Kapitel 20

Tim war todmüde. Irgendwann war man aus dem Alter heraus, in dem eine solche Nacht spurlos an einem vorüberging. Auf dem Beifahrersitz lag eine Liste von Tötungsdelikten der letzten zwanzig Jahre, bei denen Mädchen oder Frauen erwürgt, jedoch nicht sexuell missbraucht worden waren. Er hatte Lena diese Informationen abgeschwatzt.

Es gab drei bekannte Täter, die sich auf freiem Fuß befanden und im Raum Köln wohnten. Über diese Kerle hatte er Informationen gesucht und dafür die ganze Nacht gebraucht. Wenn seine Vermutung stimmte und der Mörder kein ganz junger Mann mehr war, konnten die alten Fälle vielleicht neue Wege für die Ermittlungen aufzeigen. Natürlich war fraglich, ob der Mörder bereits als junger Mann zu töten angefangen hatte, und wenn, ob er damals nicht einen anderen Modus Operandi an den Tag gelegt hatte. Wahrscheinlich war Lena damit auf dem Holzweg. Zumindest aber waren die freilebenden Totschläger für Tims Leser von Interesse. Er hatte gehofft, einen der Typen interviewen zu können. Er hatte ihn in einer Bar getroffen, und der Mann schien einem längeren zweiten Treffen nicht abgeneigt gewesen zu sein.

Jetzt aber musste Tim ein paar Stunden schlafen und nebenbei mal wieder seine Familie sehen. Er würde noch mindestens eine halbe Stunde auf der Autobahn unterwegs sein. Er griff sich das Mobiltelefon und wählte seine Nummer zu Hause. Es schien ihm geraten, Veronika vorzuwarnen, dass er jetzt heimkommen würde. Er wollte sie nicht in einer peinlichen Situation überraschen. Vielleicht war gerade ein Kollege aus der Werbeagentur zu ihr gekommen, um ihr Material zu bringen, und dabei mit ihr im Bett gelandet. Der Anrufbeantworter nahm ihn in Empfang. Er sprach kurz darauf und legte auf. Wahrscheinlich war sie da und hatte mitgehört. Er musste sich konzentrieren und wach bleiben auf der eintönigen Fahrt, also hörte er Musik, spannte abwechselnd die Arm- und Beinmuskulatur an, um den Kreislauf in Schwung zu halten. In der Türablage fand er seine Fingerhantel, die für längere Fahrten immer im Auto lag. Das hielt die Hände und Unterarme fit für die nächste Klettertour, die noch in weiter Ferne lag.

Er fragte sich, was ihn in der rheinischen Flachlandmetropole hielt, wo die Verbrechensrate so hoch war wie in kaum einer anderen Gegend Deutschlands. Warum hing er jetzt nicht in einer Wand, weitab von Gewalt und Aggression, mit der sich die Menschen begegneten? Er wünschte sich dorthin, wo man mit der Naturgewalt so beschäftigt war, dass für Hass und Zerstörung untereinander kein Platz war. Er wusste, dass dies nur eine Illusion war. Sein Erlebnis in den Bergen Schottlands oder die gewalttätige Unterdrückung der friedlichen Tibeter durch China zeugten davon. Wo der Mensch ist, ist auch Gewalt. Und wer sich gegen diese Gewalt stellt, sollte sich keinen trügerischen Hoffnungen hingeben. Ob dieser Mörder gefasst wurde oder nicht, wie viele unschuldige Mädchen er noch vernichten würde, änderte nichts an dem endlosen, nicht zu gewinnenden Kampf gegen die dunkle, brutale Seite des Menschseins. Das Klettern in gefährlichen Wänden war nur eine Flucht, eine Abwendung von der eigenen Natur hin zu etwas Mächtigerem, Reinerem. Es war verbunden mit der befreienden Möglichkeit, einer objektiven Gefahr mit Herz, Verstand und Kraft zu begegnen und – zu siegen. Das Leben unter den Menschen war viel gefährlicher, doch diese Gefahr war nicht zu greifen. Auch nicht für jemanden wie Tim, der auf seine Art ein Spezialist für menschliche Gewalt war. Man lebte in dem ständigen Trugbild, dass das Leben relativ sicher sei. Wenn man aufwachte und die Realität sah, wollte man sich abwenden und flüchten. Diese Desillusionierung hatte viele Gesichter. Die einen litten unter Phobien, trauten sich nicht mehr auf die Straße oder konnten nicht schlafen. Andere schlugen sich auf die falsche Seite, weil sie sich von der Gesellschaft betrogen fühlten. Sie glaubten, auf der Seite der Täter sicherer zu sein. So wie Tim als Kind seine Angst vor Monstern mit der Vorstellung bekämpft hatte, selbst ein Monster zu sein. Es hatte geholfen.

