Kapitel 10

Die Bilder an der weißen Wand gaben sich Mühe, nicht zu einem Krankenhauszimmer zu gehören. Es blieb jedoch beim Versuch. Manfred fand, dass dies auch auf ihn zutraf. Der Fernsehapparat in der oberen, fensterseitigen Ecke seines Domizils gähnte ihn an wie ein schwarzes Loch. Keine Fernbedienung griffbereit. Vielleicht war ihm das Fernsehen nicht erlaubt. Er wusste es nicht, denn er hatte noch niemals zuvor an Meningitis gelitten.

Ein Bakterium hatte ihn aus der Dom-Westwand getrieben und in dieses Sanatorium in der Nähe von Zürich gebracht. Die freundlichen Helfer der REGA hatten sich mit ihrem habichtgleichen rot-weißen Heli auf ihn gestürzt. Es war ihnen einfach nicht möglich gewesen, seinem kraftlos gestammelten Wunsch nach Verbleib im ewigen Eis zu entsprechen, stattdessen hatten sie ihn umgehend in niedere Gefilde geflogen. Da mussten sie dann schnell festgestellt haben, dass nicht etwa ein Höhenhirnödem, sondern eine ordinäre eitrige bakterielle Hirnhautentzündung seine Ausfallerscheinungen hervorgerufen hatte. Unter Ausnutzung seiner kurzfristigen geistigen Abwesenheit entzog man ihm ein Quantum Nervenwasser aus dem unteren, rückenmarklosen Teil der Wirbelsäule. Angeblich hatte man an der deutlichen Trübung des Liquors sofort das Übel erkannt. Es gehörte wohl zum Krankheitsbild, dass er in dieser Situation zu blöd zum Lesen war. Das hatte man ihm jedenfalls versichert.

Er schnaubte verächtlich beim Gedanken an die Ärzte. Da er ohnehin keinen Internet-Anschluss zwecks Recherche bekommen konnte, musste er glauben oder wenigstens gläubig hoffen, dass man ihm nicht ohne triftigen Grund intravenös täglich sieben Flaschen diverser Antibiotika verabreichte. Gerade genoss er eine Ampulle Rocephin, ein Teufelszeug. Niemand wollte ihm abkaufen, dass er es auf der Zunge schmeckte, wenn es ihm durch den Venenzugang in die künstlich offen gehaltene Ader drang. Ein leichtes Brennen an der Nadel signalisierte ihm, dass es Zeit war, einen neuen Zugang zu legen. Zwei Tage links, zwei Tage rechts, und dann von vorn das Ganze. Länger hielt die Vene nicht durch. Das antibiotische Höllengebräu aus diversen Säften war zu aggressiv. Neben Rocephin gab man ihm noch Penicillin und ein drittes Zeug, dessen Namen er auf dem Etikett schon mehrfach vergeblich zu buchstabieren versucht hatte.

Nun war die Flasche leer. Schon kam der Pfleger herein, der ältere mit dem Rauschebart und nicht der junge Schnösel. Der hatte Manfred einmal zu viel unprofessionell am Zugang herumgefummelt und durfte deswegen sein Zimmer nicht mehr betreten. Das Rocephin wurde abgehängt und im fliegenden Wechsel die Schmerzinfusion angekoppelt. Das Tramal war in einem halben Liter Kochsalzlösung enthalten. Zwei solcher Flaschen tropften pro Tag in ihn hinein, bei normaler Geschwindigkeit in etwa zwanzig Minuten. Es dauerte weniger als fünf Minuten, bis er die Wirkung verspürte – der Kopfschmerz war wie weggeblasen, und eine unfassbare Gelassenheit erfüllte ihn. Er stellte sich vor, dass er langsam auf den Grund einer tiefen, blau schimmernden Gletscherspalte hinabschwebte. Dort würde er Ruhe und Frieden finden.

Er befand sich schon fünf lange Tage in dieser Klinik, und es war zu befürchten, dass eine weitere Woche vergehen würde, bis man ihn herausließ. Der Chefarzt behandelte ihn sehr zuvorkommend, besonders seit er wusste, dass Manfred zwanzig seiner eidgenössischen Landsleute beschäftigte. Er hatte ihm gestern eröffnet, dass nach der zweiwöchigen Antibiose mit weiteren drei bis vier Wochen Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik zu rechnen sei. Manfred hatte versucht, ihm zu erklären, dass dies wohl für normale Arbeitnehmer gelten würde, aber wohl kaum für den Geschäftsführer einer Unternehmensberatung mit über einhundert Mitarbeitern in drei Ländern. Statt einer Antwort entbot der Arzt ihm ein väterliches Lächeln. Es sollte wohl so viel heißen wie »Abwarten, Bübchen«.

Manfred spürte Wut in sich. Niemand behandelte ihn mit dieser herablassenden Art, auf diese Ich-weiß-besser-was-gut-für-dich-ist-Weise, auch nicht dieser scheißfreundliche Professor. Manfred hatte keine Ahnung, was er in einer Rehabilitationseinrichtung sollte. Er war müde und fühlte sich wehrlos. Sein Denkapparat wollte nicht richtig funktionieren. Jede Bewegung bereitete ihm Mühe. Er vertraute darauf, dass sich das in den nächsten Tagen ändern würde. Niemand behandelte ihn wie eine Mutter ihr unselbständiges Kind.

Er hatte so viel vor, so viel zu tun. Man konnte ihn nicht aufhalten. Er ließ sich nicht mehr aufhalten, nicht von einem Heer Schweizer Neurologen, nicht von einem Bakterium, das in seinen Hirnhäuten lebte. Erst recht nicht mehr von ihm selbst. Alles lag klar vor ihm. Der Weg war bereitet. Er war es schon seit langem, doch nun erst sah Manfred ihn wirklich. Jetzt musste er Kräfte sammeln für all das, was vor ihm lag.

Heute war er allein ins Kellergeschoss gefahren, wo man ihn einer radiologischen Untersuchung unterzogen hatte. Anschließend saß er wieder im Aufzug, um in seine Station zurückzukehren. Aus Schwäche musste er einen der Klappsitze benutzen. Die im LED-Display des Aufzugs aufleuchtenden Etagenanzeigen ergaben für ihn keine sinnvolle Information. Ein altes Weib in einem unsäglich himmelblauen Morgenmantel stieg zu. Manfred musste, als der Aufzug angehalten hatte, nachfragen, wo man sich zurzeit befand. Die Frau sah ihn und die Anzeige abwechselnd an, bevor sie ihm die Auskunft gab, dass sie im dritten Stock seien. Und tatsächlich erkannte er das rotleuchtende Symbol als eine klar und deutlich lesbare 3. Dabei hatte er doch am Vortag schon die Etiketten auf den Flaschen lesen können, die man ihm regelmäßig in den Tropf hängte. Er fragte sich, was mit ihm geschah.

Für den nächsten Tag hatte Claudia sich mit den Kindern angesagt, um das Wochenende bei ihm zu verbringen. Er hatte ihr am Telefon gesagt, dass es ihm recht gut gehe und er ohnehin bald nach Hause käme. Sie hatte ihm nicht geglaubt. Er konnte ihren Besuch nicht verhindern. Allerdings vermisste er die Kinder. So soll es denn sein, dachte er. Man kann niemals wirklich alles hinter sich lassen. Es wäre auch nicht klug, es zu versuchen.