Kapitel 44
»Wir sollten schon noch mal darüber reden.«
»Ach ja?«
Veronika schaute ihn ernst an. Ihre Stimme klang dagegen fast spöttisch. Er wunderte sich schon ein wenig, tat sie doch damit so, als wäre er in der Bringschuld, was eine Aussprache zwischen ihnen anging. Dabei hatte sie es doch mit diesem Luder getrieben und nicht er. Natürlich war er nicht verärgert. Die Klarheit über seine Gefühle, die er in jenem Moment der Entdeckung gehabt hatte, war aber leider auch wieder verschwunden.
Sie sollte jedenfalls nicht den Eindruck bekommen, dass ihm alles egal war. Tim konzentrierte sich darauf, nicht abzuschweifen und beim Wesentlichen zu bleiben.
»Bist du lesbisch oder suchst du nur mal gelegentlich etwas Abwechslung?«
Sie schien sich auf diese Frage vorbereitet zu haben, war kein bisschen überrascht. »Nein, ich bin nicht lesbisch. Aber ich habe herausgefunden, dass ich mit einer Frau Dinge erleben kann, die mit einem Mann nicht möglich sind, selbst wenn ich ihn liebe.«
Tim ignorierte die Schlussbemerkung und bohrte weiter. So einfach wollte er es ihr nicht machen. »Macht es dir nichts aus, mich zu betrügen? Wie lange geht das schon?«
»Ich habe dir nichts davon erzählt, weil es unsere Beziehung nie gefährdet hat. Ich liebe dich wirklich, und auch der Sex mit dir ist schön. Die Sache mit Jenny ist einfach wie die Sahne auf dem Kaffee.«
»Ich nehme an, Jenny ist die Masseuse von neulich.«
»Jenny ist eine gute Freundin, sie ist Cutterin und ebenfalls glücklich verheiratet. Wir haben gemeinsam entdeckt, dass es uns Spaß macht, einen Busen zu streicheln und einen weichen Körper zu spüren. Ich denke, das kannst du nachvollziehen?«
Natürlich konnte er das nachvollziehen. Aber ein wenig sollte sie noch nach Erklärungen suchen müssen. »Bis jetzt dachte ich, du fändest meinen harten Männerkörper erotisch.«
»O Tim, jetzt sei bitte nicht albern. Du weißt genau, dass ich es genieße, mit dir zu schlafen. Ich möchte um nichts auf der Welt darauf verzichten, falls du daran zweifelst!«
Er wollte ihr sofort sagen, dass sie es ruhig hin und wieder mit dieser schönen Frau treiben sollte, wenn sie dann glücklich wäre – solange sie nichts dagegen hatte, dass er sich gelegentlich mit Lena traf. Er fühlte sich wie ein Pharisäer, der Gotteslästerung anklagt und sich insgeheim selbst für den Messias hält. Eigentlich war es jetzt auch gut mit der Aussprache. Da er nicht vorhatte, ihr Vorwürfe zu machen und selbst im Glashaus saß, reichte es.
Die Türklingel entband sie beide von einer Fortsetzung des Gesprächs. Das musste Moni sein, die vom Tanzunterricht kam. Tim ging zum Eingang und öffnete. Wie erwartet war Moni vor der Tür, doch zu seiner Überraschung stand Manfred Jeschke daneben.
»Hallo, Papa«, sagte Monika und schlüpfte an ihm vorbei.
»Hi, Tim«, begrüßte Manfred ihn. »Ich habe mich etwas früher als geplant freimachen können. Bist du schon so weit, oder bin ich zu früh?«
»Ach was, komm rein.«
Manfred trat ein und ging direkt auf Veronika zu. »Guten Tag, ich bin Manfred.«
Die beiden gaben sich die Hand.
»Tim und ich wollen heute eine Runde klettern gehen. Darf ich ihn entführen?«
»Gegen Tims Kletterpartner habe ich noch nie eine Chance gehabt«, erwiderte Veronika lächelnd.
»Ich verstehe, was Sie meinen. Klettern ist kein Hobby, es ist eine Leidenschaft. Dagegen anzukämpfen wäre völlig sinnlos.«
»Niemand kommt gegen seine Leidenschaften an«, schaltete sich Tim ein. »Früher oder später gewinnen sie die Oberhand, und dann tragen sie dich auf einer Welle der Begeisterung davon, oder du ertrinkst elend darin.«
Veronikas Gesicht überzog sich mit einer sanften Röte.
