Kapitel 21

Der Morgen war kühl und wolkenverhangen. In der Nacht hatte es geregnet. Von der sommerlichen Wärme des Vortags war nichts mehr zu spüren. Manfred hatte noch ein letztes Mal im Speisesaal gefrühstückt und anschließend ein Abschlussgespräch mit dem Stationsarzt geführt. Der bedauerte seine Entscheidung zur vorzeitigen Abreise sehr, meinte, er würde Barrieren aufbauen, sich helfen zu lassen und so weiter. Eine abschließende Untersuchung mit Blutabnahme hatte Manfred verweigert. Er fühlte sich schon kräftig genug, sein Gepäck allein zum Auto zu tragen, mit dem er am letzten Sonntag wieder selbst angereist war. Er hatte den Jaguar für jeden sichtbar direkt vor den Haupteingang gefahren und verstaute nun Koffer und Reisetasche im Kofferraum.

Es gab eine Menge Leute, die ihn dabei beobachten, wie er um 9.30 Uhr die Klinik endgültig verließ. Mehr oder weniger bekannte Gesichter. Auch Ulrike stand im Foyer und winkte ihm kurz zu. Eva war nicht dabei, wieso, wusste er nicht. Er hatte aber erfahren, dass Ulrike sich für das Boule-Spiel am frühen Nachmittag eingetragen hatte. Er würde darauf wetten, dass die kleine Eva in dieser Zeit in der Nähe der Spielbahn herumlaufen oder -radeln würde. So lange wollte er sich die Zeit vertreiben. Zuerst steuerte er durch Marmagen, so als würde er wirklich nach Hause fahren. Hinter dem Ortsausgang passte er den nächsten Feldweg ab, der von der Landstraße abzweigte, bog hier ein und fuhr noch ein paar hundert Meter weiter. Dort führte wiederum ein Weg in ein Waldstück hinein, der vor einiger Zeit forstwirtschaftlichen Zwecken gedient haben mochte und nun verwildert und ungenutzt wirkte. Hier stellte er den Wagen ab.

Zurück zur Klinik brauchte er zu Fuß vielleicht eine halbe Stunde. Dort wiederum benötigte er eine weitere halbe Stunde, um sich unentdeckt seinem Ziel zu nähern. Also hatte er noch zwei Stunden Zeit. Er schaltete das Radio ein und suchte einen Sender mit angenehmer Musik. Dann lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Jetzt nur nicht die Minuten zählen. Woran sollte er die ganze Zeit denken, wenn nicht an die kleine Eva?

Da war beispielsweise das Mädchen an der Uni. Manfred war im ersten Semester und noch voller Zweifel gewesen. Ein grüner Junge auf der Suche nach seinem Weg. Sie stand neben ihm auf dieser kleinen Wiese in Aachen, und sie betrachteten unabhängig voneinander eine Skulptur, die dort aufgestellt war. Es befand sich außer ihnen beiden kein Mensch weit und breit. Sie war sehr hübsch. Manfred erinnerte sich noch an ihre kleinen, festen Brüste, die kaum so groß wie halbe Tennisbälle waren. Sie verströmte einen süßen, unschuldigen Duft. Er umfasste die Brüste von hinten, dann ihren Hals. Sie schrie und wand sich, dachte wohl, er wollte sie vergewaltigen. Er ließ sie los und stammelte völlig verwirrt irgendwelche Entschuldigungen. Sie schimpfte auf ihn ein, wohl aus Aufregung und Angst, und lief dann davon.

Nun, in der Erinnerung, verspürte er wieder dieselbe tiefe Scham wie damals. Welches Versagen, welche Unentschlossenheit. Er wusste, dass er sie hatte töten wollen und dass es richtig gewesen wäre, das zu tun. Aber er war sich einfach nicht sicher genug gewesen. Wenn er sie nun wiederträfe, würde er sich bei ihr dafür entschuldigen, dass er es nicht getan hatte. Es war ihm nach all den Jahren noch außerordentlich peinlich, dass er ihre Brüste angefasst hatte. Er hatte das eigentlich nicht gewollt, es war mehr ein Versehen gewesen. Ihn hatte niemals sexuelles Verlangen mit diesen Mädchen verbunden. Es ging immer nur um die Sache. Unsachlichkeit war nicht seine Art. Der Griff an den kleinen Busen hatte nur aus seiner Unentschlossenheit resultiert. Das erste Mal ist selten gut. Wäre er fest entschlossen gewesen, hätten seine Hände zielsicher ihre Kehle gepackt und mit aller Kraft zugedrückt. Alle weiteren Peinlichkeiten wären ihnen dann erspart geblieben. Es erschien ihm fast unheimlich, wie deutlich diese Szene in seiner Erinnerung verhaftet war. Es gab ein paar Erinnerungen, die immer wieder einmal aus dem Nebel des vergangenen Lebens auftauchten.

