Kapitel 34
Was für eine gewalttätige Architektur. Dieser Gedanke überdeckte alles andere beim Anblick dieses klobigen schwarzen Klotzes, der in einer ausgesucht schönen Landschaft nichts Besseres zu tun hatte, als sie zu verschandeln.
Tim stand an einem Nebeneingang der Eifelhöhenklinik Marmagen. Hinter ihm lag eine satte Wiese, dahinter wiederum begann ein dichter Wald. Vor ihm erhob sich eine triste, dunkle Wand, die einige Stockwerke hoch in den Himmel reichte. Was für eine Anstrengung war wohl notwendig, um in einem solchen Kubus gesund werden zu können?
Er trat durch die Tür und befand sich in einem Gang, der zu beiden Seiten eine Reihe von Zimmertüren aufwies. Offenbar waren hier Patienten untergebracht. Das Interieur war erstaunlich freundlich. Man hatte eher den Eindruck, in ein Mittelklassehotel eingetreten zu sein als in eine Klinik. Der Boden präsentierte sich mit Teppich statt nackt gefliest. Die Bilder an den Wänden waren nach Tims Geschmack, Franz Marc und andere farbenfrohe Expressionisten. Er schlenderte ein paar Schritte weiter. Der weiche Untergrund dämpfte sein Schrittgeräusch. Der Gang mündete in eine kleine Halle. Hier befanden sich ein Schwesternzimmer und der Aufzug. Auf einer Bank saßen zwei alte Damen. Offenbar warteten sie auf den Lift.
»Entschuldigung«, sprach Tim sie an. »Haben Sie von dem Unglück gehört, was hier vor einigen Tagen geschehen ist?«
Die beiden sahen ihn an und nickten. »Junger Mann, Sie meinen bestimmt das kleine Mädchen. Das arme Ding ist von einem Wahnsinnigen ermordet worden. Wir reden von nichts anderem mehr. Ich möchte am liebsten weg, aber ich muss noch eine Woche wegen meiner Hüfte.« Sie zeigte auf ihre Körpermitte, wo sich vermutlich neue Kunststoffgelenke um Stabilität bemühten.
»Können Sie mir sagen, wo das passiert ist?«, fragte Tim weiter.
»Gehen Sie nur da raus«, sagte die andere Frau und zeigte mit einem dürren, zittrigen Zeigefinger in die Richtung, aus der er gekommen war. »Hinten am Waldrand, wo die vielen Blumen liegen, man kann es nicht verfehlen.«
»Danke sehr.« Er wandte sich zum Gehen. Da hielt ihn eine Hand fest. »Wissen Sie, wer es war?« Die Alte hatte seinen Arm gepackt, druckvoller, als er es erwartet hätte.
»Nein, aber ich will es herausfinden.«
»Er hat mit mir gesprochen, ein paarmal!«
Tim schaute der Alten verwundert ins Gesicht. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. »Wer, der Mörder?«
Ihre wässrigen Augen blitzten auf. »Ja. Er hat mich mehrmals auf dem Zimmer angerufen, nachts. Unverschämte Dinge hat er gesagt. Das war bestimmt der, der das Mädchen umgebracht hat!«
»Nun, ich glaube, der Mörder bevorzugt eine andere Altersgruppe. Aber fragen Sie mal den Herrn da drüben, den habe ich im akuten Verdacht. Der könnte Sie angerufen haben.«
Tim zeigte auf einen älteren Mann im Rollstuhl, der neben dem Aufzug saß und permanent zu ihnen herübergrinste. Die Frau öffnete den Mund, wusste aber nichts zu entgegnen und ließ Tim überrascht los. Als er schon ein paar Schritte entfernt war, hörte er die alten Damen kichern.
Wieder draußen angekommen, ging er einen Weg entlang, der durch die weitläufige Wiese in Richtung des Waldes führte. Er kam an einer Gruppe Boulespieler vorbei. Eine junge Frau hielt einen Schreibblock in der Hand und verkündete die Ergebnisse der letzten Spielrunde. Der Weg bog ab und führte nun direkt am Waldrand entlang. Tatsächlich brauchte er nicht lange zu suchen. Eine große Ansammlung von Blumen lag am Wegesrand. Davor stand ein alter Mann, über seine Gehhilfe gebeugt. Tim blieb in einiger Entfernung stehen und nahm dieses Bild ganz in sich auf. Der Eindruck des offenbar trauernden und erschöpft wirkenden alten Mannes vor der Mordstätte war so stark, dass er seine Kamera aus der Jackentasche holte und ein paar Fotos schoss. Der Mann bemerkte es nicht. Tim steckte die Nikon wieder weg und trat näher. Eine Weile blieb er schweigend neben dem Greis stehen. Dann sprach er ihn an.
