Kapitel 22
»Die Nacht war ruhig und mild, und als der liebe Gott aufwachte und im ersten Sonnenschein sah, wie der Tau im feuchten Gras glitzerte, war er froh. Er hatte von Schmetterlingen und Eichhörnchen geträumt, von Grashüpfern und Marienkäferchen, und als er aufstand und ein paar Schritte durch seine neue Welt ging, sah er all diese Tiere auf der Wiese, in der Luft und im Wald, und da wusste er, dass er alles richtig gemacht hatte. Und er beobachtete die Sonne, wie sie ihre Bahn am Himmel zog, die Wolken, die mit dem Wind dahinflogen, und er besah sich all die Pflanzen und Tiere, die die Erde und das Wasser bewohnten. Da dachte er bei sich, wie seltsam es war, dass bei all diesem wunderbaren Leben und den vielen schönen Dingen diese Welt doch keine Ahnung hatte, dass er sie erschaffen hatte, und er dachte, wie schön wäre es doch, wenn diese Welt sich sehen und begreifen könnte. Warum kann sie nicht zu mir sagen: ›Danke, lieber Gott, dass du mich erschaffen hast!‹. Und als er darüber so nachdachte, nahm er sich etwas Erde, formte daraus einen Körper, den es auf dieser Welt noch nicht gab, und er gab ihm zwei Augen, damit er sehen könnte, und er sagte: ›Da, du schöne Welt, damit du dich sehen kannst.‹ Und er gab ihm zwei Ohren, damit er hören könnte, und er sagte dabei: ›Da, du schöne Welt, damit du dich hören kannst.‹ Danach formte er eine Nase zum Riechen, und er sagte: ›Da, du schöne Welt, damit du dich riechen kannst.‹ Weiter bekam das Geschöpf einen Mund, und er sagte: ›Da, du schöne Welt, damit du von dir und von mir erzählen kannst.‹ Dann gab er ihm zwei Hände zum Greifen, und er sagte: ›Da, du schöne Welt, damit du dich begreifen kannst.‹ Schließlich hauchte der liebe Gott dem neuen Geschöpf Leben ein. Und er gab ihm dabei auch etwas von sich selbst mit, was die anderen Tiere nicht bekommen hatten, nämlich den Verstand, und er sagte: ›Da, du schöne Welt, damit du weißt, dass es dich gibt.‹ Dann streichelte er seinem jüngsten Geschöpf über den Kopf und sagte: ›Adam sollst du heißen, und ein Mensch sollst du sein.‹ Und da stand der Mensch auf, und was glaubst du: Es war ein kleiner Junge, gerade so alt wie du, und er lächelte den lieben Gott an, atmete tief durch – und machte seinen ersten Pups. Da lachte der liebe Gott, und er war froh, dass Adam am Leben war. Und Adam sprang fröhlich umher, planschte im Wasser, spielte im Wald mit den Rehen und den Eichhörnchen, und weil er wie alle kleinen Jungen gern den ganzen Tag lang spielen wollte, spielte auch der liebe Gott mit dem kleinen Adam, bis es dunkel und Adam ganz müde wurde, und die beiden legten sich unter dem glitzernden Sternenhimmel schlafen. In dieser Nacht träumten zum allerersten Mal zwei Seelen den gleichen Traum.«
»Bleibst du auch noch was bei mir liegen, Papa?«, fragte Max, der die ganze Zeit still, fast andächtig zugehört hatte, und schlang die dünnen Ärmchen fest um seinen Vater.
»Aber klar doch. Mach mal Platz für den dicken Papa!«
Max rollte sich an die Wandseite seines Bettes, damit Manfred sich dazulegen konnte. Sie zogen sich gemeinsam die Decke über den Kopf, und Max kuschelte sich dicht an ihn.
»Das ist eine schöne Geschichte, Papa. Wie geht es mit dem kleinen Adam und dem lieben Gott weiter?«
»Das erzähle ich dir demnächst. Jetzt wird aber geschlafen.«
Max atmete noch ein paarmal tief durch, dann regte er sich nicht mehr. Manfred blieb noch ein paar Minuten liegen, döste dabei auch fast ein. Dann war er sich sicher, dass der Kleine schlief. Vorsichtig stand er auf und ging leise aus dem Zimmer. Claudia wartete im Wohnzimmer schon auf ihn. Eigentlich hatte er gar keine Lust, mit ihr zu reden. Es war ein langer Tag gewesen.
Nachdem er die kleine Eva verlassen hatte, war er in die Firma gefahren und hatte sich über den Stand der Dinge informiert. Zum ersten Mal hatte er sein Unternehmen so lange Zeit aus den Augen gelassen. Natürlich war vieles liegen geblieben. Aber er wusste jetzt auch, dass es wichtigere Dinge in seinem Leben gab.
Claudia begann gleich zu reden, als er ins Zimmer trat. Es hörte sich für ihn an wie Geschwätz von Gesundheit und dass er die Behandlung nicht hätte abbrechen dürfen, und dann noch bei diesem stressigen Job, der ohnehin ihr Leben sehr belaste, warum er zuerst in die Firma fahre, bevor er nach Hause kam nach zwei Wochen, seine Mutter frage nach ihm und noch einiges mehr.
Seltsam, dachte Manfred, früher war sie nicht so geschwätzig gewesen. Eine Frau mit einem solchen Redeschwall hätte er niemals geheiratet. Mehr als die Hälfte von dem, was sie jetzt daherredete, erschien ihm als redundanter, uninteressanter Kram, den er vergaß, bevor er ihn überhaupt verstanden hatte.
Jetzt sah sie ihn erwartungsvoll an. Irgendetwas zum Schluss war wohl als Frage formuliert gewesen. Er dachte an die kleine Eva, die dank ihm niemals so werden würde. Ein Schmetterling, dessen samtene Flügel von nun an in seinen Erinnerungen schillern würden, wann immer er wollte.
»Manfred, warum sagst du denn gar nichts?«
Claudia nervte. Er wusste nicht, was sie von ihm wollte.
»Was soll ich denn schon sagen?«, antwortete er und spielte den müden Patienten aus der Rehabilitationsklinik.
»Was du jetzt tun wirst, habe ich dich gefragt!«
Der Unterton in ihrer Stimme ließ Ärger in ihm aufsteigen. Er wusste genau, was er tun würde. Aber diese Frau konnte das niemals auch nur annähernd verstehen. Was hatte sie da eben von seiner Mutter geredet?
»Ich werde jetzt ins Bett gehen!«
Damit ließ er sie sitzen mit ihren unnützen kleinen Gedanken, ging ins Treppenhaus und hoch ins Schlafzimmer. Wenn sie unten aufgeräumt hatte und nachkommen würde, könnte er längst den Schlafenden spielen und sich so jeder weiteren Kommunikation entziehen.