungen, wie man sie bei den rosigen Knospen der aufblühenden Brust eines jungen Mädchens anwenden würde. Es schmiegte sich an Manfreds Gaumen, als er es langsam hinunterschluckte.
»Mama, die Mutter von Tobias nennt alle Menschen, die Fleisch essen, Mörder!«
Manfred lachte. »Mäxchen, willst du deinen Papa auch einen Mörder nennen?«
»Gestern hat man im Königsforst ein ermordetes Mädchen gefunden!« Nadine blickt triumphierend in die Tischrunde, als hoffe sie darauf, den anderen eine spektakuläre Neuigkeit vorauszuhaben.
Claudia schüttelte betroffen den Kopf. »Die Ärmste. Gerade mal dreizehn Jahre alt. Sie haben gemeldet, sie sei ein Lauftalent gewesen und habe beim ASV schon für internationale Wettkämpfe trainiert.«
»Ich hab gehört, dass sie erwürgt wurde.«
Manfred genoss weiter den vorzüglichen Tafelspitz an Apfelkren mit Petersilienkartoffeln und Lauchgemüse. Dabei versuchte er, von allem etwas in den Mund zu schieben, um die Harmonie der Speisen voll und ganz auszukosten. Nebenher amüsierte er sich über Max. Der ging mit Messer und Gabel um, als gelte es, ein Rind zu schlachten und nicht etwa ein zartes Stück Fleisch zu schneiden. Dann wieder Nadine, die sich wortlos, dafür mit umso drastischerer Mimik über den Apfelmeerrettich beschwerte, den sie nicht mochte. Nach Claudias Dafürhalten gehörte er aber unbedingt zum Tafelspitz dazu. Normalerweise wäre dieses Mittagessen der Auftakt für einen beschaulichen Nachmittag im Kreise der Familie, dachte Manfred. Vielleicht ein Kurzausflug ins Bergische Land bei dem herrlichen Frühlingswetter. Doch heute musste er noch arbeiten. Schon am nächsten Samstag erwartete ihn sein Schweizer Kollege Beat Ruedi im Wallis zu einer Klettertour. Bis dahin wollte er ein gehöriges Arbeitspensum vorlegen, um ein dringendes Projekt abzuschließen. Mit den letzten Bissen murmelte er etwas dahingehend. Claudia zeigte sich enttäuscht. Manfred hörte ihr nicht wirklich zu, als sie von seinen ständigen Extratouren ins Gebirge redete, dass man noch weniger von ihm hätte wegen der Arbeit und so weiter. Er ließ sich seine gute Laune nicht verderben, dankte ihr für das hervorragende Essen und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Aus Höflichkeit verlor er im Aufstehen noch ein paar Worte zu dem Projekt: Komplexe Workflow-Analyse bei einem in Aachen ansässigen Versicherungshaus sei ohne seine Mitarbeit nicht zu machen. Claudia redete immer weiter, auch Nadine gab etwas von sich, aber Manfreds Bedarf an Kommunikation war gedeckt. Sein Kopf schmerzte etwas.