Kapitel 47
»Es ist schön, dass wir mal wieder zusammensitzen.«
Robert Schuster hatte das Schachbrett aufgebaut, während Tim ihnen einen Whisky auf Eis bereitet hatte. Die Gespräche mit seinem Vater hatten ihm in den letzten Tagen gefehlt. Er spürte die beruhigende Wirkung, die von ihm ausging. Genauso wie früher, wenn er ihn ins Bett gebracht und ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte.
Der Alte lehnte sich zurück, mit dem Glas in der Hand, und sah Tim forschend an. »Ehrlich gesagt, mein Junge, siehst du nicht unbedingt gut aus. Bist du nur müde, oder läuft was schief?«
Tim war froh, dass er ihn so direkt ansprach. Damit machte er es ihm leichter. Er ließ die Eiswürfel in der bernsteinfarbenen, aromatischen Flüssigkeit klimpern. Dann nahm er einen großen Schluck, fühlte den Whisky in sich wirken und atmete tief durch. Der Vater wartete geduldig, bis er bereit war.
»Ich habe Veronika mit einer anderen Frau im Bett erwischt.«
Robert Schuster sah den Sohn lange schweigend an, trank auch einen Schluck. »Ist sie lesbisch?«
»Sie sagt nein.«
»Kann ich mir auch nicht vorstellen. Deine Frau würde nicht gegen ihre Natur handeln. Sie hätte niemals eine Familie mit dir gegründet, wenn sie eine echte Lesbe wäre.«
»Mir scheint, du siehst das sehr locker. Und ich ärgere mich ein wenig darüber, dass ich so gar nicht eifersüchtig bin. Ist das normal?«
Der Alte seufzte. »Worüber solltest du dich auch aufregen? Habt ihr euch ausgesprochen?«
»Nun ja, wir haben darüber gesprochen.«
»Lasst euch beide etwas Zeit. Eure gemeinsame Zukunft ist zu wichtig, um in einer solchen Angelegenheit hektisch zu werden.«
Tim grinste. Er war es gewohnt, seinen Gefühlen zu misstrauen. Sein Vater schien das aber ähnlich zu sehen wie er selbst. Jetzt wollte er auf andere Gedanken kommen, also beugte er sich vor und eröffnete die Partie mit dem Bauern c2 auf c4.
Robert Schuster ging überhaupt nicht auf diese Figur ein und erwiderte mit dem Königsbauern e7 auf e5. Tims Springer folgte dem eigenen Bauern mit b1-c3 nach. Vielleicht konnte er seinem alten Herrn über den Damenflügel zusetzen. Der Vater zog den Läufer auf b4. Offenbar wollte er das Pferd sofort kassieren. Tim zog die Dame auf b3 und forcierte damit das Spiel weiter.
Der Alte blickte lächelnd auf und trank einen Schluck. Dann sagte er: »Bedächtigkeit ist deine Sache heute Abend nicht!«
»Warum? Hältst du den Zug für einen Fehler?«
»Nein, aber diese Eröffnung ist so gar nicht deine Art.« Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Was macht eigentlich dein Mörder? Bist du ihm näher gekommen?«
Wieso fing er jetzt davon an? Tim hatte gehofft, die Sache für diesen Abend vergessen zu können.
