Kapitel 18
Er hatte das Gefühl zu ersticken. Eine schwere Last lag auf seiner Brust. Jeder Atemzug kostete viel Kraft und brachte trotzdem keine Luft in seine Lungen. In seinem Magen drückte es, als seien Steine darin. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Er war in großer Höhe, daher der schwere Atem, und er war krank zusammengebrochen. Beat beugte sich über ihn und grinste gemein. Ihm war speiübel.
Aber es fehlte der Kopfschmerz, stattdessen nur dieser Magendruck. Nichts davon schien wahr zu sein. Er war der böse Wolf. Jemand hatte ihm Wackersteine in den Leib eingenäht. Dann war er in den tiefen Brunnen gefallen und lag jetzt in dem engen Schacht. Von oben schien ein wenig Licht in sein Verlies. Ansonsten war es dunkel. Ihm kam das alles unwirklich vor. Seine Augen waren fast ganz geschlossen. Daher die Dunkelheit. Als er sie öffnete, änderte sich seine Wahrnehmung. In Wirklichkeit saß er in einem Glashaus. Milchige Scheiben versperrten ihm die Sicht auf die Welt außerhalb. Der Druck in seinem Magen blieb jedoch. Auch das Luftholen fiel ihm immer noch schwer. Er beschloss, das Atmen ganz einzustellen, bis er wusste, was das sollte und wo er war. Mit einem Ruck fuhr er plötzlich hoch, riss die Augen weit auf.
Manfred saß im Bett des Zimmers mit der Nummer 209. Rehabilitationsklinik Marmagen, Eifel. Matt drückte sich das Licht der nachmittäglichen Sommersonne durch die verhängten Scheiben. Er stand auf und zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster. Warme Luft strömte in den Raum. Die Sonnenstrahlen vertrieben den düsteren Alb. Was blieb, war der Magendruck, verursacht durch das schlechte Essen. Der Teufel musste ihn geritten haben, ausgerechnet heute wieder in dem vermaledeiten Speisesaal der schmatzenden Scheintoten zu Mittag zu essen. Dabei hatte er sich das schon seit einigen Tagen abgewöhnt. Das Restaurant im Haus war nicht billig, aber das Essen war ganz akzeptabel, trotz der Lokalität. Allerdings war die Speisekarte recht dünn. Dieses Manko hatte ihn dazu bewogen, sich nochmals dem Speisesaal der Klinik auszusetzen. Es gab gebratene Leber mit Rotkohl und Kartoffelpüree. Letzteres hatte er nicht angerührt, da mit Milch zubereitet. Trotzdem lag ihm der Fraß nun allzu schwer im Magen.
Er schaute auf die Uhr. Es war gleich vier und damit Zeit für seine Verabredung mit den beiden jungen Damen im Café. Eine kalte Dusche würde ihn jetzt auf Trab bringen. Er ging ins Badezimmer und drehte die Brause auf. Da er nackt geschlafen hatte, brauchte er sich nur noch unter den Strahl zu stellen und die Kälte auf seiner Haut zu genießen. Das Wasser hatte eine reinigende Kraft, fast wie das ewige Eis des Hochgebirges. Er blieb unbewegt und mit ruhigem Atem stehen, bis die Haut zu prickeln begann und die Kälte ins Körperinnere vorgedrungen war. Der angeworfene Kreislauf ließ bald ein Wohlgefühl körpereigener Wärme entstehen.
Er trocknete sich ab, zog sich an, versorgte sich mit Portemonnaie sowie Schlüssel und verließ das Zimmer. Das Café befand sich im sechsten Stock der Klinik. Diesen Weg legte er wie immer im Treppenhaus zurück. Es ging schon viel besser als in den ersten Tagen, anstrengend war es aber immer noch. Es blieb erstaunlich und geheimnisvoll, dass ihn diese entzündete Hirnhaut so sehr schwächen konnte.
Er war ziemlich außer Atem und sein Herz schlug schnell, als er das Dachcafé betrat und nach der kleinen Eva und ihrer Mutter Ausschau hielt. Offenbar waren sie noch nicht da. Also suchte er sich einen Platz, der möglichst weit weg von den sahnestopfenden, eidechsenhalsigen Mumien entfernt war.
Er setzte sich an einen kleinen Tisch direkt an der Panoramascheibe und betrachtete die Hügel, Wiesen und Felder der sommerlichen Eifel. Alles brütete und reifte. Fette Wiesen, auf denen Kühe grasten. Pralle Euter, so groß, dass man sie von hier oben aus sehen konnte. Abszesse überquellender Mütterlichkeit.
Da schaute der kleine Blondschopf um die Ecke, und alle düsteren Gedanken waren wie weggeblasen. Das Mädchen zeigte gleich mit dem Finger in seine Richtung. Ihre Mama, die ihr auf dem Fuße folgt, kam mit einem Lächeln auf ihn zu. Sie machte eine Bemerkung über die Anstrengung, die nötig war, um in das Dachcafé zu gelangen. Ihr breiter Eifler Akzent war ihm beim ersten Gespräch schon aufgefallen. An dieser burschikosen Person fand er das charmant.
