Kapitel 14

Er hatte nicht das neue Zimmer mit allen technischen Anschlüssen erhalten, sondern fand sich wieder im alten Flügel des Gebäudes. Der vergilbte Charme der siebziger Jahre sprang ihn an. Immerhin Einzelzimmer. Das war in dieser Klinik auch nicht selbstverständlich, wie er mittlerweile wusste. Er dachte mit Ekel an die Szene, in der man ihn aus dem Raum im renovierten Bereich der Neurologie hinauskomplimentiert hatte. Er hatte das gerade erst bezogene Domizil für eine andere Patientin räumen müssen. Eine fette Alte im Rollstuhl. Die wusste zwar die moderne technische Einrichtung nicht zu nutzen, kam dafür jedoch mit ihrem fahrbaren Untersatz dank einer behindertengerechten Bauweise ins Bad. Das wäre in dem Zimmer, das er jetzt bezogen hatte, wegen der zu schmalen Tür nicht möglich gewesen. Er hasste es, dass man ihn spüren ließ, ein Patient unter vielen zu sein. Seine Bedürfnisse wurden vordergründig gehört, nicht aber beachtet. Eindämmung des Siechtums hatte Priorität.

Die Eingangsuntersuchung und die Einweisung in die Gepflogenheiten des Hauses hatte er über sich ergehen lassen. Reflex- und Balancetests, Besprechung der Vorerkrankungen und des aktuellen Zustands aus subjektiver Patientensicht. Frage: Was glauben Sie, wie leistungsfähig sind Sie zurzeit? Später Herumstehen im Speisesaal, Zuweisung des Sitzplatzes für jetzt und immerdar. Niemand isst, wo er will. Erläuterung der Essenszeiten, da getrennt nach Diät- und Normalköstlern. Niemand isst, wann er will. Überreichung der Essenskarte, die so etwas wie der hausinterne Lebensberechtigungsschein war. Hinweis auf den nachmittäglichen kostenfreien Erhalt von Kaffee und Kuchen bei Vorlage dieses Dokuments. Niemand isst, was er will. Am Abend hatte er den ersten Anwendungsplan erhalten. Anwendungen – so nannte man alle offiziellen medizinisch-therapeutischen Tätigkeiten, die auf Wiederherstellung der Gesundheit gerichtet waren. Fünf Termine täglich standen auf seinem Formular. Manfred sah sofort, dass es sich um einen Ausdruck aus einem Terminplanungssystem handelte.

Er hatte gefrühstückt und war anschließend noch einmal auf sein Zimmer gegangen. Nach dem unerquicklichen Menschengewusel wollte er noch etwas allein sein, bevor er zum ersten Hirnfunktionstraining ging. Name des Therapeuten, Zimmernummer, Etage und Zeit der Behandlung waren auf seinem Plan vermerkt. Um 08:30 Uhr musste er dort sein. Der Klinikbeschreibung und der Etagenangabe auf dem Terminplan entnahm er, wohin er sich begeben musste. Auf dem Weg dorthin begegneten ihm dieselben Gestalten, die ihm das Frühstück verdorben haben. Gebrechliche, sieche alte Weiber. Sie schlichen übergewichtig durch das Gebäude. Hässlich zumeist, viele mit Krücken. Es waren sehr wohl auch Männer dabei, alte Säcke zwar, jedoch nicht so ekelerregend. Sie versuchten ihre neuen Hüftgelenke so wenig wie möglich zu belasten und belagerten in jeder Etage die stets überfüllten Aufzüge. Manfred fand es unfassbar, wie kränklich und mitleidheischend sie daherhumpelten. Wenn sich die Aufzugtür öffnete und es galt, einen Platz in der Kabine zu ergattern, schienen sie plötzlich enorm beweglich zu werden. Er selbst ging grundsätzlich alle Wege zu Fuß, wollte seine Fitness sobald wie möglich wiedererlangen. Allein die Vorstellung, sich mit diesen Wesen in einen engen Raum wie einen Aufzug zu begeben, war ihm zuwider. Das Treppenhaus war düster und nicht besonders sauber. Von Etage zu Etage sah alles gleich aus. Im nächsten Geschoss zweigte er ab und schaute sich um. Dort war das Schwimmbad und die Massage, hintenraus irgendwelche Hinweise auf EKG. Hier war er nicht richtig. Ein altes Weib saß da, wartete auf ihren Pfleger oder sonst wen, und sah ihn grinsend an.

