Kapitel 49

Er drückte auf den Klingelknopf, einmal lang, einmal kurz, dann noch einmal lang. Das Klingelzeichen aus Kindertagen, das seiner Mutter immer signalisiert hatte, dass kein Fremder an der Tür war, sondern ihr Manni.

Er kam nach Hause.

Mama schlief wohl, es war mitten in der Nacht. Er wartete etwas und klingelte noch mal. Das Licht ging an. Er sah es durch die Schlitze der Rollläden. Jetzt war sie wach. Sicher wusste sie, dass er es war. Er drückte gegen die Tür, bis der Öffner betätigt wurde und sie aufging. Dann betrat er den Hausflur. Mama stand in der geöffneten Wohnungstür, den Morgenmantel schief über das Nachthemd gelegt. Sie lächelte und sagte etwas. Er konnte sie nicht verstehen. Es rauschte so laut in seinen Ohren. Er war sehr müde. Das spürte er erst jetzt, als er diesen langen, dunklen Flur durchschritt. Unwillkürlich schaute er hoch zur Decke und suchte die Ecken nach einem Spinnennetz ab. Mama trat beiseite, damit er hereinkommen konnte.

Sie roch nach altem Weib.

Er ging durch die Diele ins Wohnzimmer. Dort setzte er sich aufs Sofa und nahm den Platz ein, der im Zentrum des Zimmers mit dem direktesten Blick auf den Fernseher aufwartete. Der Männerplatz, wie Mama ihn immer genannt hatte. Er war sicher, dass hier sein Vater gesessen hätte – wenn es ihn gegeben hätte. Das war sein Platz, er war es immer gewesen. Bis heute. Nun saß er da, als wäre er niemals fortgegangen.

Mama sagte etwas. Jetzt verstand er es auch.

»Wie schön, dass du gekommen bist, mein Junge. Aber um diese Zeit?«

»Ja, es ist Zeit«, antwortete er leise. Er hatte das sichere Gefühl, hier Antworten auf die Fragen zu finden, die sich aufgetan hatten. Dabei war es weniger seine Mutter, von der er sich etwas erhoffte, als vielmehr diese Wohnung, in der die Zeit gestorben zu sein schien.

Sie murmelte etwas von Kaffee machen und verschwand in der Küche. So konnte er in Ruhe die Regalwand hinter dem Fernseher betrachten. In diversen Nischen standen Bilder aus einer Kinderzeit, die von einem früheren Leben berichteten, das nicht das seine gewesen sein konnte. Dieser magere, unscheinbare Junge war ihm völlig unbekannt. Es handelte sich jedoch dabei angeblich um seine Person. Die Fotos befremdeten ihn in ihrer Buntheit. Eigentlich hätten sie ihre Lügen aus grauer Vorzeit in Schwarzweiß verbreiten müssen. Manfred erinnerte sich daran, als Kind gedacht zu haben, die Farbe sei erst nach dem Krieg in die Welt gekommen. So, als hätte alles schwarzweiß sein müssen, solange man es nicht mittels Colorfilm ablichten konnte. Natürlich war er selbst lange nach dem Krieg geboren worden. Die bunten Bilder waren also trotz seines gegenteiligen Eindrucks folgerichtig.

War damals schon klar, dass er einmal sieben Mädchen würde töten müssen?

Mama kam wieder zurück.

»Warum nur bist du all die vielen Jahre nicht mehr nach Hause gekommen? Ich bin doch so stolz auf dich.«

»Worauf bist du stolz, Mama?«

Sie schaute ihn kopfschüttelnd an, so als sei die Frage völlig unverständlich. »Schau doch, was du erreicht hast! Die große Firma und all das.«

Er wollte nicht weiter darauf eingehen. Das Thema interessierte ihn nicht.

