Kapitel 43
»Sie haben mir diesen LKA-Schnösel vor die Nase gesetzt!«
Lena kippte den Rest ihres Biers hinunter und schaute Tim mit blitzenden Augen an. Zornig fand er sie noch attraktiver. Er zog es vor, in der Rolle des Zuhörers zu bleiben.
»So ein Lackaffe. Hat bis jetzt nichts anderes als Fallanalysen gemacht. Die kann er ja gern machen, aber mir die Leitung der Ermittlungen wegzunehmen, und dieses Arschloch … Wenn der die nächste Tote sieht, fällt er um!« Sie leerte das nächste Kölsch, das der Wirt unaufgefordert vor sie hingestellt hatte, zur Hälfte. »Das Erste, was er zu mir gesagt hat, war: ›Ich will am Tatort keine dubiosen Journalisten mehr sehen‹, und irgendwas von wegen ›Provinzkommissariat‹. Ein echter Düsseldorfer, arrogant und unverschämt, hohl wie ’ne leere Flasche Altbier!«
Obwohl Lenas Ausbruch ihn belustigte, waren diese Veränderungen ärgerlich für Tim. Er konnte damit diesen Fall nicht mehr an vorderster Front verfolgen. Zwar hatte auch er Verbindungen ins Landeskriminalamt, jedoch waren diese Kontakte bei weitem nicht so eng wie zu Lena. Die kippte den Rest des zweiten Glases hinunter und winkte dem Wirt zu, noch zwei Kölsch zu bringen. Tim trank schnell aus, denn an diesem Abend wollte er der trinkfesten Urkölnerin nicht nachstehen.
Als die beiden frischen Gläser vor ihnen standen, sagte sie: »Du hattest übrigens völlig recht, was den Tathergang der Vergewaltigung in Düren angeht. Es ist unser Mann. Er hat sie mit brutaler Gewalt penetriert und in sie abgespritzt, die Sau. Das Mädchen hat schwere Verletzungen im Vaginalbereich, ansonsten die üblichen Würgemale am Hals. Allerdings wird sie kaum etwas mitbekommen haben, denn sie wurde mit Chloroform betäubt. Ich verstehe das nur nicht. Was mag die Änderung im Verhalten des Mörders bewirkt haben?«
Tim trank nachdenklich einen Schluck und meinte: »Ich habe das Gefühl, dass er mit dieser Vergewaltigung sein Coming Out erlebt hat. Es war schon lange in ihm drin, und jetzt hat er es herausgelassen. Er hat sie betäubt und an einen anderen Ort geschafft. Also war der Hergang genau geplant. Allerdings glaube ich, dass er nicht von vornherein gewusst hat, dass er sie vergewaltigen wird. Er ist eher der sexuell gehemmte, bürgerliche Typ mittleren Alters, der es sich bis zu diesem Zeitpunkt immer verkniffen hat, die Mädchen zu penetrieren. Jetzt ist der Damm gebrochen. Nun wissen wir, dass er nicht impotent ist. Die Blockade war eher kognitiver, möchte sagen intellektueller Natur. Dieser Kerl denkt sich irgendwas dabei. Aber er hinterlässt keine Symbole, keine Hinweise auf seine Motivation. Er ist aalglatt, wahrscheinlich bewegt er sich sogar recht geschickt in der Gesellschaft. Keinesfalls ist er ein verhaltensgestörter Blässling, sondern eher der Typ Politiker oder Autoverkäufer.«
Während Tims Ausführungen hatte Lena ihr Glas schon wieder geleert und zwei neue Gläser geordert. Er trank schnell aus, als der Köbes den Nachschub vor ihnen abstellte.
»Jetzt müssen wir klären, woher der Mörder das Mädchen in Düren kannte«, meinte sie und überlegte gleich weiter: »Er hat sie zwar im Wald getötet wie die anderen, aber er hat sie nicht dort aufgegriffen. Vielmehr muss er sie auf dem Heimweg von der Schule abgepasst haben. Er wird wahrscheinlich irgendwelche Verbindungen nach Düren haben, familiär oder beruflich, was weiß ich. Die ersten Morde hat er jedenfalls im Raum Köln verübt, und nach Düren verirrt man sich nicht zufällig.«
»Du hast völlig recht. Vielleicht stammt er aus Düren, vielleicht arbeitet er da. Letzteres wäre für einen Kölner jedoch ziemlich unwahrscheinlich. Eher zieht es einen aus der kleineren Stadt in die Metropole als umgekehrt. Vielleicht wohnt er in Düren und arbeitet in Köln, und jetzt, wo er sich von seinen moralischen Fesseln befreit hat, mordet er in seiner Heimat weiter.«
»Was nützt uns diese Hypothese?«
»Zuerst einmal zeigt es uns, dass der Täter beginnt, seine Beherrschung zu verlieren. Von nun an wird er immer häufiger den neu entdeckten Kick brauchen, er wird unvorsichtiger werden, Fehler machen.«
»Das heißt, wir werden noch mehr Opfer haben?« Lena trank schon wieder aus.