»Haben Sie das Mädchen gekannt?«
Er drehte den Kopf und blickte Tim aus feuchten Augen an. »Sie war unser Sonnenschein. Sie hat den Aufenthalt hier so schön gemacht.« Der Alte atmete hörbar schwer durch, bevor er fragte: »Sind Sie Polizist?«
»Ich bin auf der Suche nach einem sehr gewalttätigen Mann. Ich will herausfinden, ob er hier war und dieses Mädchen getötet hat.«
»Hab’ ich mir doch gedacht. Sie sehen aus wie einer, der solche Bestien jagt.«
Zweifelnd sah Tim dem Mann in die Augen und erwiderte den prüfenden Blick. Was an ihm sollte so aussehen wie ein Jäger? Darüber hatte er noch nie ernsthaft nachgedacht.
»Haben Sie das Mädchen irgendwann einmal mit einem Mann zusammen gesehen?«
»Ich habe schon mit Ihren Kollegen gesprochen. Ich kann Ihnen nichts sagen, was Ihnen helfen könnte. Fragen Sie die Mutter.«
»Ist die noch hier?«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Nee, die ist am gleichen Tag noch weg. Stellen Sie sich vor, hier im Gebüsch hat sie ihre kleine Tochter gefunden. Sie hing aufgeknüpft an einem Baum. Es ist so schrecklich.«
Er wandte sich ab und setzte seinen Weg fort, ohne Tim noch einmal anzusehen. Der Arm, mit dem er gerade noch in das Gebüsch gewiesen hatte, klammerte sich nun wieder an den Griff seiner Gehhilfe. Tim konnte hören, dass er leise weinte.
Er stieg über die Blumen hinweg und trat ins Unterholz, bewegte sich ein paar Schritte vom Weg in den Wald hinein. Es herrschte immer eine eigentümliche Atmosphäre am Ort eines Verbrechens dieser Art. Der Mord war am Nachmittag geschehen, etwa um diese Zeit. Den Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen hatte man schon hinter sich. Jetzt begannen für die meisten wieder die Programme. Hier war es still, trotz der Nähe zu der großen Klinik mit ihren Hunderten von Patienten. Nur von der Boulebahn klang hin und wieder ein Stimmfetzen zu ihm herüber. Der Baum mit der markanten Astgabel fiel Tim sofort ins Auge. Es hingen noch Markierungen der Spurensicherung daran.
Hier war es geschehen.
Er sah sich um. Das Gebüsch war üppig und dicht. Vom Weg aus war ein Mann, der hier lauerte, nicht zu sehen, konnte jedoch umgekehrt einen Teil des Weges einsehen. Genau hier hätte Tim auf ein am Waldrand spielendes Kind gewartet. Er war sicher, dass der Mörder das auch getan hatte. Doch er hatte wissen müssen, dass die Kleine hier sein würde. Was hatte der alte Mann eben gesagt?
»Sie war unser Sonnenschein.« Klar, ein kleines, süßes Mädchen in einer solchen Klinik war schon etwas Außergewöhnliches. Sicher kannten sie viele. Doch die Überprüfung der Patienten hatte nichts ergeben. War er ein Besucher gewesen? Gehörte er zum Personal, oder wohnte er in der Nähe? Tim musste mit der Mutter sprechen. Und natürlich mit dem Vater des Kindes, obwohl das die Polizei schon getan hatte.
Sein Handy klingelte und rüttelte in seiner Tasche herum. Das Display zeigte an, dass sein Agent Julius ihn sprechen wollte. Er wartete sicher sehnsüchtig auf die Tibet-Story.
»Wer stört?«
»Kannst du dich noch an den Vorschuss erinnern, den ich persönlich für dich herausgehauen habe? Kannst du dich darüber hinaus an den Termin erinnern, an dem du liefern wolltest?«
»Hallo, Julius, nett dich zu hören. Wie geht’s dir denn so?«
Die Stimme aus dem Telefon klang genervt. »Tim, da hört der Spaß auf! Man rückt mir derbe zu Leibe. Du kannst nicht Vorkasse machen und dann abtauchen!«
Offenbar hatte man ihm wirklich Dampf unter dem Hintern gemacht. Tim wusste selbst, dass er einen Liefertermin hatte. Er sah sich noch einmal um, dann ging er zurück zum Weg. Der Anruf hatte die Atmosphäre zerstört. Hier gab es für ihn nichts mehr zu entdecken.
