Kapitel 12
Moni und Veronika planschten ausgelassen in der Badewanne. Tim hörte das Quietschen ihrer Körper auf dem Wannenboden und das Geplätscher durch die Decke bis in sein Zimmer.
Er gönnte es sich an diesem Sonntagabend, wieder einmal über Karten und Bildern zu sitzen und von neuen Routen durch die Gebirge der Welt zu träumen. Da lag noch die unfertige Reportage über Tibet auf dem Tisch, die er zur Finanzierung eines Besteigungsversuchs des Cho Oyu hatte nutzen wollen. Er war an diesem gewaltigen Achttausender wegen mangelnder Höhenanpassung gescheitert. Das hatte er aber nicht als schlimm empfunden. Das Leben der unterdrückten Tibeter war viel zu beeindruckend gewesen, um diesen Job nebenher am Rande einer Bergexpedition zu erledigen.
Im letzten Jahr hatte er während eines Aufenthalts in Glencoe, Schottland, die Gelegenheit gehabt, die 500 Meter hohe Nordwand des Ben Nevis zu durchsteigen. Er erinnerte sich an den Sturm der Entrüstung, als er in dem traditionsreichen Pub Clachaig Inn erwähnt hatte, dass seine Mutter eine geborene Campbell sei. Fast hätte man ihn hinausgeworfen, da alle Angehörigen vom Clan der Campbells dort Hausverbot hatten. Ein gewisser Captain Robert Campbell hatte im 17. Jahrhundert in diesem Haus ein Massaker an den Angehörigen des Macdonald-Clans von Glencoe verübt. Es gelang Tim, die anwesenden Macdonalds davon zu überzeugen, dass jener Robert nicht zu seinen Vorfahren zählte. Einige Tage später hatte er nicht nur den Ben Nevis bestiegen, sondern auch einen Mörder dingfest gemacht, wegen dem er eigentlich dort gewesen war. So wurde ihm als einzigem Campbell-Abkömmling die Ehre zuteil, dass man im Clachaig Inn eine Flasche Whisky mit ihm teilte.
Tim betrachtete die Bilder der Berge von Glencoe, und ihm kam jener Mörder, den er in den schottischen Highlands hatte stellen können, in den Sinn. Ein einheimischer Bergführer, der einen krankhaften Hass auf Touristen entwickelt hatte. Er lauerte ihnen an ausgesetzten, abschüssigen Stellen auf, um sie in die Tiefe zu stoßen. Tim war von einem Pressereferenten des New Scotland Yard auf eine merkwürdige Häufung von Abstürzen in dieser Gegend aufmerksam gemacht worden. Man kannte seine Neigung zum Klettersport.
Er beobachtete die Touristen in der wunderschönen Natur, wie sie lärmten und ihren Müll in den Bergen oder auch in den Bothies, den in den Highlands zur Übernachtung dienenden Hütten, zurückließen, und schämte sich für diese Leute. Zufällig kam er mit jenem Bergführer über die Klettermöglichkeiten der Region ins Gespräch und spürte dessen unbändigen Zorn auf die Touristen. So hatte ihm der Zufall einen Verdächtigen in die Hand gespielt, den er schon kurze Zeit darauf bei einer aufsehenerregenden Verfolgung durch eine brüchige Felswand auf frischer Tat überführen konnte.
Dieser Fall brachte ihm den Ruf eines Profilers ein, der sich in jedes noch so kranke Hirn hineinzudenken vermochte. Was nützte es, wenn er erklärte, dass er ganz einfach genauso gefühlt hatte wie jener Mörder? Auch er hätte den einen oder anderen sogenannten Bergfreund packen und schütteln können. Warum ihn nicht gleich in den Abgrund stoßen? Es wäre gelogen, das für undenkbar zu halten. Nur die tatsächliche Ausführung trennt den rechtschaffenen Menschen vom Mörder.
