Kapitel 19
Es war ein warmer, sonniger Tag. Manfred absolvierte auf seinem Lieblingsweg den üblichen Verdauungsspaziergang nach dem Essen. Der Pfad beschrieb eine weite Runde in den Wald hinein und später an Wiesen und Feldern vorbei. Er führte den Spaziergänger weit genug vom Haus weg, um die gehfaulen Alten mit ihren künstlichen Hüften abzuschrecken.
Er war nun seit zwei Wochen in dieser Klinik, und es reichte. Die Therapeuten erschienen ihm inkompetent und nicht in der Lage, mit einem hochintelligenten und leistungsfähigen Menschen wie ihm umzugehen. Alles war auf die Mumien ausgerichtet, die völlig unmotiviert, wehleidig und ohnehin zu nichts mehr nütze waren. Ein Unternehmer, der seine Firma nicht unnötig lange allein lassen wollte, gehörte nach Manfreds Empfinden nicht zur Zielgruppe. Das Hirnfunktionstraining erschöpfte sich in Kettenrechnen wie in der Grundschule und ein paar Computerspielen, die er albern fand. Die sportlichen Übungen waren für Scheintote gedacht, und das ganze Ambiente entsprach eher einem Altenpflegeheim als einer Rehabilitationseinrichtung. Rehabilitation für was – die Rente? Kontrollierte Verwesung?
Auch ein Gespräch, das er an diesem Vormittag mit dem Stationsarzt gehabt hatte, war nicht fruchtbar gewesen. Man schien hier auf jemanden wie ihn einfach nicht eingerichtet zu sein. Es war Donnerstag, morgen würde er die Klinik verlassen. Darauf hatte er sich mit dem Arzt geeinigt.
Ulrike war nicht zu ihm gekommen an jenem Abend, als sie sich verabredet hatten. In den darauffolgenden Tagen waren sie zwar regelmäßig zusammengetroffen, zum Spazierengehen oder auch zu einem Kaffee. Ansonsten nahm Ulrike mit ihrer Tochter an diversen Spieleveranstaltungen teil, von denen Manfred sich grundsätzlich fernhielt.
Es war auch nicht so, dass er unbedingt mit dieser Frau hätte schlafen müssen. Sie interessierte ihn ohnehin mehr in ihrer Eigenschaft als erwachsene Ausprägung ihrer Tochter. Die Kleine übertraf ihre Mutter an Ausstrahlung bei weitem.
In diesem Moment kam der blonde Engel um die Ecke geradelt. Es war tatsächlich Eva auf einem Kinderrad, und sie strampelte munter drauflos, Manfred entgegen. Sie hielt lachend auf ihn zu und wollte ihn wohl überfahren. Zum Spaß ging er darauf ein, bremste ihre Fahrt ab, indem er mit beiden Händen ihre Lenkstange fasste. Dann ließ er sich zu Boden sinken, einen überfahrenen Fußgänger mimend. Die Kleine hatte einen Heidenspaß und lachte fröhlich und laut.
»Mein Po, du hast meinen Po plattgefahren!«, rief er mit weinerlicher Stimme, und sie lachte noch mehr.
»Wo hast du denn das Fahrrad her, mein Schatz?«, frage er sie.
»Das hat Oma mitgebracht!«
Eva wies mit ihrem kleinen Zeigefinger hinter sich, wo gerade zwei Frauen um die Ecke schlenderten. Die eine der beiden Frauen war Ulrike. Beim Anblick der anderen stockte Manfred der Atem. Als die beiden näher kamen, überfiel ihn ein Gefühl des Ekels. Seine Kehle war zugeschnürt. Diese Frau war absolut unverkennbar die Großmutter der kleinen Eva. Dieser Anblick ließ ihn schaudern. Es war ein und dasselbe Gesicht, jedoch vom Alter gezeichnet und ins Ekle verkehrt. Manfred fragte sich, wie er nur so dumm hatte sein können, zu glauben, es gäbe eine Ausnahme von der Perversion des Weibischen. Er betrachtete diese faltige, verwelkte Fratze mit den Triefaugen und dem Eidechsenhals. Dazu das schüttere Haar und der Monstermund, verzerrt durch den deutlich sichtbaren Zahnersatz. Hier sah er mit einem Schlag das Schicksal seiner kleinen Eva. Die saß immer noch lachend vor ihm auf dem Rädchen und war in ihrer kindlichen Freude die fleischgewordene Schönheit selbst.
Manfred stand auf und streichelte ihr noch mal übers Haar. Dann ging er langsam davon, sich ein angedeutetes Lächeln in Ulrikes Richtung abringend. Er versuchte so unbeeindruckt wie möglich weiterzuspazieren und war froh, als er um eine Ecke bog und sich dort niemand weiter aufhielt. Sein Atem ging schwer, die Brust war wie zusammengequetscht. Schweiß brach ihm aus. Er war unendlich wütend auf sich selbst. Wie hatte er sich nur so von der zarten Schönheit dieses engelsgleichen Kindes und der Jugendlichkeit ihrer hübschen Mutter blenden lassen können? Er schalt sich selbst einen Dummkopf. Wie betäubt ging er weiter. Sein Hemd klebte ihm am Leib. Er musste so schnell wie möglich in sein Zimmer und unter die kalte Dusche. Zurück zu souveränem Verstand, der ihm jetzt kaum zur Verfügung stand, hinaus aus der trügerischen Wärme dieses Sommertages. Er beschleunigte seinen Schritt, strebte der Klinik zu, hinein in den Gang und schnell auf sein Zimmer. Rasch war die 209 erreicht, mit zittrigen Fingern den Schlüssel im Schloss gedreht und hinein.
Als er die Tür hinter sich zudrückte, konnte er schon etwas freier atmen. Es dauerte nicht lange, die wenigen Kleidungsstücke abzulegen. Endlich stand er in der Duschkabine und drehte den Kaltwasserhahn auf. Kurz stockte ihm nochmals der Atem, aber nun war es ein wohliges Frösteln. Das kühle Nass entzog seinem überhitzten, verklebten Körper die unangenehme Glut und gab ihm die Frische zurück, die er so nötig brauchte. Der Schock schien überstanden. Er verzieh sich nun, dass er im Zustand der Schwäche eine solche Fehleinschätzung hatte begehen können. Er war nun einmal nicht im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte, insofern wurde ihm sein blindes Verrennen in diese schöne Illusion verständlich. Wer hätte denn nicht gern, dass alles ganz anders wäre, dass man manche Dinge nicht tun müsste? Dass der Kelch an einem vorüberginge? Aber die Dinge waren, wie sie waren, und niemand würde daran etwas ändern. Das Schicksal machte keine Ausnahme. Je mehr das Wasser ihn abkühlte, desto klarer stand ihm diese Wahrheit vor Augen. Ein Mann konnte nicht für immer im ewigen Eis der hohen Berge verweilen, es sei denn im Tod. Ebenso wenig konnte ein Mädchen es ohne seine Hilfe verhindern, sich vom Schmetterling in die faltige Raupe zu verwandeln.
Das Schicksal machte keine Ausnahme.