Kapitel 29
Manfred hatte sich an diesem Freitagabend früher aus der Firma losgemacht als üblich. Es war gegen halb sieben und Hochbetrieb in der Kletterhalle. Eine Menge Leute tummelten sich dort. Es waren auch bekannte Gesichter darunter. Jemand kam auf ihn zu.
»Hallo, Manfred. Auch mal wieder da?«
»Hi, Volker. Es wurde mal wieder Zeit. Bin völlig aus der Übung.«
Volker war ein starker Allround-Kletterer, mit dem Manfred auch schon in den Alpen unterwegs gewesen war. Er winkte lächelnd ab. »Ach was. Gehst du ’ne Route? Ich sichere, meine Arme sind gerade ziemlich dicht.« Er zeigte auf den Vorstiegsturm, an dem er gerade unterwegs gewesen war.
Eigentlich wollte Manfred Ausschau nach dem Journalisten halten, der sich für heute hier verabredet hatte. Es war immer gut, wichtige Leute in privater Atmosphäre zu treffen, wenn man erfolgreich Geschäfte machen wollte. Aber es wäre ihm dumm vorgekommen, hier die ganze Zeit nur herumzusitzen. Also willigte er ein.
»In Ordnung. Ich versuch’s erst mal mit ’ner Fünf.«
Normalerweise kletterte er im Vorstieg bis in den siebten Schwierigkeitsgrad. Aber nach der Meningitis reichte die Kraft vielleicht noch nicht so ganz. Sie gingen an die Wand, an der keine von oben befestigten Seile hingen, sondern nur Karabiner zum Einklinken des Seils im Vorstieg. Dort band Manfred sich in das Ende eines Kletterseils ein, das Volker ihm reichte. Als er die Sicherung an seinem eigenen Gurt fixiert hatte, stieg Manfred los. Die ersten Tritte fühlten sich ein wenig unsicher an, und seine Hände waren feuchter als sonst. Doch als er den ersten Sicherungspunkt erreicht hatte und das Seil einhängte, kehrte die gewohnte Ruhe zurück. In einer Route dieser Schwierigkeit brauchte er nicht viel Kraft. Sauberes Setzen der Füße und Balance reichten aus. Bald war der zweite, dann der dritte Karabiner erreicht. Auf einer Höhe von etwa zehn Metern begann etwa zwei Meter neben seiner Route ein Überhang. Der reizte ihn nun, da er sich recht sicher in seinen Bewegungen fühlte. Also querte er in die Nebenroute hinüber. An der Unterkante des Überhangs angekommen, versuchte er durch Spreizen der Beine, das für solche Kletterstellen typische Abdrängen des Körpers von der Wand zu verhindern. Er suchte nach geeigneten Griffen im oberen Bereich und verlagerte das Gewicht auf den höher positionierten Fuß. Hier brauchte er nun doch eine gehörige Portion Kraft, denn jetzt musste er sich mit aufgesetzten Fingerspitzen hochziehen und dann möglichst schnell den nächsten Tritt finden.
»Sucht der Herr Jeschke da oben eine Datenflusskonzeption?«
Der Klang dieser Stimme ließ Manfred zusammenzucken. Er verlor die Kontrolle und stürzte. Einen Moment lang verharrte er im freien Fall. Die Wand sauste an ihm vorbei. Dann spannte sich das Seil in der Sicherung, und Volker ließ ihn aus dem Schwung des Sturzes dynamisch gebremst zu Boden. Mit leicht zitternden Knien kam Manfred zum Stehen. Sein Herz schlug heftig. Vor ihm stand grinsend Tim Schuster.
»Guter Sturz«, sagte er und reichte ihm die Hand.
Manfred bemühte sich um einen festen Druck. »Ich war einen Moment lang irritiert, als ich meinen Namen gehört habe«, verteidigte er sein Missgeschick und atmete tief durch. »Wollen Sie sich nicht an diesem Überhang versuchen, Herr Schuster?«, fragte er dann.
»Jungs, tut mir den Gefallen und duzt euch, wie sich das hier gehört«, mischte sich Volker ein.
»Ihr kennt euch?« Manfred sah von einem zum anderen.
»Wir haben ein paar schöne Touren im Wilden Kaiser zusammen gemacht«, erklärte Volker in schwärmerischem Ton. »Tim ist die Totenkirchl-Westwand sauber vorgestiegen, inklusive Nasenquergang. Also, der Herr Jeschke heißt Manfred, und der Herr Schuster heißt Tim.«
»Alle Achtung, Tim. Dann wird diese Route hier ja ein Spaziergang!« Damit reichte Manfred Tim das Seil und band selbst den Halbmastwurf-Knoten zur Sicherung in den Karabiner an Tims Klettergurt ein. Tim nahm das Seilende an und machte sich zum Klettern bereit. Dann stieg er in die Route ein.
Seine Bewegungen erschienen Manfred sicher und flüssig, er war bestimmt ein routinierter Kletterer. Während Manfred das Seil durch den Karabiner zog, fragte er Volker: »Warum kenne ich den nicht von hier? Der klettert doch häufig.«
»Tim wohnt zwar in Köln, aber hier hab’ ich ihn auch noch nicht getroffen. Er hat mich vor ein paar Tagen angerufen und mich gefragt, ob wir noch mal zusammen klettern. Da haben wir uns hier verabredet.«
Tim strebte schnell die Wand hinauf, war jetzt schon am Überhang. Auch er hatte Probleme, meisterte die Stelle jedoch. Die letzten Meter der Route waren noch mal schwieriger. Die Griffe und Tritte wurden sehr klein und waren weit voneinander entfernt, wahrscheinlich bereits im achten Grad. Nun musste er hart arbeiten, griff häufig zum Chalk-Bag, der an seinem Gurt hing und mit einem Stück Magnesia gefüllt war. Jetzt hatte er der Wand wieder einige Zentimeter abgetrotzt und mühte sich, den nächsten Karabiner zum Einhängen des Seils zu erreichen. Das ist der Moment, in dem der Kletterer am meisten gefordert ist. Manfred spürte die Spannung förmlich im Seil zwischen seinen Fingern. Wenn der Schreiberling jetzt stürzen und er nicht sauber sichern sollte, würde er einen schmerzhaften Kontakt mit der überhängenden Kante unter sich haben. Manfred stellte sich vor, wie ihm das Seil ganz entglitt und Schuster ungebremst vierzehn Meter tief vor seine Füße stürzen würde. Tim zog das Seil mit einer Hand hoch und packte es mit den Zähnen, um beide Hände frei zu haben. Er musste sich noch ein Stück höher bewegen, noch einen winzigen Tritt nehmen, um den Sicherungspunkt zu erreichen. Er dehnte sich, stand ziemlich instabil da. Jetzt nahm er das Seil in die Hand und führte es zum Karabiner, um es dort einzuklicken und die kritische Situation zu meistern. Manfred schaute auf seinen Sicherungsknoten. War das auch wirklich ein korrekter Halbmastwurf, oder hatte er eben einen Scheinknoten gewoben? Tim schaute kurz hinunter, die Anspannung war seinem Gesicht deutlich abzulesen. Ein letztes Dehnen, um den Karabiner zu erreichen, da rutschte er ab und stürzte. Einen winzigen Moment später baumelte er sicher im Seil. Manfred schaute auf seine Hand, die sich instinktiv zum sichernden Griff geschlossen hatte.