Die kleine Eva setzte sich gleich hin und blätterte mit ernsthafter Miene in der Karte. Ulrike schwatzte munter weiter und nahm Manfred jede Last der Konversation ab. Zwischendurch fragte er sie, ob der Vater der kleinen Eva strohblond war angesichts der tiefschwarzen Strubbelfrisur der Mama. Der anschließende Redefluss enthielt Informationen darüber, dass es den Papa zwar irgendwo noch gab, aber in ausreichender Entfernung. Die alleinerziehende Mama hatte ihre Maus mit in die Klinik genommen, da ihr die Oma nicht zuverlässig genug erschien. Sie hätte sonst keine ruhige Minute gehabt. Sie erzählte noch etliches mehr. Manfred vergaß das Meiste, bevor er es verstanden hatte. Es interessierte ihn einfach nicht. Er fragte sich, ob sie auch aus dem Mundwinkel weiterplappern könnte, wenn sie seinen Schwanz im Mund hätte.
Sie unterbrach ihren Redeschwall nur kurz, um bei der schläfrig herbeistolpernden Bedienung die Bestellung aufzugeben. Sie reichten der beschürzten Mamsell ihre unvermeidlichen Essenskarten. Ohne die ging auch hier nichts. Manfred beobachtete die kleine Eva beim Spielen mit der Speisekarte. Kaum nahm er wahr, dass Ulrike ihn nach seinem Beruf fragte. Er antwortete kurz und knapp. Die meisten Leute vom Schlage dieser Frau konnten sich selbst nach ausschweifenden Erläuterungen unter seiner Tätigkeit wenig vorstellen. Sie tat es denn auch mit der Bemerkung ab, davon habe sie »eh überhaupt keinen Schimmer« und das müsse wohl »superkompliziert« sein. Sie erzählte dann weiter dieses und jenes. Manfred betrachte abwechselnd ihre mädchenhaften Brüste, die sich unter dem T-Shirt abzeichneten, und die bezaubernde Eva. Den Blick auf ihre Brüste nahm Ulrike wohlwollend zur Kenntnis. Manfred war sicher, dass sie noch am selben Abend miteinander schlafen würden. Dazu war er durchaus geneigt. Diese Ulrike war ein erfrischender, jugendlicher Typ, der ihm gefiel. Wenn es darauf ankam, würde sie schon etwas weniger redselig sein.
Kaffee und Kuchen sowie Eis und Kakao für die Kleine wurden gebracht. Manfred zahlte gegen den vorgetäuschten Protest Ulrikes alles, was durch die Essenskarten nicht abgedeckt war. Sie vertilgten die gar nicht mal schlechte Nachmittagsration, wobei Eva nach Kinderart mit ihrem Kakao tüchtig herumkleckerte. Sie kippte Unmengen von Zucker in ihre Tasse und rührte zusätzlich Sahne von ihrem Eisbecher dazu. Es ergab sich eine absolut unverzehrbare Masse, worüber sich die Mama wiederum erzieherisch ereiferte. Die milchige Pampe ekelte Manfred, trotzdem genoss er den wortreich geführten Kampf der jungen Damen, der daraufhin entbrannte, mit der wohltuenden Distanz des unbeteiligten Beobachters. Dann forderte Ulrike ihn auf, auch etwas Entscheidendes zur Situation beizutragen, so als sei er bereits vor dem ersten Beischlaf als Ersatzvater engagiert. Er zog sich aus der Affäre, indem er einen Waldspaziergang vorschlug. Die Kleine war davon so begeistert, dass sie unverzüglich das Schlachtfeld verließen und sich zu dritt auf den Weg machten.
Man brauchte nur wenige Schritte, um die Klinik hinter Bäumen verschwinden zu lassen. Schon bald gingen sie an Pferde- und Kuhweiden vorbei. Sie gelangten an ein Gatter voller Damwild, an dem die Kleine ihre helle Freude hatte. Dann führte der Weg in den Wald hinein, in dem es angenehm kühl und dunkel war. Eva hob alle möglichen Sachen auf und fragte Manfred nach ihren Namen. Er gab den Dingen Phantasienamen, die den Blondschopf und auch die Mama zu ständigem Kichern anregten. Er erklärte dem Mädchen, welche verschiedenen Blattformen die Bäume des Waldes aufwiesen und wie sie hießen. Er nannte ihr auch die Namen der Pilze, die zuhauf am Wegesrand wuchsen. Bald konnte sie die Himbeerblätter von denen der Brombeere anhand der weißen Unterseite unterscheiden. Ulrike war davon offensichtlich sehr angetan. Wahrscheinlich hatte noch niemand ihrem Kind so etwas nahegebracht. Manfred hatte das als Knabe auch vermisst.
Sie gingen eine ganze Weile durch den Wald. Als sie sich wieder dem Klinikgebäude näherten, war Ulrike schweigsam geworden. Sie warf nur hin und wieder einen Satz ein. Vor dem Eingang blieben sie stehen. Manfred fragte sie unvermittelt, ob sie zu ihm kommen würde, wenn die Kleine schliefe. Er hielt ihr seinen Zimmerschlüssel hin, damit sie die Nummer ablesen konnte. Sie schaute keineswegs überrascht aus ihren frechen Augen und nickte nur kurz. Dann nahm sie Eva bei der Hand und betrat das Gebäude. Sie drehte sich nicht mehr nach ihm um, während sie zum Aufzug ging und sich in die Reihe der Wartenden eingliederte.
Manfred nahm wie immer die Treppe. Er tappte langsam Stufe für Stufe hoch und beobachte Mutter und Tochter, wie sie dort inmitten der Welken und Siechen im Flur standen. Der kleine Blondschopf schaute mit offenem und frischem Blick von einem Erwachsenen zum anderen. Die Mama stand daneben mit ihrem straffen und jugendlichen Körper. Ihre Augen waren so kindlich wie die ihrer Tochter. Beide boten Manfred ein Bild perfekter, weil natürlicher Weiblichkeit. Um die kleine Eva würde er sich wohl nicht kümmern müssen.