»Er beginnt die Kontrolle zu verlieren. Leider wird er dabei auch immer brutaler und mordet in immer kürzeren Abständen. Ich glaube, es ist bald vorbei.«
»Schreibst du schon an der Story?«
»Nein, ich liefere diesmal keine Einzelartikel ab, sondern fertige eine Dokumentation an. Vielleicht schreibe ich ein Buch über diesen Fall.«
Der Vater schaute ihn ernst an. »Tim, du weißt, ich hätte es damals lieber gesehen, wenn du zur Kripo gegangen wärst. Das wäre für dich besser gewesen. Ich sehe doch, wie es dich zerreißt, dein Geld nicht damit zu verdienen, diese Monster zu fassen, sondern damit, die Neugierde der Menschen zu befriedigen. Was könntest du nicht alles für die Polizei leisten.«
»Das hatten wir doch alles schon. Gut, ich bin ein bezahlter Voyeur, der andere Voyeure bedient. Aber du kennst die Verzweiflung der Polizisten, die wieder und wieder an einem neuen Tatort stehen und unter der Verantwortung fast zerbrechen. Ich muss den Eltern nicht sagen, dass irgendjemand, dessen ich nicht habhaft werden kann, ihr Kind für seinen perversen Trieb benutzt und dann weggeschmissen hat. Und ich bin auch nicht scharf darauf!«
»So habe ich das nicht gemeint. Ich habe niemals einen Hehl daraus gemacht, dass ich mir, wie auch deine Mutter, für dich einen etwas anderen Berufsweg erhofft hatte. Aber das ist eine Schwäche, die wir wohl mit vielen Eltern teilen. Das, was du machst, machst du gut, und so soll es sein. Erzähl mir von dem Mörder. Was ist er für ein Mensch?«
»Ich denke, er ist ein Mann mittleren Alters, wahrscheinlich hat er Familie und ist sozial gut gestellt. Er ist gebildet und keineswegs ein scheuer Außenseiter, sondern eher ein ganz normaler Bürger, dem man keine geistige Anomalie zutrauen würde. Aber er ist zweifellos psychopathisch und handelt unter einem enormen Zwang, den er selbst vermutlich nicht als solchen wahrnimmt. Seine ersten Opfer hat er nicht sexuell missbraucht, so als hätte er sich das nicht erlaubt. Dann jedoch ist diese Beschränkung aufgebrochen. Jetzt vergewaltigt und tötet er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. In Hamburg hat er ein Mädchen im Flughafen ermordet. Das war sicher ein zufälliges, völlig ungeplantes Zusammentreffen. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Tagen oder allenfalls Wochen, bis er gefasst wird. Vermutlich ist er ein Geschäftsmann aus dem Großraum Köln, der in Hamburg zu tun hatte. Es müssen alle Passagierlisten der Flüge zwischen Hamburg und den hiesigen Flughäfen überprüft werden. Der Name des Mörders wird darauf stehen. Er läuft jetzt da draußen herum wie ein waidwunder Wolf. Hoffentlich kann er gefasst werden, bevor er noch mehr tötet. Ich bin sicher, er kann sein gewohntes Leben nicht mehr aufrechterhalten. Zu sehr ist der Trieb jetzt handlungsbestimmend geworden.«
»Du weißt eine Menge über diesen Mann. Hoffen wir, dass die Polizei schnell genug sein wird. Lass uns jetzt dieses düstere Thema verlassen und weiterspielen.«
Robert Schuster schlug Tims Springer auf c3, Tim nahm sich seinen Läufer sofort mit der Dame wieder. Damit griff er seinen Königsbauern an und hatte ein Tempo gewonnen. Der Alte grübelte. Er war offenbar unschlüssig, wie er das Gleichgewicht der Kräfte im Zentrum wiederherstellen sollte. In die Stille des Überlegens hinein klingelte Tims Mobiltelefon.
»Entschuldige bitte.«
Im Display stand Lena. Tim stand auf und ging einige Schritte zur Seite, bevor er das Gespräch annahm. »Hallo, Lena.«
»Tim, ich bin gerade in Wesseling.« Ihre Stimme klang heiser. Wahrscheinlich hatte man sie aus der Kneipe geholt.
»Hier an der Kletterhalle ist ein Mädchen vergewaltigt und erwürgt worden. Sie war hier Kellnerin. Du kennst doch die Location.«
Tim durchzuckte es wie ein Stromschlag. »Ich kenne sie nicht nur, ich habe das Mädchen heute Abend noch dort gesehen.«
»Was?«, rief Lena laut aus. Dann fuhr sie ruhiger fort: »Jemand ist aber anscheinend länger geblieben als du. Hast du irgendeine Ahnung?«
»Ja, die habe ich. Pass auf, Lena, ich rufe dich gleich zurück, warte nur fünf Minuten!«
Schnell beendete er das Gespräch. Es schien unfassbar, aber der Gedanke ließ sich nicht von der Hand weisen. Es konnte gar nicht anders sein. Jetzt musste er ruhig bleiben und denken. Manfred war scharf auf dieses Mädchen gewesen, das war überdeutlich geworden. Gerade an diesem Abend hatte er ihm von der Reha-Klinik erzählt, und er hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Jetzt erschien es ihm plötzlich in ganz anderem Licht. Als aktiver Bergsteiger joggte er regelmäßig. Wenn er in Hamburg gewesen war, musste er es sein. Tim hatte seine Nummer im Telefon gespeichert. Er wählte den Festnetz-Anschluss.
