2. Kapitel
Göttingen, Sonntag, 10.
Mai 2009, 22:34 Uhr
Die grünen Vorhänge des Schlafzimmers waren zugezogen, kleine Lampen links und rechts am Rahmen des Spiegels beleuchteten Barbaras Gestalt. Karl betrachtete sie durch den Türspalt.
Sie trug einen weißen Bademantel, das Make-up hatte sie bereits entfernt. Wie lange sie seit der Rückkehr von der Veranstaltung schon am Schminktisch saß, konnte er nicht sagen. Manchmal verbrachte sie Stunden auf diese Weise. In ihren braunen Augen lag diese Traurigkeit, für die er keine Erklärung finden konnte.
Was willst du denn noch?, dachte er hilflos. Ich lege dir doch die Welt zu Füßen.
Im ersten Stock des Anwesens herrschte stets eine bedrückende Stille, die er gerne durch kleine Kinderfüßchen oder -lachen aufgehellt hätte, aber Barbara war dagegen.
Kein Nachwuchs.
Die Schönheit musste erhalten bleiben und durfte weder durch Schwangerschaftsstreifen noch Krampfadern, Hängebrüste oder andere Nebenwirkungen des Brütens, wie sie es abfällig nannte, geschmälert werden. Dabei hätte er alles wieder ohne Probleme ins Lot bringen können.
»Kinder machen alt«, waren ihre letzten Worte zu diesem Thema gewesen. Und es war gleich, dass er ein Kindermädchen eingestellt und ihr alle Arbeit abgenommen hätte.
Behutsam schob er die Tür auf und trat ein. Der Abend zwischen den jüngeren und vermeintlich schöneren Frauen wirkte in all seiner Unerfreulichkeit nach. Die älteren und weitaus hässlicheren hatte sie wie immer gar nicht wahrgenommen. Es nützte auch nichts, wenn er über die Makel der anderen sprach, weil sie ihm kaum zuhörte, wenn sie so niedergeschlagen war.
Dennoch versuchte er es. »Hast du Daphnes Gesicht gesehen? Durch das ganze Botox sieht es richtig tot aus.« Er stellte sich hinter seine Frau und betrachtete sie. 1,71 Meter groß, leichte fünfundfünfzig Kilo, lange, straffe Beine, Wespentaille, feste, große Brüste und blonde Haare bis über die Schultern – begehrenswert und schön. Er liebte das alles abgöttisch.
Warum siehst du nicht, was ich sehe?
Aber wenn sie sich selbst betrachtete, sah sie die kleinen Fältchen um die Augen. Die Haut verlor ihre Spannkraft, die Lider hingen leicht. Sie war erst achtunddreißig Jahre alt, wollte aber wieder zwanzig sein. Eine Suzanna Hillmer. Das und noch viel mehr hatte sie auf der Rückfahrt nach der Veranstaltung unter Tränen zu ihm gesagt.
»Ich hasse sie«, flüsterte sie jetzt kaum hörbar und imitierte den naiven Gesichtsausdruck des jungen It-Girls, das die Männer so sehr in ihren Bann gezogen hatte. Bei Barbara wirkte es lächerlich, weil die jugendliche Unschuld fehlte. Sie nahm einen der Cremetiegel aus der Schublade, in der ihre Brillanten achtlos zwischen den Tuben und Döschen lagen. Die Creme war neu – keine von denen, die er ihr empfohlen hatte. Um keinen Streit zu provozieren, fragte er nicht, woher dieses Präparat stammte. Wahrscheinlich war es wieder eines der vielen Wundermittel irgendwelcher Freundinnen, die das Altern zu bekämpfen versuchten. Dabei gab er ihr bereits alles, was sie brauchte, aber sie sperrte sich gegen das Argument, dass falsche Cremes eher schadeten als nutzten – diese Diskussion hatten sie oft genug geführt.
»Was tust du da eigentlich?« Karl versuchte seine Wut nicht mitklingen zu lassen. »Du bist wunderschön.«
Sie sah sein Spiegelbild an, als würde er Lügen erzählen, dann sammelten sich Tränen in ihren Augen. Niemals würde er ihre Verzweiflung verstehen.
»Es ist deine Arbeit, die wunderschön ist«, flüsterte sie resigniert. »Aber schau mich an: Ich werde alt. Ich bin alt. Alt und verbraucht.«
Seufzend zog er sein Jackett aus und warf es auf das Bett, bevor er wieder hinter sie trat und sie an den Schultern berührte. »Ich sehe eine junge, bildhübsche Frau vor mir. Ich bin es, der neben dir wie ein alter Mann wirkt. Lass gut sein, mein Engel.« Er küsste ihren Scheitel und lockerte dann die Krawatte. Es war ein langer Tag gewesen. Gesellschaftliche Ereignisse strengten ihn genauso an wie Nachuntersuchungen und Beratungsgespräche, die zwingend zu seiner Arbeit gehörten. Die Tage, an denen er operierte und seine Patienten sich in Narkose befanden, waren ihm am liebsten.
