Kapitel 16

Einhundertundvierzig Pulsschläge und fünfundsechzig Umdrehungen pro Minute bei einhundert Watt Leistung.

Das waren Manfreds Parameter in der sechsten Minute des Ausdauertrainings. Er strampelte an einem computergesteuerten Fahrradergometer. Station Nummer sieben. Wie für alle anderen Fahrräder auch wurden die aktuellen Messdaten des aufsitzenden Patienten auf einem eigenen Bildschirm angezeigt. Sein Blutdruck, vor einer Minute gemessen, hatte einhundertunddreißig zu fünfundneunzig betragen. Ein vollkommen normaler Wert. Sein subjektives Belastungsempfinden hatte er wahrheitsgemäß mit zwei bis drei angegeben. Das bedeutete auf der hier angewandten Skala leichte bis mittlere Anstrengung.

Die kleine Oma auf der Eins wurde gerade zum wiederholten Mal nach ihrer Einschätzung befragt. Sie antwortete zum x-ten Mal mit »Ja, es ist gut«. Der Sporttherapeut trug lächelnd eine beliebige Zahl in den Patientenbogen ein. Manfred hatte die Alte seit seiner Ankunft beinahe täglich bei dieser Anwendung beobachtet. Sie hatte aber immer noch nicht verstanden, dass sie zur Beurteilung ihres Belastungsempfindens einen Wert auf einer vorgegeben Skala benennen sollte. Diese Skala hing in Form eines quadratmetergroßen Posters direkt vor ihrer Nase. Doch da waren Hopfen und Malz verloren, dachte Manfred verächtlich. Den fetten, stinkenden Ausländer links neben ihm fragte schon gar keiner mehr. Er verstand nichts außer Dingen, die so konkret waren, dass man sie mit einem kurzen Fingerzeig verdeutlichen konnte. Dinge wie beispielsweise Setz dich aufs Rad, Fang an zu treten und Schluss für heute. Manfred fragte sich, warum die Gesellschaft Geld für solche Subjekte aufwendete. Die arbeitende Bevölkerung bezahlte dafür, er bezahlte dafür, dass der Stinker neben ihm etwas gesünder zurück vor den Fernseher kam oder dass die Oma noch ein Jahr länger Rente bezog.

Und Manfred musste sich mit diesen Leuten in eine Gemeinschaft begeben. Wenn man nicht krank war und sein normales Leben wie gewohnt gestalten konnte, bemerkte man eigentlich gar nicht, mit welchen Menschen man gemeinsam die sogenannte Gesellschaft bildete. Man blendete die Siechen, die Alten, die Dämlichen und die Asozialen einfach aus seinem persönlichen Erfahrungsbereich aus. Ihr Dasein verblasste damit zu einem abstrakten Wissen um ihre Existenz. So wie man auch wusste, dass es den Planeten Pluto gab. Doch hier strampelte Manfred mit ihnen gemeinsam beim Ergometertraining. Man kontrollierte aus Langeweile gegenseitig stumm seine Vitalfunktionen, aß in einem Raum, und man spielte sogar gemeinsam Ball. So geschehen an diesem Vormittag beim Koordinationstraining. Manfred hatte sich gezwungen gesehen, mit einer Seniorenrunde in der Turnhalle der Klinik umherzugehen, ihnen Gymnastikbälle zuzurollen oder gegen Ende sportlicherweise gar zuzuwerfen.

Es war entsetzlich gewesen.

Anschließend hatte er sich beim Hirnfunktionstraining mit seiner Therapeutin gestritten. Wie sinnvoll war es, ihn Kolonnen von Additionen und Multiplikationen rechnen zu lassen? Er hatte die Sitzung abgebrochen und unverzüglich den Stationsarzt aufgesucht. Mit diesem Menschen durfte er sich dann ergebnislos weiterstreiten. Was sollte das alles bringen?