»Wo möchten sie hin, junger Mann?«

Manfred spürte, wie Ärger in ihm aufkeimte. Offenbar sah die Alte ihm an, dass er sich verirrt hatte. Sie meinte wohl, sie könne ihm helfen.

»Ich muss zum Hirnfunktionstraining«, antwortete er so freundlich, wie es ihm möglich schien.

»Da müssen sie ein Stockwerk tiefer und dann den Gang nehmen, als würden sie hier ins Schwimmbad gehen, junger Mann.«

Die Alte nickte dazu bekräftigend, als wenn sie wüsste, dass er ihr kein Wort abnahm.

»Danke, das werde ich finden.« Er sagte das mit der geübten Höflichkeit des gelernten Consultants. Er machte kehrt, um ins Treppenhaus zurück zu gehen, und wollte eine Etage tiefer nochmals sein Glück zu versuchen.

Die nächste Halle, in die er eintrat, sah genauso aus wie die obere. Er hielt sich rechts, wie die Alte ihm geraten hatte. Am Ende des Gangs gelangte er an eine gläserne Doppeltür mit der Aufschrift »HFT«. Das konnte nichts anderes bedeuten als »Hirnfunktionstraining«. Er klopfte an und trat sofort ein. Der Raum erschien hell und freundlich. Durch eine breite Fensterfront fiel Sonnenlicht herein. Er sah sofort, dass der Raum sich zu ebener Erde befand, obwohl er in einem Untergeschoss war. Da soll man sich nicht verlaufen, bei dieser Unlogik, dachte er.

Jetzt fiel ihm ein, dass die Klinik in einen steilen Hang hineingebaut war und die Untergeschosse sich trotzdem alle über Tage befanden. Während er darüber noch grübelte, wurde er begrüßt. Eine Frau kam auf ihn zu. Sie wirkte jugendlich, wenn auch offensichtlich bereits mittelalterlichen Datums. Das Namensschild auf ihrer Brust wies sie als Therapeutin aus. Kaum vermochte er dem zu folgen, was sie sagte. Er registrierte, dass man schon alles über ihn wusste, und nahm sich vor, sich diese Terminplanung einmal genau anzuschauen. Offenbar war sie in ein Patienteninformationssystem integriert.

Manfred wurde an einen mit einem PC ausgestatteten Arbeitsplatz geführt. Er lauschte der Erklärung, dass seinem Beruf entsprechend viel mit dem Computer an ihm gearbeitet werden beziehungsweise er viel damit arbeiten werde. Dies komme ihm natürlich entgegen und so weiter. Ein Programm wurde gestartet und ihm ausführlich erläutert. Es zeigte den grafischen Abriss eines Unternehmens mit verschiedenen Gebäuden und Abteilungen, die durch Wege miteinander verbunden waren. Die Aufgabe, so nahm Manfred auf, bestand darin, vier vorgegebene Termine in verschiedenen Örtlichkeiten rechtzeitig wahrzunehmen. Dabei wurde für die Wegstrecken von Ort zu Ort sowie für die Termine selbst eine bestimmte Zeitdauer benötigt. Es kam also auf eine clevere Reihenfolge der Terminwahrnehmung an, verstand er. Das sollte er im Schlaf beherrschen. Die Erklärungen langweilten ihn. Was glaubte denn die Frau, mit wem sie es zu tun hatte? Lächelnd sagte sie ihm, dass er eine halbe Stunde Zeit habe, also ganz in Ruhe an die Aufgabe herangehen könne. Dann ließ sie ihn allein. Manfred begann mit der Auswahl seiner Terminbearbeitung. Er lief vom Startpunkt zuerst zur Cafeteria, da dort eine früh angesetzte Besprechung stattfand, dann zur Druckerei. Danach ging er ins Hauptgebäude zurück, wo er eine lange Besprechung mit dem Chef hatte. Der bin doch ich selbst, was für ein Blödsinn, dachte er. Zuletzt dann zum Diktat ins Sekretariat, wo er erst um 19.00 Uhr erscheinen musste.

