Kapitel 1

Die Dunkelheit war schneller hereingebrochen als vermutet. Eben war er noch in den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne gelaufen, nun lag die Straße im Zwielicht vor ihm. Sein Jaguar schaltete automatisch die Scheinwerfer ein. Er war froh, dass die Dämmerung ihn nicht im Wald erwischt hatte. Dann wäre es vielleicht nicht so glatt abgelaufen.

Sachte ließ er den Wagen vor dem Haus ausrollen, stieg aus und erschauerte, als die kühle Abendluft seine verschwitzte Haut traf. Im Gehen betätigte er die Fernbedienung. Der Verschluss der Zentralverriegelung klackte laut.

Die Nachbarin nutzte den Freitagabend für das Treppenputzen. Alles war wie immer.

»Guten Abend, Herr Jeschke, mal wieder sportlich gewesen?«

Er erwiderte den Gruß mit einem Lächeln und trat zum Eingang. Nadine öffnete die Tür, als habe sie dort schon länger gelauert, in der Hand ein Telefon. Sicher hatte sie gerade stundenlang mit einer Freundin telefoniert und ihn abgepasst, damit er sie nicht dabei überraschen konnte. Manfred Jeschke vermutete, dass dies alle Mädchen in diesem Alter taten.

»Hi, Papa!«

»Hallo, mein Schatz«, sagte er und schob seine Tochter beiseite.

Er hatte das dringende Bedürfnis, lange und ausgiebig zu duschen. Es war nicht der Schweiß oder Reste des Waldbodens. Auch nicht die Furcht, es könnten an ihm Spuren eines anderen Körpers haften – ein fremder Geruch, Hautschuppen, Haare. Es war eher so, wie würde er ein Werkzeug nach der Benutzung säubern. Am Schluss drehte er wie immer das warme Wasser ab. Die Kälte empfand er als reinigend, sie verhinderte das dampfig matte Gefühl, das eine heiße Dusche hinterließ. Klares kaltes Wasser.