Dabei hatte er ein schönes Wochenende zu Hause verbracht. Er hatte sich viel mit Max beschäftigt. Sie hatten seine neue Autorennbahn aufgebaut und stundenlang gespielt. Beim Abschied am Sonntagabend hatte der Kleine ihm das Versprechen abgenommen, dass er am nächsten Wochenende das Märchen vom lieben Gott fortführen würde. Manfred musste sich also im Laufe der Woche etwas einfallen lassen. Er hatte Rolf gesagt, dass die Versicherungsleute noch mindestens eine Woche ohne ihn würden auskommen müssen. Rolf hatte ihm versichert, dass er das Team persönlich leiten würde, um das Projekt ohne ihn fortzuführen. Das war ihm auch ganz recht. Er hatte schon mehrfach angesetzt, um die Unterlagen zu bearbeiten, und musste jedes Mal feststellen, dass ihm das alles viel zu lästig war. Er fühlte sich für so etwas zurzeit nicht aufgelegt. Außerdem brauchte er ohnehin einmal etwas Urlaub. Obwohl er sich in dieser Klinik nur ärgerte, war damit in gewissem Sinne doch eine Erholung von der stressigen Arbeit verbunden.

Die Tür ging auf. Vermutlich schon wieder eine Oma, die die Zeit auf ihrem Anwendungsplan nicht richtig hatte lesen können und jetzt fragte, ob sie noch mitmachen musste. Doch nein. Stattdessen schob sich ein kleiner Blondschopf durch den zögerlich geöffneten Türspalt und lugte verschmitzt in die Runde strampelnder Menschen.

»Moppelchen, geh doch bitte weiter. Hier beißt dich keiner.«

Diese Stimme gehört der jungen Frau, die hinter dem blonden Engel stand und die Tür nun ganz aufmachte. Die beiden kamen näher. Die Kleine schaute lächelnd von einem zum anderen. Ihre Mutter ging zu der Theke, hinter der die beiden Therapeuten saßen und die Steueranlage bedienten.

Sie redete mit den beiden. Offenbar war sie zum ersten Mal da und noch etwas orientierungslos. Die Kleine war ein Kind ohne Ängste und Komplexe. Sie begann sofort, die anwesenden Erwachsenen zu mustern. Von überall her erhielt sie natürlich ein Lächeln zurück. Sie wusste sicher, dass sie Everybody’s Darling war. Das Mädchen sah Manfred an und zeigte ihm, dem strampelnden schwitzenden Patienten, ihren Teddy. Sie erschien ihm so zauberhaft, dass er ihr die Koketterie sofort verzieh.

Ihre Mama wurde auf das freie Gerät zu seiner Rechten gewiesen. Ein knackiges, burschikoses Mädel mit kurzen, schwarzen Haaren und rehschlankem Körper, im T-Shirt kleine, niedliche Hügel, die man kaum als Brüste bezeichnen konnte. Ihre Augen blitzten Manfred unternehmungslustig an, während er von ihr zu ihrer Tochter schaute.

»Hallo«, sagte sie lächelnd und versuchte etwas unbeholfen, die Sensoren des Pulsüberwachungssystems an ihrem Körper anzubringen. Manfred antwortete ebenfalls mit einem Hallo. Dann reichte er ihr das Kontaktspray, das an seinem Fahrrad in einem Flaschenhalter hing, und machte eine durchaus witzige Bemerkung über Kontakte und wie man sie erleichterte.

Sie lachte und nahm ihm das Spray aus der Hand. »Danke, ich hab sonst keine Kontaktprobleme!«

Offenbar hatte sie das wirklich nicht. Immerhin war der kleine Blondschopf, der munter vor Manfred hin und her hüpfte, ein sichtbarer Beweis ihrer Kontaktfreude. Diese Bemerkung verkniff er sich allerdings.

»Ich heiße Ulrike«, sagte sie und begann, in die Pedale zu treten.

Manfred nannte seinen Namen und schaute dabei das Mädchen an.

»Ich bin die Eva«, antwortete die Kleine vorwitzig. Sie hockte sich in Kindermanier auf den Fußboden, ihr kleiner Popo über den Fersen hängend und die Knie auseinander. Unter dem Rock wurde ein Höschen mit bunten Motiven von Käpt’n Blaubär und Hein Blöd sichtbar.

Ihre Mama versuchte derweil, in den Rhythmus zu kommen.

»Herr Jeschke, was ist mit Ihrem Puls los?« Die Frage des Therapeuten ließ Manfred aufschrecken.