Er war fünf Minuten zu spät. Manfred fragte sich verärgert, was er falsch gemacht hatte. Alles rückgängig und noch mal von vorn. Diesmal musste er die Reihenfolge anders wählen. Aber wie? Er fühlte, wie der Schweiß aus seinen Poren trat, sich auf der Haut verteilte und sein Hemd kleben ließ. Es wollte ihm keine offensichtliche Lösung einfallen. Was er auch überlegte, der Haken schien ihm der späte Termin im Sekretariat zu sein. Der wurde dadurch vereitelt, dass die vorher wahrzunehmende Besprechung mit dem Chef sehr lange dauerte und der Weg dazwischen auch sehr lang war. Die anderen Termine waren aber früher anzusetzen. Ein Gedanke tauchte auf, den Manfred zuerst verwarf, der dann jedoch wieder aufkeimte und sich festsetzte. Wollte man ihn hereinlegen? Die Zeit verging, er grübelte und grübelte, doch es wollte ihm nichts Rettendes einfallen. Es fiel ihm schwer, die verschiedenen Kombinationen im Kopf durchzuspielen. Gerne hätte er sich Notizen gemacht, doch das war nicht erlaubt.

Die Therapeutin trat neben ihn. »Klappt es, Herr Jeschke?«

War da Spott oder Schadenfreude in ihrer Stimme? Manfred schaute auf die Zeitangabe des Programms. Die halbe Stunde war fast um. Das konnte nicht wahr sein. Er war nicht in der Lage, vier Termine an einem Tag zu koordinieren.

»Ich glaube, dass das gar nicht geht. Wollen sie mich hereinlegen?«

Die Frau lächelte. »Selbstverständlich nicht, Herr Jeschke. Lassen sie uns mal schauen.«

Sie beugte sich herunter. Er spürte ihre voluminöse Brust an seiner Schulter. Sie roch nach einer Körperlotion, wie sie von Frauen dieses Alters benutzt wurde, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Claudia verwendete so etwas auch.

»Warum versuchen sie unbedingt, am Schluss zum Sekretariat zu gehen? Die Besprechung vorher dauert doch zu lange, das muss an den Schluss.«

»Aber ich muss doch um neunzehn Uhr dort sein«, wandte er ein.

Wieder dieses verständnisvolle Lächeln, das ihn zum hilfsbedürftigen Patienten stempelte. »Sie müssen die Aufgabenstellung genauer lesen, Herr Jeschke. Dort steht, dass sie bis neunzehn Uhr zum Sekretariat gehen müssen, nicht um neunzehn Uhr. Sie können also auch ganz früh bereits diesen Termin wahrnehmen. Er dauert nur fünfzehn Minuten, und sie sparen Wegzeit, da das Sekretariat in der Nähe der Druckerei liegt. Versuchen sie es mal so.«

Sie hantierte an der Tastatur herum, trug als erstes den Cafeteria-Termin ein, dann das Sekretariat. Zorn stieg in ihm hoch. Wie konnte es sein, dass er einen so dämlichen Fehler und sich damit vor dieser Frau zum Narren gemacht hatte?

Um die Demütigung perfekt zu machen, ließ sie ihn jetzt die beiden letzten Termine noch selbst eintragen, obschon das Problem längst gelöst war. Sie tauschte ihren Busen an seiner Schulter nun gegen ihre Hand. Dies sollte wohl vortäuschen, Trost spenden zu wollen.

»Das sind Anfangsschwierigkeiten, Herr Jeschke. Versuchen sie es nun noch einmal.«

Mit einem Tastendruck startete sie eine neue Aufgabe. Wiederum vier Termine für einen Arbeitstag. Manfred atmete tief durch und las erst einmal genau die Aufgabenstellungen. Diesmal würde er nicht versagen. Er achtete darauf, wo er zu einem bestimmten Zeitpunkt sein musste und wo eine Zeitspanne angegeben war. Diesmal schien die Lösung ganz einfach, wenn man das Schema einmal kannte. Schnell hatte er die Reihenfolge gefunden.

