Kapitel 3

Tim Schuster liebte seine Arbeit. Die Recherchen vor Ort, das Grübeln am Schreibtisch. Das Zusammensetzen von Details zu einer Art von Wirklichkeit, die er für die Leser erschuf. Das Puzzeln mit Fotos und Texten. Er mochte die Diskussionen mit Kollegen und Polizisten, das Gegeneinanderstellen von Theorien, Schlussfolgerungen und Vermutungen. Auch das Schreiben selbst, die zahllosen Telefonate mit diversen an Ermittlungen beteiligten Behörden und sogar Pressekonferenzen mochte er.

Es war ein sonniger Samstagnachmittag, den er eigentlich auf der Geburtstagsparty seiner Tochter hatte verbringen wollen. Aber er stand in einem Waldstück bei Köln, um sich ein totes Mädchen anzuschauen.

Tim war nicht oft am Fundort eines Mordopfers. Zumindest nicht, wenn es noch dort war. Meist hatte er nicht die Gelegenheit dazu, denn er war in der Regel zu weit entfernt, als dass er es schaffen könnte, dort zu sein, bevor die Spurensicherung beendet und die Leiche fortgeschafft war.

Dieser Ort war jedoch nicht sehr weit von seiner Wohnung gelegen. Sein Kontakt bei der Kripo hatte schnell geschaltet. So bot sich ihm an diesem Tag eine seltene Gelegenheit.

»Hallo, Tim! Da bist du ja verdammt flott gewesen!«

Die Stimme gehörte zu der angenehmen Erscheinung der Kölner Kriminalhauptkommissarin Helena Berger. Sie löste sich aus einer Gruppe von uniformierten Beamten und kam auf ihn zu. Ihr Gang war energisch wie immer. Sie machte so lange Schritte, wie ihr enger Rock und das unwegsame Gelände es gerade erlaubten, und holte Tim am Rand des Waldwegs ab, an dem er stand. Weiter hatten ihn ihre Kollegen nicht an die Leiche herangelassen. Da nützte auch sein Presseausweis nichts.

Helena war eine Frau von klassischer Schönheit und ebenso klassischem Wuchs. Sie reichte ihm mit einem angedeuteten Lächeln die Hand.

»Hallo, Lena. Nett von dir, mir Bescheid zu geben.«

»So bin ich zu dir.«

Ihr Gesichtsausdruck wurde sofort wieder ernst. Tim schaute hoch in ihre auffallend blauen Augen, die sie jetzt leicht zusammenkniff. Die Sonne blitzte zwischen den Bäumen hervor und blendete sie. Die Kommissarin wandte sich ab und deutete auf den Körper, der vor ihnen im Unterholz lag. Die Spezialisten der Kriminaltechnik hatten die Arbeit bereits beendet. Eine Bahre nebst Leichensack lag bereit.

»Sie ist transportfertig, Frau Berger.«

»Warten sie bitte noch etwas«, mischte Tim sich ein.

Lena Berger nickte den Männern zu, die einen zweifelnden Blick auf den Journalisten warfen. »Schon in Ordnung. Herr Schuster ist mit meinem Einverständnis hier.«

Die Tote lag zusammengekrümmt und mit weit aufgerissenen Augen da. Sie trug Funktionsbekleidung, wie sie beim Sport üblich war, ein hauchdünnes Synthetikshirt, dazu eine enganliegende, kurze Jogginghose und Laufschuhe. Die bunten Sachen waren verschmutzt, aber unbeschädigt.

»Schau dir bitte diese Würgemale an.« Lena wies auf den Hals des Mädchens.

»Die gleichen Spuren wie die Tote letztes Frühjahr?«

»Ganz genau. Ich hab nur einen kurzen Blick drauf geworfen und sofort an diesen Fall gedacht. Was weißt du denn schon wieder davon?« Sie klang leicht irritiert.

»Du kennst mich doch«, antwortete Tim kurz, während er das die Leiche umgebende Unterholz musterte. Lena kannte ihn in der Tat und wusste, mehr würde er nicht dazu sagen. »Was wisst ihr über Todesursache und -zeitpunkt?«

»Sie wurde offenbar gestern erwürgt. Mit Sicherheit hat sie die Nacht hier gelegen. Einzelheiten gibt’s später nach der Obduktion.«

Tim packte seine kleine Nikon aus, die er immer mitführte, und schoss ein Foto vom Gesicht des Opfers.