»Ja, und die Sache wird sich beschleunigen. Wir werden ihn bald fassen. Es fragt sich nur, wie viele Mädchen er bis dahin noch umbringen kann. Dieser Mann ist ein völlig wahnsinniges Monster, und dabei könnte es der nette Kollege vom Nebenbüro sein. Ich glaube, man müsste ihn schon gut kennen, um ihn entlarven zu können. Wahrscheinlich hat er sogar Frau und Kinder, und niemand ahnt etwas. So ein Typ ist das, völlig integriert in die Gesellschaft und innerlich total krank.«
Schon wieder standen zwei volle Gläser vor ihnen. Tim beeilte sich, das alte zu leeren. Er befürchtete, dass sie ihn unter den Tisch trinken könnte. »Lena, ärgere dich nicht so über den LKA-Typen. Der wird bald wieder weg nach Düsseldorf sein. Das hier ist deine Stadt, hier arbeitest du erfolgreich. Und den Mörder schnappen wir, nicht das LKA.«
Sie lächelte ihn an. »Du bist süß, Tim. Aber mach dir keine Gedanken wegen meiner Befindlichkeit. Ich trinke ein paar Kölsch, und dann ist der Ärger weggespült. Und morgen wird gearbeitet wie immer. Aber wie geht es dir eigentlich? Und wie hat deine Frau die Sache am Tatort verkraftet?«
»Schlechte Frage.«
»Wieso, gibt’s Probleme?«
Tim leerte sein Glas und winkte dem Wirt. Jetzt legte er einmal vor. »Veronika betrügt mich.«
»Was, bist du sicher?«
»Ich habe sie erwischt, in unserem Bett.«
»Das ist neu, oder? Ist es ernst oder nur ein Seitensprung?«
»Woher soll ich das wissen?«
Sie schaute ihn kopfschüttelnd an. »Wenn du sie in flagranti erwischt hast, habt ihr doch wohl darüber gesprochen. Da muss sie dir doch gesagt haben, was sie mit dem anderen Typen will?«
»Da liegt ja schon der Haken. Es ist kein Typ.«
Lena pfiff augenzwinkernd und trank nun ihrerseits ihr Glas aus, als der Nachschub kam. »Sie hat sich Abwechslung aus dem eigenen Lager gegönnt?«
»Nett gesagt. Sie hat mit einer rattenscharfen Dunkelhaarigen rumgemacht!«
Lena lachte auf. »Entschuldige, das ist sicher nicht leicht für dich, aber du solltest das nicht überbewerten. Frauen haben ein anderes Verhältnis zueinander als Männer. Offenbar braucht sie nichts Zusätzliches aus der männlichen Ecke, also sei froh. Oder ist sie etwa wirklich lesbisch?«
»Keine Ahnung, ich hatte bis jetzt nicht den Eindruck, dass sie keinen Spaß am Sex mit mir hat.«
»Na, dann ist es halb so wild. Manchmal braucht Frau das eben. Mach kein Drama daraus.«
»Mache ich auch nicht. Du kennst mich doch. Wie oft schläfst du denn mit Frauen?«
Lena grinste frech. »Nicht wirklich regelmäßig. Aber ab und an ...«
»Da habe ich ja gerade die Richtige um Rat gefragt. Am Ende machst du noch ein Date mit Veronika aus.«
»Nicht doch, ich habe noch einen Rest Anstand in mir«, meinte sie schelmisch und leerte ihr Glas schon wieder. »Im Moment stehe ich eher auf die andere Fraktion.«
Dabei zupfte sie an den Haaren seiner Unterarme herum und lächelte ihn an. In seiner Hose regte sich etwas, als hätte dort jemand auf ein Stichwort gewartet. Lenas Fingerspitzen auf seiner Haut erzeugten ein wohliges Kribbeln. Eine Zeitlang saßen sie so da, dann kam das nächste Bier. Als Tim einen Schluck aus dem frischen Glas getrunken hatte, spürte er mit einem Schlag die Wirkung des Alkohols. Auch Lena musste schon angetrunken sein.
»Spielst du jetzt nur mit meinen Haaren, oder spielst du mit mir?«, fragte er sie und sah ihr dabei tief in die Augen.
Sie schaute sich kurz um und antwortete lächelnd: »Mehr als ein bisschen spielen würde ich hier niemals tun. Wenn wir das Bier ausgetrunken haben, bringst du mich nach Hause.«
Tim winkte dem Kellner und holte sein Portemonnaie hervor.
Während er bezahlte, klingelte Lenas Telefon. Sie sagte kaum etwas, hörte nur zu und beschloss das Gespräch mit einem knappen »Bin gleich da«.
»Was ist los?«, fragte er.
Sie schaute ihn kühl an. Er bemerkte sofort, dass ihr Schwipps und die frivole Stimmung wie weggeblasen waren.
»Am Hamburger Flughafen ist heute ein neunjähriges Mädchen vergewaltigt und erwürgt worden. Wir haben die ersten Untersuchungsergebnisse vorliegen und besprechen uns im Büro. Es scheint wieder unser Mann zu sein. Wenn das zutrifft, wird es heiß.« Sie nahm ihre Jacke, winkte ihm noch einmal kurz zu und verließ eilig die Kneipe.
Tim blieb noch eine Weile grübelnd sitzen. Der Mörder hatte wieder zugeschlagen. Wieder war ein Mädchen tot, und diesmal hatte er mit seinem bestialischen Werk Tim sogar davon abgehalten, mit Lena angetrunken im Bett zu landen. Es war ein solcher Wahnsinn.