»Hey, Tim, bist du noch da?«, quakte es aus dem Gerät.
»Ja doch, du Quälgeist«, antwortete Tim und trat aus dem Wald heraus. Als er nach rechts blickte, sah er etwa fünfzig Meter entfernt einen Körper auf dem Boden liegen. »Julius, ich ruf dich zurück. Bis gleich!«
Mit einem Knopfdruck beendete er das Gespräch und lief zu dem Menschen, der dort auf dem Weg lag.
Es war der Alte von vorhin, der gestürzt war. Er lag da im Schmutz, klammerte sich an seine stehengebliebene Gehhilfe und hatte offensichtlich keine Kraft, sich selbst aufzurichten. Er erinnerte Tim an einen Bergsteiger, der in der Höhe zusammenbricht und einfach nicht mehr hochkommt. So war es ihm selbst vor einigen Monaten am Cho Oyu ergangen. Schnell war er bei dem Alten, beugte sich nieder und fasste ihn unter den Achseln. Als er ihn anhob, merkte er, wie schwer dieser Greis war.
Ein Stück entfernt ging ein junger, hochgewachsener Mann im Trainingsanzug spazieren. Tim rief in seine Richtung: »Hallo, helfen Sie uns doch mal!«
Der Mann winkte ab und ging weiter, rief aber zurück: »Geht nicht, Beckenbruch!«
»Hättest du denn jemanden zu Hilfe gerufen, Arschloch?«, rief Tim dem ungeniert weiterspazierenden Kerl zu. Der würdigte ihn keines Blicks mehr. Tim nahm alle Kraft zusammen und hob das schlaffe Schwergewicht empor.
»Danke, danke«, murmelte der Alte.
Tim klopfte die Kleidung des Greises notdürftig ab. »Kommen Sie, ich bringe Sie zurück.«
Sie gingen langsam zurück zum Gebäude. Währendessen redete der Mann unablässig auf ihn ein. Er erzählte ihm seine Krankheitsgeschichte vom Tag der Pensionierung bis zum schweren Herzinfarkt vor einigen Monaten. Offenbar brauchte er das nach der erniedrigenden Erfahrung seiner Hilflosigkeit. Über das Mädchen erfuhr Tim nichts mehr. Offenbar kannten alle Patienten die »süße Maus«, die überall Freude verbreitet hatte. Jedermann hatte sie mal im Arm oder auf dem Schoß gehabt. Es gab keinen besonders auffälligen lieben Onkel. Tim brachte den Alten ins Haus, dann zum Lift, dann letztlich bis zu seinem Zimmer. Er musste ihm helfen, die Tür zu öffnen. Seine Finger waren zu zittrig dazu. Tim konnte ihn erst ruhigen Gewissens verlassen, als er ihm aufs Bett geholfen hatte.
Dann ging er zurück zum Parkplatz. Unterwegs begegneten ihm noch eine Reihe Menschen, fast alles Senioren. Wenn es einen Ort gab, an dem er niemals nach einem kleinen Mädchen gesucht hätte, dann war es diese Rehabilitationsklinik. Der Mörder musste sein Opfer gekannt und ihm gezielt hier aufgelauert haben. Es kam nur ein Patient oder jemand vom Personal in Frage. Oder natürlich jemand aus der Familie, der den Aufenthaltsort von Mutter und Kind kannte. Soweit Tim wusste, hatte der getrennt lebende Vater kein Alibi. Damit war er der Hauptverdächtige.
Bevor Tim ins Auto einstieg, zückte er das Handy. Er würde Julius zurückrufen und ihm sagen, dass er die Story am nächsten Tag bekommen würde. Er würde die ganze Nacht und den morgigen Tag daran arbeiten, um endlich den Kopf ganz frei zu haben, wenn der Täter wieder zuschlagen sollte. Und er würde ihn in Köln finden, in seiner Stadt, die wohl auch die Heimat des Mörders war. Noch diktierte der das Geschehen, aber Tim würde seine Geschichte aufschreiben, und das letzte Wort, das würde er haben.