Als er nicht antwortete, sprach sie weiter. »Und wir haben doch damals nichts Unrechtes getan.«

Er wusste nicht, was sie meinte. »Sag mir, haben wir zwei hier immer allein gelebt?«

»Aber ja, das weißt du doch!«

»Nein, Mama, das weiß ich nicht. Ich kann mich an kaum etwas von früher erinnern. Haben wir immer hier gewohnt?«

Sie lächelte ihn an und strich sich das aus der Façon geratene Haar zurück. »Wir sind hierher gezogen, als du noch nicht laufen konntest. Hier bist du aufgewachsen. Wir hatten ein schönes Leben, wir zwei. Das war die glücklichste Zeit meines Lebens. Du warst ein so süßer kleiner Kerl. Und wir haben uns immer gut verstanden. Auch als du älter wurdest.«

Er versuchte sich zu erinnern – ein kleiner Junge und seine Mama. Doch je angestrengter er nachdachte, desto mehr kam er sich vor wie ein Autofahrer, der nachts bei dichtem Nebel mehr sehen will und dafür das Fernlicht einschaltet.

Sie erzählte weiter. Schon wieder war da dieses Rauschen, das ihre Stimme übertönte. Ihr Gerede drang nur in Fetzen zu ihm durch. Er schluckte, um den Druck in den Ohren zu vermindern. Jetzt hatte er schon wieder den schleimigen Geschmack von Milch im Mund.

»Was ist mit dem Kaffee?«, fragte er durch das Rauschen hindurch.

Sie sprang auf und ging erneut in die Küche. Dabei schwatzte sie ständig in einem fort.

Ihm war übel. Er musste wirklich einmal seinen Magen untersuchen lassen. Mama kam mit zwei Tassen zurück. Schwarzer Kaffee, zum Glück. Er trank in einem Zug aus und spülte ihn im Mund herum, damit dieser eklige Milchgeschmack endlich verschwand. Sie sah ihn erstaunt an, machte eine Bemerkung über den heißen Kaffee und wie er den so schnell trinken konnte. Er spürte nichts.

Mama redete weiter und weiter. Er verstand kaum etwas, es ging wohl um ihre Liebe, ihre wunderbare Beziehung. Plötzlich stand sie auf und kam ihm ganz nah, immer noch redend. Er verstand kein Wort. Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und drückte ihn an ihren Busen. Er war wie gelähmt und konnte sich nicht bewegen. Ihr Geruch betäubte ihn. Doch er drang auch in ihn ein und zerrte Bilder aus der Tiefe empor, die mit jedem halb erstickten Atemzug klarer wurden. Ihre Brüste an seinem Gesicht, ihre dicken Nippel. Milch auf der Zunge, dann ihr Mund an seinem Schwanz. Nein, ich komme nicht in deinem Mund, ich will es nicht. Ich will es nicht! Seine Hände mussten ihr Nachthemd öffnen. Die Brüste baumelten offen, angeschwollene Segmente ihres Raupenkörpers. Seine Lippen fanden saugend ihr Ziel. Mama stöhnte, streichelte seinen Kopf. Alles war wie früher. Nein, es war anders! Er war nun ein Mann, nicht mehr der schmächtige Knabe auf den Bildern. Er hatte die Kontrolle, nicht sie. Seine Hände waren stark, nicht ihre. Der Magen rebellierte, er musste würgen. Seine Finger krampften sich zusammen. Sie schrie auf. Ihre Brüste waren ebenso empfindlich wie monströs. Nein, schreien war nicht erlaubt. Die Raupe sollte still sein, endlich Ruhe geben. Er umfasste ihren faltigen Hals und drückte fest zu, so dass sie still sein musste. Sie zuckte, der aufgequollene Körper spannte sich. Der Mund stand weit offen. Nein, jetzt wurde nicht mehr geblasen. Er würde sowieso nicht in ihr kommen, heute so wenig wie damals. Mit aller Kraft drückte er zu. Beenden musste er das grauenvolle Ringen. Noch einmal zuckte und röchelte sie, dann war es vorbei. Schlaff hing die leblose Raupe in seinem eisernen Griff. Dann ließ er los. Sie sackte in sich zusammen und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.

Es war vorbei. Die Raupe war tot. Der Ekel flaute ab und machte einer großen Erleichterung Platz. Dieses Gefühl füllte ihn ganz aus. Es drang aus ihm heraus mit einem Lachen. Leise erst, dann immer lauter. Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, selbst als die Tür mit einem lauten Krach gewaltsam geöffnet wurde und mehrere Gestalten mit vorgehaltenen Maschinenpistolen eindrangen. Er empfing sie mit seinem befreiten Lachen. Was konnten sie ihm jetzt schon noch wollen? Sie kamen näher, packten ihn, schrien ihn an. Er lachte immer weiter. Die Raupe war tot.