Kapitel 42
Der nervige Taxifahrer hatte es endlich aufgegeben, ihm ein Gespräch aufzwingen zu wollen. Er beschränkte sich aufs Fahren, redete dafür jedoch unsinnigerweise ständig mit dem einen oder anderen Verkehrsteilnehmer, als könnten die ihn hören.
Manfred hatte eine unnötige Nacht in einem überteuerten Hotelzimmer verbracht, schlecht geschlafen und nicht gefrühstückt. Was er jetzt am allerwenigsten vertragen konnte, war ein fremder Mensch, der allerlei Inhaltsloses schwatzte. Zum Glück hatte er sich auf die Rückbank gesetzt. Auf dem Beifahrersitz wäre er wahrscheinlich ein völlig hilfloses Opfer dieser nervtötenden Redseligkeit oder aber gewalttätig geworden. So hatte er etwas mehr Distanz, doch dafür sah er ständig den Hinterkopf des Fahrers vor sich. Wäre es nicht seinem Ziel hinderlich gewesen, so schnell wie möglich zum Flughafen zu kommen, hätte er die größte Lust gehabt, irgendeinen harten Gegenstand auf diesen Schädel zu schmettern und dem Geplapper ein Ende zu machen.
Als das Taxi endlich am Flughafen hielt, hatte Manfred sich alle für den finalen Schlag in Frage kommenden Gegenstände in Handhabung und Wirkung ausgemalt. Er ließ sich eine Rechnung über den exakten Betrag ausstellen und beglich diese auf den Cent genau. Dann betrat er das Gebäude. Es war kurz vor sieben. Das Hotel hatte gestern für ihn den Flug um 07.45 nach Köln gebucht. Also hatte er genug Zeit, um am Schalter das alte Ticket in Ruhe gegen ein neues zu tauschen. Diese Formalität sollte schnell erledigt sein.
Er trat an den Lufthansa-Schalter. Die Frau in der blauen Uniform fragte ihn nach seiner Reservierungsnummer. Die interessierte ihn aber überhaupt nicht, da es im System doch eine Umbuchung für ihn geben musste. Er nannte ihr seinen Namen und den Flug, auf den er gebucht war. Sie erklärte im Gegenzug etwas, was er nicht verstand. Irgendwie erhielt er dann endlich einen Abschnitt, auf dem ein Flug, eine Abflugzeit und ein Gate gedruckt waren. Er empfand einen unbändigen Hass auf diese Frau. Uniformierte Weiber waren ihm ohnehin ein Greuel. Er hatte noch zwanzig Minuten Zeit bis zum Check-In und schlenderte durch die Halle. Neben den typischen Businessfliegern warteten offenbar auch eine Reihe von Urlaubern auf ihre Maschinen. Es waren fast ausnahmslos Paare, da keine Ferienzeit. Eine Familie fiel Manfred dennoch auf. Die Eltern gaben gerade ihr Urlaubsgepäck auf, während die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, in der Halle herumliefen. Als die Mutter sich kurz umdrehte und den Kindern in englischer Sprache zurief, sie sollten sich nicht zu weit entfernen, klärte sich damit die Frage nach dem Urlaubsflug außerhalb der Ferien.
Jetzt hielt sich das Mädchen die Hände vors Gesicht und zählte, während ihr Bruder davonlief, wohl um sich zu verstecken. Dann öffnete sie die Augen und begann den Jungen zu suchen. Der hatte sich nicht sehr clever angestellt. Manfred hörte bald das helle Lachen des Mädchens, das ihren Bruder hinter einem Ticketautomaten aufgespürt hatte. Nun war sie an der Reihe, sich zu verstecken. Während der Junge die Augen schloss, sah Manfred ihr nach, wie sie in einem Gang verschwand. Während ihr Bruder noch zählte, folgte Manfred ihr. Er konnte gerade noch sehen, wie sie durch eine offen stehende Tür lief und diese hinter sich schloss. Als er dort ankam, stellte er fest, dass es sich um einen Technikraum handelte, der normalerweise unzugänglich sein sollte. Er öffnete die Tür und trat ein. Eine Menge Aggregate füllten den Raum. Ein ständiges Summen sowie der Geruch nach Schmierstoffen lagen in der Luft. Dann ihr helles Lachen, laut und fröhlich, als sie glaubte, ihr Bruder habe sie entdeckt. Als sie Manfred sah, wurde sie still, sah ihn aber offen und freundlich an. Manfred fand sie sehr hübsch, noch nicht so fraulich wie die Kleine aus Düren. Aber ihre Augen waren klug und klar. Sie strahlte eine unschuldige Reinheit aus, von der er jetzt genau wusste, dass sie sie niemals verlieren würde. Bevor sie Angst bekommen konnte, war er mit einigen schnellen Schritten bei ihr. Er spürte ihren warmen Atem an seiner Hand. Was für ein glückliches Zusammentreffen das doch war. Sie verstanden sich ohne Worte. Es dauerte nicht lange, und sie hing ruhig in seinen Armen. Wieder gab es Blut.
Ihr Höschen lag auf dem Boden. Manfred konnte sich nicht erinnern, wie es dorthin gekommen war. Doch das war ihm nun gleichgültig. Damit konnte er sie beide säubern. Er bettete sie in eine Ecke hinter eine Kiste, damit sie nicht sofort entdeckt werden würde. Dann ging er hinaus. Niemand hatte ihren Liebesakt bemerkt. So hatten sie noch etwas Zeit. Sie, die hier bleiben konnte, und er, der im Flieger sein musste, bevor sie gefunden wurde. Auf dem Weg zum Terminal ging er noch kurz in eine Toilette und wusch sich die Hände. Eine Wunde an seiner Linken. Sie hatte ihn gebissen, die kleine Wilde. Beim Einchecken hörte er ihre Eltern nach ihr rufen. Lisa hieß sie. Als er mit den anderen Fluggästen zum Shuttlebus ging, war er sicher, dass man sie nicht vor seinem Abflug entdecken würde. Sie war ein kluges Mädchen und hatte ein sicheres Versteck gewählt.