Sein Vater sah ihn fragend an. »Tim, was ist los, was machst du?«
»Ich rufe den Mörder an!«
Tim ließ es lange klingeln. Fast kam es ihm zu lange vor, doch dann fiel ihm auf, wie spät es bereits war. Endlich meldete sich eine Frauenstimme.
»Jeschke.«
»Guten Abend, Frau Jeschke. Entschuldigen Sie die Störung um diese Uhrzeit, aber es ist sehr wichtig. Ich arbeite in der Firma Ihres Mannes. Wir benötigen ganz dringend Unterlagen über einen Kunden in Hamburg und glauben, dass Herr Jeschke sie hat. Ihr Mann war doch dieser Tage in Hamburg?«
»Ja, das war er, aber ich weiß doch nichts über seine Arbeitsunterlagen. Da müssen sie ihn schon selbst fragen. Ist er denn nicht in der Firma?« Ihre Stimme klang wenig besorgt, nicht einmal verwundert. Offenbar war dieses Gespräch für sie nichts Absonderliches.
»Nein. Also zu Hause ist er auch nicht?«
»Nein, tut mir leid.«
»Okay, ich danke Ihnen sehr, Frau Jeschke.«
Tim beendete die Verbindung. Manfred Jeschke war zweifellos der Mörder. Er musste jetzt sofort Lena anrufen. Da fiel ihm ein, dass er auch Manfreds Handynummer gespeichert hatte. Er rief sie auf und wählte die Verbindung. Das Freizeichen ertönte, dann ein »Hallo?«
Tim atmete tief durch. »Hallo, Manfred, Tim hier.«
Ein seltsames Lachen erklang. Dann sagte Manfred: »Was für ein Zufall, dass du gerade jetzt anrufst.«
»Manfred, wo bist du gerade?«
»Warum willst du das wissen?«
Seine Stimme kam Tim nun eiskalt vor.
»Deine Frau rief mich gerade an und wollte wissen, wo du bleibst.«
Einen Moment lang war es still in der Leitung.
»Tim, meine Frau hat gar keine Ahnung, dass es dich gibt. Aber gut, du weißt endlich Bescheid. Und wenn du es wissen willst: Ich bin gerade in deiner Wohnung. Ich habe Fragen und suche Antworten. Ich dachte, deine Familie könnte mir helfen.«
Mit kalter Hand legte sich ein Würgegriff um Tims Kehle. »Manfred, um Gottes willen! Was hast du getan?«
Das Monster am anderen Ende der Leitung lachte böse. »Wie gesagt, ich suchte Antworten. Aber ich habe keine bekommen. Jetzt muss ich gehen und weitersuchen.«
Es knackte in der Leitung. Dann Stille.
»Manfred!«, schrie Tim, aber es antwortete niemand mehr. Das Gespräch war beendet.
Tims Vater stand neben ihm und fasste ihn an der Schulter. »Mein Gott, Tim. Was ist hier los?«
»Er ist in meiner Wohnung. Er hat Moni und Vero.«
Der Alte war kurz geschockt, fasste sich aber schnell wieder. »Dann musst du sofort die Polizei anrufen.«
Tims Gedanken zogen sich wie Kaugummi. Er war wie gelähmt. Natürlich musste er sofort Lena anrufen. Mit zitternden Fingern wählte er ihre Nummer. Sie meldete sich.
»Lena, hör mir gut zu. Der Mörder ist in meiner Wohnung, er hat meine Familie in seiner Gewalt. Schick da sofort ein Einsatzkommando hin. Du weißt doch meine Adresse?«
»Ja. Wer ist es?«
»Der Mann heißt Manfred Jeschke, alles Weitere erzähle ich dir später. Bitte beeilt euch!«
»Klar. Halt die Leitung frei, ich melde mich gleich wieder.«
Robert Schuster legte Tim die Hände auf die Schultern. »Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren. Die Polizei wird alles tun, was möglich ist.«
In Tims Kopf rotierte es. Warum seine Familie? Wollte er sich an ihm rächen, weil er ihn jagte? Was hatte er ihnen angetan?
Er musste sofort nach Hause.
»Vater, ich brauche einen Wagen.«
Der Alte sah ihn an und schüttelte den Kopf. Dann sagte er: »Wir nehmen Brittas MG, aber ich fahre.«
Sie eilten hinaus. Tim konnte an nichts anderes denken als das eine: Was hat er ihnen angetan?