Manfred lachte. »Da hört man den professionellen Autor.« Dann streichelte er Moni über den Kopf. »Eure charmante Tochter habe ich vorhin im Treppenhaus auch schon kennengelernt. Was für ein wunderschöner Schmetterling sie ist.«
Tim sah, dass das Veronika nicht recht gefiel, doch Manfred schien es nicht zu bemerken. Er sagte: »Ich packe schnell meine Tasche, dann können wir los. Vero, Manfred holt mich deswegen ab, damit du gleich den Wagen hast. Britta holt mich dann von der Kletterhalle ab, und ich übernachte bei Vater. Heute ist ja unser Schachabend. Und morgen kommt ihr beide zum Mittagessen zu ihm.«
Veronika schüttelte den Kopf. »Es ist unglaublich, welches Organisationstalent du entwickelst, wenn es ums Klettern geht.«
Tim bestückte seine Sporttasche schnell mit den Kletterutensilien, dann machten sie sich auf den Weg. Während der Fahrt in Manfreds Jaguar sprachen sie über die großen Wände, die sie gemeinsam durchsteigen wollten – eine gute Motivation für das Training in der Halle, die so wenig von dem Naturerlebnis Bergsteigen hatte. Tim hörte verwundert zu, was Manfred alles erzählte. Er hatte den Unternehmer als recht stillen Menschen kennengelernt, der nur sagte, was gesagt werden musste. Doch nun redete er wie ein Wasserfall. Er beschrieb die interessantesten Routen der Marmolada-Südwand, ihre Schwierigkeiten im Sommer und welche im Winter machbar waren. Dann kam er wieder auf die Matterhorn-Nordwand zurück, auf die er total fixiert zu sein schien, um dann über die Neuvermessung des Mount Everest zu dozieren, von der Tim längst wusste, 8850 Meter mittlerweile. Messtechnik mit Hilfe von Global Positioning System – er hatte selbst ein GPS-Gerät, was Manfred eigentlich hätte wissen oder zumindest vermuten können. Er schien gestresst zu sein und steckte Tim an mit seiner Nervosität.
Er sprach von seiner Tochter, verglich sie mit Moni, die er sehr hübsch fand. Während er redete und redete, sah Tim ihn von der Seite an und versuchte, ihn mit dem Mann in Einklang zu bringen, den er kennen und als schweigsamen Kletterpartner schätzen gelernt hatte. Während der Fahrt wanderte sein Blick hektisch umher, mal zur Straße, mal auf die Armaturen, dann wieder zu Tim herüber. Tim fiel auf, dass Manfreds Vollbart, den er sonst immer sehr kurz gestutzt getragen hatte, gewachsen war und etwas ungepflegt wirkte. Der Eindruck verstärkte sich, den er von Anfang an gehabt hatte: Manfred Jeschke war einer jener Bartträger, die sich hinter dem Gesichtsbewuchs verstecken wollten.
Tim war froh, als sie bei der Kletterhalle ankamen. Nachdem sie sich umgezogen hatten, gingen sie zum Warmmachen an die Boulderwand, wo sie in geringer Höhe ungesichert üben konnten. Manfred kletterte unkonzentriert und rutschte ständig von den Griffen und Tritten ab. Tim wunderte sich, was den sonst eher unterkühlt wirkenden Unternehmer so aus der Ruhe gebracht haben mochte. Aber er hütete sich, ihn danach zu fragen.
Nach ein paar Minuten meinte Manfred: »Heute habe ich richtig Lust, eine hammerschwere Route im Vorstieg zu versuchen. Eine Acht sollte drin sein.«
Tim schaute ihn zweifelnd an. Er meinte das offenbar ernst, aber heute war ihm nicht einmal der sechste Grad zuzutrauen. Doch Manfred war schon zum Vorstiegsturm geeilt und band sich in ein Seil ein. Er wollte losklettern, noch bevor Tim ihn in die Sicherung genommen hatte. Jetzt reichte es ihm aber doch.
»Nun mal langsam, Manfred. Was ist denn los, warum so hektisch? Bist du überhaupt richtig eingebunden?«
Er schaute auf den Knoten, mit dem Manfred das Seil am Klettergurt befestigt hatte. Tatsächlich war das kein Achterknoten, wie er üblicherweise verwendet wurde, sondern ein undefinierbares Geschlinge. Es entsprach keinem Knoten, den Tim kannte. Sofort öffnete er das Gewirr und knüpfte eine vernünftige Sicherung. »Mit diesem Zauberknoten wolltest du doch wohl nicht einsteigen?«
Manfred beachtete den Kommentar gar nicht und kletterte los. Tim konzentrierte sich jetzt besonders, denn er war sicher, dass es zu einem Sturz kommen würde. Zu seiner Verwunderung kletterte Manfred höher und höher, meisterte schwierige Stellen in denkbar schlechter Technik. Aber der Sturz blieb aus. Erst im oberen Drittel blieb er stecken und fand keinen Griff mehr. Er stand im Überhang, und Tim sah seine Beine unter der Dauerbelastung zittern. Er drehte sich um und schaute ihn an. Ein paar Sekunden ruhten ihre Blicke ineinander, ein Moment, der Tim seltsam anmutete. Dann ließ Manfred einfach los. Er kippte aus der Wand, ohne den Blick von Tim abzuwenden. Er fiel einige Meter, bevor das Seil sich straffte und die Sicherung griff; er tat nichts, um die Wucht des Sturzes abzufangen. Obwohl Tim versuchte, dynamisch zu sichern und das Seil kontrolliert durch den Sicherungskarabiner gleiten zu lassen, prallte der Stürzende gegen die Wand. Tim glaubte, das Knacken seines Schädelknochens zu hören. Doch als er ihn zu Boden gelassen hatte, stand Manfred da und grinste ihn an. Er wirkte verstört, schien aber unverletzt zu sein.