Da war der Moment, als er etwa ein halbes Jahr nach Verlassen der Schule in der Kölner City zu Weihnachtseinkäufen unterwegs gewesen war. Auf dem Weg zwischen zwei Konsumtempeln war er Sarah begegnet. Sie war eines der wenigen Mädchen gewesen, mit denen er in seiner Schulzeit ein angenehmes Verhältnis gepflegt hatte. Niemals sexuell, versteht sich. Sie waren in einer Grundschulklasse gewesen und hatten auch zusammen Abitur gemacht. Nach dem Abschluss hatte er sie dann ein paar Monate nicht gesehen, bis zu jener Begegnung in der Vorweihnachtszeit. Sarah war lächelnd auf ihn zugekommen und hatte ihn freundlich begrüßt. Manfred hatte Hallo gesagt und ihr Lächeln erwidert, jedoch ohne stehen zu bleiben. Er ging einfach weiter und ins nächste Geschäft hinein. Danach hatte er Sarah nie wiedergesehen. Es war gar nicht so, dass er nicht mit ihr hätte sprechen wollen. Er war in Eile gewesen. Außerdem war ihm ihr Gesicht so vertraut, dass ihm gar nicht in den Sinn gekommen war, wie lange sie sich nicht gesehen hatten. So, als würde man sich eh morgen wieder in der Schule treffen und daher bei einer zufälligen Begegnung in der Stadt nicht viel Aufhebens machen musste. Immer wenn Manfred an diese Begebenheit dachte, schämte er sich und wollte sofort alle Hebel in Bewegung setzen, um Sarah zu finden und sich für seine Unhöflichkeit zu entschuldigen. Doch es waren so viele Jahre vergangen. Wer wusste schon, wie sie jetzt aussah. Er wollte es gar nicht wissen.

Er schaute auf die Uhr. Gerade mal 10.30 Uhr. Er stellte die Weckfunktion auf 11.45 Uhr, schaltete das Radio aus und schloss die Augen. Das einzige Mittel gegen das zähe Warten war der Schlaf. Wenn man schläft, ignoriert man den Fluss der Zeit und entzieht sich ihm subjektiv. Woran denken, wenn es nichts zu denken gibt? Der Plan war klar und fertig gedacht. Die Ausführung stand bevor, und die Zwischenzeit ignorierte man am besten.

Als der Piepton ihn hochschrecken ließ, stellte er fest, dass er tatsächlich eingeschlafen war. Er zählte die Piepser und kam bis siebzehn. Zwanzig Piepser machte sie, was bedeutete, dass er drei verpasst hatte. Erstaunlich tiefer Schlaf also. Manfred öffnete die Tür, nahm die Autoschlüssel und stieg aus. Erst als er auf den Knopf der Fernbedienung drücken wollte, fielen ihm die Lederhandschuhe ein. Fast hätte er sie vergessen. Noch mal ins Auto, die dünnen Fingerlinge aus dem Handschuhfach genommen. Dann machte er sich auf den Weg.

Es war noch genügend Zeit. Er hätte den Wecker auch auf zwölf Uhr stellen können. Die Boule-Partie begann frühestens um eins, und er hatte letztlich den ganzen Nachmittag zur Verfügung. Manfred umging jetzt den Ort Marmagen weiträumig am Waldrand, so dass sich später niemand an einen einzelnen Spaziergänger würde erinnern können. Im Ort hätte er ja auch auf Patienten der Klinik treffen können, die ihn kannten. Dann querte er oberhalb der Ortschaft das Tal und schlüpfte auf der anderen Seite in den Wald, der von dort bis zur Klinik reichte. Auf diese Weise konnte er sich ungesehen nähern. Die Bäume standen hier sehr dicht und endeten genau an einem Spazierweg, der an der Boule-Bahn vorbei zur Klinik führte. Er bewegte sich langsam und bedächtig, immer auf Spaziergänger achtend. Es gab hier verschiedene markierte Rundwege, die in der näheren Umgebung der Klinik durch den Wald verliefen. Da tauchte zwischen den Bäumen der Umriss dieses Gebäudeklotzes auf, in dem er die letzten Wochen verbracht hatte. Hinter einer dichten Hecke bezog er vorläufig Stellung. Von dort aus war nur ein Teil der Boule-Bahn, dafür aber der ganze Weg, auf dem er seinen kleinen Engel erwartete, einsehbar. Manfred war in sehr guter Deckung, da zwischen der Haselhecke und dem Weg nochmals einige lichte Büsche standen. Es würde ihm also niemand zu nahe kommen. Es war 12.30 Uhr. Er war etwas zu früh, also hockte er sich hin, entspannte sich und betrachtete möglichst gelassen das einsehbare Areal.

Es war deutlich kühler als in den letzten Tagen. Fast fröstelte es ihn ein wenig, wie er dort regungslos im Gebüsch verharrte.

Da tat sich etwas.