Tim seufzte. Die Wirkung der schönen Bilder war dahin. Der Traum vom Bergsteigen in unberührter Natur wich der bedrohlichen Wirklichkeit. Seine Leser erwarteten von ihm, die Motivation und Vorgehensweise eines Mannes nachzuvollziehen, der ein Mädchen verfolgt, es packt und mit bloßen Händen erwürgt. Ist es ihr jugendlicher Körper, der ihn magisch anzieht, oder ihre kindliche Unschuld? Ist er dabei bewusst sexuell erregt, oder empfindet er eher Hass? Oder will er nur Macht über sie?
Er fragte sich, warum er nicht ein talentierter Sportkletterer sein konnte, der in den allerhöchsten Schwierigkeitsgraden zu klettern vermochte. Oder vielleicht ein Goldschmied, dessen Hände die schönsten Schmuckstücke hervorbrachten. Warum musste sein Talent im Aufspüren von Serienmördern bestehen? Er mochte den Anblick übel zugerichteter Leichen in der Pathologie nicht. Es ekelte ihn nicht davor, aber er hatte keine Freude daran. Ebenso nicht an den Monstern, die irgendwann in der Zelle saßen und ihn über den Tisch, der zwischen Gut und Böse steht, anglotzten und ihm die unfassbarsten Dinge erzählten. Männer, die das Blut ihrer Opfer trinken, Männer, die Nägel in die Köpfe lebender Menschen einschlagen, Männer, die eine Frau erst von unten bis oben aufschlitzen, um sie dann zu penetrieren. Noch niemals hatte er es mit weiblichen Tätern zu tun gehabt. Es waren immer die Männer, die in Gewaltorgien dem Blutrausch verfielen und das Morden nicht mehr lassen konnten. Und immer ging es um Macht, Kontrolle und Sexualität. Die perverse Attraktion, die von grenzenloser Gewalt ausging, zog diese Männer auf ihre Art in den Bann und Tim auf seine. Warum kam er diesen Monstern auf eine ihm selbst unverständliche Weise näher als die Polizisten, die dafür ausgebildet waren? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass es ihn oft mit einem Gefühl der Stärke, der Überlegenheit erfüllte. Das waren Emotionen, die er identifizieren und mit denen er umgehen konnte. Und obwohl er oft wie ein Polizist arbeitete, wollte er doch keiner sein.
Er verspürte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, seine Mädchen in den Arm zu nehmen. Er ging ins Badezimmer. Moni und Veronika saßen immer noch in der Wanne und spielten.
»Wollt ihr beiden Süßen nicht mal langsam aus dem Wasser steigen?«
Monika streckte ihm ihre Händchen entgegen.
»Guck mal, Papa, ganz schrumpelig!«
»Dann wird es aber Zeit, sonst schrumpelst du uns noch weg, meine kleine Nixe.« Tim nahm ein großes Handtuch und hielt es ausgebreitet vor sich.
Veronika stand auf und hob die Kleine über den Wannenrand in das Badetuch hinein.
Er wickelte das Mädchen ein und drückte sie fest an sich. »Komm her, du tropfnasser Wurm!«
Das Federgewicht in seinen Armen duftete nach süßem Kindershampoo und kuschelte sich gemütlich bei ihm ein. Veronika stieg jetzt auch aus der Wanne und gab beiden einen Kuss. Dann begann sie sich abzutrocknen. Tim betrachtete ihren runden Po mit den feinen blonden Härchen, die er so mochte.
»Wollen wir Mama den Popo klatschen?«, flüsterte er. Das Mädchen kicherte. Er trat vorsichtig von hinten an Veronika heran und ging in die Knie, damit Moni mit ihren Händen auf der richtigen Höhe war. Dann tätschelte sie nach Herzenslust auf Veronikas Po herum. Die drehte sich lachend herum und umarmte die beiden wild. Tim genoss diesen Augenblick, denn er wusste, dass er zu dem Wertvollsten gehörte, was man auf dieser Welt erleben durfte.