Er war sicher, dass der Mörder solche Probleme nicht hatte. Er hatte eher alles ausgeblendet und weggeschlossen, was ihn ängstigte. Er fühlte Stärke und Macht, wenn er tötete. Er glaubte, alles unter Kontrolle zu haben, weil diese Mädchen sich unter seinem Griff wanden, ohne jede Chance, seinen Händen zu entrinnen. Andere glaubten, ihr Leben zu kontrollieren, weil sie einen Job hatten, eine Familie und ein Auto. Dann kamen sie eines Tages nach Hause, und ihre Ehe war beendet, oder die Polizei war schon da und erklärte, dass ihre Tochter die letzte Nacht tot im Wald liegend verbracht hatte.

Endlich war er zu Hause. Ihm fielen fast die Augen zu. Als er die Tür hinter sich schloss, hörte er schon am Rauschen des Wassers, dass Veronika gerade ein Bad nahm. Warum sie das zu dieser Tageszeit tat, konnte er nicht erahnen. Er ging ins Badezimmer. Sie lag schon in der halbgefüllten Wanne.

»Hallo, Schatz!« Sie lächelte und winkte ihn zu sich heran.

»Ich habe deine Nachricht gerade eben gehört und mir gedacht, dass du vielleicht mit mir baden willst, bevor du dich schlafen legst. Ich habe jedenfalls Lust darauf.«

Entweder war seine Frau noch viel verschlagener, als er sich vorstellen konnte, oder aber er hatte haltlose Phantasien in Bezug auf ihre außereheliche Sexualität. Gerade als er überzeugt war, dass sie sich den Geruch und was sonst noch ihres Liebhabers vom Körper waschen wollte, kam sie ihm romantisch. Er war zu müde, um sich über seine Gedanken und Gefühle klar werden zu können. Er zog sich eilig die nach rauchigen Kneipen stinkenden Sachen aus, die er jetzt schon fast dreißig Stunden am Körper trug, und stieg in die Wanne. Dann lagen sie sich gegenüber, jeder hatte die Füße des anderen neben sich. Tim schloss die Augen und ließ das warme Wasser auf Körper und Geist einwirken.

»Und, bist du deinem Monster letzte Nacht näher gekommen?«

»Ich glaube«, antwortete er, ohne die Augen zu öffnen, »ich könnte mit dem Mörder in einer Badewanne liegen, ohne ihm näher zu kommen.«

Veronika seufzte. »Du nimmst deinen Job zu schwer. So kann man doch nicht leben. Wenn dieser Fall beendet ist, kommt der nächste und wieder der nächste. Und jedes Mal zählen wir die Opfer, bis der Täter endlich gefasst ist. Du bist Journalist, nicht Polizist.«

»Ich bin nun einmal in die Ermittlungen involviert, also bin ich auch verantwortlich, wenn der Mörder weiter frei herumläuft und tötet.«

»Du weißt genau, dass das Unsinn ist. Verantwortlich für einen Mord ist immer der Mörder. Und jetzt entspann dich.«

Veronika setzte sich auf und fuhr mit ihrer Hand an seinem Bein entlang bis zu dem Ding, das schlaff im Wasser baumelte. Sie streichelte es und drehte die empfindliche Spitze sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Aber es regte sich nichts.

»Will der kleine Timmy nicht?«

»Der kleine Timmy schläft schon tief und fest, weil der große Tim auch sehr müde ist.«

»Na gut, ihr beiden. Ruht euch nur aus.« Veronika lächelte und lehnte sich wieder zurück.

Tim war so ausgelaugt, dass er noch nicht einmal ansatzweise frustriert über seine Schlaffheit war.

Vielleicht war das ja auch der Grund, warum der Mörder nur seine Hände benutzte. Tim hatte bis zu diesem Augenblick noch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, dass der Täter impotent sein könnte. Aber so wie er selbst nicht impotent war, nur weil sein kleiner Freund sich gerade nicht erhärten ließ, so musste auch der Mörder nicht impotent sein, weil er seine Opfer nicht penetrierte. Entscheidend waren Motivation und Disposition.