Ein Greis schlich ins Blickfeld des verborgenen Beobachters, schleppte sich dahin mit seiner Gehhilfe. Eine Zeitlang betrachtete Manfred sein eingefallenes Gesicht von vorn, dann die gebeugte Haltung seines verbrauchten Körpers von der Seite und endlich den ausgebeulten Boden seiner Trainingshose, die formlos am schlottrigen Körper hing. Ob er Pampers trug? Manfred konnte das von seinem Versteck aus nicht eindeutig klären, und da schleppte der Alte sich auch schon wieder aus seinem Blickfeld.

Die nächste Bewegung stammte von einem Kaninchen, das über die Wiese hoppelte. Es blieb kurz auf dem Weg sitzen und verschwand dann, wie von etwas aufgescheucht, in Richtung seines Verstecks im Gesträuch.

Dann sah er sie.

Mit ihrem Rädchen fuhr sie den Weg entlang und folgte hell auflachend dem Kaninchen. Sie war wirklich ein wunderbarer kleiner Engel, zauberhaft anzusehen mit ihrem Kleidchen, der Strumpfhose und den schönen blonden Haaren. Sie blickte in Manfreds Richtung, wo das Karnickel sich im Unterholz versteckt hatte. Er spähte den Weg hinauf und hinunter. Niemand schien in der Nähe zu sein. Der Tattergreis war auch schon weiter weg. Die Situation konnte gar nicht besser sein. Manfred trat aus dem Gebüsch hervor, winkte der kleinen Eva zu und hielt gleich darauf den Finger vor den Mund. Sie sah ihn sofort und winkte zurück. Er bedeutete ihr, näher zu kommen, und flüsterte ihr zu: »Pass auf, Eva, ich hab gesehen, wo das Häschen hingehoppelt ist!«

Sie hielt nun ihrerseits auch einen Finger vor den Mund, legte das Fahrrad beiseite und kam auf ihn zu. Sie war so lieb, so wunderschön, dass sein Herz fast stockte. Trotzdem musste er alle Sinne beisammen halten. Er ging zuerst an ihr vorbei, packte ihr Rad und legte es ein paar Schritte vom Weg entfernt ins Unterholz. Dann nahm er die Kleine an der Hand, und sie gingen gemeinsam tiefer in den Wald hinein, wieder zurück hinter den Haselstrauch.

»Wo ist denn das Häschen?«, fragte die Kleine flüsternd.

Manfred streichelte ihr durchs Haar, unfähig zu sprechen. Er hätte gern die Handschuhe ausgezogen, um die Weichheit ihrer langen Locken zu spüren. Diese Schönheit sollte ganz erlebt werden, aber das ging auf keinen Fall. Hier ging niemand in der Anonymität der Großstadt unter. Man konnte problemlos einen genetischen Fingerabdruck mit den Patientenproben der Klinik vergleichen. Manfred musste sorgfältig vorgehen, auch wenn Herz und Bauch sagten, dass diese Schönheit bewundert und genossen sein wollte. Das wusste er genau, und die Klarheit seiner Gedanken in diesem aufregenden Augenblick ließ ihn vor Stolz erschauern. Eva schaute ihn lächelnd an. In ihren Augen sah er den Ausdruck unbedingten kindlichen Vertrauens. Er durfte dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Jetzt musste es sein. Seine Hände arbeiteten schnell und sicher. Sie brauchte keine Angst zu haben. Er würde ihr nicht wehtun, alles würde gut werden. Jetzt zitterte sie doch. Hab keine Furcht, mein Schatz. Erstaunen in ihren Augen, in ihrem Gesicht. Doch sie verstand ihn, so wie nur ein Kind verstehen konnte, ohne lange Erklärungen. Das Handeln zählte. Sein Herz klopfte wie rasend. Er hob sie hoch. Sie schwebte engelsgleich, zuckte noch ein wenig. Doch Angst hatte sie keine. Nein, sie nicht, dachte Manfred, sie hatte Vertrauen genug für sie beide, ließ es ruhig geschehen. Dann war es vorbei, alles war gut.

Er musste gehen, musste sich jetzt, wo es getan war, verabschieden. Manfred ging genau den Weg zurück, den er gekommen war, ruhig und gelassen, doch ohne zu bummeln. Es war wichtig, dass er zügig zum Wagen gelangte und die Gegend verließ, bevor man die Kleine finden und er womöglich der Polizei begegnen würde. Er war schon wieder aus dem Wald heraus und über die Wiesen auf der anderen Seite des Tals, fast schon beim Wagen. Da hörte er aus der Ferne diese Schreie, hysterisch und schrill. Es musste wohl Ulrike sein, die ihre Tochter gesucht und gefunden hatte. Offenbar hatte sie den Sinn nicht durchschaut, nicht verstanden. Wie sollte sie auch? Die Schreie hörten nicht auf. Pausenlos schrie sie, weiter und weiter, als ob sie nicht zu atmen bräuchte. Ihre Tochter hatte nicht so ein Theater gemacht.