Ansonsten konnte er durchaus von einem perfekten Leben sprechen. Alles, was er sich zum Ziel gesetzt hatte, hatte er auch erreicht. Barbara hatte er im ersten Jahr nach dem Studium kennengelernt. Sie war wesentlich jünger als er und hatte gerade ihr Abitur gemacht, während er schon an Leichen herumschneiden durfte.
Als er noch als angestellter Arzt Praxiserfahrungen gesammelt hatte, hatte Barbara eine Freundin zu einem Termin begleitet. Die Freundin benötigte eine Brustverkleinerung, reine Routine und recht uninteressant. Er war Barbara sofort verfallen, weswegen er das Beratungsgespräch unnötig ausgedehnt hatte.
Eines kam zum anderen. Er überschüttete sie mit Geschenken, hofierte sie und zeigte ihr die glamouröse Welt, in die sie mit ihrer Schönheit gehörte. Sie heirateten sieben Monate später, was nun bereits achtzehn Jahre zurücklag. Karl dachte daran, wie sehr sie ihn seither unterstützt und wie oft er sie allein gelassen hatte.
Lange hatten sie ein sehr zufriedenes Leben geführt – bis auf das leidige Thema Nachwuchs. Die Jahre waren vergangen, und irgendwann hatte er sich damit abfinden müssen, dass er kein normales Familienleben haben würde. Eine Adoption kam nicht in Frage, denn ihr Verhalten wurde immer auffälliger. An manchen Tagen war sie launisch, warf Dinge durch den Raum oder weinte grundlos – an anderen war sie voller Tatendrang und zeigte überschwängliche Freude. Die Befragungen der Behörden würden ihre Depressionen ans Licht bringen, und das war das Aus für jede legale Adoption. Er konnte es sich nicht leisten, seinen guten Ruf mit schlechter Presse über sein Privatleben zu ruinieren.
Jedes asoziale Arschloch kann sich beliebig vermehren und seinen Nachwuchs wie Dreck behandeln, ohne dass es jemanden schert. Aber sobald man ein Kind adoptieren will, mutiert der Staat zum Hüter der Kinderrechte.
Manchmal spielte er mit dem Gedanken, Barbaras Antibabypillen gegen Placebos auszutauschen, doch dann sah er ein, dass sie gravierendere Probleme hatte, um die er sich kümmern musste. Dringend. Und doch stand er ihrem Leid seltsam hilflos gegenüber. Nichts konnte das Strahlen von früher in ihre braunen Augen zurückbringen. Trotz der äußerlichen Perfektion schien ihre Seele tief drinnen zu welken.
Jetzt wühlte sie in der oberen Schublade des Schminktischs und holte einen Tablettenstreifen hervor.
»Du hast noch Schmerzen?« Es wunderte ihn, da die kleine Korrektur der Nasenscheidewand bereits zwei Monate zurücklag. Er hatte nur auf ihr Drängen hin dem Eingriff zugestimmt, dabei jedoch weniger als vereinbart gemacht. Für sie war jedoch ein deutlicher Unterschied erkennbar gewesen, was sie zumindest für ein paar Wochen glücklicher gemacht hatte.
»Ich sagte dir doch, dass ich starke Kopfschmerzen habe.« Routiniert drückte sie zwei Tabletten aus dem Blisterstreifen und schluckte sie wie gewöhnlich ohne Flüssigkeit hinunter.
Karl verfolgte es mit Sorge, sagte aber nur: »Zeig noch mal her.« Er drehte sie sanft zu sich und fuhr mit dem rechten Zeigefinger die Konturen ihrer Nase nach. Nichts wies auf einen Fehler, eine allergische Reaktion oder eine Entzündung hin. Sie war die perfekte Patientin: keine problematischen Vernarbungen, sie vertrug jedes Mittel und jedes Material. Erfahrungsgemäß heilten ihre Wunden unkompliziert und schnell.
»Lass los«, brauste sie auf und streifte seine Hände ab. »Du kannst ja deine Kollegen um Rat fragen, wenn du nächste Woche zu diesem Kongress fährst. Ich bin müde.« Sie stand auf, ging an ihm vorbei und legte sich aufs Bett, das Gesicht von ihm abgewandt.
»Ich verspreche, dass ich eine Lösung finden werde, damit du wieder glücklich bist«, sagte er, dann legte er die Decke über sie und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. »Bald geht es dir besser.«