Kapitel 23
»War das unser Mörder?« Lena schaute Tim von ihrem Schreibtisch aus an, als sei sie sicher, dass er die Antwort kannte.
»Lass uns einmal die Fakten klären«, begann er, um etwas Zeit zu gewinnen und seine Gedanken zu ordnen. »Bei dem Opfer handelt es sich um ein fünfjähriges Mädchen, dessen Mutter in der Eifel eine stationäre Rehabilitation macht. Die Leiche wird unweit der Klinik im Wald gefunden, erhängt an einem Baum mittels ihrer Strumpfhose. Der Tod tritt durch Strangulation ein. Es finden sich keine Spuren sonstiger Gewalteinwirkung oder sexuellen Missbrauchs an der Leiche. Ich glaube nicht, dass das unser Mann war, Lena.«
»Wieso? Der Tatort ist auch im Wald, etwa zwei Autostunden von Köln entfernt. Das Opfer ist wieder ein Mädchen, und wieder keine Vergewaltigung. Warum also nicht?«
»Es gibt einige wesentliche Unterschiede: Erstens ist das Opfer zu jung für unseren Mörder. Er steht offenbar auf Mädchen, die sich an der Schwelle zur Frau befinden. Hier haben wir es mit einem Kleinkind zu tun, eine völlig andere Zielgruppe. Zweitens sind die beiden Kölner Mädchen erwürgt worden und nicht erdrosselt, das ist ein gewaltiger Unterschied. Unser Mann benutzt seine Hände, während hier ein typischer Kleiderfetischist am Werk war. Erdrosseln mit einem intimen Kleidungsstück des Opfers, hier bei dem kleinen Mädchen die Strumpfhose, bei älteren Opfern oft auch der Büstenhalter, ist eine ganz eigene Vorgehensweise bei sexuell motivierten Gewaltverbrechen. Das stimmt einfach nicht überein. Drittens sind hier keinerlei offensichtliche Spuren zu erkennen, wie du sagst. Unser Mann hat sich bis jetzt keine Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen. Warum sollte er jetzt damit anfangen?«
»Lerneffekt?«
»Unter anderen Umständen vielleicht, aber hier glaube ich nicht daran. Ich rechne zwar damit, dass er seine Vorgehensweise verändern wird, aber nicht auf diese Art. Dies ist keine Entwicklung, sondern etwas völlig anderes.«
Lena ging unruhig auf und ab. »Ich kann das einfach nicht glauben. Wer macht denn so was? Stell dir nur die Mutter vor, die ihr Kind sucht und es dann tot findet, aufgeknüpft an der eigenen Strumpfhose!«
Dieses Grauen empfand man immer wieder. Man hatte keine Chance, sich dagegen zu wehren. Außer man stumpfte ab und verlor die Sensibilität, die man aber unbedingt brauchte, um das Motiv des Mörders zu erfassen und den Fall zu lösen. Tim konnte Lenas Frustration nichts entgegensetzen. Es gab keine Hinweise, keine Verdächtigen. Es schien keine Verbindung der Opfer zu dem Täter zu geben. Es blieb nur die Hoffnung, dass irgendetwas geschah, was sie dem Mörder näher brachte.
»Tim, du achtest doch darauf, was du veröffentlichst? Wenn auch dieser Mord keine rasche Aufklärung findet, gerate ich mehr und mehr unter Beschuss.«
»Bist du denn in die Ermittlungen dieses Mordes einbezogen?«
»Nein, und es ist gut möglich, dass das LKA eine übergeordnete Sonderkommission bildet. Dann trete ich ins zweite Glied. Kannst du nicht an dem Eifelmord dranbleiben und dich ein bisschen in der Klinik umhören?«
»Gern, aber ich werde mich da nicht voll reinhängen. Erstens glaube ich nicht an einen Zusammenhang. Zweitens sitzt mir mein Agent im Nacken wegen der Tibet-Reportage, die ich abschließen muss. Da hängt ’ne Menge Geld dran.«
Lena zuckte mit den Schultern. »Irgendwie wird es schon weitergehen.«
Tim war sich sicher, dass es weitergehen würde, aber er rechnete mit allem anderen als mit einer positiven Entwicklung.