Dann hockte er sich neben die Leiche und betrachtete den Ausdruck ihrer weit geöffneten Augen. Neben Panik und Anstrengung konnte er auch sein Spiegelbild in ihren glänzenden Augäpfeln erkennen. Dies rührte wohl von den Augentropfen her, die die Kriminaltechniker benutzten, um eine Pupillenreaktion hervorzurufen und so Informationen über den Zeitpunkt des Todes zu gewinnen. Diese Augen waren jedoch sicherlich zu nichts mehr zu bewegen gewesen. Tim hätte dem Mädchen gern die Lider geschlossen, doch er hielt sich zurück. Er fand, dass ihm das nicht zustand. Dann erhob er sich und schoss noch ein Foto. Nun, nachdem er sie durch den Sucher der Kamera verarbeitet hatte, wirkte ihr blasses Gesicht weniger schrecklich.

»Die Fotos bleiben erst mal bei dir, Tim«, sagte Helena Berger in bestimmtem Ton, ganz Kriminalbeamtin.

Er sah die schöne Frau an, die ihm in ihrem schicken Kleid plötzlich ziemlich deplatziert vorkam. »Ist doch logisch, Lena.«

Die Kommissarin führte weiter aus: »Die Tote letztes Jahr hatte die gleichen Merkmale: Fundort im Wald, die Würgemale am Hals, keine Vergewaltigung, ungefähr gleiches Alter. Deshalb wollte ich, dass du den Tatort siehst. Du bist der beste Profiler, den ich kenne. Das ist dasselbe Schwein, Tim.«

»Du legst dich also schon darauf fest, dass es sich um einen männlichen Einzeltäter handelt?«

Sie ignorierte die Kritik in seiner Frage und zeigte in die Richtung des Waldwegs, der wenige Meter neben ihnen verlief.

»Die Spurensicherung sagt, dass das Opfer von einer anderen Person vom Weg hierher gezerrt und zu Boden gerissen wurde. Es gibt deutliche Kampfspuren.«

Ein Mann im weißen Polyethylen-Anzug, der gerade die letzten Utensilien in seine Koffersammlung packte, fügte hinzu: »Die beiden sind mit großer Wucht durch das Unterholz gekracht, vermutlich in vollem Lauf. Viele Äste wurden dabei zerbrochen, der Boden hier vorne aufgewühlt. Wir untersuchen die Proben auf Gewebe-, Textil- und Sekretspuren. Ich wette, das Material unter den Fingernägeln des Opfers gibt auch etwas her. Das war ein Pas de deux der besonderen Art.«

»Danke sehr«, sagte Lena. »Morgen sprechen wir weiter, was das angeht. Sie können sie jetzt fortschaffen lassen.«

Sie überließen das tote Mädchen Lenas Kollegen für den Abtransport und gingen zum Weg zurück. Dort schaute Tim sich in allen Richtungen um. Er versuchte, die Autos und die anderen Menschen aus seiner Wahrnehmung zu verdrängen, und atmete tief die Waldluft ein. Die Nachmittagssonne flutete durch das Blätterwerk. Er befand sich in einem idyllischen Stück Natur, das so gar nicht zu der Toten mit den aufgerissenen Augen passen wollte. Ein leichtes Frösteln durchschauerte ihn.

»Welch ein schöner Ort zum Sterben.«

»Wie meinst du das?« Lena sah ihn verständnislos an.

Tim dachte an die laute, graue Stadt, die ganz in der Nähe lag. »Ich meine, der Täter hat sich ein schönes Fleckchen ausgesucht. Vielleicht nicht nur der Einsamkeit wegen.«

»Die Rheinpromenade ist auch schön, aber wenn er’s da gemacht hätte, bräuchte ich dich nicht mehr«, rief sie aufgebracht.

»Ich finde dich heiß, wenn du wütend bist.«

Lena entgegnete nichts, sondern schaute ihn nur einen Moment neugierig an. Dann kam ein junger Mann in Zivil, in dem Tim Lenas Mitarbeiter vermutete, auf sie zu.