»Was?«

Er schaute auf seine Bildschirmanzeige. Die Herzfrequenz lag bei einhundertundsiebzig. Dann lächelte er den jungen Mann hinter dem Tresen an und sagte: »Das haben Sie nun davon, wenn Sie so ein attraktives Mädel neben mir schwitzen lassen!«

Allgemeines Gelächter im Raum. Auch Ulrike lachte ihn mit etwas geröteten Wangen und blitzenden Augen an. Die Kleine freute sich sichtlich, dass alle Erwachsenen gute Laune hatten. Sie kugelte sich über den Boden und streckte Manfred ihren Po entgegen, von wo aus drei kleine Bärchen ihn angrinsten.

»Wir setzen Sie mal auf neunzig Watt herunter, Herr Jeschke.«

Manfred nickte es ab. Nun versuchte er, besonders tief und intensiv zu atmen. Er musste den Puls wieder herunterdrücken. Er fand das sehr ärgerlich.

»Ist ja irre«, meinte neben ihm die jungenhafte Ulrike.

»Runter auf neunzig Watt, und ich kämpfe mich mit fünfzig ab.«

Manfreds Ärger verstärkte sich. Vermutlich wollte sie ihn jetzt trösten. Offenbar gehörte sie zu der Sorte Frau, die sich der Leistungsdominanz der Männer freiwillig unterwarf und dadurch Boni sammelte. Wahrscheinlich gab sie beim Sex auch vor, gerne Ejakulat zu schlucken. Vielleicht mochte sie es sogar wirklich.

Das kleine Blondchen spielte derweil unverdrossen auf dem Boden mit ihren mitgebrachten Utensilien. In dem Blick, der aus den wasserhellen blauen Augen des Mädchens strahlte, erkannte Manfred den Glanz der unverdorbenen Natur. Ein wunderschönes Zeugnis der gelungenen Schöpfung. Dabei schien sie besonders begnadet. Ihre Mutter war der sichtbare Beweis für die Resistenz dieser Schönheit gegen den grundsätzlich unvermeidlichen Prozess der Verraupung. Manfred hatte noch niemals ein Mädchen von solch atemberaubend vollendeter Schönheit gesehen. Er fragte sich, ob es womöglich doch sein konnte. Erreichte dieses engelsgleiche Wesen vielleicht niemals die Schwelle, an der der Schmetterling seine Anmut verlor und den Weg alles Menschlich-Weiblichen ging? Konnte es das geben? Dieses Mädchen jedenfalls hatte noch Jahre, bis die Natur über ihr weiteres Schicksal entscheiden würde.

Derweil erwies sich ihre Mutter als recht gesprächig. Manfred warf hin und wieder ein Wort ein. Sie nahm es auf und plapperte etwas dazu Passendes. Hin und wieder riss er sich von dem Anblick ihrer Tochter los, sah Ulrike an und wunderte sich, wie intensiv die hellblauen Augen, die denen des Mädchens exakt glichen, mit den dunklen Haaren korrespondierten. Ohne Zweifel eine durchaus attraktive Frau.

Puls einhundertachtundvierzig, alles war im grünen Bereich. Der Widerstand der Pedale ließ nach. Das Programm fuhr in den Cool-Down-Bereich. Jetzt strampelten alle fast im Leerlauf. Manfred argwöhnte, dass das deshalb geschah, damit die lebenden Leichen nicht zu abrupt ins Nichtstun absackten und damit ihren Kreislauf endgültig ins Nirwana beförderten. Die Omi auf der Eins war immer noch damit beschäftigt, die ständig von ihrer schrumpeligen Haut abfallenden Saugnäpfe der Pulssensoren wieder aufzusetzen. Den Hinweis der Therapeutin, dass die jetzt eh nicht mehr benötigt wurden, ignorierte sie. Manfred beobachtete voller Verachtung, dass man ihr die Dinger wegnehmen musste.

Die kleine Eva war derweil wieder aufgestanden und lief Runde um Runde um das Fahrrad ihrer Mutter herum. Ihr Kleidchen streichelte ständig Manfreds Bein, wenn sie an ihm vorbeikam.

Währendessen sprach Ulrike gerade von ihrem Therapieplan. Sie fragte Manfred nach dem seinen, ob sie wann was zusammen hätten und so weiter. Es kam ihm irgendwie wie ein Date vor. Er hörte sich selbst von gemeinsamem Kaffee und Kuchen bzw. Kakao und Eis für die Kleine im Dachcafé sprechen. Als das Training beendet war und alle etwas gesäßsteif den Raum verließen, hatte er sich mit Ulrike für den Nachmittag verabredet.