»Ich habe schon schlechtere Kletterer cleverer stürzen sehen«, sagte Tim.
Manfred grinste in einem fort und schüttelte den Kopf. »Dieser Moment, Tim. Hast du es gespürt? Das war es mir wert.«
Tim wusste nicht, was er damit meinte, und antwortete nicht.
»Ich habe mein Leben in deine Hand gegeben, verstehst du nicht? Kein Mensch kann behaupten, jemanden zu kennen, bevor er nicht dessen kleines, zappelndes bisschen Leben in seinen Händen gehalten hat. Oder von ihm gehalten wurde.«
Tim band erst Manfred, dann sich selbst aus dem Seil. »Wir sollten erst einmal ein Bier trinken.«
Einige Kletterer waren zu ihnen getreten, um zu schauen, ob etwas passiert war. Tim winkte ab und zog dann den immer noch verwirrt wirkenden Manfred hinter sich her zu einem Tisch im Gastronomiebereich.
Die Kellnerin bediente gerade einige Tische von ihnen entfernt. Manfred warf ihr einen Blick zu, der unmissverständliches Interesse zeigte.
Tim sagte: »Na, das Mädel ist doch wohl einiges zu jung für unsereins.«
Manfred grinste. »Ich schau ja nur. Sie ist aber wirklich ein süßer Schmetterling. Hast du sie schon klettern sehen?«
Jetzt drehte sie sich um und kam auf die beiden zu. Tatsächlich erkannte Tim das Mädchen. Er hatte sie beim letzten Besuch an der Kletterwand in Aktion gesehen. Sie hatte leicht wie eine Feder gewirkt, dabei ungeheuer viel Spannkraft in ihren Bewegungen gezeigt. Höchstens sechzehn Jahre alt. Eine sehr talentierte Sportkletterin.
»Was kann ich euch bringen?«, fragte sie freundlich lächelnd.
»Wir nehmen zwei Kölsch«, antwortete Manfred.
»Kommt gleich.« Sie ging zur Theke.
Die beiden sahen ihr hinterher und bewunderten den knackigen Po. In diesem Moment fiel Tim der Mörder ein. Was empfand er wohl bei einem solchen Anblick? War es Attraktion, Erregung oder eher Aggression, Hass? Vermutlich würde dieser Mann die unverbrauchte Schönheit des jungen Mädchens genau so bewundern, wie er es jetzt tat. Warum auch nicht?
»Was für ein Geschöpf«, seufzte Manfred.
»Da hast du recht. Könnte aber fast deine Tochter sein.«
»Macht ja nichts. Ich bin mal für zwei Wochen in einer Reha-Klinik gewesen, da waren nur alte Weiber mit künstlichen Hüften um mich herum. Seitdem weiß ich den Anblick eines gesunden, straffen Körpers zu schätzen!«
Einige Zeit schwiegen beide. Dann schüttelte Manfred lachend den Kopf und fuhr sich durch den Bart. »Mensch, Tim, ich würde lieber heute als morgen in eine große Wand einsteigen. So eine, bei der du nicht weißt, ob und wie du zurückkommst. Wo du alles zurücklassen musst, um zu überleben, wo du bedeckt mit der Käseschmiere der Zivilisation hinaufsteigst und als ein anderer, reinerer Mensch wieder hinunterfindest. Egal wie der Gipfel heißt, ins ewige Eis musst du gehen. Das ist es!«
Manfred sprach aus, was auch Tim seit langem beschäftigte. Aber er war sich nicht mehr so sicher, ob er so etwas mit jemandem wie Manfred machen wollte. Er hatte an diesem Abend ein schlechtes Gefühl. Etwas stimmte nicht mit dem Mann. Aber er war noch etwas verwirrter wegen der Sache mit Veronika, als ihm eigentlich lieb war, und die vergebliche Suche nach dem Mörder setzte ihm auch zu. Außerdem hatte er zu wenig Story und zu viele tote Mädchen. Er freute sich darauf, gleich mit seinem Vater zusammenzusitzen. Er wollte seine ruhige Stimme hören, sich austauschen. Er war sehr müde.