Doch wieder war er zum letzten Termin zu spät. Alles rückgängig, und eine andere Reihenfolge. Wieder zu spät. Er spürte die Zornesröte in seinem Gesicht. Bei vier Terminen gab es doch eine überschaubare Anzahl von Kombinationen. Die probierte er der Reihe nach aus. Keiner der Versuche führte zum Erfolg. Immer war er einige Minuten zu spät. Wieder brach ihm der Schweiß aus, er fühlte die Verzweiflung des Ohnmächtigen. Wie einer seiner Azubis, der eine Aufgabe erfüllen sollte und dem er am Gesichtsausdruck ansah, dass er der Sache nicht gewachsen war. Was war nur los mit ihm? Wütend schob er die Tastatur weg.

Erneut der Busen an seiner Schulter. Mama sieht nach dem Kind, das mal wieder in die Hose gemacht hat, dachte er.

»Gar nicht so einfach, gell, Herr Jeschke?«

»Was mache ich falsch?«, fragte er zurück.

»So schaffen sie das nie, Herr Jeschke. Sie haben vergessen, dass sie für eine Teilstrecke das Auto benutzen können und dann nur die halbe Zeit benötigen. Machen Sie das auf dem längsten Stück.«

Manfred schoss das Blut in den Kopf. Die Option, ein Teilstück schneller zurücklegen zu können, war zu Beginn der Aufgabe klar und deutlich dargestellt worden. Er hatte es vergessen.

Wieder dieses Lächeln. Er hasste diese Frau, die ihn demütigte, die ihm zeigen wollte, wie sehr er sie und ihre verdammte Klinik brauchte. Sie demonstrierte mit flinken Fingern, wie die Aufgabe zu lösen war. Er stellte sich vor, sie von hinten gnadenlos zu stoßen und dabei ihre Brust, die sie die ganze Zeit an ihn drückte, zu zerquetschen. Ihr vermaledeites Grinsen würde endlich aus ihrem Raupengesicht verschwinden. Sie sollte um Gnade winseln.

»Für heute habe ich Sie genug gequält, Herr Jeschke.«

Sie sah ihn scheinbar freundlich an. Manfred zwang sich zu einem Lächeln. Er war ein Berater, er konnte das.

»Sie werden sehen, in ein paar Tagen werden Sie solche Aufgaben mit links erledigen. Ihr Gehirn hat sich aus Selbstschutz teilweise ausgeschaltet, und jetzt müssen wir es Stück für Stück wieder anschalten. Das kriegen wir schon hin, da bin ich ganz sicher.«

Wieder ihre Hand auf seiner Schulter, während sie neben ihm stand, der Busen diesmal direkt vor seiner Nase. Wenn ich jetzt aufstehe, habe ich ihre Dinger im Gesicht, dachte er. Sie befreite ihn aus dieser Lage, indem sie zurücktrat und den Weg zur Tür freigab. Er verabschiedete sich mit einem weiteren gelogenen Lächeln. Manfred ging nicht aus dem Raum, er flüchtete. Sein ganzer Körper zitterte und klebte vor Schweiß. Er eilte durch die Gänge, wollte so schnell wie möglich sein Zimmer erreichen und eine kalte Dusche nehmen. Er war schon seit vielen Jahren nicht mehr so gedemütigt worden, nicht mehr seit – er wusste nicht, wie lange das her war.

In seinem Zimmer riss er sich die schweißnasse Kleidung vom Körper und legte sich aufs Bett. Sein Herz pochte rasend schnell. Er musste sich erst einmal beruhigen. Beinahe reflexartig griff er sich ans Geschlecht. Mit wenigen Handgriffen war er hart und bereit. Er stellte sich vor, wie diese Frau nackt vor ihm knien und ihn oral befriedigen würde, bittend, dass er sie nicht bestrafte, wie sie es verdient hatte. Es dauerte nicht lange, bis einige heftige Entladungen seinen Oberkörper mit milchigen Spuren überzogen. Ein Großteil der aufgestauten Spannung entwich. Jetzt brauchte er erst recht eine Dusche.