»Lena, wir haben die Tote wahrscheinlich identifiziert. Ein dreizehnjähriges Mädchen mit passender Beschreibung wurde erst vor zwei Stunden als vermisst gemeldet. Die Eltern haben Aussehen und Bekleidung in genauer Übereinstimmung angegeben. Sie wohnen hier ganz in der Nähe in Forsbach. Ihre Tochter ist gestern Nachmittag zu Fuß los zum Joggen und nicht zurückgekommen.«

»Danke dir.« Lena nahm den Zettel entgegen, den der Mann ihr reichte.

»Ich befürchte, der Tag wird für dich noch viel unangenehmer werden, als er ohnehin schon ist.« Tim versuchte dem Klang seiner Stimme ein wenig Mitgefühl beizugeben. »So wie es aussieht, wirst du jetzt gleich einen schweren Termin wahrnehmen.«

Lena Berger nickte. »Ich denke, es reicht, um mit den Eltern zu sprechen. Zwar muss ich mit ihnen noch die eindeutige Identifizierung vornehmen, aber es gibt hier wohl keine ernsthaften Zweifel.«

»Hast du ein vorzeigbares Foto?«

»Klar doch. Ich kenne meinen Job, Tim.«

»Das war wirklich nett von dir, mich anzurufen. Du hast was gut bei mir. Ich werde jetzt versuchen, den Geburtstag meiner Tochter ein wenig mitzufeiern. Nicht so schwierig wie dein Job, aber auch nicht gerade einfach nach dem hier.«

Er zeigte mit dem Kinn in Richtung des Plastiksacks, der über dem angstverzerrten Gesicht eines Kindes geschlossen wurde.

Lena reichte ihm die Hand. »Ich denke, wir sprechen uns nächste Woche wieder. Ich bin sicher, du wirst dich revanchieren können.«

Sie nickte ihm noch einmal zu, drehte sich um und ging zu dem Dienstwagen, in dem ihr Kollege wartete. Tim schaute ihr nach und betrachtete den straffen Po, der sich in dem engen Rock abzeichnete. Er nahm sich vor, sie bald in angenehmerem Ambiente wiederzusehen. Dann ging er ebenfalls zu seinem Wagen zurück. Er kam an dem Parkplatz vorbei, auf dem immer noch Beamte mit der Befragung von Spaziergängern befasst waren. Wahrscheinlich brachte das einen Tag nach der Tat nichts mehr. Aber man weiß ja nie, dachte Tim. Er erkannte den Polizisten, der ihn eben von dort aus weitergewiesen hatte, und winkte ihm kurz zu.

Er fuhr los und passierte bald das Ortsschild von Forsbach. Hier würde die Kriminalpolizei gleich zwei unglücklichen Menschen ein schlimmes Foto ihrer Tochter zeigen. Tim hoffte, Lena Berger würde trotzdem den Mut aufbringen, die Eltern zu fragen, weshalb sie erst vor zwei Stunden die Vermisstenmeldung aufgegeben hatten, wenn ihre Tochter am Vorabend nicht vom Joggen zurückgekehrt war. In seinem Blickfeld stieg ein Flugzeug steil in den Himmel über der Wahner Heide. Er fuhr in Richtung Bergisch Gladbach zum Autobahnkreuz Köln-Ost weiter, von wo aus er am schnellsten nach Hause kam. Die Sonne stand schon tief. Der Kindergeburtstag würde wahrscheinlich schon vorbei sein. Damit hatte Veronika wieder die ganze Arbeit allein gehabt – keine guten Vorzeichen für einen netten Samstagabend. Tim dachte an seinen Vater, der ihm eine angenehmere Gesellschaft gewesen wäre, weniger anstrengend. Aber er war an diesem Wochenende in England bei einem Treffen mit ehemaligen Studienkollegen.

Seine rechte Hand tastete aus Gewohnheit nach dem Einschaltknopf des Radios, doch er zog sie zurück. Eigentlich wollte er nichts hören, sich nicht ablenken lassen. Plötzlich fühlte er sich sehr allein. Er wünschte sich weit fort, vielleicht in die Stille eines hohen Gebirges, wo er Ruhe finden könnte und Frieden.